Schreiben nach gehör

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Von Maria Wetzel 27. März 2019 – 14:58 Uhr

Fata oder Vater? Seit Jahren streiten Pädagogen darüber, ob es sinnvoll ist, dass Kinder anfangs nach Gehör schreiben lernen. In Baden-Württemberg wird eine klare Linie gefahren, Ausnahmen gibt es fast keine mehr.

Wer fehlerlos schreiben will, muss viel üben. Foto: dpa

Stuttgart – Die Grundschüler in Nordrhein-Westfalen dürfen nicht mehr nach Gehör schreiben. Vom kommenden Schuljahr an soll die umstrittene Lernmethode nicht mehr eingesetzt werden. „Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden“, erklärte Kultusministerin Yvonne Gebauer (FDP). Dabei soll den Lehrern ein neues Heft mit dem verbindlichen Rechtschreibwortschatz helfen.

Beim „Schreiben nach Gehör“ schreiben Kinder die Wörter zunächst so, wie sie sie hören – etwa „Fata“ statt „Vater“. Korrekturen sollen in den ersten zwei Jahren nicht stattfinden, damit die Schüler die Freude am Schreiben nicht verlieren. Seit Jahren streiten Pädagogen und Wissenschaftler über diese Methode. Gegner machen sie für die schwache Rechtschreibung vieler Schüler verantwortlich.

Rechtschreibrahmen für Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg ist Grundschulen seit 2016 nicht mehr erlaubt, dass Kinder nach Methoden lernen, bei denen sie über einen längeren Zeitraum hinweg nicht auf Fehler hingewiesen werden. In einem Erlass hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) den Grundschullehrern mitgeteilt, dass sie frühzeitig auf die richtige Schreibweise achten müssen. In Einzelfällen gab es zuletzt noch Beschwerden von Eltern, dass sich Schulen nicht streng daran hielten.

Zusammen mit dem Rat für deutsche Rechtschreibung hat das Land einen so genannten Rechtschreibrahmen herausgegeben, der seit diesem Schuljahr für die Klassen 1 bis 10 der öffentlichen Schulen verbindlich ist. Zudem gebe es Fortbildungen zum Schreibenlernen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Geplant sei außerdem ein Grammatikrahmen, um Schülern die deutsche Grammmatik besser zu vermitteln.

Experiment „Schreiben nach Gehör“ endlich gestoppt

Pressemitteilung – Stuttgart, den 03.02.2020

Pressemitteilung – Stuttgart, den 17.12.2016 Konsequenter Druck der AfD und die Hartnäckigkeit der Abgeordneten Stefan Räpple und Christina Baum führten nun zum Ende eines, laut MdL Stefan Räpple, „irrigen Bildungsexperiments“ an den Grundschulen.
Die Kinder dürfen nun in den ersten beiden Schuljahren wieder richtig schreiben und lesen lernen.
Die AfD forderte im Landtag vehement die Rückkehr zum bewährten Rechtschreibunterricht und erhöhte in den Landtagsdebatten und Ausschüssen den Druck auf die Landesregierung.
Räpple sagte wörtlich: „Das Experiment der verantwortungslosen Bildungsideologen an den Pädagogischen Hochschulen ist gescheitert.“ Seit der Bildungsplanreform unter Schwarz-Gelb im Jahre 2004 konnten Lehrkräfte frei entscheiden, welche Methode angewandt werden sollte. Die negativen Ergebnisse aus anderen Bundesländern wurden jahrelang ignoriert. Seit über 10 Jahren praktizierten immer mehr der direkt von den Hochschulen kommenden Lehrer diese Methode.
Beim „Schreiben nach Gehör“ handelt es sich um eine, an Baden-Würrtembergs Grundschulen, weit verbreitete, Methode, bei der die Kinder in den ersten beiden Grundschulklassen so schreiben dürfen, wie sie die Wörter hören und dann schreiben wollen. Der Lehrer darf nicht korrigieren. Zum Beispiel „Fata“ für Vater und „Muda“ für Mutter. Erst im 3. Schuljahr begann man, die korrekte Rechtschreibung zu vermitteln.
Die VERA-Studie (Vergleichsarbeiten in der Schule) in Klasse 8 haben in diesem Jahr die Fehler, die bereits vor 10 Jahren gemacht wurden, deutlich sichtbar gemacht. Eine Generation von Schülern hat nun unwiederbringlich nicht richtig lesen und schreiben gelernt. Kultusministerin Eisenmann hatte keine andere Wahl, als dieses unselige Projekt nun zu beenden.
Räpple fordert darüber hinaus mit Nachdruck ein duales Lehramtsstudium für alle Lehrkräfte. Sie sollen bereits nach dem ersten Semester mit in den Schulalltag eingebunden werden, so wie es auch bei anderen Berufsausbildungen erfolgreich realisiert ist. Damit sollen eine praxisnahe Ausbildung gewährleistet und derart unrealistische Lehrmethoden für die Zukunft verhindert werden.

MdL Stefan Räpple und MdL Christina Baum im Landtag zum Thema „Schreiben nach Gehör“
Dummschule? AfD stoppt Bildungsexperiment!

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Fibelprinzip statt Schreiben nach Gehör – NRW stellt Rechtschreibunterricht um

„Fata“, „Hunt“ und „Mama, ich hap dich lip“ – wenn Grundschüler so drauflos schreiben, dann kocht bei vielen Eltern die Wut hoch. Damit ist nun auch im Bundesland Nordrhein-Westfalen mit Beginn des Schuljahrs 2019/2020 Schluss. „Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden“, erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Mit einem Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer und erstmals auch mit einem verbindlichen Grundwortschatz will man künftig den Rechtschreibunterricht an den Grundschulen stärken.

Vorgesehen ist, dass die Methode „Schreiben nach Gehör“ nicht mehr in Reinform unterrichtet wird. In dem 70-seitigen Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer gibt es fachdidaktische Informationen und konkrete Hinweise für einen systematischen Rechtschreibunterricht. Darüber hinaus soll ein Grundwortschatz mit 533 Wörtern von allen Grundschülern bis zur vierten Klasse erlernt werden.

Die Methode „Schreiben nach Gehör“ oder „Lesen durch Schreiben“ ist in den letzten Jahren allgemein zum Sündenbock für das sinkende Rechtschreibniveau geworden. Das umstrittene Konzept des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen aus den 1980er-Jahren steht inzwischen in vielen Bundesländern auf dem Index. Jahrelang sollten ABC-Schützen nach dieser Methode anfangs nach Gehör schreiben, ohne von Lehrenden oder Eltern korrigiert zu werden.

In Hamburg, Schleswig-Holstein, Bayern und Baden-Württemberg sowie in den meisten Bundesländern im Osten Deutschlands kommt „Lesen durch Schreiben“ nicht zum Einsatz. Bestätigt fühlen sich die Kritiker durch eine Bonner Studie, wonach Grundschüler Orthografie am besten nach der klassischen Fibelmethode lernen, also erst Buchstabe für Buchstabe und dann ganze Wörter.

Mehr als jeder fünfte Viertklässler in Deutschland erfüllt bei der Rechtschreibung laut einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) aus dem Jahr 2016 die Mindeststandards nicht.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn nur zwei bis drei Prozent der Grundschulen wenden bundesweit die Methode des Schreibens nach Gehör in Reinform an, so die Schätzungen. „Das ist so ein Schlagwort, aber nicht die Unterrichtsrealität“, sagt Anne Deimel vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Das reine „Lesen durch Schreiben“ nach der Reichen-Methode werde kaum praktiziert.

Hanna Sauerborn, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, sieht vor allem das zu späte Korrigieren als eines der Hauptprobleme. Der Grund für sinkende Rechtschreibleistung sei nicht allein das Schreiben nach Gehör, meint Sauerborn. „Sie werden ein so komplexes Bedingungsgefüge nicht auf einen Faktor reduzieren können.“ Zu heterogen seien die Klassen heutzutage. Letztlich komme es immer auf den Lehrer an.

Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, räumt ein: „Die abfallenden Rechtschreibleistungen beobachten wir nicht nur in den Ländern, die sehr stark auf die Lesen-durch-Schreiben-Methode gesetzt haben.“ Auch in den Ost-Bundesländern, wo die Methode nie verbreitet war, sinke das Niveau. „Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen“, so Meidinger.

So spiele das zusammenhängende Lesen nur noch eine geringere Rolle bei Kindern. Stattdessen würden täglich Hunderte Kurznachrichten gelesen. „In sozialen Netzwerken spielt die Rechtschreibung keine Rolle“, kritisiert Meidinger. Lehrende gäben inzwischen die Rückmeldung, dass Schüler Quellentexte oder literarische Texte nicht mehr verstehen.

Auch Bildungsforscher Hans Brügelmann sieht viele Ursachen des Rechtschreibdramas. „Seit Jahrzehnten wird über die Rechtschreibkatastrophe geklagt“, sagt er. „Schon frühere Studien haben immer wieder schlechte Rechtschreibleistungen erbracht.“ Relativieren will Brügelmann nichts. „Aber die Illusion, wenn wir wieder so unterrichten würden wie früher, dann hätten wir das Problem nicht, die müssen wir uns abschminken.“

rh/bwar (mit dpa)

Ein tolles Aufregerthema ist die Schreiblernmethode Schreiben nach Gehör, die wissenschaftlich Lesen durch Schreiben heißt. Viele irritierte Eltern und konservative Lehrerverbände machen sie dafür verantwortlich, dass Grundschulkinder schlecht in Rechtschreibung sind. Die Methode funktioniert mit einer Anlauttabelle, aus der sich die Kinder die Buchstaben zusammensuchen sollen, die sie brauchen, um ein Wort zu schreiben. Dabei machen sie ständig Fehler. Sollen sie beispielsweise „Vater“ schreiben, stoßen sie in der Tabelle neben dem Buchstaben F auf ein Bild eines Fahrrads und erkennen: Fahrrad klingt am Anfang so wie Vater, also schreiben sie „Fata“ statt „Vater“. Das kommt oft vor und ist in der Methode vorgesehen. Erst kommt das Ausprobieren, die Rechtschreibung ist später dran.

Jetzt bekommen die Kritikerinnen und Kritiker Rückenwind von einer Studie, die geprüft hat, welche Lernmethode am ehesten zu guter Rechtschreibung führt: Es ist die gute alte Fibel, mit der die Rechtschreibung Schritt für Schritt gepaukt wird. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) fordert Konsequenzen aus den Forschungsergebnissen – und viele stimmen ein. Etwa der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, der fordert, die umstrittene Schreiblernmethode zu beenden, um „möglichst schnell weiteren Schaden von unseren Grundschulkindern abzuwenden“.

Es ist immer verlockend, eine einfache Lösung für komplexe Probleme zu präsentieren. Wer immer wieder Tonne, Tanne, Tasse schreibt, weiß irgendwann, wo die doppelten Konsonanten stehen – nur dass die Hälfte der Klasse sich schrecklich langweilt.

Leider hat die Studie nämlich nicht danach gefragt, welche Methode Lust auf Schreiben und Lesen macht. Auch nicht danach, wer später Texte besser versteht und sich schriftlich frei ausdrücken kann. Ja, vielleicht wurde eine Zeit lang Rechtschreibung nicht ernst genug genommen. Aber wie viel Kreativität würde wieder verloren gehen, wenn man die Zeit zurückdreht? Wenn nur noch gepaukt und nicht mehr ausprobiert wird? Wer weiß das?

Die Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt

Außerdem kommt die Studie zu spät, denn die Schreiben-nach-Gehör-Methode wird nur noch selten dogmatisch angewandt. An manchen Schulen durften Lehrerinnen und Eltern bei deren Einführung den Schülerinnen und Schülern bis zum Ende der zweiten Klasse nicht verraten, dass die Wörter eigentlich anders geschrieben werden – um die Kinder nicht zu demotivieren. Viele Kinder haben zwar irgendwann auch ohne Hilfe richtig geschrieben, andere aber nicht. Sie hätten konkrete Hilfe gebraucht, um Rechtschreibstrukturen zu erkennen und anzuwenden.

Diese dogmatische Lehrweise gibt es nach Einschätzung vieler Experten kaum noch. Viele Lehrer lassen die Kinder zwar erst frei schreiben, geben ihnen aber sehr schnell Hinweise, wie ein Wort richtig aussieht. Sie kombinieren mehrere Methoden, so wie sie meinen, dass es für ihre Schüler am besten passt. In manchen Bundesländern wurde die Schreiben-nach-Gehör-Methode wieder abgeschafft, wie es viele der Kritikerinnen fordern. An vielen Schulen in Deutschland aber können die Pädagogen selbst entscheiden, welche Methoden sie anwenden.

Dabei stehen sie vor großen Herausforderungen. Immer mehr Grundschüler sind Migranten oder haben ausländische Wurzeln. Viele von ihnen können noch nicht gut Deutsch, wenn sie in die Schule kommen. Außerdem lernen inzwischen viele Kinder mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen in regulären Grundschulklassen, die früher an Förderschulen unterrichtet wurden. Migration und Inklusion sind wahrscheinlich die Hauptursachen für die schlechteren Leistungen in der Grundschule. Und nicht etwa die Vernachlässigung der Fibel.

Studien haben längst gezeigt: Auf die Methoden kommt es weniger an als auf engagierte Lehrer, die sich Zeit nehmen können für jedes einzelne Kind. Wer also mehr Übungen braucht, sollte auch mal in einer Fibel üben. Wer dabei schnell unterfordert ist, sollte frei schreiben dürfen. Individuelle Förderung, mehr Deutsch- und Förderunterricht – das hilft. Das aber lässt sich nicht so einfach einlösen. Da ist es einfacher, eben mal die Fibel für alle zu verordnen.

Schreiben nach Gehör: Das hat es damit auf sich

Was heute meistens als Schreiben nach Gehör bezeichnet wird, heißt offiziell Lesen durch Schreiben oder manchmal auch Freies Schreiben. Ersonnen hat das Konzept der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen. Dahinter steht der Gedanke, dass Kinder schnelle Erfolge beim Schreiben erzielen und so stärker motiviert werden. Außerdem sollen ihre Kreativität und Selbstständigkeit gefördert werden. In Deutschland wurde Schreiben nach Gehör in den 1990er-Jahren eingeführt.

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Wie funktioniert Schreiben nach Gehör?

Kinder in der Grundschule schreiben Wörter einfach so auf, wie sie sie hören. Als Hilfe dient dabei in der ersten Klasse die sogenannte Anlauttabelle, die jedem Buchstaben ein Bild zuordnet. Zum A gehört dann ein Apfel, zum B ein Baum usw. Hört das Kind die gesprochenen Wörter „Schreiben nach Gehör“, interpretiert es selbst, ob im Wort „Schreiben“ ein E-I steckt oder ein A-I. Viel hängt auch von der klaren Aussprache der Lehrer ab. Sonst wird aus „Schreiben nach Gehör“ schnell „Schraim nach Gehöa“.

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Warum Schreiben nach Gehör so umstritten ist

Die Lernmethode Schreiben nach Gehör kann nur funktionieren, wenn eine engagierte Lehrkraft eine kleine Schülergruppe betreut und immer wieder korrigierend und erklärend eingreift. Im Idealfall verstehen die Schüler selbst, dass ihre Schreibweise noch nicht der korrekten Rechtschreibung entspricht. Schritt für Schritt wandeln sie die erst auf Verdacht geschriebenen Wörter in orthografisch korrekte Schreibweisen um.

Leider fehlt diese umfassende Betreuung häufig, weil die Klassen zu groß oder die Lehrer nicht engagiert genug sind. Oft wird erwartet, dass die Eltern zu Hause nachbessern und mit den Kindern die richtige Rechtschreibung üben. Dies erfolgt jedoch nicht immer und kann zum Beispiel von Eltern mit Migrationshintergrund, deren Deutsch nicht perfekt ist, gar nicht geleistet werden. So fallen diese Kinder beim Schreiben nach Gehör früh zurück, und soziale Unterschiede zementieren sich noch stärker als ohnehin.

Viele Kinder tun sich zudem schwer mit dem Wechsel vom bereits eingeschliffenen falschen Schreiben zur korrekten Rechtschreibung. Sie müssen sozusagen noch einmal von vorne anfangen und lernen, dass es eben nicht „Ich schpile gärn mit Ponnis“ heißt, sondern „Ich spiele gerne mit Ponys“. Von Motivation herrscht dann keine Spur mehr.

Schreiben nach Gehör – wirklich eine gute Lehrmethode?

Viele engagierte Eltern fragen sich daher, ob Grundschüler mit dem freien Schreiben nicht überfordert sind. Sie befürchten, dass die Kinder später große Schwierigkeiten haben werden, die deutsche Rechtschreibung sicher zu erlernen und zu beherrschen. Einige Mütter und Väter glauben sogar, dass schwächere Schüler durch das Schreiben nach Gehör zu Legasthenikern werden. Wissenschaftler schätzen diese Risiken jedoch als minimal ein. Sie räumen allerdings ein, dass es beim Schreiben nach Gehör länger dauern kann, bis Schüler die Regeln der deutschen Orthographie sicher anwenden.

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Positive Effekte durch Schreiben nach Gehör

Grundschüler erzielen mit dieser Art des Lernens schnelle Fortschritte beim Schreiben. Es gelingt ihnen schon nach wenigen Wochen, ganze Sätze – wenn auch in katastrophaler Rechtschreibung – zu formulieren. Damit gewinnen sie die Möglichkeit, sich schriftlich auszudrücken. Dieser Erfolg besitzt eine motivierende Wirkung und macht Dein Kind stolz. Außerdem liest es an der Tafel sowie in Schul- und Kinderbüchern ausschließlich richtig geschriebene Wörter. Auch dies bewirkt, neben dem späteren Erlernen der Regeln, auf lange Sicht stets eine deutliche Verbesserung der Rechtschreibung.

Eine Generation partieller Analphabeten wächst heran

Kürzlich war die neunjährige Tochter einer Bekannten zu Besuch bei ihrem gleich­altrigen Cousin in Luxem­burg. In deutscher Recht­schreibung war er ihr weit über­legen. Wohl­gemerkt, für ihn ist es eine Fremd­sprache! Deshalb haben wir Meinungen zu so Dingen wie Schreiben nach Gehör, Lesen nach Schreiben, Recht­schreib­werk­statt und wie es alles heißt. Die Meinungen dabei reichen vom dramatischen „Verbrechen an den Kindern“ bis zum resignierten „Zur Not gibt’s doch in jedem Computer Recht­schreib­programme“. Ich gehöre eher zur dramatischen Fraktion. Zu den Leuten, die glauben, dass da eine Generation von partiellen Analphabeten heran­gezogen wird, denen man spätestens in der fünften Klasse ihre Anlaut­tabellen um die Ohren hauen wird, weil man ihre seltsamen Texte eigentlich nur noch mit einem Über­setzungs­programm versteht. „Wie konnte das bloß passieren?“, wird in regel­mäßigen Abständen nach irgendeinem PISA-, Vera- oder Sonstwas-Test gefragt. Und das ist dann die Stunde von uns Zweiflern.

Keine Angst vor Frustration, bitte!

Für alle fortschrittlich denkenden Menschen sind wir Zweifler die­jenigen mit dem geistigen Rohr­stock. Weil eines ja eigentlich allen – außer uns Zweiflern – klar sein müsste: Kinder dürfen nicht mit zu vielen Regeln frustriert werden, damit man ihnen nicht die Freude am Schreiben verdirbt. Wer so argumentiert, muss erstens eine sehr schlechte Meinung von den Fähig­keiten der Grund­schul­lehr­kräfte haben, dass sie anders als mit Wischiwaschi-Methoden ihre Schüler­innen und Schüler nicht begeistern können. Zweitens: Warum eigentlich nicht auch mal frustrieren? Ist etwa auch die gute alte Frustrations­toleranz mit der korrekten Recht­schreibung abgeschafft worden? Nein, keine Angst, Frustrations­toleranz steht nur etwas später im Rahmen­lehr­plan. Der Sohn einer Bekannten lernt es gerade in der fünften Klasse auf dem Gymnasium – im Crash­kurs. Jahre­lang durfte er schreiben, wie er wollte, seit den Sommer­ferien wird aller­dings von ihm eine einiger­maßen korrekte Recht­schreibung erwartet. Kann er natürlich nicht, was bei fast jeder Klassen­arbeit zu einer Note Abzug führt. Aber zum Glück ist er nicht schon in der Grund­schule demotiviert worden.

Lesen und Schreiben lernen nach Stein­zeit-Methoden? Einverstanden!

Als meine Tochter eingeschult wurde, haben die Kinder gleich in der zweiten Woche das erste Diktat geschrieben. Dann gab es Lern­wörter. Die mussten tatsächlich gelernt werden. Jeden Montag Diktat. Anschließend die Berichtigung. Das klingt nach Stein­zeit, scheint aber genauso gut zu funktionieren wie in all den Jahr­zehnten davor. Sie schreibt gut und gern. Das ist nicht repräsentativ? Was ist schon repräsentativ?

Jetzt fällt es mir ein: Repräsentativ ist die Studie mit über 3.000 Schul­kindern über drei­ein­halb Jahre, nach deren flüchtiger Lektüre man die ganzen neu­modischen Recht­schreib­methoden eigentlich nur dahin befördern kann, wo schon das andere Zeug liegt: die Früh­ein­schulung, das jahr­gangs­über­greifende Lernen oder das Abitur nach 12 Jahren, das lauter Kinder produziert, die keinen blassen Schimmer haben, was sie einmal werden wollen, wenn sie groß sind.

Und nun also dieses Schreiben nach Gehör und Co. Nach flüchtiger Recherche – aber das reicht, um uns Eltern so richtig auf die Palme zu bringen – scheint es keinerlei wissen­schaftlichen Beweis zu geben, dass diese Methoden funktionieren, außer blumigen Beteuerungen. Dafür aber jede Menge Studien, die das Gegen­teil beweisen. Die wenigen Beispiele, wo es doch funktioniert hat, wurden in Gegenden gemacht, in denen das Gelingen vielleicht weniger mit der Methode oder der schnellen Auf­fassungs­gabe ausgerechnet dieser Kinder zu tun hat, sondern damit, dass die sehr bürgerlichen Eltern dort eben doch korrigieren. Spaß her oder hin. Und wenn die Mütter und Väter das leider nicht können? Sei es, weil sie keine Zeit haben oder die Recht­schreibung eventuell noch schlechter beherrschen als ihre Kinder? Dumm gelaufen.

Schreiben nach Gehör – wenn das Gehirn auf der falschen Fährte ist

Das Problem, so meinte kürzlich eine Bekannte, die auf dem Gebiet forscht, sei, dass das Gehirn einmal falsch Gelerntes niemals wieder verlernen könne. Sie und eine Reihe von Gehirn­forschern nennen es „Gedächtnis­spuren“. Einfach gesagt könne das Gehirn dann zwar eine weitere Spur mit dem richtigen Wort über die Spur mit dem falschen legen, aber bei Stress oder nach längerer Zeit werde eben doch die erste aktiviert. Stress? Vermutlich meint sie Diktate.

Ich gehöre zu den Eltern, die nicht verstehen können, wie man etwas so Großes wie eine Methode zum Erlernen des Schreibens ohne vorherige Studien einfach mal so einführen konnte, sie aber nicht genauso einfach wieder abschaffen kann, wenn sich heraus­stellt, dass sie nicht funktioniert. Erste Bundes­länder tun es oder prüfen zumindest ein Verbot. Und schon kommen wieder Kritiker der Kritiker und sagen, man müsse nun wirklich mal den Grund­schul­lehrern über­lassen, wie sie unter­richten wollten. Wirklich? Hat man das bei der Einführung der Methoden auch so gesagt?

Elternwunsch: Bitte weniger Ideologie und wieder mehr Empirie!

Das ist es, was uns Eltern wirklich wütend macht. Schul­versuche. Siehe eben auch „JüL“ („Jahr­gangs­über­greifendes Lernen“) oder Früh­ein­schulung. Lauter bahn­brechende Dinge, die bestimmt gut gemeint sind und in Einzel­fällen vielleicht sogar funktionieren: in kleinen Klassen, mit genügend Lehrern, hoch motivierten Schülern. Aber eben auch nur dann.

Wir Eltern sind gar nicht so. Wir freuen uns, wenn unseren Kindern das Leben leichter gemacht werden soll. Aber doch nicht so leicht. Und wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte: weniger Ideo­logie, mehr Empirie. Sonst sind das alles keine Reformen, sondern lediglich Versuche am lernenden Objekt.

Bbitieenitsulidigenzidasihnitsiraybenkan. Mit diesem Wortungetüm verweigerte in den 1970er Jahren der türkischsprachige Schüler Ferhat das Diktatschreiben (Bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht schreiben kann). So sieht bei einem intelligenten mehrsprachigen Kind ein „Schreiben-wie-man-hört-Text“ aus. Ferhat wollte damals mitteilen, dass er Deutsch zwar schon sprechen, aber nicht regelgerecht schreiben kann. Also schrieb er in der Not, gesteuert von seinen stark türkisch geformten Hörgewohnheiten, trotz seiner Rechtschreibdefizite drauflos.

Zur gleichen Zeit suchte der Schweizer Lehrer Jürgen Reichen nach einer Methode, um Grundschulkinder vom öden Schreib- und Leseunterricht mit der Fibel zu befreien, wo so aufregende Wörter wie „Oma“ und „Mimi“ Kinder zum Lesen und Schreiben verführen sollen. Er entwickelte die Lehrmethode „Schreiben nach Gehör“, die eigentlich „Schreiben, wie man hört“ heißen müsste, damit Kinder lustbetonter die Schriftsprache lernten, indem sie ihre persönliche Schreibung erfinden konnten.

Eine Studie gibt den Fibel-Fansn recht

Dieser Ansatz fand beim rechtschreibkritischen Lehrpersonal in Deutschland große Unterstützung. Endlich schien fortschrittlicher Unterricht möglich.

Nach fast 40 Jahren „Schreiben nach Gehör“ gab es nun eine ernst zu nehmende Vergleichsstudie der Universität Bonn. Untersucht wurden 3000 Grundschulkinder, die nach verschiedenen Schreiblernmethoden unterrichtet wurden. Eindeutiges Ergebnis: Am Ende der 4. Klasse schnitten Fibelkinder am besten ab. Besonders Schüler nichtdeutscher Muttersprache profitierten von dieser Methode. „Schreiben nach Gehör“-Lerner machten dagegen 55 Prozent mehr „Fela“.

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Dennoch ist diese Methode in Berlin, wo mehr als 44 Prozent der Grundschüler eine andere Herkunftssprache als Deutsch sprechen und deshalb Laute auch anders hören, weitverbreitet. Fazit: 60 Prozent dieser Kinder erreichten 2018 in der Vergleichsuntersuchung bei Drittklässlern nicht einmal die Minimalanforderungen in Rechtschreibung. Das darf so nicht bleiben. Auch Methodenfreiheit hat Grenzen.

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Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, Kindern die Schriftsprache nahezubringen. Jahrelang wurde Schreiben mit der Fibel unterrichtet: Die Lehrperson führte einzelne Buchstaben und Wörter schrittweise aufeinander aufbauend und nach festen Vorgaben ein, gelernt wurde mit der Fibel. Daher die Bezeichnung Fibel-Methode. Allerdings geriet diese konservative Methode irgendwann in die Kritik: Zu langsam, wenig motivierend sei sie, würde Kinder in ihrem Lerneifer ausbremsen und frustrieren.

Eine andere Methode wurde als „Lesen durch Schreiben“ oder „Schreiben nach Gehör“ bezeichnet. Die Methode geht davon aus, dass sich Kinder die Schriftsprache in großen Teilen selbst erarbeiten können. Eine Anlauttabelle zeigt zu jedem Buchstaben des Alphabets ein kleines Bild, die Bilder sind alphabetisch geordnet. Aus Bilderfolgen wie Ameise – Pferd – Fuß – Elefant – Lampe können sich die Kinder dann das Wort A – P – F – E – L zusammensetzen und lernen so, ihre Texte selbst zu schreiben. Denn was über Bilder für ein Wort funktioniert, geht auch umgekehrt. Allerdings ist die Methode umstritten, denn deutsche Kinder scheinen in letzter Zeit immer mehr Schwierigkeiten zu haben, korrekt zu schreiben. Heinz-Peter Leidinger (Präsident des Deutschen Lehrerverbands) mahnte dementsprechend, dass es problematisch sein könnte, wenn Grundschulen ausschließlich oder vorwiegend nach dieser Methode unterrichten würden.

Streit unter Pädagogen

Indirekt unterstellte Herr Meidinger damit vielen Grundschullehrern und -lehrerinnen, schlechte Arbeit zu leisten. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek empfahl nach Bekanntwerden einer Studie, die „Lesen durch Schreiben“ mit schlechter Rechtschreibung in Verbindung brachte, diese Methode generell zu überdenken. Was wiederum für Aufregung seitens der Lehrerverbände sorgte. Denn in den meisten Bundesländern steht es den Grundschullehrkräften frei, mit welcher Methode sie arbeiten. Sie müssen lediglich die Lehrpläne einhalten, die Schüler und Schülerinnen also zum Ziel bringen.

Durch diese Freiheit wurden in den letzten Jahrzehnten beide Methoden entweder exklusiv oder in Mischformen eingesetzt, abhängig von den einzelnen Lehrkräften und ihren Präferenzen. So werden teilweise Rechtschreibfehler in den Texten der motivierten Erstklässler angestrichen, die Schüler und Schülerinnen zu Korrekturen anhalten. In anderen Schulen passiert das nicht, wieder andere Schulen lassen die Kinder nur Texte mit Wörtern verfassen, die die Kinder bereits durch Abschreiben auswendig gelernt haben. Und andere Lehrkräfte erklären die Rechtschreibregeln und lassen die Schüler und Schülerinnen danach arbeiten, sowie sie anfangen, selbständig Texte zu schreiben. Das ist bei der Arbeit nach „Schreiben nach Gehör“ normalerweise sehr viel früher als der Lehrplan vorsieht.

Studie steht kleineren Enthebungen entgegen

Die Studie in Frage wurde mit 3.000 Kindern in Nordrhein-Westfalen durchgeführt, die nach ganz unterschiedlichen Methoden Schreiben lernten. Und die Studie ist bislang nicht vollständig veröffentlicht. Es ist also gar nicht klar, ob die Lehrkräfte der studierten Kinder überhaupt nicht korrigierten oder hin und wieder die Rechtschreibung korrigierten. Bislang ist nicht einmal die Methode „Lesen durch Schreiben“ beziehungsweise „Schreiben nach Gehör“ genau definiert, sodass die geschilderten Mischformen ebenfalls darunter fallen würden.

Der Studie entgegen stehen Erhebungen, die immer mal wieder unter den Schulen einzelner Städte, unter verschiedenen Jahrgangsstufen etc. durchgeführt werden. Diese Erhebungen bringen nämlich gar kein eindeutiges Ergebnis hervor. Selbst wenn die soziale Herkunft der untersuchten Kinder einbezogen wird, bildungsnahe und bildungsferne Elternhäuser berücksichtigt werden und die sogenannten „Brennpunktschulen“ herausgerechnet werden, ist nicht klar, ob die Methode „Lesen durch Schreiben“ wirklich rechtschreibschwache Schüler und Schülerinnen generiert. Wenn das so wäre, wäre das ein sehr brisantes Ergebnis.

Hängen Rechtschreibfertigkeiten nur von der Methode ab?

Bildungswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sind überzeugt, dass die Methode alleine nicht dafür verantwortlich ist, wie gut oder schlecht Kinder sich die Rechtschreibregeln aneignen. Auch das Verhalten der Lehrpersonen gegenüber den Kindern, das Umfeld, das Klassenklima und der Hintergrund der Kinder spielen eine Rolle. Und da wird dann auch klar, warum die verschiedenen Methoden eben doch ihre Berechtigung haben: Leistungsstärkere Kinder profitieren von einem offenen Unterricht wie bei der Methode „Lesen durch Schreiben“ sehr stark. Bei leistungsschwachen Schülern und Schülerinnen ist allerdings das Gegenteil der Fall, sie können mit der Fibel-Methode besser lernen. Was tut man aber bei Klassenstärken von 20 und mehr Kindern, die alle einen anderen Hintergrund haben, aus unterschiedlichen Elternhäusern kommen und unterschiedlich motiviert sind? Es gibt keine Methode, alle gleichermaßen profitieren zu lassen.

Heterogene Klassen machen das Unterrichten nach reinen Methoden schwer

In den Regelklassen der Grundschulen sitzen längst nicht mehr nur deutsche Kinder mit biodeutschem Hintergrund und durchschnittlicher Lernbegabung. Die Klassen werden immer heterogener, weil Kinder mit Behinderungen und/oder Lernschwierigkeiten genauso an den Grundschulen unterrichtet werden wie migrierte Kinder, die zu Hause gar nicht Deutsch sprechen. Dass die „Schreiben nach Gehör“-Methode in ihrer reinen Art (also ohne Korrektur durch die Lehrkräfte) dann gar nicht funktionieren kann, ist den Lehrkräften vermutlich klar. Denn genau da dürfte der Grund liegen, weshalb die Methode in der Regel gar nicht rein, sondern in einer Mischform mit der Fibel-Methode angewandt wird. Ob das in der Politik auch so klar ist?

Mehr Kinder in Lerntherapiepraxen durch „Schreiben nach Gehör“?

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass die genannte Methode einen Boom in den Lerntherapiepraxen nach sich ziehen würde. Die deutsche Rechtschreibung ist nicht einfach, denn nur etwa 7 % der Wörter werden lauttreu geschrieben. Daher führt „Schreiben nach Gehör“ zu vielen Falschschreibungen. Prägen sich diese fehlerhaft geschriebenen Wörter ein, würde das eine Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) begünstigen, so der Vorwurf. Wer dies allerdings unterstellt, berücksichtigt nicht, was LRS eigentlich ist: Bei der Lese-Rechtschreibschwäche kommt es zu Fehlverarbeitungen zwischen den lautverarbeitenden und sprachverarbeitenden Bereichen im Gehirn, und insbesondere ähnliche beziehungsweise gespiegelte Buchstaben wie b und d, p und q sowie u und n werden durcheinandergeworfen. Kinder, die unter diesen Problemen leiden, benötigen eine besondere Förderung und sind auch mit der Fibel-Methode bislang immer in den entsprechenden Lerntherapiezentren vorstellig geworden.

Unbestritten ist indes, dass die Methode „Schreiben nach Gehör“ für Kinder mit LRS, mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Familien nicht optimal ist und ohne besondere Aufmerksamkeit durch das Lehrpersonal nicht funktioniert. Aber ob Brandenburgs Schüler und Schülerinnen nach einem Verbot der „Schreiben nach Gehör“ Methode in der nächsten Pisa-Studie in den Feldern Lesen und Schreiben besser abschneiden, ist abzuwarten. Die SPD-zugehörige Bildungsministerin Britta Ernst setzte das Verbot bereits im Herbst 2018 durch, in Baden-Württemberg und Hamburg wird die Methode schon länger nicht mehr genutzt. Der Lehrerverband fordert ein flächendeckendes Verbot der Methode.

Düsseldorf (dpa) – „Fata“, „Hunt“ und „Mama, ich hap dich lip“ – wenn Grundschüler so drauflos schreiben, dann kocht bei vielen Eltern die Wut hoch. „Lesen durch Schreiben“ heißt die Methode, die allgemein zum Sündenbock für das sinkende Rechtschreibniveau geworden ist.

Das umstrittene Konzept des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen (1939-2009) aus den 1980er Jahren steht inzwischen in vielen Bundesländern auf dem Index. Jahrelang sollten ABC-Schützen nach dieser Methode anfangs nach Gehör schreiben, ohne von Lehrern oder Eltern korrigiert zu werden.

Kürzlich verordnete auch Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer ( FDP ) den Grundschullehrern eine neue Handreichung, die die wilden Anfangsschreibversuche der Schüler wieder einfangen soll. „Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden“, erklärte Gebauer. Mehr als jeder fünfte Viertklässler in Deutschland erfüllt bei Rechtschreibung laut einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) die Mindeststandards nicht.

Reichen-Methode kommt selten zum Einsatz

In Hamburg und Schleswig-Holstein ist die umstrittene Methode des Schreibens nach Gehör schon verboten. Auch in Bayern oder Baden-Württemberg sowie in den meisten Ost-Bundesländern kommt „Lesen durch Schreiben“ nicht zum Einsatz. Bestätigt fühlen sich die Kritiker durch eine Bonner Studie , wonach Grundschüler Orthografie am besten nach der klassischen Fibelmethode lernen, also erst Buchstabe für Buchstabe und dann Wörter.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Denn nur zwei bis drei Prozent der Grundschulen wenden bundesweit die Methode des Schreibens nach Gehör in Reinform an, so die Schätzungen. „Das ist so ein Schlagwort, aber nicht die Unterrichtsrealität“, sagt Anne Deimel vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Das reine „Lesen durch Schreiben“ nach der Reichen-Methode werde kaum praktiziert. Deimel ist selbst Grundschullehrerin. Lehrkräfte ließen die Kinder beim Erlernen der Rechtschreibung nicht allein, betont sie. Der richtige Methodenmix sei der Schlüssel zum richtigen Schreiben. „Nicht für jedes Kind ist jeder Ansatz gleich gut“, sagt Deimel.

Korrigieren ist wichtig

In der dritten Klasse einer Grundschule im Düsseldorfer Norden schreiben die Kinder fast fehlerlos ihre kleinen Geschichten. „Pitza“ statt „Pizza“ ist einer der ganz wenigen Fehler. Lehrerin Monika L. (58) ist seit fast 30 Jahren im Schuldienst und hat sogar noch das Heft mit Reichens Methode in ihrem Bücherschrank. In einem gibt sie Reichen zumindest ein bisschen Recht: „Wenn ich nicht nach Gehör arbeite, lerne ich gar nichts.“ Problematisch werde es aber, wenn es kein Korrektiv gebe. Nie wäre L. auf die Idee gekommen, die Schüler nicht zu korrigieren.

Lehrerin L. setzt auf ein viel differenzierteres Lautlernsystem als die einfache Anlauttabelle Reichens, die nur die Anfangsbuchstaben von Wörtern Lauten zuordnete. „Es ist auch entscheidend, wo im Wort der Laut sitzt, ob die Silbe betont ist oder nicht“, sagt sie. Der neue Leitfaden für NRW ist für sie die Bestätigung der Methoden, die sie seit Jahren praktiziert. „Für mich war da nichts neu.“

Rechtschreibung sei nun mal ein komplexer Vorgang, in dem viele Sinne wie Sprechen, Sehen, Motorik und besonders das Hören eine Rolle spielten. Ihre Schüler sollen deshalb beim Schreiben immer die Silben mitsprechen. „Natürlich regt sich die halbe Elternschaft darüber auf, dass die Kinder nicht mehr gescheit schreiben lernen“, sagt L. Die Gründe dafür seien aber ein „großes Paket“. Mangelnde Konzentration, schreibmotorische Probleme – all das gehöre dazu.

Sinkendes Rechtschreibniveau hat mehrere Ursachen

Hanna Sauerborn, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, sieht das zu späte Korrigieren als eines der Hauptprobleme. „Es hat sich im Fach Deutsch die absurde Haltung eingebürgert, Fehler nicht mehr von Anfang an zu verbessern“, moniert sie. In Mathe würden Fehler ja auch korrigiert. Der Grund für sinkende Rechtschreibleistung sei aber nicht allein die die Reichen-Methode, meint Sauerborn. „Sie werden ein so komplexes Bedingungsgefüge nicht auf einen Faktor reduzieren können.“ Zu heterogen seien die Klassen heutzutage. Letztlich komme es immer auf den Lehrer an.

Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, räumt ein: „Die abfallenden Rechtschreibleistungen beobachten wir nicht nur in den Ländern, die sehr stark auf die Lesen-durch-Schreiben-Methode gesetzt haben.“ Auch in den Ost-Bundesländern, wo die Methode nie verbreitet war, sinke das Niveau. „Es ist ein ganzes Bündel von Ursachen.“

So spiele das zusammenhängende Lesen nur noch eine geringere Rolle bei Kindern. „Sie lesen halt keine Bücher mehr“, sagt Meidinger. Stattdessen würden täglich Hunderte Kurznachrichten gelesen. „In sozialen Netzwerken spielt die Rechtschreibung keine Rolle.“ Lehrer gäben inzwischen die Rückmeldung, dass Schüler Quellentexte oder literarische Texte nicht mehr verstehen.

Auch Bildungsforscher Hans Brügelmann sieht viele Ursachen des Rechtschreibdramas. „Seit Jahrzehnten wird über die Rechtschreibkatastrophe geklagt“, sagt er. „Schon frühere Studien haben immer wieder schlechte Rechtschreibleistungen erbracht.“ Relativieren will Brügelmann nichts. „Aber die Illusion, wenn wir wieder so unterrichten würden wie früher, dann hätten wir das Problem nicht, die müssen wir uns abschminken.“

  • Mitteilung der Universität Bonn

Schreiben nach Gehör wird abgeschafft

Was unsere Kinder in den ersten Schuljahren beigebracht bekommen, sollte eine solide Basis für die künftigen, noch wesentlich leistungsorientierteren Jahre schaffen. Vermittelt werden erste Kenntnisse im Rechnen, an einigen Schulen auch immer häufiger bereits Englisch als erste Fremdsprache und natürlich auch Deutsch. Das Alphabet, bestimmte Wörter oder auch ganze Sätze sollten in der vierten Klasse in jedem Fall fehlerfrei von jedem Kind aufs Papier gebracht werden. Doch aktuell ist das immer seltener der Fall.

Schreiben nach Gehör: Eine Methode von Jürgen Reichen

Die Schreiben-nach-Gehör-Methode wurde von dem Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelt und galt einst als eine gute Möglichkeit, um den Schülern die deutsche Rechtschreibung beizubringen. Das Ergebnis der letzten Jahre zeigt allerdings, dass das Rechtschreibniveau bei dieser Lehrmethode immer weiter sinkt. Laut einer Studie des Instituts für Qualitätssicherung im Bildungswesen erfüllt jede*r fünfte Viertklässler*in bei der Rechtschreibung noch nichteinmal die Mindeststandards.

Schreiben nach Gehör: Verbot in Hamburg & Schleswig-Holstein

Aus diesem Grund haben Bundesländer wie Hamburg und Schleswig-Holstein das umstrittene Konzept bereits verboten. Auch Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) verordnete zuletzt, dass Grundschullehrer künftig wieder verstärkt kontrollieren müssen, ob Schüler von Anfang an richtig schreiben: „Die Regeln der deutschen Rechtschreibung können und müssen von der ersten Klasse an gelernt werden“, erklärte sie.

Bisher durften Grundschüler in den Klassen 1 und 2 nach Gehör schreiben, und erst ab der 3. Klasse sollte die Rechtschreibung die volle Beachtung finden. Um die Kinder nicht zu demotivieren und ihre Schreiblust nicht zu hemmen, sollten neben den Lehrer*innen auch die Eltern auf eine Korrektur verzichten. Eine Studie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hat jedoch ergeben, dass Grundschüler die Orthografie am besten erlernen, wenn sie ihnen nach der klassischen Fibelmethode beigebracht wird. Heißt: Erst Buchstabe für Buchstabe und dann über einzelne Wörter.

Die Probleme gehen viel tiefer

Die Probleme bei der Rechtschreibung seien allerdings nicht nur dem umstrittenen Prinzip zuzuschreiben, erklärte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger: „Die abfallenden Rechtschreibleistungen beobachten wir nicht nur in den Ländern, die sehr stark auf die Lesen-durch-Schreiben-Methode gesetzt haben.“ Vor allem auch in den Ost-Bundesländern, wo die Methode nie verbreitet war, gibt es immer häufiger Schwierigkeiten. Das habe seiner Meinung nach vor allem damit zu tun, dass viele der Kinder nur noch sehr selten, manche auch gar keine Bücher mehr lesen würden. Der Umgang mit den sozialen Medien verlange einfach keine perfekte Rechtschreibung. Hinzu kommen mangelnde Konzentration und zu heterogene Klassen, in denen die Anforderungen an die Lehrer*innen immer weiter steigen.

Künftig werden gerade deshalb noch weitere Herausforderungen auf die Politik, die Lehrer*innen und die Eltern zukommen. Ein Verbot der Schreiben-nach-Gehör-Methode kennzeichnet somit nur den ersten von vielen weiteren Schritten.

Umfrage

Was ist Civey?

Schreiben nach Hören – Schreiben nach Gehör – Lesen durch Schreiben

Fragen und Antworten zum Schreiben mit einer Anlauttabelle

Schreiben und Rechtschreiben gehören von Anfang an zusammen! Argumente dafür aus Praxis, Fachdidaktik und Forschung finden Sie in den folgenden Fragen und Antworten zur Anlauttabelle. Sie können die Informationen hier lesen oder den Text als Paper (A4, Stand 2019) oder als Broschüre (A5, Stand 2019) ausdrucken.

Informationen für Kolleginnen und Kollegen, Eltern und andere Interessierte

Was bedeutet „Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“?

„Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“ sind vereinfachende und zugleich missverständliche Formulierungen, die landläufig für das Konzept „Lesen durch Schreiben“ verwendet werden. Dieses Konzept geht auf Jürgen Reichen zurück. Er entwickelte eine sogenannte Buchstabentabelle , mit Hilfe derer die Kinder viel früher als sonst üblich schreiben, indem sie den gehörten Lauten eines Wortes die entsprechenden Buchstabenformen zuweisen. Und genau dadurch – das war Reichens Überzeugung – lernen sie lesen. Er bezeichnet sein eigenes Konzept als „lesedidaktisches Prinzip“ (1988). Die Buchstabentabelle wurde von ihm also nicht vorrangig für das Schreiben- oder Rechtschreibenlernen entwickelt, sondern für das Lesen. So erklärt sich auch die Bezeichnung „Lesen durch Schreiben“. Konzepte wie „Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“ existieren in der Fachdidaktik nicht. Die Buchstabentabelle ist bei Reichen eingebunden in einen Unterricht (Werkstattunterricht), durch den das Kind zur Selbststeuerung des Lernens und zum eigenständigen Denken angeregt werden soll. Sie ist nur ein Baustein eines umfassenden und klar strukturierten Materialangebots für das Lesen- und Schreibenlernen.

Heute spricht man in der Regel von Anlauttabellen oder von Lauttabellen (da auch Laute abgebildet werden, die am Wortanfang gar nicht auftreten). Reichen hat die Entwicklung des Anfangsunterrichts wohl beeinflusst (so findet sich heutzutage kaum eine Fibel ohne Anlauttabelle), in der Praxis aber wird seine Konzeption selten so umgesetzt, wie er sie konzipiert hat. Wenn heute mit einer Anlauttabelle im Unterricht gearbeitet wird, dann erfolgt ergänzend immer die Arbeit an Lauten, Buchstaben und anderen Strukturen der Schriftsprache. Die Tabelle ist dafür ein hilfreiches Medium. Oft wird die Arbeit mit der Tabelle mit einem Kurs zur Einführung der Buchstaben verbunden und häufig durch sogenannte Rechtschreibgespräche ergänzt.

Schreiben mit einer AnlauttabelleEigene Texte gemeinsam lesenEinen eigenen Text dem Freund vorlesen

Wie lernt man mit einer Anlauttabelle das Schreiben?

Auch wenn die Anlauttabelle ursprünglich für das Lesenlernen konzipiert wurde, kann man mit ihr sehr gut das Schreiben lernen. Dafür wird den Kindern aber keinesfalls einfach eine Anlauttabelle in die Hand gedrückt, denn diese alleine führt ebenso wenig zum Schreiben wie das Anschauen eines Buches zum Lesen. Unter der Anleitung der Lehrperson lernen die Kinder, sich auf der Tabelle zu orientieren und den abgebildeten Gegenständen die passenden Begriffe zuzuordnen Das ist besonders wichtig für Kinder mit anderen Erstsprachen. Mit Hilfe der Wörter auf der Tabelle lernen die Kinder, Laute wahrzunehmen (T wie Tisch), zu unterscheiden (N oder M) und diese schließlich Buchstaben zuzuordnen. Entsprechende Spiele, Lieder oder Raps unterstützen diesen Prozess.

Spiele, Lieder oder Übungen: siehe http://www.beate-lessmann.de/anfangsunterricht/spiele-lieder-uebungen

Zunächst schreiben die Kinder gemeinsam mit der Lehrperson (oder im jahrgangsübergreifenden Lernen mit einem schreiberfahreneren Kind). Genau dabei trainieren sie, Worte in ihre lautlichen Bestandteile zu zerlegen und den wahrgenommenen Lauten die passenden Buchstaben zuzuordnen. Der Prozess der Zuordnung von Laut und Buchstabe ist die Basis eines jeden Lese- und Schreibprozesses, unabhängig davon, ob mit einer Fibel oder einer Anlauttabelle gelernt wird. Die Anlauttabelle ist aber ein geeignetes Werkzeug, um die Fähigkeiten des Zuordnens zu erwerben und Regelmäßigkeiten wie Unregelmäßigkeiten von Schreibweisen zu erkennen und zu bedenken (s. Frage und Antwort zum Rechtschreibenlernen). Sobald die Kinder im Umgang mit der Tabelle Sicherheit zeigen, schreiben sie ihre Texte alleine oder zu zweit. Das kann bei einigen Kindern bereits nach wenigen Wochen der Fall sein und bei anderen zum Ende des 1. Schuljahrs.

Der Vorteil gegenüber der Fibel, bei der in der Regel alle im Gleichschritt die Buchstaben in einer festgelegten Reihenfolge lernen: Keiner wird überfordert und dadurch schon früh entmutigt. Keiner wird unterfordert, muss sich langweilen und in der Folge den Unterricht stören. Jeder schreibt auf seinem Niveau. Und das Wichtigste: Wenn Kinder schon nach wenigen Wochen ihre eigenen Wörter und Texte schreiben, dann erleben sie Schule als Ort, an dem ihre Gedanken und Ideen wichtig sind – kurzum sie erleben, dass ihre Person in der Schule zählt.

Interviews mit Erstklässlern zeigen, wie wichtig Kindern das Schreiben werden kann, wenn sie von Anfang ihre eigenen Texte schreiben und wie sehr sich die Kinder auf genau diese Momente des Schulalltags freuen. Dass sie über das Schreiben eigener Texte inhaltsreiche und außerordentlich gut formulierte Texte schreiben lernen, zeigen Textbeispiele aus dem 1. Schuljahr (s. Text: Die Eule, geschrieben am Ende des 1. Schuljahres).

Textbeispiele: siehe http://www.beate-lessmann.de/schreiben/schuelertexte/tagebuchtexte

Präsentationstext von Laurens Teil 1Präsentationstext von Laurens Teil 2Präsentationstext von Laurens Bild

Und wann lernen Kinder eigentlich, „gute Texte“ zu schreiben?

Falls Sie diese Frage überspringen wollen, geht es Ihnen leider so, wie vielen Politikern. Bei ihnen ist die Meinung weit verbreitet, ein guter Text sei ein rechtschriftlich korrekter. Natürlich ist die richtige Schreibweise auch ein wichtiger Aspekt, es ist aber eben nur einer unter anderen.
Schreiben lernt man durch Schreiben – und durch Nachdenken über Schreiben. Wer selten oder nie einen eigenen Text verfassen darf, ist im Nachteil. Wer regelmäßig und von Anfang an, eigene Geschichten, Ideen und Gedanken schreiben darf, ist im Vorteil, denn er entwickelt Fähigkeiten, Texte so zu schreiben, dass ein Leser oder Hörer sie gerne liest bzw. hört. Wer zusätzlich noch über die Machart seiner Texte im Dialog mit den Adressaten sprechen lernt, wie es etwa in der sogenannten Autorenrunde (Leßmann 2013a) der Fall ist, der erfährt, wie man Texte schreibt, mit denen man andere unterhalten oder informieren kann – also wie man bei einem Adressaten eine bestimmte Wirkung erzielt.

Autorenrunde: siehe http://www.beate-lessmann.de/schreiben/autorenrunde

Wer nur schreiben darf, was die Fibel oder die Lehrperson vorgibt, der hat weniger Chancen, gute Texte schreiben zu lernen. In der öffentlichen Diskussion über das Schreiben im 1. Schuljahr wird leider nicht danach gefragt, wie viele Texte die Kinder eigentlich mit dieser oder jener Methode schreiben, worüber sie schreiben, wie sie ihre Texte formulieren und wie sie es schaffen, die Rezipienten ihrer Textes beispielsweise zu erfreuen, zu unterhalten oder zu informieren.
Wer Kindern diese Fähigkeiten nicht zutraut, der schaue bitte die Textbeispiele, Interviews oder Filmsequenzen aus dem Unterricht des 1. Schuljahres auf meiner Homepage an. Ich bin sicher, Sie sind erstaunt, zu welchen Ergebnissen und zu welchen Einsichten Kinder gelangen, die mit einer Anlauttabelle das Schreiben gelernt haben!

Textbeispiele: siehe http://www.beate-lessmann.de/schreiben/schuelertexte/tagebuchtexte

Kann man mit einer Anlauttabelle auch Rechtschreiben lernen?

Anlauttabellen wurden nicht dafür entwickelt, Rechtschreibung zu lernen. Sie sind aber ein nützliches Lernmedium, um zahlreiche elementare Regularien der deutschen Schriftsprache daran zu erarbeiten – eingebettet in das Schreiben von eigenen Texten. Die meisten Anlauttabellen folgen einer gründlich durchdachten und sprachwissenschaftlich fundierten Logik, durch die Grundmuster der Schriftsprache bereits erkennbar werden. Dazu gehört die Unterscheidung von großen und kleinen Buchstaben, von kurz und lang klingenden Vokalen oder von stimmhaft und stimmlos gesprochenen Konsonanten, um nur einige Beispiele zu nennen, die für die Rechtschreibung relevant sind. Beim Schreiben mit einer Anlauttabelle stoßen Kinder auf zahlreiche Fragestellungen (Großer oder kleiner Buchstabe?), die nicht aus der Tabelle selbst heraus beantwortet, aber anhand ihrer thematisiert werden können. Konkret geschieht dies im Unterricht in zahlreichen Situationen, nämlich wenn

  • die Kinder einer Klasse mit der Lehrperson gemeinsam schreiben,
  • die Lehrperson einzelne Kinder beim Schreiben unterstützt,
  • die Schreibweisen sogenannter Minimalpaare verglichen werden,
  • die graphische Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben verstehend geübt wird,
  • in Rechtschreibgesprächen Regelhaftigkeiten thematisiert werden.

Die „Privatschreibungen der Kinder“ (Spitta 2015), wie die nicht normgerechten Schreibungen von Kindern am Anfang gerne genannt werden, sind Anlass für eine Auseinandersetzung mit den Strukturen der Schrift. Das Ziel besteht darin, Schreibweisen zu verstehen und erklären zu können. Vom sturen Auswendiglernen von Wörtern und Regeln ist es abzugrenzen. Privatschreibungen sind von Anfang an Anlass zum Lernen. Sie sind ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Erwachsenenschreibung. Die Gespräche über die Rechtschreibung werden im Laufe des 1. Schuljahres ergänzt durch Übungen zur Rechtschreibung, die den Kindern individuell zugewiesen werden (Leßmann 2014). Wer „lieba“ statt „lieber“ schreibt, erhält eine Übung zum –er am Wortende. Der Nachbar erhält eine ganz andere Übung. Spätestens ab dem 2. Schuljahr werden zusätzlich Wörter geübt, und zwar vor allem jene, die Kinder in ihren Texten nicht richtig schreiben. Es geht also um verstehendes Lernen und effektives Üben – und das ohne Über- und Unterforderung. Wer noch von „Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“ spricht, der verkennt die Potenziale von Anlauttabellen.

Übungen zur Rechtschreibung: siehe http://www.beate-lessmann.de/anfangsunterricht

Eigene Texte schreibenFehlerschwerpunkte und Übungswörter aus eigenen Texten Übung aus der Rechtschreibbox: Karte 16-1, Nomen (Vorderseite)

Warum ist das Thema Rechtschreiben im 1. Schuljahr ein Reizthema?

Wenn ein Kind sprechen lernt, erprobt es über einen langen Zeitraum das Bilden von Lauten, das Formen von Wörtern und das Konstruieren immer länger werdender Sätze. Erproben heißt, es macht nicht alles sofort richtig gemäß der sprachlichen Konventionen. Wir reagieren darauf wohlwollend, vermutlich weil wir darauf vertrauen, dass auch dieses Kind richtig sprechen lernen wird und weil wir wissen, dass diese Phase des Sprechenlernens nicht übersprungen werden kann. Geduldig versuchen wir, das Kind so zu unterstützen, dass es nicht überfordert und entmutigt wird. Keiner würde einer Zweijährigen die falsche Bildung des Konjunktivs anlasten oder gar ihren Eltern vorwerfen, sie würden ihr Kind nicht richtig anleiten. Der Weg zur Norm ist immer von Erprobungen und Verwerfungen gekennzeichnet. Das gilt auch für das Schreibenlernen. Den Kindern in der Schule beim Erwerb der Schriftsprache diesen Raum zu nehmen, hieße, ihnen wertvolle Entwicklungsschritte zu nehmen. Es hieße auch, ihnen die wichtigste Erfahrung des Schreibens und dessen Ziele vorzuenthalten – sich selbst in Schrift auszudrücken und mitzuteilen. Wenn Kinder am Anfang ihrer Sprechentwicklung nur noch sprechen dürften, was sie richtig sagen können, dann würde das den Sinn des Sprechens, nämlich miteinander zu kommunizieren, zerstören.

Warum reagieren wir bei Erprobungen in Bezug auf Schrift aber empfindlicher? Sogar so empfindlich, dass Politiker darüber bereit sind, elementare Schritte des Lernens verbieten zu wollen? Das Spezifikum der Schrift selbst ist der Grund: Erprobungen sind nicht mehr flüchtig wie beim Sprechen, sondern durch Schrift festgehalten, für andere zugänglich und verfügbar – und dieses auch noch Tage nach ihrer Produktion. Genau darin liegt aber der Sinn des Schreibens. Der geliebten Oma nun auch schreiben zu können, wie gern man sie hat, lässt die wichtige Botschaft Zeit und Raum überdauern. Wünsche, Ideen oder Geschichten aufschreiben zu dürfen, beglückt. Sie lesen zu dürfen, auch. Wenn da nicht diese „Unzulänglichkeiten“ in der Rechtschreibung wären, die Omas, Eltern und Politiker besorgt sein lassen. Es ist herausfordernder, „Fehler“ auszuhalten, die auf einem Papier festgeschrieben sind, als jene, die beim Sprechen flüchtig sind. Aus der Möglichkeit der Verschriftung selbst leitet sich erst die Notwendigkeit ab, nun auch noch „richtig“ zu schreiben: Die geliebte Oma soll den Brief schließlich auch gut und gerne lesen. Dafür ist die Rechtschreibung da.

Schreiben- und Rechtschreibenlernen erfordern – anders als das Sprechenlernen – professionelle Unterstützung. Deshalb lernt man Schreiben in der Schule. Lehrkräfte, Eltern und Politiker, die wissen, dass es sich bei den Privatschreibungen von Kindern um ein Durchgangsstadium handelt, das für den Schriftspracherwerb eine wichtige Funktion leistet, werden Kinder auch in dieser Entwicklungsphase geduldig und wertschätzend begleiten.

Wer besorgt über die Rechtschreibung von Schreibanfängern ist, wird nichts damit erreichen, die Anlauttabelle als eines ihrer nützlichsten Werkzeuge zu verbieten und damit zugleich das Schreiben von eigenen Texten aus dem Anfangsunterricht zu vertreiben. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Schule überhaupt, Kinder zum Schreiben guter Texte anzuhalten. Ohne die Bedeutung des Schreibens erfahren zu dürfen, macht Rechtschreibung keinen Sinn. Wer besorgt ist, sollte für einen guten Unterricht eintreten, der Schreiben und Rechtschreiben von Anfang an verbindet.

Rechtschreibgespräche Hörübungen aus der Rechtschreibbox Üben an eigenen Schwerpunkten im 1. Schuljahr

Was sagt die Forschung zum Schreiben mit einer Anlauttabelle?

Zwei metaanalytische Studien, in denen der aktuelle Stand der Forschung zur Wirksamkeit unterschiedlicher Konzepte des Schreiben- und Lesenlernens (wie z.B. Lesen durch Schreiben, silbenanalytische Ansätze, fibelorientierte Leselehrgänge) zusammenfassend dargestellt werden (Funke 2014, Brügelmann/Brinkmann 2012), kommen zu übereinstimmenden Ergebnissen:

  1. Eine Überlegenheit eines Konzeptes über ein anderes konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zwar zeigen sich im Laufe von vier Jahren zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten stärkere oder schwächere Effekte im Rechtschreiben, am Ende der vierten Klasse jedoch zeigen sich keine Unterschiede im Hinblick auf die gemessenen Effekte des Rechtschreiblernen in den unterschiedlichen Konzepten.
  2. Innerhalb einzelner Konzepte werden genauso große Unterschiede in den Erfolgen und Nichterfolgen gemessen wie zwischen unterschiedlichen Konzepten. Man kann also nicht verallgemeinernd von besseren oder schlechteren Konzepten sprechen.
  3. Der Erfolg einer Methode hängt nicht von dem durch die Lehrerin gewählten Konzept ab, sondern maßgeblich von der Qualität des Unterrichts, in dem sie ein Konzept anwendet.

Aus den unterschiedlichen Studien sei hier exemplarisch auf die Studie „BeLesen“ (Schründer-Lenzen/Mücke 2005) verwiesen, in der vier Konzeptionen von „sehr offen“ (Lesen durch Schreiben nach Reichen) bis „sehr eng“ (traditionelle Fibel) verglichen werden. Sie bestätigt, was viele Lehrerinnen und Lehrer im Alltag erfahren: Die Extrempositionen sind weniger erfolgreich als eine Integration von Methoden. Dies bedeutet, dass weder Klassen, in denen ausschließlich mit einer traditionellen Fibel noch Klassen, in denen ausschließlich nach dem Modell „Lesen durch Schreiben“ in seiner ursprünglichen Fassung nach Reichen unterrichtet wurde, am besten abschnitten. Am erfolgreichsten lernen Kinder – und das gilt auch für Kinder, die Deutsch als Zeitsprache erlernen –, wenn eine „strukturierte Spracherfahrung“ ermöglicht wird, wie es der Fall ist, wenn das freie Schreiben mit einer Anlauttabelle und die Betrachtung von Sprachstrukturen verbunden werden. Um genau diese Verbindung geht es in meiner Konzeption von Unterricht (Leßmann 2014/2016).

Die Befürchtung vieler Eltern, dass sich falsche Schreibweisen beim Schreiben mit einer Anlauttabelle einprägen würden, kann als widerlegt gelten. Ebenso die Vermutung, dass ein Erlesen von Wörtern, wie es im Fibellehrgang der Fall ist, die Rechtschreibung positiv beeinflusse. Es ist nachgewiesen, dass Effekte auf das Rechtschreiben größer sind, wenn Kinder unbekannte Wörter zu schreiben versuchen, als wenn sie diese zu lesen versuchen (vgl. Funke 2014).

Einer Studie von Hüttis-Graff (2018) zufolge sind Grundschüler/-innen in Hamburg heute im Rechtschreiben besser als vor 20 Jahren.

Insgesamt bleibt kritisch anzumerken, dass Studien fast ausschließlich die Wirksamkeit von Konzepten in Bezug auf Rechtschreiblernen und Lesen untersuchen. Es gibt kaum Studien, die sich mit der sprachlichen Qualität von Kindertexten jenseits der Rechtschreibung beschäftigen. Allerdings gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass sich die Schreibfähigkeiten in Bezug auf den Ausdruck und die Reichhaltigkeit des Wortschatzes von Kindern innerhalb der letzten vierzig Jahre insgesamt verbessert haben (Steinig/Betzel 2014). Die Frage, ob bei Kindern eine positive Haltung gegenüber dem Schreiben durch die eine oder andere Konzeption eher gestärkt oder geschwächt wird, ist bislang leider noch nicht untersucht (vgl. Funke 2014), wohl aber dass die Haltung für erfolgreiches Lernen entscheidend ist (Hattie 2014).

Literatur

Funke, Reinold (2014): Erstunterricht nach der Methode Lesen durch Schreiben und Ergebnisse schriftsprachlichen Lernens – Eine metaanalytische Bestandsaufnahme. In: Didaktik Deutsch (36), S. 21 – 63.

Hattie, John (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe, durchgesehener Nachdruck der ersten Auflage. Hg. von Wolfgang Beyl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Reichen, Jürgen (2008): Lesen durch Schreiben. Wie Kinder selbstgesteuert lesen lernen. Heft 1. Sabe Verlag Zürich.

Schründer-Lenzen, Agi/Mücke, Stephan (2005): Mit oder ohne Fibel – was ist der Königsweg für die multilinguale Klasse? In: Bartnitzky, Horst/Speck-Hamdan, Angelika: Deutsch als Zweitsprache lernen. Grundschulverband, Beiträge zur Reform der Grundschule. Frankfurt/Main, S. 210 – 220.

Spitta, Gudrun (2015): Für das Schreiben begeistern. Mit Schreibkonferenzen systematisch die Textkompetenz fördern. Berlin: Cornelsen (Lehrerbücherei Grundschule).

„Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“ alleine reicht nicht aus!

Download: Schreiben durch Gehör, Schreiben nach Hören, Lesen durch Schreiben – Fragen und Antworten zur Anlauttabelle

Rote Karte für FUSBAL? – Eine Diskussion zum Freien Schreiben nach Gehör

WIA SCHBILN IMA FUSBAL – darf ein solcher Satz unkorrigiert im Heft eines Erstklässlers stehen? Soll man Schreibanfänger sogar dazu auffordern, Wörter nach Gehör zu verschriften? Oder sollte nur Richtiges in den Heften stehen, damit Falsches sich nicht einprägt? Um diese Fragen ist ein Streit entbrannt, der in Schulen, Familien, Feuilletons und Fachzeitschriften oftmals emotional geführt wird.

Die Autorin analysiert und überprüft die Argumente für und wider das Freie Schreiben nach Gehör und kommt zu dem Ergebnis, dass manche Befürchtungen durchaus berechtigt sind, der allererste Einstieg in das Schreiben jedoch grundsätzlich frei sein kann. Dies gilt allerdings nicht für alle Kinder, z.B. nicht für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen und auch nicht für Kinder mit noch unzureichenden Deutschkenntnissen.

Im zweiten Teil des Buchs kontrastiert die Autorin konkrete didaktische Ansätze im Spannungsfeld zwischen freiem Schreiben und Rechtschreiben von Anfang an:

  • Lesen durch Schreiben nach Jürgen Reichen
  • Freies Schreiben und Rechtschreiben im Spracherfahrungsansatz
  • Rechtschreiben von Anfang an mit eigenen Texten und Elementen eines handlungsorientierten Unterrichts
  • Rechtschreiben von Anfang an im linguistisch fundierten Anfangsunterricht

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