Zunge rollen vererbung

Zungenroller

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Die Vererbung des Zungenrollens

Die Vererbung des Zungenrollens Auf einem Chromosom liegt ein Gen, welches für Zungenrollen oder Nichtrollen verantwortlich ist. Das Gen hat also verschiedene Erscheinungsvarianten. Die unterschiedlichen Varianten eines Gens an einer bestimmten Stelle auf einem Chromosom nennt man Allele. Das Zungenrollen vererbt sich dominant. Das Zungenroller-Gen nennen wir R, das Nichtroller-Gen heißt r. Hat ein Elternteil die beiden Allele RR, so werden alle seine Kinder Zungenroller sein, auch wenn der andere Elternteil rr oder Rr hat. Unter vier Enkelkindern ist statistisch eines dabei, das Nichtzungenroller ist (Wahrscheinlichkeit für rr: 25%). Eltern:
R
r
R R
r
r
R
R
r
r
R
r
Alle Kinder können die Zunge rollen.
Kinder:
R
R R Enkel:
r
R
R
r
r
r
R
r
r Dieses Enkelkind kann die Zunge nicht rollen.
Arbeitsaufträge: 1. Untersuche, wer in deiner Familie die Zunge rollen kann und wer es nicht kann. Stelle hierfür ein Erbschema auf. 2. Wie viel Prozent deiner Mitschüler sind „Zungenroller“, wie viel Prozent sind Nichtroller. Ist die Fähigkeit geschlechtsabhängig? 3. Fülle folgendes Erbschema aus (Zungenroller=R. Nichtroller=r).

Vererbung: Das hat es von mir!

Viele Kinder sehen ihren Eltern äußerlich nicht ähnlich, haben aber ein ähnliches Temperament, sind vielleicht genauso optimistisch oder auch so zurückhaltend wie ein Elternteil. Wie das eigene Kind sich hier entwickeln wird, ist aber schwer vorherzusagen: Je komplexer die Eigenschaft, um deren Vererbung es geht, desto unbestimmter sind die Antworten der Wissenschaftler. Es ist in Sachen Charakter und Persönlichkeit heute noch oft unklar, welche Gene zusammenwirken. „Es gibt hier kein bestimmtes Gen für irgend etwas“, betont der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer. Die Gene erhöhten lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Träger eine bestimmte Eigenschaft ausbilde.

Gene bieten dabei eine Art Bauplan für die Persönlichkeit. Wie sich ein Kind innerhalb dieser Eckpunkte entwickelt, hängt von Umweltfaktoren, wie Erziehung, Ausbildung, sozialem Umfeld oder Erfahrungen ab. Etwa „halbe-halbe“ machen Gene und Umwelteinflüsse, wenn es um die Individualität eines Menschen geht, darin sind sich die meisten Genetiker einig. Die Anlage zu Gelassenheit, fröhlicher Grundstimmung, aber auch zu Ängstlichkeit oder Schüchternheit spielt also eine Rolle, doch äußere Einflüsse (und auch die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit) können solche Anlagen verstärken oder nur schwach zum Tragen kommen lassen.

Intelligenz schlummert als Möglichkeit in den Genen

Dasselbe gilt auch für bestimmte Talente. Ein Kind, das ohne musikalische Begabung auf die Welt kommt, wird sich zwar nicht zu einem großen Solisten entwickeln. Umgekehrt nützt auch die größte musikalische Begabung nur etwas, wenn sie frühzeitig erkannt und ausgelebt wird. Der berühmte Pianist Arthur Rubinstein sagte: „Erfolg hat immer das gleiche Prinzip: Fleiß, Ausdauer, Begabung und Glück.“ Dies gilt auch in anderen Bereichen künstlerischer, technischer und intellektueller Fähigkeiten – und auch bei bestimmten Schwächen, wie zum Beispiel der Legasthenie oder dem ADHS. Zwar kann eine Anlage zur Lese-Rechtschreib-Schwäche vererbt werden. Auch ein solches Kind aber kann aber – zum Beispiel durch frühes, häufiges Vorlesen der Eltern – ein Bücherwurm werden und mit Förderung passable Deutschnoten erreichen. Bei etwa 50 Prozent der ADHS-Kinder gibt es zwar eine genetisch bedingte Besonderheit der Signalverarbeitung im Gehirn. Vor kurzem wurde überdies eine Art „Draufgänger-Gen“ (D4DR) gefunden, das auch bei Hyperaktivität eine Rolle spielen soll. Dies heißt aber nicht, so Forscher, dass die Schwäche auch wirklich auftritt. Manchmal können günstige Faktoren (ausreichende Bewegung, wenig Bildschirmkonsum, ein günstiges Familienklima) hier vorbeugen.

Ob mit oder ohne besondere Talente – wie sieht es mit der Klugheit generell aus? Je nach Studie unterscheiden sich die Schätzungen, wie wichtig der Einfluss der Gene auf die Intelligenz eines Kindes ist. Bis zu 70 Prozent glauben die Zwillingsforscher (die getrennt aufgewachsene, eineiige Zwillinge verglichen), andere gehen von etwa 50 Prozent aus, manche sogar nur von 40 Prozent. Unstrittig ist aber, dass die Familie und das Umfeld des Kindes einen erheblichen Anteil an der Klugheit haben (das gilt sogar bei der Hochbegabung). Eine Studie an Adoptivkindern ergab, dass Kinder, die in der neuen Familie wenig Interesse und Lernangebote bekamen, durchschnittlich weniger intelligent sind als adoptierte Kinder, die in einer Familie aufwuchsen, die das Lernen durch vielfältige Angebote und Aufmerksamkeit begünstigte.

Schaltergene – Auch die Lebensweise wird vererbt

Bis vor kurzem dachten Wissenschaftler, dass äußere Einflüsse keine Auswirkungen auf die Gene eines Menschen haben. Heute gilt aber als sicher, dass sich unsere Lebensweise auch über die Gene auf unsere Nachkommen auswirkt. Denn manche Gene haben eine Art molekularen „Schalter“, der bei bestimmten äußeren Einflüssen umgelegt und in dieser Stellung weitervererbt wird. Zuviel Alkohol oder Nikotin, Bewegungsmangel oder eine schlechte Ernährung können bestimmte „Schutzgene“ mit positiver Wirkung auf das Immunsystem abschalten. Ungünstige Gene dagegen, die zum Beispiel die Entstehung von Krebs begünstigen, können aktiviert werden. Das schadet nicht nur uns selbst, sondern auch noch unseren Kindern und Kindeskindern. Ähnliches vermuten die Wissenschaftler auch in Bezug auf die Erfahrungen und Emotionen, die in unserem Leben vorherrschen. „Soziale und psychische Faktoren verändern uns, und diese Veränderungen geben wir auch an die nächste Generation weiter“, so Prof. Peter Nawroth von der Uniklinik Heidelberg.

Wie funktioniert die Vererbung?

Wenn die Eizelle der Mutter und die Samenzelle des Vaters miteinander verschmelzen, entsteht die erste Zelle eines Menschen. Sie enthält das Erbgut, in dem vor allem die Bauanleitungen für den gesamten späteren Körper verschlüsselt sind. Bei jeder Zellteilung wird von nun an jedes Mal eine vollständige Kopie des Erbguts an die beiden sogenannten Tochterzellen vererbt.

Während der Entwicklung bilden sich dann nach den Zellteilungen die verschiedenen Zelltypen, Gewebe und Organe des Körpers heran. Auch wenn zum Beispiel Zellen in Muskeln und in der Leber ganz unterschiedliche Aufgaben haben, sie verfügen über dasselbe Erbgut.

Unter Vererbung versteht man aber in der Regel nicht die Zellteilung in den Organen, sondern die geschlechtliche Vererbung: die Weitergabe von Erbinformationen der Eltern an ihre Kinder.

Woraus besteht das Erbgut?

Mit Erbgut oder Erbinformation sind alle Informationen gemeint, die beim Menschen auf der sogenannten DNS gespeichert sind. DNS steht für das fadenförmige Molekül Desoxyribonukleinsäure, englisch „deoxyribonucleic acid“, DNA.

Genauer betrachtet gleicht der DNA-Faden einer verdrillten Strickleiter. Jede Sprosse der Strickleiter besteht aus zwei sogenannten Basen. Weil es vier unterschiedliche Basen gibt,

  • Adenin (A),
  • Thymin (T),
  • Guanin (G) und
  • Cytosin (C),

unterscheiden sich die Sprossen voneinander.

Die DNA gleicht einer Strickleiter mit unterschiedlichen Sprossen

Die Abfolge der verschiedenen Sprossen ergibt einen „Buchstaben“-Code. Ihn nutzt die Zelle zum Beispiel als Bauplan, um Eiweiße (Proteine) herzustellen. Die Information, die den Bauplan für ein bestimmtes Protein enthält, nennt man Gen. Gene können einige Hundert bis über 100.000 Basen lang sein. Vor einem Gen sitzen in der Regel noch Abschnitte im Erbgut, die wie Schalter funktionieren – und beispielsweise dafür verantwortlich sind, dass bestimmte Gene nur in Muskelzellen und andere in Leberzellen aktiv sind.

Je nachdem welches Gen abgelesen wird, entsteht ein anderes Protein mit einer eigenen Aufgabe. Einige Proteine werden zum Beispiel als Enzyme oder Hormone verwendet und steuern bestimmte Vorgänge im Körper. Andere Proteine werden als Baustoffe benötigt oder dienen im Blut als Transportmittel. Auch im Zellkern sind viele Proteine enthalten: Manche unterstützen den Ablesevorgang an der DNA, andere geben der DNA Halt.

Was sind Chromosomen?

Das Erbgut des Menschen besteht nicht nur aus einem DNA-Faden. Im Zellkern befinden sich mehrere davon. Sie werden als Chromosomen bezeichnet. Bevor sich eine Zelle teilt, werden sie zu Körperchen aufgewickelt, die im Mikroskop erkennbar sind. Immer zwei der Chromosomen gehören zusammen.

Im Zellkern befinden sich mehrere Chromosomen aus DNA

Der Mensch hat 22 solcher Chromosomenpaare. Sie werden auch Autosomen genannt. Man sortiert sie danach, welche Anteile der Erbinformation sie beinhalten, und nummeriert sie entsprechend mit Zahlen von 1 bis 22 durch. Zusätzlich enthält jeder Zellkern ein weiteres Chromosomenpaar: die beiden Geschlechtschromosomen. Bei Frauen sind es zwei X-Chromosomen, bei Männern ein X- und ein Y-Chromosom.

Welchen Einfluss haben Gene?

Wie wir aussehen und wie unser Körper funktioniert, wird vom Wechselspiel zwischen unseren Genen, unserer Lebensweise und unserer Umwelt bestimmt.

Eine Eigenschaft oder ein besonderes Merkmal nur auf ein Gen zurückzuführen, ist deshalb nur in Ausnahmefällen möglich. Viele Merkmale und Eigenschaften werden zudem von unterschiedlichen Genen gemeinsam beeinflusst – etwa die Körpergröße oder die Hautfarbe. Manche Gene beeinflussen auch mehrere Eigenschaften gleichzeitig.

Außerdem liegen die Chromosomen paarweise vor. Das bedeutet: Jedes Gen ist zweifach vorhanden. Eins wird vom Vater vererbt, das andere von der Mutter. Auch wenn beide Gene dieselbe Aufgabe haben, können sie sich etwas voneinander unterscheiden.

Im menschlichen Erbgut liegen die Chromosomen paarweise vor

Manchmal führen diese Unterschiede der Gen-Varianten zu unterschiedlichen Eigenschaften. Ein Beispiel sind die Blutgruppen:

Auf dem Chromosomenpaar 9 werden einige der Blutgruppen-Eigenschaften festgelegt. Wenn ein Mensch auf beiden Chromosomen die Gen-Variante für Blutgruppe A hat, wird auf der Oberfläche seiner roten Blutkörperchen ein bestimmtes Eiweiß eingebaut, das sogenannte Antigen A. Liegt auf beiden Chromosomen die Gen-Variante B, sitzt das Antigen B auf den Blutzellen. Wenn auf einem Chromosom die Variante A vorkommt und auf dem anderen die Variante B, werden beide Antigene gebildet und der Mensch hat die Blutgruppe AB.

Erbgut bei Menschen mit den Blutgruppen A, B und AB

Was bedeuten „dominant“ und „rezessiv“?

Im Beispiel der Blutgruppen sind die beiden Gen-Varianten für „A“ und „B“ ebenbürtig. Manchmal setzt sich aber eine Gen-Variante gegenüber der anderen durch – sie ist dominant. Die „unterdrückte“ Variante wird als rezessiv bezeichnet.

Um beim Blutgruppen-Beispiel zu bleiben: Zusätzlich zu den beiden Gen-Varianten A und B gibt es noch eine Gen-Variante, bei der sich weder A- noch B-Antigene auf den roten Blutkörperchen finden. Diese „Null-Variante“ ist allerdings rezessiv: Liegt nur auf einem Chromosom „Null“ vor und auf dem anderen die Gen-Variante A, hat der Mensch trotzdem die Blutgruppe A. Nur wenn auf beiden Chromosomen die Null-Variante liegt, bleiben die Blutkörperchen frei von Antigenen und der Mensch hat die Blutgruppe Null.

Erbgut bei Menschen mit den Blutgruppen A, B und 0

Am Beispiel der Blutgruppen lässt sich auch gut erkennen, dass gleiche Merkmale und Eigenschaften nicht unbedingt auf dieselbe Erbinformation zurückgehen: Manche Menschen mit der Blutgruppe A haben auf beiden Chromosomen die Gen-Variante A, andere haben auf einem Chromosom die Variante A und auf dem anderen die Variante Null.

Warum gibt es die meisten Gene doppelt?

Wenn ein Gen von der Mutter und eins vom Vater geerbt wird, ergeben sich daraus Vorteile: Befindet sich zum Beispiel auf einem Chromosom eine (rezessive) Gen-Variante, die zu einer Erkrankung führt, kann die gesunde (dominante) Gen-Variante auf dem anderen Chromosom die Störung manchmal abmildern oder sogar komplett ausgleichen. Außerdem können durch die Durchmischung der Gene über verschiedene Generationen ganz neue Gen-Kombinationen entstehen, die zum Beispiel helfen, sich besser an die Umwelt anzupassen oder gegen Krankheiten geschützt zu sein.

Quellen

Menche N (Ed). Biologie Anatomie Physiologie. München: Urban und Fischer; 2016.

Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch. Berlin: De Gruyter; 2017.

Schmidt R, Lang F, Heckmann M. Physiologie des Menschen: mit Pathophysiologie. Berlin: Springer; 2017.

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Ganz die Mama? – Wie viel wir von den Eltern wirklich erben

0 0 Sind wir nur die Kopien unserer Eltern? Oder können wir selbst Regie in unserem Leben führen? Neue Antworten aus der Forschung.

Essen. „Du benimmst dich genauso bescheuert wie deine Mutter!“ „Du bist genauso ungerecht wie dein Vater!“ Wenn im Streit die Argumente ausgehen, werden gern derart pauschale Vorwürfe bemüht. Und ob sie nun begründet sind oder nicht, ihre Trefferquote ist hoch. Der auf diese Weise Getadelte fühlt sich mit Sicherheit gekränkt. Gar nicht mal, weil die eigenen Eltern angegriffen werden, eher, weil er sich als blasse Kopie wahrgenommen sieht. Ist er denn etwa kein Individuum, jemand Besonderes, Unvergleichliches?

Ahmt ein Kleinkind Vater oder Mutter nach, ihre Gesten, ihr Mienenspiel, ihre Ausdrucksweise, findet jeder das niedlich und herzerwärmend. Bei Erwachsenen jedoch kippt das Niedliche oft ins Nervige. Zumindest aus Sicht der anderen.

Wie weit verbreitet solche Gemeinsamkeiten, im Guten wie im Schlechten, überhaupt sind, zeigt eine kleine Recherche unter Bekannten und Verwandten. Ein Freund ist beliebt-berüchtigt für sein unverkennbares Lachen: Es bricht aus dem Nichts wie eine Explosion, laut und ansteckend, aber: keinesfalls einzigartig. Sein Vater klingt absolut identisch.

Der Ehrgeiz, in jeder Diskussion ein Einfallstor für einen Scherz zu suchen und ihn punktgenau abzuschießen: vom Vater. Sich mit pragmatischen Lösungsvorschlägen analytisch auf die Probleme anderer zu stürzen: von der Mutter. Der Musikgeschmack: vom Vater. Die Leidenschaft fürs Kochen: von der Mutter.

Die schlechten Zähne vom Vater

Alle Befragten können von übereinstimmenden Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben berichten. Gleiches gilt für Äußerlichkeiten: feingliedrige Finger vom Vater, schmaler Mund von der Mutter, schlechte Zähne vom Vater, …

Was wir als unsere persönlichen Erkennungsmerkmale bezeichnen könnten, als etwas, das uns unverwechselbar macht, hat es so in der Familie oft schon gegeben. Da liegt die Frage nahe, ob wir überhaupt mehr sind als die x-te modifizierte Kopie, wie schon unsere Eltern Kopien ihrer Großeltern und diese wiederum die Kopien der Urgroßeltern waren. Sind wir ein billiges Remake – die „Urgroßeltern 4.0“? Und wenn ja: Woran liegt das eigentlich? Und können wir in diesem Film wenigstens ab und zu Regie führen?

Warum und in welchem Ausmaß ein Mensch seinen Vorfahren ähnelt, beschäftigt die Wissenschaft seit langem: Ist er das Ergebnis seines genetischen Bauplanes oder doch eher das Produkt elterlicher Erziehungsbemühungen und anderer äußerlicher Einflüsse? Also eine genetische Kopie oder eine herangezogene? Veranlagung oder Umwelt? Beide Seiten hatten starke Argumente. Doch die Umwelt-Hypothese schien widerlegt, als in den 1990er Jahren das „Human Genome Project“ (HGP) die ersten Erfolgsmeldungen lieferte. Sein Ziel war es, sämtliche genetischen Informationen des menschlichen Organismus zu vermessen und zu kartieren. Ein spektakuläres Vorhaben, das in der Folge spektakuläre Entdeckungen verkündete. „Eine verwirrte Öffentlichkeit erfuhr von Genen für Homosexualität, für Gewalttätigkeit, Alkoholismus und Depression“, schreibt der Wissenschaftspublizist Bernhard Kegel in seinem Buch „Epigenetik. Wie unsere Erfahrungen vererbt werden“.

Die fleischgewordene DNA

Auf dem Höhepunkt dieser Begeisterungswelle behauptete der Biologe Jack Cohen vollmundig, der Mensch sei nicht mehr als seine „fleischgewordene DNA“.

Doch die Genforscher hatten es sich offenbar zu einfach gemacht: Je weiter die Entschlüsselung voranschritt, desto mehr musste relativiert werden. Zunächst wurde die Zahl der menschlichen Gene von ursprünglich geschätzten 100 000 bis 140 000 erst auf 26 000, dann auf 21 000 korrigiert. Nach neuesten Erkenntnissen, so schreibt der studierte Chemiker und Biologe Kegel, seien es sogar unter 20 000. Auch die Komplexität des Systems hatte man vollkommen unterschätzt. „Es ist überdeutlich geworden, dass es mit der beliebten Aufzählung abstruser ,Gene für…’ nicht getan ist.“

Um zu verstehen, wie Vererbung funktioniert, hilft ein Besuch bei Professor Bernhard Horsthemke, dem Leiter des Instituts für Humangenetik am Uniklinikum Essen. Es gebe mehrere „Vererbungssysteme“, sagt der Genetiker. Erstens: die klassische genetische Vererbung. „Das bedeutet: Eine Hälfte des Erbmaterials haben wir von der Mutter, die andere vom Vater.“

Die Gene befinden sich in allen menschlichen Zellen und werden bei Zellteilungen exakt kopiert. Dabei existiert jedes Gen in zweifacher Kopie, einmal vom Vater, einmal von der Mutter. Im Rahmen der Entwicklung werden je nach Bedarf bestimmte Gene stillgelegt, andere bleiben aktiv, so dass eine Leberzelle andere Eigenschaften und Fähigkeiten ausbilden kann als eine Nervenzelle. „Die Leberzelle muss Stoffe abbauen, aber keine Neurotransmitter herstellen, die Nervenzelle schon“, sagt Horsthemke. Lediglich ein bestimmter „Kernsatz“ an Genen sei in allen Zellen aktiv.

Ist Schüchternheit vererbbar

Über die klassische genetische Vererbung wird zum Beispiel Haar- oder Augenfarbe weitergegeben, ein Merkmal wie abstehende Ohren, bestimmte Erkrankungen, aber auch Rahmenbedingungen für die Persönlichkeitsentwicklung. Das bedeutet nicht, dass Charakterzüge wie „Schüchternheit“ oder „Risikobereitschaft“ vererbt werden, sondern nur die Voraussetzungen dafür. Auch Intelligenz ist nicht ausschließlich erblich: Forscher gehen zwar davon aus, dass sie zu etwa 80 Prozent ein genetisches Geschenk der Eltern sein könnte, doch die Zahlen schwanken stark, und auch ein Kind, das wenig Voraussetzungen in die Wiege gelegt bekommt, kann über seine bloße Gen-Ausstattung hinauswachsen. Doch dazu später mehr.

Als zweites „Vererbungssystem“ nennt Bernhard Horsthemke die Umwelt: Leben Vater und Mutter in einer durchschnittlichen Wohnsiedlung oder in einem Industriegebiet, in der Wüste oder inmitten von saftigem Grün? Überspitzt gefragt: Ist die Lebenswelt der Eltern eine gesunde oder eine krankmachende?

An dritter Stelle steht die kulturelle oder soziale Vererbung. Dazu gehören zum Beispiel Muttersprache und mimische Grundlagen. Die Eltern lehren uns, wir imitieren. Gerade bei der Sprache hätten wir ja auch kaum eine andere Wahl.

Das junge Forschungsfeld Epigenetik

Als vierte Möglichkeit der Vererbung zählt der Professor die „Epigenetik“ auf, nicht ohne sofort zu einer relativierenden Erklärung auszuholen. Denn während klassische genetische Umwelt- und Kulturvererbung hieb- und stichfest bewiesen sind, tastet sich die Wissenschaft an die Epigenetik als recht junges Forschungsfeld erst langsam heran. Bernhard Kegel definiert es in seinem Buch mit einem Zitat des US-amerikanischen Molekularbiologen Gary Felsenfeld als „Studium von (…) vererbbaren Veränderungen der Genfunktion, die nicht durch Veränderungen der DNA-Sequenz erklärt werden können“. Aber wie dann?

Hier kommen die Mechanismen ins Spiel, die im Rahmen der menschlichen Entwicklung manche Gene stumm schalten, so dass sie keinen Einfluss ausüben können. Einer davon wird als „Methylierung“ bezeichnet. Dabei docken Methylgruppen an bestimmten Stellen der DNA an und teilen der Zelle mit, dass sie die dort vorliegende Arbeitsanweisung bitteschön nicht auszuführen hat. Forscher vermuten, dass das „gene silencing“ zunächst eine Schutzfunktion erfüllt, um „parasitische Gensequenzen“, die sich im Laufe der Evolution im Erbgut eingenistet haben, in Schach zu halten. So zumindest erklärt es Bernhard Kegel in seinem Buch.

Allein das ist kompliziert genug. Und es gibt noch weitere Mechanismen solcher Modifikationen. Diese „epigenetischen Kodierungen“ sind nicht zu verwechseln mit Mutationen beispielsweise aufgrund von Strahlung, die ja die Gene als solche, nicht aber die Aktivitätszustände verändern.

Umwelteinflüsse schalten Gene stumm

Was bedeutet das nun in der Praxis? „Genaktivitätszustände können von einer Zelle an die Tochterzellen weitergegeben werden, aber nicht von den Eltern an ihre Kinder“, sagt Bernhard Horsthemke. Durch Umwelteinflüsse können Gene aktiviert oder stummgeschaltet werden. Das kann zum Beispiel durch ein sehr hohes Zuckerangebot in der Nahrung geschehen. Die Genaktivitätszustände können dann lebenslang durch epigenetische Mechanismen aufrechterhalten werden.

Horsthemke: „Bei einer schwangeren Frau hat diese Veränderung auch Einfluss auf das ungeborene Baby, das dann eventuell eine Disposition für Zuckerprobleme hat, die sich möglicherweise sogar in seinen eigenen Eizellen wiederfindet, da sich diese sehr früh bilden.“ So könne sich das Essverhalten der Mutter unter Umständen bis auf das Enkelkind auswirken.

Der umgekehrte Fall ist gut belegt: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es eine schwere Hungersnot in Westholland. Die damals ungeborenen Kinder, die heute etwa 70 Jahre alt sind, haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Besonders groß ist der Effekt, wenn die Mutter während der ersten drei Monate der Schwangerschaft Hunger leiden musste.“ Auch bei erhöhter Cortison-Ausschüttung durch Stress könnten Genaktivitätszustände verändert werden, mutmaßen Forscher. Tierversuche hätten diesen Verdacht erhärtet. Noch aber sind viele Fragen rund um die epigenetische Vererbung offen.

Es gibt also viele gut dokumentierte und einige bisher nur fragmentarisch verstandene Möglichkeiten, wie sich aus dem Genom der Eltern ein genetischer Bauplan für ein Kind entwickelt. Doch das ist nur die halbe Geschichte: Hinzu kommt die psychologisch-soziologische Komponente. Denn auch, wenn viele Genetiker des Human Genome Project es sich anders gewünscht hätten: Das Erbgut liefert quasi nur das Filmbudget und die Basisversion des Drehbuchs, Umwelt und Kultur geben den Drehort und ein paar Rahmenbedingungen vor, doch darüber hinaus scheint jede Menge Raum für Improvisation zu bleiben. Wären da nicht diese kopierten Angewohnheiten und Vorlieben…

Eltern stecken nur den Rahmen ab

Gerade in Bereichen, die von eingängigen Routinen geprägt sind, würden Kinder von ihren Eltern besonders viele Verhaltensmuster übernehmen, sagt die Kulturpsychologin Dr. Anna Sieben von der Ruhr-Universität Bochum. „Das ist aber keineswegs festgelegt. Die Eltern stecken nur den Rahmen ab, in dem sich das Kind bewegt.“ Denn schließlich gibt es genug Menschen, die genau das Gegenteil von dem tun, was ihnen zu Hause vorgelebt wurde. Da wird die Anwaltstochter Bildhauerin, und der Sohn des Fußballtrainers entwickelt eine Vorliebe fürs Tanzen. Dennoch gilt: Wenn Kinder eine Vorliebe oder Einstellung von den Eltern übernehmen, dann in der Regel die, die ihnen mit echter Begeisterung vorgelebt wird.

Umgekehrt durchschauen auch kleine Kinder schnell, wenn die Schwärmerei nur gespielt ist. Eine Mutter, die dem Sohn erzählt, wie viel Spaß ihm das Turnen machen wird, obwohl sie niemals freiwillig eine Sporthalle betreten würde, wird vermutlich keinen leidenschaftlichen Turner aus dem Kind machen.

Auch Ängste können weitergegeben werden – hier spielt aber nicht Begeisterung sondern die authentische Darstellung der Bedrohung eine Rolle. „Wenn die Eltern vorleben, dass etwas gefährlich ist, wird das Kind das erst mal auch so übernehmen.“ Grundsätzlich ein sinnvoller Mechanismus.

Wir schauen uns also von unseren Eltern vor allem Erfolgsmodelle ab: Dinge, die sie glücklich gemacht, weitergebracht haben. Nicht immer müssen diese vermeintlich erfolgreichen Verhaltensmuster aber auch wirklich erfolgreich sein: Manchmal fehlt schlicht die Alternative. Denn zwar können viele Verhaltensweisen auch außerhalb der Familie erprobt werden – doch sehr private Dinge wie Konflikt- oder Beziehungsverhalten müssten im engen Familienkreis abgeguckt werden, sagt Anna Sieben. „Zu streiten übt man eben vor allem mit den eigenen Eltern.“ Und ist möglicherweise deshalb im jungen Erwachsenenalter „auf die Form beschränkt, die man dort gelernt hat“. Selbst, wenn man später merkt, dass es bessere Wege gibt, greift man vor allem unter emotionalem Druck auf die vertrauten Muster zurück. Psychologen sprechen von Handlungsskripten.

Hinzu kommt, was Professor Horsthemke als Vererbung von Umwelt und Kultur bezeichnet hatte: das Milieu, in das wir hineingeboren werden, seine Regeln und Gegebenheiten. Doch die Möglichkeit auszubrechen, sich zu verändern, ja, sogar seine Intelligenz zu steigern, steckt grundsätzlich in jedem Menschen. Dazu bedarf es nicht einmal unbedingt professioneller Hilfe. „Das kann auch in der Partnerschaft oder mit anderen Personen gelingen“, sagt Anna Sieben. Wer die Fähigkeit habe, sich selbst zu reflektieren, könne erlernte Verhaltensweisen abstreifen. Den Vorwurf, man sei „wie die eigene Mutter/der eigene Vater“ muss man sich in Zukunft vermutlich dennoch gefallen lassen. Am Ende ist Identität weder genetisch programmiert, noch von Umwelt, Kultur, Gesellschaft oder Familie aufgedrückt: Sie ist eine Essenz daraus, was ein Mensch aus seinen genetischen Voraussetzungen, dem Vorgelebten und Erlernten, und dem selbst Erdachten und Erprobten macht. So kann schließlich auch ein Remake zum vollkommen neuen Film werden, auch wenn die Schauspieler sich vielleicht ähnlich sehen.

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