Richard david precht schule

Richard David Precht

Richard David Precht (2015)

Richard David Precht (* 8. Dezember 1964 in Solingen) ist ein deutscher Philosoph und Publizist. Er ist Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Sein Bestseller Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? wurde als Buch im Februar 2008 auf den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste genommen und blieb dort bis Oktober 2012. Precht hält damit den Langzeitrekord auf der Spiegel-Bestsellerliste. Laut Buchreport war es das erfolgreichste deutsche Hardcover-Sachbuch des Jahres 2008 und belegte in den Bestsellern des Jahrzehnts (2000–2010) den dritten Platz.

Herkunft, Studium und berufliche Tätigkeit

Richard David Precht wuchs in einer Familie mit fünf Kindern auf, davon zwei vietnamesische Adoptivkinder, die seine Eltern 1969 und 1972 als Zeichen des Protests gegen den Vietnamkrieg aufgenommen hatten. Sein Vater Hans-Jürgen Precht arbeitete als Industriedesigner bei dem Solinger Unternehmen Krups und beschäftigte sich mit Literatur sowie dem Aufbau und der Pflege einer größeren Privatbibliothek. Die Mutter engagierte sich im Kinderhilfswerk Terre des Hommes. Die Kinder wuchsen in einem linksgerichteten Milieu auf.

Nach dem Abitur im Juni 1984 am Solinger Gymnasium Schwertstraße leistete Precht seinen Zivildienst als Gemeindehelfer bis September 1985 ab. Danach nahm er ein Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln auf und wurde 1994 in Germanistik zum Dr. phil. promoviert. In seiner Dissertation untersuchte er die zentralen Wirkungsstrukturen von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften.

1997 war Precht Arthur F. Burns Fellow bei der Chicago Tribune, 1999 erhielt er das Heinz-Kühn-Stipendium. 2000/2001 war er Fellow am Europäischen Journalistenkolleg in Berlin. Als Essayist schreibt Precht für deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Von 2002 bis 2004 war er Kolumnist der Zeitschrift Literaturen und von 2005 bis 2008 freier Moderator der WDR-Hörfunksendung Tageszeichen (ehemals Kritisches Tagebuch).

Precht war mit der luxemburgischen Fernsehmoderatorin und stellvertretenden Chefredakteurin von RTL Télé Lëtzebuerg, Caroline Mart, verheiratet. Die Ehe wurde geschieden.

Werke

Belletristik

1999 schrieb Precht mit seinem Bruder Georg Jonathan den detektivischen Bildungsroman Das Schiff im Noor. Das Buch spielt im Jahr 1985 und benutzt die dänische Insel Lilleö (in Wirklichkeit: Ærø) als Kulisse für ein kompliziertes Gespinst aus Motiven und Analogie, etwa jener zwischen Theologie und Polizeiarbeit. An der Oberfläche ist das Buch eine Detektivgeschichte um ein versunkenes Schiff und einen lange zurückliegenden Mord. Tiefer liegend handelt das Buch von der Ordnung der Dinge. Auch der Philosoph Michel Foucault fehlt nicht, der in der Gestalt des Restaurators Mikkel Folket auftritt. Das Buch erschien 2009 neu unter dem ursprünglich geplanten Titel Die Instrumente des Herrn Jörgensen.

Der Roman Die Kosmonauten aus dem Jahr 2002 erzählt die Liebesgeschichte und Identitätsfindung der Endzwanziger Georg und Rosalie, die sich in Köln kennengelernt hatten und kurz darauf in das Berlin der Nachwendezeit 1990/91 zusammengezogen waren. Zunächst leben sie das Leben von Bohemiens in Berlin-Mitte, von dem sich Rosalie im Verlauf der Handlung zunehmend distanziert. Sie ändert ihre Einstellungen, verliebt sich in einen anderen Mann und trennt sich schließlich von Georg, um ein bürgerliches Leben zu führen. Am Ende des Romans kommt ihr gemeinsamer Freund Leonhard durch einen tragischen Unfall ums Leben. Parallel dazu erzählt Precht in kurzen Episoden das Schicksal von Sergej Krikaljow, dem letzten Kosmonauten der Sowjetunion.

In dem 2005 erschienenen autobiographischen Buch Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution erinnert sich Precht aus Kinderperspektive an seine Kindheit in den 1970er Jahren zurück, als er in einer politisch links von der SPD Helmut Schmidts orientierten Familie aufwuchs. Gleichzeitig hält er Rückschau auf die weltpolitischen Ereignisse und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR der 1960er, 1970er und 1980er Jahre und beschreibt politische Einstellungen, ideologische Haltungen sowie Alltagsdetails der Epoche. Das Buch wurde 2007 mit Unterstützung vom WDR, SWR und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen verfilmt.

Philosophie

In seinem 1997 erschienenen Buch Noahs Erbe befasst sich Precht mit den ethischen Fragen im Verhältnis von Mensch und Tier und deren gesellschaftlichen Konsequenzen. Dabei plädiert er für einen veränderten Umgang mit Tieren auf der Basis einer „Ethik des Nichtwissens“. Das Buch wurde grundlegend überarbeitet und erschien 2016 neu unter dem Titel: Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen. In vier Teilen – „Das Menschentier“, „Das Tier im Auge des Menschen“, „Eine neue Tierethik“ und „Was tun?“ – schlägt Precht einen Bogen von der biologisch-anthropologischen Frage über die Kultur- Religions- und Philosophiegeschichte der Mensch-Tier-Beziehung hin zu einer philosophischen Neubegründung der Tierethik als „Sensibilisierung“. Der letzte Teil des Buches behandelt praxisbezogene Fragen wie das Tierschutzgesetz, die Jagd, vegetarische Ernährung, Tierversuche, Zoologische Gärten und Artenschutz.

2007 schrieb Precht eine allgemeinverständliche Einführung in grundlegende philosophische Fragen. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? stand viele Jahre auf der Sachbuch-Bestsellerliste.

In seinem 2009 erschienenen Buch Liebe: Ein unordentliches Gefühl befasst sich Precht mit der Biologie, der Evolution, der sozialen und der psychologischen Dimension der Liebe.

2010 erschien Die Kunst, kein Egoist zu sein. Das Buch untersucht unser moralisches Verhalten aus philosophischer, biologischer, entwicklungs- und sozialpsychologischer Perspektive. Im dritten, politischen Teil plädiert Precht für mehr bürgerschaftliches Engagement und für eine Transformation der Demokratie durch neue Formen der Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung.

2011 erschien Warum gibt es alles und nicht Nichts?, ein Buch über philosophische Fragen und ihre Antworten unter Einbeziehung seines Sohnes Oskar, mit dem der Vater bei Spaziergängen durch Berlin ein Frage-und-Antwort-Spiel unternimmt.

2013 veröffentlichte Precht ein Buch zur Bildung und zum deutschen Schulsystem. In Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern übt er eine grundlegende Kritik am bestehenden Bildungssystem und fordert eine „Bildungsrevolution“, weil das bestehende System weder kindgerecht noch effektiv sei.

2015 erschien Erkenne die Welt, der erste Band einer auf drei Bände angelegten populären Geschichte der Philosophie. Das Buch ist keine lexikalische, sondern eine „philosophierende Philosophiegeschichte“ unter besonderem Einbezug von Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Das „gesamte Werk versteht sich als eine Art Fortsetzungsroman der immer gleichen großen Fragen in ihren jeweils neuen Zeitgewändern.“ (S. 19). Der zweite Band Erkenne dich selbst erschien im Herbst 2017. Der dritte und letzte Band soll im Oktober 2019 erscheinen.

In seinem 2018 erschienenen Buch Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft beschäftigt sich Precht mit den Auswirkungen der digitalen Revolution auf die Arbeitswelt, die Psyche, die Gesellschaft und die Politik. Er bemängelt das Fehlen einer gesellschaftlichen Utopiefähigkeit, wodurch der Fortschritt allein der Technik und der Ökonomie überlassen werde, mit gefährlichen Folgen. Precht sagt eine völlige Transformation der Arbeitswelt voraus, in der deutlich weniger Menschen als bisher in festen Arbeitsverhältnissen arbeiten würden. Prognosen, wonach die Digitalisierung ebenso viel bezahlte Arbeit schaffe, wie sie vernichte, hält er für illusorisch. Um die Menschen in Zukunft zu befähigen, ein erfülltes Leben zu führen, sieht er als einzige Möglichkeit die Absicherung durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, mitfinanziert durch Finanztransaktionssteuern. Gesellschaftlich kritisiert er den „Messbarkeitswahn“ und die Verengung des Menschenbildes auf das Quantitative, das er als Anschlag auf die Humanität sieht. Eine Welt nur aus Plänen, ohne echte „Geschichten“, hält er für weniger lebenswert als die derzeitige Lebenswelt in den Industrieländern. Entsprechend fordert er beim Einsatz Künstlicher Intelligenz eine Grenze überall dort, wo Moralität betroffen ist. Das Buch endet mit einem Plädoyer, über die engen Grenzen unseres gegenwärtigen Gesellschaftsmodells hinauszudenken und realistische Bilder einer lebenswerten Zukunft zu entwerfen, in der nicht die Technik, sondern die Humanität im Mittelpunkt steht. Der Soziologe Armin Nassehi lobte das Buch in der FAZ als eine „Streitschrift, die in der Lage ist, das Unbehagen in der und an der Moderne auf den Begriff zu bringen.“ Elisabeth von Thadden schrieb in der ZEIT: „Prechts Weigerung, das Handtuch zu werfen, wirkt gewinnend, wer gibt schon gern auf. Und Prechts Gangart ist klug: Er versteht es, zu fragen, wer „unsere Seelenheimaten vor dem Ausverkauf“ schützen könne, und den Konservativen doch freundlich zu sagen, eine realistische Alternative zu diesem Ausverkauf hätten sie leider nicht anzubieten.“

Fernsehsendung

Das ZDF strahlt seit 2012 unter dem Titel Precht eine Sendereihe zur Philosophie mit ihm aus. Sie ist sechsmal im Jahr an späten Sonntagabenden zu sehen und dauert je 45 Minuten. Regie führt Gero von Boehm.

Herausgeberschaft

Seit Dezember 2010 ist Precht Mitherausgeber der Zeitschrift agora42. Er beklagt, dass es ein gesellschaftliches Fiasko sei, „dass sich Ökonomen kaum noch für Philosophie, Philosophen kaum mehr für Ökonomie interessieren“.

Engagement

Precht ist seit 2013 Schirmherr des Bundesverbandes von Mentor – die Leselernhelfer Hannover e. V. Die Initiative setzt sich für die Förderung leseschwacher Schüler durch engagierte Bürger ein.

Positionen

2011 in Frankfurt am Main

Bedingungsloses Grundeinkommen

Im Rahmen seiner Darlegungen zu Themen wie Digitalisierung, Bürgergesellschaft, Bildung und Armut bezieht Richard David Precht Position für ein BGE. Hierbei zeigt er aus philosophischer Sicht entsprechende Zusammenhänge auf und stellt diese zum öffentlichen Diskurs.

Bürgergesellschaft

In seinem Buch Die Kunst, kein Egoist zu sein tritt Precht für eine Erneuerung der Bürgergesellschaft ein. Philosophisch steht er dem US-amerikanischen Kommunitarismus nahe, der Idee, die Gesellschaft durch höheren bürgerlichen Gemeinsinn zu demokratisieren. Die Verpflichtung von Wirtschaft und Politik auf stetiges Wirtschaftswachstum sieht er als schädlich an und als bedrohlich für Wohlstand und Wohlbefinden. Fragen nach der Verteilungsgerechtigkeit, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich und der Etablierung moralferner Milieus in der Oberschicht ebenso wie in der Unterschicht sieht er als grundlegend an.

Digitalisierung

In zahlreichen Vorträgen, Essays und Interviews beschäftigt sich Precht mit den Folgen der Digitalisierung für unsere Gesellschaft. Er kritisiert, dass die Politik die Digitalisierung nahezu ausschließlich als ein technisches Problem begreife und sich kaum eine andere Frage stelle als die nach der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. Für Precht ist die Digitalisierung dagegen eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die dringend der politischen Gestaltung bedarf. Wenn die Politik nicht schnell genug handele, sieht Precht düstere Zukunftsszenarien: eine auf „Effizienzgewinn“ und „Monopolisierung“ ausgerichtete Gesellschaft bei gleichzeitiger Massenarbeitslosigkeit. Mit dem Informatiker Manfred Broy fordert Precht dazu auf, ein „positives Zukunftsszenario“ zu entwickeln: „Warum zeigen wir nicht, wie aufgrund der Möglichkeiten der Digitalisierung eine neue Form der Gesellschaft, Wirtschaft und Lebensführung entstehen kann?“

Migration

Zum Thema Migration meint Precht, dass „der Exodus der Flüchtlinge aus ihren Heimatländern gerade erst begonnen“ habe. Er werde „die Geografie des 21. Jahrhunderts umformen. Und er wird die Politik der reichen europäischen Länder verändern müssen im Hinblick auf eine neue völkerübergreifende Solidarität.“ In diesem Sinne plädiert er mit Rupert Neudeck für eine flüchtlingspräventive Außenpolitik und eine gezielte Entwicklungshilfe für wenige ausgewählte Länder, um diese tatsächlich entscheidend voranzubringen.

Bildung

Precht ist ein scharfer Kritiker des bestehenden deutschen Bildungssystems, das er weder für effektiv noch für kindgerecht hält. Er fordert eine „Bildungsrevolution“, ähnlich wie jene in den 1960er und 1970er Jahren, um Deutschlands Schulen für eine unter digitalen Vorzeichen völlig veränderte Gesellschaft fit zu machen. Neben Lehrern möchte er kompetente Personen von außerhalb in den Schulalltag einbeziehen. Beispielsweise sollten in Schulen zusätzlich renommierte Praktiker unterrichten, auch solche im Ruhestand. In Fächern wie Mathematik sieht er die Chance, mittels elektronischer Hilfen besser auf den Wissensstand von Schülern und Studenten einzugehen. Ebenso ist er der Meinung, dass Vorlesungen im Grundstudium an der Universität in vielen Fächern heute nicht mehr zeitgemäß seien, da man sich besser eine Einführungsvorlesung eines Nobelpreisträgers zu Hause anschaut, wobei man zurückscrollen kann, wenn man etwas nicht versteht. Für die Lehrerausbildung schlägt er Castings als Auswahlverfahren vor, um wenig begabte Pädagogen frühzeitig auszusieben. Statt für Fachseminare der Lehrerausbildung plädiert er für „Lehrer-Akademien“ nach dem Vorbild von Kunsthochschulen.

Tiere

Im Hinblick auf den Umgang mit Tieren in der Gesellschaft erkennt Precht eine „Schizophrenie“ zwischen Haustierhaltung und hoher Sensibilität vieler Menschen auf der einen und der alltäglichen Praxis der Tierhaltung auf der anderen Seite. Er fordert eine tierethisch orientierte Reform des Rechts hinsichtlich der Aufnahme von Tierrechten in das Tierschutzgesetz und lehnt die weithin noch gesellschaftlich akzeptierte Jagd, Pelztierfarmen, die industrielle Massentierhaltung und -verwertung, Tierversuche, Zootierhaltung und besonders die Versuche an Primaten ab.

Rezeption

Laut Neuer Zürcher Zeitung ist Precht „der einzige zeitgenössische Philosoph, dessen Name zum Phänomen geworden ist“. Precht wird als öffentlicher Intellektueller wahrgenommen, als „Bürgerphilosoph“ (DIE ZEIT), „mediale Allzweckwaffe“ (DER SPIEGEL) und als „Weltbegriffsphilosoph“ (THE EUROPEAN). Seine populärphilosophischen Sachbücher vermitteln aktuelle Themen der gegenwärtigen Philosophie einer breiten Öffentlichkeit. Er steht damit in der Tradition der Popularphilosophie des 17. Jahrhunderts oder populärer Sachbücher aus der Wende zum 20. Jahrhundert und ist daher denselben Kritikpunkten ausgesetzt. Während Befürworter hervorheben, dass er Themen, denen in der Hochkultur oder der akademischen Welt größere Bedeutung zukommt, Breitenwirksamkeit verleiht, wird er von Kritikern in den deutschen Feuilletons oft scharf angegriffen.

Auszeichnungen

  • 1999: Publizistik-Preis für Biomedizin
  • 2011: IQ-Preis der Hochbegabten-Organisation MinD Mensa in Deutschland
  • 2013: AMV Sales Award Sally für Pressefreiheit und Pressevielfalt
    • Deutscher Fernsehpreis 2013 für seine Fernsehsendung Precht in der Kategorie „besondere Leistungen“.
  • 2017: PETA Progress Award für „Tiere denken“

Schriften

Bücher

Aufsätze und Artikel (Auswahl)

  • Die Invasion der Bilder. Niemand stellt Fragen, das Digitalfernsehen antwortet. In: Die Zeit. 8. August 1997
  • Grüne Sorgen, schwarze Visionen. Ökologie in der angstfreien Gesellschaft. In: FAZ. 20. März 1999
  • Nach den Spielregeln der Biologie. Ernst Haeckel und seine heutigen Nachfahren. In: FAZ. 15. Januar 2000
  • Einstürzende Sandburgen. Warum der Schöpfer der „Sphärologie“ ein begnadeter Sprachkünstler und Kritiker, aber kein großer Philosoph ist. In: Literaturen. Juli/August 2004
  • Feigheit vor dem Volk. Wider den verlogenen Menschenrechts-Bellizismus. In: Der Spiegel. Nr. 32, 2009, S. 118–119 (online).
  • Zwei Männer und der Mond. Zu einem seltsamen Hickhack hat sich der Streit zwischen Peter Sloterdijk und der Frankfurter Schule entwickelt. In: Der Spiegel. Nr. 45, 2009, S. 150–152 (online).
  • … und keiner wacht auf. Leben wir noch in einer Demokratie, oder überlassen wir die Politik lieber einer kleinen Führungselite? In: Die Zeit. 24/2010 vom 10. Juni 2010.
  • Soziale Kriege. Vom Unbehagen der bürgerlichen Mittelschicht. In: Der Spiegel. Nr. 39, 2010, S. 176–177 (online).
  • Immer Mehr ist immer Weniger. Wer bestimmt eigentlich über den Fortschritt? In: Der Spiegel Nr. 5/2011, 31. Januar 2011 online
  • Vom Schlingern der Galeere. Bio-philosophische Betrachtungen über die obskuren „Märkte“. In: Der Spiegel 2/2012, 9. Januar 2012 (online)
  • Kaltgestellte Frösche. Politik kennt kein Ethos mehr: Sie will die Welt vermessen, statt sie zu gestalten. In: Der Spiegel 37/2013, 9. September 2013 (online)
  • Wer ist konservativer? Rechte Populisten und der Islam sind sich näher, als sie glauben. In: Der Spiegel 6/2015, 31. Januar 2015 (online)
  • Echte Träume, echte Not. Wohin wir driften, wer Deutschland abschafft und warum die Flüchtlinge nicht hier sind, um uns zu nutzen. In: Die Zeit 1/2016, 14. Januar 2016 (online)
  • (mit Harald Welzer): Jugend an die Macht! Unsere Debatte über die Flüchtlinge wird von älteren Intellektuellen bestimmt. Sie schüren Ängste, wo Offenheit vorherrscht. Ihre Verzagtheit ist gefährlich. In: Die Zeit 13/2016, 17. März 2016 (online)
  • Unsere gereizten Seelen – Europa braucht Staatsbürger und keine User und Konsumenten. Ein Plädoyer für eine neue europäische Erzählung. Die Zeit Nr. 40/2016, 22. September 2016

Film

Siehe auch

  • Richard David Precht – Artikel in der deutschen Wikipedia

Literatur

Weblinks

Commons: Richard David Precht – Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema Wikiquote: Richard David Precht – Zitate

  • Literatur von und über Richard David Precht im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • zdf.de: Precht (Eigene Sendung)
  • Richard David Precht als Thema im Denkfroum Website
  • Richard David Precht – Jung und Naiv YouTube
  • Neues von Richard David Precht – Jung & Naiv YouTube

Einzelnachweise

Normdaten (Person): GND: 115702318 (PICA, AKS) | LCCN: n96087437 | VIAF: 115547802 | Wikipedia-Personensuche Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Richard David Precht aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der

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Über die Liebe zwischen Mann und Frau wurde schon viel geschrieben. Populärphilosoph Richard David Precht ist trotzdem überzeugt, dass sein Buch noch gefehlt hat.

Sie mögen keine Ratgeberliteratur und wollen den Lesern weder bei Orgasmusschwierigkeiten noch bei Eifersuchtsattacken helfen. Was wollen Sie dann?

Richard David Precht: Das Problem bei der Ratgeberliteratur ist, dass sie nicht viel nützt. Weil in den meisten Ratgebern immer dasselbe steht. Da gibt es praktische Tipps, mit denen man einen gewissen Grad an Leidvermeidung in der Beziehung erreichen kann, aber keine sterbende Liebe wiederbeleben. Nach einem Ratgeberbuch gibt sich der Leser der Illusion hin, er könnte seine Liebe retten, und nach meinem Buch versteht er, warum das vielleicht nicht geht.

Aber es gibt schon so viele Bücher über die Liebe. Wieso noch eines?

Ich glaube, es gibt eine echte Lücke, die darin besteht, dass Bücher von Naturwissenschaftlern – Evolutionsbiologen, Hormonforschern, Liebeschemikern – und Bücher von Psychologen, Soziologen und Philosophen nicht zusammenpassen. Der Biologe erklärt die Liebe mit lauter dunklen Märchenwörtern: Oxitozin, Vasopressin, Phenylethylamin, Serotonin, Dopamin, Cortison. Und in vielen philosophischen Büchern finden sich diese Worte nicht wieder. Es stellt sich die Frage, wie hängt das eine mit dem anderen zusammen. Das versuche ich zu erklären.

Sie schreiben in ihrem Buch: „Mit dem Wort Liebe darf jeder machen, was er will.“ Das Wort wird im Deutschen inflationär und falsch gebraucht, etwa in der Werbung. Warum hat sich nicht längst ein neues Wort etabliert, mit dem nur die eigentliche Liebe zwischen Mann und Frau bezeichnet wird?

Es ist sehr interessant, dass dieses Problem in vielen Sprachen existiert. Die einzige Sprache, die ich kenne, in der es das nicht gibt, ist das Luxemburgische. Da gibt es kein „Ich liebe Dich“. Der Luxemburger kann gerade noch sagen: „I geh froh mat dir“ („Ich bin froh mit Dir“) oder „Ich han dich gern“. Das sind relativ schwache Sätze. Wenn er „Ich liebe Dich“ sagen will, muss er Französisch oder Deutsch reden.

Das heißt, es ist unmöglich, ein anderes Wort für die Liebe zu finden?

Ich glaube, das Wort Liebe ist hartnäckig und widerstandsfähig, das wird es noch in 100 Jahren geben.

Der Biologe sagt, die Liebe gibt es nicht, es geht nur um Fortpflanzung. Der Zoologe leitet alles aus der Tierwelt ab. Der Biochemiker sagt, zwei Menschen lieben sich nur deshalb, weil chemische Stoffe wirken. Und der Philosoph sagt, wie Sie schreiben, die Liebe gibt es, aber sie ist „die U-Musik unter den philosophischen Themen“. Was stimmt?

Was jedenfalls stimmt ist, dass die Liebe nicht aus der Sexualität hervorgeht. Die Liebe ist keine sinnvolle Strategie der Natur, um unser Überleben zu sichern. Sexualität hat genau diesen Zweck, die Liebe nicht. Man stellt sich also die Frage: Wieso gibt es sie dann? Ich glaube, dass die Liebe ein Umweg ist. Die Liebe kommt aus der Beziehung der Eltern, vorwiegend der Mütter, zu den Kindern. Beim Menschen haben wir das Problem, dass dieses Band abreißt, wenn wir in die Pubertät kommen und wir unsere Liebesbedürftigkeit dann auf einen geschlechtlichen Partner projizieren. Damit wäre erklärt, warum in der Liebe so viele merkwürdige Dinge geschehen, die unseren sexuellen Interessen widersprechen, zum Beispiel die Treue. Treue ist biologisch gesehen fürchterlich. Das ist Verrat an meinen Genen. Aber psychologisch gesehen ist sie etwas, was sich viele Menschen wünschen und auch einige praktizieren.

Sex und Liebe haben also nichts miteinander zu tun?

Sie haben unterschiedliche Interessen, zumindest langfristig gesehen. Kurzfristig nicht. Wenn man verliebt ist, kann das wunderbar zusammenpassen. Aber ich persönlich kenne keinen Mensch, der in seinen Gedanken streng monogam ist. Wenn man treu ist, ist man es nicht automatisch auch in Gedanken. Der Mensch ist von Natur aus nicht auf Monogamie programmiert.

Sie behaupten, dass die allerwenigsten harmonischen Beziehungen auch ein aufregendes Sexleben haben.

Deswegen sage ich, es ist wichtig, dass Partnerschaften nicht zu harmonisch werden, dass man sich zwar in den wichtigen Dingen einig ist, aber im Naturell unterscheidet. Das ist gut für den Sex. Wenn man sich sowieso schon gut versteht, dann leidet die Erotik darunter.

Die Philosophie hat die Liebe lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Woran lag das?

Weil sie für Philosophen sehr schwer fassbar ist. Man hat die Liebe sehr lange nicht für ein wichtiges gesellschaftliches Problem gehalten. Was sie auch nicht war. Weil man nicht aus Liebe geheiratet hat und sich auch nicht aus Mangel an Liebe wieder getrennt hat. Von Liebe war kaum die Rede. Im 18. Jahrhundert hätten Sie nicht aus Liebe geheiratet, sondern wären in Ihrem Stand verkuppelt worden und hätten eine Wirtschaftsgemeinschaft gegründet.

Trotzdem war die Liebe in der Literatur stets ein prominentes Thema.

Ja, aber in welcher Form? Die Idee, dass Mann und Frau sich lieben und bis ans Ende ihrer Tage gemeinsam leben, ist eine Idee der Romantik. Das heißt, eine Idee des späten 18. Jahrhunderts.

Weiß man, wo und wann die Liebe zwischen Mann und Frau erstmals aufgetreten ist?

Nein. Wir wissen über frühere Kulturen nur das, was aufgeschrieben wurde. Wie das die alten Ägypter vor Erfindung der Hieroglyphen mit der Liebe gehandhabt haben, wissen wir nicht.

Sie schreiben in Ihrem Buch mehrmals: „In Wahrheit wissen wir darüber sehr wenig.“ Das ist nicht sehr überzeugend.

Das bezieht sich sehr viel auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Wir kennen die Zutaten, die bei der Lust und beim Verlieben eine Rolle spielen. Aber es bleibt ein Rätsel, warum ausgerechnet dieser Mann, diese Frau solche starken Gefühle in mir auslöst. Das kann man nicht chemisch beschreiben. Wir können potenzsteigernde Mittel herstellen, aber ich habe keine Tropfen, die ich Ihnen in den Tee tue, die bei Ihnen eine unbezähmbare Lust auf das Gegenüber entfachen. Dabei ist Lust im Vergleich zur Liebe noch eine einfache Angelegenheit.

Kann ich mich verlieben in wen ich will?

Nein.

Somit führen sich Partnervermittlungsagenturen ad absurdum?

In wen wir uns verlieben wird frühkindlich festgelegt. Wir würden uns gerne in die Menschen verlieben, die wir wollen. Viele Frauen sagen, wieso kann ich mich nicht in diesen hübschen Mann, der nett zu mir ist, verlieben? Wieso verliebe ich mich in dieses Arschloch? Wobei das auch eine Altersfrage ist, der Reiz der Machos nimmt unglaublich ab. Mit 16, 17 stehen die meisten Mädchen auf Machos, und im Alter von 50 kaum welche.

Die Theorie, dass Frauen auf starke, reiche Männer und Männer auf vollbusige Frauen stehen, stimmt im realen Leben nur selten.

So viele tolle Männer gibt es nicht. Und die meisten sind irgendwie besetzt, aber natürlich möchten Frauen einen tollen Mann haben. Ich bezweifle, dass es an den Genen liegt. Ich glaube, ein reicher, besonders verwegen aussehender Mann verspricht ein interessantes Leben, und das finden die meisten spannend. Es gibt auch Menschen, die wollen ein langweiliges Leben. Die haben natürlich auch gute Chancen, einen langweiligen Partner zu finden und mit dem glücklich zu werden. Ehen, die unzerstörbar sind, sind häufig die, wo sich zwei farblose Partner gefunden haben. Alle anderen möchten einen interessanten Partner haben.

Trotzdem schreiben sie: „Die Masse ist nicht verliebt, sondern lebt in Partnerschaft.“ Eine ernüchternde Feststellung.

Aber es ist wahr. Das liegt nicht nur am Partner, sondern auch an den Lebensumständen. Kein Partner kann von sich heraus bei all der Alltagsroutine bis ans Lebensende prickelnd sein. Die einzige Chance besteht darin, dass man ein unglaublich bewegendes Leben führt, dafür braucht man Geld und viele gestalterische Möglichkeiten.

Und Paartherapien können nicht helfen?

Die Liebe kann man nicht wiederherstellen. Man kann Menschen helfen, miteinander klarzukommen. Mehr nicht.

Sie glauben, dass es nie so einfach war zu lieben wie heute, weil wir so frei sind. Trotzdem gibt es so hohe Scheidungs- und Singleraten wie nie zuvor.

Weil die Tatsache, dass wir uns den Partner aussuchen können, dazu führt, dass wir wählerisch sind. Und somit reduzieren wir selber die Wahl.

Ist das Internet für den Prozess des Verliebens ein Vor- oder Nachteil?

Ein großer Vorteil. Weil wir unsere Partner aus einer Riesenauswahl und sehr gezielt suchen können. Das Internet ist nicht wichtig für junge, gut aussehende Menschen, sondern für Ältere, die sonst kaum Möglichkeiten haben, einen Partner zu finden.

Ist das wirklich Liebe oder nicht eher der Wille, in Person X verliebt zu sein?

Natürlich möchte jeder vom Blitzschlag getroffen werden. Aber was ist, wenn das einfach nicht passiert? Das hängt auch vom Arbeitsplatz ab. Wenn Sie Reinigungsfrau sind, nachts Büros säubern und tagsüber schlafen, dann lernen Sie keine Männer kennen. Manchmal müssen Sie suchen, weil es von sich aus in Ihrem Leben nicht passieren wird. Diese Menschen können jetzt einen Partner finden. Ob das die große Liebe ist, weiß ich nicht. Aber Liebe ist nicht das einzige Motiv für Partnerschaft. Manche wollen einfach nicht alleine sein.

Die Verliebtheit währt nur drei Jahre, heißt es. Ich würde Sie gerne fragen, wie man sie verlängern kann, aber Sie wollen ja keine Tipps geben.

Irgendwann wahrscheinlich durch die Einwirkung von Medikamenten. Wir wissen relativ gut, was chemisch beim Verliebtsein passiert. Rein theoretisch könnte man in zehn Jahren Pillen entwickeln, die diesen Zustand verlängern. Aber der Haken ist, wenn Sie länger als drei Jahre verliebt sind, verblöden Sie. Deswegen werden diese Mittel wahrscheinlich nicht zugelassen. Es wäre nicht gesund, dauerhaft verliebt zu sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.06.2009)

Unsere Redakteurin Katarina Michel im Interview mit Richard David Precht.

bewusster leben: Herr Precht, wie ist es wirklich um die Liebe im 21. Jahrhundert bestellt?
Precht: In der Geschichte der Menschheit haben die Menschen noch nie in so viel Wohlstand und Freiheit gelebt wie im Westeuropa des 21. Jahrhunderts. Die Folgen für die Liebe sind sehr gravierende. Liebesbeziehungen waren in früheren Zeiten zuerst Wirtschaftsgemeinschaften. Das sind sie heute nur noch zum Teil. Und je mehr Freiheit wir haben, umso weniger sind wir gezwungen, bei einem Partner zu bleiben. Wir haben heute gigantische Auswahlmöglichkeiten, jedenfalls prinzipiell und das gilt auch für die Liebe.

bl: Früher sind die Beziehungen häufig unter Zwang zu Stande gekommen – heutzutage haben wir relativ große Freiheiten. Wie gehen Liebe und Freiheit zusammen?
Precht: Ich nehme an, dass die Anzahl der Beziehungen von Menschen, die Jahrzehnte zusammenbleiben, immer geringer wird. Vielleicht ist es für unattraktive Menschen leichter, ein Leben lang zusammenzubleiben, als für attraktive, weil man weniger Auswahlmöglichkeiten hat. Für Menschen, die größere Auswahlmöglichkeiten haben, ist das Risiko relativ hoch, dass die Beziehung nicht langfristig hält. Das heißt nicht, dass es dies überhaupt nicht geben kann. Wir alle kennen wunderbare Ausnahmen von dieser Regel.

bl: Spielt denn die Attraktivität wirklich eine so wichtige Rolle bei der Liebe?
Precht: Nicht nur Attraktivität, auch die materielle Unabhängigkeit ist wichtig. Es gibt heute noch viele Paare, die sich nicht trennen können, nachdem man sich ein Eigenheim gekauft hat, und die nun nicht wissen, wie man das Haus weiter abbezahlen soll oder wer darin wohnen bleibt. Das sind oft die Gründe, warum es Ehen gibt, die nicht geschieden werden, oder Paare, die sich nicht trennen. Wir sind also nicht frei von diesen materiellen Dingen, aber verglichen mit der Welt in den fünfziger oder zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts sind wir wesentlich freier geworden.

bl: Also kann man sagen, es gibt keine reale Freiheit, weil der Zwang dann aus der gesellschaftlichen Stellung oder den wirtschaftlichen Lebensumständen abgeleitet wird?
Precht: Ja, aber der moralische Druck ist geringer geworden. Wenn Sie in den fünfziger Jahren als Frau Ihren Mann verlassen haben, dann sind Sie moralisch in Ungnade gefallen; und wirtschaftlich ohnehin, denn Sie durften als Frau hier in Deutschland in den fünfziger Jahren kein Konto eröffnen ohne die Unterschrift Ihres Gattens und auch keinen Mietvertrag abschließen. So gesehen, hat sich durch die Emanzipation der Frau sehr viel getan. Heute sind es vielmehr die Frauen, die gehen – das war in früheren Zeiten fast unmöglich.

bl: Sind die wirtschaftlichen Komponenten wirklich so wichtig, um die Freiheit zu erlangen? Muss nicht auch ein innerer Impuls dazukommen?
Precht: Für die meisten Menschen ist die Sicherheit im Leben viel wichtiger als die Freiheit. Wenn die Deutschen wählen müssten, auf Sicherheit zu verzichten oder auf Freiheit, würden sie auf Freiheit verzichten. Ich glaube, das ist auch in allen anderen Gesellschaften der Welt so. Heute haben wir sogar in vielen Bereichen zu viel an Freiheit. Wenn Sie im Supermarkt Tütensuppen auswählen möchten, haben Sie die Auswahl aus hundert verschiedenen Tütensuppen. Das ist die Antwort auf eine Frage, die sich Menschen nie gestellt haben, denn je größer die Auswahlmöglichkeit ist, umso mehr Angst müssen Sie haben, eine Fehlentscheidung zu treffen. Damit setzen Sie sich gewaltig unter Druck, und deswegen sind die Leute trotz der anwachsenden Freiheit in den letzten Jahrzehnten nicht glücklicher geworden.

bl: Die Zweifel sind also unsere ständigen Begleiter?
Precht: Ja, weil wir heute für unser Leben in höherem Maße verantwortlich sind als früher, haben wir auch mehr Chancen, unser Leben selbst zu verpfuschen. Und das ist eine Bedrohung, der wir permanent ausgesetzt sind. Die Freiheit wird immer größer in unserer Gesellschaft und die Anzahl der Menschen, die psychisch auf der Strecke bleiben, wird immer größer. Das liegt daran, dass die Freiheitsentwicklung eine materialistische Entwicklung ist. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat in sehr großem Maße etwas mit der Auswahl der Produkte zu tun. Die Auswahl zwischen Gütern und Produkten wird immer größer und aus der Wirtschaftspsychologie wissen wir, wenn wir zwischen drei verschiedenen Dingen auswählen können, dann fühlen wir uns mit der Entscheidung nachher glücklich. Wenn wir aus hundert Dingen auswählen können, haben wir eine riesige Angst, eine Fehlentscheidung zu treffen. So gesehen funktioniert unsere Warenwelt entgegen der Natur des Menschen.

bl :Freiheit und Attraktivität, Zwang und Zweifel, Abhängigkeit und Entscheidungsfähigkeit – das sind einige der Attribute, die heute unser Leben repräsentieren. Und dazu kommt natürlich noch „schneller, besser, tiefer, höher“. Passen in diesem gesellschaftlichen Umfeld Männer und Frauen überhaupt noch zusammen?
Precht: Bislang haben Männer und Frauen das Interesse aneinander noch nicht verloren. Ich glaube, dass uns die Anziehungskraft erhalten bleibt.

Jeder hat eine andere Vorstellung von der echten Liebe.

bl: Braucht die Liebe dann eine feste Beziehung?
Precht: Ich glaube, dass es keine Patentrezepte für die Liebe gibt. Es gibt Menschen, die wie ein Thermometer sich an die Temperatur des jeweils anderen anpassen und unglücklich sind, wenn sie ihren Partner einen Tag nicht sehen; und es gibt andere, die ihren geliebten Partner nur in kleinen Dosen gut vertragen. Es gibt auf diese Frage keine Antwort mit allgemeingültigen Grundsätzen, wo man sagen kann, dass ist die Formel – und wenn ihr das so macht, dann wird es gut.

Der Philosoph Richard David Precht im Interview mit bewusster leben

bl : Ja, aber wir suchen doch immer nach dieser Formel für die Liebe.
Precht: Es gibt definitiv keine Formel für die Liebe! Unser Liebesbedürfnis entsteht aus unserer Kindheit und jeder von uns hatte eine andere Kindheit, eine andere Mutter, einen anderen Vater, eine andere Geschwister- Konstellation. Diese Verhältnisse prägen sehr zentral die Vorstellung davon, wie man später leben kann, leben möchte. Wie viel Liebe braucht man im täglichen Leben oder wie viel Leidenschaft will man in seinem Leben verwirklichen? Ob man einen Partner hat, der Verlässlichkeit und Stabilität signalisiert, oder ob man jemanden hat, der zuerst einmal „Abenteuer“ signalisieren muss: Das alles sind Dinge, die vermutlich schon in unserer Kindheit festgelegt werden, das ist unsere sogenannte „Liebeskarte“. Wir suchen dann jemanden, der optimal zu unserer „Liebeskarte“ passt. Diese „Liebeskarten“ und die Vorstellung von Liebe sind so verschieden wie die Menschen.

bl: Aber durch das Leben an sich kann sich doch unsere Meinung, wie und mit wem wir leben wollen, täglich verändern?
Precht: Ich glaube, dass wir ein relativ festes Präferenzschema in unserem Kopf haben, was aus der Kindheit stammt, und wir suchen nach jemandem, der so beschaffen ist, dass er in unser Präferenzschema passt. Dann spielen Lebensabschnitte auch eine große Rolle: Wenn ich als Frau mit zwanzig einen Kinderwunsch habe, dann habe ich natürlich eine andere Form von Mann im Visier als wenn ich Ende vierzig bin, die Kinder ausgezogen sind und ich überlege, mit welchem Mann ich die zweite Hälfte meines Leben verbringen möchte.

bl : Ist die Liebe aber nicht in der Tiefe eine Begegnung zwischen Ich und Du?

Precht: Nicht jede Begegnung zwischen einem Ich und einem Du ist Liebe; und Liebe ist natürlich viel mehr als nur die Begegnung zwischen Ich und Du. Liebe ist vor allem die ganze Vorstellungswelt, die in uns ausgelöst wird. Liebe ist ein Gefühl der Zusammenangehörigkeit, das bei vielen Menschen sehr unabhängig davon ist, wie oft man sich sieht.

Interview von Katarina Michel

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  • LINZ. Der Philosoph Richard David Precht trat auf der didactia Digital Austria auf – um Lehrern die Leviten zu lesen. Passend zum Messethema nahm er die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung in den Fokus. Die gute Nachricht: Lehrer und Erzieher werden auch künftig gebraucht. Die schlechte: Die Schulen sind heute noch kaum dafür gerüstet, den absehbaren Herausforderungen zu begegnen.

    Mit Charme brachte Richard David Precht seine Botschaften ans Publikum. Foto: Gregor Fischer/ re:publica / Wikimedia Commons / (CC BY-SA 2.0)

    Precht zieht. Bei seinem Auftritt auf der didactia Digital Austria, die am Wochenende zu Ende ging, drängelten sich im großen Saal des Linzer Design Centers Hunderte von Menschen, um sich den Vortrag des fernsehbekannten Philosophen und Beststeller-Autoren anzuhören, der sich (wie sollte es auf einer Bildungsmesse anders sein?) mit einem seiner Lieblingsthemen zu Wort meldete: einer Generalabrechnung mit dem traditionellen Schulsystem deutscher und österreichischer Prägung. Die Pointe vorweg: Obwohl Precht nichts Geringeres als eine Bildungsrevolution forderte („Das Schulsystem ist in einer Zeit entstanden, als die Verantwortlichen nichts von Kindern wussten und vor allem funktionierende Untertanen brauchten“), erntete er für seine mutigen, aber umstrittenen Thesen langen Applaus. Wohlgemerkt: Das Publikum bestand größtenteils aus Lehrern und Erziehern.

    Precht hatte zu Beginn seiner Ausführungen keinen Zweifel daran gelassen, dass die Welt – und mit ihr die Schulen – vor einer Zeitenwende stehen. „Eins ist sicher: Wir leben in revolutionären Zeiten“, befand der Publizist mit Blick auf das Messethema: Digitalisierung. Technischer Fortschritt sei der größte Motor in der Geschichte der Menschheit und (anders als zum Beispiel politische Umwälzungen) unumkehrbar.

    Das Zeitalter der Industrialisierung sei gerade mal 200 Jahre alt, habe die bürgerliche Lohnarbeits- und Leistungsgesellschaft hervorgebracht – und stehe nun möglicherweise vor ihrem Ende. Maschinen ersetzten nicht mehr „die Hand“, sondern „das Gehirn“. Intelligente Systeme, die selbstständig lernfähig sind, werden zunehmend in Bereiche drängen, die bislang hochqualifizierten Menschen vorbehalten sind. „Zwar ist es nicht Aufgabe der Schule, Kinder passgenau für die Wirtschaft zu formen“, erklärte Precht, „aber es wäre fahrlässig, das völlig aus dem Blick zu nehmen“.

    Studien zur Zukunft der Arbeit kämen zu dem Schluss, dass gut die Hälfte der heute noch bestehenden Beschäftigungsverhältnisse ein großes Risiko trage, wegrationalisiert zu werden. Auch die Bildungsbranche sei von solchen Vorhersagen betroffen. So gebe es Zukunftsforscher, die bereits in absehbarer Zeit Roboter an der Stelle von Lehrern und Erziehern sähen – er, Precht, allerdings nicht. Zwar sei richtig, dass reine Wissensvermittlung künftig besser durch Maschinen erfolgen könne. Sogenannte „Empathieberufe“ aber, bei denen es eben in mindestens ebensolchen Maße um Gefühle gehe, würden künftig sogar stärker nachgefragt werden. Und dazu zählen eben Lehrer und Erzieher.

    Was bedeutet dieser Befund für die Bildungsdebatte? Zumeist die Forderung, in der Schule verstärkt Kreativität zu fördern, betonte Precht. Darin seien sich dann schnell alle einig. Der Philosoph warnte allerdings vor einem verkürzten Kreativitätsbegriff. So verstünden Digitalminister unter Kreativität zumeist nur einen sicheren Umgang mit der Informationstechnologie, die sogenannte Problemlösungskompetenz. Ein Großteil der Kreativität habe aber mit Problemen und Lösungen gar nichts zu tun. „Welche Probleme haben denn Mozart und Rembrandt gelöst?“, fragte Precht.

    Prechts Gegenbild: Harry Potters Schule

    Um sich dann der Schule zu widmen, wie sie (noch) ist, aber nicht sein sollte: eine Schule aus dem „preußischem Sozialismus“ des 19. Jahrhunderts, in der alle Schüler zur gleichen Zeit das Gleiche lernen sollen. Prechts Gegenbild: Hogwarts, die Schule für Hexerei und Zauberei aus der Welt von Harry Potter. Die ist in vier Häuser aufgeteilt, die in spielerischer Konkurrenz zueinander stehen – für Precht eine kindgerechte Art, Grundwissen zu vermitteln. Dann aber, nach einigen Jahren der Grundbildung, solle sich eine „Interessensseparation“ anschließen, eine Trennung der Schülerschaft nach Neigung und Talent. Ohne diese würden viel zu viele Schüler mit Themen gequält, für die sie weder ein Herz hätten, noch dass sie sie jemals benötigen würden.

    Beispiel Sprachen. Precht: „Kein Mensch lernt irgendeine Sprache, indem er Wissen über ihre Grammatik ansammelt. Das braucht kein Mensch.“ Als Beleg forderte er das Publikum zum Handzeichen auf: Wer wisse, zu welcher Wortgruppe der Begriff „manche“ gehöre? Ein einziger wusste es: ein Pronomen. Beispiel Chemie. Wer könne den Begriff „Molmasse“ erklären? Auch hier: eine Wortmeldung („Molekulargewicht in Gramm“).

    Precht lächelte siegesgewiss – na, bitte. Wenn’s nicht mal Lehrer präsent haben, wie sollen Schüler sich solches Wissen dauerhaft aneignen? „Wissen Sie, warum Sie diese Sachen vergessen haben“, fragte Precht, um sogleich zu antworten: „Weil Sie von Anfang an gewusst haben, das brauchen Sie nicht.“ Statt Schüler beispielsweise mit Jambus und Trochäus zu quälen, sollten Lehrer lieber „echte Dichter“ in die Schulen holen, um die Schüler anzusprechen, die sich auch tatsächlich für Literatur interessieren. Das würden die dann ihr Leben nicht vergessen. Minutenlanger Beifall.

    Epilog. Precht, der früher auch als Lehrerausbilder tätig war, ließ das Publikum wissen, was aus seiner Sicht einen guten Lehrer ausmacht. Durch die Fachdidaktik jedenfalls werde man’s nicht (“Sie werden auch kein guter Liebhaber dadurch, dass Sie einen Sexualkundeatlas auswendig lernen”). Dadurch, dass man Kinder mag? “Glaube ich auch nicht.” Ein guter Lehrer, so Precht, wird nur ein Mensch, dem andere gerne zuhören. Andrej Priboschek / Agentur für Bildungsjournalismus

    Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

    didacta Digital: In Österreichs Schulen ist der Computer-Einsatz (fast) schon normal – ein Vorbild?

    Bildungskritik: Ihr Buch ist ein sinnloses Ärgernis, Herr Precht!

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    Richard David Precht hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Anna, die Schule und der liebe Gott“ und wird ein Bestseller werden. Der Autor wird in Talkshows sitzen, um seine Thesen zu verfechten, ein paar andere, die man auch oft im Fernsehen gesehen hat, werden sie relativieren, bestreiten, für weltfremd, viel zu radikal erklären. Es wird also sein wie bei jedem Buch, von dem man sagt, es sorge für Gedankenanstöße, löse eine mehr als überfällige Diskussion aus oder nehme eine leider ein wenig eingeschlafene Debatte wieder auf.

    Aber das stimmt alles nicht. Prechts Buch ist sinnlos, überflüssig, ein 352 Seiten langes Ärgernis. Man braucht es nicht. Es macht einen nicht glücklicher, weiser, fürs Leben gewitzter, schon gar nicht wenn man Kinder hat, die noch nicht zur Schule gehen. Wenn man Kinder hat, die noch nicht zur Schule gehen, sollte man mit ihnen Eis essen, Tipis bauen, Seifenblasen fangen, verreisen oder sonst etwas tun, das sie mit Kinderglück und Elternliebe gegen die Erwachsenenwelt impft, die man ihnen doch nicht wird ersparen können. Und Prechts Buch unbedingt nicht lesen.

    Prechts Buch handelt davon, was am deutschen Schulwesen (denn es ist ein Wesen) alles falsch ist. Die nicht sehr überraschende Antwort lautet: alles. Deutsche Schulen traktieren die ihnen Anvertrauten mit Wissenspartikeln, die sie gleich nach dem nächsten Test wieder vergessen, meistens völlig zu Recht, weil sie weder interessant noch für sie relevant sind. Deutsche Schulen muten Kindern Arbeitstage zu, die länger sind als die ihrer Eltern. Deutsche Schulen maßen sich an, über Zehnjährige zu befinden, wozu es in ihrem späteren Leben reichen wird. Deutsche Schulen zerhacken, was man über die Welt wissen könnte, in Fächer, von denen sich jedes für ungemein wichtig hält, und in 45-Minuten-Portionen.

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    Deutsche Schulen bilden sich ein, dass Noten etwas aussagen und dass einer, der dringend ein guter Kinderarzt werden will, auch gut in Physik sein muss, so wie einer, der die Physik studieren will, zuvor in Erdkunde glänzen oder anmutige Aufsätze schreiben soll, um Zugang zu seinem Wunschstudium zu bekommen. Deutsche Schulen fördern nicht Individuen, sondern Konformismus, belohnen nicht Kreativität, Neugierde, Persönlichkeit, Leidenschaft, sondern Kurzzeitgedächtnis, Anpassung, Mimikry, Stillsitzen, Fassadengesichter (außer in der Theatergruppe).

    Zappelige, Hibbelige, Verliebte

    Deutsche Schulen überlassen die Armen, Vernachlässigten, Wirren, Verstörten, Überforderten, Zappeligen, Hibbeligen, Verliebten, Pubertierenden, Traurigen und Geschlagenen sich selbst, die mit den wohlbestallteren oder besorgteren Eltern den Nachhilfelehrern. Und so weiter, die Liste ist noch um einiges länger.

    Alles an Prechts Diagnose stimmt, nichts an ihr ist originell. Viele Studien, Forschungsberichte und Bücher haben dasselbe erzählt (wenn auch oft leidenschaftsloser und rhetorisch untalentierter), und, was schwerer wiegt, Millionen von Schülern und ihren Eltern empfinden es genau so, jeden Tag (nicht nur Mo–Fr, 9.00–17.00 h). Die Zustände an deutschen Schulen sind so oft mit allen möglichen Methoden untersucht wurden, dass man längst keine Diagnose mehr benötigt.

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    Lieber würde man wissen: Warum ist dieser Patient, der erstens an sich selbst leidet, unter dem zweitens so viele leiden, die mit ihm in Berührung kommen, der drittens weiß, was ihm fehlt, und sich viertens schon lange nicht mehr in seiner eigenen Haut wohlfühlt, so uneinsichtig? Warum macht die Schule einfach weiter? Warum lässt sie sich alle möglichen Ausflüchte einfallen, die sie Schülern nie durchgehen lassen würde?

    Auch diesmal wird es wieder so sein. Auch diesmal werden in den Talkshows über Prechts Buch Menschen sitzen, die sagen, dass ihnen die Schule nicht geschadet habe, eine Behauptung, die ihr Gegenteil beweist. Und auch diesmal wird wieder der Satz fallen, dass es schließlich ja auch gute Lehrer gebe. Dabei ist das eines der stärksten Argumente gegen das Schulsystem.

    Warum sind nicht mehr Lehrer gut?

    Was kann es schon taugen, wenn man in ihm das Glück haben muss, zufällig an einen guten Lehrer zu geraten? Und wenn es sich denn so verhält: Warum wird nicht dafür gesorgt, dass mehr Lehrer gut sind? Warum werden Kinder mit schlechten, müden, ausgebrannten, zynisch gewordenen Lehrern und diese Lehrer mit sich alleine gelassen?

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    Wie man es auch betrachtet, es kommt immer dasselbe heraus. Das deutsche Schulwesen müsste dringend gerettet werden, vermutlich dringender als der Euro, und im Unterschied zu Banken, Finanzministern und all den anderen, die für die derzeitige ökonomische Misere verantwortlich sind, haben Schüler sich nichts zuschulden kommen lassen – obwohl Lehrer, Kulturkritiker, Therapeuten, Medienapokalyptiker und Ritalin-Verschreiber es vermutlich anders sehen.

    Das Verrückteste aber ist: So wie man Prechts Diagnosen längst kennt, weiß man auch seit Langem, wie man den Schulen helfen könnte. Es ist bekannt, wie sie sich zu Orten machen ließen, die menschenfreundlicher, angst- und stressfreier wären und ihre Aufgaben besser erfüllten – Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, Kinder und Jugendliche bei ihrer Entwicklung zu selbstbewussten, wissensdurstigen, einfallsreichen, teamfähigen, schöpferischen Menschen zu unterstützen.

    Keine der Kuren, die Precht vorschlägt, ist exotisch, gewaltsam, naiv, unerprobt, von politischen Engstirnigkeiten befeuert (es sei denn, man hielte die demokratische Überzeugung für anstößig, dass alle Kinder, auch die armer, zugewanderter, überforderter oder desinteressierter Eltern, gute Bildung verdient haben).

    Kinder begeistern statt vollstopfen

    Schafft die Jahrgangsklassen ab, sagt Precht. Fördert die Einzelnen, ersetzt die Noten durch Beurteilungen, hört damit auf, Wissen in unverbundene Fächer zu filetieren, zwingt Kinder, die das noch nicht können können, nicht zum Stillsitzen, begeistert sie, statt sie vollzustopfen, haltet euch an das Tempo, in dem sie etwas verstehen, statt an jenes, das der Lehrplan vorgibt, sortiert nicht mit zehn alle aus, denen ihr nichts zutraut, traut den Kindern etwas zu, lasst es zu, dass man auch euch kritisiert, evaluiert, infrage stellt, nehmt endlich die Erkenntnisse der Lernpsychologie und der Gehirnforschung zur Kenntnis. Und so weiter, die Liste ist um einiges länger. Aber auf ihr stehen keine Punkte, bei denen man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen müsste, sondern bloß Selbstverständlichkeiten.

    Und dennoch ist Prechts Verbesserungsliste widerlich. Weil sie dem Leser seines Buches suggeriert, man könne tatsächlich ernsthaft darüber nachdenken, wie man das deutsche Schulwesen kuriert. Doch in Deutschland werden die Schulen bleiben, wie sie sind. Es wird die Bildungsrevolution nicht geben, die Precht fordert, nicht einmal den Hauch einer Ahnung einer Reform.

    Wie sollte eine Nation, in der jahrelang darüber gestritten wurde, ob die Bildung, die Kultur und das Abendland den Bach runtergehen, wenn man Thunfisch ohne h und statt „ß“ „ss“ schreibt? Zu welchen Visionen sollte ein Land fähig sein, in dem Debattenschlachten ausbrechen, sobald es Grundschülern selbst überlassen werden soll, ob sie von Hand geschriebene Buchstaben miteinander verbinden oder nicht?

    Kann man sich einen einzigen Bildungsminister vorstellen, der die Abschaffung seines Amtes fordert, weil der Bildungsföderalismus nichts bringt? Bildungspolitiker, die das ewige Geteste und Pisa-Gehechel attackieren? Die Idee, es könne in Deutschland eine Bildungsrevolution geben, ist so verrückt wie die Fantasie, jemand würde tatsächlich das Steuerrecht vereinfachen. Vergeudete Lebenszeit.

    Roboter statt Kinder

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    Wer Kinder hat, denen die Schule erst noch bevorsteht, braucht ein anderes Buch als das von Precht. Es müsste ein Buch sein, aus dem man endlich erfährt, wie man seine Kinder zu fügsamen, still sitzenden und kooperativen Robotern machen kann, die ihren Bewegungsdrang, ihr Leiden an dem und ihre Urteile über das, was ihnen zugemutet wird, nie zu erkennen geben. Roboter, die zehn, zwölf Stunden freudig alles lernen, was in sie hineingesprochen wird, nie Krisen haben, nie das System, die Schulen, ihre Lehrer und die Eltern verachten, die sie jeden Morgen wecken, damit sie pünktlich zum Unterricht kommen.

    Und man müsste endlich darin unterwiesen werden, wie man sich die Empathie für seine Kinder abgewöhnen kann, das schlechte Gewissen, das einen ganz klamm macht, sobald man daran denkt, dass man sie in ein paar Jahren einem Bildungssystem überlassen soll, von dem jeder weiß, wie es ist.

    So ein Buch könnte man gut gebrauchen. Nicht um zu erschrecken (schließlich hilft man Kindern nicht, wenn man sie nicht zum Mitmachen ermuntert), sondern um zu erfahren, wie man sich einem Zustand fügen kann, an dem keiner je etwas ändern wird. Das Buch von Precht braucht niemand. Es sei denn, man hätte das Bedürfnis nach einer monströsen Depression.

    Keine Noten, keine Klassen – Richard David Precht will die Schule revolutionieren

    0 0 Ein „Casting“ für gute Lehrer, eine Aufteilung der Schule in Lernhäuser wie bei bei Harry Potter in Gryffindor und Slytherin: Richard David Precht wünscht sich eine „Revolution“ an den Schulen. Das jetzige System sei veraltet, sagt er im Interview – und „schräg“.

    Essen. Er will nicht weniger als eine Revolution: Richard David Precht, einer der populärsten deutschen Denker, stellt dem Schulsystem ein denkbar schlechtes Zeugnis aus – und entwirft mit teils radikalen Vorschlägen ein Gegenmodell. Im Gespräch mit Britta Heidemann erläutert er einige der Grundpfeiler.

    Sie haben eine ganz normale Schule besucht – und auf dieser Grundlage eine tolle Karriere gemacht. Was haben Sie also gegen das deutsche Schulsystem?

    Richard David Precht: Neunzig Prozent meiner Bildung verdanke ich meinem Elternhaus. In der Schule habe ich vielleicht schriftlich multiplizieren gelernt. Aber viel mehr wüsste ich schon nicht. Kein Physiklehrer hat mir je erklärt, was eigentlich Strom ist. Stattdessen habe ich das Ohm’sche Gesetz gelernt. Mein kleiner Sohn, er ist jetzt in der Grundschule, interessierte sich vor einiger Zeit leidenschaftlich für die Römer. Dann behandelten sie die Römer in der Schule – und schon nach kürzester Zeit verlor er jegliches Interesse. Das schafft die Schule großartig. In dem Moment, in dem ich Arbeitsblätter ausfüllen muss und Wörter unterstreichen, verwandelt sich das beste Brot in Zwieback.

    Was läuft falsch an unseren Schulen?

    Precht: Wir versuchen Bildung zu vermitteln durch Fächer, die zusammenhanglos nebeneinander stehen, und davon haben wir dann fünf oder sechs am Tag. Das hat nichts damit zu tun, wie Lernen funktioniert. Als unser Schulsystem entstand, wusste man noch nichts über Lernen – und nichts über Kinder. Damals ging es nur darum, ordentliche preußische Untertanen hervorzubringen, die die Arbeitswelt gut gebrauchen kann. Die Aufgabe der Schule war das Erzeugen von fachkompetenten Untertanen. Das ganze System, die 45-Minuten-Stunde, das Pausensystem, ist darauf angelegt. Die Zensuren sind nicht zur Leistungsmotivation eingeführt worden, sondern um wie beim Militär Normieren und Vergleichen zu können.

    Und heute wissen wir, wie Lernen funktioniert?

    Precht: Heute wissen wir, dass vor allem das in Erinnerung bleibt, was wir uns mit Lust und Begeisterung erarbeiten. Wenn wir aber für Leistung belohnt werden, entwertet sich diese Leistung. Denn wenn es einen Lohn gibt, heißt das für ein Kind: Das ist offensichtlich etwas Blödes. So sollten wir mit dem spannenden Wissen der Welt nicht umgehen. Deshalb bin ich dafür, die Noten abzuschaffen. Wichtig ist, dass wir die intrinsische Motivation der Kinder fördern. Wichtig ist, dass wir diesen relativ verantwortungslosen Gesamtzusammenhang namens Schule unterteilen in Verantwortlichkeiten. Ich möchte an meiner Schule keinen Schuldirektor haben, unter dem ein hundert Lehrer arbeiten, die er nicht besonders gut kennt. Oder einen Chemielehrer, der fürs achte Schuljahr mal kurz in die Klasse kommt und am Ende, wenn er die Noten verteilt, sich kaum an die Namen der Kinder erinnern kann.

    Sondern? Wie sähe „Ihre“ Schule aus?

    Precht: Ich möchte ein Team von Lehrern, die die Schüler von Anfang an begleiten und sich auch für sie verantwortlich fühlen. Ich würde die Schule unterteilen in mehrere Lernhäuser. So, wie bei Harry Potter: in Gryffindor und Slytherin. Ich würde den Unterricht in zwei Bereiche unterteilen: Einerseits gemeinsame Projektarbeit und andererseits individuelles Lernen, das – zum Beispiel in Mathe – hervorragend am Computer geschehen kann. Den Matheunterricht, so wie wir ihn kennen, würde ich ab der sechsten Klasse abschaffen und durch individualisiertes Lernen im eigenen Lerntempo ersetzen.

    Aber Mathematik ist doch wichtig!

    SchulenPrecht: Deshalb ja. Im Matheunterricht sind die besten so gut, dass sie zwei Klassen überspringen könnten. Und die schlechtesten verstehen gar nichts mehr. Die Begabten werden nicht gefördert und die Schwachen auch nicht. Das kann ein Lehrer gar nicht auffangen. In der Regel sind Mathe-Lehrer diejenigen, die am häufigsten unter Burnout leiden. Weil sie versuchen, einen Unterricht zu machen, den man spätestens ab dem zwölften Lebensjahr der Kinder gar nicht mehr machen kann! Das ist die Quadratur des Kreises. Diejenigen, denen Mathe leicht fällt, könnten mit einem Computerprogramm ganz alleine lernen – und vielleicht ein ganzes Mathestudium schon während der Schulzeit bewältigen. Und die anderen schreiten halt langsamer voran. Ich würde den Standard dessen, was jeder in Mathe können muss, senken. Aber die Möglichkeit dessen, was man Lernen kann, deutlich erhöhen.

    Und wie würde das Lernen in Projektgruppen aussehen?

    Precht: Ich würde Geschichte oder Deutsch nicht isoliert unterrichten. Ich würde in Teams arbeiten. Drei oder vier Lehrer planen zusammen ein Projekt, zum Beispiel: Klimawandel. Oder: Goethe und seine Zeit. Da könnte man den Faust lesen, vom Geschichtslehrer etwas über die Zeitumstände erfahren, in Chemie vielleicht alchemistische Experimente durchführen. Das wäre ein Panorama der Zeit! Beim Klimawandel ist es einerseits sehr interessant, das Physikalische daran zu verstehen. Und auf der anderen Seite eine Erklärung dafür zu bekommen, warum es den Darfur-Krieg im Sudan gibt – und welche Klima-Kriege uns noch bevorstehen, durch die Versteppung von Regionen. Davon kann man manches jahrgangsübergreifend machen.

    Keine Klassen ab dem 12. Lebensjahr

    Das bedeutet, Klassen gäbe es nicht mehr?

    Precht: Ich würde etwa ab dem 12. Lebensjahr die Klassen auflösen. Die Kinder könnten dann am Anfang des Schuljahres aus einer Palette von Projekten auswählen. Manche sind für bestimmte Altersgruppen ausgeschrieben – und manche sind unbegrenzt. Ich mit meinem Faible für Geschichte hätte als Zwölfjähriger schon zusammen mit den 17-Jährigen lernen können. Jeder Schüler könnte sich am Anfang des Schuljahres neben dem Pflichtprogramm im individualisierten Lernen aussuchen, an welchen Projekten er gerne teilnehmen würde.

    Sie setzen dabei voraus, dass Kinder zu diesen Entscheidungen fähig sind – oder dass sie, was ja nicht selbstverständlich ist, Eltern haben, die dabei helfen können.

    Precht: Oder Lehrer haben, die helfen! In meiner Schule würden die Lehrer die Kinder vom ersten Schuljahr an kennen. Sie hätten eine ganz andere Rolle, wären so etwas wie Coaches, Trainer. Mit denen könnte man sich darüber beraten.

    Das wäre aber für die Lehrer eine ganz neue Rolle.

    Precht: In der Öffentlichkeit gibt es immer die Debatte um die Frage, ob man die Lehrer ändern müsse oder das System. Aber wir brauchen beides: Bessere Lehrer, die bessere Bedingungen vorfinden müssen, um besseren Unterricht zu machen. Weil es so maßgeblich auf die Lehrer ankommt, dürfen wir nicht mehr einem einzigen Lehrer eine Klasse geben. Was ist denn, wenn ich mit diesem einen Lehrer nicht klarkomme? Zudem müssten Lehrer gecastet werden. Wir brauchen einen Eignungstest für Lehrer zu Beginn des Referendariats!

    Was braucht es denn, um ein „guter“ Lehrer zu sein? Muss die Didaktik besser werden?

    Precht: Die Didaktik nützt nur dann, wenn sie praxisbezogen ist. Wenn sie gut Skifahren können, müssen sie auch nichts über die Physik des Skifahrens wissen. Es schadet nicht, wenn Sie wissen, was Sie tun – aber es reicht eben auch nicht. Ein Lehrer muss gut reden können. Weniger als die Hälfte meiner eigenen Lehrer waren Menschen, denen man gerne zuhört. Aber wenn man jemandem nicht gerne zuhört, lernt man auch nichts von ihm. Mein Vorschlag: Holt Leute aus der Praxis dazu. Mein Vater, der mittlerweile 80 Jahre alt ist, hat eine tolle Bildung und könnte aus dem Stand alles über die Weimarer Republik erzählen – und zwar spannend. Er wäre eine glänzende Ergänzung zu jedem Lehrer.

    Aber könnten wir uns das Schulsystem, das Ihnen vorschwebt, überhaupt leisten?

    Precht: Das wäre nicht teurer als unser System heute. Man müsste die Lehrerausbildung umstellen. Natürlich bräuchten wir mehr Lehrer. Aber da könnte man eben Freiwillige zur Unterstützung heranziehen, die etwas zu erzählen haben und die in den Projekten mitarbeiten könnten. Und die kosten gar nichts. Wie viele fitte Pensionäre haben wir in Deutschland! Der ehemalige Physikprofessor, der am Teilchenbeschleuniger gearbeitet hat und jetzt im Garten die Geranien gießt und seiner Frau auf die Nerven geht – der wäre doch eine Bereicherung für jede Schule! Ich zähle aber auch den Tischlermeister dazu, der den Kindern Praktisches beibringen könnte.

    Ganz ehrlich: Ihre Ideen hören sich gut an – und utopisch.

    Precht: Dabei sind das keine Phantastereien, sondern Dinge, die anderswo schon mit Erfolg betrieben werden. In Dänemark zum Beispiel gibt es ganz lange keine Noten, und die Schüler bleiben nicht sitzen. Oder nehmen wir die Schuluniformen: Der ganze Commonwealth und auch viele Privatschulen in Deutschland haben sie. Das dreigliedrige Schulsystem hingegen, das so viele Leute erhalten wollen, das gibt es außer in Deutschland und Österreich nirgendwo. Da tun wir so, als wäre das normal! Dabei ist das System nicht normal, sondern schräg.

    Sie glauben also fest an Ihre Schule der Zukunft?

    Precht: Es gibt bestimmte Bewegungen, die können Sie nicht aufhalten. Wir wissen heute so viel über die Psychologie unserer Kinder und über ihre Art zu lernen – das können wir nicht weiter ignorieren, da müssen wir endlich dementsprechende Schulen schaffen.

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