Probleme in der pubertät

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Leistungsabfall während der Pubertät: So gehen Sie richtig damit um!

Leistungsabfall: Warum Schulprobleme oft in der Pubertät kommen

Jungen wie Mädchen erleben während der Pubertät oft genau in dieser Zeit ihre erste größere Schulkrise. Manche können sich nach einiger Zeit gut selbst wieder daraus befreien, für andere beginnt nun ein längerer, oft zäher Kampf gegen die schlechten Noten und die mangelnde schulische Motivation. Nicht nur die Hormone und Gefühle bringen Ihren Nachwuchs während der Pubertät ins Ungleichgewicht. Auch im Gehirn findet nun eine Umstrukturierung statt, die Ihrem Kind das Leben manchmal schwer macht.

Während der Pubertät finden im Gehirn große Umbauarbeiten statt

Bis vor einigen Jahren ging man davon aus, dass das menschliche Gehirn mit etwa zwölf Jahren ausgereift sei. In wissenschaftlichen Tests zeigt sich aber, dass es gerade in der Pubertät massive Neu- und Umstrukturierungen vornimmt. Nicht Ihr Kind spielt also verrückt, sondern seine „kleinen grauen Zellen“. Diese groß angelegten Umbauarbeiten führen u. a. dazu, dass sich die intellektuell-sprachlichen Fähigkeiten Ihres Kindes in dieser Zeit meist massiv steigern. Die Lust mancher Jugendlicher zum Diskutieren, Streiten und/oder Philosophieren nimmt dann oft zu – auch weil sie ihre Gefühle und Gedanken nun besser in Worte fassen können.

Die „Baustelle“ im Gehirn macht Jugendliche anfällig

Gleichzeitig ist Ihr Kind während der Pubertät jedoch auch besonders sensibel und anfällig:

  • Die Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn verändert sich. Stimmungsschwankungen, Rücksichtslosigkeit, Aufmüpfigkeit, aber auch Ängste oder psychische Krankheiten können die Folge sein.
  • Das Dopaminsystem – verantwortlich für Glücksgefühle
  • entwickelt sich langsam weiter, dabei wird es zunächst um ca. 30 Prozent runtergefahren. Mancher Drogenmissbrauch von Jugendlichen oder das Suchen nach besonders risikoreichen Kicks lässt sich so erklären. Die Gefahr von schweren Unfällen ist daher in dieser Zeit so hoch wie nie.
  • Der präfrontale Cortex – zuständig für die Steuerungen von Impulsen – wird ebenfalls umgebaut. Statt Selbstkontrolle stehen nun also unkontrollierte Schrei- oder Heulanfälle, lautstarkes Türknallen etc. auf dem „Pubertäts-Programm“. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Gehirn Ihres Kindes während der Pubertät häufig so beschäftigt ist, dass es bei seinen Umbauarbeiten den täglichen Schulstoff nicht auch noch „berücksichtigen“ kann.

Übrigens: Müdigkeit in der Pubertät ist völlig normal!

Auch die chronische Müdigkeit mancher Jugendlicher am Morgen kann man den Pubertierenden nicht unbedingt zum Vorwurf machen. Mit dem Beginn der Pubertät schüttet die Zirbeldrüse das Hormon Melatonin nämlich täglich etwa zwei Stunden später aus, was den Schlaf in der Pubertät nachhaltig verändert. Es führt dazu, dass Ihr Kind am Abend auch erst zwei Stunden später als sonst müde wird. Morgens in der Schule fehlt ihm dann logischerweise diese Schlafenszeit.

Suchen Sie nach den Ursachen des Leistungsabfalls!

Lassen die Leistungen Ihres pubertierenden Nachwuchses in der Schule nach, ist es wichtig, hier zunächst nach den möglichen Ursachen zu suchen. Nicht immer sind es „nur“ die Hormone oder Baustellen im Gehirn, die Ihrem Kind zu schaffen machen.

1. Körperliche Erkrankungen

Wenn sich Ihr Kind nicht wohl fühlt, kann es auch keine guten Leistungen in der Schule erbringen. Fällt Ihnen auf, dass Ihr Kind z. B. unruhiger ist als sonst oder viel schläft, krank aussieht, keinen Appetit hat, über Schmerzen klagt etc., dann lassen Sie beim Arzt einen gründlichen Check vornehmen und mögliche schwerwiegende Erkrankungen ausschließen.

2. Psychische Probleme

Nicht immer müssen körperliche Symptome, wie z. B. Kopfschmerzen und Bauchschmerzen, gleich auf ernst zu nehmende Erkrankungen hinweisen. Sie können auch ein Indiz dafür sein, dass Ihr Kind psychische Probleme plagen. Bezogen auf die Schule, können das z. B. Prüfungs- und Versagensängste sein. Aber auch von anderen Angsterkrankungen kann Ihr Kind in der Pubertät bedrängt werden. Depressionen, Essstörungen etc. können in der Pubertät ebenfalls vorkommen. Bei einem solchen Verdacht bietet sich als erste Anlaufstelle ein Schulpsychologe an, um psychische Probleme als Grund für den Leistungsabfall auszuschließen.

3. Über- oder Unterforderung

Der Leistungsabfall Ihres Kindes kann auch mit einer dauerhaften Überforderung zu tun haben. Wenn sich Ihr Kind schon oft quälen musste, um in der Schule mithalten zu können, dann kommt oft während der Pubertät der Punkt, an dem auch mit erhöhtem Lernaufwand der Anschluss nicht mehr gelingt. Betrifft der Leistungsabfall nur ein oder zwei Fächer, dann kann hier eventuell eine intensive Nachhilfe sinnvoll sein. Ziehen sich die schlechten Noten schon seit längerer Zeit durch alle Fächer, mit zusätzlich negativer Tendenz, dann sollten Sie gemeinsam mit Ihrem Kind über einen Schulwechsel nachdenken. In einigen Fällen kann ein Abfall der schulischen Motivation und der schulischen Leistungen auch auf eine Unterforderung hindeuten. Hier sollten Sie das Gespräch mit einem Schulpsychologen und den Lehrern Ihres Kindes suchen, um gemeinsam nach geeigneten Fördermöglichkeiten zu suchen.

4. Soziale Probleme

Nicht zuletzt sind es während der Pubertät oft die zwischenmenschlichen Probleme, die die gesamte Aufmerksamkeit Ihres Kindes fordern. Liebeskummer, Streit mit der besten Freundin, Zoff mit den Kumpels etc., all das kommt in der Pubertät entweder neu hinzu oder bekommt nun eine größere Bedeutung, weil mit der Ablösung von den Eltern solche Freundschaften viel wichtiger geworden sind. Aber auch Streit unter den Eltern oder Ärger mit einem Lehrer können Ihr Kind so belasten, dass es sich nur schlecht auf seine schulischen Aufgaben konzentrieren kann. Je nach Lage des Problems können Sie als Eltern Ihrem Kind entweder „nur“ zuhören und ihm signalisieren, dass sie für es da sind, oder sie müssen selbst aktiv werden, indem Sie Ihrem Kind z. B. einen zuverlässigen häuslichen Rahmen schaffen.

So reagieren Sie als Eltern richtig

Zunächst einmal ist ein schulischer Leistungsabfall in der Regel kein „Drama“, das die meisten Schüler rückblickend ohne größere Schäden überstanden haben. Für Eltern und ihre Kinder, die gerade mittendrin in diesem Drama stecken, ist das jedoch oft kein Trost. Gleichzeitig ist ein Leistungsabfall aber immer auch ein ernst zu nehmendes Warnsignal dafür, dass gerade für Ihr Kind irgendetwas „nicht rund läuft“. Und wie in jeder Krise, steckt auch in der Schulkrise die Chance, die Situation verbessern zu können, z. B. durch ein gezieltes Motivationstraining für Jugendliche.

Für viele Eltern verliert der schulische Leistungsabfall bereits dann an Brisanz, wenn sie ihre eigene Erwartungshaltung an den Nachwuchs einmal ehrlich reflektieren. Nicht selten ist sie sehr hoch. Im Zusammenhang damit übertragen Eltern oft ihre persönlichen Versagensängste auf das eigene Kind. Manche Eltern sind vor den Klassenarbeiten ihres Kindes aufgeregter als das Kind selbst oder schämen sich mehr für eine 4 in der Klassenarbeit als der Sohn oder die Tochter. Hier gilt es, sich zu entspannen sowie dem Nachwuchs seine Fehler und Pleiten zuzugestehen.

Undramatische Verschlechterungen aussitzen

In diesem Sinne ist es auch am besten, wenn Sie eine undramatische Leistungsverschlechterung, etwa wenn Ihr Kind statt Zweien plötzlich Dreien schreibt, nicht überbetonen, sondern aussitzen. Überzogene Strafen (z. B. das Streichen von Freizeitaktivitäten), heftiger Streit und übertriebene Kontrolle bewirken oft das Gegenteil von dem, was Sie damit erreichen wollen. Ihr Kind regiert dann vermutlich erst recht mit Trotz und Gegenwehr sowie mit noch weniger schulischem Engagement.

Beziehung stärken

Gerade wenn es in der Schule nicht läuft, benötigt Ihr Kind einen sicheren Halt und Eltern, auf die es zählen kann, die ihm Orientierung bieten. Statt die Beziehung zu Ihrem Kind durch allzu viel Streit zu belasten, sollten Sie Dinge tun, die Ihre Beziehung stärkt. Das können gemeinsame Aktivitäten, wie z. B. Kochen, Kino oder Sport, sein. Ebenso wichtig ist aber das Signal, dass Sie immer ein offenes Ohr für Ihr Kind haben. Hat es eine gute Beziehung zu ihnen, ist es auch offener für Ihre Kritik.

Ausgeglichener Erziehungsstil: Anerkennung, Anleitung und Anregung

Der bekannte Bildungsforscher Klaus Hurrelmann ist der Meinung, dass Eltern ihr pubertierendes Kind auch bei schulischen Problemen dann am besten unterstützen, wenn sie sich um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen diesen drei Verhaltensweisen bei ihrer Erziehung bemühen:

  • Anerkennung meint, dass Eltern ihrem Kind grundsätzlich mit Liebe und Wärme begegnen, sich in es hineindenken und einfühlen, ohne es zu erdrücken.
  • Anleitung bedeutet, dass Eltern verbindliche Umgangsregeln und Sanktionen bei Verstößen vereinbaren sowie Konsequenz zeigen.
  • Anregung heißt, dass Eltern gewünschtes Verhalten, z. B. durch Lob, positiv verstärken, ihrem Kind keine Ratschläge erteilen, sondern es durch geeignete Impulse bei der Suche nach eigenen Lösungen unterstützen und es leistungsmäßig herausfordern, ohne von ihm übertriebenes Leistungsverhalten zu erwarten.

Unser Rat

Ihr Kind wird dann in seinem Leben auch weitere Leistungstiefs und Krisen überwinden können, wenn es weiß, dass es aus eigener Kraft und Anstrengung ein solches „Loch“ überwinden kann. Zu viel Kontrolle, Überbehütung und Streit sind dabei nicht hilfreich. Was hingegen hilft, das Selbstbewusstsein und die verloren gegangene Motivation wiederzufinden, ist Ihr Vertrauen in die Fähigkeiten Ihres Kindes.

Pubertierende Jungen haben vermehrt Schulprobleme

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Die Unterschiede sind frappierend und belegen ein sich verschärfendes Problem an Hamburgs Schulen: Während die Mädchen 55,2 Prozent der Gymnasiasten stellen, sind von den Jugendlichen, die nach neun oder zehn Jahren die Schule ohne einen Abschluss verlassen, 58,7 Prozent Jungen. Diese Angaben machte der Senat auf eine Kleine Anfrage der SPD-Abgeordneten Britta Ernst.

Die unterschiedlichen „Erfolgsaussichten“ für Mädchen und Jungen zeigen sich den Senatsangaben zufolge dabei schon bei den Einschulungen. Von den fast 2000 in diesem Jahr in Hamburg „vorzeitig“ eingeschulten Kindern seien nur 39,9 Prozent Jungen gewesen. Ihr Anteil an jenen Kindern, die verspätet ins Schulleben starteten, liege dagegen bei 64,1 Prozent.

Forscher haben bereits seit Längerem erkannt, dass – zumindest was die Schule angeht – die Jungen zum „schwächeren Geschlecht“ geworden sind. Vor allem in der Pubertät, also zwischen der fünften und achten Klasse, sei der „Vorsprung“ der Mädchen signifikant. Nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig sind sie ihren männlichen Altersgenossen um einiges voraus.

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Ursache des Problems, so sehen es Forscher, sei der Widerspruch zwischen männlichen Rollenerwartungen und einer vorwiegend weiblichen Umgebung in Familie, Kita und Schule. Viele Jungen reagierten darauf mit Rückzug oder Verweigerung. Hyperaktivität und Aggressivität seien inzwischen vor allem Eigenschaften – und Probleme – von Jungen. In der Folge stören sie häufiger den Unterricht und erbringen schlechtere schulische Leistungen. Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde mahnt deshalb, „dass Jungen nicht nur Probleme machen, sondern auch Probleme haben“.

In der Schulbehörde hat man das Problem erkannt. Gegenwärtig werde an einer Handreichung für Schulen gearbeitet, wie der Unterricht für Jungen interessanter gemacht werden könne, sagte Behördensprecher Alexander Luckow am Donnerstag. Es sei denkbar, in naturwissenschaftlichen Fächern mehr Laborelemente einzusetzen oder verstärkt mit Versuchen zu arbeiten. Auch vermehrte sportliche Betätigung entspreche den Interessen pubertierender Jungen.

Luckow verwies darauf, dass auch in der Kultusministerkonferenz, in der alle Bundesländer zusammenarbeiteten, das Thema als Problem erkannt worden sei. Dort werde beispielsweise darüber nachgedacht, wie Männer verstärkt für den Beruf des Grundschullehrers interessiert werden könnten.

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SPD-Bildungsexpertin Ernst hält es angesichts der neuen Zahlen für notwendig, Jungen verstärkt zu fördern. Es sei denkbar, in einzelnen Bereichen getrennten Unterricht einzuführen, sagte die Politikerin. In diesem könnte auf die Interessen der Jungen eingegangen werden.

Außerdem müsse die Praxis bei der Nichtversetzung und der Rückstellung von Jungen bei der Einschulung überprüft werden. Dass der Anteil von Jungen auf Sonderschulen ferner so groß sei, liege nicht daran, dass sie dümmer seien.

Die unterschiedliche Entwicklung von Mädchen und Jungen ist nach Ansicht von GAL-Fraktionschefin Christa Goetsch auch ein Argument für die Gemeinschaftsschule. Werde wie bisher nach Klasse 6 endgültig über den Besuch des Gymnasiums entschieden, gebe es dort bald nur noch Mädchen.

Der Pädagoge Christoph Bornhauser war Leiter einer Privatschule. Heute berät der Schweizer Schulen und Bildungsprojekte – und Eltern, die mit schlechten Noten ihrer pubertierenden Kindern konfrontiert sind.

Sie sprechen von der Pubertät als „zweite Geburt“. Ist es so schlimm?

Oder so schön! Die Persönlichkeit wird neu geboren. Das ist eine Phase, die echt schwierig ist, ja sogar schmerzhaft. Man braucht viel Kraft, Geduld und Vertrauen ins Gelingen, daher die Metapher.

Wann beginnt denn die Pubertät?

Früher als in der Vergangenheit. Bei Mädchen setzt sie im Schnitt mit zehn oder elf Jahren ein, bei Jungs ein bis zwei Jahre später. Pubertät ist die erste Phase der Adoleszenz, sie dauert bis etwa 15. Dann wechselt sie in die mittlere Adoleszenz, sie dauert bis zum 16. oder 17. Lebensjahr. Die späte Adoleszenz endet erst mit ca. 20.

Am heftigsten…

… ist die erste Phase. Dann entwickeln sich der Körper und die Persönlichkeit sehr rasch. Das ist die herausforderndste Phase für die Eltern.

Und diese Phase merken die Eltern am Zeugnis – es wird schlechter.

Der Pädagoge Christoph Bornhauser leitet das Beratungsunternehmen Seelab AG in Kreuzlingen am Bodensee. © Dirk Walter

Ja, das ist oft der Fall, weil das Kind jetzt komplett andere Interessen entwickelt und seine Energien umlagert. Bei Kindern, die in den schulischen Lerninhalten Lust und Sinnhaftigkeit sehen, ist das nicht so. Aber das ist leider oft eine Minderheit.

Wie können Eltern damit umgehen?

Eltern sollten mit Jugendlichen über ihre Ziele oder Lebensträume sprechen. Nicht über die Ziele in der Schule, sondern eher darüber, wie ihr Leben in zehn Jahren aussehen könnte. Man sollte das als echte Frage stellen und nicht mit pädagogischem Unterton, und versuchen, aus der jugendlichen Vision eine Projektion auf die Gegenwart und ihren Bildungsprozess zu machen. Das ist fruchtbarer, weil Pubertierende sich nicht in erster Linie an Schulabschluss und Noten orientieren, im Gegensatz zu ihren Eltern. Aus dieser Interessenskluft resultieren dann oft auch schlimme Konflikte.

Was ist, wenn der Jugendliche sich dem Gespräch verweigert?

Eine Komplettverweigerung ist sehr selten. In der Regel ist es doch so: Eltern sind für die Pubertierenden die schwierigsten Gesprächspartner. Die Kontaktaufnahme kann auch über andere Erwachsene erfolgen, zu denen der Jugendliche emotionale Bindungen aufgebaut hat. Das kann ein Trainer im Verein sein, Verwandte, ein Lehrer, den er gern hat.

Ist die Pubertät bei Mädchen und Buben gleich?

Nein. Mädchen sind früher in der Pubertät und beenden sie auch früher. Das hat einen einfachen Vorteil: Sie erreichen schon vor dem Abitur die Reife einer Erwachsenen, die Jungs erreichen die Erwachsenenreife oft erst nach dem Abi. Erschwerend für die Jungs kommt noch dazu, dass ihre Bedürfnisse noch stärker außerhalb der Schule liegenals die von Mädchen. Sie haben viel mit Bewegung zu tun, mit Risiko und Tatendrang. Um dies in die Schule einzubauen – auf Exkursionen, Projekten oder Skilagern – braucht es mutige Lehrer. Wahrscheinlich gibt es da auch hinderliche Vorschriften.

Bei den „Schultagen München“ haben Sie Fotos aus dem Zimmer Ihrer pubertierenden Tochter gezeigt. Pures Chaos – und mittendrin eine penibel geordnete Ansammlung von Nagellacken und Wimperntuschen. Was sagt uns das?

Dass es mitten in der chaotischen Pubertät auch Ansätze von Ordnung gibt – nämlich dort, wo es das Kind will. Das gibt Eltern die Möglichkeit, zu orten, wo die Faszination und die Interessen ihres Kindes liegen und sie als Kristallisationspunkte für die Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen.

Dirk Walter

10 typische Teenie-Konflikte und wie Sie damit umgehen

Wenn Sie einen pubertierenden Jugendlichen zu Hause haben, sind Konflikte an der Tagesordnung.Wir haben Lösungsansätze für Sie zusammengestellt.

Die ewigen Debatten ums Ausgehen, das Outfit oder über Schulprobleme können schon zermürben, vor allem wenn das von Hormonschüben geplagte Gegenüber launisch, zickig und so gar nicht kompromissbereit ist. Die Pubertät ist schwierig – vor allem für die Eltern. Sie empfinden es oft als Beweis ihres eigenen erzieherischen Scheiterns, wenn auf einmal mühsam anerzogene Verhaltensweisen vom Nachwuchs kurzerhand über Bord geworfen werden. Damit Sie von den Ausrastern Ihres Homo pubertensis nicht in den Wahnsinn getrieben werden, haben wir für Sie zehn typische Situationen mit Lösungsansätzen zusammengestellt.

Reden? Kein Bock!

Anton, 14, ist wortkarg geworden. Fragen werden nur noch mit demonstrativem Augenrollen in knappen Sätzen beantwortet. Tipps für Eltern mit Kindern, die auf Konfrontationskurs sind.

Anton (14) ist auf dem Weg zur Tür: „Tschüs, ich geh jetzt!“. Seine Mutter: „Wohin gehst Du?“ Anton, genervt die Kopfhörer aus den Ohren pulend: „Zu Freunden.“ Mutter: „Was für Freunde?“ Anton: „Kennst Du eh nicht!“ „Du bist bitte zum Abendessen wieder da!“ „Jaaa, wenn’s sein muss. Kann ich jetzt endlich gehen?“
Nina (13): „Ich geh jetzt in die Stadt.“ Ihr Vater: „He, warte mal. Hast Du für Deine Englischschulaufgabe morgen gelernt?“ Nina: „Ja, ja.“ Vater: „Wie läuft‘s denn überhaupt so in der Schule?“ Nina: “Geht schon.” Vater: „Was heißt geht schon? Geht’s auch etwas konkreter?“ Nina: „Wieso willst Du das überhaupt wissen? Tu doch nicht so, als würdest Du Dich für mich interessieren!“, schreit Nina und schlägt die Haustür hinter sich zu.
So oder so ähnlich laufen die typischen Gespräche mit Teenagern ab. Entweder wortkarg und trotzig, gepaart mit demonstrativem Augenrollen, das signalisiert „Bist Du endlich fertig?“. Oder voll auf Konfrontationskurs, mit einer erschreckenden Portion Aggressivität, Gemotze und dem unbedingten Willen zur Provokation, um dann in einer 180-Grad-Kehrtwende in abgrundtiefes Selbstmitleid zu verfallen: „Ihr-interessiert-Euch-nicht-für-mich-dann-verreck-ich-halt!“

Lösungsvorschlag

Die Pubertät ist ein wilder Drahtseilakt, mit seelischem Ungleichgewicht über die Wogen der Hormonschübe. Das einzige Auffangnetz, das Eltern bieten können ist das der, zugegeben schwierigen, Kommunikation. Wichtig ist, immer das Interesse an den aktuellen Themen im Leben Ihres Kindes behalten, auch wenn sie Eltern oft nicht so wichtig erscheinen, man erst mal zurückgewiesen oder sogar provoziert wird. Seien es Daddelspiele auf dem Computer oder Social Media-Portale, das Outfit oder die blöde beste Freundin.
Beweisen Sie Geduld und Ausdauer, entwickeln Sie eine Sensibilität für die richtigen Momente, wann und wie Sie fragen dürfen und hören Sie zu. Gute Gespräche zwischen Eltern und Kindern laufen in dieser Zeit oft eher nebenbei, beim Einkaufen oder im Auto. Auch vor dem Schlafengehen kann eine gute Gelegenheit zum Reden sein, wenn das Kind schon im Bett liegt und der Druck des Tages abfällt. Dennoch, versuchen Sie auf keinen Fall, sich mit Ihren Kindern auf die gleiche Stufe zu begeben. Interesse heißt nicht, dass Sie alles toll finden müssen, was Teenies mögen. Das ist unglaubwürdig.
Lassen Sie ihren Heranwachsenden auch ihre Privatsphäre, halten Sie die Balance zwischen Neugier und taktvoller Zurückhaltung.

Schule: Alles andere ist wichtiger!

Maike, 14, findet alles andere wichtiger als die Schule. Ihre Eltern machen sich große Sorge und überlegen, was sie tun können.

Früher war Maike eine gute Schülerin, doch seit ihrem 14. Geburtstag scheint alles andere wichtiger zu sein als Schule: Schminken, Klamotten, Partys, mit Freundinnen treffen, stundenlanges Telefonieren, Verliebtsein … Wer kann sich schon auf Hausaufgaben konzentrieren, wenn einen der erste Kuss viel mehr beschäftigt. Außerdem: Wer will denn gute Noten? Streber sind uncool! Doch nach dem Zwischenzeugnis mit zwei Fünfern in den Hauptfächern heißt es: Versetzung gefährdet. Maikes Eltern machen sich große Sorgen. Was hilft? Nachhilfe? Internat? Verbote?

Die meisten Jugendlichen haben heute längst verstanden, wie wichtig die schulische Ausbildung für ihren späteren Lebensweg ist. Vorwürfe und Prophezeiungen à la „Dann wirst Du eben Pizzakurier“ sind kontraproduktiv. Auch wenn es für viele Eltern keine Option ist: Leistungseinbrüche, geringe Motivation in Schulangelegenheiten und Klassenwiederholungen sind in der Pubertät normal und an der Tagesordnung. Natürlich sollen Sie nicht zulassen, dass Ihr Kind in der Schule scheitert. Aber besser als Vorhaltungen und Verbote ist, wenn Eltern Ihren Kindern ein Grundvertrauen schenken. Ein „Du wirst das schon machen“ ist ermutigend, gibt Selbstvertrauen und stärkt das Verantwortungsgefühl. Nachhilfe kann sicher helfen, Wunder sollten Sie aber nicht erwarten. Vielleicht können auch ältere Geschwister, eigene oder von Freunden helfen? Oft können diese auch eine gewisse Vorbildfunktion übernehmen.
Ein Internat kann ein, wenn auch kostspieliger, Ausweg sein. Dort ist man pubertierende Schüler gewohnt und pädagogisch darauf eingerichtet. Letztlich ist es aber auch keine Schande, einmal eine Klasse zu wiederholen!

Liebe, Sex und andere Peinlichkeiten

Valerie, 17, hat seit seit kurzem einen neuen Freund. Ihre Mutter will mit ihr über das Thema Verhütung sprechen. Valerie hat keine Lust.

Valerie ist 17 und hat seit einem halben Jahr ihren ersten festen Freund. Ihre Mutter weiß Bescheid und macht öfters Versuche, Themen wie Verhütung und Sex anzusprechen. Doch Valerie blockt ab, sie hat einfach keine Lust, mit ihrer Mutter darüber zu sprechen: „Ich war vor ein paar Wochen zum ersten Mal beim Frauenarzt und habe mir die Pille verschreiben lassen – einfach mal vorsichtshalber. Ich war allein dort, ohne meinen Freund. Schließlich bin ich aufgeklärt und alt genug. Ich will mit meiner Mutter nicht über alles reden, auch wenn ich’s könnte. Mir ist das einfach unangenehm.“ Valeries Mutter sieht das nicht ganz so entspannt. Wenn ihre Tochter nicht mit ihr spricht, woher soll sie wissen, ob Valerie wirklich in Sachen Verhütung Bescheid weiß?

Im Grunde ist Valeries Mutter sehr mutig. Denn vielen Eltern ist es eher unangenehm, so heikle Themen mit ihren heranwachsenden Kindern zu besprechen. Sie befürchten, dabei auch mit Ihren Kindern über deren Intimleben und Sexualität reden zu müssen. Dabei muss das Gespräch nicht ins Persönliche abgleiten, kurze und sachliche Antworten sind meist ausreichend. Zudem ist es trotz Aufklärungsunterricht in der Schule durchaus sinnvoll, mit Teenagern schon vor der ersten Liebe über Geschlechtskrankheiten, Pornographie und auch über Verhütung zu sprechen. Gerade zu diesem Thema gibt es häufig noch sehr viel Unwissen. Dennoch muss Valeries Mutter ihrer in diesem Fall einen Vertrauensvorschuss gewähren. Und statt einem Gespräch ihrer Tochter eine Broschüre zum Thema geben – auch das ist vielleicht eine peinliche Situation. Aber Valerie kann dann selbst entscheiden, ob, wie und wann sie einen Blick hineinwirft. Meistens siegt dann doch die Neugier.
Grundsätzlich müssen sich Eltern nicht verbiegen, wenn Sie der Meinung sind, dass Ihr Kind noch zu jung für Sex oder Übernachtungsbesuche ist. Dann sagen sie das ruhig. Aber geben sie ihrem Kind auch die Chance, den eigenen Standpunkt zu erklären. Das Wichtigste ist eigentlich, seinen Kindern immer ein offenes Ohr zu bieten und zu signalisieren, dass sie, egal mit welchem Problem zu Ihnen kommen können.

Alkohol und Rauchen: der erste große Rausch

Jan, 17 Jahre, trinkt mit seiner Clique gerne Alcopops und raucht. Seit dem letzten großen Rausch sind Jans Eltern ziemlich besorgt.

Der 17-jährige Jan fährt am Wochenende mit seiner Clique abends gern in die Stadt. Sie sitzen auf Parkbänken, trinken Bier oder Alcopops und rauchen. Rauchen und Alkohol trinken ist cool, erwachsen und macht sexy. Normalerweise übertreiben sie es auch nicht. Eines Abends bringt einer der Jungs einen Schnaps mit. Jan kommt sturzbetrunken und nach Rauch stinkend nach Hause. Seine Eltern sind entsetzt. Jan ist doch sonst verhältnismäßig vernünftig, müssen sie sich jetzt Sorgen machen? Was haben sie nur falsch gemacht und wie sollen sie sich jetzt Jan gegenüber verhalten? Ihm Hausarrest geben, die Ausflüge mit seinen Freunden, den Alkohol und das Rauchen verbieten? Oder lieber mal ein Auge zudrücken, schließlich kann sich fast jeder selbst noch an den ersten Rausch erinnern. Ist der nicht schon Strafe genug?

Machen Sie kein Drama daraus! Eltern, die Rauchen oder Alkohol verbieten sind uncool und ernten meist nur Trotz und eine Jetzt-erst-recht-Einstellung. Die Pubertät ist nun mal die Zeit des Sturm und Drang, des Ausprobierens, des Testens und Verschiebens eigener Grenzen und jener der Eltern. Und dabei dürfen Jugendliche eben auch mal auf die Nase fallen. Nehmen Sie es mit Gelassenheit: Nur weil Ihr Kind einmal betrunken und nach Rauch stinkend nach Hause kommt, ist es weder Alkoholiker noch Kettenraucher. Zeigen Sie erst mal Verständnis und sprechen Sie am nächsten Tag in Ruhe darüber. Dann können Sie auch strikt sein und fordern: Das kommt so nicht mehr vor! Halten Sie sich mit Vorwürfen zurück, Sie werden sehen: Mit kühlem Kopf und vernünftigen Argumenten kommen Sie weiter. Schließlich ist dem Halbwüchsigen die Situation, vor den Eltern betrunken zu sein, schon unangenehm genug. Was das Suchtverhalten und die Anfälligkeit für Zigaretten und Alkohol angeht, sollten Sie schon vor der Pubertät den Grundstein in der Erziehung legen. Zu einem Zeitpunkt, wenn Alkohol und Rauchen von Kindern noch abgelehnt wird, weil es eklig schmeckt und riecht. Wenn Sie Ihr Kind zum selbstbewussten Menschen erzogen haben, wird es sich später da draußen nicht gleich jedem Gruppendruck beugen. Sie können ohnehin nicht kontrollieren, wie Ihr Kind in der Öffentlichkeit oder auf Partys mit Alkohol umgeht.

Appellieren Sie an den Menschenverstand: Alkohol ist ein Genussmittel, soll nicht ständig und immer in Maßen zu sich genommen werden. Damit zeigen Sie, dass Sie Ihren angehenden Erwachsenen mit seinen Fehlern und Problemen für voll nehmen, aber auch, dass er in der Lage sein sollte, sein Handeln und die Folgen abzuschätzen.

Pünktlichkeit ist was für Spießer!

Lucia, 12, ist nicht mehr wiederzuerkennen. Aus dem Kind ist ein kratzbürstiges, launisches Pubertätsmonster geworden, das sich nicht mehr an Vereinbarungen hält.

Lucias Mutter ist am verzweifeln. Was ist bloß aus ihrer süßen, anschmiegsamen 12-jährigen Tochter geworden? Seit ein paar Wochen ist es, als wäre ihr Kind durch ein kratzbürstiges, launisches und zickiges Monster ersetzt worden, das sich an keine Vereinbarungen und Regeln mehr hält und bei jeder Gelegenheit Türen schlagend verschwindet. Früher war Lucia immer pünktlich zu Hause, wenn sie bei Freundinnen war. Jetzt kommt sie eine halbe Stunde zu spät und verschwindet ohne Entschuldigung sofort in ihr Zimmer. Wenn ihre Mutter sie darauf anspricht, schmollt Lucia sie nur schweigend an. Im Haushalt zu helfen, den kleinen Bruder vom Kindergarten abzuholen, Einkaufen zu gehen: Eine Zumutung, wie kann ihre Mutter nur so etwas von ihr verlangen?

Die Grenzen auszuloten scheint währen der Pubertät das Hobby aller Jugendlichen zu sein. Und dabei die Eltern möglichst schnell zur Weißglut zu treiben. Dabei sind Regeln und Abkommen gerade in dieser Zeit ein Muss, um das Zusammenleben für beide Seiten erträglich zu halten. Gehen Sie als Eltern, so unmöglich und energieraubend das klingt, den Konflikten nicht aus dem Weg. Geben Sie eine klare Linie vor: Für jede eingehaltene Vereinbarung, für jede Mithilfe, Kooperation und übernommene Verantwortung gibt es als Belohnung ein bisschen mehr Freiheit. Länger bei Freundinnen bleiben zum Beispiel oder selbst eine Pyjamaparty veranstalten. Nehmen Sie es generell mit der Einhaltung der Regeln nicht allzu genau, geben Sie Spielraum. Damit gehen Sie unnötigen Diskussionen bei kleinen Provokationen und minimalen Verstößen aus dem Weg.
Die Faustregel ist: Soviel Regeln wie nötig, soviel Spielraum wie möglich. Konzentrieren Sie sich in Erziehungsgesprächen auf das Wesentliche, lieber klare Ansagen in kurzen Sätzen als lange Wortkaskaden. Aufsässigkeit und Rebellion gegen die bestehenden Verhältnisse sind in der Pubertät völlig normal. Wichtig ist, den Jugendlichen mit der eigenen Konfliktbereitschaft zu signalisieren: Ich bin für Dich da, wenn Du mich brauchst!

Von Prinzessin Lillifee zum Punk

Hanna, 15, liebt provozierende Klamotten und laute Punkmusik. Jetzt hat sie sich die Haare gefärbt und träumt jetzt von einem Irokesen-Schnitt. Ihre Eltern flippen aus.

Seit einiger Zeit tönt lautstark Punkmusik aus dem Kinderzimmer, die Lieblingsfarbe der 15-jährigen Hannah ist neuerdings nicht mehr Pink sondern Schwarz. Und eines Abends erscheint sie ohne Vorwarnung mit neon-lila Haarpracht zum Essen. Sie findet’s „endgeil“, den Eltern verschlägt es vor Entsetzen die Sprache. Hannah kündigt an, sie lasse sich jetzt außerdem demnächst einen Irokesen schneiden um ihren Punk-Look abzurunden. Das ist zu viel für Hannahs Eltern, der Iro wird strikt verboten, das Abendessen endet im Gebrüll.

Wie die meisten Erwachsenen definieren sich auch Teenager über ihr Aussehen. Sich die Haare grellbunt zu färben, Tattoos und Piercings zutragen, zu kurze Röcke und zu weite Hosen – all das dient nicht nur dazu, sich möglichst deutlich von den eigenen Eltern abzugrenzen, sondern auch dazu, die eigene Persönlichkeit zu finden und zu definieren. Beweisen Sie Toleranz in Geschmacksfragen! Verbote hinsichtlich Kleidungsstil, Musikgeschmack oder Frisur führen nur zu Ablehnung seitens Heranwachsender und zu einem zermürbenden Machtkampf. Ihr Kind denkt „Du kannst mich mal“ und macht es trotzdem.
Was tiefgreifende und unumkehrbare Veränderungen des Körpers angeht, wie beispielsweise Tattoos oder Piercings: Hier können Sie Grenzen setzen. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber und erklären Sie, welche Folgen und Nachteile sich daraus ergeben. Die Kunst besteht darin, Ihrem Kind zwar Grenzen zu setzen, aber trotzdem den Kontakt nicht zu verlieren und bei ihm Verständnis für Ihren Standpunkt zu erreichen.

Krisengebiet Kinderzimmer

Markus, 12, hat für sein Kinderzimmer ein elterliches Zutrittsverbot verhängt. Nicht zur Freude seiner Eltern.

Für die Eltern des 12-jährigen Markus ist das Kinderzimmer von heute auf morgen zum Minenfeld mutiert, plötzlich sind sie im Reich ihres Sohnes „Personas non grata“. Betreten ohne Anklopfen? Führt zu einer mittleren Familienkrise. Beim chatten auf Facebook über die Schulter schauen? Geht gar nicht! Hallo sagen und Kekse bringen wenn Freunde zu Besuch sind? Mama, bitte nicht!

Gönnen Sie Ihrem Kind seine Privatsphäre. Mit Beginn der Pubertät ziehen sich Jugendliche zurück und fordern Zeit für sich allein. Das empfinden viele Eltern nicht nur als Zurückweisung, sie haben auch manchmal das Gefühl, ihre Kinder verheimlichen ihnen etwas. Das ist gut möglich, beunruhigen muss Sie das aber nicht. Schließlich besprechen Sie viele Dinge auch eher mit dem Partner oder mit Freunden, gestehen Sie das gleiche Recht auch ihrem Kind zu! Die Gruppe der Gleichaltrigen ist in der Pubertät extrem wichtig, mit ihnen werden Probleme von A wie Ausgehen bis S wie Schwarm bequatscht, man vernetzt sich virtuell und chattet stundenlang. Auch wenn Sorge oder Neugier groß sind, verzichten Sie auf jegliche Detektivarbeit im Kinderzimmer, am Handy oder PC. Das ist absolut tabu. Äußern Sie anstatt dessen Ihre Ängste und Bedenken lieber offen, erkundigen Sie sich vorsichtig was los ist oder ob alles in Ordnung ist. Ihr Heranwachsender wird es Ihnen mit Vertrauen und vielleicht auch manchmal mit ein wenig mehr Offenheit danken.

Hat unser Kind die falschen Freunde?

Lukas, 16, hat Freunde, die seinen Eltern nicht gefallen. Sollen sie ihm den Umgang mit der Clique verbieten?

Die Lieblingsbeschäftigung des 16-jährigen Lukas ist seit kurzem das „Abhängen“ auf dem Spielplatz. Vor allem Abends lungert er dort mit seinen neuen Freunden herum, die nach Auffassung seiner Eltern, zumindest aus prekären Verhältnissen stammen. Lukas‘ Eltern machen sich Sorgen: Trinkt ihr Sohn Alkohol? Nimmt er etwa Drogen? Verführen ihn die anderen Jungs zu kriminellen Aktionen? Beweise dafür gibt es keine. Aber was sollen sie tun, darf man dem eigenen Sohn nur aufgrund von Vermutungen den Umgang mit bestimmten Kindern verbieten?

Ein Kontaktverbot, vor allem rein auf Vermutungen basierend, sollte definitiv nicht die erste Reaktion sein. Fragen Sie Ihr Kind nach seinen neuen Freunden, hören sie ihm zu und versuchen Sie, sich ein Bild von ihnen zu machen. Fordern Sie Ihr Kind auf, die neuen Freunde mit nach Hause zu bringen. Werfen Sie ihre Vorurteile über Bord, schließlich verdienen auch die pubertierenden Kinder anderer einen unvoreingenommenen Blick. Wenn Sie sich dann immer noch Sorgen machen, achten Sie auf Veränderungen im Verhalten und Aussehen. Nur wenn Sie sich sicher sind, dass etwas nicht stimmt, kann zum Schutz Ihres Kindes auch der Kontakt verboten werden. Auch andere Jugendliche können ein gutes Korrektiv bieten. Wenn Sie Ihr Kind ermuntern, je nach Interesse einem Sportverein oder Ähnlichem beizutreten, besteht so die Möglichkeit, es in andere Kreise zu bringen.

Der ewige Streit ums Weggehen

Paul, 15, will abends länger ausgehen – seine Eltern sind dagegen.

Paul, 15, ist wütend. Warum darf er nicht bis zwölf Uhr wegbleiben? Noch dazu auf der privaten Party eines Freundes. Was soll da schon dabei sein? Viele seiner Freunde dürfen bis zwölf Uhr oder sogar länger ausgehen. Er muss dann immer als Erster gehen, wie peinlich! „Ich bin doch kein kleines Kind mehr und kann gut auf mich selbst aufpassen“, schreit er seine Eltern an. Die sehen das ganz anders. Erstens ist man mit Fünfzehn noch zu unerfahren, um sich nachts draußen herumzutreiben, geschweige denn erwachsen. Und zweitens findet die Feier in einem Freizeitheim für Jugendliche statt – wer weiß, wer sich da zu später Stunde sonst noch herumtreibt? Länger als elf Uhr kommt also gar nicht in die Tüte!

Prinzipiell haben Pauls Eltern recht, denn das Jugendschutzgesetz gibt den Rahmen für die Ausgehzeiten von Jugendlichen vor. Teenies unter 18 Jahren müssen beispielsweise bis 24 Uhr öffentliche Gaststätten und Tanzveranstaltungen (Discotheken) verlassen. Bei Veranstaltungen in Jugendheimen unter fachlicher Aufsicht allerdings, wie in diesem Fall beschrieben, dürfen 13-Jährige bis 22 Uhr und 15-Jährige bis zwölf Uhr bleiben. Pauls Eltern können sich hier also beruhigt auf einen Kompromiss einlassen und Paul das Gefühl geben, sich durchgesetzt zu haben. Gerade in der Pubertät schadet es nicht, die eigenen Kinder im sinnvollen Rahmen auch einmal den Sieg davontragen zu lassen. Das stärkt das Gefühl bei Jugendlichen, sich auch durchsetzen zu können, größere Freiheiten fördern zudem das eigene Verantwortungsbewusstsein.

Regeln müssen sein, aber Ausnahmen wie diese bestätigen die Regel. Grenzen sollten flexibel bleiben und der jeweiligen Situation angepasst werden. Wenn Sie sich Sorgen machen, wie Ihr Kind zu später Stunde nach Hause kommt: Bieten Sie doch an, zu einer vereinbarten Uhrzeit ein paar Ecken weiter mit dem Auto zu warten. Sie ersparen damit Ihrem Kind die Peinlichkeit, von den Eltern abgeholt zu werden. Und: Von Jugendlichen auserkorene Versammlungsorte sind für Erwachsene tabu!

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Typisch Teenie oder psychisch krank?

Mit 14 findet sich Lena zu dick. Sie hasst ihren Körper, besonders die wabbeligen Oberschenkel. Erst meidet sie Kalorien, dann auch immer häufiger die gemeinsamen Mahlzeiten im Kreis der Familie. Angeblich hat sie schon gegessen. Dass Lena an einer Depression leidet und eine Essstörung hat, ahnen ihre Eltern lange nicht. Und auch nicht, dass sich ihre Tochter mit dem Zirkel in die Haut ritzt, bis sie blutet …

Max duscht mehrmals täglich und wäscht sich ständig die Hände. Seine Mutter, die oft erst nach 20 Uhr zu Hause ist, bekommt davon nichts mit. Dass Max kaum noch mit ihr spricht, sich in seinem Zimmer vergräbt, viel und lange schläft, ist für sie „typisch Teenie“. Max ist 15 und an einer Zwangsstörung erkrankt …

Alles zu viel – kein Bock auf Nichts

Erwachsenwerden ist kein Kinderspiel. Schon ab dem 11. Lebensjahr beginnt für viele die Achterbahn der Gefühle. Gerade noch himmelhochjauchzend und im nächsten Moment zu Tode betrübt … Während sich der Körper umgestaltet und das Gehirn eine Dauerbaustelle ist, gibt es neben den körperlichen Entwicklungsschritten auch emotionale und soziale Aufgaben: Sich abnabeln, Grenzen austesten, Verantwortung übernehmen, sich verlieben, Trennungen meistern … Die Mehrzahl der jungen Menschen bewältigt die Anforderungen, für manche ist das aber eine große Herausforderung.

In der Pubertät entwickeln sich psychische Störungen leichter. Laut aktuellen Studien erkranken bis zu 10 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren an einer behandlungsbedürftigen Depression – das sind etwa zwei Schülerinnen bzw. Schüler pro Klasse. Auch hinter aggressivem Verhalten, ADHS oder Schulverweigerung kann eine Depression stecken. Denn häufig geht die Depression mit weiteren psychischen Erkrankungen einher wie beispielsweise Angst- oder Essstörungen. Suizidale Gedanken sind ebenfalls ein Symptom der Depression. Das Risiko eines Suizids ist bei betroffenen Jugendlichen bis zu 20-fach erhöht.

Eine Depression kann jeden treffen

Warum sich bei manchen Kindern und Jugendlichen eine Depression entwickelt? Einen einfachen Grund dafür gibt es nicht. Meist kommen verschiedene psychische und biologische Ursachen zusammen. Das können belastende Lebensumstände wie chronischer Schulstress, Trennung der Eltern, Beziehungsprobleme oder Mobbing sein. Ist ein Elternteil ebenfalls an Depression erkrankt, besteht möglicherweise eine genetische Vorbelastung. Genauso können Depressionen aber auch ganz ohne Auslöser auftreten.

Für Eltern ist nicht leicht zu unterscheiden, ob die Schlafprobleme des Sohnes oder die Selbstzweifel der Tochter eine unbedenkliche Teenie-Phase sind, die wieder vorbei geht oder erste Anzeichen einer psychischen Störung. Dauern die Symptome länger als zwei Wochen an, sollten Eltern mit ihrem Kind sprechen und sich an einen Arzt, eine Ärztin oder Psychotherapeuten wenden. Bei einer frühen Behandlung sinkt die Gefahr, dass eine Depression einen chronischen Verlauf nimmt. Mögliche Seelische und körperliche Symptome bei psychischen Störungen sind

  1. Ängste

  2. Niedergeschlagenheit

  3. Energielosigkeit

  4. Keine Lust auf das, was sonst Spaß gemacht hat

  5. Besonders reizbar

  6. Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren

  7. Kopfschmerzen

  8. Leistungsstörung

  9. Schlafprobleme

  10. Magen-/Darmbeschwerden

  11. Veränderung der Essgewohnheit und Gewichtsveränderung

  12. Geschwächtes Selbstwertgefühl

  13. Schuldgefühle

  14. Wiederkehrende Gedanken an den Tod

Psychische Probleme sind kein Makel

Auch wenn sich von 2004 bis 2012 die Zahl der stationären Behandlungen bei depressiven Patienten zwischen 10 und 20 Jahren laut DAK bundesweit verdreifacht hat, heißt das nicht, dass immer mehr Kinder und Jugendliche an einer psychischen Störung erkranken! „Die Zahl der Diagnosen steigt, weil sich einfach mehr Menschen trauen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen“, so die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Julia Ebhardt von FIDEO (siehe Interview). Dazu käme, dass in den letzten Jahren offener mit psychischen Erkrankungen umgegangen wird. „Und viele Mädchen und Jungen kommen früher in die Pubertät und zeigen entsprechend eher die Symptome.“

In den meisten Fällen reicht eine ambulante Behandlung. „Leider sind 15 bis 20 Wochen Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz keine Seltenheit“, so Julia Ebhardt. Zwar gäbe es viele qualifizierte und gute ausgebildete Psychotherapeuten, aber nicht alle haben eine sogenannte Kassenzulassung. Sie rät betroffenen Eltern, sich an Ausbildungsinstitute für Psychotherapeuten zu wenden. „Da kommt man manchmal schneller an einen Therapieplatz.“

Die 5 häufigsten Probleme in der Pubertät

Die Pubertät kann kompliziert sein. Richtig kompliziert. Probleme in der Pubertät verwirren nicht nur die Mitmenschen des Jugendlichen, sondern auch den Jugendlichen selbst. Sie ist zudem eine Zeit, in der er für verschiedene psychische Störungen wie Angst und Depressionen anfällig ist. Auf entsprechende Symptome ist also ebenfalls zu achten. Die bevorstehende Pubertät erschreckt deshalb viele Eltern, die sich vor den mit ihr verbundenen Herausforderungen fürchten.

Es gibt viel zu tun! Lies weiter und entdecke, welche die größten Probleme der Pubertät sind und was wir gegen sie tun können. Schon jetzt können wir verraten: Empathie und Geduld sind sehr nützliche Werkzeuge, um besser mit Problemen im Jugendalter umgehen zu können.

Jeder fünfte Jugendliche leidet an einer psychischen Störung.

1. Probleme in der Pubertät – Depression und Dysthymie

Die Depression ist eine Erkrankung, die viele Jugendliche betrifft. Die Notwendigkeit, sich der Gruppe anzupassen, ein geringes Selbstwertgefühl in Folge von Akne und Mobbing sind nur einige der möglichen Ursachen für Depressionen. Die Dysthymie, die sich von der Depression unterscheidet, kann ebenso auftreten. Diese Störung ist eine leichte, aber chronische Form der Niedergeschlagenheit. Es ist üblich, dass sie bis zu zwei Jahre anhält.

Die Unterstützung der Familie ist in beiden Fällen extrem wichtig. Es gilt, Veränderungen oder Anzeichen für Krankheiten bloß nicht irgendwelche zu ignorieren oder als „Teenie-Kram“ abzustempeln. Es ist wahr, dass Jugendliche nicht viel reden und dass die Familie nicht die Umgebung ist, in der sie am meisten erzählen. Daher musst du deine Augen offen halten und deinem Kind genügend Aufmerksamkeit schenken.

2. Angststörungen

Angst ist heute weitverbreitet und es gibt eine Phase in unserem Leben, in der sie besonders schlimm werden kann – in der Pubertät. Die Erwartungen, die ein Teenager hat oder die andere an ihn stellen, können zu starkem Stress führen. Auch der Druck, sich mit anderen zu messen und sie zu übertreffen, oder Probleme mit Freunden, können Quellen der Angst sein.

Die Symptome, die uns darauf hinweisen können, dass etwas nicht stimmt, sind vielfältig.Leidet dein Kind an Schlaflosigkeit? Ist es sehr reizbar? Das können einfach Stimmungsschwankungen sein, die für die Pubertät typisch sind. Bauchschmerzen ohne offensichtliche Ursache und Muskelverspannungen sind jedoch Symptome, mit denen ihr euch an einen Spezialisten wenden solltet. Wenn sie eine ernste Ursache haben, dann kann eine Behandlung eingeleitet werden.

„Angst schärft die Sinne. Unsicherheit lähmt sie.“

Kurt Goldstein

3. Anorexie, Bulimie und Essstörung

Probleme im Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme treten zweifellos am häufigsten in der Pubertät auf. Jugendliche sehen sich oft mit Kritik am eigenen Körper konfrontiert. Gleichzeitig sind sie von jenen unmöglichen Bildern der Schönheit umgeben, die die Gesellschaft zu einem hohen Preis an sie verkauft. Daher konzentrieren sich Jugendliche oft sehr darauf, was sie essen. Sie gestalten ihre Diät, um die Kontrolle über ihr Gewicht zu bewahren, ohne dabei auf mögliche Folgen einer Fehl- oder Mangelernährung zu achten.

Daraus ergibt sich nicht zwangsläufig ein Problem. Das Problem entsteht oft daraus, dass Jugendliche Maßnahmen ergreifen, ohne jemanden zu konsultieren, der etwas von Ernährung versteht. Manchmal sind diese Maßnahmen sehr restriktiv und werden in Form einer Bestrafung oder zur Beruhigung ihrer Angst angewendet. Es ist offensichtlich, dass diese Maßnahmen katastrophale Folgen für ihren Körper haben können.

In einigen Fällen sind Essstörungen auch die Manifestation eines tiefer liegenden Problems. Ein Beispiel könnte ein Kindheitstrauma sein, wegen dessen sich der Jugendliche schuldig fühlt, und so beginnt er, sein Leben über das Essen zu kontrollieren. Oft gehen diese Störungen Hand in Hand mit selbstzerstörerischen Verhalten.

Wenn ein Jugendlicher abnehmen möchte, ist es in Ordnung, ihn zum Arzt zu bringen, der ihn dann wiederum an einen Ernährungsberater verweist. Dort wird er dann darüber beraten, wie eine gesunde Ernährung aussehen sollte. Aber es ist dennoch wichtig, ihn weiterhin im Auge zu behalten: Wenn Teenager an Essstörungen leiden, verbergen sie das in der Regel.

4. Soziale Phobie

Die soziale Phobie gehört zur Gruppe der Angststörungen, und wird sichtbar, wenn sich der Jugendliche in der Öffentlichkeit befindet, oder vielleicht auch schon, wenn er nur daran denkt. Mit Fremden zu interagieren oder an einen Ort voller Menschen zu gehen, kann für ihn zu einem Albtraum werden.

Aus diesem Grund ist es üblich, dass Teenager zu Hause bleiben. Unsicherheit, Selbstzweifel in Bezug auf den Körper, Mobbing und das ungestillte Bedürfnis nach Akzeptanz können soziale Phobien auslösen. Wenn in der Öffentlichkeit Tachykardie, Atembeschwerden und Angstzustände auftreten, kann dies auf eine soziale Phobie hinweisen.

5. Antisoziale und oppositionelle trotzige Störung

Hat der Teenager gestohlen? Ist er gewalttätig gegenüber Menschen oder Tieren? Es passiert schnell, dass Laien die antisoziale oder oppositionelle trotzige Störung mit natürlichen Problemen in der Pubertät rechtfertigen. Diese Art von Verhalten kann jedoch ein Symptom für ein ernsthafteres Problem sein.

Erwachsenen nicht gehorchen, sich nicht an die Regeln halten, stehlen und permanent wütend sein, sind einige der Anzeichen, die auf diese Störungen hinweisen können. Da sind junge Menschen, die niemanden respektieren, die impulsiv handeln, ohne nachzudenken und ohne die Integrität anderer zu berücksichtigen. Ist das nur der Ausdruck einer schwierige Zeit oder ist es etwas Ernstes? Am besten ist es, einen Spezialisten zu konsultieren, der weiß, wie man mit Problemen in der Pubertät umgeht.

Es ist normal, dass Eltern sich in solch einer Situation machtlos fühlen oder nach Gründen suchen, um dieses Verhalten zu rechtfertigen. Sie könnten sogar das Gefühl haben, dass sie ihre Kinder nicht gut genug erzogen haben. Diese Missverständnisse können jedoch dazu führen, dass sie eine passive und unterwürfige Haltung gegenüber ihren Kindern einnehmen, was diesen überhaupt nicht zugutekommt. Deshalb sollten sie professionelle Hilfe suchen.

Vorwiegend feindseliges, herausforderndes Verhalten und die Tendenz, die Grundrechte anderer zu verletzen, können auf eine Störung hindeuten.

Pubertät – Wir kennen sie gut

Wir haben alle eine Jugend hinter uns. Wir können uns gut daran erinnern, wie wir uns missverstanden fühlten und wie unsere Eltern ihre Hilfe zu verweigern schienen, anstatt sie uns anzubieten. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Eltern nicht davon ausgehen, dass die Probleme, die wir oben angesprochen haben, belanglos wären. Wenn sie rechtzeitig handeln, können sie verhindern, dass sich eine psychische Störung manifestiert und schwere Folgen hat.


Viele Jugendliche verzweifeln so stark, dass sie schließlich Selbstmord begehen. Andere leiden unter schrecklicher Einsamkeit. In dieser sehr schwierigen Zeit ihres Lebens ist Unterstützung unbedingt notwendig.

Es ist wichtig, nicht aggressiv gegenüber Jugendlichen zu sein, wenn wir ihnen helfen und das negative Verhalten, das sie zeigen, lösen wollen. Manchmal können Eltern frustriert sein, wenn sie Probleme in der Pubertät sehen, und das kann dazu führen, dass sie selbst die Kontrolle verlieren. Eltern müssen jedoch ruhig bleiben und um professionelle Hilfe bitten, wenn sie nicht in der Lage sind, adäquate Unterstützung anzubieten.

Viele Eltern können aber durchaus die Sicherheit bieten, die ihre Kinder so dringend brauchen. Es gibt Kommentare, die wir nicht einfach abtun sollten, wie „Ich will heute nicht essen“, „Was ich sage, gilt“ oder „Halt die Klappe in meinem Zimmer!“. Wenn wir hinter diese Kommentare schauen und rechtzeitig zur Wurzel des Problems vordringen, können wir verhindern, dass es außer Kontrolle gerät. Und wir können unerwünschte Folgen vermeiden.

Geschwisterstreit in der Pubertät: So gehen Sie am besten damit um

Der Altersunterschied spielt eine große Rolle

Je geringer der Altersunterschied zwischen den Geschwistern ist, umso eher konkurrieren sie in der Regel miteinander. Handelt es sich zusätzlich um gleichgeschlechtliche Geschwisterpaare, gibt es normalerweise noch mehr Geschwisterstreit. Haben Sie zwei Söhne, die beide in der Pubertät sind, dann sollten Sie viel entspannen und sich regelmäßig etwas Gutes tun.

Geschwisterstreit kommt gerade in der Pubertät häufig vor

Eltern sehen in der Geschwisterrivalität nicht selten einen Erziehungsfehler und führen die Streitereien der Kinder auf ihr eigenes Versagen zurück. Dabei sind die „Eifersüchteleien“ zwischen Geschwisterkindern in der Mehrheit aller Fälle normal. Jedes Kind will in der Geschwisterreihe seine Position einnehmen, seine Einzigartigkeit beweisen und darstellen. Ein Geschwisterstreit bei dem um die Rangordnung und die „Gunst“ der Eltern gekämpft wird, ist also normal. Das mag im Streit ein Trost für Sie sein – wenn auch vielleicht nur ein kleiner! Die Auseinandersetzungen zwischen Geschwisterkindern sind normal und zunächst nicht die Folgen eines Erziehungsfehlers.

Auf in den Geschwisterstreit!:
Der „entthronte“ Erstgeborene – der beleidigte Zweitgeborene

Es war der Individualpsychologe Alfred Adler, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf die Bedeutung der Geschwisterkonstellation hingewiesen und gleichzeitig deutlich gemacht hat, dass jede Position ihre Vorteile, aber auch ihre Nachteile hat. Das gilt insbesondere für das ältere Kind. Jedes erstgeborene Kind ist zunächst, wenn es auf diese Welt kommt, geschwisterlos, es fühlt sich einzigartig, von allen an- und ernstgenommen.

Dann kommt ein Geschwisterchen dazu. Es wird vom Sockel gestoßen, empfindet dies als „Entthronung“, als Herabwürdigung, ja geradezu als Geringschätzung seiner Persönlichkeit. Um die gewohnte Aufmerksamkeit zu erhalten, bleiben dem älteren Kind nun zwei Strategien: entweder es weist mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auf sich hin, indem es das jüngere Kind – im wahrsten Sinne des Wortes – unterdrückt, um so den gebührenden Altersabstand herzustellen.

Oder es macht sich selber wieder klein, so klein wie das jüngere Kind, weil es an ihm beobachtet: Wenn man hilfebedürftig ist, erhält man schnell Zuwendung. Aber auch das jüngere Kind hat und spielt seine Rolle. Es ist das „Unterlegene“, eben das „Zweite“, das „Zu-kurz-Gekommene“. Immer darf das „Ältere“ mehr, hat das „Größere“ mehr Möglichkeiten.

Zum Geschwisterstreit gehören immer beide Geschwister!

Betrachten Sie den Geschwisterstreit Ihrer Kinder genauso, dann stellen Sie schnell fest, dass jedes Kind – sowohl das „Ältere“ als auch das „Jüngere“ – seinen Anteil an den Streitereien hat. Oder, um es in den Worten eines indischen Philosophen auszudrücken: „Zum Klatschen gehören zwei Hände.“

Kurt Tucholsky, der deutsche Dichter, formulierte dazu vor etwa 100 Jahren: „Geschwisterkinder sind wie Indianer. Entweder sie rauchen die Friedenspfeife, oder sie befinden sich auf dem Kriegspfad. Es gibt kein Dazwischen.“

Geschwister streiten mal mehr, mal weniger – je nach Entwicklungsphase

Und es kommt noch ein weiterer Aspekt beim Geschwisterstreit hinzu: Es existieren Entwicklungsphasen, in denen es zu besonders heftigem Streit zwischen Ihren Geschwisterkindern kommen kann, in denen selbst kleine Auseinandersetzungen und Rivalitäten schnell eskalieren. Das sind Phasen, in denen es Ihrem älteren Geschwisterkind besonders wichtig ist, als der „Große“, der mehr darf, wahrgenommen zu werden.

So können Sie folgende Beobachtung machen: Besucht ein Kind den Kindergarten, das Geschwisterkind durchlebt aber noch das Säuglingsalter, so fordert das „Ältere“ mehr Rechte ein. Geht ein Kind in die Schule, der Bruder und/oder die Schwester sind aber noch im Kindergartenalter, dann blickt das Schulkind geringschätzig auf die „Kleinen“ herab. Und Ähnliches gilt dann auch für den nächsten Abschnitt in der Entwicklung. Der oder die Pubertierende versucht sich vom Geschwisterkind möglicherweise mit viel Nachdruck und Überheblichkeit im Geschwisterstreit abzugrenzen.

Geschwisterkinder in der Pubertät

Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der die Geschwisterrivalität zusätzlich anheizen kann: Wenn sich die Geschwisterkinder in der Pubertät befinden, dann geht – im wahrsten Sinne des Wortes – „die Post ab“, dann ziehen düstere Geschwisterwolken am Horizont einer Familie auf. Das kann auch gelten – Rebecca und Thomas zeigen es –, wenn Mädchen und Jungen, Bruder und Schwester aufeinandertreffen.

Mädchen sind den Jungen häufig voraus:

Sie wissen mehr, sie reden schneller, können sich angemessener ausdrücken, sind emotional weiter – und spielen diese Überlegenheit auch mit pubertärer Zickigkeit aus. Doch sind Jungen nicht „arme Wesen“, sie können sich unnachahmlich und mit fieser Gemeinheit – Thomas beweist das – zur Wehr setzen. „Ich könnte beide manchmal“, so Rebeccas und Thomas‘ Mutter lächelnd, „auf den Mond schießen.“ Sie schüttelt ihren Kopf. „Tue ich natürlich nicht. Aber gemeinsame Aktivitäten, die sind jetzt fast unmöglich!“ Da hat sie durchaus Recht!

Zeigen Sie auch mal die rote Karte

Hin und wieder kann es für Sie hilfreich und erleichternd sein, wenn Sie in der Pubertätsphase der Kinder auch getrennte Unternehmungen machen – die Mutter mit der Tochter, der Vater mit dem Sohn, die Eltern allein. Vor allem müssen Sie nicht jede Inszenierung, die Ihre pubertierenden Kinder am Tisch, beim Fernsehen oder sonstwo vorführen, über sich ergehen lassen. Wenn es Ihnen „reicht“, dann können Sie den „Streithammeln“ auch schon mal die „rote Karte“ zeigen, damit sie sich entfernen und Sie Ihre Ruhe haben. Bei allem Verständnis für das Verhalten Heranwachsender, Eltern brauchen nicht „alles und jedes“ zu akzeptieren, sie haben sogar Anspruch darauf, respektiert und geachtet zu werden!

Nicht jedes Kind ist gleich

Bleibt jedoch die Frage, die Eltern immer wieder stellen, wenn es um Geschwisterstreitigkeiten geht: „Wann soll ich denn eingreifen?“ Auf diese einfache Frage gibt es keine schnelle Antwort. Den Streitigkeiten der Geschwisterkinder zu begegnen, das setzt eine bestimmte Erziehungshaltung voraus, die auf den ersten Blick vielleicht paradox erscheint. Vater und Mutter wollen alle Kinder gleich erziehen, doch das ist schier unmöglich. Jedes Ihrer Kinder ist einzigartig, stellt eine besondere Persönlichkeit dar. Deshalb können Sie Ihre Kinder auch nicht gleich erziehen. Sie sollten vielmehr versuchen, mit Ihrer Erziehung Ihren Kindern jeweils gerecht zu werden. Und das bedeutet: Ihr ältestes Kind hat eine herausgehobene Position. Es will darin gewürdigt werden und es wehrt sich – mal mit lauten, mal mit leisen Tönen – gegen seine Entthronung. Darauf sollten Sie als Eltern achten. Und Ihr älteres Kind beobachtet Ihr elterliches Erziehungshandeln sehr genau: Sorgen mein Vater und meine Mutter dafür, dass der Abstand zu meinen jüngeren Geschwister gewahrt bleibt? Respektieren sie meine Sonderrolle des Älteren?

Mein Tipp: Gestehen Sie Ihrem älteren Kind mehr Rechte zu

Erlegen Sie Ihrem erstgeborenen Kind nicht nur mehr Pflichten auf („sei der Vernünftige, der Nachgebende“). Gestehen Sie ihm auch mehr Rechte zu (z.B. länger aufzubleiben, mehr Taschengeld, bei Freunden zu übernachten). Setzen Sie diese Rechte durch, auch wenn das beim jüngeren Kind zu Frustrationen führt („Der darf viel mehr!“). Mit Geschwisterrivalitäten pubertierender Kinder umzugehen, treibt Eltern die Schweißperlen auf die Stirn und lässt ihre Verzweiflung wachsen („Womit habe ich das verdient?“, „Was habe ich nur falsch gemacht?“). Damit umzugehen, ist eine Kunst, die Ihnen an manchen Tagen gelingt, an manchen aber auch nicht! Am besten, Sie nehmen es gelassen!

Gewalt unter Geschwistern im Alltag der Familie

Nein, es ist kein außergewöhnliches Phänomen, über das ich schreibe. Allerdings fällt der Blick auf Gewalt zwischen Geschwistern schwer. Wer sich auf meinen Text einlässt, hat die rosarote Brille abgesetzt, den Wunsch nach der heilen Familie aufgegeben und nimmt in Kauf, dass in dunklen Ecken aufgeräumt wird. Dann lässt ein nüchterner und liebevoller Blick die Ambivalenz der in einer Familie wirkenden Kräfte zu. Auf das System der Familie hat diese Bereitschaft eine sehr entlastende und befreiende Wirkung.

Gewalt unter Geschwistern – ein alter Hut

Ich erinnere mich noch gut an die Religionsstunde, als die Mordsgeschichte von Kain und Abel erzählt wurde. Hin- und hergerissen zwischen Brudermörder und tot geschlagenem Opfer wusste ich nicht, mit wem ich mich solidarisieren sollte. Der väterliche Gott verweigert dem einen Bruder seinen Respekt und blickt nicht wohlgesonnen auf seine Opfergabe. Bis heute habe ich Mühe mit diesem eifernden Gott, der die Gabe des einen Geschwisters bevorzugt und den anderen dadurch tief beschämt. Nicht gesehen zu werden, das verletzt und tut weh, weil die eigene Person plötzlich als nichtswürdig und bloß gestellt erlebt wird. Gefühle von Eifersucht, Zwietracht und Neid steigern das innere Potenzial der Aggression, bis es nicht mehr zum Aushalten ist. Am Ende entlädt sich die Gewalt gegen den brüderlichen Rivalen.

Blutrünstig geht es in der Bibel weiter. In der Geschichte von Josef und seinen Brüdern gibt es doch tatsächlich einen Vater, der aus der Schar seiner vielen Söhne einen einzigen bevorzugt und zu Papas Liebling macht. Dieser Josef, Sohn der früh verstorbenen Lieblingsfrau des Vaters, wächst in seine Rolle als bevorzugtes Kind hinein, das sich den älteren Brüdern überlegen fühlt und gleichzeitig ihren Hass und ihre Eifersucht zum Kochen bringt. So wird er für sie ein Bruder, der nicht mehr zum Aushalten ist, weil seine Gegenwart eine unerträgliche Demütigung und Beschämung bedeutet. Papas Liebling soll am eigenen Leib spüren, was er seinen Brüdern angetan hat! Sie werfen ihn in einen ausgetrockneten Brunnenschacht und wollen ihn dort seinem Tod überlassen. Da aber auch diese Geschwister nicht über einen Kamm zu scheren sind, meldet sich der Widerstand eines Bruders, bei dem sich ein letztes Restchen Familiensolidarität erhalten hat, und Josef wird als Sklave an eine vorbeiziehende Karawane verkauft. Dem Vater gegenüber spielen die gewalttätigen Brüder ein doppelbödiges Spiel. Josefs in Blut getränkter Mantel lässt ihn glauben, sein über alles geliebter Sohn sei tot.

Zwischen Liebe und Hass – die Bandbreite geschwisterlicher Beziehungen

Niemand kann sich seinen Bruder oder seine Schwester aussuchen. Geschwister wird ein Junge oder Mädchen nicht durch eigenen Entschluss, sondern weil in der Familie ein weiteres Kind geboren wird. Die passive Form weist darauf hin, dass damit auch Momente des Leidens verbunden sein können, schließlich verändert sich die Rangfolge der Geschwisterreihe, meist auch die Anzahl der bisher gewohnten Streicheleinheiten der Eltern. Abneigungen, Ablehnungen, Feindschaft und Rivalitäten gehören zum täglichen Brot, sobald mehr als ein Kind mit Mutter und Vater aufwächst. “Tag für Tag muss ich diesem Idiotengesicht bei den Mahlzeiten gegenüber sitzen. Manchmal könnte ich mit der Faust reinschlagen. Ich kann ihn einfach nicht ausstehen, diesen Idiotenbruder!” Der Originalton eines 13-Jährigen gegenüber seinem um ein Jahr jüngeren Bruder ist so richtig dazu angetan, den Prozess der Desillusionierung im Hinblick auf Geschwisterbeziehungen in Gang zu setzen.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil. Ein 11-Jähriger, der seine kleine Schwester vergöttert, sie fast täglich von der Kita abholt und offensichtlich bezaubert ist vom Charme des kleinen Mädchens, um deren Gunst er regelrecht buhlt, sagt: “Bevor sie geboren wurde, war es bei uns ätzend langweilig. Aber jetzt gibt es immer etwas zu lachen bei uns!”

Groß sind die Gegensätze in der Qualität von Geschwisterbeziehungen; Zwischenstufen sind kaum auszumachen. Offensichtlich pendeln Brüder und Schwestern zwischen heiß und kalt, sind sich jedoch nur in ganz seltenen Fällen gleichgültig. So verwundert die Äußerung eines Mädchens nicht: “Ich bin froh, dass ich meinen Bruder habe, auch wenn ich ihm an manchen Tagen mit dem größten Vergnügen den Hals umdrehen könnte! Er kann so schrecklich fies und biestig sein. Aber ich mag ihn halt.”

Geschwister bilden emotional bedeutsame Beziehungen untereinander und können die Gegensatzspannung von Liebe und Hass aushalten. Neutralität gibt es kaum. Das erklärt die hohe Konflikt- und Streitanfälligkeit in ihrem Zusammenleben. Offensichtlich schaffen sie sich immer wieder Anlässe, um sich dadurch von ihren Spannungen zu befreien. Dabei sind die Ausdrucksformen geschwisterlicher Streitigkeiten sehr vielfältig. Tag für Tag erfinden sie neue Varianten des immer gleichen Spiels: Dem Bruder oder der Schwester eins auszuwischen, zu ärgern, etwas wegzunehmen, Lügengeschichten in die Familie zu setzen, den Wert der Person vermindern, einen üblen Streich spielen, das Handy verstecken, die Freundin ausspannen… Bei solchen Alltagsereignissen unterscheiden sich Kinder und Erwachsene voneinander. Während die Eltern schnell auf der Palme sind, genervt auf das Gezerre der Kinder reagieren, scheint die Toleranz der beteiligten Geschwister größer zu sein. Ein 14-Jähriger sagt nüchtern: “Wenn meine Schwester mal wieder so einen richtigen Scheiß in meinem Zimmer gemacht hat, dann bleib ich ganz cool, speicher das ab, und wenn ich dann mal selber so richtig mies drauf bin, dann kriegt sie das zurück, hinterher fühl ich mich super. So ist das bei Geschwistern. Meine Mutter flippt da aber total aus.”

Auch wenn es die Erwachsenen noch so nervt, es ist einfach so, dass Aggression unter Geschwistern eine die Kinder beruhigende Funktion hat. Da sie sich meist innerhalb des geschützten Raums der Wohnung abspielt, die Gegner bekannt und berechenbar, ihre Fehler und Schwächen einschätzbar sind, gewinnt ein Kind auf diese Weise ein Gefühl dafür, dass es lebendig ist. Schubsen, Kneifen, Kratzen und Beißen, Beleidigungen aussprechen, leichte Verletzungen zufügen, damit können Kinder sehr gut leben. Ein 9-Jähriger sagt: “Also manchmal krieg ich so eine Wut auf meinen Bruder, da schlag ich zu. Neulich hat sogar die Nase geblutet, da bin ich furchtbar erschrocken, da hat es mir so leid getan, und ich fand das gut, dass mein Bruder abends beim Essen trotzdem neben mir gesessen ist.”

So kann an manchen Tagen der Alltag unter Geschwistern aussehen. Sich morgens die Nase blutig schlagen und am Abend gemeinsam im Zimmer im Bett liegen, sagen, dass es leid tut und die körperliche Nähe zum Bruder oder zur Schwester als etwas Schönes und Vertrautes wieder zu erleben.

Kämpfen macht Spaß

Wer zwei auf dem Boden miteinander ringenden Kindern zuschaut, staunt über die Kraft, welche beide aufbringen; Ihre Gesichter sind knallrot, Schweiß läuft von der Stirn, sie setzen Hände, Füße, den Körper, Zähne und Zunge ein, sind verbissen ineinander gekeilt und sagen hinterher: “Ich fühl mich ganz toll. Wenn ich Sieger bin, noch toller. Kämpfen macht Spaß!” Jeder Kampf macht klar: ich habe Kraft, habe es geschafft, werde beachtet, bin nicht mehr der kleine unbedeutende Dreck. Da Kinder in ihrem Denken konkret sind, steht in ihrem Wertesystem Körperkraft ganz oben. Kämpfe mit Gewinnern und Verlierern entsprechen ihrer Sicht der Welt, die in gut und böse, schwarz und weiß eingeteilt ist. Kämpfen macht Spaß, und Gewalt übt eine große Faszination aus.

Der Erwachsene als Zeuge und Richter bewertet die Streitereien der Kinder

Meist ist die Toleranz der streitenden Kinder größer als die der Erwachsenen. Warum regt mich das so auf?, fragen sich manche Mütter oder Väter. Sie haben sich zwar vorgenommen, ruhig und sachlich zu bleiben, müssen aber ernüchtert feststellen, dass dies nicht geht. Eltern stecken nun mal nicht in dicken Ritterrüstungen oder laufen mit einer Elefantenhaut durch die Wohnung, sondern reagieren auf die Emotionen und heftigen Affekte, die durch den Streit ihrer Kinder geweckt geworden sind, wehren sich dagegen, weil sie aus ihrer eigenen Befindlichkeit gerissen worden sind, spüren, wie ihr Adrenalinspiegel steigt, Wut hochkommt. Ohne es zu wollen, werden sie angesteckt von den Streitereien der Kinder. Nun müssen sie Stellung nehmen, den Kampf als gerechte Richter beurteilen und sind gleichzeitig enttäuscht und genervt, suchen nach Worten der Erklärung, fangen an, das Verhalten der Kinder zu bewerten, und plötzlich ist es da, das Wort von der Gewalt. Aufgeschreckt vom Gedanken, gewalttätige Kinder zu haben, geistern Angstfantasien durch die Wohnung. Wenn dann im Fernsehen zufällig an diesem Tag von der Zunahme der Gewaltbereitschaft der Kinder die Rede ist, dann geht es den Eltern und Kindern schlecht.

Von Familie zu Familie wird die Grenze zum Bereich dessen, was als Gewalt bezeichnet wird, verschieden gezogen. Was in der einen Wohnung in den Rahmen der unter Kinder üblichen Aggression gehört, bekommt in der anderen Wohnung das Etikett Gewalt. Frauen reagieren sensibler auf körperliche Attacken unter Geschwistern als Männer und benutzen das Wort Gewalt im Gespräch mit den Kindern, um auf die Gefährlichkeit ihres Tuns hinzuweisen. Dabei kann auch die Rede von der Angst sein, die mit der plötzlich aus einem Menschen herausbrechenden destruktiven Energie der Gewalt verbunden ist.

Kinder brauchen viele Übungsfelder, um zu lernen, wie sie ihre Interessen gegen den Widerstand anderer durchsetzen können. Irgendwann lernen sie, dass eine große Befriedigung entsteht durch das Gefühl von Macht und Bedeutungszuwachs, sobald der Gegner hilflos auf dem Boden liegt und um Gnade wimmert. Wenn ein Kind in einem solchen Moment des Sieges keine Hemmung in sich spürt, den Gegner zu treten und zu quälen, dann hat es eindeutig die Grenzen der üblichen Aggression überschritten und bewegt sich im Bereich der körperlichen Gewalt, in dem bewusste Schädigung, Verletzung oder Vernichtung des Gegners einkalkuliert wird.

Gewalterfahrungen zeichnen sich aus durch Wucht und überwältigende Energien, gegen die schwer anzukommen ist. Gewalt will klein machen, ist rücksichtslos, unerbittlich, zielt auf Einschüchterung durch Druck. Wer Gewalt erleidet, fühlt sich erniedrigt, und sein Grundvertrauen in sich und das Umfeld wird massiv gestört. Ein Kind, das Gewalt erfahren hat, wird konfrontiert mit einer Fülle schwer auszuhaltender Gefühle. In vielen Fällen warten Kinder – als Technik des Überlebens und als Schutz vor der eigenen Ohnmacht und Erniedrigung – auf die Stunde der Rache, um das erlittene Unrecht und die Scham zu tilgen.

Ein Geschwister wird zum Bündnispartner eines Elternteils

Wenn ich von außen auf das System einer Familie mit Kindern schaue, dann bin ich immer wieder fasziniert von den dort gültigen Theaterplänen. An manchen Tagen spielen alle heiter und gelassen im Komödienstadel mit, an anderen Tagen laufen skurrile und kabarettreife Szenen ab, von denen jedoch am nächsten Tag nichts mehr zu spüren ist, weil es dann plötzlich dramatisch zugeht. Elternteile und Geschwister kämpfen mit sichtbaren und unsichtbaren Bandagen ums Überleben, suchen Bündnispartner, um ihre eigene Position zu stärken, brauchen Sündenböcke, um sich zu entlasten, sind alle überzeugt von der Richtigkeit ihres Verhaltens und ahnen gleichzeitig, dass es so nun doch nicht weitergehen kann. Weh dem, der als Besucher von außen kommt. Ehe er sich versieht, wird er vereinnahmt und soll Partei ergreifen. Doch nur durch eine neutrale Haltung kann er neue Impulse ins Familiengefüge bringen; alle können davon profitieren, wie das folgende Beispiel zeigt:

Seit einem halben Jahr besucht die knapp 7-jährige Nadine dieselbe Schule wie ihr 12-jähriger Bruder. Schon im Vorfeld war zu spüren, dass dem Jungen die Aussicht gar nicht passt, ein Mitglied seiner Familie an seiner Schule haben zu müssen. Konflikte und Streitereien zwischen den beiden Geschwistern nehmen zuhause überhand, das Mädchen beschwert sich bei der Mutter über die Drohungen, mit denen sie der große Bruder immer wieder einschüchtert. Eines Tages wartet er nach der Schule versteckt hinter einer Gartenmauer auf seine jüngere Schwester. Als sie nahe genug ist, stürzt er sich auf sie, verprügelt sie so schlimm, dass eine Nachbarin erschrocken aus der Wohnung kommt. Das Mädchen liegt weinend am Boden, hält ihre Hände schützend vor den Kopf, aber der Bruder tritt sie weiter mit Füßen. Die Nachbarin greift ein, bringt das Mädchen nach Hause und hat den Mut, mit den Eltern zu sprechen.

Bei diesem Ereignis spielt die Nachbarin die wichtige Rolle der nicht direkt betroffenen Person. Sie ist nicht ins Familiensystem eingebunden und verhindert auf diese Weise, dass der Vorfall heruntergespielt wird, was in vielen Familien als Technik im Umgang mit gewaltsamen Konflikten häufig der Fall ist. Dann heißt es: “Da misch ich mich nicht ein! Das hat er nicht so gemeint! Und im Übrigen müssen Kinder ihre Angelegenheiten selber regeln! Schwamm drüber, reden wir nicht mehr davon!”

Das Geschehen wird nicht ernst genommen. Da viele Erwachsene einem falschen Erziehungsideal huldigen, das ihnen vorgaukelt, Kinder seien mündig und müssten ihre Angelegenheiten selbstständig unter einander regeln, vergessen sie, dass Kinder diese Kompetenzen erst erwerben müssen und sie als Erwachsene auf diesen mühsamen Wegen eine wichtige Begleitfunktion haben. Wer sich feige aus der Verantwortung stiehlt, der lässt sein Kind im Stich, denn es hat keine Chance, die Steuerung der gewalttätigen Kräfte im Kontakt mit einem Erwachsenen zu lernen. Es bleibt allein und läuft ins Leere.

Die Nachbarin scheut die Konfliktsituation nicht, liefert das weinende Kind auch nicht wie ein Postpaket unter der Haustür ab, sondern informiert die Mutter darüber, was sie gesehen hat. Im günstigen Fall überwindet die überraschte Mutter ein aufsteigendes Gefühl der Beschämung und Bloßstellung, sagt auch nicht, “das ist privat, das ist unsre Sache, das geht sie überhaupt nichts an,” sondern nutzt die Gelegenheit zum Gespräch. Dabei zeigt sich schnell, was läuft: Nadine ist enttäuscht, dass ihr Bruder sie in der Schule überhaupt nicht wahrnimmt. Sie hatte es sich so schön vorgestellt, einen großen helfenden Bruder an ihrer Seite zu haben. Enttäuscht durch diese Zurückweisung, fängt sie an, den Bruder zuhause schlecht zu machen. Sie schleicht sich in der großen Pause zur Raucherecke und petzt zuhause seine Untaten. Für den Jungen verengt sich auf diese Weise der ursprünglich familienfreie Raum Schule.

Das Mädchen ist stolz über die neue Rolle, das verlängerte Kontrollorgan der Mutter zu sein, genießt die neue Sonderstellung bei der Mutter, liefert dabei auch mal erlogene Informationen ab, ignoriert gleichzeitig die Warnungen und Drohungen des Bruders und genießt zuhause die Streitereien zwischen Mutter und Sohn. Sie zieht daraus den Schluss, Mamas Mitstreiterin und Liebling zu sein. Ihr Bruder ist in der Gunst der Mutter in den Keller gefallen, zumal diese in der permanenten Angst lebt, jetzt, wo er in die Pubertät komme, würde er zwangsläufig auf die schiefe Bahn geraten. Als er seine Schwester auf der Strasse überwältigt, handelt er in diesem Sinne.

Wenn Eltern sich mit einem Kind verbünden, um Einblick in die Intimität der Kinderwelt zu gewinnen, dann kann das böse enden, weil Übergriffe und Grenzverletzungen stattfinden, welche die Kinder übel nehmen, gegen die sie sich aber meist nicht direkt wehren können. Kinder brauchen ihre Subsysteme, denn sie leben in verschiedenen Rollen an verschiedenen Orten: im Klassenzimmer, im Kindergarten, auf dem Fußballplatz, in der Klavierstunde, auf der Strasse… In ihren unterschiedlichen Kinder- und Jugendwelten entfalten sich die verschiedenen Facetten ihrer Person. Dabei erleben sie die Eltern als Eindringlinge.

Deshalb brauchen Kinder, die mit Geschwistern in der Familie aufwachsen, auch Raum für Aktivitäten ohne die vertrauten Familienmitglieder. Ein Mädchen sagt drastisch: “Ich finde es schon gut, mit Brüdern und Schwestern aufzuwachsen. Aber es gibt Tage, da kann ich keinen von ihnen riechen. Wenn ich meine Clique nicht hätte, ich glaub, ich würde verrückt werden.”

Der Ehekrieg findet auf der Strasse statt

Wenn es in der Beziehung zwischen Mutter und Vater kriselt, Konflikte, Auseinandersetzungen und Streit den Alltag bestimmen, die Angst vor dem Kampf der Eltern gegeneinander sich über die Kinder legt, dann kommen Geschwister in Not, weil der Wunsch nach Solidarität und Loyalität sie fast zerreißt. Hin- und hergerissen zwischen Mama und Papa bilden sich Koalitionen, um sich gegen massiv aufsteigende Verlassenheitsängste zu stabilisieren. Die bisher verlässlich einschätzbaren geschwisterlichen Bündnisse verändern sich.

Wenn die Brücke, welche die Liebe zu beiden Elternteilen gewährleistet, nicht mehr begehbar ist, schließt sich ein Teil der Geschwister zusammen in der Partei Ich bin für Mama, die anderen in der Partei Ich bin für Papa. Konfrontiert mit tiefer Verlassenheitsangst, Trauer, Wut und Ohnmacht erfahren die Kinder beider Lager, dass sie ihre heftigen Gefühle nicht gegen die eigentlichen Verursacher richten können. Sie sitzen in der Falle und halten Ausschau nach Ersatz. Was liegt näher als die geballte Ladung der Affekte aus Schmerz und Enttäuschung gegen Bruder oder Schwester zu richten?

Dann beginnen auf dem Schlachtfeld der Kinderliga die Kämpfe gegen den Bruder oder die Schwester, die bei Ehestreitigkeiten Papas oder Mamas Position einnimmt. Nicht selten entladen sich heftige Spannungen in gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Strasse, dem Spielplatz, dem Schulhof, der Bushaltestelle. Die sich entladende Wut tobt sich innerhalb der Geschwisterbeziehungen aus. Nur so kann sie sich überhaupt ausdrücken. Ein Mädchen erzählt: “Als unsre Eltern mit den Streitereien anfingen, meine Mama oft betrunken war, da hatte ich eine schlimme Wut auf meinen Bruder, weil der immer sagte, die Mama hat recht, es geschieht dem Papa recht, wenn sie ihn rauswerfen will. Ich konnte das nicht mehr hören, weil ich wollte, dass sie zusammen bleiben. Und da hab ich ihn einmal vor dem Supermarkt grün und blau gehauen. Hinterher hat er mir richtig leid getan. Das kam einfach so über mich.”

Schauen, was läuft

Der Umgang mit Konflikten in der Familie legt die Grundlage für die Kompetenzen der Kinder im Umgang mit ihren aggressiven Kräften. Sensibel spüren Kinder, ob ihre Eltern Konflikte meiden wie die Pest, sie im Vorfeld bereits hemmen wollen und alles tun, um sie ja nicht zum Ausbruch kommen zu lassen, weil aggressiv gefärbte Äußerungen sie in Bedrängnis bringen. Wenn Eltern aber bei den geringsten Differenzen zwischen ihren Kindern die moralische Keule Friede, Friede hervorholen, das Feuer zwischen den streitenden Geschwistern löschen wollen, dann entsteht eine zwanghafte Friedfertigkeit, die das Hervorbrechen von Gewalt unter Geschwistern eher fördert als hemmt.

Wer es besser machen möchte, beobachtet das Verhalten seiner Kinder, um darin lesen zu lernen. Schnell wird dann deutlich, wie oft es gerade die kleinen Rangeleien, Rempeleien, Frotzeleien und Handgreiflichkeiten sind, die sich über einige Tage mehren und eine aggressiv geladene Stimmung verursachen, von der meist der Rest der Familie angesteckt wird. Wer es anders haben will, der setzt sich mit dem Geschwisterverband auf den Boden oder an den Tisch und gibt die Parole aus, dass jetzt alle ihren Kropf leeren dürfen, damit der erlittene Frust sich abbauen kann. Auch wenn es anfangs chaotisch zugeht, die Kinder mit den Geschützen verbaler Attacken um sich ballern, zeigt sich doch sehr schnell, wie die Frontlinien verlaufen, wie die kleinen Animositäten eskalieren, wie z.B. derjenige, der sich die meisten Spaghetti geschöpft hatte, von den anderen missgünstig beäugt wird und wie sich das Kind, das eine schlechte Note im Diktat hatte, vom Streberbruder ausgelacht fühlt, dass dem einen schon wieder ein Euro aus der Schublade geklaut wurde, die Unordnung im Bad doch immer nur die Mädchen aufräumen müssen, es ganz schön fies war, von der Schwester auf dem Spielplatz von der Rutsche geschubst worden zu sein.

Geschwister haben ein phänomenal gutes Gedächtnis!

Wenn Rachegefühle, Neid und Missgunst geweckt sind, offene Feindschaften sich zeigen, darf nicht vergessen werden, dass daneben auch Loyalität unter Geschwistern sich entwickelt – vor allem dann, wenn Kinder ihre Eltern als fürsorgliche, verständnisvolle und authentische Erwachsene erleben. Hilfreich ist es für Geschwister, wenn sie erfahren, dass Mutter oder Vater sie nicht als böse und missratene Kinder verurteilen, wenn im Kinderzimmer wieder mal heftig gestritten wird. Es ist eine Täuschung zu meinen, dass das Streiten den Kindern immer Spaß macht. Oft erschrecken sie selber vor der Wucht ihrer Aggressionen und nehmen sich vor, zurückhaltender zu sein.

Manche Familien pflegen die Tugend der offenen Aussprache. Ungeschminkt wird erzählt, wie weh es tut, von den Geschwistern ausgeschlossen oder ausgelacht zu werden, die Treppe herunter geschubst oder geschlagen zu werden. Endlich kann die immer fürsorgliche Schwester gestehen, wie oft sie Angst davor hat, dass die großen Geschwister wieder zuschlagen.

Solche Gespräche tragen dazu bei, dass die Strukturen der Geschwisterbeziehungen und die Position der Mutter und des Vaters klar werden. Das stärkt das Selbstvertrauen der Kinder untereinander, und allmählich entsteht ein Gefühl für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der einzelnen Familienglieder.

Unangenehme Fragen zulassen

Wer das Verhalten seiner Kinder beobachtet und hinterfragt, kommt nicht umhin, sich einen Spiegel vorzuhalten und zu fragen: “Hand aufs Herz, wie hältst du es mit den Streitereien? Ist es dir nicht manchmal recht, wenn ein Kind vom andern einen Denkzettel bekommt? Und was machst du mit deiner Wut? Gegen welches Kind richten sich derzeit deine Abneigungen? Wen könntest du manchmal am liebsten am die Wand klatschen? Bist du nicht oft nur nach außen ein ruhiger Erwachsener, in dem es brodelt und kocht, aber nicht überlaufen darf?”

Eine Mutter erzählt: “Ich habe mich dabei ertappt, dass es mir richtig gefallen hat, als meine große Tochter von der kleinen verbal sehr geschickt attackiert wurde. Irgendwann habe ich aber gemerkt, das war wie früher bei uns zuhause. Ich kam nie gegen meine große Schwester an. Aber heute schafft es die kleine, der großen wegen ihrer Überheblichkeit in den Hintern zu treten.” Diese Mutter identifiziert sich mit einem der streitenden Kinder und trägt auf diese Weise zu einer Verstärkung bei, denn ihre unausgesprochene Duldung heizt den Kampf der Schwestern immer wieder an.

Gewalt gegen kranke oder behinderte Geschwister

Kinder, die mit chronisch kranken oder anderweitig gehandicapten Geschwistern aufwachsen, lernen von klein auf, Rücksicht zu nehmen. “Meist sind die ersten Jahre eines Problemkindes die schwierigsten. Arztbesuche, Beratungsgespräche, Therapien reißen in den Zeithaushalt der Familie große Löcher. Das problemlose Kind passt sich scheinbar widerspruchslos ein, schielt im Verborgenen jedoch eifersüchtig auf das Geschwister, das so viel Zeit mit der Mutter ungeteilt verbringen darf.” (1) Wenn die Anstrengungen und Leistungen der gesunden Kinder nicht gewürdigt werden, fühlen sie sich übersehen und vergessen, denn alle Augen schauen nur nach dem gehandicapten Geschwister. Wohin mit der Wut auf den behinderten Bruder?

Im Schwimmbad beobachtet ein Mädchen, wie drei Kinder ihren behinderten Bruder nachäffen und seine Bewegungen karikieren. Der Junge spürt die aggressive Energie und fängt zu weinen an, blickt hilfesuchend zu seiner Schwester. Die geht weg, schämt sich seiner und will mit ihm nichts zu tun haben. Eine ältere Frau weist die Burschen zurecht und wendet sich dem behinderten Jungen zu.

“Viele Geschwister auffälliger Kinder leben im Kampf mit Schuldgefühlen.” (2) Für sie ist es besonders wichtig, aussprechen zu dürfen, was sie stört, denn im Alltag der Familie ist das Sorgenkind ein Rivale wie jedes andere Geschwister, allerdings gelten Sonderregelungen, die Eifersucht und Feindseligkeit wecken können. Wenn es zu gewalttätigen Äußerungen des gehandicapten Kindes kommt, ist es wichtig, genau hinzuschauen, um das normal sich entwickelnde Kind nicht vorschnell als Verursacher an den Pranger zu stellen.

Geschwisterkonflikte im Traum

Gewalt unter Geschwistern tobt sich in vielfältigen Bereichen des Lebens aus, auch in den Träumen der Kinder. In ihnen drücken sich ihre alltäglichen Erlebnisse aus, werden Konflikte verarbeitet und gelöst. Kinder haben es sehr gerne, wenn sie von Zeit zu Zeit ihre Träume erzählen dürfen. Es ist eine sehr einfache und wirkungsvolle Möglichkeit, das Aggressionspotenzial unter Geschwistern zu entschärfen.

Ron lebt im Schatten einer älteren Schwester, die eine sehr gute Schülerin ist, während er Lernstörungen hat. Jeden Tag gibt es Reibereien zwischen ihnen. Die Schwester zieht ihn an den Haaren, und der Junge würde seiner Schwester am liebsten den Hals umdrehen. Was in der Realität nicht möglich ist, kann in der Welt des Traums ganz anders aussehen, denn der Junge träumt, die ganze Familie sei in der Dinosaurierwelt gewesen und dort habe ein Dino seiner Schwester den Kopf abgerissen. Die Familie rannte weg und ließ die kopflose Schwester liegen. Am Ende meint er: “Ich denk dann, es war echt. Es kann ja auch echt passiert sein.” Endlich hat er die Schwester los und hat die Eltern ganz für sich allein.

“Für Ron brachte die Beseitigung der Schwester im Traum eine Entspannung. Seine nervige Unrast war an diesem Tag gewichen. Am Nachmittag ging er zum Frisör, ließ sich fast eine Glatze schneiden, um sich auf diese Weise vor weiteren Angriffen zu schützen.” (3)

Ausblick

Die Erfahrung von Gewalt unter Geschwistern hat häufig eine Langzeitwirkung. Deshalb sind erst die älter bzw. erwachsen gewordenen Brüder und Schwestern in der Lage, darüber zu sprechen, um diesen Ereignissen einen Platz in ihrer Kindheitsgeschichte zu geben.

  • Ennulat, G.: Wenn Kinder anders sind – Unterstützung für Mütter in Not, Kösel Verlag 2002 (Zitat 1 und 2)
  • Ennulat, G.: Ich will dir meinen Traum erzählen – mit Kindern über ihre Träume sprechen, Königsfurt Verlag 2001 (Zitat 3)
  • Guggenbühl, A.: Die unheimliche Faszination der Gewalt, dtv 1490
  • Bank/Kahn: Geschwisterbindung, dtv 1690
  • Wenn Kinder und Jugendliche ihre Eltern schlagen
  • Wenn ein Suizid in der Familie geschieht
  • Trauerkultur in der Familie
  • Ich hau Dir in die Fresse – verbale Gewalt bei Kindern
  • Auf einmal bin ich Großmutter

Gertrud Ennulat, Pädagogin, freie Autorin (verstorben 2008)

Website

Erstellt am 1. September 2003, zuletzt geändert am 5. August 2010

Geschwisterstreit – jede Familie mit mehreren Kindern kennt es; manche sprechen gar von einem Geschwisterkampf.

Je nach Altersabstand, Geschlecht, Familienklima oder Temperament variiert die Intensität der Streitigkeiten von „hin und wieder ein bisschen“ bis zu „täglich massiv“.

Scheinbar lauert plötzlich überall Ungerechtigkeit durch die Eltern, Benachteiligung, Ausgrenzung und Knappheit. Und Du fragst Dich bestimmt „Was mach ich nur falsch?“

Die Antwort darauf: „Vermutlich gar nichts!“

Also, warum müssen die sich denn dann ständig streiten?

Ganz einfach und unspektakulär: „Weil es eben dazugehört.“

Geschwister stehen einem in der Kindheit neben Mama und Papa emotional am nächsten; man muss sich mit Ihnen auseinandersetzen – ob man will oder nicht.

Und so ein enges Zusammenleben mit anderen Menschen, wie es in einer Familie nun einmal an der Tagesordnung ist, funktioniert nicht ohne Konflikte; denn Deine Kinder wollen nur ganz selten zum selben Zeitpunkt auch das Gleiche.

Und wenn das eine Kind jetzt in Ruhe lesen will, das andere aber lieber spielen will, wollen beide verschiedene Dinge und „peng“ , schon ist der Konflikt da.

Gerade Kinder entwickeln so ihre Persönlichkeiten, sie bilden soziale und emotionale Kompetenzen aus, stärken ihr Ich und lernen im besten Fall wie man Konflikte löst.

Ein Geschwisterstreit ist also nicht per se negativ.

Bildquelle: Fotolia @binagel

Aber warum nervt dieses Gezanke so?

Tja, das kann verschiedene Gründe haben. Der Wahrscheinlichste ist vielleicht, dass wir alle ein sehr enormes Harmoniebedürfnis an den Tag legen.

Entweder weil bei unseren Eltern oder den Eltern von Freunden Konflikte zur Trennung geführt haben (Konflikt = schlecht, weil macht die Familie kaputt), oder weil wir in einem Umfeld aufgewachsen sind, indem es nicht erlaubt war Konflikte offen auszutragen.

So haben wir selbst vielleicht schon als Kind gelernt unsere schlechten Gefühle nach innen zu verlagern und eine Maske zu tragen, die von außen akzeptiert wurde (alles so schön harmonisch hier „miep miep miep, wir ham uns alle lieb“).

Da wir selbst und auch unser nahes Umfeld also mit dem Gedanken aufgewachsen sind, dass Konflikte, Aggressionen und Streit etwas Schlechtes sind, wollen wir diese Gefühle auch bei unseren Kindern eher ungern sehen und versuchen deshalb (auch unbewusst) Geschwisterstreit zu unterbinden.

Dabei verwechseln wir eigentlich nur Harmonie und glückliches Familienleben mit der Abwesenheit von Konflikten.

Es kann aber natürlich auch sein, dass keiner der beiden Gründe trifft zu und es einfach daran liegt, dass Geschwisterstreit tatsächlich nervtötend sein kann.

Soll man sich jetzt darüber freuen, oder wie?

Wenn du magst, darfst Du Dich jetzt tatsächlich auch mal über kleine Geschwisterstreitigkeiten freuen. Lehn Dich zurück und lass die Kinder ruhig mal machen. Einzige Ausnahme: Gewalt, da solltest du dazwischen gehen und laut und deutlich STOPP rufen (darauf geh ich aber gleich noch näher ein).

„Streit fördert Kompetenz, Moral, Mut, Kreativität und Loyalität.“

Geschwisterforscher Stephen Bank und Michael Kahn

Wenn du einfach von Natur aus gerne Ruhe hast, dann zieh Dich zurück, bleib zwar in der Nähe, aber misch Dich nicht ein. Du weißt jetzt, dass Deine Kinder sich selbst und andere besser kennen lernen, wenn sie streiten und sich dabei sogar weiterentwickeln.

Mit zurückziehen meine ich aber nicht Ignoranz und so zu tun, als ob du den Streit und Deine Kinder nicht wahrnimmst. Das wäre eher kontraproduktiv.

Denn des Öfteren zanken sich die Kinder auch, weil sie mehr Aufmerksamkeit wollen, weil sie gesehen werden wollen; und wenn Du Ihnen dann mit Ignoranz begegnest, wird ihr Bedürfnis nicht einmal annähernd gestillt und die Frustration, die mit ein Grund für den Streit war, hält weiterhin an.

Du kannst also darauf wetten, dass es nicht lange dauert bis der nächste Geschwisterkonflikt lautstark ausgetragen wird.

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Und wie geh ich dann richtig damit um?

Wie immer in der Erziehung gibt es kein Rezept, dass bei allen gleich gut funktioniert…aber für alle Familienmitglieder und Deine Nerven ist es sicher von Vorteil, wenn Du…

  • …Dich erst einmal nicht einmischst. Warte einen Augenblick und beobachte eine Weile, so hast Du die Chance Deine Kinder in einer anderen Rolle zu erleben und Deine Kinder haben die Chance einen Konflikt eigenständig zu lösen und daran zu wachsen. Wenn Du doch nicht anders kannst als Dich einzumischen, dann sei Vermittler und bitte auf keinen Fall Schiedsrichter. Denn in der Regel gibt es eine Vorgeschichte, die Du nicht kennst.

  • …niemandem die Schuld gibst und halte bitte keine Moralpredigten. Dadurch entstehen nur weitere Konflikte, sowohl zwischen den Kindern als auch mit Dir. Außerdem wird durch Deine Einmischung der Lernfaktor für Deine Kinder stark reduziert. Falls Deine Kids Dir aber unbedingt mitteilen wollen, wer angefangen hat, sei klar in Deiner Aussage und lehne ab (z.B. „Ich werde nicht entscheiden wer angefangen hat, weil ich nicht dabei war und nicht ungerecht sein will.“)

  • …Deine Macht nicht in den Konflikt einbringst. Wenn auch Du anfängst zu schreien oder zu drohen, verschärft sich der aktuelle Konflikt nur bzw. wird in Kürze ein noch größerer Konflikt folgen. Aggressivität mit Aggressivität zu stoppen funktioniert nicht wirklich und Du demonstrierst damit eher, dass auch Du nicht weißt wie man Konflikte angemessen löst.
  • …Dich nicht ständig um Gerechtigkeit bemühst. Du kannst und sollst Deine Kinder gleichwertig behandeln, aber du kannst sie nicht gleichberechtigt behandeln. Sie haben andere Alter, andere Stärken, andere Vorkenntnisse etc. Außerdem erziehst Du mit dem ständigen Bemühen nach Gleichberechtigung Dein Kind zum Opfer heran; genauso fühlt es sich nämlich, sollte mal der Bruder oder die Schwester das letzte Lieblingseis oder den letzten Erdbeerjogurth bekommen („Das ist ungerecht“). So kommst Du natürlich nie zur Ruhe, weil das ja logischerweise nie ein Ende nimmt („Er muss aber auch noch nicht ins Bett“, „Sie hat aber auch schon ein Handy“ usw.).
  • …Deine Kinder nicht dazu zwingst alles teilen zu müssen. Wenn Ihnen etwas gehört, dann sollen sie frei darüber entscheiden dürfen, ob sie den Bruder oder die Schwester damit spielen lassen wollen oder ob sie z.B. das Lieblings-Shirt wirklich verleihen wollen. Fragen ist ein Muss und auch ein „Nein“ sollte akzeptiert werden. Manipulationen wie „Du bist doch der Große“ oder „Du bist doch die Älteste“ sind unfair und stacheln Konkurrenzverhalten eher noch an.

Genug mit den Don´ts – auf zu den Do´s

Hier also auch ein paar konkrete Tipps, wie Du Dich verhalten könntest (Prävention ist hierbei immer besser als in akuten Situationen Feuerwehr zu spielen und außerdem deutlich einfacher):

  • Bestärke Deine Kinder in ihren jeweiligen Talenten und motiviere sie dabei. Vermeide bewusst Vergleiche; konzentriere dich auf die individuellen Stärken.

  • Geh bei Gewalt dazwischen und sag deutlich „Stopp, das geht so nicht!“. Jegliche körperliche Gewalt solltest Du nicht hinnehmen. Natürlich muss man hier auch auf das Alter der Kinder blicken. Ein 2-3 jähriges Kind kann sich in einer Situation, die ihm bedrohlich erscheint, nicht mit Worten wehren. Es ist völlig normal, dass ein Kleinkind dann schlägt oder beißt, wenn die Frustration zu groß ist. Dein Kind braucht dann Deine Anerkennung und Deine Zuwendung und auch gerne eine knappe Erklärung, dass Du seine Reaktion verstehen kannst, es aber auch andere Wege gibt die Frustration auszudrücken. Mit zunehmendem Alter und Deiner Zuwendung wird es dies dann auch nach und nach verinnerlichen. Bei älteren Kindern hingegen muss man Gewalt nicht hinnehmen, sondern vehement „Stopp“ sagen. Dabei ist es aber extrem wichtig für die Beziehung, dass Du nicht Dein Kind als Person, sondern nur die Handlung an sich als nicht akzeptabel beurteilst.
  • Kläre die Konflikte MIT Deinen Kindern, aber nicht FÜR sie.
  • Schritt 1 bei Konflikten: Hilf Deinen Kindern ihre überwältigenden Gefühle verbal auszudrücken. Nimm dazu Deine Kinder z.B. in den Arm, erkenne ihre Wut und verbalisiere für sie was Du siehst (z.B. „Ich sehe, du bist sehr wütend auf Deinen Bruder“).

  • Schritt 2: Frage nach, was jedes Kind eigentlich haben oder tun will und wiederhole es (Dein Kind sagt z.B. „Ich will lesen“, dann wiederhole „Du möchtest also ein bisschen Ruhe haben“). Such MIT Deinen Kindern nach einer Lösung, lass ruhig Deine Kinder die Vorschläge machen, die sind in der Regel sowieso viel kreativer. Wenn sich trotz allem keine Lösung findet, dann sind die Emotionen mittlerweile trotzdem abgekühlt und jeder kann erstmal alleine sein.

Was ist jetzt die Essenz aus diesen Zeilen?

Wenn sich Deine Kinder geliebt fühlen und als eigenständige Persönlichkeit (ohne Rollenfestlegung) gesehen und anerkannt werden, kann das Konfliktpotential präventiv schon etwas geringer gehalten werden.

Aber auch wenn sich Deine Kinder streiten, lernen sie etwas für´s Leben, über Respekt, Lösungsfindung, wie man Gefühle ausdrückt und erweitern ihre Frustrationstoleranz; vorausgesetzt Du schaffst es Dich zurückzuhalten und nur als Mediator und weniger als Richter aufzutreten.

Das bekommt Dir selber auch am Besten und solange die Auseinandersetzungen nur verbal geführt werden, zieh dich ruhig zurück. Meist endet der Konflikt dann noch schneller!

Wenn wir eine Beziehung haben, gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Sprache, können wir über alle Ängste, Sorgen und Widerstände miteinander reden.

Jesper Juul

Ich hoffe mein Text hilft Dir dabei den Geschwisterstreitigkeiten in Zukunft etwas entspannter zu begegnen!

Viele Grüße

Über den Autor

Stefanie Wenzlick ist Diplom-Pädagogin (Univ.), Medienpädagogin und selbst Mutter von 3 Kindern. Nachdem sie über 10 Jahre lang Familien und Mütter vor Ort beraten und begleitet hat, ist sie nun auch online als Müttercoach und Erziehungsberaterin tätig. Sie unterstützt Frauen dabei entspannt und mit Leichtigkeit ihren vielen Rollen (Mutter, Partnerin, Freundin, Arbeitnehmerin etc.) gerecht zu werden, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren und trotzdem eine gute Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen.

In Ihrem Blog gibt sie praktische Tipps und Anregungen für das Familienleben und Mutter-Sein.

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Wie Du mit Geschwisterstreit umgehen solltest Markiert in: Geschwister

Was ist ein Konflikt?

Das Wort ,,Konflikt“ stammt von dem lateinischen Substantiv „conflictus“ und bedeutet Aneinanderschlagen, Zusammenstoßen, im weiteren Sinne daher auch Kampf, Streit.

Begriffsklärung

Je mehr sich eine Gruppe bzw. allgemein ein soziales System entwickelt, desto mehr Unterschiede zwischen den Elementen dieses Systems werden sichtbar, wobei diese Differenzen für das Fühlen, Wollen und Handeln vom Einzelnen oder auch Untegruppen als hinderlich erlebt werden. Konflikte sind stets eine Ko-Kreation der beteiligten Personen oder Subsysteme, die auf ihre Weise an der Konflikterhaltung, Konflikteskalation oder Konfliktlösung durch ihr Verhalten, die Art ihrer Kommunikation, die verschiedenen Deutungen, Bewertungen und Erklärungen mitwirken.

In der Psychologie bzw. in den Sozialwissenschaften allgemein spricht man dann von einem Konflikt, wenn zwei – meist soziale – Elemente gleichzeitig gegensätzlich oder unvereinbar sind. Ein Konflikt kann sich auf einzelne Personen beschränken (intrapersonell), aber auch mehrer Menschen (interpersonell) oder ganze Organisationssystem (organisatorische) umfassen. Konflikte sind Störungen, die den Handlungsablauf unterbrechen und belastend wirken. Konflikte haben die Tendenz zu eskalieren, d.h., sie weiten sich aus und nehmen an Intensität zu. Konflikte werden als Störung des „normalen“ Lebens empfunden und halten von einem gewohnten Handlungsablauf ab.

Folgende Bedingungen müssen erfüllt sein, damit wir von einem Konflikt sprechen können

  • mindestens 2 Parteien vorhanden (dies kann auch nur eine Person sein = intrapersoneller Konflikt)
  • gemeinsames Konfliktfeld vorhanden (eine der häufigsten Varianten, den Konflikt zu beenden, ist das Verlassen des Konfliktfeldes, z.B. durch Krankheit, (innere) Kündigung usf.)
  • unterschiedliche Handlungsabsichten
  • Vorhandensein von Gefühlen (hierbei spielen nur die negativen Gefühle „Angst“ und „Wut“ eine Rolle, sie dienen im Konflikt als Antriebselement)
  • gegenseitige Beeinflussungsversuche (auch über Dritte, also indirekt)

Konflikte unterscheiden sich von Problemen vor allem dadurch, daß sich die Parteien in der Bewältigung der Situation uneins sind und dabei negative Gefühle entwickeln. Da die Gefühle einen starken Handlungsantrieb verursachen, ist die Aktionsbereitschaft in Konflikten sehr hoch. Konflikte müssen aber klar von Pannen abgegrenzt werden, denn Pannen sind kontroversiell zu von unserer Logik getroffen Entscheidungen, die negative Konsequenzen nach sich ziehen (z.B. vergisst jemand rechtzeitig eine Rechnung zu bezahlen und wird deshalb mit Mahnkosten belastet).

Pauschal kann man sagen: je stärker die Emotion, desto höher die Handlungsbereitschaft. Ein starkes Gefühl hat außerdem die Nebenwirkung, dass es die kritische Urteilsbildung vermindert oder sogar vollständig unterdrückt. Die Folge ist ein unreflektiertes Handeln, das im Nachhinein oft bereut wird.

Man kann Konflikte nach verschiedenen Gesichtspunkten kategorisieren. Zweckmäßig ist, sich zu überlegen, wie viele Personen betroffen sind und in welchem Umfeld sich der Konflikt abspielt. Wichtig ist auch, sich zu fragen, ob man es mit „schwelenden“ Konflikten zu tun hat, die sich unter der Oberfläche und oft nach ganz eigenen Regeln weiterfressen. Das Gegenstück wäre der „offene“ Konflikt, der im negativen Fall in einen hitzigen Kampf ausartet und im positiven Fall in eine Diskussion mündet, die zu einer gemeinsamen Problemlösung führt. Schließlich unterscheidet man noch „spontane“ Konflikte, die auch in der Öffentlichkeit unter wildfremden Personen ausbrechen können.

Innere Konflikte (intrapersonell)

Innere Konflikte (intrapersonell) sind solche, die wir mit uns selbst ausfechten. Häufig geht es um Entscheidungen, die wir fällen müssen. Ein typisches Beispiel wäre: Man muss sich entscheiden, ob eine neue Arbeitsstelle in einer anderen Stadt angenommen werden soll oder ob man sich innerhalb der eigenen Firma um einen anderen Posten bewirbt. Wir müssen mit dem Gefühl leben, dass sich die Entscheidung als falsch herausstellen könnte. Wie gut wir das schaffen, ist ein wichtiges Indiz für unsere Fähigkeit, auch mit anderen Konflikten umzugehen. Hier lassen sich unterscheiden:

  • Annäherungs-Annäherungs-Konflikte: Man hat zwei Möglichkeiten zur Auswahl, wobei beide Möglichkeiten ein positives Ergebnis bringen. Die Entscheidung für eine Möglichkeit schließt die andere aus. Ein Beispiel wäre der Kauf eines Wintermantels, wobei man sich am Ende zwischen zwei Modellen entscheiden muss.
  • Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikte: Die Entscheidung ist hier zwischen zwei negativen Konsequenzen zu treffen, wobei wir zumindest ein Übel in Kauf nehmen müssen. So könnte man einen Konflikt beschreiben, bei dem man vor der Entscheidung steht, ob man freitags oder samstags nicht ausgeht, da man an einem der beiden Abende arbeiten muss.
  • Vermeidungs-Annäherungs-Konflikte: Die Entscheidung für eine Möglichkeit bringt sowohl positive als auch negative Konsequenzen. Dazu zählt man zum Beispiel, wenn man sich für ein stark motorisiertes Auto entscheidet (sportlich, schnell). Dies ist mit höheren Kosten verbunden, wobei diese Geld aber für andere angenehme oder notwendige Anschaffungen verwendet werden könnte. Außerdem gibt es Entscheidungen, bei denen man zwischen zwei Alternativen wählt, die sowohl positive als auch negative Folgen mit sich bringen. Wenn man sich z.B. zwischen einem Praktikumplatz im In- oder Ausland entscheiden muss, bringt jede Entscheidung positive als auch negative Folgen mit sich.

Belastung durch innere Konflikte und Lösungsmöglichkeiten

Es gibt für viele Menschen bestimmte Probleme, bei denen sie feststecken und immer wieder scheitern, meist sogar über Jahre hinweg. In den allermeisten Fällen steckt ein ungelöster, innerer Konflikt dahinter, der dadurch gekennzeichnet ist, dass man zwei Dinge gleichzeitig will oder braucht, die sich aber widersprechen:

  • Man will gutes Essen und Süßigkeiten genießen, aber man will auch schlank sein.
  • Man will beruflich erfolgreich sein, man will sich aber auch nicht allzu sehr anstrengen.
  • Man will neue Freunde kennenlernen, aber man will auch nicht aus dem Haus hinaus.
  • Man will ein aufgeräumtes, sauberes Zuhause und man will sich nicht mit Hausarbeiten belasten.

Solche einander widersprechenden Ziele führen nicht selten dazu, dass man jahre- oder sogar jahrzehntelang mit einer Sache kämpftn, ohne sie jemals wirklich in den Griff zu bekommen. Man versucht etwas zu ändern, was für kurze Zeit gelingt, aber dann fällt man wieder zurück in die alten Muster, wodurch die Unzufriedenheit mit sich selber noch größer wird. Oft ist es schon viel wert, diese inneren Konflikte überhaupt erst einmal als solche wahrzunehmen und diese zu akzeptieren. wodurch nicht wenige der Konflikte schon von alleine verschwinden, denn häufig sind auch die Gedanken, die zu diesen inneren Konflikten führen weitgehend irrational, d.h., nicht die Realität erzeugt den Konflikt, sondern nur eine etwas verschrobene Sichtweise auf die Realität. In diesem Fall kann man durch das systematische Hinterfragen des Konflikts diesen auflösen, etwa sich zu fragen, mit welchen Problemen man überhaupt kämpft und wie lange. Was möchte man an Stelle des Problems und warum bekommt man es nicht hin? Gibt es hier vielleicht zwei Ziele, die einander widersprechen und welche sind das?

Soziale Konflikte (interpersonell)

Als soziale Konflikte (interpersonell) bezeichnet man alle zwischenmenschlichen Konflikte, in die zwei Personen oder kleine Gruppen, (z.B. eine Familie oder Freundesclique), verwickelt sind. Hier spielen immer Gefühle mit, außerdem unser Rollenverhalten und unsere Grundeinstellung gegenüber anderen Menschen. Dabei ist zu prüfen, ob es sich dabei um Bedürfnis- oder Wertkonflikte handelt, denn diese verlangen verschiedene Methoden zur Konfliktbewältigung:

  • Bedürfniskonflikte: Hier fühle man sich direkt vom Verhalten einer anderen Person gestört oder in der Erfüllung der eigenen Bedürfnisse behindert. Beispiele: Man möchte früh Schluss machen, doch der Chef möchte noch eine dringende Arbeit erledigt haben. Man kann nicht einschlafen, weil die Nachbarin im Wohnzimmer laute Musik spielt.
  • Wertkonflikte: Im Gegensatz dazu haben Wertkonflikte keine direkten Auswirkungen auf einen persönlich, man möchte jedoch unbedingt, dass eine andere Person ihr Verhalten ändert, das man für falsch hält. Beispiele: Ein Jugendlicher hat zum 18. Geburtstag Geld vom Onkel bekommen und möchte ein Motorrad anzahlen; die Eltern meinen, dass der Betrag „für später“ auf das Sparkonto gelegt werden soll. Eltern möchten nicht, dass ihre Tochter sich den Bauchnabel piercen lässt.

Handlungsabsichten

Die Handlungsabsichten sind die Basis eines Konflikts und definieren den Konflikttyp. Wir kennen unterschiedliche Handlungsabsichten und damit auch unterschiedliche Konflikttypen:

  • unterschiedliche Ziele – Zielkonflikt
  • unterschiedliche Wege – Wegekonflikt
  • unterschiedliche Auffassung über Ressourcenverteilung – Verteilungskonflikt
  • unterschiedliche Auffassung über Beziehungen – Beziehungskonflikt
    • Antipathie
    • unterschiedliche Rollendefinitionen
    • unterschiedliche Beziehungserwartungen

Zu den möglichen Tarnungen von Beziehungskonflikten siehe auch Die vier Seiten einer Nachricht

Beziehungskonflikte werden fast immer auf einer anderen Ebene ausgetragen und erscheinen deshalb oft „getarnt“. Dann besteht die Gefahr, daß man an der falschen Ursache arbeitet. Dies wird nach kurzer Zeit einen Folgekonflikt verursachen, der in anderem Deckmantel erscheint, jedoch die gleiche Basis hat: die Beziehungsstörung. Zudem ist es möglich, daß ein Konfliktsyndrom, also die Kombination verschiedener Konflikttypen gleichzeitig vorliegt. Wenn man häufig mit den gleichen Personen/Parteien in Konflikten steht, besteht grundsätzlich die Gefahr, daß man die negativen Gefühle an diese Personen/Parteien koppelt. Damit beinhaltet der Konflikt zusätzlich eine Beziehungskomponente, die sich sogar verselbständigen und damit konfliktleitend werden kann.

Siehe auch die Arbeitsblätter

  • Konfliktmanagement
  • Mögliche Bedingungen für eine Eskalation von Konflikten
  • Konstruktive Konfliktlösung
  • Mögliche Bedingungen für eine Eskalation von Konflikten
  • Kommunikationsregeln Watzlawicks
  • Konfliktwahrnehmung
  • Konflikte in Organisationen
  • Konflikttypen

Quellen

Die Konfliktebenen

Thema: Konflikte

Wo liegt der Grund?

Konfliktpotenzial und mögliche Konfliktebenen bietet der Berufsalltag zur Genüge. Weshalb spült der Kollege niemals die Kaffeetassen? Warum weigert sich der Geschäftspartner die Hausbank zu wechseln? Warum erkennt der Vorgesetzte nicht die Leistung an?

Von einer Meinungsverschiedenheit bis zum Konflikt ist es oft nur ein kleiner Schritt. Um die tatsächlichen Auslöser des Konflikts zu bestimmen, ist es wichtig, wieder einen Schritt zurück zu gehen. Die genaue Betrachtung der Konflikt-Themen kann zu Ursachen führen, die weit über das vordergründige Konfliktfeld hinausgehen. Denn Konflikte spielen sich auf verschiedenen Konfliktebenen ab: Der Sachebene, der Beziehungsebene und der Machtebene. Die Sachebene ist offensichtlich: Der aktuelle Streitpunkt liegt auf der Hand. Oft liegt die Konfliktursache jedoch tiefer verborgen: auf der Beziehungsebene und/oder der Machtebene. Je stärker diese verschiedenen Ebenen ineinander verwoben sind, desto schwieriger wird die Klärung des Konflikts. Konflikte finden auf der Sach-, Gefühls- und Machtebene statt. Oftmals sind diese Konfliktebenen miteinander verknüpft.

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Weitere Informationen

Konfliktebenen
Sachkonflikte

Sachkonflikte beziehen sich auf konkrete Situationen und Fakten. Sie können am einfachsten rational bewertet und diskutiert werden. Folgende Varianten sind zu unterscheiden:

Zielkonflikte

Hier geht es um Perspektiven: Während ein Geschäftspartner eine Weltmarktposition anstrebt, möchte der Kompagnon weniger arbeiten und mehr Zeit für die Familie haben.

Wegekonflikte

Hier geht es um Strategien: Ein Geschäftspartner schlägt zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung die Aufnahme eines Bankkredits vor, um eine Werbekampagne zu finanzieren. Der Partner will stattdessen mit kleinen Aufträgen beginnen und sich langsam einen Namen machen. Zudem lehnt er das Risiko der Verschuldung ab.

Wertekonflikte

Hier geht es um den Handlungskodex: Einem kleineren Auftraggeber, der schon häufig Kunde war, wurde eine Leistung zugesagt. Völlig unerwartet winkt zeitgleich ein lukrativerer Auftrag mit möglichen Anschlussjobs. Die Geschäftspartner sind uneins. Wie weit soll die Loyalität gehen? Welchen der beiden Aufträge sollen sie absagen?

Rollenkonflikte

Hier geht es um Aufgabenbereiche: Der eine Geschäftspartner ist vorwiegend mit schwierigen und uninteressanten Tätigkeiten betraut, während der andere für ein angenehmes und abwechslungsreiches Arbeitsgebiet zuständig ist.

Verteilungskonflikt

Hier geht es um Wertschätzung: Wer verdient in einer gleichberechtigten Partnerschaft mehr Anteil am Gewinn? Der repräsentative Partner oder der stille Arbeiter im Hintergrund?

Konfliktebenen: Beziehungskonflikte oder Gefühlskonflikte

Gefühlskonflikte können sich zunächst wie Sachkonflikte äußern, aber ihre Ursprünge liegen tiefer. Oft sind verdrängte emotionale Dissonanzen der Auslöser des Konflikts. Steckt nicht doch unterschwellige Rivalität hinter dem erbitterten Streit über die Farbe des Aktenordners? Warum wird der kurze Rock der jungen Kollegin als so störend empfunden? Konflikte auf der Beziehungsebene sind im beruflichen Alltag schwerer zu lösen als im Privatleben. Denn die Thematisierung der Gefühls- und Beziehungsebene ist in vielen Betrieben und Firmen noch ein Tabu. Die Negierung dieser Ebene führt jedoch häufig dazu, dass die wahre Ursache des vordergründigen Sachkonflikts entweder gar nicht entdeckt oder bewusst außer Acht gelassen wird. Ein solches Ignorieren der Gefühlsebene beeinträchtigt die Konfliktlösung – und kann sie gegebenenfalls sogar verhindern. Die Komponente der emotionalen Beziehung ist bei jedem Konflikt sorgfältig zu prüfen.

Konfliktebenen: Machtkonflikte

Macht ist ein wichtiger Faktor am Arbeitsplatz. Jeder Mitarbeiter ist bestrebt, seine derzeitige Position in der Firma beizubehalten oder zu verbessern. In Machtkonflikten wird um hierarchische Positionen gerungen. Ebenso wie Konflikte auf der Gefühlsebene können auch Machtkonflikte sich bei oberflächlicher Betrachtung wie sachliche Auseinandersetzungen darstellen. Hier sind die Konsequenzen des Konflikts näher in Augenschein zu nehmen. Geht es darum, den Kontrahenten vor einer Beförderung zu diskreditieren? Ist das Ziel der Auseinandersetzung, den anderen zur Kündigung zu bewegen? Zumeist setzt sich in Machtkonflikten derjenige durch, der eine höhere Position in der Firmenhierarchie besitzt. Dies muss aber nicht zwangsläufig der fähigere Mitarbeiter sein. Die Basis für Machtkonflikte bilden:

  • Konkurrenzdenken (Die Unterlagen behalte ich für mich, sonst streicht der die ganzen Lorbeeren ein.)
  • Angst vor Abhängigkeit (Die darf ich nicht zu viel loben, sonst will sie noch auf meinen Sessel.)
  • Angst vor Autoritätsverlust (Als Chef muss ich das Sagen haben.)

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Konfliktmanagement: Konflikte lösen im Beruf

Konflikte gehören im Beruf zum Alltag. Menschen sind eben nicht immer einer Meinung. Allerdings kann aus Diskussionen, Verhandlungen und Missverständnissen leicht handfester Streit entstehen. Professionelles Konfliktmanagement hat das Ziel, solche Konflikte erst gar nicht weiter eskalieren zu lassen. Dabei geht es nicht darum, andere geschickt zu dominieren oder einen Streit zu gewinnen. Vielmehr dient Konfliktmanagement dazu, gegenseitiges Verständnis zu wecken und dauerhaft stabile Kompromisse zu finden. Und so funktioniert das…

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Definition: Was bedeutet Konfliktmanagement?

Konflikte sind zunächst einmal etwas ganz natürliches und unvermeidbar. Konfliktfreiheit ist eine Utopie. Meinungsverschiedenheiten und Meinungsaustausch sind wesentliche Elemente der Kommunikation, der persönlichen Entwicklung und des Lernens. Allerdings verlaufen diese Konflikte nicht immer konstruktiv.

In dem Fall geht jede Seite davon aus, im Recht zu sein oder die (alleinige) Wahrheit zu kennen. Einlenken und Zugeständnisse machen, sollen doch bitte die anderen… Die Folge ist eine Konfliktverschärfung oder gar Eskalation.

Professionelles Konfliktmanagement stellt Maßnahmen und Methoden bereit, einen bestehenden Konflikt zu entschärfen und die streitenden Parteien wieder zu einem konstruktiven Dialog und einer gemeinsam akzeptierten Lösung zurück zu führen.

Ziel des Konfliktmanagements ist eine systematische Auseinandersetzung mit den Auslösern und Ursachen, um nicht zuletzt auch künftige Konflikte abzumildern. Ganz vermeiden lassen sie sich auch mithilfe des Konfliktmanagements freilich nie. Vielmehr geht es im Konfliktmanagement darum…

  • bestehende Konflikte zu bewältigen.
  • notwendige Konflikte proaktiv zu lösen.
  • überflüssigen Konflikten vorzubeugen.

Zwar träumen viele Arbeitnehmer von einem Arbeitsumfeld, in dem sich alle Kollegen immer gut verstehen, die Stimmung freundschaftlich ist und das gleichzeitig für hohe Zufriedenheit und bessere Leistungen sorgt. Besonders harmoniebedürftige Menschen leiden unter Streitigkeiten am Arbeitsplatz.

Es wäre aber ein Irrglaube, zu hoffen, dass es im Beruf keine Konflikte gebe. Im Grunde ist es sogar unmöglich, mit allen Kollegen immer gut auszukommen.

Was braucht es für erfolgreiches Konfliktmanagement?

Konfliktmanagement im Beruf ist immer auch Aufgabe der Unternehmenskultur und natürlich auch der Vorgesetzten. Gibt es im Team Unstimmigkeiten, muss der Chef seine Rolle erfüllen, vermitteln und Lösungen finden, um das Betriebsklima wieder herzustellen und aus der Meinungsverschiedenheit eine möglichst gemeinsame Ansicht zu machen, in der sich alle repräsentiert fühlen.

Damit das Konfliktmanagement erfolgreich sein und funktionieren kann, braucht es aber auch die Mithilfe des Teams und die nötigen Voraussetzungen am Arbeitsplatz. Oder anders ausgedrückt: Wenn das Team Konflikte gar nicht lösen will und nicht bereit ist, diese konstruktiv anzugehen und eine Eskalation zu verhindern, hat es auch gut gemeintes Konfliktmanagement schwer.

Somit ergeben sich einige notwendige Anforderungen, um erfolgreiches Konfliktmanagement zu betreiben:

  • Konfliktfähigkeit

    Konflikte gibt es überall, Konfliktfähigkeit sucht man auf der anderen Seite oftmals vergeblich. Sobald eine Auseinandersetzung auch nur in der Luft liegt, treten viele den Rückzug an, um einem möglichen Konflikt aus dem Weg zu gehen. So wird dieser zwar vermieden, konstruktives Konfliktmanagement sieht jedoch anders aus.

  • Kommunikation

    Konflikte lassen sich nur durch Diskussion und Dialog bereinigen. Wer nicht miteinander spricht, kann eine Meinungsverschiedenheit oder auch ein Missverständnis nie aus der Welt schaffen und so brodelt es weiter vor sich hin – Eskalation ist dann nur eine Frage der Zeit.

  • Kompromissbereitschaft

    Darüber reden ist unerlässlich, gleichzeitig braucht es aber auch die Bereitschaft, dem anderen entgegenzugehen und Kompromisse zu machen. Pochen beide Seiten einfach nur auf ihr Recht und benehmen sich sturer als Esel, hat das Konfliktmanagement kaum eine Chance, viel dagegen auszurichten.

  • Kontrolle

    Konfliktmagement benötigt Kontrolle gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen müssen Teammitglieder Selbstkontrolle haben, um Konflikte konstruktiv zu lösen. Konfliktmanagement ist nicht möglich, wenn die Beteiligten aus der Haut fahren und sich gegenseitig anbrüllen oder beleidigen.

    Ebenso wichtig ist es, dass das Konfliktmanagement die Kontrolle über die Situation und die Auseinandersetzung behält. Dabei kann es durchaus nötig sein, die Gemüter ein wenig zu beruhigen und besänftigend einzuwirken. Zu guter Letzt benötigt es Kontrolle über das Ergebnis des Konfliktmanagements. Sind wirklich alle Ursachen nachhaltig und anhaltend aus der Welt geschafft worden?

Zu diesen Voraussetzungen gehören einige Grundregeln, um erfolgreiche Konfliktgespräche zu führen:

  • Sachlich bleiben. Es ist das oberste Gebot im Streitfall. Wer dabei polemisch oder persönlich wird, disqualifiziert sich selbst und kann sich das Konfliktgespräch ebenso gut sparen. Sinnvolles wird bei Angriffen unter der Gürtellinie jedenfalls nicht heraus kommen. Bewahren Sie stattdessen Ruhe (auch im Ton) und bleiben Sie immer (!) souverän – auch wenn Sie selbst unsachlich angegriffen werden.
  • Ausreden lassen. Insbesondere in der zweiten Phase – der Selbsterklärungsphase – geht es darum beide Standpunkt erst einmal zuzulassen, anzuhören und zu verstehen. Dabei sollten sich beide Streitparteien nie unterbrechen – das wäre respektlos und dient auch nicht gerade dem besseren Verständnis.
  • Wertschätzung demonstrieren. Zuhören und ausreden lassen ist allerdings nur die halbe Miete. Um einen Konflikt zu entschärfen, sollten Sie zugleich signalisieren, den anderen in seiner Haltung zu verstehen. Das heißt nicht, dass Sie seine Meinung teilen oder gut finden. Aber Sie zeigen deutlich (auch verbal), dass Sie die Beweggründe verstehen und auf menschlicher Ebene respektieren.
  • Kompromissbereitschaft zeigen. Verhandlungstaktisch kann es sinnvoll sein, auf seine Forderung zu beharren. Im Konfliktfall gilt das allenfalls in Ausnahmen. Wer den Streit deeskalieren will, sollte vielmehr Kompromissbereitschaft signalisieren sowie den Willen zu einem dauerhaften Frieden.
  • Gemeinsamkeiten finden. Fokussieren Sie im Verlauf des Konfliktgesprächs nicht allein auf das Trennende, sondern achten Sie zugleich auf Verbindendes. Gemeinsamkeiten bilden oft die Basis für eine spätere Lösung.

Häufige Konfliktarten im Beruf

Wo Menschen aufeinander treffen, kommt es zu Reibereien. Zwangsläufig. Die einen sind selbstbewusst, andere schüchtern, manche risikofreudig, andere zurückhaltend. Bei dem Persönlichkeiten-Mix sind Reibungen programmiert. Die daraus entstehenden Konflikte haben jedoch ganz unterschiedliche Ursachen. Folgende Konfliktarten sind im Berufsleben besonders häufig anzutreffen:

  • Beziehungskonflikte

    Wo wir auf andere Menschen treffen, können Antipathien entstehen, die jedes Zusammensein erschweren, obwohl oft kein rationaler Grund zu erkennen ist. Meist beginnt es ganz unterschwellig, subtile Angriffe werden gestartet und wie kleine Pfeile abgeschossen. Was zunächst eine rein sachliche Differenz war, wird nun personifiziert und eskaliert im Laufe der Zeit.

  • Kommunikationskonflikte

    Wir kommunizieren auf unterschiedlichen Ebenen (Mimik, Gestik). So mutieren Missverständnisse schnell zu Kommunikationskonflikten, wenn sie nicht direkt bereinigt werden. Auf der organisatorischen Ebene können sich Kommunikationskonflikte entwickeln, wenn zum Beispiel ein Mitarbeiter Widerstand signalisiert, weil seine Gruppe ihn nicht in die Entscheidungsfindung mit einbezogen hat und er den Entschluss nicht mitgestalten konnte.

  • Verteilungskonflikte

    Hier dominieren unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die vorhanden Ressourcen verteilt werden sollen. Das können materielle Dinge sein, wie Konflikte um einen Dienstwagen oder das schöne Einzelbüro. Verteilungskonflikte gibt es aber auch für Aufgaben und Verantwortungen. So brechen beispielsweise Diskussionen darüber aus, wer das wichtige Projekt betreut.

  • Die meisten Personen nehmen in einer Gruppe verschiedene Rollen ein. Es werden Erwartungen ausgesprochen und unausgesprochen an den einzelnen gestellt. Das müssen aber nicht unbedingt jene Schubladen sein, in denen man sich selber gerne sieht. Entsprechend können die unterschiedlichen Rollen den Einzelnen daran hindern, seine persönlichen Ziele zu verfolgen.

  • Sachkonflikte

    Hier herrschen entgegengesetzte Meinungen und Uneinigkeit über eine Sache. Es gibt verschiedene Vorstellungen darüber, welches Ziel erreicht werden soll oder es stehen verschiedene Lösungsvorschläge im Raum, die aber nicht zu vereinen sind. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

  • Wertkonflikte

    Diese Konflikte treten zum Beispiel bei unterschiedlichen Arbeitsauffassungen auf. Der eine bevorzugt klar geregelte Abläufe, der andere ist lieber spontan; der eine schließt unlautere Methoden kategorisch aus, für den anderen sind sie nur Mittel zum Zweck.

  • Machtkonflikte

    Zwei Abteilungen sollen aus Kostengründen zusammengelegt werden. Beide bisherigen Abteilungsleiter wollen keinen Einfluss einbüßen. Zack – schon ist der Machtkonflikt programmiert.

Zusätzlich haben wir zehn Ursachen, die sicher zu Streit unter Kollegen führen, in diesem PDF für Sie zusammengefasst.

Die 5 Phasen im Konfliktmanagement

Konflikte lösen sich nur selten von alleine. Erst recht, wenn sie Zeit hatten, sich zu entwickeln und auszuwachsen. In dem Fall hilft nur ein klärendes Gespräch – auch Konfliktgespräch genannt.

Doch selbst diese Aussprache vollzieht sich in der Regel in 5 typischen Konfliktphasen (siehe Grafik oben):

  1. Auftaktphase

    Aller Anfang ist die richtige Atmosphäre. In der sogenannten Auftaktphase (auch Kontaktphase) sollten sich beide Seiten unbedingt und jederzeit um Sachlichkeit bemühen. Starten Sie niemals mit Wut im Bauch oder einem Trommelfeuer aus Vorwürfen. Eine Aussprache ist danach kaum noch möglich. Oft hilft hierbei schon ein zeitlicher Abstand zum Auslöser. Allerdings sollte das Gespräch auch nicht zu lange hinausgezögert werden.

  2. Aufmerksamkeitsphase

    Auf die Anfangsphase folgt die Aufmerksamkeitsphase (oder Selbsterklärungsphase): Ist eine gute Gesprächsatmosphäre gefunden, stellen die beiden Parteien den Konfliktfall oder Auslöser des Streits (sachlich!) dar: Wie kam es dazu? Worum geht es in dem Konflikt im Kern? Was hat die Sache eskalieren lassen? Es geht also darum, die Konfliktsymptome zu identifizieren und zu analysieren. Beide Seiten erklären sich und ihre Gefühle, jedoch möglichst vorwurfsfrei, ohne unzulässige Schuldzuweisungen oder Verallgemeinerungen („Alle sehen das so…“) und per Ich-Botschaften („Ich habe das als respektlos und kränkend empfunden…“). Dabei sollten sich alle Beteiligten natürlich durchweg einig sein, dass sie gemeinsam an einer Lösung arbeiten wollen. Will einer nicht, können Sie sich die ganze Aktion sparen.

  3. Dialogphase

    In der dritten Dialogphase entsteht schließlich ein gemeinsamer Dialog mit dem Ziel gegenseitiges Verständnis herzustellen („Jetzt verstehe ich, warum Sie so reagiert haben!“). An dieser Stelle darf übrigens keine Diskussion über die jeweiligen Sichtweisen stattfinden, Motto: „Sie sehen das aber falsch!“ Das führt nur zu weiterem Streit. Vielmehr sollten die Gemeinsamkeiten der Positionen sowie die Differenzen herausgearbeitet werden. Die Uneinigkeiten werden erst in der nächsten Phase der Reihe nach abgearbeitet.

  4. Lösungsphase

    Nämlich jetzt, in der sogenannten Unterredungs- oder Lösungsphase: Jetzt werden Lösungen für jeden einzelnen Streitpunkt gesucht. Wichtige Fragen hierfür sind:

    • Was wäre eine faire Lösung für den jeweiligen Konflikt?
    • Welche der Lösungsvorschläge wären machbar?
    • Welche der machbaren Lösungen sind für beide Seiten akzeptabel?

    Diese Vorschläge werden anschließend danach bewertet, ob sie machbar und für alle Parteien akzeptabel sind. Auf eben diese Lösungen einigen sich die Gesprächspartner und vereinbaren, wann über Gelingen oder Misslingen der Umsetzung noch einmal gesprochen werden soll.

  5. Abschlussphase

    Am Ende des Gesprächs – in der Beschluss- oder Abschlussphase – werden alle gemeinsam akzeptierten Lösungsvorschläge noch einmal wiederholt und von beiden Parteien geprüft und beschlossen.

Konfliktmanagement: Methoden, Lösungsstrategien und Übungen

Streit ist immer auch eine Chance zur Veränderung. Wo vorher Uneinigkeit herrschte, können Kompromisse und vielleicht sogar ein gemeinsamer Weg gefunden werden. Der Abstand zwischen zwei (oder mehreren) Parteien verringert sich so, es entsteht Raum für eine neue Beziehungsqualität.

Der Weg dorthin ist allerdings kein Kindergeburtstag, sondern teils harte Arbeit, die beiden Seiten viel Wohlwollen, Disziplin und Emotionsregulierung abverlangt. Kurz gesagt: Konfliktmanagement braucht einen kühlen Kopf. Denn wer unter Stress steht, sieht die Dinge oft verzerrt und neigt zum Tunnelblick. Die Konfliktlösung wird dadurch erschwert.

Im professionellen Konfliktmanagement gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Methoden und Übungen um gemeinsame Lösungsstrategien zu erarbeiten. Zu den bekanntesten und bedeutendsten gehören:

  • Perspektivwechsel

    Treffen unterschiedliche Meinungen aufeinander, können sich die Gemüter schon mal erhitzen. Um den Konflikt zu lösen und eine Meinungsverschiedenheit aus der Welt zu schaffen, ist es dann enorm wichtig, den roten Faden zu behalten und sich nicht auf Nebengleise zu begeben. Sonst streitet man nur noch über nickelige Details und tauscht Beleidigungen aus.

    Das Ziel muss vielmehr sein, Selbstbild und Fremdbild sowie die Handlungen und Aussagen des jeweils anderen nachzuvollziehen und zu verstehen. Dafür müssen beide ihre Perspektive wechseln und sich auch mal in den anderen hineinversetzen. Auch Rückfragen helfen hierbei. Erst dann sind sachliche, wertschätzende und begründete Argumente möglich.

  • Harvard-Methode

    Die sogenannte Harvard-Methode (PDF) wurde schon in den frühen Achtzigerjahren an der gleichnamigen Universität von dem Rechtswissenschaftler Roger Fisher zusammen mit Bruce Patton und Ury Wiliam entwickelt und dient vor allem dazu, Verhandlungen zu verbessern. Weil Konfliktgespräche nichts anderes sind als Verhandlungen, eignet sich die Methode ebenso im Konfliktmanagement. Sie besteht im Kern aus den vier Grundsätzen:

    Das Grundproblem vieler Konflikte liegt eben nicht in gegensätzlichen Positionen, sondern im Konflikt beiderseitiger Nöte, Wünsche, Sorgen und Ängste – den Motiven. Diese liegen aber – wie bei einem Eisberg – meist unter der Oberfläche. Sie zu erkennen, ist entscheidend, denn darüber lässt sich viel leichter verhandeln und so ein Kompromiss finden.

  • Mediation

    Bei der Mediation handelt es sich um ein freiwilliges, außergerichtliches Schlichtungsverfahren bei akuten Konflikten. Daher müssen die Konfliktparteien dem Verfahren vorher unbedingt zustimmen. Der Mediator ist zur Überparteilichkeit verpflichtet, er trifft daher auch keine Entscheidungen, sondern leitet neutral die Aussprache und unterbreitet anschließend Einigungsvorschläge.

    Hinter dem Konzept der Mediation steht der Gedanke, dass die Konfliktparteien selbst am besten wissen, wie der Konflikt aufzulösen ist. Der Mediator bietet den Beteiligten Unterstützung bei der Findung dieser Lösung. Doch er liefert keine vorgefertigten Lösungsvorschläge.

    Für den Inhalt einer Mediation sind die Konfliktparteien selbst verantwortlich. Sie entscheiden, was in ihren Augen eine gute und zufriedenstellende Lösung ist.

  • Supervision

    Anders als die Mediation, die sich einem akuten Problem widmet und die Kommunikation zwischen den Konfliktparteien strukturiert, kann die Supervision auch dazu genutzt werden, strukturelle Probleme in einem Team zu lösen. Dabei werden in der Regel die Interaktionen und Verhaltensmuster innerhalb eines Teams oder einer Organisation analysiert, um sie entweder zu verbessern oder potenzielle Konfliktherde zu beseitigen.

    Der Supervisor und die Klienten legen vorher fest, nach welchen Spielregeln das Ganze abläuft. Im Prozess selbst werden dann oft konkrete Situationen und das Innenleben der Beteiligten reflektiert, um die jeweiligen Motive transparenter zu machen.

    Bei der Supervision werden psychologische Elemente und Prinzipien angewandt. Der Supervisor tritt mit den Beteiligten ins Gespräch, entwickelt eine konstruktive Gesprächsatmosphäre und hilft dabei, gemeinsam die Arbeitssituation zu verbessern.

Damit sich Positionen nicht unnötig verhärten und sich ein Streit kaum noch schlichten lässt, sollte konstruktives Konfliktmanagement frühzeitig angewendet und der Dialog gesucht werden. Das ist im Beruf nicht anders als in der Diplomatie.

Allerdings ist es dabei so wie beim Streiten auch: Es gehören immer zwei dazu, die das wollen. Besonders schwierig wird es, wenn es Konflikte zwischen Mitarbeiter und Chef gibt. Tipps für solche Konflikte haben wir in diesem PDF für Sie.

Die verschiedenen Ergebnisse eines Konflikts

Durch das Konfliktmanagement sollen Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten beigelegt, die Streithähne besänftigt und falls möglich alle Seiten zufriedengestellt werden. Das ist jedoch nur die Idealvorstellung, in der Realität sieht es häufig ganz anders aus. Es gibt eben nicht nur die Friede, Freude, Eierkuchen Lösung eines Streits. Selbst wenn dieser grundsätzlich gelöst wird, sind am Ende noch lange nicht alle glücklich mit der Situation.

Dabei werden fünf grundsätzliche Szenarien unterschieden, die sich auch in der Verhandlungsmatrix wiederfinden.

Das oben beschriebene Szenario ist die wünschenswerte Win-Win-Situation. Hier wird konstruktiv diskutiert und eine gemeinsame Lösung gefunden, die den Input beider Seiten berücksichtigt und der alle zustimmen können.

Als Gegenteil dazu steht die Lose-Lose-Situation, bei der die Bedürfnisse und Ansichten keiner der Parteien berücksichtigt wird. Denkbar ist dies beispielsweise, wenn der Chef einfach ein Machtwort spricht und dabei eine vollkommen andere Idee auswählt. Zwischen diesen beiden Extremen liegt die Win-Lose-Situation, die meist zu großem Frust auf einer der Seiten führt.

Als letzte Option gibt es noch den Kompromiss, der neben dem Win-Win das beste Ergebnis des Konfliktmanagements ist. Dabei müssen zwar beide Seiten einige Abstriche machen und aufeinander zugehen, aber alle können mit dem Ergebnis glücklich und zufrieden sein, da die wichtigsten Aspekte berücksichtigt werden und keiner das Gefühl hat, benachteiligt behandelt zu werden.

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