Typisch mädchen typisch junge

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Typisch Mädchen,typisch Junge – Klischees unter der Lupe

Geschlechter-Stereotype und Vorurteile

Foto: Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort

Keiner will sie, aber jeder hat sie: Vorurteile! Schublade auf, Ansicht rein, Schublade zu. Mädchen und Jungen werden schon früh in Stereotype gezwängt, die für ihre Entwicklung nicht ohne Folgen bleiben. Wagen es Heranwachsende aus diesen Rollen auszubrechen, haben sie es schwer. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Leiter vom Zentrum für Psychosoziale Medizin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Ärztlicher Direktor der Klinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik über das Geschlechter-Ungleichgewicht.

Was ist wirklich dran an solchen Stereotypen?
Diese Stereotype sind längst komplett überholt. All diese Eigenschaften können heutzutage sowohl auf Mädchen als auch auf Jungen zutreffen. Stereotype unterliegen immer einem Zeitenwandel. Zudem gibt es keine Persönlichkeitsstereotype. Die Entwicklung eines Kindes hängt einzig davon ab, wie es sozialisiert wird, in welchen Gruppen es aufwächst und sich zugehörig fühlt. Verhalten sich Mädchen oder Jungen entgegengesetzt dieser Stereotype, sind es in erster Linie die Eltern, die das befremdlich oder sogar als Problem empfinden. So ein Befremden sorgt stillschweigend dafür, dass Stereotype weiter aufrechterhalten werden. Die Angst, ihr Kind könnte homosexuell werden, steigt beispielsweise an. Dabei ist Homosexualität nichts Anerzogenes, sondern eine Veranlagung, mit der man geboren wird. Die Erziehung kann nichts daran ändern – man kann niemanden zur Homosexualität erziehen. Eltern sollten ihre Kinder experimentieren lassen und vor allem offen sein für alle Stereotype in alle Richtungen.

Angeboren sind die anatomischen Unterschiede wie Körperbau, Muskel- und Fettverteilung und natürlich das Geschlecht selbst. Daraus allein resultiert jeweils schon ein Gruppen-Zugehörigkeitsgefühl, ein anderes Erleben. So sind Jungen „von Natur aus“ eher offensiv, Mädchen eher rezeptiv. Das liegt u.a. auch an der unterschiedlichen hormonellen Ausstattung von Jungen und Mädchen.

In der Schule schneiden Jungs überwiegend schlechter ab als Mädchen. Warum? Ich möchte das mit dem Wort Rivalität im Sinne von Geschwisterrivalität beschreiben, denn das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Wenn eine Rolle in der Gemeinschaft besetzt ist, wird automatisch eine oft gegensätzliche Rolle übernommen. In der Schule haben die Mädchen eine Rolle übernommen, die dem Schulsystem besser angepasst ist, als die der Jungen. So sind die Jungen häufig weniger diszipliniert und werden auch sozial abgehängt von den gleichaltrigen Mädchen. Das führt oft zu einer unglücklichen Dynamik, in der die Mädchen die „Fleißigen“ sind und die Jungen die „Faulen“. Nach vielen Jahren der Förderung der Emanzipation der Mädchen hat sich der Wind gedreht. Nun müssten wir uns verstärkt um die Jungen kümmern.

Was halten Sie von geschlechtsneutraler Erziehung?
Geschlechtsneutrale Erziehung funktioniert nicht. Das Geschlecht ist ein zentraler Bestandteil der Identität. Unser emotionales, körperliches und soziales Gefüge setzt sich aus zwei Geschlechtern zusammen und sie sind die Grundlage allen Lebens. Für Kinder ist es vom Kindergartenalter bis zur Entwicklung in der Pubertät wichtig, eine Geschlechtsidentität zu entwickeln und sich ihrem Geschlecht bewusst zu werden, zu einer Gruppe zu gehören – sei es die der Mädchen oder die der Jungen. Dabei müssen sie keinen Stereotypen entsprechen. Bestehende Rollenerwartungen werden immer wieder durchbrochen aber auch übernommen. Eltern sollten sich bewusst darüber sein, welche Stereotypen sie selbst verkörpern und inwiefern sie diese, vielleicht auch unbewusst, auf ihre Kinder übertragen.

Geschlechtsneutrale Erziehung
Bei geschlechterneutraler Erziehung versuchen Eltern in erster Linie im Umgang mit ihrem Kind so wenige Geschlechterstereotype wie möglich wiederzugeben. Jedes Kind soll sich so entwickeln wie es möchte – ohne die Grenzen, die ihm durch ein Geschlecht aufgezwungen werden.

Jungs in der Schule – das benachteiligte Geschlecht

Die Ergebnisse pädagogischer Forschungsstudien belegen: Es gibt Unterschiede im Lernerfolg von Mädchen und Jungen. Die Leistungsbilanz der Jungen in der Schule fällt schlechter aus als die der Mädchen: Mädchen verlassen die Schule seltener als Jungen ganz ohne Abschluss. Ihr Schulabschluss beschränkt sich seltener als der der Jungen auf einen Hauptschulabschluss und sie erzielen häufiger als Jungen einen mittleren Abschluss oder gar die Hochschulreife (Konsortium Bildungsberichterstattung 2006).

Dass die Leistungen von Mädchen zumindest im sprachlichen Bereich besser sind als die von Jungen, machte sowohl die „Internationale Grundschul-Leseuntersuchung“ (IGLU) als auch die PISA-Leistungsstudie mit 15-Jährigen deutlich. Die PISA-Studie zeigte aber auch Leistungsschwächen von Mädchen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Trotz ihrer weniger günstigen Schulleistungsbilanz trauen sich Jungen jedoch mehr zu und halten sich für klüger.

„Jungs sind inzwischen im Bildungssystem tatsächlich benachteiligt“, sagt Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Ärztlicher Direktor der Klinik Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik im UKE. „Wir müssten uns nun um eine neue Emanzipation der Jungen kümmern“, so Schulte-Markwort. Als wichtigster Grund für die schlechteren Noten der Jungen gelten Rollenbilder, die das Verhalten prägen: Sich für die Schule anzustrengen, ist unter Mädchen akzeptiert, gilt unter Jungen dagegen oft als uncool. Sich um Erfolg in der Schule zu bemühen, sich anzupassen und den Anweisungen des Lehrers zu folgen, passt offenbar nicht zum häufig vorherrschenden Männlichkeitsideal. Natürlich gibt es auch Jungen, die ohne jegliche Probleme durch die Schule kommen, sowie Mädchen, die mit viel Temperament und Bewegungsdrang gesegnet sind – doch diese Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nur für Jungs – von wegen!

Jungs gehen zum Fußball und Kampfsport, Mädchen zum Tanzen und Reiten. Diese Grenzen haben sich mittlerweile aufgeweicht und es kommt immer häufiger vor, dass man beim Jungs-Sport, der überwiegend auf Wettkampf und Leistung beruht, auch Mädchen sieht und umgekehrt. Beim „NANDU.RUN – Parkour & Freestyle-Turnen“ zum Beispiel geht es darum, Hindernisse und Ängste zu überwinden, seinen Körper kennenzulernen und seine Grenzen zu erweitern. Beim Laufen, Springen, Landen, Fallen und Klettern in der Sporthalle und outdoor haben Mädchen und Jungen gleichermaßen ihren Spaß. Es gibt keine Wettbewerbe, jeder trainiert individuell an seinen Stärken und Schwächen. Und die Trainer feuern an und geben Hilfestellungen.

„NANDU.RUN“ trainiert regelmäßig in Wedel und Hamburg und bietet Geburtstagsfeiern, Ferienkurse und Schul-AGs für Kinder ab 6 Jahre an. Jüngere Kinder können zusammen mit ihren Eltern am „Family-Parkour” teilnehmen Alle Infos unter www.nandu.run

Tipps

ROBERTA
Das Projekt „ROBERTA – Mädchen erobern Roboter“ will das Wissen von Mädchen im naturwissenschaftlichen, technischen und informationstechnologischen Bereich vergrößern. Mehr Infos: www.roberta-home.de/kids/

Girls- and Boys-Day
Mädchen und Jungen der Klassen 5 bis 10 können sich über Berufe informieren, die von Frauen / Männern eher selten gewählt werden und eher untypische Berufe kennenlernen. Der nächste Girls- and Boys Day ist am 26. März 2020. Mehr Infos: www.girls-day.de und www.boys-day.de, speziell für Hamburg: www.wasfuerjungs.de

Typisch Mädchen – typisch Junge?

Sieben gängige Meinungen: Vorurteil oder Wahrheit?

  • Jungen sind aggressiver als Mädchen
  • Der Eindruck vieler Eltern stimmt: Jungen sind nach der Beobachtung von Wissenschaftlern tatsächlich etwas aggressiver als Mädchen. Schon im dritten Lebensjahr beginnen Jungen, Dinge mit dem ganzen Körper zu stoßen und zu schieben und Spielzeuge zusammenkrachen zu lassen. Bereits vierjährige Jungen mögen Wettkämpfe und beschäftigen sich viel mit dem Thema Gewinnen oder Verlieren. Aber woher kommt das? „Man nimmt an, dass das Testosteron hier eine wichtige Rolle spielt, ein Hormon, das mit Kampfgeist in Verbindung gebracht wird“, so Susan Gilbert in ihrem Buch „Typisch Junge! Typisch Mädchen“. Und die Historikerin Susa Schindler ergänzt in ihrer Untersuchung: „Es gibt die Theorie, dass Hormone auch die Entwicklung des Gehirns steuern. So dass Jungen und Mädchen ein jeweils anderes ‚Gehirngeschlecht’ hätten, da sie im Mutterleib unterschiedlich hohen Mengen an weiblichen und männlichen Sexualhormonen ausgesetzt waren“. Ein wichtiger Grund ist aber auch, dass Eltern mit Jungen schon früh anders, nämlich rauer umgehen als mit Mädchen. Und dass in unserer Gesellschaft aggressives Verhalten bei Jungen eher als normal angesehen und mehr toleriert wird. Auch das Fernsehen führt vor, dass Konkurrenz typisch männlich ist: Dort werden vor allem männlich geprägte Wettkampf- Sportarten (Fußball) übertragen. „Es ist keine Frage, dass Jungen die zumeist männlichen Sporthelden nachahmen“, erklärt Gilbert. Auch in Zeichentrickfilmen für die Kleinsten werden männliche Figuren deutlich aggressiver dargestellt als weibliche. Etwas Erstaunliches fanden die Forscher ebenfalls heraus: Im Gegensatz zu Mädchenfreundschaften beeinflusst Konkurrenzverhalten Jungenfreundschaften nicht negativ – es gehört schon für kleine Jungs einfach dazu.

  • Mädchen sind fürsorglicher
  • Wenn Mädchen im Kindergartenalter ein kleines Baby sehen, machen sie oft entzückt “oh” und drücken den Wunsch aus, es zu halten und es zu füttern, während Jungen hier oft mit Gleichgültigkeit reagieren. Mädchen scheinen also mehr Interesse an Babies und am Imitieren von versorgenden Verhaltensweisen („Mutter-Vater-Kind“-Spiele) zu haben. Ursache könnten die weiblichen Geschlechtshormone sein, die bereits im Mutterleib wirksam wurden. Sie sollen die Fähigkeit zum Mitfühlen verstärken. Genaues wissen die Fachleute aber noch nicht. Auch Nachahmung spielt eine Rolle: Immer noch sehen sie, dass vor allem Mama (selbst wenn sie berufstätig ist) den Haushalt schmeißt und für die Versorgung der Kinder zuständig ist. Dies spiegelt sich in ihrem Spiel wider. Dennoch können auch Jungen sehr fürsorgliches Verhalten zeigen. Experten betonen, dass es der Gesellschaft gut täte, wenn Eltern ihren Söhnen oft Gelegenheit dazu geben würden (Trösten von kleinen Geschwistern, Pflege von Tieren) – denn hier hat Wut keinen Platz: „Fürsorglichkeit kann ein Gegenmittel gegen Gewalt sein“, betont die amerikanische Gender (= Geschlechter) -forscherin Carol Nagy Jacklin.

  • Mädchen sind ängstlicher als Jungen
  • Bei Kleinkindern haben Verhaltensforscher beobachtet, dass es tendenziell etwas mehr ängstliche Mädchen als Jungen gibt. Man vermutet hier eine erbliche Veranlagung, die etwas häufiger bei Mädchen vorkommt. Als viel wichtiger bewerten sie aber die Erziehung: Jerome Kagan von der amerikanischen Harvard University glaubt, dass Mädchen vor allem lernen Angst zu haben: Weil Eltern gegenüber Mädchen häufiger überfürsorglich und überbehütend sind und Töchter zu oft zur Vorsicht mahnen. Lassen Eltern sie dagegen ihre eigenen Erfahrungen machen, indem sie sie zum Beispiel nicht übermäßig trösten, wenn sie gefallen sind, werden solche Mädchen nach seiner Beobachtung deutlich weniger ängstlich.

  • Mädchen sind netter und haben ein besseres Sozialverhalten
  • Mädchen sind nach Ansicht der Genderforschung etwas kompromissbereiter, offener und rücksichtsvoller als Jungen. Sie sind aber nicht unbedingt „lieber“, sie zeigen ihre Wut vielmehr auf andere Weise als Jungs: nämlich eher mit Worten als körperlich, und oft eher „hinten herum“ (Lästereien) als direkt. Wissenschaftler führen dies zum einen auf unterschiedliche Arten von Freundschaften zurück: Kleine Mädchen spielen oft zu zweit oder in kleinen Gruppen, Jungen haben öfters einen größeren, aber lockereren Freundeskreis. Da Mädchenfreundschaften tiefer gehen, verlieren Mädchen mehr, wenn sie sich aggressiv verhalten, erläutert Susan Gilbert. Eine weitere Ursache ist aber, dass Eltern und Gesellschaft den Mädchen ein offen aggressives Verhalten eher übel nehmen, so dass Mädchen lernen müssen, andere Ausdrucksformen von Wut zu finden.

  • Jungs bevorzugen Autos, Mädchen Puppen
  • Die eingangs erwähnte (oder soll ich sagen beklagte) Vorliebe meines Sohnes für Fahrzeuge ist offenbar durchaus typisch: “Schon unsere kleinen Kinder suchen sich geschlechtsspezifisches Spielzeug aus. Und wenn Sie Zeichnungen von kleinen Jungen und Mädchen anschauen, sind die Bilder ganz unterschiedlich. Jungen zum Beispiel zeichnen gern Flugzeuge oder Darstellungen von Kämpfen“, erläutert der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibel-Eibesfeldt in einem Interview. Wissenschaftler glauben, dass die Vorliebe für Fahrzeuge daher kommt, dass Jungen sich mehr für Bewegtes als für Unbewegtes interessieren und so ihr räumliches Vorstellungsvermögen trainieren. Auch der etwas „burschikosere“ Charakter von Jungen sei damit verbunden. Diese Vorliebe sei vermutlich durch den frühen Einfluss des männlichen Geschlechtshormons Testosteron auf das männliche Gehirn beeinflusst, so die amerikanische Wissenschaftlerin Sheri Berenbaum. Wieder einmal ist es jedoch schlicht auch Erziehungssache: Jungen „Mädchenspielzeug“ zu schenken und umgekehrt, gilt oft immer noch als unpassend. Dennoch gibt es Mädchen, die Autos viel mehr schätzen als Puppen, und viele Jungs sieht man heute glücklich und ganz selbstverständlich einen Puppenwagen vor sich her schieben.

  • Mädchen sind in der Entwicklung eine Nasenlänge voraus
  • Im feinmotorischen Bereich haben Mädchen im Kindergartenalter gegenüber Jungen tatsächlich einen Vorsprung von etwa sechs Monaten, so Susan Gilbert. Man vermutet auch hier hormonell bedingte Unterschiede im Aufbau des Gehirns von Mädchen und Jungen. Auch fangen Mädchen etwas früher an zu sprechen. Hierfür gibt es zwei Ursachen: Experimente zeigten, dass das Gehirn weiblicher Babys mehr sprachliche Informationen speichern kann als das von Jungen, und dass sie außerdem etwas länger konzentriert zuhören können. Dies animiert die Eltern im Gegenzug dazu, mit ihren Töchtern mehr und länger zu sprechen. Und das sorgt natürlich umgekehrt für eine raschere Sprachentwicklung der Mädchen. Hier gibt es also einen Ping-Pong-Effekt.

  • Jungen können besser rechnen
  • Forscher konnten zwischen Jungen und Mädchen keine Unterschiede in der Intelligenz feststellen. Allerdings gibt es offenbar unterschiedliche Stärken beider Geschlechter. Die amerikanischen Forscher Camilla Benbow und Julian C. Stanley fanden heraus, dass Jungen sich beim Umgang mit Zahlen leichter tun. Sowohl bei der Überlegenheit der Jungs im Rechnen als auch bei erwähnten der Mädchen im sprachlichen Bereich nehmen viele Wissenschaftler angeborene Unterschiede im Gehirn als Ursache an. Hier meldet die Biologin Dr. Sigrid Schmitz Bedenken an: „Die enorme Dynamik unserer Hirnplastizität (= Anpassungsfähigkeit), dieses ständige Wechselspiel zwischen biologischer Strukturbildung und Umwelteinflüssen, macht unseren entscheidenden Evolutionsvorteil aus. Lernen und Verhalten verursachen Veränderungen im Gehirn.“ Unterschiede im Gehirn von Mädchen und Jungen müssen also nicht angeboren sein, sondern können auch durch unterschiedliche Förderung in bestimmten Bereichen entstehen.

Jungs sind Jungs – und das ist gut!

In Ihrem neusten Buch „Warum es nicht so schlimm ist, in der Schule schlecht zu sein – Schulschwierigkeiten gelassen meistern“, das Ende Juli im Kösel-Verlag erscheint, haben Sie sich mit „Schulversagern“ beschäftigt, aus denen als Erwachsene trotzdem etwas geworden ist. Haben Sie bei Ihren Recherchen einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen feststellen können und wie verschieden haben sich die beiden Geschlechter entwickelt?

Brosche: Ich habe keine Strichliste geführt, aber ich erinnere mich an weitaus mehr männliche Wesen, die in der Schule Schwierigkeiten verschiedenster Art und Ausprägung hatten und „es“ dennoch schafften.

Wie soll aus Jungen, von denen in Kinderjahren erwartet wird, dass sie lieber ein paar Eigenschaften der Mädchen annehmen sollten, das starke männliche Geschlecht werden? Oder ist das sogenannte starke männliche Geschlecht sowieso ein Auslaufmodell?

Brosche: Stark oder nicht stark – wesentlich scheint mir zu sein, dass man jedem Menschen das lässt, was ihn ausmacht. Und dass man ihn nicht zu etwas machen möchte, was er gar nicht ist. Jungen also bewusst zu Softies erziehen zu wollen, halte ich für falsch. Aber einen Jungen, der von sich aus weichere, „mädchenhaftere“ Wesenszüge hat, zu einem harten Kerl formen zu wollen, ebenso. Meiner Meinung nach – ich kann mich natürlich täuschen, aber ich bin schon ganz schön sicher – finden in jeder Gesellschaft, in der Arbeitswelt, in der Familie … sowohl die härteren als auch die weicheren Menschen ihren Platz. Vielleicht sollten wir uns daran gewöhnen, dass eine Frau, die entsprechend gestrickt ist, als harte Kämpferin erfolgreich agieren kann und dass ein Mann, wenn es denn seine persönliche Art ist, ein sensibler Mensch mit hoher Sozialkompetenz sein kann. Und dass es am besten ist, wenn jeder von allem etwas hat. Dass es ganz normal ist, dass die einzelnen Anteile verschieden hoch vertreten sind.

Können Sie als Mutter von drei Jungen im Alter von 21, 19 und 12 Jahren den Eltern von heute, die sich ständig Sorgen um „ihren Jungen“ machen, einen Erziehungstipp geben oder gibt (oder sollte es keinen geben) es keinen Unterschied zwischen der Erziehung eines Mädchen und einen Jungen?

Brosche: Wie gesagt, das Wichtigste scheint mir nach all meinen Erfahrungen zu sein, dass man den Menschen und damit auch den Jungen annimmt, wie er ist, ihn aber von Elternseite freundlich und bestimmt begleitet. Vielleicht sollte man sich sogar einen Zettel in die Küche hängen: Ich werfe meinem Sohn nicht vor, dass er ist, wie er ist. Ich bemühe mich immer wieder, das Positive im negativ wirkenden Verhalten zu sehen. Ein Beispiel, wie ich das meine: Wenn mein Sohn sehr durchsetzungsfreudig und elterlichem Rat gegenüber eher resistent ist, bemühe ich mich, neben allem Frust die Stärke zu sehen, die hinter diesem Verhalten steckt und die ihm fürs Erwachsenenleben auch helfen wird. Wenn mein Sohn sich nicht darum schert, ob er bei der Lehrerin beliebt ist, wenn er weiß, wie er sich einschmeicheln kann, es aber dennoch nicht tut, dann versuche ich die Charakterstärke zu sehen und mich daran zu erfreuen, auch wenn dieses Verhalten im Moment nicht der einfachste Weg ist.

Sie schreiben ja nicht nur Bücher über Erziehung, sondern auch Kinderbücher. Wählen Sie da als Identifikationsfigur lieber einen Jungen oder ein Mädchen?

Brosche: Das ist gar nicht so einfach. Als Frau erinnere ich mich natürlich sehr gut an das kleine Mädchen mit all seinen Sorgen und Nöten, das ich mal war. Als Jungenmutter sind mir die Sorgen und Nöte der Jungen besonders nah. Ich versuche deshalb tatsächlich, beiden Geschlechtern gerecht zu werden und fühle mich manchmal wie ein Doppelwesen. Aus der einen Sicht ist da dieses sensible Mädchen, das von Rabauken-Kerlen traktiert wird, aus der anderen diese überempfindliche Mimose, die es nicht aushält, dass man ganz normal mit ihr umgeht. Im Geiste habe ich schon folgendes Zeitreise-Experiment unternommen: Wenn ich heute Mädchen wäre, wie wären meine Söhne mit mir ausgekommen? Wie hätten sie über mich gedacht? Wie hätte ich sie empfunden? Ergebnis des Experiments? Ungewiss! Ich befürchte aber, ich wäre meinen Söhnen zu sehr „typisches Mädchen“ gewesen.

*Studie „Die Welt mit den Augen der Kinder betrachten“ von Dr. Renate Valtin, Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

**Die engagierte Hauptschullehrerin und Autorin hat 1988 ihr erstes Buch veröffentlicht. Seitdem versucht sie, den Alltag im Klassenzimmer schreibend zu verarbeiten, dazu gibt es sogar eine Sendung im Bayerischen Rundfunk. Mehr über Heidemarie Brosche und ihre Bücher unter www.h-brosche.de.

Mädchen oder Jungen – Klischees der Geschlechter

Typisch Junge – Typisch Mädchen – der kleine gesellschaftliche Unterschied

Mädchen kichern, sind verlegen, schüchtern und spielen mit ihren Freundinnen, Puppen und dem Puppenwagen. Jungen sind kleine Raufbolde, stark, mutig, wollen alles entdecken und mit dem Rennwagen auf Touren gehen. Doch was passiert, wenn ein Kind genau das Gegenteil macht? Wie reagieren wir, wenn unsere gesellschaftlichen Klischees uns eingefahrene Muster vorgeben? Auch wenn Sie es vielleicht nicht wollen, sie greifen immer wieder zu denselben Stereotypen und reagieren zumeist vollkommen verunsichert, wenn diese Kategorien von den Kindern gebrochen werden.

Typisch Junge oder Mädchen? Urheber: yarruta / 123RF.com

Was Hormone aus Mädchen oder Jungen machen?

An dieser Stelle sei gesagt, ein gewisser Anteil der stereotypen Charaktereigenschaften steckt tatsächlich in den Hormonen. Dementsprechend haben Männer und auch kleine Jungs mehr Testosteron im Blut als Mädchen. Dieser Unterschied beginnt ca. ab einem Alter von vier Jahren und steigt weiter in der Pubertät.

Wodurch wir Eltern erkennen, dass sich Jungen und Mädchen dann immer weiter unterscheiden. Es sind die Hormone, die geschlechterspezifische Unterschiede ausbilden und auch typische Verhaltensweisen nach sich ziehen. Was für ein Kleinkind unter vier Jahren bedeutet, dass es individuell reagiert ganz nach seinem eigenen Wesen.

Das Buch für den Papa: Einfach Vater werden!

Doch können die Hormone nicht der einzige Grund sein, warum die wilden Kerle vielmehr toben als Mädchen. Ein weiterer Grund ist tatsächlich in unserer Erziehung und den gesellschaftlichen Bildern begründet. Tatsächlich dürfen Jungs mehr toben und ihre wilden Seiten ausleben als Mädchen. Das haben Wissenschaftler aus Berlin herausgefunden. Folglich sind es die Eltern, die ihren Kindern vorleben und erziehen, wie sie mit den Gefühlen umzugehen haben.

In diesem Zusammenhang sollten wir bedenken, dass Kleinkinder sich vornehmlich an den Verhaltensweisen der Eltern orientieren und so unwiderruflich auch wie Mama mit ihrer eigenen Wut und dem wilden Charakter umgehen. Jungs neigen dazu, sich zu raufen, zu toben und sich körperlich abzureagieren, wohingegen die meisten Mädchen eher laut schreien.

Haben Sie sich eigentlich schon einmal gefragt, warum Mädchen Rosa mögen? Den Grund dafür kennt eigentlich niemand. Tatsächlich war vor rund 100 Jahren Rosa eigentlich die Farbe der Jungs. So hat auch die belgische Prinzessin 1927 in Erwartung ihres Kindes ihre Wiege in der Jungenfarbe Rosa dekoriert. Damit wollte sie die Männlichkeit unterstreichen. Mädchen hingegen ordnete man vielmehr die Farbe Blau zu. Gerade alte Bilder der Kirche zeigten die Jungfrau Maria häufig in Kombinationen mit Blau. Jetzt kommt der Knüller: Es war einst im Jahr 1918 als eine Frauenzeitschrift in den USA, Rosa als kräftigere Farbe den Jungen zuordnete.

Das dezente Blau erhielt wiederum feminine Werte. Woran mag also die Umkehr gelegen haben? Waren es die blauen Jeans der echten Kerle oder die Marine Uniformen? Wir werden eine detaillierte Lösung wohl bis zum heutigen Tag nicht gänzlich nachkommen.

Warum Mädchen besser lesen und Jungs besser rechnen?

Ebenso verhält es sich mit einigen Klischees in der Schule. Demnach sollen Jungen besser rechnen und Mädchen besser zeichnen und schreiben. Mädchen arbeiten sauberer und Jungen hingegen klecksen auf dem Papier. Um diesem Phänomen nachzugehen, hat eine amerikanische Universität eine Studie mit weiblichen und männlichen Mathematik Studenten gemacht. Diese hatten zunächst vollkommen anonym einen Test absolviert und gleichermaßen erfolgreich abgeschnitten.

Erst als die Jungen und Mädchen jeweils ihr Geschlecht oben auf den Testbogen notierten, kam es zu unterschiedlichen Ergebnissen, die sich zugunsten der Jungen aussprachen.

Auch die Pisa-Studie konstatierte in einigen Ländern, Mädchen würden angeblich besser lesen, das würde im Vergleich zu Jungs zum Teil sogar eine ganze Klasse ausmachen. Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass ein Gehirn von Mädchen und Jungs vollkommen anders funktioniert. Vielleicht lesen Mütter in den Familien ihren Kindern öfter vor als Väter und die Jungs schließen daraus, das Lesen Mädchensache ist. Auch hier ahmen Kinder ihre Eltern nach.

Typisch Junge und typisch Mädchen: der Streit ums Spielzeug

Einer der Klassiker für typisch Junge und typisch Mädchen Klischees ist die Spielzeugbranche. Nirgendwo anders wird so klar ausdifferenziert, welche Produkte für das männliche und welche für das weibliche Geschlecht vorgesehen sind. Ist es den Kindern angeboren, dass Jungs mit Autos, Baggern und Eisenbahnen spielen und Mädchen mehr mit Puppen, Kuscheltieren und Lippenstiften?

An dieser Stelle sollten wir uns ins Gedächtnis zurückholen, dass kein Mensch allein auf der Welt ist. Er wird im Einfluss der Gesellschaft und seiner Umgebung groß und orientiert sich an anderen Menschen. So werden Kleinkinder zu Kindern und entdecken, dass sie ein Junge oder ein Mädchen sind.

Sie schließen sich geschlechterspezifischen Gruppen an, da sich Menschen von Natur aus in Gruppen wohl fühlen. Sie finden Freunde, fühlen sich bestätigt und spielen in der jeweiligen Gruppe typische Spiele.

Uns Eltern sei gesagt, das es viel toller ist, wenn sich unsere Kinder vollkommen frei ausprobieren und austesten. So ist insbesondere im Zuge der letzten Jahre zu beobachten, dass Mädchen auch starke Ergebnisse auf dem Fußballplatz bringen und Jungs ohne Probleme mit einem Buch, mit Malstiften und mit einem Teddy Rollenspiele nachahmen.

Wir sollten uns diese Studien und die interessanten Untersuchungen in diesem Ratgeber zum Anlass nehmen, um unsere eigenen Stereotype gründlich zu überdenken. Die natürliche und ungezwungene Entwicklung unserer Kinder wird es uns in vielerlei Hinsicht danken.

Praktische Tipps für Eltern:

  1. Geschlechterunterschiede basieren vor allen Dingen auf unseren sozialen Konstrukten und erlernten Rollen. Hinterfragen Sie Ihre familiären Geschlechter Stereotype ehrlich und stellen diesen in den alltäglichen Diskurs.
  2. Geben Sie Ihrem Kind die Gelegenheit, mit unterschiedlichen Spielzeugen zu hantieren, um sich individuell auszuleben. Respektieren Sie die Interessengebiete Ihres Kindes wertneutral.

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