Pädagogischer umgang mit schimpfwörtern

Inhalte

Haltung der pädagogischen Fachkraft

Von Steffi Reiß

„Zeig mir Grenzen, damit ich mich daran reiben kann!“

Der Umgang mit Schimpfwörtern

Tugenden wie Ordnung, Rücksichtnahme, Fairness und Toleranz sind wichtige Erziehungsziele und sollen im Elternhaus und in der Schule/KiTa eingeübt und vorgelebt werden. Es geht in diesem Zusammenhang auch darum, den Kindern eine “Intelligenz des Herzens” nahe zu bringen, die es möglich macht, sich in den anderen hineinzuversetzen, die Wirkungen unangemessenen Verhaltens zu spüren und Betroffenheit über eigenes Fehlverhalten zu zeigen.

Immer wieder bemerken wir, dass bei manchen Kindern diese sozialen Tugenden noch zu wenig ausgeprägt sind und dadurch Konflikte und Ängste entstehen. Die Möglichkeiten, Schimpfwörter aufzuschnappen, sind beinahe grenzenlos: in der Schule, auf der Straße, im Fernsehen, bei Freunden oder älteren Geschwistern. Oft wissen die Kinder gar nicht, was sie da eigentlich sagen. Nicht die Bedeutung der Schimpfwörter ist für sie wichtig, sondern deren Wirkung auf andere. Sie probieren oft erst einmal aus, welche Schimpfwörter welche Wirkung haben.


Dabei gehören “Blödmann” oder “dumme Kuh” noch eher zu den harmloseren Begriffen. Häufig zielen die Ausdrücke deutlich unter die Gürtellinie und verunsichern Eltern und Erzieher.

Es stellt sich schnell die Frage, warum Schimpfwörter überhaupt so faszinierend sind für Kinder?

Jan-Uwe Rogge, ein bekannter Erziehungsexperte, erklärt, dass es Kindern unter den Nägeln brennt, neue Ausdrücke auszuprobieren um zu sehen, wie Erwachsene und hier vor allem die Eltern darauf reagieren.

Wenn ich als Kind ein Schimpfwort benutze und das möglichst laut und deutlich, habe ich mit Sicherheit sofort die vollste Aufmerksamkeit meiner Bezugspersonen. Das ist als Kind doch schon viel Wert oder? Dieser Ansicht ist auch Dr. Sylvia Schuster, Pressesprecherin des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein. Sie geht davon aus, dass es Kinder sogar noch anstachelt, wenn Erwachsene auf die benutzten schlimmen Wörter geschockt reagieren. Kinder provozieren Erwachsene gerne mit Schimpfwörtern, auch oder gerade weil sie gar nicht wissen was diese Wörter bedeuten.

Manchmal sind Kinder aber auch müde, frustriert oder wütend und haben noch keine adäquate Möglichkeit ihre Wut zu kanalisieren. Egal aus welchen Gründen Kinder Schimpfwörter benutzen, die Reaktionen von Erwachsenen sind meist gleich: „Wo hast du diesen schlimmen Ausdruck her? „Blöde Kuh“ sagt man nicht! Das Wort „Scheiße“ will ich bei uns am Tisch nicht mehr hören“.

Warum sollen Grenzen gesetzt werden?

Kinder benötigen Grenzen als Orientierungshilfe
Setzen Sie Grenzen aus gebotener Distanz, nicht aus Ärger oder persönlicher Verletzlichkeit;
Prinzipiell ist es einfacher, eine Grenze früh zu setzen, bevor eine Krise sich hochschraubt;
wichtig: Beschreibe, was du erwartest; Eine Grenzsetzung kann sowohl Aktion als auch Reaktion sein.
Grenzen immer frühzeitig setzen, bevor unkalkulierbare Situationen entstehen

Wichtig bei der Grenzsetzung ist:

Der Erzieher muss distanziert bleiben, d.h nicht aus Verletzlichkeit oder Ärger handeln.

Die Grenzsetzung darf nicht als Strafe für das Kind vermittelt werden.

Durch was lassen sich Grenzen setzen?

Bewusstes Ignorieren
empfiehlt sich nur, wenn die Störung damit beseitigt werden kann, funktioniert nicht bei deutlichen Provokationen,

Konfrontation

zeigen Konsequenzen auf, welche im Notfall auch eintreten. Der Erzieher sollte einen sachlichen Ton haben und mit Haltung gegenüber dem Kind vermitteln: “Dein Verhalten im Moment ist nicht in Ordnung, aber ich achte dich weiterhin…”

Hilfsangebot
angemessen bei unangemessenen Verhalten, welches auf Versagensangst beruht

Erinnern an Regeln
verbunden mit Appell an Wir- Gefühl kann Bindung fördern

Herausnahme aus dem Raum
Auszeiten anbieten, bei offener Tür kein Problem der Aufsichtsregelung

Ermutigung zum Dialog!

Die dialogische Grundhaltung findet sich im Wirken verschiedener Vertreter des Humanismus wie Janusz Korczak, Paolo Freire, Viktor Frankl, Carl Rogers, Aaron Antonovsky, Virginia Satir und Ruth Cohn wieder.

Der Dialog lässt Raum und Zeit für menschliches Sein, für Unvollkommenheit, für Fort- und auch Rückschritte, für Langsamkeit und Anderssein, Eigensinn und Selbsterforschung. Ich verstehe den Dialogprozess als Ort der Begegnung und des Austauschs ohne Machtanspruch, als Inspirations- und Kraftquelle, als (neuen oder anderen) Weg zu einer aufbauenden, salutogenen Kommunikation und als Ort für Vertrauen, für Heimat und Selbstreflexion.

Zehn Kernfähigkeiten im Dialog

Der intensive Austausch von Gedanken und Gefühlen, der für den Dialog typische „Fluss von Bedeutung“ kommt ins Strömen, wenn wir elementare Fähigkeiten entwickeln, mit denen wir unser Gesprächsverhalten steuern:

  1. Die Haltung eines Lerners verkörpern

Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, wieder neugierig zu sein und unsere kulturelle Konditionierung, als Wissende aufzutreten, abzulegen. Der Zen-Meister Shunryu Suzuki hat es folgendermaßen formuliert: „Im Anfängergeist gibt es viele Möglichkeiten. Im Geist des Experten gibt es wenige“.

  1. Radikaler Respekt

Respekt heißt für uns, die andere Person in ihrem Wesen als legitim anzuerkennen. Respekt ist aktiver als Toleranz: ich bemühe mich darum, die Welt aus der Perspektive des anderen zu betrachten.

  1. Offenheit

Dies bedeutet, die Bereitschaft mitzubringen, offen zu sein für neue Ideen, andere Perspektiven, offen dafür, lang gehegte Annahmen in Frage zu stellen.

  1. Sprich von Herzen

Damit ist gemeint, dass ich von dem spreche, was mir wirklich wichtig ist, mich wesentlich Angeht. Ich rede nicht, um rhetorisch zu brillieren, zu theoretisieren, einen Vortrag zu Halten. Ich fasse mich kurz.

  1. Zuhören

Hier geht es um qualitatives Zuhören: das heißt, ich lausche dem anderen so vorbehaltslos wie möglich, sowie mit empathischer Zugewandtheit, welche den Sprechenden einlädt, seine eigene Welt vertrauensvoll sichtbar zu machen.

  1. Verlangsamung

Im Dialog wollen wir unseren automatischen gedanklichen und emotionellen Muster auf die Schliche kommen. Ohne den Prozess der Verlangsamung sind wir dazu kaum in der Lage.

  1. Annahmen und Bewertungen „suspendieren“

Unsere individuell unterschiedlichen Glaubenssätze, Interpretationen und Annahmen Liefern den Zündstoff für endlose Missverständnisse und Konflikte. Im Dialog üben wir, unsere Annahmen und Bewertungen offen zulegen und in der Schwebe zu halten.

  1. Produktives Plädieren

Dies ist eine Einladung dazu, die Wurzeln meines Denkens und Fühlens auszusprechen. Ich benenne also nicht nur das „Endprodukt“ (ein Statement), sondern auch die Annahmen, Bewertungen, Vorurteile sowie Beobachtungen, die mich dazu geführt haben.

  1. Eine erkundende Haltung üben

Ich gebe meine Rolle als Wissende auf und entwickle echtes Interesse an dem, was anders ist als ich bereits kenne. Damit ist eine Haltung von Neugier, Achtsamkeit und Bescheidenheit gemeint: „Ich weiß nicht, doch ich möchte gerne darüber erfahren“.

10. Den Beobachter beobachten

Dies bedeutet, dass ich mich im Dialogprozess selbst beobachte und mich darum bemühe, mir meiner eigenen Denk-, Gefühls- und Reaktionsmuster bewusst zu werden.


Unterm Strich aber sollten wir uns durch Schimpfwörter nicht auf die Palme bringen lassen, denn sie gehören zu Stresssituationen dazu, nur:

„Die Menschen vergessen, was du sagst und was du tust. Aber wie sie sich in deiner Gegenwart gefühlt haben, vergessen sie nie.“ Maya Angelou

Quellen / Literaturangaben:

Ganz ohne Schimpfwörter funktioniert wohl das vorbildlichste Leben nicht. Mein Kind erklärte mir, dass im Kindergarten das schlimmste aller Schimpfwörter überhaupt grassiert: “Baby!” Deswegen wurden schon Freundschaften aufgekündigt! Wie wir – recht erfolgreich – mit den “echten” Schimpfwörtern umgehen, lest ihr hier:

Zwischenruf in eigener Sache:VERLOOOOOSUNG!

Welche Rechte haben Eltern in der Schule – und welche nicht? Darf die Schule dem Kind das Smartphone wegnehmen? Und wenn ja, wie lange? Muss ich die Fahrtkosten für die Klassenfahrt übernehmen – obwohl mein Kind krank geworden ist? Und wie ist das mit dem Recht auf individuelle Förderung in der Schule und der Teilnahme an Fridays for Future? Die Antworten auf diese Fragen + Buch GEWINNEN!
Neugierig? Haben wollen? Hier entlang: KLICK

Trottel!
Du Arsch!
Sau!
… oder eben: BABY!

Schimpfworte stehen ab einem gewissen Alter hoch im Kurs. Sie werden im Kindergarten richtiggehend “gehandelt” – wer kennt die noch cooleren Wörter?

Anfangs hab ich meinem Kind die schlimmen Schimpfwörter rigoros verboten. Mit dem Effekt, dass sie dadurch nur noch interessanter geworden sind.

Das wie immer geniale Buch Ein Löffelchen voll Zucker… und was bitter ist, wird süß! Das Mary Poppins-Prinzip hat mich auf die entscheidende Idee gebracht:

Manchmal muss so ein Schimpfwort eben raus.

Aber wenn es raus muss, dann bitte umweltverträglich!
Darum hab ich mir diese Vorgehensweise zurechtgelegt:

Wenn mein Kind merkt, dass sich so ein Wort auf seiner Zunge absprungbereit macht, soll er schnell zur Mama laufen. Ich mach dann ein Schüsselchen mit meinen Händen, da rein sagt mein Kind möglichst leise das schlimme Wort. Ich knülle das Schimpfwort zusammen, schiebe es dann ein und werfe es bei nächster Gelegenheit in den Mistkübel.

Das Buch empfiehlt eine Schimpfwörter-Schachtel. Aber was, wenn wir gerade irgendwo unterwegs sind???
Darum hab ich mir das mit den Händen ausgedacht. Der unschlagbare Vorteil ist: Die eigenen Hände hat man immer dabei!
Ganz gemäß dem Motto: Keep it simple!

Erfolgsmeldung:

Bei uns hat das wunderbar funktioniert. Das Schimpfwort wurde nicht verboten, sondern hatte seine Berechtigung. Aber es wurde eben nicht unfreundlich in die Welt geschleudert.

Das Zusammenknüllen und Wegwerfen ist übrigens ein wichtiger Teil der ganzen Sache und sollte auf keinen Fall ausgelassen werden – ohne würde es nicht funktionieren. Das Kind sollte das auch wirklich sehen. So lernt es: Schimpfwörter sind da, aber sie sind in freier Wildbahn nicht gerne gesehen. Daher werden sie entsorgt – wie Müll. Außerdem: Wer will schon lauter blöde Worte an den Händen kleben haben?

Zur Nachahmung empfohlen!

Falls dir das weitergeholfen hat, könnte dich das auch interessieren:

  • Über den Umgang mit kleinen Wut-Monstern
  • Das neue Gesicht: aus grimmig-grantig wird fröhlich-vergnügt
  • Muttis Top 10 in Sachen Erziehung von (Klein-)Kindern
  • Problemsituationen mit Humor meistern
  • Was brauchen Kinder von heute? – Wertvolle Anregungen für Eltern und PädagogInnen

Mit der Zeit hab ich mir einige Erziehungstipps und -tricks angeeignet, die mir im Familienalltag enorm helfen.
Hier entlang: Muttis Eltern-Tipps

Enthält Affiliate-Links

Auch dein regionaler Buchhandel bestellt das Buch gerne für dich!

Denn: Wenn der letzte Laden verschwunden ist, das letzte Café geschlossen hat und alle Stadtviertel verwaist sind, werdet ihr feststellen, dass Online-Shoppen doch nicht so toll war! Buy local!

Für mehr Fairness & Transparenz im Netz: Affiliate Links führen zu Produkten in Online-Shops. Bei einem Kauf erhalte ich eine kleine Provision, was das Produkt jedoch keinesfalls teurer für euch macht.

Eigenwerbung!
Auf in Muttis Shop: muttis-blog.net/shop/

Ist es OK, seine Familie zu hassen?

Die Verwandtschaft kannst du dir nicht aussuchen. Das ist nicht nur eine alte Bauernregel, sondern für viele eine durchaus reale und oft schmerzhafte Erfahrung. Wenn mich jemand fragen würde, wen ich mit vollster Überzeugung als „Familie“ bezeichnen könnte, würden mir genau drei Personen einfallen—und mit einer davon bin ich nichtmal verwandt.

Familie bedeutet für mich, füreinander da zu sein, sich gern zu haben und aufeinander aufzupassen. Circa 80 Prozent meiner biologischen Familie sind mir herzlich egal. Von einigen würde ich sogar behaupten, dass ich sie nicht mag. Nicht, weil sie mir irgendetwas Schlimmes angetan haben, sondern, weil sie Eigenschaften haben, die ich auch bei Nichtverwandten hasse.

Wenn ich mit anderen über meine Familie spreche und ihnen sage, dass mich zum Beispiel der Tod einiger relativ naher Verwandten nur minimal tangieren würde, reagieren sie mit Unverständnis. Sie dreschen Phrasen wie „Blut ist dicker als Wasser“ und erklären mir, dass man sich mit der Familie ohne Wenn und Aber zu verstehen habe.

Das klingt meistens genau so lange nachvollziehbar, bis man selbst am anderen Ende des Verwandtschaftsbeziehungsspektrums angekommen ist. Dann stellt man sich aber umso mehr Fragen. Vor allem diese: Warum glauben manche Menschen, dass man Blutsverwandte aus Prinzip lieben und wertschätzen muss, selbst wenn sie Arschlöcher sind?

Laut Brigitte Rollett, Psychologin und Lehrende an der Universität Wien, ist das Gefühl, die eigene Familie lieben zu müssen, theologischen Ursprungs und geht auf das christliche Prinzip der Feindesliebe zurück. „Das Ganze hat natürlich dann seine Berechtigung, wenn es zu einer Aussöhnung führt“, so Rollett gegenüber VICE.

Feindesliebe bedeutet übrigens, dass man den Groll, den man gegen eine bestimmte Person hegt, durch den Verzicht auf Rache oder Ähnliches kompensieren und überwinden will. Dieses Konstrukt geht zurück auf das Neue Testament, laut dem Jesus einmal „Liebet eure Feinde“ gesagt haben soll. Dass er mit diesem Satz einigen von uns über 2000 Jahre später noch immer Schwierigkeiten bereitet, hat der Heiland damals wohl nicht geahnt.

Meine Gefühle für meine Mutter würde ich als eine Mischung aus Verachtung und Mitleid beschreiben.

Diese Schwierigkeiten sind aber auch nicht für jeden Betroffenen unüberwindbar. Im Fall von Daniel* waren sie nur vorübergehender Natur; früher konnte er seine Familie nicht leiden, heute kann er sich gut mit ihr arrangieren. „Natürlich muss man seine Familie nicht mögen“, sagt er. „Genau das hab ich auch mehr als zehn Jahre getan. Ich habe sie zwar nicht gehasst, aber ich habe einfach beschlossen, dass ich sie nicht brauche.“

Begonnen hatte alles im Alter von zehn, als seine Mutter zum zweiten Mal heiratete und er plötzlich einen neuen kleinen Bruder bekam. „Ich hab mich einfach nicht mehr als Teil dieser Familie gefühlt“, erzählt er. „Mit elf hab ich davon geträumt, auszuziehen; mit 12 hab ich zu Hause wie in einer Mietwohnung gewohnt. Es war alles sehr sachlich. Irgendwann haben wir einfach einen Deal gefunden, der mehr ein Vertrag war als eine Familie. Dann bin ich irgendwann tatsächlich ausgezogen und mit der Zeit mochte ich meine Familie auch wieder. Rückblickend betrachtet könnte man das Ganze vielleicht echt einfach als klassische Teenager-Probleme sehen.“

Andere Menschen versuchen, sich mit Familienmitgliedern zu arrangieren, um die sie sich in einem anderen Umfeld niemals bemühen würden. Bernhard* erzählt von einem Onkel, mit dem er quasi aufgewachsen ist, den er aber aufgrund seiner politischen Ansichten nicht leiden kann: „Wenn man mit meinem Onkel über politische Sachen redet, wird er ziemlich schnell zum Trottel. Bei Familienfeiern vermeidet zum Beispiel schon jeder politische Themen, weil mein Onkel dann nur rechten und antisemitischen Scheiß redet. Darum mag ich ihn auch nicht. Hassen tu ich ihn zwar auch nicht, aber wenn er nicht mein Onkel wäre, würde ich nichts mit ihm zu tun haben wollen.“

Bei manchen geht die Abneigung gegen Familienmitglieder noch weiter. Christian* sagt von sich selbst, dass er seine Mutter verachtet. „Als Kind hatte ich meine Mutter total lieb. Aber ich würde sagen, seit ich ungefähr 16 bin, liebe ich sie nicht mehr. Irgendwann ist sie dann zu ihrem neuen Freund gezogen und hat mich quasi alleine gelassen. Sie macht ihr Ding, ich meins. Eine Seite von mir will schon immer noch, dass sie glücklich ist, aber andererseits weiß ich auch, dass ich ihr überhaupt nichts schuldig bin. Meine Gefühle für sie würde ich als eine Mischung aus Verachtung und Mitleid beschreiben. Oft denke ich mir schon, dass ich nicht so über meine Mutter denken sollte, aber ich bin mit der Sache und mir selbst inzwischen im Reinen. Ganz scheißen kann ich aber nicht auf sie—wenn ich genau drüber nachdenke, mach ich das aber eher für mich als für sie.“

Ob im individuellen Fall Chancen auf eine Aussöhnung oder Besserung bestehen, ist für Rollett eine psychologisch beziehungsweise psychotherapeutisch zu lösende Frage. Hier kommt Katharina Henz ins Spiel. Sie ist Psychotherapeutin im zweiten Wiener Gemeindebezirk mit Schwerpunkt auf Familientherapie.

Wir haben sie in ihrer Praxis besucht und mit ihr über das Dilemma, in dem sich viele in Bezug auf unliebsame Familienmitglieder sehen, gesprochen. „Was ich einer Person gegenüber empfinde, steht mir in jedem Fall frei“, sagt sie. „Wer soll mir verbieten, dass ich jemanden nicht mag? Davon unabhängig ist die Frage, wie man jemandem deshalb gegenübertritt.“ Was sie ihren Klientinnen und Klienten in so einem Dilemma empfiehlt, ist die Methode des sogenannten Splittens. „Man kann sich selber sagen, dass es an der betreffenden Person eine Seite gibt, die man einfach nicht leiden kann, aber auch einen Teil, den man zumindest würdigen oder OK finden kann. Das ist meistens sehr hilfreich—so hat man auch nicht das Gefühl, dass man sich zu sehr verbiegt oder verleugnet.“

Wie man sich diesen Personen gegenüber auch verhält—man zahlt in jedem Fall einen Preis, meint Henz: „Verbiegt man sich zu sehr, glaubt man häufig, man habe seine eigenen Ideale verleugnet. Verbiegt man sich gar nicht, zahlt man meistens einen hohen sozialen Preis. Es ist eine Frage der Interessensabwägung. An sich spricht nichts dagegen, dass man jemandem gegenüber höflich distanziert bleibt, wenn einem die Person zum Beispiel keine Gewalt angetan hat. Ich sag meinen Klienten in solchen Fällen oft, sie sollen es da wie die Pinguine aus Madagascar handhaben: Einfach nur winken und lächeln.“

Was Henz und Rollett gemeinsam haben, ist, dass beide eine grundkatholische Ursache in diesem Dilemma sehen. Im Gegensatz zu Rollet vermutet Henz aber nicht das Prinzip der Feindesliebe, als Ursache; für sie kommt das Ganze eher vom vierten Gebot, Vater und Mutter zu ehren: „Das Gebot basiert auf der Idee, dass man nach oben hin demütig sein soll, denn von oben kommt das Gute, das Leben. Wenn man sagt, dass man einen Großcousin zweiten Grades nicht mag, stellt sich da die Frage meistens gar nicht, ob man ihn vielleicht doch mögen muss. Ganz anders ist es, wenn es zum Beispiel um einen Onkel geht, weil der eine Generation über einem steht.“

Auf die Frage, ob man seine Familie nun mögen muss, antwortet auch sie mit einem klaren „Nein“. Gefühle könne man sich nun mal nicht aussuchen. Man könne sich aber sehr wohl entscheiden, wie man mit bestimmten Gefühlen umgeht; und damit am Ende auch, wie sehr man sich von ihnen dominieren lässt.

Natürlich muss am Ende jeder Mensch seine eigene Lösung finden. Das Wichtigste auf dem Weg dorthin ist aber, sich nicht von religiös motivierten Grundprinzipien und Geboten knechten zu lassen, sondern genau das zu tun, worin Österreicherinnen und Österreicher leider besonders schlecht sind: nämlich im ersten Schritt die eigene Wirklichkeit erkennen, auch wenn sie uns nicht gefällt, beziehungsweise nicht gesellschaftsfähig ist, und dann mit ihr umgehen lernen. Hauptsache, man ist mit sich selbst im Reinen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr

Titelfoto: Costică Acsinte | flickr | CC

Fluchen und Schimpfen – Die andere Seite des kindlichen Spracherwerbs

Schimpfwörter gehören zur Kindheit

„Du bist eine blöde Kuh!“ – „Und du ein Gaggifudi!“ Das sind die harmloseren Ausdrücke. Die derberen Fluchwörter aus der Fäkal- und Vulgärsprache, wie der Dauerbrenner „Arschloch“, folgen bald. Wenn Eltern so etwas aus einem niedlichen kleinen Kindermund hören, zucken sie zusammen und sind erst einmal entsetzt.

Eltern können und wollen das meist nicht tolerieren und noch weniger akzeptieren. Sie schämen sich dafür und stellen sich die Frage, wo das Kind das wohl aufgeschnappt haben könnte und wie sie darauf richtig, kindgerecht und vor allem nachhaltig reagieren sollten. Laut schimpfen? Das Kind bestrafen? Darüber lachen oder es einfach ignorieren? Welches ist die beste Strategie?

Obwohl die meisten Eltern alles daran setzen, dass ihr Kind keine unschönen Wörter und Ausdrücke verwendet, haben sie kaum eine Chance, das gänzlich zu vermeiden. Denn Fluchen gehört nun mal zur Kindheit. Spätestens im Kindergartenalter, möglicherweise aber auch schon viel früher, werden Eltern mit dem neuen Spracherwerb ihres Nachwuchses konfrontiert.

Kleine Kinder verwenden die heftigen Kraftausdrücke noch ganz unbefangen, ohne Hintergedanken. Und ohne sich an den Wert- und Normsystemen der Erwachsenenwelt zu orientieren, welche uns Erwachsenen verbieten, mit solchen Worten um uns zu werfen. Unsere dauernden Ermahnungen wie „Scheisse sagt man nicht“ prallen deshalb meist unbeachtet und unverstanden an den kleinen Wortakrobaten ab.

Berücksichtigen Sie deshalb immer, dass die Art und Weise, wie wir Erwachsenen mit der Sprache umgehen, wie und wann wir fluchen dürfen, was wir als tolerierbar empfinden und was absolut nicht akzeptabel ist, ein jahrelanger Lernprozess ist. Um soziale Normen zu verinnerlichen, braucht es viel Zeit und Übung. Diese Zeit müssen wir unseren Kindern geben. Seien Sie geduldig und erwarten Sie nicht von Ihrem Kind, dass es nach der ersten Ermahnung schon versteht, weshalb man „Scheisse“ nicht in jeder Situation sagen darf.

Warum sind Schimpfwörter für Kinder so faszinierend?

Kinder brennen darauf, Wörter, die sie auf dem Spielplatz, in der Kinderkrippe oder im Kindergarten aufgeschnappt haben, an den Erwachsenen und anderen Kindern auszuprobieren und ihre Reaktion zu testen. Sie entdecken dabei die Macht der Sprache und spielen damit. Das ist auch richtig und durchaus sinnvoll.

Schimpfwörter eröffnen Kindern eine neue Welt. Die Sprache gibt ihnen ein Mittel, sich abzugrenzen und die Grenzen des Gegenübers zu testen. Je ausgereifter und kreativer die Sprache wird, desto vielfältiger ist sie einsetzbar und umso mächtiger wird sie. Dies machen sich die Kinder zunutze und verwenden sie deshalb auch so gerne. Fluchen macht Spass. Es gibt kaum Wörter, die so heftige Reaktionen verursachen, wie Schimpf- oder Fluchwörter. Also sind sie für Kinder spannend und faszinierend.

Kinder fluchen, schimpfen und beleidigen aber auch, weil sie in vielen Situationen noch nicht in der Lage sind, sinnvoll und sachlich zu argumentieren und zu diskutieren. Dann ist es einfacher und vor allem effektiver, gleich zum verbalen Angriff überzugehen. Dieses Verhalten ist auch in der Erwachsenenwelt nicht ganz unbekannt. Fluchen wir doch nicht selten vor uns hin, wenn wir mit einer Situation überfordert sind oder ihr ohnmächtig gegenüber stehen. Oder wenn wir einfach Frust ablassen müssen.

Fluchen ist nicht gleich Fluchen

Nicht alle Schimpfwörter sind gleich schlimm. Und nicht alle Kraftausdrücke erfordern eine aktive erzieherische Reaktion. Je nach dem, was der Grund oder der Ursprung des Fluchens ist, sollte man unterschiedlich darauf reagieren. Hören Sie also genau hin, was für eine Art Wort Ihr Kind verwendet und in welchem Zusammenhang.

  • Verwendet ein kleines Kind ohne böse Absichten ein aufgeschnapptes Wort, nur um zu testen, welche Reaktionen es für dessen Gebrauch erhält, sollten Sie es möglichst ignorieren. Wenn es dafür keine zusätzliche Aufmerksamkeit erhält, wird die Sache bald langweilig und uninteressant.
  • Geht es beim Fluchen darum, negative Gefühle zu kanalisieren und Dampf abzulassen, macht das in gewissen Fällen Sinn und verhindert womöglich, dass das Kind seinen Frust und Ärger mit körperlichem Einsatz abreagiert, indem es beispielsweise um sich schlägt.
  • Schimpfen die Kinder aber dauernd vor sich hin und fluchen bei jedem Missgeschick, sollten Sie darauf definitiv reagieren und Alternativen aufzeigen.
  • Auch ganz klar: Beleidigt oder verspottet Ihr Kind absichtlich bestimmte Personen oder Personengruppen, z.B. Menschen mit Behinderungen, sollten Sie klar und unmissverständlich, jedoch ruhig reagieren. Schimpfen Sie nicht, sondern erklären Sie, warum diese Beschimpfung nicht angebracht war und was sie beim Betreffenden auslösen könnte.

Schimpfwörter und Beleidigungen werden von Kindern übrigens längst nicht so schlimm und negativ angesehen, wie von uns Erwachsenen. Ein Streit mit richtig heftigen Kraftausdrücken ist bald wieder vergessen. Während wir Erwachsenen in Gedanken immer noch über die bösen Worte und Beleidigungen nachdenken, spielen die Kinder schon lange wieder friedlich miteinander.

Da die meisten Eltern trotz bester Absichten vor den Schimpf- und Fluchtiraden ihrer Sprösslinge nicht verschont bleiben, hier einige hilfreiche Anregungen.

Zu den Tipps

Letzte Aktualisierung : 03-02-20, JL

„Blöde Kuh sagt man nicht“ – Schimpfwörter und ihre Wirkung auf Kinder und Eltern

Beispiele von Beschimpfungen und Abwertungen gibt es genug. Jeder von uns war vermutlich schon mehr als einmal in einer Situation, in der er entweder selbst Schimpfwörter benutzt hat oder mit Beschimpfungen konfrontiert worden ist. Dem Ausmaß und der Kraft der benutzten Wörter sind vom Vokabular her leider keine Grenzen gesetzt. Die oft gehörte „dumme Kuh“, die „doofe Ziege“ oder der „Blödmann“ gehören da leider fast schon zu den noch harmlosen Varianten von Schimpfwörtern. Wenn ältere Kinder dann ein Wort wie „Hurensohn“ gebrauchen, läuten bei Eltern und Lehrkräften zu Recht die Alarmglocken. Eine Auseinandersetzung über die Bedeutung des benutzten Wortes ist dann unumgänglich.

Allerdings sind Kinder in diesem Zusammenhang meist noch relativ unbedarft und verwenden Schimpfwörter aus reiner Neugierde, oder weil sie das Wort eben erst aufgeschnappt haben und sie dessen Wirkung gerne ausprobieren möchten. Sie hören Schimpfwörter von ihren Eltern, größeren Geschwistern, in Kindergarten und Schule oder auch in den Medien, im Fernseher oder bei Computerspielen. Kinder lernen dann oft erst im Laufe ihrer Entwicklung was diese Wörter eigentlich ausdrücken und welch abwertende oder auch diskriminierende Bedeutung mit manchen Wörtern verbunden ist.

Was macht Schimpfwörter für Kinder so faszinierend?

Für alle Eltern ist es mehr als süß mit anzuhören, wenn ihre Kinder die ersten Wörter sprechen. Eltern warten gespannt auf das erste „Mama“ und „Papa“. Eltern sind unglaublich stolz, wenn ihre kleine Lena oder der süße Julius neue Wörter ausprobieren oder entdecken. Ein paar Jahre später verfliegt der Reiz der neu entdeckten Wörter meist recht schnell. Spätestens dann, wenn die Kleinen aus dem Kindergarten kommen und ihrer Mutter zur Begrüßung frohgemut das Wort „Arschgeige“ entgegenschmettern. Jan-Uwe Rogge, ein bekannter Erziehungsexperte, schildert dieses Beispiel anschaulich und amüsant in einem seiner Vorträge. Er erklärt, dass es Kindern unter den Nägeln brennt, neue Ausdrücke auszuprobieren um zu sehen, wie Erwachsene und hier vor allem die Eltern darauf reagieren (1).

Kinder lernen einfach gerne Neues, Kinder naschen Schokolade aus verbotenen Schränken, Kinder finden vor allem die Schubladen toll, die sie auf keinen Fall öffnen dürfen und genau aus diesem Grund finden Kinder auch Schimpfwörter toll. Schimpfwörter sind umgeben von einer Aura des Verbotenen. Kinder spüren so etwas sehr schnell.

Zudem ruft die Benutzung eines „schlimmen Wortes“ immer eine Reaktion bei Erwachsenen hervor. Wenn ich als Kind ein Schimpfwort benutze und das möglichst laut und deutlich, habe ich mit Sicherheit sofort die vollste Aufmerksamkeit meiner Bezugspersonen. Das ist als Kind doch schon viel Wert oder? Dieser Ansicht ist auch Dr. Sylvia Schuster, Pressesprecherin des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein. Sie geht davon aus, dass es Kinder sogar noch anstachelt, wenn Erwachsene auf die benutzten schlimmen Wörter geschockt reagieren. Kinder provozieren Erwachsene gerne mit Schimpfwörtern, auch oder gerade weil sie gar nicht wissen was diese Wörter bedeuten (2).

Manchmal sind Kinder aber auch müde, frustriert oder wütend und haben noch keine adäquate Möglichkeit ihre Wut zu kanalisieren. Dies kann passieren, wenn Eltern die spannende Kindersendung ausschalten oder ihre Kinder, welche meinen noch gar nicht müde zu sein, ins Bett bringen wollen. Kinder „schießen“ dann aus dem Affekt heraus. Ein „du blöde Kuh, Mama“ oder ein „Papa, ich finde dich scheiße“ ist dann leider schnell gesagt (3).

Egal aus welchen Gründen Kinder Schimpfwörter benutzen, die Reaktionen von Erwachsenen sind meist gleich: „Wo hast du diesen schlimmen Ausdruck her? „Blöde Kuh“ sagt man nicht! Das Wort „Scheiße“ will ich bei uns am Tisch nicht mehr hören“.

Diese zwar richtigen, aber eher vernunftgesteuerten Vorgaben von Erwachsenen stoßen bei Kindern meist auf taube Ohren oder stacheln sie sogar noch mehr an die Wörter zu benutzen. „Warum dürfen Erwachsene „Scheiße“ sagen und wir nicht?“ Malte im Kindergarten sagt das aber auch!“ „Papa schreit im Auto auch immer „Schwachkopf“ oder „du lahme Schnecke“ wenn einer zu langsam vor ihm fährt“.

Hier ist es wichtig, mit den Kindern ins Gespräch zu gehen und gemeinsam nach Alternativen und Ideen zu suchen, damit alle in der Familie auf den Gebrauch von Schimpfwörtern verzichten können.

Wie gehe ich in der Familie mit Schimpfwörtern um?

Wie so oft im Leben haben auch in Bezug auf Schimpfwörter die Eltern und andere enge Bezugspersonen eine wichtige Vorbildfunktion für Kinder inne. Das Motto „Wie ich in den Wald schreie hallt es auch zurück“ trifft hier vollends zu. Wenn Eltern zuhause, beim Autofahren oder im Umgang mit ihren Kindern selbst Schimpfwörter gebrauchen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn ihre Kinder ihnen das gleich tun.

Daher ein erster und sehr wichtiger Tipp für Eltern:

Eigenes Verhalten überprüfen!
Überprüfen Sie sich selbst und beobachten Sie ihr Verhalten in Stresssituationen oder wenn Sie wütend sind einmal ganz genau. Kinder haben äußerst feine Antennen und Ohren, sie schnappen gerne alles von Erwachsenen auf. Seien Sie Ihren Kindern ein gutes Vorbild und vermeiden Sie selbst Schimpfwörter und unnötige Wutausbrüche.
Das ist schon ein großer Schritt in die richtige Richtung! Natürlich dürfen Sie emotional sein. Trotzdem ist es sinnvoll, die Grenzen, die Sie Ihren Kindern setzen, auch selbst zu beachten und einzuhalten.

Weitere Anregungen, die helfen, Schimpfwörter in der Familie zu vermeiden:

Notfallwörter erfinden!
Erfinden Sie zusammen mit ihren Kindern harmlose „Notfallwörter“. Gemeint sind lustige Wort-Alternativen, auf die man in der Familie zurückgreifen kann. Schon das gemeinsame Überlegen von Fantasiewörtern nimmt die Spannung und bringt Sie in Beziehung mit ihren Kindern. Das ist vor allem für kleinere Kinder eine gute Möglichkeit, auch einmal „Dampf abzulassen“. Viele lustige und harmlose Beispiele wie der „Fleckige Nachthemd-Quaker“, der „glupschäugige Couchkissen-Teufel“ oder der „langweilige Knalltüten-Lurch“ finden sich in dem Buch „Das verrückte Schimpfwörter-ABC“(4).

Kasse für Schimpfwörter einrichten!
Bei Schulkindern ist es eine gute Möglichkeit, eine Kasse für Schimpfwörter in der Familie einzurichten (5). Diese wird von den Kindern, aber auch von Eltern und Besuchern mit einem kleineren Geldbetrag gefüllt, sobald ein Schimpfwort fällt. Eine gute Motivation ist es hierbei, wenn Kinder dazu ihr Taschengeld opfern müssen. Der eigentliche Sinn hinter der Schimpfwörter-Kasse ist natürlich auch, sich die Benutzung von Schimpfwörtern überhaupt erst einmal bewusst zu machen.

Schimpf- und Wutzeit zulassen!
Sie könnten zusammen mit Ihren Kindern eine Art „Schimpf- bzw. Wutzeit“ einrichten. In diesen festgelegten 5 Minuten pro Tag darf einmal so richtig gewettert und Dampf abgelassen werden (6). Manchen Kindern tut das gut. Allerdings sollte sich die Wut dabei nicht auf Personen, sondern bestenfalls auf einen Sitz- oder Boxsack richten.

Fernsehschauen begleiten!
Eltern sollten ihre Kinder nicht alleine dem Fernsehprogramm überlassen. Kontrollieren Sie vor allem bei kleineren Kindern, welche Sendungen sie schauen. Setzen Sie sich auch ruhig mal mit ihrer oder ihrem Zehnjährigen aufs Sofa und überprüfen Sie bewusst, welcher Umgangston in Filmen oder Serien zwischen den jugendlichen Darstellern herrscht. Medien besitzen eine hohe Anziehungskraft auf Kinder und sie schauen sich davon doch so einiges ab. Meist leider mehr, als uns Erwachsenen lieb ist.

Keine große Aufmerksamkeit schenken!
Gerade bei Kindergartenkindern hilft es, den mitgebrachten Schimpfwörtern keine Beachtung zu schenken. Bleiben Sie ruhig, schimpfen oder lachen Sie nicht. Wenn Kinder keine Reaktion auf die von Ihnen benutzten Wörter erfahren, wird Ihnen zumindest zuhause der Gebrauch der Wörter schnell langweilig.

Über Diskriminierung und Abwertung auf jeden Fall sprechen!
Kinder schnappen immer wieder Wörter aus dem Bereich der Sexualität auf. Besonders häufig im Umlauf sind die sogenannten „F-Wörter“. Eltern machen sich oft große Sorgen, wenn ihre Kinder diese Wörter, meist ohne darüber nachzudenken, benutzen. Sprechen Sie mit Ihren Kindern darüber, dass diese Wörter besonders verletzend und abwertend sind. Falls Ihre Kinder älter sind, erklären Sie auch die Bedeutung dieser Wörter, auch wenn es Ihnen selbst und Ihren Kindern peinlich ist. Umso größer ist die Chance, dass Ihre Kinder diese Wörter dann nicht mehr benutzen. Machen Sie sich aber nicht allzu große Sorgen. Kinder, die in einem gesunden und stabilen Umfeld aufwachsen, verlieren meist schnell das Interesse an diesen Wörtern.

Bei jüngeren Kindern reicht es erst einmal zu besprechen, dass die Wörter wirklich schlimm sind und andere ganz schön verletzen können. Ihr Kind möchte sicher auch nicht, dass andere Kinder ihm gegenüber diese Wörter verwenden.

Auch diskriminierende Wörter wie „Behindi“ oder „Spasti“ zielen deutlich unter die „Gürtellinie“ und bringen Ihre Kinder bei Benutzung der Wörter langfristig selbst ins Abseits (7). Erklären Sie das Ihren Kindern und machen Sie ihnen deutlich, was diese Wörter eigentlich aussagen. Machen Sie Ihnen klar, wie Kinder sich fühlen, die wirklich gesundheitlich beeinträchtigt sind. Dulden Sie diese Wörter bei Ihnen zuhause auf keinen Fall. Hier hilft es nur durchgehend konsequent zu sein und darauf zu vertrauen, dass ihre Kinder im Laufe ihrer Entwicklung für diese Wörter sensibel werden. Gleiches gilt für Wörter aus dem Fäkalbereich.

Zum guten Schluss:
Denken Sie immer daran: sie müssen nicht perfekt sein und ihre Kinder auch nicht. Es geht vor allem um einen guten und wertschätzenden Umgang miteinander. Ein „Schimpfwort-Ausrutscher“ ist noch lange kein Beinbruch. Sprechen Sie mit Ihren Kindern, wenn Sie selbst wütend oder verletzt sind. Je besser Sie in Beziehung mit Ihren Kindern sind, umso mehr können Sie gemeinsam verändern.

Sollten die Schimpfwort-Ausbrüche Ihres Kindes allerdings mit nicht endend wollenden Wutanfällen einhergehen und Sie selbst immer wieder an Ihre erzieherischen Grenzen bringen, holen Sie sich in jedem Fall Hilfe von außen. Es ist keine Schande, sich zum Beispiel an eine Erziehungsberatungsstelle zu wenden und ein Beratungsgespräch zu vereinbaren. Oft ist es schon eine große Erleichterung, sich die Sorgen von der Seele zu sprechen. Gemeinsam mit den Fachkräften ist es oft leichter an Lösungen zu arbeiten und sie Schritt für Schritt im Familienalltag umzusetzen.

Literaturverweise

(7) Plagge, Silke R.: „Mist, das Kind flucht!“, unter http://www.liliput-lounge.de/themen/fluchende-kinder/ (abgerufen am 22.03.2016)

Weiterführende Literatur

  • Rogge, Jan-Uwe/Bartmann, Angelika: „Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört & wie Sie zuhören, damit Ihr Kind redet“. Gräfe und Unzer Verlag München. 5. Auflage 2015
  • Nitsch, Cornelia/von Schelling, Cornelia: „ Kindern Grenzen setzen – wann und wie? Mit Liebe konsequent sein“. Wilhelm Goldmann Verlag München. 8. Auflage März 2014
  • Schwarz, Regina/ Schober, Michael: „Das verrückte Schimpfwörter-ABC“. Esslinger Verlag Stuttgart. 2010

Autorin

Christina Zehetner (geb. Kursawe) ist Erzieherin und Sozialpädagogin. Sie hat langjährige praktische Erfahrungen in der ambulanten und stationären Kinder- und Jugendhilfe und arbeitete mehrere Jahre im Jugendamt. Die Autorin ist aktuell als Freie Mitarbeiterin am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München tätig. Zudem hält sie als Beraterin humorvolle Seminare und Vorträge für Familien und Fachkräfte.

Weitere Beiträge der Autorin hier in unserem Fanilienhandbuch

  • Das Jugendamt heute – Zwischen Wächteramt und Kontrollinstanz
  • Kinder und Angst oder: „Mama, unter meinem Bett sitzt ein Krokodil“
  • „Ich fahre alleine zum Papa“ – Infos und Tipps für Eltern allein reisender Kinder
  • „… und später rufe ich euch dann an“ – Wenn Kinder das erste Mal auswärts übernachten
  • „Na, das hast du ja toll gemacht“ – Umgang mit Ironie in der Erziehung
  • „Die vierte Klasse muss kein Horror sein“ – Tipps für einen entspannten Übertritt

Kontakt

E-Mail

Website

eingestellt am 06. April 2016

Mit etwa 4 Jahren – manchmal etwas früher, manchmal etwas später – rollt diese Welle zum ersten Mal auf Eltern zu: Die Kinder schnappen Schimpfwörter und alle möglichen Ausdrücke im Kindergarten, bei ihren Freunden oder im Sportverein auf. Und schon ist die verbalanale Phase ist da.

In dieser Hinsicht war für uns das letzte Jahr ganz schön anstrengend, denn unser Großer hatte im Kindergarten einiges aufgeschnappt. Wobei ich sagen muss, dass ich dankbar bin, dass er sich nicht allzu viele Schimpfwörter angeeignet hat.

Aber eines, das ständig erwähnt wird reicht, oder? Bei uns war es das Sch-Wort, dass jeden Tag ein paar Mal genüsslich und unter viel Gelächter erwähnt wurde. Ich habe mich damals bei einigen Eltern größerer Kinder erkundigt, wie sie diese Phase überstanden haben, aber mehr als ein „Das geht vorbei.“ habe ich auch nicht herausgefunden.

Tipps, mit denen Kinder keine Schimpfwörter mehr sagen

Seit ein paar Wochen ist es bei uns viel ruhiger geworden und daher schreibe ich euch jetzt von meinen Erfahrungen:

Schimpfwörter schaffen Aufmerksamkeit

Ganz klar, wer Sachen sagt, die schockieren, hat die volle Aufmerksamkeit, egal ob im Kindergarten oder Zuhause. Wichtig ist, sich nicht darauf einzulassen. Nicht zu schockiert zu sein. Nachdrücklich, aber nicht sonderlich beeindruckt darauf zu bestehen, dass das die jeweiligen Wörter nicht wiederholt werden.

Die Bedeutung erklären

Bei unseren Kids funktioniert es ja eigentlich immer ziemlich gut, etwas zu erklären. Deshalb haben wir uns in dieser Phase oft die Zeit genommen zu erklären, warum Schimpfwörter andere verletzen und traurig machen. Trotzdem hat nicht selten das Vergnügen sie laut auszusprechen und die Reaktion abzuwarten gewonnen. Da hilft erstmal nur eins: Ruhe bewahren.

Als Eltern ein gutes Vorbild sein

Theo und ich haben schon bevor wir Kinder hatten, darauf geachtet, wie wir uns ausdrücken. Natürlich ist es schwierig im Affekt und der ersten Wut über etwas, die richtigen Worte zu finden und sich nicht gehen zu lassen. Aber das ist Übungssache und hilft Kinder sehr, sich selbst auch im Zaum zu halten. Wie können wir von unseren Kindern erwarten, dass sie keine Schimpfwörter sagen, wenn sie verärgert sind, wenn wir es aber selber tun?

Schaffen wir es uns zu beherrschen, fällt es unseren Kindern viel leichter, es auch zu lernen.

Immer reagieren, aber nicht zu stark

Manche Eltern hatten uns geraten, einfach gar nicht auf die Schimpfwörter zu reagieren. Das geht vielleicht in den eigenen vier Wänden, wenn man sich das den ganzen Tag anhören will. Aber was macht man im Supermarkt oder zu Besuch bei Freunden?

Ich habe auch schon mal darüber geschrieben, dass es uns wichtig ist, dass unsere Kinder lernen, selbst gute Entscheidungen zu treffen. Da viele Schimpfwörter aus der Abteilung Toilette kommen, haben wir sie vor die Entscheidung gestellt: Wenn sie Ausdrücke sagen wollen, dann dürfen sie das nur im Badezimmer.
Das haben wir konsequent durchgezogen und schnell wurde es ihnen zu langweilig.

Lustige Alternativen erklären

Was immer immer gut klappt ist, außerdem Kindern lustige Alternativen zu klassischen Schimpfwörtern vorzuschlagen. Also so etwa so was wie: Du „Trallalavogel“ oder du „Quatschbanane“. Sie lachen viel mehr darüber und denken sich selber lustige Wörter aus, die andere nicht verletzen.

Scheiße! Kacka! Arsch! Wenn Kinder Schimpfwörter benutzen

Irgendwann kommt jedes Kind in Kontakt mit Schimpfwörtern. „Kacka“ und „Arsch“ sind dann plötzlich wahnsinnig lustig. So gehen Sie als Eltern mit dieser „verbalanalen Phase“ richtig um.

Es gibt Tage, da läuft alles schief: Himmel, Herrgott, so eine Scheiße. Scheiße!? Oh nein, da war es, das böse Wort. 5, 4, 3, 2, 1 … und hier kommt das Echo: „Scheiße! Scheiße! Mama hat Scheiße gesagt!“ – kreischte es und rannte lachend durchs Zimmer. Früher oder später kommt jedes Kind mit Schimpfwörtern in Kontakt. Und die sind wahnsinnig faszinierend! Deshalb herrscht im Kindergarten oder der KiTa auch ein reger Informationsaustausch. Immer mehr neue Worte gelangen so nach Hause zu Mama und Papa. Der Beginn einer wunderbaren Zeit, der Beginn der „verbalanalen Phase“.

Wenn ein knapper Meter Kind durch die Wohnung rennt und „Scheiße. Kacka. Arsch“ brüllt, ist das – befremdlich. Hat man sich doch immer um einen guten Umgangston untereinander bemüht. Ist das wirklich meines? Ja! Außer es sieht nicht mehr aus wie Ihres, dann haben Sie es vielleicht doch verwechselt. Doch das passiert in der Regel selten. Schimpf- und Fäkalwörter üben auf Kinder wie gesagt einen ganz neuen Reiz aus. Die Bedeutung der Worte spielt dafür aber vorwiegend keine Rolle. Es ist die Wirkung der Worte, welche sie so interessant machen. Nur ein Wort und Mama ist sprachlos, Papa wütend und die Oma schimpft deswegen sogar die Eltern. Ein tolles Spiel. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Schimpfwörter sind ein Spiel, mit dem Kinder einmal mehr ihre Grenzen austesten. Das Gute: Sie sind die Eltern, Sie geben die Spielregeln vor.

Neue Regel: Schimpfwortfreie Zonen

Plappert Ihr Kind die Schimpfwörter nur beiläufig vor sich hin, dann ist es am besten, Sie ignorieren das einfach. Das „böse Wort“ zieht dann keine erhoffte starke Reaktion der Eltern nach sich und wird schnell langweilig. Nicht vergessen: Auch Lachen ist eine Reaktion, die das Kind bestärken kann. Ernst bleiben ist das Credo. Allerdings geben sich nur wenige Kinder so einfach geschlagen: Die Schimpfwörter werden entweder lauter durch die Wohnung gerufen oder sind direkt an Sie gerichtet (Scheißi-Mami, Scheißi-Papi). Sie sind am Zug. Setzen Sie Grenzen!
Zunächst ist natürlich zu unterscheiden, ob das Kind die Schimpfwörter im Spaß benutzt oder wenn es wütend ist. Gehen wir zunächst davon aus, dass Ihr Kind einfach Spaß an den neu gelernten Wörtern hat. Markieren Sie Schimpfwortfreie Zonen. Während zum Beispiel Wohnzimmer und Esszimmer „sauber“ bleiben, darf im Badezimmer oder auf der Toilette geflucht werden – so lange wie es Spaß macht. Wenn Ihr Kind damit fertig ist, wird gespült und die ganze „verbale Scheiße“ landet im Abfluss, wo sie hingehört. So umgehen Sie ein absolutes Verbot und nehmen damit den Reiz.
Die Psychologie nennt das auch Symptomverschreibung, eine Methode der sogenannten paradoxen Intervention. Im Grunde spielt man dabei ein bisschen verkehrte Welt. Satt das unerwünschte Verhalten zu bestrafen, ermuntert man das Kind sogar dazu, allerdings unter gewissen Bedingungen. Zum Beispiel, dass Fäkalsprache nur im Klo erlaubt ist. Die Krux: Das funktioniert nur zu Hause. Im Kindergarten und der Kita oder auf dem Spielplatz werden Ihre Kinder für die „coolen“ Schimpf- und Fäkalwörter immer eine Reaktion erhalten. Andere Kinder lachen darüber, die Erzieherinnen schimpfen vielleicht und andere Eltern reagieren empört. Das Spiel bleibt also interessant.

Kleinkind

Wenn Kinder Streit haben

Weiterlesen Kleinkind Weiterlesen

Schimpfwörter sind nicht lustig

Machen Sie Ihren Kindern also bewusst, dass die vermeintlich lustigen Wörter auf andere meist negativ wirken oder sogar verletzend sind. Fragen Sie Ihre Kinder ganz offen, ob sie überhaupt wissen, was das Wort bedeutet, das sie herumschreien (gerade bei schlimmeren Schimpfwörtern). Oft werden Sie ein „Nein“ als Antwort erhalten. Erklären Sie also die Bedeutung kindgerecht und machen klar, dass es kein schönes Wort ist und andere verletzen kann. Das gilt besonders dann, wenn Ihr Kind die Schimpfwörter verwendet, wenn es wütend ist. Vereinbaren Sie doch harmlose Notfallwörter. Wenn im Affekt die richtigen Worte fehlen, ist ein Schimpfwort schnell herausgeplatzt. Das können Sie mit solchen Notfallwörtern umschiffen. Denken Sie sich also gemeinsam mit Ihren Kindern solche Fantasieworte aus. Das macht den meisten Kindern sogar richtig Spaß. Wir können dafür das Buch „Das verrückte Schimpfwörter-ABC“ (Regina Schwarz/ Thienemann-Esslinger) empfehlen. Durch Hin und Herklappen der dreigeteilten Seiten entstehen immer wieder neue, lustige Wortschöpfungen: etwa langweiliger Knalltüten-Lurch oder Glupschäugiger Couchkissen-Teufel.
Ergänzend dazu können Sie die bösen Schimpfworte aus dem Haus verbannen. Schreiben Sie gemeinsam mit Ihren Kindern alle Ausdrücke, die Ihnen einfallen, auf einen Zettel. Anschließend können Sie diesen verbrennen oder im Garten vergraben. Als symbolischer Akt, dass diese Worte nun Hausverbot haben. Ganz wichtig: Halten auch Sie sich an die Regeln. Sie haben Vorbildfunktion. Allzu häufig ertappen wir Erwachsenen uns beim Fluchen: ein flüchtiges „Scheiße“ oder Schimpftiraden am Steuer. Bekommen Ihre Kinder das regelmäßig mit, darf Sie es nicht wundern, wenn sie das Verhalten adaptieren.

Das kann dir am „Scheißikackaarsch“ vorbeigehen

Letztendlich müssen Eltern natürlich selbst entscheiden, welche Methode zu ihnen passt und wann ihre Schimpfwort-Toleranzgrenze überschritten ist. Unser Tipp: Vermitteln Sie Ihren Kindern, dass man mehr erreicht, wenn man nett ist und dass es andere, bessere Wege gibt, um Bewunderung von anderen Kindern zu erhalten. Und nachmachen muss man ohnehin nicht alles – eine Lektion die für so vieles gilt. Die Meinung der anderen kann einem manchmal wirklich am „Scheißikackaarsch“ vorbeigehen.

10 Anzeichen, dass dein Kleinkind eigentlich ein Teenager ist

Bilderstrecke starten (1 Bilder)

Wie gewöhne ich meinem Sohn die Schimpfwörter ab?

0 0

Es hilft auch nichts zu sagen: „Das sagt man nicht!“ Wie sollen wir damit umgehen?

Iris B., Spandau

Kinder in diesem Alter benutzen Schimpfwörter und testen deren Wirkung gerne an den Eltern. Da ist Jona keine Ausnahme. Als Eltern fragt man sich verständlicherweise, woher das eigene Kind diese Wörter hat? „Wir reden doch so nicht miteinander“, werden Sie denken.

Auch wenn Sie davon überzeugt sind, dass Sie solches Vokabular keinesfalls zu Hause verwenden, denken Sie an Situationen, in denen Sie sich ärgern, streiten oder über jemand schimpfen. Vielleicht fällt ja doch manchmal das eine oder andere Schimpfwort?

Schimpfwörter gehören zum alltäglichen Leben der Kinder und können überall aufgeschnappt werden. Von älteren Geschwistern, in der Kita, in der Schule etc. Allerdings wissen Kinder in Jonas Alter meist nicht, was Worte, wie „Wichser“ oder „Hurensohn“ bedeuten. Sie bemerken aber, dass die Wörter eine Reaktion bei den Eltern auslösen, und sie etwas „Verbotenes“ tun. Das reizt und wird natürlich ausgiebig ausprobiert. Fragen Sie Jona, ob er erklären kann, was das Wort „Hurensohn“ bedeutet. Machen Sie ihm klar, dass diese Wörter gemein sind, andere verletzen und traurig machen.

Eine andere Möglichkeit ist, dass Jona ärgerlich auf Sie ist, aber nicht genau weiß, wie er seinen Ärger ausdrücken kann. Positiv ist, dass Sie Jona so erzogen zu haben, dass er Ihnen ganz klar deutlich macht, wenn ihn etwas stört. Das bedeutet, dass er Ihnen voll und ganz vertraut. Zeigen Sie Verständnis für seinen Ärger und finden Sie heraus worüber er sich ärgert. Sie können zum Beispiel sagen: „Jona, ich verstehe, du ärgerst dich gerade. Was ärgert dich?“ Sprechen Sie miteinander.

Bieten Sie ihrem Sohn Alternativen zu den Schimpfwörtern an. Erzählen Sie ihm etwa eine kleine Geschichte von einem Jungen, der sich über seine Eltern ärgert und ihnen sagt, was ihn ärgert. Damit lernt Jona: „Es gibt eine Ursache für meinen Ärger und ich kann äußern, was mich ärgert, ohne jemanden zu verletzen oder zu beleidigen.“

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung (Ane)

Morgen berät Sie Dr. Max Braeuer in Rechtsfragen. Wenn Sie Fragen haben, schreiben Sie an [email protected]

„Scheiße, Arschloch, Alter“ Wie kann man Kindern Schimpfwörter abgewöhnen?

Schimpfwörter aus der Kita & Schule – Wie geht man damit um?

Mia ist jetzt in dem Alter, in dem sie gerne ihre Grenzen testet. Ihre neueste Errungenschaft sind Schimpfwörter. Sie tönte beim gestrigen Zubettbringen: „Du blödes A…loch!“ – begründet auf der Tatsache, dass sie einfach noch nicht ins Bett mochte. Ich war natürlich stinksauer. Es gibt Schöneres aus dem Mund meiner Fünfjährigen zu hören, als rüde Beschimpfungen. Natürlich schnappte sie das Wort im Kindergarten auf und gab die neueste Errungenschaft sogleich an ihre fast vierjährige Schwester weiter. Mir gefällt das nicht, vorallem „Alter“ scheint ja zur Zeit in aller Munde – Meine Frau und ich überlegen, auf welche Weise wir den Kindern die Schimpfwörter abgewöhnen.

„Alter Arsch“ Wer mag freche Kinder? © Picture-Factory – Fotolia.com

Kinder testen mit vulgären Ausdrücken ihre Grenzen

Das Vokabular unserer Lieben ist nicht so unschuldig, wie wir denken. Unterhaltungen mit ihnen sind oft voller aggressiver Redewendungen. Sie bestehen zum Teil aus Schimpfwörtern oder sind kindliche Wortschöpfungen wie „Aa-Kopf“. Die Bedeutung kennen sie in der Regel nicht, verstehen aber, dass die Worte Reaktionen hervorrufen.

Jedes Kind kommt in die Phase, in der es Schimpfwörter entdeckt. Entweder schnappten sie diese im Kindergarten auf oder hörten sie von Jugendlichen oder Erwachsenen in ihrer Umgebung. Kinder testen mit unflätigen Worten ihre Grenzen aus. Sie lernen, vulgäre Schlagwörter schneller zu lieben, als uns recht ist. Da sie nicht wissen, wie sie Frust abreagieren, reagieren sie aggressiv. Es ist daher wichtig, Kindern die Schimpfwörter abzugewöhnen.

Das Buch für den Papa: Einfach Vater werden!

Schimpfwörter provozieren und schaffen Aufmerksamkeit

Dr. Sylvia Schuster, Pressesprecherin des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein begründet die Vorliebe der Kleinen für solche Wörter darin, dass sie damit ihre Eltern provozieren. Diese reagieren schockiert auf die vulgäre Sprache des Kindes. Das stachelt die Kleinen an, die Schimpfwörter zu nutzen. Natürlich merken sie, dass sie damit mehr Aufmerksamkeit von Eltern, Großeltern, Lehrern und Kindergärtnern bekommen. Mit Schimpfwörtern, die sie laut sagen, lassen Kinder ihren Frust raus. Kinder nutzen diese Methode, um ihre Gefühle auszudrücken. Sie profilieren sich zugleich damit vor Gleichaltrigen. Niemand möchte, dass der Nachwuchs Andere beschimpft. Das Verbieten bringt jedoch oftmals nichts. Es stachelt sie im Gegenteil noch mehr zu deren Verwendung an.

Reagiere nicht auf Schimpfwörter

Der erste Schritt, um Kindern Schimpfwörter abzugewöhnen, ist, keine Reaktion darauf zu zeigen. Widerstehe dem Drang zu lachen. Das animiert die Kleinen zum Weitermachen. Diese Methode könnte klappen, wahrscheinlich ist es eher nicht. Im häufigsten Fall regieren Kinder mit noch mehr Beschimpfungen oder suchen sich andere Personen, die darauf reagieren.

Das eigene Verhalten kontrollieren

Benutzt das Kind vulgäre Ausdrücke, kontrollierst Du zuerst Dein eigenes Verhalten. Möchtest Du ein Vorbild sein, achte darauf, keine Schimpfwörter zu benutzen. Fluchst Du selbst, ist es schwieriger, ein Kind davon zu überzeugen, dies nicht zu tun. Ist es doch einmal passiert und Dein Sohn oder Deine Tochter wiederholt Deine Worte, gib zu, dass das ein Fehler war. Hast Du weitere Kinder höheren Alters, achte zusätzlich auf deren Sprachgebrauch. Jüngere imitieren gern ältere Geschwister.

Die Wirkung der Kraftausdrücke erklären

Eine rüde Ausdrucksweise hören weder Oma, Opa noch die Kindergärtnerin gerne. Sprich mit Deinem Kind und erkläre ihm, warum diese Ausdrücke nicht angebracht sind. Erwähne, dass sie sein Gegenüber traurig machen und beleidigen, dass sie die Gefühle Anderer verletzen. Bleibe auf jeden Fall ruhig. Wirst Du ärgerlich, sieht Dein Kind darin eine Möglichkeit, schnell die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Weise darauf hin, dass es nicht in Ordnung ist, solche Wörter zu benutzen, auch wenn es Gleichaltrige tun. Kleine Kinder lernen noch, mitfühlend zu sein. Für sie ist es bedeutend, zu erfahren, dass ihre Worte und Taten Wirkung auf andere Personen zeigen.

Alternativen zu Schimpfwörtern und Stubenarrest

In einem nächsten Schritt bietest Du Alternativen an, um Deinem Kind die Schimpfwörter abzugewöhnen. Statt „Scheiße“ verwendet es „Mist“ oder statt „Arschloch“ einfach „Astloch“. Lustige Alternativen sind aufregende Ausdrücke, die es noch nicht kennt. „Diedeldumdei“ und „Abrakadabra“ bieten sich an. Ist der Frust zu groß, ermutige Dein Kind dazu, in den entsprechenden Situationen laut „Ich bin böse!“ oder „Ich bin wütend!“ zu sagen.

Ist das Schimpfwort ausgedacht, sage ihm, dass Du das Wort nicht verstehst. Hat Dein Kind es von anderen Erwachsenen, erkläre ihm nicht, warum es nicht akzeptabel ist. Mache ihm mit neutraler, sachlicher Stimme klar, wenn das Wort tabu ist.

Klappt das nicht, hilft es, das Kind auf sein Zimmer zu schicken, wo es allein in seinem Raum weiterschimpft. Dort wird es ohne Publikum schnell langweilig. Bleibe konsequent und gib nicht nach. Sage Deinem Kind, dass Du nicht mit ihm redest, wenn es diese Wörter verwendet. Denke an dieser Stelle darüber nach, warum sich Dein Kind gegen die Regeln sträubt. Eventuell nutzt es vulgäre Sprache, weil etwas Anderes es beschäftigt.

Eine Kasse für Schimpfwörter einrichten

Kleine Strafen sind ebenso angebracht, um Deinem Kind Schimpfwörter abzugewöhnen. Bekommt Dein Kind Taschengeld, richte eine Kasse ein, in die Junior bei jedem Schimpfwort fünfzig Cent einzahlt. Bist Du konsequent, zeigt das schnell Wirkung.

Beschimpft Dich Dein Kind, weil es etwas möchte, etwa ein neues Spielzeug oder bunte Süßigkeiten, sorge dafür, dass es das nicht bekommt. Belohnst Du das Kind im Gegensatz dazu, wenn es ein rüdes Wort verwendet, gewöhnst Du ihm die Schimpferei nicht ab.

Das Fernsehprogramm kontrollieren

Oftmals lernt Dein Sprössling Schimpfwörter nicht nur von anderen Kindern und Erwachsenen, sondern aus dem Fernsehen. Sorge bei kleinen Kindern dafür, dass sie altersgerechtes Fernsehen schauen und Du möglichst dabei bist, wenn es sich eine Sendung ansieht.

Eine Schimpfzeit einrichten

Natürlich schottest Du Dein Kind nicht vor vulgären Wörtern effektiv ab. Es schnappt solche Ausdrücke nahezu überall auf. Probiere es mit dem Einrichten einer festen Schimpfzeit, in der Du Deinem Nachwuchs erlaubst, für fünf Minuten zu schimpfen und zu fluchen. Danach ist Schluss.

Studien zur Verwendung von Schimpfwörtern

Der Psychologie-Professor Dr. Timothy B. Jay vom North Adams State College in Massachusetts erforschte die Nutzung von Schimpfwörtern und aggressiver Sprache bei Kindern. Er fand heraus, dass Mädchen diese häufiger verwenden als Jungen. Die drei- bis vierjährigen Mädchen verwendeten durchschnittlich dreiundzwanzig aggressive Redewendungen und Schimpfwörter, die Jungen im Gegensatz dazu nur siebzehn.

Fazit: „So kannst Du Deinen Kindern die Schimpfwörter abgewöhnen“

Unsere kleinen Lieblinge schnappen vulgäre Wörter nahezu überall auf, ob im Kindergarten, in der Schule, im Fernsehen oder von anderen Geschwistern. Es ist nicht einfach, Kindern Schimpfwörter abzugewöhnen. Wichtig ist es, keine Reaktion auf diese zu zeigen, das stachelt die Kleinen zusätzlich an. Sie merken zeitig, dass ihre Beschimpfungen provozieren und sie sich damit mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Als effektiv erweisen sich Alternativwörter, eine Schimpfzeit, eine Kasse für Schimpfwörter und Stubenarrest. In jedem Fall hilft ein klärendes Gespräch mit Deinem Kind darüber, welche Bedeutung diese Wörter für Andere haben und welche Gefühle sie auslösen.

About the author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.