Mutter mit 50

Mutter werden zwischen 50 und 60

Wie Gynäkologe Dr. Achim Wöckel erklärt, erleben ältere Frauen „Kinderglück zwar oft viel bewusster, als die jüngeren“. Aber es gibt auch Gefahren, die eine Risikoschwangerschaft (ab dem 35. Lebensjahr) für Mutter und Kind mit sich bringt: Schwangerschaftsdiabetes, Schwangerschaftsvergiftung (Präklampsie) und eine höhere Wahrscheinlichkeiten für Frühgeburt und Gen-Defekte.

Je älter die werdende Mutter ist, desto höher ist beispielsweise ihr Risiko, an Schwangerschaftsdiabetes zu erkranken. Dieser verschwindet zwar in rund 90 Prozent der Fälle mit Ende der Schwangerschaft wieder, aber die Betroffene hat eine erhöhte Gefahr, später zur Diabetikerin zu werden. Ausserdem neigen auch die Kinder zu der Stoffwechselkrankheit, genau wie zu Übergewicht.

Der Begriff Präklampsie („Schwangerschaftsvergiftung“) umfasst mehrere Probleme, wie etwa Bluthochdruck. Der Körper der Mutter will eine drohende Unterversorgung des Embryos ausgleichen, und steigert daher den Blutdruck. Weitere Präklampsie-Symptome sind eine Eiweissausscheidung mit dem Urin und Veränderungen des Blutbildes. Verschiedene Organe der Mutter können betroffen sein. Unbehandelt eine Gefahr für Mutter und Kind! Bei einer engmaschigen Überwachung der Schwangeren kann das Risiko jedoch deutlich gesenkt werden.

Als dritte Gefahr einer späten Schwangerschaft lauert die Frühgeburt – oft verursacht durch einen aufsteigenden Infekt. Frauenärzte raten Schwangeren über 35 daher, besonders oft zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen.

Warum werden Frauen heutzutage immer später Mütter? Deutsche Frauen bekommen heute ihr erstes Kind im Schnitt mit fast 30 Jahren, 1970 lag der Wert noch bei 24,3 Jahren. Und diese Tendenz wird sich laut Wöckel vorerst nicht ändern. Grund: „Viele Frauen streben die bestmögliche Ausbildung an. Sie wollen Karriere machen und auch finanziell selbstständig sein, bevor sie ein Kind in die Welt setzen.“ Und: Sie wollen sich erst einmal richtig ausleben, um später nicht das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben.

Psychologe Dr. Elmar Basse aus Hamburg: „Die Konsum-, Spass- und Selbstverwirklichungsgesellschaft stellt das Ausleben des eigenen Egos besonders in den Vordergrund. Die Phase des Erwachsenwerdens hat sich zudem im Laufe der Jahrzehnte zeitlich nach hinten verlagert, insbesondere bei Akademikern.“

Wann ist der optimale Zeitpunkt für eine Schwangerschaft? Zwischen dem 25. und dem 35. Lebensjahr. In diesen Jahren sind die biologischen und hormonellen Voraussetzungen optimal. Danach nimmt die Gefahr von Komplikationen zu. Übrigens: Auch besonders junge Mütter, etwa mit 16 oder 17 Jahren, haben ein erhöhtes Risiko!

Fällt späten Müttern die Erziehung leichter? Nein. Spätgebärende Frauen haben in der Regel ein höheres Bildungsniveau, haben sich lange Zeit auf ihre Karriere konzentriert und sind ein strukturiertes Umfeld gewöhnt. Wöckel: „Sie empfinden den unberechenbaren Faktor Kind oft drastischer als jüngere Mütter.“ Andererseits haben sie sich meist ganz bewusst für den Nachwuchs entschieden, haben oft bereits viel erreicht und können sich nun entspannt auf das kleine Wesen konzentrieren. Zudem gibt es in vielen Fällen einen Partner, dem die Vaterrolle auch wirklich zuzutrauen ist.

Gibt es Altersgrenzen? Auch wenn 40-Jährige Frauen oft problemlos Nachwuchs bekommen können – ab einem bestimmten Alter hört die biologische Fortpflanzungsfähigkeit auf. Dann muss die Medizin nachhelfen, z.B. wenn 60-Jährige plötzlich noch einmal Mutter werden wollen. Für Wöckel „sowohl biologisch als auch psychosozial mehr als fragwürdig. „Erstens ist der Organismus einer Frau in diesem Alter für eine Schwangerschaft überhaupt nicht mehr ausgelegt und zweitens wird die Mutter ihr Kind im Zweifelsfall überhaupt nicht mehr aufwachsen sehen.“

Schwanger mit 48: Baby statt Wechseljahre

Plötzlich schwanger – mit 48!

Schon seit geraumer Zeit hatte ich mich ständig müde und abgespannt gefühlt, so als wäre eine fiese Erkältung im Anflug. Später kam ein hartnäckiges Völlegefühl hinzu, und weil es einfach nicht besser wurde, ging ich eines Morgens vor der Arbeit zu meiner Hausärztin. „Frau Peters, ich werde sie mal zum Frauenarzt überweisen. Ich glaube, Sie sind schwanger“, sagte sie. Ich traute meinen Ohren nicht. Mein Frauenarzt bestätigte dann den Verdacht. Ich war tatsächlich in der zehnten Woche schwanger. Mit 48.

Erst zwei Wochen später konnte ich meinen beiden engsten Freundinnen davon erzählen. Wie hätte ich denn nicht merken können, dass ein Kind in mir heranwächst? Auch wenn niemand die Frage laut aussprach, stand sie doch immer im Raum. Ich hatte mir halt jedes Symptom erklärt: An der Erschöpfung war Stress schuld, hatte ich mir wochenlang eingeredet. Mein Partner Steffen und ich waren gerade umgezogen, und ich war beruflich stark eingespannt. Der Verlag, bei dem ich als Buchhalterin arbeite, hatte eine ganze Sparte an Publikationen hinzugewonnen, deshalb wurde unsere Abteilung umstrukturiert, und ich hatte für alles den Hut auf.

Seit über einem halben Jahr hatte ich bereits meine Tage nicht mehr

Auf meine Ernährung achtete ich damals kaum, für Sport fehlte mir die Zeit. Da wunderte es mich nicht, dass mein Magen ab und an gereizt war und dass ich ein paar Kilos zunahm. Weiß man doch, dass sich der Stoffwechsel verlangsamt und das Abnehmen umso schwerer fällt, je älter man wird. Vor allem hatte ich schon seit mehr als einem halben Jahr meine Regel nicht mehr gekriegt. Ich konnte mir nicht vorstellen, überhaupt noch schwanger werden zu können. Das Thema Verhütung hatte ich deshalb nicht mehr ganz so ernst genommen.

Steffen und ich hatten Kinder schon mit Ende 30 für uns ausgeschlossen und waren mit unserer Entscheidung glücklich. Und nun sollte unser Leben eine völlig andere Richtung bekommen? Anfangs fiel es mir sehr schwer, mich mit diesem Gedanken anzufreunden. Und damit, so spät Mutter zu werden. Ich stellte mir vor, wie die Leute sich das Maul zerreißen. Wie ich mein Kind vom Kindergarten abhole und alle mich für seine Oma halten. Wie ich körperlich und nervlich an meine Grenzen komme.

Meine Schwangerschaft war höchst riskant

Noch dazu war ich in ständiger Sorge, das Baby zu verlieren. Meine Schwangerschaft war höchst riskant, das hat mir mein Frauenarzt sehr deutlich gemacht und mir ein sofortiges Beschäftigungsverbot erteilt. Von jetzt auf gleich nicht mehr zu arbeiten, war seltsam, gleichzeitig bekam ich so auch die Chance, mich in Ruhe auf meine neue Rolle einzustellen. Ich las viel, nahm an Vorbereitungskursen teil, in denen ich eine andere Frau kennen lernte, die mit 45 zum ersten Mal schwanger war, und ganz allmählich stellte sich bei Steffen und mir Freude auf unser Baby ein.

Im letzten Schwangerschaftsdrittel litt ich unter Bluthochdruck und musste zur Beobachtung schon fast drei Wochen vor der Entbindung ins Krankenhaus. Auch diese Phase war von Bangen geprägt – bis Leonore vor drei Monaten endlich gesund und munter zur Welt kam. Ja, viele Leute gucken komisch, weil ich ihre Mutter bin. Die Kleine hat unser Leben auf den Kopf gestellt, unsere Pläne für die nächsten Jahre durchkreuzt. Und doch bin ich überglücklich, dass sie da ist.

Experten-Interview: Sehr späte Schwangerschaft – Wie gefährlich ist das wirklich?

Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und Frauenarzt in Hannover, beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema späte Schwangerschaft.

Der Anteil der Erstgebärenden über 40 Jahre liegt hierzulande seit Jahren konstant bei zwei Prozent. Bei Kinderwunsch wird eine Behandlung nur bis zum 40. Geburtstag von den Kassen finanziert. Dass eine Frau ab Mitte 40 ein Kind ganz ohne Komplikationen austrägt, ist unwahrscheinlich.

Bis wann ist eine natürliche Schwangerschaft maximal möglich?

„Bis die eibläschen in den Eierstöcken verbraucht sind. Maximal kann eine Frau bis zum 52. Lebensjahr spontan schwanger werden. Eine Schwangerschaft in diesem Alter endet jedoch meistens in einer Fehlgeburt. Mit 45 Jahren liegt das Risiko für eine Fehlgeburt bei 70 Prozent, mit 50 Jahren fast bei 90 Prozent.“

Wie lange sollten Frauen auch nach Ausbleiben der Regel noch verhüten?

„Bis zum 52. Geburtstag oder wenn ein Jahr keine Regelblutung mehr stattgefunden hat und es keine anderen Gründe für das Ausbleiben der Blutung gibt, etwa medikamentöse Behandlung einer Depression. Danach kann eine Frau davon ausgehen, dass sie keinen Eisprung mehr haben wird. Viele Frauen hören leider zu früh auf, zu verhüten. In Deutschland lassen jedes Jahr etwa 700 Frauen über 45 Jahre einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, weil sie ungeplant und ungewollt schwanger geworden sind.“

Inwiefern unterscheiden sich späte Schwangerschaften von früheren?

„Der Körper des Menschen verändert sich mit zunehmendem Alter: Neben der Tatsache, dass eine Schwangerschaft seltener eintritt, sind Frauen über 40, 45 eher übergewichtig und leiden an Hypertonus oder Diabetes, verbunden mit einem höheren Risiko für Schwangerschaftskomplikationen bis hin zu einer Fehl- oder Frühgeburt. Oder sie entwickeln einen Diabetes in der Schwangerschaft mit dem Risiko, dass das Kind zu groß wird und die Geburt sich kompliziert gestaltet.“

Welche Komplikationen drohen in diesem Fall beim Geburtsvorgang?

„Problematisch ist es vor allem, wenn es das erste Kind ist. Das Gewebe des Beckenbodens ist bei älteren Müttern weniger elastisch. Er wird bei einer natürlichen Geburt erheblich aufge- und auch überdehnt. Bei jüngeren Frauen ist das Gewebe elastischer und bildet sich meist wieder gut zurück. Bei älteren Frauen ist das schwieriger. Vor allem nach längerer Geburtsdauer kommt es häufiger zu Überdehnungen oder Zerreißungen, die auch durch eine Rückbildungsgymnastik nicht mehr perfekt abheilen. In der Folge können eine anhaltende Schwäche von Blase oder Darm auftreten. Das gilt umso mehr, wenn es auch noch das erste Kind ist. Hat eine Frau schon früher Kinder bekommen, ist die Gefahr für schwere Beckenbodenschäden deutlich geringer. Das haben aktuelle große Studien gezeigt. Weitere Komplikationen treten dann auf, wenn z. B. ein vorhandener Bluthochdruck nicht richtig eingestellt wurde.“

Gibt es bei späten Schwangerschaften Spätfolgen für Mutter und Kind?

„Wenn die Schwangerschaft ohne Komplikationen verlaufen ist und beide die Geburt gut überstanden haben, gibt es keine Spätfolgen.“

Tipps und Infos zum Thema:

  • Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zeigt im Internet Beratungsmöglichkeiten auf. www.schwanger-und-viele-fragen.de
  • In „Ansichten einer späten Mutter“ teilt Susanne Fischer, die selbst mit 43 Mutter wurde, ihre Erfahrungen. 14,99 Euro. Hoffmann und Campe Verlag

Szene nachgestellt, Namen zum Schutz der Betroffenen geändert

Ich richtete mit Freude das Kinderzimmer ein. Nahm mir Zeit für mein Ungeborenes und mich. Schrieb, las, staunte, träumte einfach, statt den Träumen hinterher zu rennen. Ich hatte eine unsägliche Energie für meine Arbeit. Jüngere Mütter sprachen mich an. Plötzlich war ich, die viel zu junge Mama, eine Oma-Mama, deren Rat gesucht wurde. Schliesslich war mein grosser Sohn ja bereits 17. Wohl geraten, zuvorkommend, gut ausgebildet, die Mama noch jung.

Als das Baby auf die Welt kam, hatte ich vor allem Zeit für die Liebe. Ich sah erneut das Wunder der Geburt und des Mutterseins. Ich reflektierte es jedoch dankbarer und demütiger. Begrüsste die Gesundheit meines Sohnes nicht mehr so selbstverständlich und beinahe übermütig wie in jungen Jahren. Ich genoss jeden Tag. Mein kleiner Sohn und ich wuchsen derart zusammen, dass ich im Alltag darauf angesprochen wurde, wie wohltuend es sei, zu spüren, wie gut es einem geliebten Kind gehe. Wie wichtig die Liebe als sinnund seelenvolle Investition in die Zukunft eines Menschen sei. Die Auswirkung: Auch mein Sohn war gelassen und ruhig. Ein Spiegelbild. Doch gerade dies lässt sich – wie gut ich dies wusste – eben nicht erzwingen. Erfahrung ist wie ein fertig gemaltes Bild, während die Unerfahrenheit erst aus ein paar Strichen besteht. Ich konnte einfach Mutter und glücklich sein und geniessen: Stundenlang mit meinem Kind im Wald Steine schichten, vorlesen, singen, mit Bäumen reden.

Späte Mutterschaft: Wann sind Eltern zu alt für ein Kind?

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Sogar in argentinischen Zeitungen kann man in diesen Tagen die Geschichte von Annegret R. aus Berlin lesen. Eine ungewöhnliche Geschichte, die der Fernsehsender RTL in den kommenden Monaten auf Schritt und Tritt begleiten will.

Die 65-jährige Grundschullehrerin steht kurz vor der Rente – und ist schwanger mit Vierlingen. 13 Kinder hat sie schon, das letzte Mal auf natürlichem Wege schwanger wurde sie mit 55 Jahren. Dieses Mal, das letzte Mal, waren eine Samen- und Eizellspende im Ausland nötig.

Seit Annegret R. vor einigen Tagen mit ihrer späten Schwangerschaft an die Öffentlichkeit ging, tobt im Internet eine heftige Diskussion über ihre Entscheidung, mit über 60 noch einmal Kinder zu bekommen. „Ich habe etwas gegen ältere Mütter, die Natur ist dagegen“ oder „Diese Kinder landen beim Psychologen“, steht in den Kommentaren zu Berichten über die Grundschullehrerin, aber auch: „Ich habe Respekt vor dieser Frau, die sich nicht um die Meinung anderer schert.“ Wie alt sollten Eltern sein? Und wie alt ist zu alt? Das sind die Fragen, die dort verhandelt werden.

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Auch wenn Annegret R. als Mutter mit über 60 Jahren ein extremer Fall ist, so weist sie auf eine gesellschaftliche Tendenz hin: Immer mehr Paare bekommen Nachwuchs in einem Alter, das biologisch gesehen nicht ideal dafür ist – so formulieren es Mediziner.

Kind mit 40: Immer mehr späte Eltern

Die Risiken für Fehlbildungen und psychische Erkrankungen der Kinder, sagen sie, steigen kontinuierlich mit dem Alter von Mutter und Vater. Fragt man jedoch Psychologen, bei welchen Eltern es Kindern am besten geht, dann lautet die Antwort: Späte Eltern sind oft bessere Eltern.

Ihr erstes Kind bekommen Frauen hierzulande immer später. Lag das Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes im Jahr 1970 noch bei durchschnittlich 24 Jahren im damaligen Bundesgebiet, kletterte es bis 1995 auf 28 Jahre und liegt heute bei 29, bei Akademikern sogar bei 33 Jahren.

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Und während die Zahl der Geburten bei den unter 30-jährigen Frauen sinkt und sinkt, steigt sie bei den über 40-Jährigen langsam, aber stetig an. 1991 waren es lediglich 0,8 Prozent aller Erstgeborenen, die eine Mutter jenseits der 40 hatten, zehn Jahre später waren es gut zwei Prozent.

Erst mal Karriere – wenn Kinder auf Eis gelegt werden

Es nennt sich „Social Freezing“ und erfreut sich in den USA großer Beliebtheit: Das Einfrieren von Eizellen, um sich den Kinderwunsch trotz Karriere zu erfüllen. Facebook und Apple unterstützen es.

Quelle: N24

Mittlerweile sind es mehr als vier Prozent, über 28.000 Kinder jährlich, die eine „späte“ Mutter haben. Auch das Alter der Väter steigt: Fünf Prozent der Neugeborenen haben mittlerweile einen Vater, der die Fünfzig überschritten hat.

Dass Paare sich immer später für Kinder entscheiden, sei ein Trend in allen Ländern der Welt, in denen die Bildungschancen für Frauen steigen, sagt Claudia Wiesemann, Medizinethikerin von der Universität Göttingen.

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Frauen legen Wert auf eine gute Ausbildung, auf Berufserfahrung, sie wollen eine stabile, gefestigte Partnerschaft, bevor sie sich für ein Kind entscheiden. Weil man nicht alle diese Faktoren selbst steuern kann, zieht sich der Prozess der Familienplanung oft erheblich in die Länge.

Späte Eltern gälten oft als problematisch, seien es, aber gar nicht unbedingt – sofern sie noch bis zur Volljährigkeit des Kindes verlässlich da sein könnten. Denn je höher der Bildungsstand der Eltern sei, desto gesünder werde später auch das Kind.

Je älter die Eltern desto höher das Risiko für Fehlbildungen

Auf den ersten Blick scheinen die Fakten aus der Medizin dem zu widersprechen. Physiologisch gesehen ist der Körper einer Frau zwischen 20 und 30 Jahren am ehesten dafür gerüstet, Kinder zu bekommen. In diesem Alter ist die Fruchtbarkeit am höchsten und das Risiko für genetische Defekte beim Nachwuchs am geringsten.

Je älter eine Schwangere ist, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt, ebenso steigt das Risiko für eine Fehlbildung des Embryos durch eine Chromosomenstörung deutlich.

Auch bei den Männern wird bereits ab 35 Jahren die Spermienqualität schlechter, und bei Kindern von Vätern über 45 Jahren wurden in Studien teils dramatisch mehr Fehlbildungen und vor allem psychische Erkrankungen beobachtet als bei Kindern mit jüngeren Vätern.

Eine 2014 veröffentlichte Studie des Amerikaners Brian D’Onofrio etwa zeigte, dass Kinder, deren Väter bei der Geburt mindestens 45 Jahre alt waren, ein dreieinhalbfach so hohes Risiko hatten, an Autismus zu erkranken, und ein zweieinhalbmal so hohes, drogensüchtig zu werden. Das Risiko der Kinder, ADHS zu entwickeln stieg um das 13-Fache, das einer bipolaren Störung sogar auf ein 25-Faches.

58-Jährige in USA mit eigenem Enkelkind schwanger

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Julia Navarro aus dem US-Bundesstaat Utah ist schwanger – und zwar mit dem eigenen Enkelkind. Der Grund: Ihre Tochter Lorena McKinnon (l.) hat jahrelang vergeblich probiert, ein Ki…nd zu bekommen. Quelle: AP

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Rund ein Dutzend Schwangerschaften bei der 32-Jährigen schlugen fehl. So kam die Idee einer Leihmutterschaft auf. Quelle: AP

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Julia Navarro (58) nahm Hormone und bekam dann die befruchtete Eizelle ihrer Tochter eingesetzt. Aus medizinischer Sicht gab es eine Chance von nur 45 Prozent, dass es klappt. Quelle: AP

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Nun soll das Baby im Februar 2014 zur Welt kommen. Quelle: AP

„Die Ergebnisse haben uns geschockt“, sagt D’Onofrio. „Der Zusammenhang der Erkrankungen mit dem Alter des Vaters war viel stärker als in früheren Studien.“ D’Onofrio hatte die Daten aller Schweden, die zwischen 1973 und 2001 geboren wurden, ausgewertet – die Ergebnisse gelten deshalb als sehr robust und verlässlich.

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Der Wissenschaftler vermutet, dass das Risiko für psychische Erkrankungen bei einem späten Vater deshalb so groß ist, weil sich bei der Produktion von Spermien mit zunehmenden Alter mehr und mehr Veränderungen in der DNA einschleichen.

Trotzdem, sagt Claudia Wiesemann, würden Eltern mit hohem Bildungsniveau langfristig eher gesündere Kinder haben – sieht man einmal von den möglichen Gendefekten ab, auf deren Entstehung Eltern keinen Einfluss haben.

Aber vorgeburtliche Risiken seien nur ein Faktor von vielen, die die Entwicklung eines Kindes beeinflussen. In Deutschland wiege zum Beispiel der Bildungsstand und soziale Status später Mütter die medizinischen Risiken auf, sagt die Forscherin.

Bedenklicher sind zu junge Eltern

Späte Mütter sind im Leben angekommen, finanziell abgesichert, interessiert und damit informiert. Sie ernähren sich gesund, treiben viel Sport, haben Unterstützung von ihrem Partner. All diese Faktoren beeinflussen ebenfalls, wie eine Schwangerschaft verläuft, und vor allem, wie sich das Kind nach der Geburt entwickelt.

Recht gibt ihr eine Studie von Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Der Wissenschaftler konnte an Daten von über 18.000 Amerikanern zeigen, dass Kinder, deren Mütter bei der Geburt zwischen 35 und 44 Jahren alt waren, nicht häufiger krank sind als andere Kinder – bis ins Erwachsenenalter hinein.

Bedenklicher sind aus seiner Sicht zu junge Eltern. Denn Kinder von Müttern, die bei der Geburt jünger als 25 waren, waren kränker, weniger groß, häufiger übergewichtig und starben sogar früher.

Das sei kein Effekt des Alters, sondern einer der Bildung: Je schlechter die Ausbildung der Frauen, desto kränker waren ihre Kinder noch als Erwachsene. „Was die spätere Gesundheit der Kinder angeht, brauchen wir uns um das momentan steigende Alter der Mütter nicht zu sorgen“, resümiert Myrskylä.

Frau bekommt Baby nach Gebärmuttertransplantation

Medizin-Sensation in Schweden: Weltweit erstmalig hat eine Frau nach einer Gebärmutter-Transplantation ein Baby geboren. Der Eingriff könnte wegweisend im Kampf gegen weibliche Unfruchtbarkeit sein.

Quelle: Zoomin.TV

Auch um das psychische Wohl von Kindern später Eltern machen sich Experten keine großen Sorgen. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass späte Eltern psychologisch betrachtet oft sogar bessere Eltern sind als jüngere. Eine Studie mit Müttern, die nach dem 35. Geburtstag ihr erstes Kind bekamen zeigte, dass diese mehr auf ihr Kind eingehen als jüngere, es besser unterstützen und konsequenter erziehen.

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Außerdem fördern sie ihr Kind sowohl emotional als auch intellektuell mehr und sind zufriedener mit ihrer Mutterrolle als jüngere Frauen. Ihr Kind empfinden sie vor allem als Bereicherung, nicht als Belastung.

Bei den späten Vätern sieht es ähnlich aus, sagt der Psychologe Harald Werneck von der Universität in Wien. Sie seien gelassener und nähmen sich mehr Zeit für ihr Kind. Klar seien späte Eltern vielleicht weniger agil und aktiv – wichtiger aber als all das sei die Kompetenz, und vor allem die Präsenz der Väter.

Claudia Wiesemann glaubt, dass es vor allem die ganz bewusste Entscheidung für ein Kind ist, die späte Eltern zu guten Eltern macht. Ihr Kind sei in den allermeisten Fällen ein absolutes Wunschkind. „Und Wunschkinder sind glücklichere Kinder.“

Für ein Kind zu alt, für eine Großmutter zu jung

Dass späte Eltern, und insbesondere Frauen, die spät Mutter werden, so viel gesellschaftlichen Gegenwind erfahren, erklärt sie mit den Traditionen, den Rollenzuschreibungen, die es für jedes Alter gibt. Zu glauben, ältere Väter und Mütter seien per se schlecht für ein Kind, sei auch schon deshalb seltsam, weil Großmüttern und Großvätern sehr große Kompetenzen im Umgang mit Kindern zugesprochen werden.

Aber der Begriff Alter sei leider in der gesellschaftlichen Vorstellung mit Degeneration und Abhängigkeit belegt – und das treffe Frauen früher und stärker als Männer. „Eine Frau zwischen 40 und 50 ist im Niemandsland“, sagt sie.

„Für ein Kind angeblich zu alt, für eine Großmutter noch zu jung.“ Angesichts des demografischen Wandels ändere sich das jedoch langsam. Einige der stereotypen Rollenvorstellungen würden über Bord geworfen – auch dank der Debatte um Frauen wie Annegret R., der 65-Jährigen, die bald 17 Kinder haben wird.

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von Susanne Johannsen

Eine Freundin sagte mal zu mir, wenn sie noch einmal entscheiden dürfte, wann sie Kinder bekommen wird, dann würde sie in jüngeren Jahren Mutter werden.

„Da ist man einfach deutlich entspannter!“

Da ist mit Sicherheit etwas Wahres dran. Je älter man wird, umso anstrengender werden Kinder. Ich glaube das liegt vor allem daran, dass wir zu lange ein freies Leben geführt haben. Wir mussten auf niemanden Acht geben. Waren mehr oder weniger nur für uns selbst verantwortlich. Haben Geld verdient, das wir nur für uns ausgeben konnten und haben uns entsprechend eingerichtet.
Kinder interessiert es nicht, was für schöne Möbel wir haben, welche Klamottenmarken wir tragen, dass man lieber abends ins Restaurant geht und man ab einem bestimmten Alter einfach seinen Schlaf braucht. Kinder handeln immer aus ihren Bedürfnissen heraus. Sie leben noch Urinstinkte und das ohne Rücksicht auf Verluste. Diese sind nämlich hauptsächlich bei uns Eltern zu verzeichnen.

Wem ist es bitteschön nicht so gegangen, dass man sich vor der Geburt des eigenen Kindes das perfekte Kind vorgestellt hat. So hätte man es natürlich nie genannt und kein Mensch will ein perfektes Kind. Aber irgendwie konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass es bei mir auch so laufen würde, wie Eltern von kleinen Kindern abgeschlagen und ernüchtert berichteten. „Ach, bei uns wird das ganz anders laufen! Ich bin doch auch anders und mein Kind wird auch ganz anders sein…!“

Es ist zum einen nachvollziehbar, dass man zu Beginn denkt, alles anders machen zu können. Individualität wird heute ja großgeschrieben. Aber andererseits frage ich mich auch, wie man erwarten kann, dass die Kinder sich einfach an den Lebensstil der Eltern so ohne weiteres anpassen können. Das geht leider nicht und es ist – nach meinem Verständnis – ein ziemlich egoistischer Gedanke.

Tut mir leid, wenn ich damit der ein oder anderen Leserin auf die Füße trete, aber unsere Kinder können am wenigsten dafür, dass wir uns als weitere Errungenschaft nach dem Labrador (wobei aktuell sind es wohl die Weimaraner) nun sie ins Haus holen.
Nachdem manche von uns studiert, andere schon früh gearbeitet haben, wir auf Weltreise waren oder zumindest einige entspannte kinderfreie Urlaube verbracht haben, vielleicht Karriere gemacht und wichtig mitgemischt haben, uns eine schöne Wohnung mit Bodenvasen, hellem Sofa und entsprechendem TV-Equipment zugelegt haben. Nachdem wir es gewohnt sind, regelmäßig in Restaurants, Bars und zum Tanzen zu gehen. Nachdem wir mindestens einmal im Jahr Skifahren oder im Wellnessurlaub sind und eine Reise in ein Land antreten, das mindestens neun Stunden Flug entfernt ist.
Klar, ist es dann ein krasser Schnitt, wenn das plötzlich nicht mehr geht. Und das wird den meisten auch erst bewusst, wenn das kleine Wunder eingezogen ist.
Da ist es mit dem Weimaraner schon einfacher. Den kann man leichter in die Tierpension oder zu einer Freundin geben. Und wenn er die Sofakissen zerbeißt, dann kommt er halt in den Flur…

Aber zu erwarten, dass ein Kind sich an die Erwachsenenwelt anpasst, ist nicht realistisch und auch nicht angebracht.

Natürlich muss ich nicht alles aufgeben, was mir wichtig ist und was ich gerne tue. Das wäre auch völlig kontraproduktiv.
Aber wenn ich mich dafür entscheide, dass ich ein Kind bekomme, dann entscheide ich mich nun mal auch für alles, was dazu gehört. Und dann weiß ich, dass ich erst einmal nicht mehr jeden Samstag im Restaurant essen gehe und dass ich einen Großteil meiner Aufmerksamkeit vorerst einem anderen Menschen widmen werde, der darauf angewiesen ist und der mich braucht. Wenn ich erst Mitte oder gar Ende 30 ein Kind bekomme, dann hatte ich doch echt eine lange Zeit, die nur mir galt. Ich hatte all die schönen und entspannten Dinge, die sich meist dem schönen Schein widmen.
Ist es dann wirklich zu viel verlangt, sich auf die Belange der Kinder einzulassen und sich selbst ein Stück weit zurückzunehmen? Warum fällt das vielen so schwer?
Damit meine ich nicht, dass wir Eltern auch einfach mal platt und müde sind und dann unsere Ruhe wollen oder wenn wir krank sind Verständnis und Schlaf einfordern dürfen.
Das müssen wir sogar und steht hier nicht zur Debatte.

Schließlich sind wir keine Maschinen und ich spreche hier auf keinen Fall von Selbstaufgabe!

Mir geht es um allgemeine Punkte im Familienalltag. Darum, dass von den Erwachsenen oft versucht wird etwas durchzudrücken, was sie vor den Kindern problemlos machen konnten und jetzt nicht mehr. Wenn dann z.B. ein Restaurantbesuch nicht so entspannt abgelaufen ist wie gedacht, ist man genervt und enttäuscht. Die Kinder können dafür jedoch am wenigsten. Es sind die falschen Vorstellungen der Erwachsenen, nicht das Kind, das von Natur aus nicht lange ruhig sitzen kann und eine Beschäftigung braucht.

Warum müssen sich die Schwächeren und Unerfahrenen nach den Stärkeren und Erfahrenen richten und nicht umgekehrt?

Unsere Kinder lernen von uns, nehmen uns als Vorbild und für lange Zeit sind wir das Wichtigste für sie im Leben.

Aber können wir nicht auch unglaublich viel von unseren Kindern lernen?

Nämlich wieder bewusst zu leben. Zu spüren, was es bedeutet für jemand anderen zu leben. Der wichtigste Mensch im Leben eines anderen zu sein. Ohne Bewertung. So wie wir sind. Wie traurig wäre ich, wenn ich dieses Vertrauen verspielen würde und sich die Meinung meiner Kinder über mich ins Negative verwandeln würde.

Wir mit unserem Alltagsstress. Das macht das Elternsein so anstrengend. Weil die Kinder durch unseren Stress, durch unsere Ansprüche an uns und sie unentspannt werden.
Sie entschleunigen dann erst recht. Je mehr wir drängen und Druck ausüben umso langsamer und gegenteilig verhalten sie sich.

In meinen Augen müssen wir uns nicht aufgeben, wenn wir uns auf die neue Elternrolle einlassen. Wir dürfen es einfach mit anderen Augen betrachten. Es ist ein völlig neuer Lebensabschnitt, den wir (meistens) freiwillig gewählt haben und der wunderschön sein kann, wenn ich mich darauf einlasse. Mit all seinen Herausforderungen und Anstrengungen, die er mit sich bringt.
Dieser Lebensabschnitt öffnet den Weg für viele kleine Wunder, die wir erleben dürfen.
Wir erleben ein eigenes Wachstum, entdecken neue, alte Werte, die wir aus unserer Kindheit vielleicht kennen und dürfen die Welt zusätzlich mit den Augen eines Kindes betrachten.

Wenn man in den 20iger Jahren Kinder bekommt, dann hat man vieles noch nicht erlebt und vermisst es dann vielleicht auch nicht so sehr. Ich war damals mit Sicherheit auch noch deutlich entspannter und hätte den wenigen Schlaf deutlich besser verkraftet und weggesteckt.
Aber ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass ich viel Erfahrung sammeln durfte, was Freiheit und Beruf angeht. Ich konnte sagen, dass ich viel erreicht habe und viel erleben durfte.
Dann war ich bereit das nächste Abenteuer anzugehen.
Spät Eltern zu werden, bringt auch mit sich, dass man nicht das Gefühl hat, etwas zu verpassen, wenn man jetzt Kinder bekommt. Man hat viel Erfahrung, die man weitergeben kann und ist in einigen Erziehungsfragen eventuell auch schon etwas vernünftiger.

Wir sollten nur eines nicht vergessen. Kindern ist es völlig egal, wie alt wir sind und was wir ihnen alles Tolles bieten können. Sie wollen Eltern, auf die sie zählen können. Die auf ihre Bedürfnisse eingehen, ihnen zuhören, wahrnehmen, wenn sie etwas bedrückt und auch mal den Erwachsenen auf die Seite packen und mit ihnen Quatsch machen.
Das geht in jedem Alter!

Vielleicht sollten wir uns alle auch einfach mal ein bisschen entspannen.
Weniger Perfektionismus dafür mehr Normalität.
Jeder sollte sich in diesem Zusammenspiel zwischen Eltern und Kindern wohl fühlen.
Es liegt aber an uns Eltern das umzusetzen. Wenn sich jedes Elternteil drei Dinge rauspickt, die ihm wichtig sind und die es gerne wieder oder endlich einmal umsetzen will, dann kommt keiner zu kurz. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich z.B. gemeinsame Ausgehabende mit meinen Freundinnen wieder viel mehr wertschätze und sie in vollen Zügen genieße.
Ich gehe jedes Mal mit einer großen Dankbarkeit und glücklich nach Hause (was nicht nur am Wein liegt) und freue mich, dass mich dort keine leere Wohnung erwartet.
Was für eine Bereicherung. 😉

Herzlichst
Eure Susanne

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Ich bin 32 und habe nicht mehr viel Zeit, Kinder zu bekommen

Illustrationen von der Autorin

Tracey Emin war jahrelang mein Idol, wenn es ums Kinderkriegen ging. Sie hat einmal in einem Interview beiläufig gesagt, dass eine exzellente Künstlerin keine Kinder haben kann. Ich war beeindruckt davon, dass sie die Eier hatte, so etwas zu sagen. Mit jugendlicher Hybris habe ich das Leben einer Jahrhundertkünstlerin auf meine eigene Laufbahn bezogen: Je großartiger diese sein würde, desto unwahrscheinlicher wäre es, sie mit Kindern zu vereinen.

Damals wusste ich noch nicht, dass Emin dieses Thema absolut nicht leicht fällt. In fast jedem Interview, das sie in den letzten Jahren gegeben hat, spricht sie darüber—manchmal nur ganz kurz, an anderer Stelle ausführlicher. Auch wenn sie mit verdächtigem Nachdruck betont, nie Kinder gewollt zu haben, scheint es in gewisser Weise eine Geißel ihrer Existenz geworden zu sein, sozusagen ein großes Opfer, das sie für ihre Kunst bringen musste. Es ist zweifelsohne ein wunder Punkt in ihrem Leben. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Als meine beiden besten Freunde Väter wurden, habe ich mich natürlich sehr für sie gefreut. Aber gleichzeitig sah ich meine bisherige Lebensführung in Gefahr. Wir sind Schulfreunde, also gleich alt, und nun hatte sich ihr Alltag auf einen Schlag verändert (so empfand ich es zumindest).

Seitdem ändere ich meine Meinung zu Kindern ständig. Es ist ein unangenehmes Gedankenkarussell, dem ich schutzlos ausgeliefert bin. Mal bin ich voller Überzeugung dafür, ein kleines Wesen großzuziehen, mal kann ich mir nicht vorstellen, meine Zeit einem Kind zu opfern. Ich sehe, dass es meinen beiden Freunden damit gut geht—aber ich sehe auch, dass es mir gut geht und mir nichts fehlt. Derzeit wäre es eine rationale Entscheidung, weil ich denke, dass es in ein paar Jahren zu spät ist und ich nichts bereuen möchte.

Mir war schon vor meinem 30. Geburtstag klar, dass die Zeit erbarmungslos voranschreitet. Magazine, Fernsehen, Stars, Freunde und Verwandte suggerieren mir noch immer etwas anderes: 30 ist das neue 20, denn wir werden mittlerweile so alt, dass sich alles nach hinten verschiebt und man seinen Kinder- und Karrierewunsch ruhig angehen kann. Lass dir Zeit! Ich habe oft das Gefühl, dass die Frauen in meiner Umgebung frühestens mit 34 an Kinder denken. Ich bin auch so auf- und abgeklärt, dass viele biologische Fakten gar nicht mehr in mein Weltbild passen.

Meine Fruchtbarkeit hat ein Ablaufdatum und der Höhepunkt liegt zwischen 18 und 28 Jahren, danach geht es bergab. Mit Mitte 30 kann es durchaus passieren, dass ich sie überschätzt habe und keine Kinder mehr bekommen kann oder nur mit Unterstützung. Es ist tatsächlich so, dass bei einer 35-jährigen Frau die Hälfte der Eizellen schon defekt ist. Das heißt nicht, dass man eine 50/50-Chance hat, ein behindertes Kind zur Welt bringen wird, sondern dass es auch zu gar keiner Schwangerschaft kommen kann und dass es für gewöhnlich schon einiger Anläufe bedarf.

Fakt ist auch, dass die Qualität der Spermien in den Industrieländern rapide abnimmt und das die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, noch einmal mindert. Eine Frau, die ihr erstes Kind früh bekommt, kann auch noch später eines bekommen. Umgekehrt wird es schwieriger, sein erstes Kind spät zu bekommen.

Ich möchte Mariah Carey nicht zu nahe treten, aber wenn sie mit 40 Jahren zum ersten Mal Kinder kriegt und es Zwillinge sind, liegt die Vermutung nahe, dass die Eizellen einer jüngeren Frau dazu verwendet wurden, nach Kriterien der physiognomischen Ähnlichkeit ausgesucht. Das ist dann genetisch gesehen zu 0 Prozent ihr Kind. Das klingt banal, aber viele Frauen scheinen das nicht zu wissen und das finde ich unfair. Kinderwunschkliniken haben unzählige Paare, die mit Ende 30 in die Klinik kommen und dann enttäuscht sind, dass es nicht mehr klappt oder es erst einiger zehrender (psychisch und finanziell) Anläufe bedarf.

Wenn ich mir allen Gegebenheiten zum Trotz aussuchen könnte, wann ich schwanger werden soll, dann wäre das auch erst mit Mitte/Ende 40. Dann könnte ich jetzt noch einige Zeit lang Laissez-faire und Selbstfindung frönen und dann gemächlich, wenn meine physische Attraktivität schwindet, einen anderen Sinn in meinem Leben entdecken. Aber so läuft das nicht. Außerdem kann auch diese Variante weniger Spaß machen, als man in meinem Alter denkt.

Es ist symptomatisch, dass meine größte Befürchtung beim Gedanken an Kinder ist, dass mein Bauch nachher scheiße aussehen wird.

Ich war letztens auf dem 40. Geburtstag einer sehr hübschen, gut situierten ehemaligen Szenemaus (kinderlos), die sich die Nacht davor die Augen aus dem Kopf geheult hat, weil sie die magische Altersgrenze durchschritten hat. Es ist egal, ob es gesellschaftlicher oder biologischer Druck ist, aber es kann passieren, dass mich auch als erfolgreiche, gut aussehende, kinderlose Frau später im Leben eine Leere befällt.

Das ist vielleicht kein guter Grund, um Kinder zu bekommen, aber was ist denn überhaupt ein Grund: Weitergabe genetischen Materials, Erhalt der menschlichen Rasse, Sinn des Lebens, Altersvorsorge, tiefe Liebe …? Ich kenne dieses überwältigende Gefühl, Mutter zu werden einfach noch nicht und vieles daran macht mir Angst.

Die Gesellschaft hat sich hier leider als nicht sehr entspannend erwiesen und macht mir anderes schmackhaft: mich selbst zu finden und zu verwirklichen, fit zu bleiben, eine Karriere zu haben, mit dem/der Richtigen zusammen zu sein, meine Sexualität auszuleben—all das kostet wahnsinnig viel Zeit und klingt auch nach Zeit totschlagen.

Es ist symptomatisch, dass eine meiner großen Befürchtungen bei dem Gedanken an Kinder die ist, dass mein Bauch nachher scheiße aussehen wird (mein Busen ist eh schon im Arsch) oder dass ich keine Kleidung mehr kaufen kann, die weit über meinem Budget liegt.

Außerdem ekelt mich Mutterverhalten oft an, wie sie mit ihren Kindern sprechen, wie sich alles nur darum dreht, die Fotos die sie posten, die Babysprache. Kim Kardashians Baby im Stinktier-Anzug dagegen war 2 Monate lang mein Schreibtischhintergrund. Ich musste auch weinen—heimlich natürlich, auf dem Weg nach Hause—, als ich das Baby von einem meiner Freunde zum ersten Mal gehalten habe. Ob aus Rührung oder Stress, weil ich die Nächste sein könnte/muss/soll/darf, kann ich nicht mehr sagen.

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Manchmal kann ich mich mit dem Gedanken anfreunden, keine Kinder zu haben. Es gibt gute Gründe dafür: Sie verlangen Disziplin, gute Zeitplanung und ich muss mir permanent Sorgen um sie machen. Vielleicht ziehe ich grauenhafte Kinder groß, die mir das Leben erschweren. Ich kann schon verstehen, dass Tracey Emin keine hat. Trotzdem kann man gar nicht genug betonen, dass ich in genau dem richtigen Alter bin (ich bin jetzt 32), mir panisch darüber Gedanken zu machen, ob ich welche machen will oder nicht—denn ich habe, so leid mir das tut, nicht mehr lange Zeit.

Nachsatz: Ich habe in diesem Zusammenhang den so genannten AMH-Test machen lassen und weiß nun zumindest, dass ich nicht zu früh in den Wechsel kommen werde. Um meine Eizellen zu spenden, bin ich aber leider schon zu alt.

Herzlichen Dank an das Kinderwunschzentrum Goldenes Kreuz, Wien (Kristina Berger, Dr. Andreas Obruca und im Besonderen Sonja Traunfellner), die mich bei der Recherchearbeit unterstützt und mit handfesten Informationen versorgt haben.

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