Streit vor baby

Was Ungeborene lieben

Musik fürs Baby

Psst, das Baby hört mit. Ab der 26. Schwangerschaftswoche nehmen Ungeborene nämlich Außengeräusche wahr. So lernen sie zum Beispiel, die Stimme der Mutter zu erkennen. „Auch Rhythmen oder Melodieverläufe können die Babys im Mutterleib ganz dumpf wahrnehmen. Doch die Obertöne fehlen noch,“ erklärt Professor Rainer Schönweiler, der die Sektion für Phoniatrie und Pädaudiologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein leitet.

Allerdings haben Wissenschaftler noch nicht eindeutig belegen können, wie Musik auf Ungeborene wirkt. „Es ist denkbar, dass Hörgewohnheiten bereits im Bauch geprägt werden. Deswegen zeigen Kinder hierzulande nach der Geburt möglicherweise eher auf westliche als auf asiatische Musik eine Reaktion“, sagt Schönweiler.

Die gute Nachricht für alle schwangeren Klassikmuffel: Der Mozarteffekt, dass klassische Musik im Stile Mozarts Kinder klüger machen soll, ist ebenfalls nicht belegt. Seine Kompositionen haben zwar alles, was die neuronale Programmierung begünstigt – also eine nachvollziehbare Struktur, feste Rhythmen und sich wiederholende Melodien. Aber auch Pop- oder Rockmusik dürfen zum Beispiel auf der Baby-Playliste stehen. Denn letztendlich strahlt das Wohlgefühl der Mutter auch auf das Ungeborene aus.

Partnermassage

Ob an einem gemütlichen Sonntagmorgen im Bett oder nach einem langen Bürotag abends auf der Couch: Lassen Sie Ihren Partner sanft Ihren Bauch massieren. Genießen Sie die Streicheleinheiten und diesen intimen Moment der Zweisamkeit, kommen Sie zur Ruhe und schalten Sie vom hektischen Alltag ab. Denn geht es Ihnen gut, fühlt sich auch Ihr Baby wohl! Außerdem können Väter so bereits noch vor der Geburt eine Bindung zu ihrem Nachwuchs aufbauen und bewusst an der Zeit der Schwangerschaft teilhaben.

Übrigens: Nicht nur an die Stimme der Mutter kann das Ungeborene gewöhnt werden. Spricht der Vater regelmäßig in Richtung Babybauch, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich das Kind daran erinnert, wenn es auf der Welt ist.

Schwanger: Verwöhn-Kur für mein Baby im Bauch

Da diese Methode aber den Vater außen vor lässt, ist es tröstlich zu wissen, dass auch laut ausgesprochene Worte das Baby erreichen. Wobei es natürlich nicht ihren Wortsinn erfasst, sondern die Gefühle, die beim Sprechen mitschwingen. Alfred Tomatis, Mediziner und Psychologe, untersuchte jahrzehntelang die Wahrnehmung des Kindes im Mutterleib. Er glaubt, dass die Tonlage, die Sprachmelodie, die Klangfarbe und auch der Sprechrhythmus vom Baby genau wahrgenommen werden. Es kann dabei sogar die störenden Nebengeräusche (Herzschlag und Darmgeräusche der Mutter etc.) ausblenden. Mit einem Ungeborenen zu sprechen, ist für Tomatis entscheidend, damit es schon im Mutterleib Geborgenheit fühle, emotionalen Kontakt mit seinen Eltern habe und deren Stimme als angenehme Hörerfahrung erlebe – so könnten eventuelle ungünstige Fehleinflüsse keine Wirkung entfalten.

Natürlich lauscht das Baby aber nicht nur fasziniert Mamas oder Papas Stimme. Auch Botschaften der älteren Geschwister, oft lauter und energischer abgeschickt und gern mit einem kräftigen Patscher auf den Babybauch verbunden, erfreuen das Baby. Hohe Frequenzen kommen beim Ungeborenen besonders klar an. Und nach der Geburt erkennt es seine Geschwister an der Stimme sofort wieder.

Sind schon Mamas und Papas Stimmen fürs Baby fast wie Musik, gilt dies natürlich erst recht für richtige Musik. Ob Klassik oder Pop ist dabei nebensächlich. Auf Mozarts 40. Sinfonie reagieren Ungeborene genauso positiv und beruhigt wie auf „Love me tender“ von Elvis. Die Musik sollte lediglich harmonisch, ruhig und leichtfüßig daherkommen – harte House-Rhythmen goutiert ein Baby nicht. Sanfte Klänge verwöhnen das Baby aber auch indirekt: Sie entspannen die Mutter. Und ist sie entspannt, wird – wieder einmal – die Plazenta besonders gut versorgt, und damit auch das Baby.

Schmuse-Stunde mit dem Ungeborenen

Wenn das Baby im Mutterleib schon etwas größer ist, sollten Eltern oder Geschwister das Ansprechen auch mit einem Bauchstreicheln verbinden, weil es dies dann schon spürt und genießt. Die Mutter kann sich dem Kind dabei natürlich auch wieder innerlich über die Gedanken zuwenden, zum Beispiel über die erwähnten inneren Bilder. Wem diese Methode zu exotisch ist, der kann sein Kind einfach auch in Gedanken ansprechen. Diese kleine Kontaktaufnahme geht überall, auch im Job oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln (statt zu streicheln, kann man hier einfach die Hand weich auf den Bauch legen). Manchmal kann man beobachten, dass das Baby sich regelrecht in die Hand hineinschmiegt. Oder dass es besonders ruhig (oder auch besonders fröhlich und zappelig) wird unter der Hand. Eltern, die ihr Baby und seine momentane Lage im Mutterleib noch besser erfühlen möchten, können dies in speziellen Haptonomie-Kursen lernen.

Gute Boten auf dem Weg zum Baby

Es wäre natürlich schön, wenn man nun ununterbrochen frohe Gedanken zum Baby schicken könnte. Fast alle Schwangeren sind aber gelegentlich von Ängsten, mancherlei Sorgen und düsteren Stimmungen geplagt. Man fragt sich, ob die Schwangerschaft normal verläuft, das Baby gesund ist, ob man das alles schaffen kann oder wie die Partnerschaft in Zukunft wohl aussehen wird. Ideal ist es, wenn man solche Gefühle jemandem anvertrauen kann. Ärzten fehlt hierzu meist die Zeit und die Bereitschaft. Deshalb kann eine eigene (Beleg-)Hebamme eine wunderbare Hilfe sein: Sie hört zu, versteht und gibt Rat. Auch eine gute Freundin (die optimalerweise schon Kinder haben sollte) oder die Frauen im Geburtsvorbereitungskurs sind eine gute Adresse – sie wissen, wovon man spricht. Was dies alles mit dem Verwöhnen des Ungeborenen zu tun hat? Gespräche helfen gegen Ängste, entspannen und entlasten die Seele. Der Spiegel des Stresshormons Adrenalin im Blut der Mutter sinkt, es werden stattdessen beruhigende Botenstoffe durch die Plazenta in Richtung Nabelschnur geschickt.

Zum Weiterlesen:

György Hidas / Jenö Raffai: „Nabelschnur der Seele:
Psychoanalytische orientierte Förderung der vorgeburtlichen Bindung zwischen Mutter und Baby“. Psychosozial-Verlag 2006. ISBN-10: 3898064581, ISBN-13: 978-3898064583.

Alfred Tomatis: „Der Klang des Lebens. Vorgeburtliche Kommunikation – Die Anfänge der seelischen Entwicklung“. Rowohlt Verlag 2003. ISBN-10: 3499187914, ISBN-13: 978-3499187919.

Kontakt zum ungeborenen Kind

Etwa ab der 20. Schwangerschaftswoche spürt die werdende Mutter, wie sich ihr Kind bewegt. Mit etwas Geduld gelingt dies auch dem werdenden Vater, wenn er die Hand auf ihren Bauch legt.

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Anfangs sind die Kindsbewegungen im Mutterbauch noch sehr zart. Sie fühlen sich meist an wie ein leichtes Flattern oder Klopfen. Später werden die Bewegungen immer deutlicher und machen sich gelegentlich als kleine Verformungen der Bauchdecke bemerkbar.

Die Häufigkeit und Stärke dieser Bewegungen unterscheiden sich von Kind zu Kind. Mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft wird das Kind allmählich wieder ruhiger, weil es die Gebärmutter dann komplett ausfüllt und kaum mehr Platz zum Drehen und Wenden hat.

Alles in Bewegung

Für die meisten Frauen sind die ersten spürbaren Regungen des Kindes ein aufregendes Erlebnis. Manchmal wird ihnen erst jetzt richtig bewusst, dass in ihrem Bauch tatsächlich ein kleiner Mensch heranwächst. Die ersten Kindsbewegungen bedeuten oft den Beginn der besonders engen Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Viele Schwangere stellen fest, dass die Stöße, Tritte und Purzelbäume ihres Kindes Reaktionen auf ihre eigenen Bewegungen sind: Eine Sitzhaltung, die den Platz im Bauch einengt, kann lebhaften Protest auslösen, ein Streicheln der Bauchdecke beruhigend wirken. So beginnen Mutter und Kind, einander kennenzulernen.

Tagsüber, wenn die Schwangere in Bewegung ist, wird das Kind häufig schlafen, weil es im Becken gewiegt wird. Nachts, wenn sie ruhig liegt, ist das Kind oft munter, weil es mehr Platz im Bauch und außerdem kürzere Schlafphasen als die Mutter hat.

Kind fühlt mit

Man weiß inzwischen, dass Ungeborene schon früh empfindungsfähig sind und auf äußere Einflüsse reagieren. Wenn sich das Baby kräftig bewegt, ist das meist die Antwort auf einen angenehmen oder unangenehmen Reiz.

Schon im ersten Schwangerschaftsdrittel beginnt das Kind mit einem „Bewegungstraining“ und entwickelt dabei seinen Gleichgewichtssinn. Im zweiten Drittel fängt es an, auf Berührungsreize und Licht zu reagieren und Veränderungen im Fruchtwasser wahrzunehmen. Mit Beginn des letzten Drittels kann das Kind bereits hören. Ruhige Musik hat dann oft einen entspannenden Einfluss, laute und hektische Musik eher den gegenteiligen Effekt – wie überhaupt Stress jeder Art.

Stille Momente zu dritt

Mithilfe eines Hörrohrs, Stethoskops oder einfach indem er das Ohr auf den Bauch seiner Partnerin legt, kann ein werdender Vater mit etwas Glück den Herzschlag des Babys hören. Manchmal hört er sich an wie ein schnelles Tuckern.

Bald zeigen sich nun ab und zu Verformungen am Bauch der Frau, wenn das Baby sich streckt und dreht. Männer, die mit ihrer Partnerin entspannt zusammen liegen und ihren Bauch streicheln, können das Baby deutlich spüren, wenn sie ihre Hand im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle haben.

Den Bauch der Partnerin sanft mit einem wohlriechenden Pflegeöl einzureiben, tut nicht nur der strapazierten Haut gut, sondern indirekt auch dem Baby. Manchmal reagiert das Kind auf die warme Hand des Vaters, indem es ihr folgt. So können beglückende erste Momente zu dritt entstehen.

Auch Ungeborene brauchen Ruhe

Zuviel Stimulation kann ein Ungeborenes aber auch stören. Aus diesem Grund ist es sehr umstritten, das Kind einer Art vorgeburtlichem Lerntraining zu unterziehen. Manche Eltern regen ihr Kind zu bestimmten Zeiten zum Strampeln an, singen ihnen Lieder oder lesen Geschichten vor und wecken es dazu durch Klopfen oder Drücken auf den Bauch auf. Möglicherweise wird dadurch eher das Gegenteil erreicht und das Kind in seinen für die Entwicklung wichtigen Schlaf-Wach-Phasen gestört.

So schön und aufregend der fühlbare Kontakt zum Ungeborenen sein kann: Das Kind wächst aus gutem Grund in einer schützenden Fruchthöhle heran. Auch wenn es sich bewegt, muss es nicht wach sein. Es schläft die meiste Zeit, wobei sich sein Gehirn optimal entwickelt. Ist es zu viel wach, besteht dagegen die Gefahr einer frühen Reizüberflutung.

Letzten Endes ist eine möglichst stressarme Schwangerschaft, in der es genügend Zeiten der Entspannung und Ruhe gibt, am besten für das Kind wie für seine Eltern. Durch gemeinsames Innehalten, Horchen und Fühlen entsteht der Kontakt zueinander meist von ganz allein.

Wissenschaftler der Universität von Genf haben in einer neuen Studie herausgefunden, dass bereits sechs Monate alte Kinder emotionale Informationen von der Stimme auf das Gesicht übertragen können. Babys brauchen Emotionen für ihre Bedürfnisbefriedigung. Dabei bevorzugen Säuglinge lachende Gesichter und freudige Stimmen. Und noch bevor sie ein halbes Jahr alt sind, können sie unterscheiden zwischen Freude, Angst, Trauer und Wut.

Die Wissenschaftler Amaya Palama und Edouard Gentaz, Professoren für Psychologie und Erziehungswissenschaften, haben 24 Babys im Alter von sechs Monaten im Genfer Babylab untersucht. Ihnen wurden Stimmen vorgespielt und Bilder gezeigt, die verschiedene Emotionen transportiert haben. Dabei haben die Forscher die Augenbewegung der Babys mithilfe von Eyetracking-Technology verfolgt. Damit wurde dann gemessen, wie lange die Säuglinge die Gesichter betrachtet haben und auf welche Gesichtsregionen sie besonders geachtet haben.

Babys nehmen Wut intensiver wahr als Freude

Die Forscher haben herausgefunden, dass Babys weder ein freundliches noch ein wütendes Gesicht bevorzugen. Hatten die Kinder jedoch vorher eine freundliche Stimme vernommen, schauten sie danach deutlich länger und intensiver auf das wütende Gesicht. Babys können also Emotionen unabhängig davon erkennen, ob sie durch die Stimme oder den Gesichtsausdruck transportiert werden.

Babys sind in diesem frühen Alter viel mehr mit freudigen Emotionen vertraut, als mit Wut. Dementsprechend sensibel reagieren sie auch darauf. Das Stresslevel der Kinder steigt, wenn sie mit Emotionen konfrontiert werden, die ihnen nicht vertraut sind. Eltern sollten sich also zweimal überlegen, ob sie eine hitzige Diskussion vor ihrem Baby ausführen – es bekommt sehr viel mehr mit, als wir bisher dachten.

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Streit zwischen Eltern: So wirkt er sich auf die Entwicklung aus

Häufiger Streit zwischen Mama und Papa kann der Entwicklung des Kindes erheblich schaden, so das Ergebnis mehrerer Studien. Beachten die Eltern beim Streiten aber einige Regeln, können Kinder von innerfamiliären Konflikten auch profitieren.

Streit kommt in den besten Familien vor – so lautet das schöne Sprichwort. Und es stimmt, nicht immer sind sich alle einer Meinung und es fliegen auch mal die Fetzen. Doch was viele Eltern unterschätzen: Beziehungsstreitereien können ernste Folgen für die Entwicklung des Nachwuchses haben. Das ist das Ergebnis zahlreicher Studien, die in den letzten Jahren weltweit zu diesem Thema durchgeführt wurden.

Häufiger Streit zwischen den Eltern gefährdet die Entwicklung

Im Jahr 2006 warnten zum Beispiel Wissenschaftler der Universität Notre Dame in Rochester und der Katholischen Universität in Washington DC, drunter auch Prof. Dr. Mark Cummings, davor, Streitigkeiten in der Familie auf die leichte Schulter zu nehmen. Das Sicherheitsgefühl und damit die emotionale Stabilität der Kinder seien eng an die Beziehung der Eltern geknüpft. Elterliche Konflikte würden Kindern den Mut und das Selbstvertrauen rauben, sich in der Welt umzuschauen und neue Bindungen einzugehen. So lautete jedenfalls das Fazit zweier Studien, in denen 226 bzw. 232 Familien mit Kindern zwischen Kindergartenalter und Volljährigkeit untersucht wurden.
In den folgenden Jahren wurde das Thema weltweit weiter erforscht. Und fast immer lautete das Ergebnis: Häufige und heftige Streitigkeiten zwischen Müttern und Vätern haben negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von Kindern. So scheinen Kinder aus sehr streit-intensiven Familien häufiger Anpassungsschwierigkeiten zu haben – sie verhalten sich aggressiv oder ziehen sich immer mehr zurück. Außerdem zeigten Untersuchungen ein höheres Risiko für spätere Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Depressionen oder Suchtmittelmissbrauch bei Kindern aus hochstrittigen Familien.

Vor allem kleine Kinder sind gefährdet

Insbesondere kleine Kinder sind von den potenziellen Auswirkungen elterlicher Konflikte gefährdet. Schon Babys und Kleinkinder spüren Feindseligkeiten, können aber weder das Warum verstehen, noch die Konsequenzen elterlicher Konflikte vorhersehen. Sie merken einfach nur: Da ist was faul – und das schürt Unsicherheit. Später wird aus der Unsicherheit schließlich Angst, die Eltern könnten sich trennen, die Familie zerbrechen. Und so sehen sich Kinder mit verstrittenen Eltern immer wieder in der Verantwortung, zwischen Mama und Papa zu vermitteln oder sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Was das für ein Ausmaß an emotionalem Stress für die Kleinen bedeutet, kann sich sicher jeder vorstellen. Insbesondere dann, wenn Mama oder Papa die Wut und Enttäuschung über den jeweils anderen am Kind auslassen und schimpfen: „Dein Vater… / Deine Mutter…“

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Wenn Kinder Streit haben

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Heißt das, Eltern sollten sich niemals vor den Kindern streiten?

Jein. Zumindest im Baby- und Kleinkindalter sollten Eltern ihre Konflikte möglichst nicht vor den Kindern austragen. Wichtig ist in dem Zusammenhang aber auch, die Kinder nicht spüren zu lassen, dass da noch irgendetwas Ungeklärtes in der Luft hängt. Ab einem bestimmten Alter ist das jedoch nicht mehr so leicht möglich und die Kinder spüren, dass ihnen eine heile Welt nur vorgespielt wird. Etwa ab dem Grundschulalter sind Kinder in der Lage, zu verstehen, dass Konflikte zwischen den Eltern hin und wieder vorkommen können, ohne, dass jeder Streit die Beziehung der beiden belastet. Voraussetzung dafür ist, dass die Eltern fair streiten und an einer konstruktiven Konfliktlösung arbeiten. Das bedeutet:
➤ Im Streit sollte es immer sachlich bleiben! Konflikte, in denen sich die Eltern persönlich beleidigen und abwerten, haben nachweislich einen erheblich negativen Einfluss auf das Wohlbefinden des Kindes und sind tabu, egal in welchem Alter.
➤ Die Elternteile sollten gemeinsam und aktiv an einer Lösung des Konflikts arbeiten und ihn nicht ungelöst auslaufen lassen.
➤ Streitgespräche sollten grundsätzlich in ruhigem Tonfall geführt werden. Es darf auch mal laut werden – schließlich sind Emotionen im Spiel – solange die Diskussion aber sachlich bleibt.
➤ Kinder sollten das Ende des Streits erfahren – entweder, weil sie bei der Konfliktlösung anwesend sind oder indem man ihnen im Anschluss erklärt, worauf man sich geeinigt hat. Denn: Ein gut gelöster Streit hinterlässt ein ebenso entspanntes Kind, als hätte es gar keinen Streit gegeben, so ein Ergebnis der eingangs zitierten Studie vom Prof. Mark Cummings.
➤ Für Themen, über die immer wieder gestritten wird, sollte dringend eine langfristige Lösung oder ein Kompromiss gefunden werden. Notfalls sollte die Hilfe einer Familienberatungsstelle in Anspruch genommen werden.
Außerdem gilt: Kinder sind aus reinen Beziehungsstreitereien zwischen Vater und Mutter herauszuhalten! Eltern sollten ihre Wut nicht beim Kind abladen und schlecht über den anderen Elternteil reden. Das ist ein absolutes No-Go, denn erstens tragen Lästereien und Beschimpfungen nichts zur Konfliktlösung bei. Und zweitens hinterlassen solche abwertenden Kommentare über den jeweils anderen Elternteil tiefe Spuren in der Seele des Kindes – schließlich liebt es beide.

Kinder können auch aus Konflikten der Eltern lernen

Halten sich die Eltern an die oben genannten Streitregeln, können Kinder aus Konflikten innerhalb der Familie aber auch eine Menge lernen. Wie man richtig streitet zum Beispiel, oder welche Strategien es gibt, um gemeinsam eine Lösung für ein Problem zu finden. Sie lernen, dass es manchmal nötig ist, Kompromisse einzugehen, aber auch, wie man den eigenen Standpunk zu einem Thema vertreten kann, ohne dabei die andere Konfliktpartei abzuwerten. Außerdem lernen sie, dass ein Streit nicht gleich das Ende einer guten Beziehung bedeutet, sondern dass man nach einem Streit immer wieder zueinander finden und gestärkt daraus hervorgehen kann.

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Wie Kinder Konflikte lösen und Streit schlichten

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Dürfen wir vor unseren Kindern streiten?

Viele Eltern sind daher verunsichert, ob sie überhaupt vor den Kindern zanken dürfen: „Ich bin hin- und hergerissen, ob, wie und worüber man denn im Beisein der Kinder streiten darf“, berichtet auch Marion Mantschuk* (36), Mutter von zwei Mädchen (3 und 1,5 Jahre). Anlass für ihre Verunsicherung war ein Streit zwischen ihr und ihrem Mann darüber, wer am Wochenende die Kinder hüten sollte. „Ich bin schwanger und war an diesem Tag auch noch krank, ich wollte mich deshalb gern etwas hinlegen. Mein Mann aber hatte geplant, noch am Schreibtisch zu arbeiten.“ Beide hatten trotz des Konflikts aber nicht vergessen, dass die ältere Tochter zuschaute. „Ich habe zuerst zu Margareta gesagt: ‚Ich muss jetzt mal mit dem Papa streiten!’. So wusste sie, dass der Krach nichts mit ihr zu tun hatte“, erzählt Marion. „Und hinterher, als wir uns geeinigt hatten, haben wir uns umarmt. Ich finde so eine Geste wichtig, damit Margareta sieht, dass wir uns wieder vertragen.“ Vor dem Schlafengehen hat die Dreijährige dann noch einige Male nach dem elterlichen Zank gefragt. „Beim Mittag- und Nachtschlaf besprechen wir immer, was bisher am Tag alles gewesen ist. Ich habe dann nochmal erklärt, dass der Papa arbeiten wollte, die Mama aber krank war und sich hinlegen wollte. Und dass auch sie ja manchmal wütend wird, wenn sie etwas anderes möchte als wir“.

Ein solcher konstruktiver Streit kann für Kinder eine wichtige Erfahrung sein, denn: „Wenn ein Elternteil ständig nachgibt und seine Interessen zurückstellt, dann lernt das Kind keine Streitkultur kennen – spätere Konflikte sind vorprogrammiert“ betont Psychologe Andreas Engel. Ein Kind sollte also erleben, dass es wichtig und richtig ist, seine Meinungen und Interessen zu vertreten – notfalls auch gegen Widerstand. Dass man außerdem auch heftige Gefühle wie Enttäuschung und Frust mal äußern muss. Und dass man schließlich gemeinsam Lösungen finden kann, mit denen alle zufrieden sind. Dass ein Elternkrach solch eine Vorbildfunktion hat, funktioniert nur mit einigen Spielregeln:

  • Das Kind nicht mit einbeziehen
  • Sind Kinder Zeugen des Streits, müssen die Eltern ihnen sofort sagen, dass der Krach nichts mit ihnen zu tun hat. Kinder dürfen im Streit auch keine Funktion auferlegt bekommen. Sie sollten also nicht als Schiedsrichter angerufen werden („Du findest doch auch Quatsch, was der Papa sagt?!“) und nicht zu Kommentaren aufgefordert werden („Nun hör’ dir das an, die Mama spinnt doch, oder?“). Auch dürfen sie nicht als Mittel zur Erpressung oder Verletzung des anderen missbraucht werden („Ich gehe, und die Kinder siehst du dann nie wieder!“).

    Streit, bei dem es direkt um die Kinder geht (Erziehung, Schulschwierigkeiten), sollte möglichst gar nicht vor ihnen ausgetragen werden. Denn hier sollten Eltern souverän auftreten und Einigkeit zeigen. Möchte man den Partner aber im Erziehungsalltag in einer bestimmten Situation rasch ausbremsen und kann nicht warten, sollte man dies nur knapp und ohne große Diskussionen tun: „Einmal drohte mein Mann Margareta damit, dass das Christkind nicht kommt, wenn sie das Inhalieren (wegen ihrer Bronchitis) verweigert. Das konnte ich so nicht stehen lassen. Ich habe aber andererseits nicht gewusst, ob ich ihn nun direkt vor dem Kind kritisieren sollte“, berichtet Marion. Sie löste und entschärfte die Situation, indem sie sagte: „Nein, der Papa hat natürlich nur Spaß gemacht!“, ohne ihn vor der Tochter verbal anzugreifen.

    Auch Auseinandersetzungen, die das Liebesleben der Eltern betreffen, sind nicht für Kinderohren bestimmt. Ohrenzeuge von Eifersucht, Vorwürfen wegen eines angeblichen Flirts oder Seitensprungs oder auch von sexuellen Problemen zu werden, sind keine Bereicherung fürs Kind. Bis die Eltern allein sind, hilft hier der augenzwinkernde Rat Tucholskys im eingangs zitierten Gedicht: „Zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht // und macht das Gesicht für den bösen Streit // lieber, wenn ihr allein seid“.

  • Kühler Kopf statt kalter Wut
  • Nicht nur wegen der Kinder gilt: Auch mit Wut im Bauch sollte man den Kopf niemals ganz abschalten. Eine Prise Selbstbeherrschung gehört dazu. Beschimpfungen wie „Du bist eine Null“, „Blöde Kuh“ und natürlich erst recht körperliche Attacken sind absolut tabu. Kinder lieben beide Eltern, eine Abwertung von Mama oder Papa ist für sie unerträglich. Streitbegrenzend wirkt es, beim konkreten Anlass zu bleiben und nicht alles auszugraben, was einem irgendwann aufgestoßen ist („immer“, „ständig“, „und überhaupt“). Wird die Wut zu groß, sind selbstbezogene Wutäußerungen („Ich könnte platzen!“, „Ich fass’ es nicht!“) immer noch besser als Verbalattacken gegen den anderen. Geht gar nichts mehr, sollte man lieber den „Kampfplatz“ verlassen, und sich später (am selben Tag) noch einmal mit kühlerem Kopf zusammenfinden. Auch hier sollte das Kind die folgende Versöhnung unbedingt miterleben.

  • Auf eine Lösung hin streiten
  • Streit ist kein Selbstzweck, um Dampf abzulassen. Es geht auch nicht um Sieger und Besiegte. Auseinandersetzungen sind nur dann für Kinder verträglich, wenn am Ende eine Lösung oder einen Kompromiss gefunden wird. Damit der Streit Sinn macht, müssen daher beide Partner bereit sein, über ihren Schatten zu springen und einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Kinder müssen sehen, dass man hierdurch nicht das Gesicht verliert. Ist es aber immer derselbe, der nachgibt, bleibt ein übler Nachgeschmack, denn offenbar hat hier doch jemand „verloren“.

  • Am Ende muss die Versöhnung stehen
  • Am Ende jedes Krachs sollte immer eine sichtbare Versöhnung stehen, und zwar möglichst zeitnah – zum Beispiel bis spätestens vor dem Zubettgehen. Nur so kann das Kind den Streit als „halb so schlimm“ und als abgeschlossen wahrnehmen. Wichtig ist dabei nicht nur eine Aussöhnung mit Worten, sondern auch mit Gesten. Eine Umarmung zeigt dem Kind, dass alles wieder gut ist zwischen den Eltern. Anschließend kann man auch noch ausdrücklich sagen, dass die Eltern sich trotz des Streits gegenseitig lieb haben. Man kann den eigenen Streit auch mit dem Zank unter Kindern vergleichen und sagen: „Weißt du noch, wie wütend du neulich auf dein Geschwisterchen/deinen Freund warst? So ging es uns vorhin auch.“

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