Mutter kann kind nicht loslassen

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Der Witz geht so: Drei Rabbis debattieren über die Frage, wann das Leben beginnt. Mit der Zeugung, betont der erste. Wenn das Kind auf die Welt kommt, hält der zweite dagegen. Der dritte überlegt etwas länger, dann sagt er: Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot ist.

Das ist für viele Menschen natürlich überhaupt nicht lustig. Je nachdem, wie viel Mutter- oder Vaterfreude man sich gegönnt hat, leert sich das Nest entweder abrupt oder schleichend. Doch eines Tages ist es so weit: Die einst turbulente Wohnung wirkt gespenstisch still. Rund zwanzig Jahre lang drehte sich alles mehr oder weniger um die Kinder. Und dann ziehen sie ihrer Wege. Worüber sollen wir Eltern nun reden, wenn nicht über die Kinder? Statistisch gesehen werden die meisten Ehen geschieden, wenn die Kinder kommen – und wenn die Kinder gehen.

Experten nennen es das Empty-Nest-Syndrom, das leere Nest. Es beschreibt die Trauer der Eltern, wenn die Kinder flügge werden. Viele Mütter und manche Väter leiden unter Schlaflosigkeit und Unruhe, in schweren Fällen verursacht das leere Nest sogar Lebenskrisen bis hin zur Depression. Doch der Auszug der Kinder birgt auch ganz neue Chancen: sich als Paar wiederfinden, große Reisen unternehmen, Freunde und Hobbies wiederentdecken – eben all die Dinge tun, auf die man wegen der Kinder jahrzehntelang verzichtet hat. Davon profitiert auch die Konsumindustrie. Eltern über 45 und ohne minderjährige Kinder im Haus geraten immer stärker ins Visier werblicher Aufmerksamkeiten. Die „Empty Nester“ als Zielgruppe mit der zweitgrößten Konsumneigung nach den kinderlosen Doppelverdienern, sind längst genau vermessen. Schließlich haben sie alles zu bieten, was Marketing schön macht: Geld, Zeit, Lust – und das für viele Jahre.

Die digitale Nabelschnur macht das Loslassen schwer

Doch die Freude darüber, endlich entbehrlich geworden zu sein, will sich allzu oft nicht einstellen: Das Kind ist weg, die gemeinsame Zeit unwiderruflich vorbei. Doch im Gegensatz sogar zum allerschlimmsten Liebeskummer, der irgendwann abklingt, wird es nach einer Zeit der Trauer kein neues Kind geben, das den Platz des alten einnimmt. Ob am Boden zerstört oder nur ein paar Wochen lang niedergeschlagen und sich dann nüchtern-pragmatisch in die neuen Lebensumstände findend – den Auszug der Kinder umweht heute ein Schmerz, der viele Mütter oder auch Väter durchaus auf ihren eigenen verschlungenen Wegen durchs Tal der Tränen schickt.

Über die persönlichen Leidenswege hinaus wirken gesellschaftliche Veränderungen auf das sehr private Geschehen ein, die den Schmerz noch zusätzlich befeuern, aber auch lindern können, in jedem Fall aber relativieren. Das leere Nest und das sprichwörtliche Hotel Mama, zeigen sich als zwei Seiten derselben Medaille. Der Vorgang an sich ist banal: Erwachsene Menschen verlassen ihr Elternhaus. Doch welche komplizierten Gefühlslagen die Beteiligten heute umtreiben, zeigt wie in einem Brennglas vergrößert, welche Kräfte auf uns wirken und wie das Private in den Hintergrund des jeweiligen Zeitgeistes eingebettet ist.

Noch nie standen sich zwei Generationen so nah wie heute, und das hat nicht nur mit klammernden Eltern oder bequemen Kindern auf lebenslangem Kuschelkurs zu tun. Veränderte Rollenbilder, ein massiv gewandelter Erziehungsstil, der grassierende Jugendwahn und auch die Herausforderungen des digitalen Wandels stellen Eltern und Kinder heute vor ganz andere Herausforderungen als noch in der Generation zuvor. Auch die verstörenden Botschaften eines höchst widersprüchlichen Mutterbildes und wohlfeil gewordenes Eltern-Bashing orchestrieren das individuelle Empfinden und setzen eigene Akzente. Elternschaft ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil des Selbstbildes geworden. Ein Satz wie „Für mich zählen nur meine Kinder“ beschreibt deshalb mehr als die bloße emotionale Bedeutung, die Kinder für ihre Eltern haben. Es drückt eine Selbstdefinition aus: Es kommt nicht allein darauf an, dass es dem Kind gut geht, sondern dass es uns zu guten Eltern macht. So heilen wir in unseren Kindern eigene Verletzungen, befriedigen unerfüllte Wünsche und verwirklichen ungelebte Träume. Wir entwickeln ein großes Stück Identität über die Kinder. Früher ging man davon aus, dass Eltern ihre Entwicklung im Großen und Ganzen abgeschlossen haben. Heute wollen wir mit unseren Kindern weiter wachsen und wähnen uns beide in einem Entwicklungsprozess befindlich. Indem wir Kinder großziehen, ziehen wir uns selbst groß. Auch aus dieser Quelle speist sich der Wunsch, den Kindern nahe sein zu wollen – wie auch der Schmerz, wenn sie gehen.

Früher waren Kinder ihre Eltern noch peinlich – heute sind sie beste Freunde

Ganz loslassen will heute niemand mehr so richtig. Freundschaft zu pflegen, ist das erklärte Ziel vieler Eltern. Die Nähe soll bleiben, auch wenn man sich räumlich trennt. Eltern und Kinder sind bei Facebook befreundet, halten Schreibschwätzchen bei Whatsapp, tägliche Telefonate von Müttern und Töchtern sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Trennung light statt Abschiedsleid, dank der digitalen Nabelschnur. Auch das macht das Loslassen heute so knifflig, verglichen mit früheren Auszügen aus dem Elternhaus. Nicht im Traum wäre mir eingefallen, mit meiner Mutter in die Sauna, ins Kino oder zum Pilates zu gehen. Beim Gedanken, dass sie mit mir zur Erstsemester-Einführungswoche hätte gehen wollen, falle ich noch rückwärtig tot um. Heute gibt es tatsächlich Eltern, die so etwas machen! Niemals hätte ich mir Klamotten von ihr geborgt oder wäre im reifen Alter von 16 Jahren noch mit meinen Eltern in den Urlaub gefahren.

Nur eine Generation zuvor war es eine Unabhängigkeitserklärung zu sagen, ach, Ferienhaus in Dänemark? Lass mal gut sein, ich trampe mit zwei Freunden nach Portugal. Auch mein Bruder hätte unseren Vater nur mitleidig angeschaut, wenn der ihn zu einem Konzertbesuch bei den „Toten Hosen“ eingeladen hätte. Aber meine Geschwister, ich und alle unsere Freunde hätten uns auch niemals dazugesetzt, wenn die Freunde unserer Eltern abends auf ein Bier vorbeischauten, und wir hätten uns die Ohren zugehalten, wenn Mama oder Papa unseren Rat in ihren Ehestreitigkeiten erfragt hätten, geschweige denn, dass wir unsere Herzensangelegenheiten oder Sexabenteuer mit den Eltern besprochen hätten. Dafür hatten wir Freunde!

Wir fanden an unseren Eltern eigentlich alles schlimm: wie sie sich kleideten, welche Musik sie hörten, mit welchen Möbeln sie sich umgaben, wen sie wählten, wie sie feierten… Da gab es keine Überschneidung und schon gar keine gemeinsamen Interessen. Und die waren auch nicht gewollt, beiderseits. Was immer man davon halten mag – die Abnabelung von den Eltern, die wir erlebt haben, ging glatter, weil die Fronten klar abgesteckt waren. Es ist leichter, sich von einer festen Wand abzustoßen als von einem weichen Kissen.

Die Tochter hat eine ganz andere Sicht

Wenn Eltern und Kinder sich in dieser engen Konstellation am wohlsten fühlen, ist doch alles bestens. Aber kann Selbstständigkeit ohne Eigenständigkeit gelingen? Die Verbindung halten und sich gleichzeitig lösen, ist eine schwierige Aufgabe, es ist, wie den Bus zu schieben, in dem man sitzt. Das kann auch für die Kinder zum Problem werden. Höheres Heiratsalter, längere Ausbildungszeiten, finanzielle Gründe hin oder her – könnte es auch sein, dass all diese großen und immer mehr alleinerzogenen Kinder im Nest verharren, weil sie sich mehr oder weniger verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Mütter und Väter fühlen?

„Du hast echt keine Ahnung“, bemerkte meine Tochter Marie vor zwei Jahren freundlich und wackelte auf dem Bildschirm herum, den sie irgendwo in den Weiten Neuseelands vor sich aufgebaut hatte. Gerade hatte ich ihr erzählt, dass ich ein Buch darüber schrieb, warum der Auszug der Kinder heute viele Eltern in eine Krise stürzen könnte und wie es eigentlich kommt, dass Eltern und Kinder so eng miteinander sind. „Wie das ist, wenn man als Backpacker unterwegs ist und sich dauernd fragt, wie die Eltern zu Hause ohne einen klarkommen. Oder dass die Mütter niemanden mehr haben, bei dem sie sich ausweinen können. Oder die Väter plötzlich neue Freundinnen haben.“

Dass wir immer nur an uns denken würden, schimpfte sie los und schnaubte, ob ich überhaupt wüsste, wie viele von ihren Leuten die Verantwortung für ihre Eltern übernähmen.

So kam die Idee in die Welt, wehte durch unsere Gespräche und begann Wurzeln zu schlagen wie ein Birkensamen auf einem maroden Balkon. Unbekümmert überwand das Pflänzchen meinen Widerstand und wuchs fröhlich vor sich hin: Wie wäre es, wenn Marie in jedem Kapitel, das ich längst zu schreiben begonnen hatte, am Ende auf fünf, sechs Seiten ihre Sicht der Dinge aufschreiben würde? Und zwar ohne meinen Text zu kennen, schlug sie vor, denn das würde sie zu sehr beeinflussen. Es würde genügen, wenn ich ihr in ein paar Stichworten sagen würde, worum es in meinem Kapitel ging, meinte sie, damit sie die Dinge vielleicht ergänzen und von der anderen Seite beleuchten könne. Was ich dann zu lesen bekam, hat mich mehr als einmal verblüfft, schockiert oder amüsiert, immer wieder aber einen frischen Blick erlaubt auf das emotionale Epizentrum der Generation ziemlich beste Freundes

Das Buch der Autorin:

Für ihr Buch „Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen“, hat die Autorin Gerlinde Unverzagt mit Müttern, Vätern und Psychologen gesprochen und lässt außerdem ihre zwanzigjährige Tochter zu Wort kommen. Unverzagt ist Mutter von vier Kindern, Sachbuchautorin und freiberufliche Journalistin. Die Idee zu dem Buch hatte sie, als ihre jüngste Tochter nach dem Abitur nach Neuseeland ging und erst zwei Jahre später zurückkehrte. Das Buch ist im Beltz-Verlag erschienen (256 Seiten) und kostet 16,95 Euro.

Kindergarten, Ängste und Loslassen

Tränenanfälle und „Ich will wieder heim!!“-Rufe: Bei der Kindergarteneingewöhnung ein nur zu bekanntes Phänomen. Den Mamas und Papas zerreißt es dabei jeden Morgen fast das Herz. Aber da muss man durch. Oder? Sandra über Kindergarteneingewöhnung, weinende Kinder und die Sache mit dem Vertrauen. #insidemom

Zweimal Eingewöhnung, Zweimal Frust, Tränen und Ängste

Die Eingewöhnungen meiner beiden Kinder verliefen anfangs super gut. Zu gut …
Tochter 1 fand bereits am allerersten Tag einen Spielkameraden, der noch heute zu ihren besten Freunden zählt. Blöd nur:

Ihr bester Freund ist ein halbes Jahr älter als sie – und das hieß, dass er ein halbes Jahr früher in die Gruppe mit den großen Kindern wechseln musste. Ab da gab es Probleme. Jeden einzelnen Tag wollte Maxi nicht in den Kindergarten gehen, jeden Tag flossen Tränen, jeden Tag zerriss es nicht nur ihr kleines Herz, sondern auch meins.

Meine Bitte, das Kind schon früher in die Gruppe mit den großen Kindern zu lassen, wurde abgelehnt mit der Begründung, man fürchte, meine Tochter würde von ihrem Freund abhängig sein und wäre nicht in der Lage, mit anderen Kindern Freundschaften zu pflegen. Damals glaubte ich den Erzieherinnen und dachte, es müsse alles so sein, schließlich hatten ja andere vor mir bestimmt auch das Problem – und wenn es für sie keine Ausnahmen gegeben hatte, konnte auch wegen meines Kindes keine Ausnahme gemacht werden.

„Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde sicher nicht nur ich anders handeln, sondern auch die involvierten Erzieherinnen, denn jeder lernt bekanntlich jeden Tag dazu“, sagt Sandra.

Zwar habe ich viel über die unschöne Situation nachgedacht, mich aber dennoch zähneknirschend an das Schema gehalten, das gängig war: Brüllendes Kind abgeben, den Abschied nicht unnötig in die Länge ziehen – und um die Ecke stellen und warten. Kurz darauf registrieren, dass das Kind sich tatsächlich beruhigt, sobald ich außer Sichtweite bin.

Bei der zweiten Tochter verliefen die ersten Wochen ebenfalls problemlos, obwohl sie kein großes Interesse an den anderen Kindern zeigte. Doch irgendwann dämmerte es auch ihr: Mama war nicht dazu zu bewegen, mit im Kindergarten zu bleiben. Aber warum denn nicht? Weil sie eben arbeiten musste, was aber sehr schwer zu verstehen war, schließlich hatte die gleiche Mama ja vorher auch gearbeitet, ohne dass Mini außer Haus gehen musste.

Auch da wieder: Jeden Tag Tränen, jeden Tag der Wunsch, nicht in den Kindergarten gehen zu müssen. Und jeden Tag hörte ich von den Erzieherinnen, dass es dem Kind gut ging, dass alles in Ordnung war, dass sie sich schnell beruhigte und auch den ganzen Tag nicht nach mir fragte.

Was geht in einem weinenden Kind vor, wenn Mama weg ist?

Was ich mich immer wieder frage: Beruhigt sich ein Kind, wenn die Bezugsperson außer Sichtweite ist, und spielt dann tatsächlich den Rest des Tages glücklich und zufrieden? Oder gibt es eine Parallele zu den Babys, die abends mit ihrem Elend und ihren Ängsten allein gelassen werden und sich nächtelang die Seele aus dem Leib schreien, bis sie irgendwann erkennen: Es bringt nichts, hier ist keine Hilfe zu erwarten. Ich kann mir meine Energie genauso gut aufsparen.

Könnte es sein, dass die Kindergartenkinder, die unter Trennungsangst leiden, genau das Gleiche durchmachen wie die Babys, die sich nach Nähe sehnen, sie aber nicht bekommen und stattdessen früh lernen müssen, alleine einzuschlafen?

Ist es nicht unsere Pflicht als Erwachsene, zu versuchen, dieses Leid zu verhindern? Ich kenne keine Prozentzahlen, aber ich kenne genug Berichte von Müttern, laut denen es im zuständigen Kindergarten überhaupt keine Eingewöhnung gibt, kein langsames Steigern der Zeit, die das Kind „allein“ in der Gruppe zubringen muss, sondern einfach vom ersten Tag an ein Abgeben – und fertig. Ich würde mir wünschen, dass betroffene Eltern das Gespräch mit den Erzieherinnen suchen und sich für eine bindungsorientierte Eingewöhnung einsetzen. Eine ordentliche Eingewöhnung braucht natürlich Zeit, die so manche Eltern nicht aufbringen können, schließlich muss auch wieder Geld her – und das kommt erst dann rein, wenn wieder gearbeitet wird, nur:
Hektik rächt sich. Die Kinder haben feine Antennen, spüren den Stress der Eltern – und lassen sich davon anstecken. Ich kenne das von mir selbst: An den wenigen Tagen, an denen ich mal morgens einen Termin hatte, verfielen meine Kinder zu Hause in den Trödel-Modus – und im Kindergarten gab es eine Riesen-Szene bei der Abgabe, obwohl doch die Wochen davor alles bereits super gelaufen ist.

Wie klappt es mit der Eingewöhnung?

Wann und warum bei mir überhaupt der Moment kam, an dem das morgendliche Theater wegfiel?

Als ich eines Morgens aufwachte und dachte: Ich kann und will das nicht mehr. Ab da nahm ich mir so viel Zeit, wie meine Tochter brauchte, und pfiff auf die gängige Meinung, dass Abschiede kurz zu halten seien. Ich ging erst, wenn Mini mich freiwillig gehen ließ. Fertig.

Ich weiß, die Arbeit lässt bei manchen Eltern nicht zu, dass sie später kommen, aber … Vielleicht kann man ein klein wenig früher aufstehen und sich vorher die Zeit nehmen? Oder aber man findet andere Mittel, um den Abschied entspannter zu gestalten. Entspannung ist überhaupt das Stichwort. Ich schob meine Ängste beiseite und vertraute darauf, dass es meinen Kindern im Kindergarten gutgehen würde. Diese entspannte Haltung übertrug sich erfolgreich auf die Kinder. Ich nahm mir die Zeit gern, weil ich wusste, mein Kind braucht sie.

Würde ich heute noch einmal mit der Eingewöhnung starten müssen, würde sie ganz anders verlaufen: Ich würde niemals ein weinendes Kind zurücklassen, erst recht keins, das verzweifelt die Arme nach mir ausstreckt. Am Anfang tat ich genau das. Es war eben gängig. Dennoch: Es tut mir heute noch leid, dass ich es nicht besser wusste und demzufolge auch nicht besser machen konnte.

Baby

Darf man sein Baby schreien lassen?

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Loslassen ist der Schlüssel

Das, was eine Eingewöhnung meiner Erfahrung nach am häufigsten erschwert, ist, dass es für die Mütter alles andere als leicht ist loszulassen. Ja, man weiß, den Kindern geht es gut dort, sie sind abgelenkt, es gibt nun mal keine andere Möglichkeit, weil die Arbeit ruft, aber … hätten meine Kinder es nicht doch besser, wenn ich da wäre und sie trösten könnte, wenn sie sich verletzt haben oder von anderen geärgert werden?

Sicher wären die Kinder länger behütet und Ungerechtigkeiten würden abgefedert werden, aber früher oder später kommen diese Erfahrungen doch, egal, wie sehr man sich als Mutter wünscht, sie zu vermeiden. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste für eine unproblematische Eingewöhnung neben dem Loslassen das Vertrauen:

• Das Vertrauen in sich selbst, dass man das Richtige tut, wenn man das Kind nicht mehr zu Hause lässt, sondern es in den Kindergarten bringt.

• Das Vertrauen in das Kind, dass es bereit ist, wichtige Lernerfahrungen zu machen (Du kannst es darin unterstützen, indem du mit ihm am Abend den Tag Revue passieren lassen und ihm zuhörst, wenn es dir erzählt, was es in einer bestimmten Situation empfunden hat. Dabei solltest du den Fokus auf die schönen Erlebnisse legen und gemeinsam Lösungen für die weniger schönen Erlebnisse des Tages finden.)

• Das Vertrauen in die Erzieherinnen, dass sie liebevoll und empathisch mit deinem Kind umgehen und dich einbeziehen würden, falls wirklich etwas nicht so liefe, wie es laufen sollte.

• Und nicht zuletzt das Vertrauen ins Universum, dass alles immer so kommt, wie es kommen muss. „Lieben, was ist“, so sagt es Byron Katie. Und damit wären wir wieder am Anfang dieses Abschnitts: Lass dein Kind los, lass es den ersten Schritt in die große, weite Welt machen, aber mit dem Wissen, dass es immer wieder zurückkehren kann in den sicheren, behüteten Hafen, wo es Kraft, Liebe, Verständnis – ach, einfach Mama (oder auch Papa) tanken kann, um zu einem selbstbewussten, empathischen Menschen von morgen zu werden.

Hier schreibt: Sandra Schindler

Sandra Schindler schreibt bedürfnisorientierte Kinderbücher. Ihr neuestes Buch, „Flim Pinguin im Kindergarten“, soll Kindern, Eltern und Erzieher(inne)n die Eingewöhnung erleichtern und vorhandene Ängste lindern – besonders die Trennungsangst der Kindergartenneulinge.
Auf ihrem ➤ Blog schreibt sie über ihren Alltag als alternative, vegane Mama, stellt außergewöhnliche Kinderbücher vor und veröffentlicht Berichte zur Kindergarteneingewöhnung aus aller Welt. Sandra hat zwei Töchter (sechs und vier Jahre alt) und lebt mit ihnen, Mann und Hund mitten im Pfälzerwald bei Kaiserslautern.

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Alle Beiträge zu #insidemom lesen Sie auf unserer Themenseite. Hier erzählen Frauen – absolut ehrlich und offen – was ihr Mutter-Herz wirklich bewegt.

Das Ziel? Ein buntes Mosaik von Gedanken, Erfahrungen, Erlebnissen und Standpunkten. Jede Erfahrung am Mutter sein, jedes Thema ist willkommen und steht für sich selbst. Steht stellvertretend für einen Weg. Ohne Vergleiche und ohne Wertung.

Probleme bei der Eingewöhnung? Wie du und dein hochsensibles Kind Schritt für Schritt zu einer entspannten Anfangszeit im Kindergarten finden könnt

Ein hochsensibles Kind, braucht eine sensible und feinfühlige Eingewöhnungszeit!

Ich habe das Gefühl, dass dieses Thema viele Mütter von „bunten“ Kindern betrifft. Irgendetwas geht während der normalen Eingewöhnungszeit schief und das Kind will partout nicht allein in der Kita bleiben. Alle sind ein bisschen überfordert mit der Situation, den Müttern bricht es das Herz, wenn ihr Kind bitterlich beginnt zu weinen und die Kinder sind durch die neuen Umstände verunsichert. In einem älteren Blogartikel habe ich 8 Punkte besprochen, die eine gute Basis für eine stabile Eingewöhnung schaffen. Doch nicht immer läuft diese Zeit reibungslos ab und ich möchte heute ganz speziell auf die Probleme eingehen und auch Ideen und Lösungen aufzeigen.

Vergiss nie, dass dein Kind absolut einzigartig ist, und meine Vorschläge dir vor allem als Input dienen können.

Um ganz konkret schreiben zu können, habe ich mir ein Kind, als Fallbeispiel ausgedacht. Quasi meine persönliche Mischung aus meinen hochsensiblen Kindern in der Kita. Ich möchte dir also Nele vorstellen!

Nele ist 3 Jahre alt und gerade in der Eingewöhnungszeit. Sie ist ein zurückhaltendes Mädchen, was gerne beobachtet und viel Sicherheit über die Anwesenheit ihrer Mama gewinnt. Ihre Mama, Anna, hat sich in weiser Voraussicht viel Zeit freigeräumt, um Nele in den ersten Wochen in der Kita keinen Druck machen zu müssen. Sie kennt ihre Tochter sehr gut, weiß wie feinfühlig Nele ist und hatte schon vor dem Eintritt in die Kita Sorgen, ob dieser Schritt richtig ist und ob Nele das ohne sie schaffen kann. In der ersten Woche war sie immer im Kindergartenalltag dabei. Solange sie da ist, scheint auch alles in Ordnung. In der zweiten Woche sollte Anna für eine viertel Stunde die Kita verlassen, doch Nele hat so fürchterlich geweint, dass sie es nicht über das Herz bringen konnte zu gehen. Alle anderen Kinder sind ganz gut eingewöhnt, nur bei Nele ist es so schwierig. Anna hat auch Angst, dass es Nele irgendwie schadet, wenn sie so sehr weint und sie als Mama nicht für sie da ist. Aber irgendwie ist sie auch langsam genervt und am Ende ihrer Kräfte was das Thema betrifft, denn sie möchte mit der Arbeit wieder anfangen können und sich nicht immer solche Sorgen machen. Sie fängt an sich selbst in Frage zu stellen, die Erzieherinnen in Frage zu stellen und die Entscheidung, dass Nele in diese Kita gehen sollte und sie fängt an sich zu fragen, was sie falsch gemacht hat. Mit Nele und Anna wollen wir uns nun einmal das Thema Eingewöhnung und die Probleme dabei genauer ansehen.

Woran du überprüfen kannst, ob dein Kind bereits genug an die Erzieherin gebunden ist

Die Basis für eine gute Eingewöhnung ist die gute Beziehung zu der neuen Bezugserzieherin. In der Regel lernst du als Mama die Bezugserzieherin für dein Kind in eurem „Erstgespräch“ kennen. Dieses Gespräch findet vor der eigentlichen Eingewöhnung statt und dient zum Kennenlernen, Informationen austauschen und zum Planen der Eingewöhnungszeit. Diese Erzieherin wird in den ersten Wochen die Hauptansprechpartnerin für dich und dein Kind sein und die Entwicklungsgespräche führen. Es ist die Aufgabe dieser Bezugsperson eine sichere Bindung zu deinem Kind aufzubauen.

Erste gemeinsame Spielversuche, das Zeigen der Kindergartenräume, das Vorstellen anderer Kinder, oder Kolleginnen, all das fällt in ihren Zuständigkeitsrahmen. An ihr wird sich dein Kind zunächst orientieren. Es wird der neue sicherer Ort für dein Kind werden und da dein Kind hochsensibel ist, weißt du genau, wie wichtig das ist. Dein Kind braucht nämlich in dieser Umbruchsituation vor allem eins.

Sicherheit

Und da es dein Ziel ist, dass du irgendwann weggehen kannst, braucht dein Kind eine neue Ansprechpartnerin. Die Beziehung zu der Erzieherin deines Kindes ist also super, mega wichtig! Und zwar nicht nur für dein Kind, sondern auch für dich! Denn nicht nur dein Kind braucht Sicherheit, sondern auch du als Mama. Du vertraust diesem Menschen deinen wichtigsten Menschen an. Diese Beziehung ist also von größter Bedeutung! Und die gestalten alle gemeinsam. Werde aktiv, wenn du das Gefühl hast, dass du noch nicht genügend Vertrauen aufgebaut hast, und suche das Gespräch. Lerne die Erzieherin besser kennen, frage sie, beteilige sie, stelle Beziehung her!

Aber nun zurück zum Thema. Es gibt eine sehr einfache Möglichkeit für dich und die Erzieherin zu überprüfen, ob dein Kind bereit für eine richtige Ablösung ist. Sie heißt Trennung und tut kurz weh. Im besten Fall nur kurz. Wenn die Erzieherin in deinem Beisein bereits eine Verbindung zu deinem Kind hat (beim Berliner Eingewöhnungsmodell nimmt man sich dafür drei Tage Zeit), solltest du (nach Absprache) für ca. 15 Minuten die Kita verlassen. Bitte, NIEMALS ohne dich von deinem Kind zu verabschieden. Bei einem hochsensiblen Kind könnte es hilfreich sein, das Kind bereits morgens beim gemeinsamen Frühstück zu informieren. Unsere Beispielmama Anna könnte das z.B. folgendermaßen machen:

„Hey Nele, du kennst die Sabine(Erzieherin) ja schon ganz gut, gell. Und heute muss ich mal ganz kurz zur Post gehen, wenn du im Kindergarten bist und dann komm ich auch ganz schnell wieder.“

Fertig. Kein Drama, keine Diskussion, sondern eine klare Aussage, eine klare Haltung von deiner Seite. Im Kindergarten nimmt sich Anna Zeit, bis sie das Gefühl hat, dass sich Nele ganz wohl fühlt und mit der Erzieherin zusammen ein Buch liest, oder Ähnliches. Dann geht sie zu Nele und sagt ihr kurz, dass sie schnell zur Post geht und gleich wieder kommt. Sie verabschiedet sich von Nele und Sabine und geht! UND ZWAR WIRKLICH GEHEN. Anna geht, auch WENN Nele weint. Sabine ist bei Nele und tröstet sie. Die Trennung ist vollbracht.

Ja, Anna blutet das Herz! Liebe Mamas, das lässt sich für viele Mütter in der Eingewöhnungszeit leider nicht vermeiden. Anna macht sich natürlich auch ihre Gedanken… Sie hat Angst, dass es Nele irgendwie traumatisieren, oder anderweitig schaden könnte, wenn sie sie, als Mama alleine lässt. Die große Frage ist: Wie hat sich Nele verhalten.

Das erste Bilderbuch um speziell feinfühlige und empfindsame Kinder bei der Eingewöhnung zu unterstützen!

Variante 1

Wenn Nele geweint hat und dann mit Sabine weiter das Buch lesen konnte, oder etwas anderes mit ihr gemacht hat, dann ist die Welt total in Ordnung. Anna kann drei Kreuze machen und mit Sabine weiterplanen, wie lange sie beim nächsten Mal wegbleibt. Aber Anna muss sich auch darauf einstellen, dass Nele weinen wird.

Du musst dir als Mama keine Sorgen machen, wenn sich dein Kind von der Erzieherin innerhalb eines kurzen Zeitraumes beruhigen lässt! Dein Kind wird kein Trauma erleiden!

Stattdessen wird es lernen, dass es auch anderen Menschen vertrauen kann und es wird lernen mit seinen eigenen Emotionen umzugehen. Es wird auch lernen dir zu vertrauen, denn du holst es schließlich jeden Tag wieder ab! Und mal ganz ehrlich… ich kann es sehr gut verstehen, dass man morgens lieber bei der Mama bleiben möchte, statt in die Kita zu gehen. Wollen wir nicht auch als Erwachsene uns lieber noch an den Partner kuscheln, anstatt in die Arbeit zu fahren? Zu weinen ist erstmal nichts Schlimmes. Emotionen können raus! Und Emotionen dürfen sein und brauchen ihren Raum. Gerade bei unseren hochsensiblen Kindern!

Einen interessanten Artikel zum Thema weinen findest du hier.

Mir ist es wichtig, Kinder mit diesen Emotionen anzunehmen. Wenn ich ein Kind auf dem Schoß habe, dass traurig ist, weil die Mama weg ist, dann rede ich mit ihm darüber, oder frage nach. Manchmal tut es auch gut einfach nur zu kuscheln und gehalten zu werden. Ich gebe dem Kind Raum für das Gefühl und sprech ihm dieses Gefühl NICHT ab. Es hilft nicht, wenn man als Mama, oder Erzieherin dem Kind versucht zu verklickern, dass das alles ja gar nicht so schlimm ist. DOCH. Jetzt gerade fühlt es sich aber schlimm an.

Und wie wir wissen, brauchen hochsensible Kinder besonders das Gefühl in ihren Emotionen angenommen und gesehen zu werden. Anna könnte das auch Nele mitteilen.

„Ich weiß, dass du traurig bist, weil ich jetzt gehen muss.“

Es ist wichtig, klar zu sein! Wenn dein Kind spürt, dass du es eigentlich gar nicht da lassen willst (dazu später auch noch mehr), dann wird es erst recht weinen und hoffen, dass du es wieder mit nimmst, oder da bleibst.

„Nele, ich weiß, dass du traurig bist, weil ich jetzt gehen muss. Ich muss jetzt zur Arbeit (oder einkaufen, oder etwas anderes) und hole dich dann, vor dem Mittagessen wieder ab. Wenn du Lust hast, können wir uns dann zusammen überlegen, was wir gemeinsam unternehmen wollen.“

Nele hat Klarheit und eine Aussicht. Sie weiß jetzt aber auch, dass sie im Kindergarten bleiben muss und kann sich so leichter auf die neue Situation und Sabine einlassen. Es gilt also, die Zeiten in denen Nele allein in der Kita ist Stück für Stück zu steigern und sich mit der Erzieherin täglich auszutauschen und neu zu besprechen. Als Mama musst du lernen, das Weinen auszuhalten. Denn du weißt, dass es Nele nach kurzer Zeit gut geht! Achte auf einen guten Ausgleich zum Kindergartenalltag am Nachmittag. Denn dein Kind wird sicherlich von den neuen Eindrücken überreizt sein!

Mein Ratgeber für Eltern zum Thema Eingewöhnung hochsensibler Kinder

Variante 2

Wenn sich Nele nicht beruhigen konnte und Sabine Anna angerufen hat, dass sie wieder kommen soll, dann… macht Anna leider keine drei Kreuze. Nele ist noch nicht so weit, die Beziehung zwischen Nele und Sabine ist noch nicht stark genug und alle müssen nochmal anders denken. Nele hat eindeutig gezeigt, dass sie noch mehr Zeit braucht.

Viele hochsensible Menschen brauchen länger, um sich auf neue Situationen einzustellen und sich sicher zu fühlen.

Ich kenne das sehr gut von mir selbst und ich hasse es noch heute zu irgendwelchen Fortbildungen mit fremden Menschen, in fremden Räumen, mit fremden Abläufen zu müssen. Es ist nicht angenehm! Und am Liebsten würde auch ich das vermeiden. Genauso wie viele kleine Kinder nicht im Kindergarten bleiben möchten, sondern lieber im sicheren Hafen bei Mama.

Wenn die großen Schritte also nicht für dein hochsensibles Kind funktionieren, müsst ihr kleinere planen und am besten erstmal den Druck wieder raus nehmen. Das ist nicht immer leicht, denn oft sitzen dir als Mama (oder Papa), Zeit und Jobstress im Nacken. Vielleicht hast du auch noch andere Bezugspersonen, die dich unterstützen können. Oma, Opa, Tante etc. können selbstverständlich auch die Eingewöhnungszeit begleiten! Manchmal ist das sogar eine erfolgreiche Lösung.

Ich sehe das bei meiner Arbeit, immer wieder. Bei dem Elternteil, der es selbst schwer hat loszulassen, fällt es auch dem Kind schwerer. Und als hochsensibles Kind, mit seinen feinfühligen Antennen, würde ich das erst recht unterschreiben.

Aber zurück zur Praxis. Sabine und Anna müssen sich bewusst machen, dass Nele noch nicht so weit für eine Ablösung ist. Sabine schlägt Anna vor, noch einmal eine ganze Woche für ein paar Stunden in der Kita dabei zu sein. So kann sich Nele entspannen (natürlich wird es mit ihr besprochen) und Sabine kann Nele noch besser kennenlernen. Die beiden tauschen sich jetzt auch intensiver zum Thema Hochsensibilität aus. Im Laufe dieser Woche geht Anna immer mal wieder auf die Toilette (und sagt Nele kurz bescheid), oder holt sich einen Kaffee aus der Küche, oder unterhält sich im Flur (in Sichtweite) mit einer anderen Mama etc.

Das sind wirklich ganz kleine Schritte, die auch du mit deinem Kind üben kannst. Und üben steht hier im Vordergrund! Denn wir alle wissen auch, je öfter man etwas übt, desto leichter fällt es uns. Klebe also nicht an deinem Kind, sondern versuch dich rauszuziehen. Gib der neuen Erzieherin und deinem Kind Raum und Zeit. Du musst z.B. im Stuhlkreis nicht direkt neben deinem Kind sitzen, sondern setzt dich auf einen Stuhl außerhalb des Kreises. Dein Kind kann dich sehen und weiß, dass du da bist. Aber es hat auch die Chance und die Aufgabe in der Gruppe zu sein und bei der neuen Bezugsperson.

Wenn Anna problemlos auf die Toilette gehen kann, sich Nele wohler fühlt, sich von ihr lösen kann, mit anderen Kindern in Kontakt kommt, oder gerne mit Sabine spielt, dann ist es Zeit für einen neuen Ablösungsversuch. Wenn der gut klappt, dann kann Anna am nächsten Tag wieder für eine viertel, oder halbe Stunde gehen. Die Zeiten dürfen nicht zu schnell, zu lang werden. Sabine und Anna planen gemeinsam die Zeiten und die Steigerung davon.

Schaffe schöne Momente

Nutze die Kita und die anderen Kinder, um für dein Kind schöne Momente zu schaffen!!! Spielt etwas zusammen, geht ins Atelier und malt mit tollen Farben, die es daheim nicht gibt, tobt euch im Turnraum aus, oder speilt aufregende Spiele in der Rollenspielecke. Ganz egal was, Hauptsache es macht Spaß! Beziehe die Erzieherin mit ein, dass wird auch deinem Kind Sicherheit vermitteln und versuche deinem Kind schöne Erfahrungen in der Kita zu ermöglichen!

Dieses Jahr hatten wir auch bei mir in der Einrichtung ein Kind, dass fast 1 1/2 Monate gebraucht hat, um bei uns gut anzukommen. Die Eltern haben viel Zeit und Geduld mitgebracht und die Bezugserzieherin und die Kindergartenleitung haben immer wieder mit den Eltern Gespräche geführt, um sich auszutauschen. Das Kind wurde besonders in Übergangssituationen sehr gut begleitet und hatte klare Ansprechpartner. Diese Woche hat er seine Mama weggeschickt, als sie ihn abholen wollte. Stattdessen hat er mich freudestrahlend angeflirtet und mir erklärt, dass wir jetzt Freunde sind.

Das Kind hat seine eigene Zeit gebraucht!

Nicht jedes Kind ist mit den Plänen der Kita, oder deinen Plänen als Mama kompatibel! Und unsere Aufgabe ist es herauszufinden, was das Kind braucht, damit es sich sicher fühlen kann. Eigentlich total spannend, oder! Es ist ein bisschen so, wie wenn man ein Rätsel lösen möchte. Und wenn sich alle Beteiligten bemühen, dann klappt das auch!

Zusammenfassend lässt sich also sagen:

  • der erste Trennungsversuch entscheidet über das weitere Vorgehen
  • wenn sich dein Kind beim Weinen beruhigen lässt, musst du keine Angst haben
  • wenn sich dein Kind nicht beruhigen lässt, plane definitiv mehr Zeit für die Eingewöhnung ein
  • sei im Kontakt mit der Erzieherin
  • lass deinem Kind Raum, auch wenn du in der Gruppe dabei bist
  • zieh dich immer wieder zurück (Toilette etc.)
  • gibt es noch andere Bezugspersonen, die dein Kind bei der Eingewöhnung begleiten können und die dich entlasten
  • steigere die Zeiten langsam und nach individuellem Zustand von deinem Kind
  • informiere dein Kind IMMER, wenn du den Raum verlässt
  • entwickel eine klare Haltung deinem Kind gegenüber. Wenn dir das schwer fällt, frag deine Erzieherin um Rat

Absprachen und Austausch

In der Eingewöhnungszeit sind Absprachen und Austausch das A und O. Die Bezugserzieherin und du, ihr müsst euch täglich besprechen, wie es weitergeht. Außerdem kannst du die Zeiten in der Gruppe nutzen, sie besser kennenzulernen und ihr von deiner Familie zu erzählen. Eine Erzieherin muss nicht deine neue beste Freundin werden, aber sie wird für dein Kind eine große Rolle spielen und je besser euer Verhältnis ist, desto besser die Zusammenarbeit! Wenn dich ein Verhalten der Erzieherin irritiert, dann frage nach. In der Regel handeln wir aus gutem Grund!

Du und die Erzieherin ihr seit beide Experten für Kinder. Du, für dein Kind! Du kennst es wie deine Westentasche, du weißt genau, was ihm zuviel ist, oder was es nicht gerne isst etc. Die Erzieherin wiederum hat sich in ihrer Ausbildung jahrelang mit dem Thema Entwicklung von Kindern befasst und ist eine Fachexpertin auf diesem Gebiet. Sie kennt dein Kind nicht so gut wie du! Aber sie ist neutral und hat einen fachlichen Hintergrund zur Entwicklungspsychologie, den du nicht hast. Ihr seid also BEIDE kompetent! Eine Erzieherin sollte einer Mutter ihre Kompetenz nicht absprechen, umgekehrt aber auch nicht. Viel mehr geht es darum, durch einen gemeinsamen Austausch zur bestmöglichen Lösung für das Kind zu kommen!

Anna hatte am Anfang richtig Probleme damit, als Sabine sie in der dritten Woche ermutigt hat, Nele kurz und klar zu verabschieden. OBWOHL Nele doch geweint hat und so traurig war. Sabine hat daraufhin mit ihr ausgemacht, dass Anna nach einer viertel Stunde in der Kita anrufen kann, um zu wissen, wie es Nele geht. Und jedes Mal hat Nele sich schon beruhigt gehabt und hatte etwas zu tun, oder hat Sabine etwas erzählt und mit ihr gekuschelt. Für Nele wäre es viel schwerer, wenn sich Anna ewig nicht verabschieden würde, sie die Sorgen der Mama die ganze Zeit spürt und dann die Ablösung auch wirklich dramatisch wird. So lernt Anna, Sabine zu vertrauen, fühlt sich dennoch ernst genommen und erleichtert Nele durch ihr klares Verhalten die Abschiedssituation.

Zurück zu den Absprachen. Die finden nicht nur mit der Erzieherin statt, sondern natürlich auch mit dem Kind selbst. Dein hochsensibles Kind wird es dir danken, wenn du es informierst! Die wichtigste Regel: Gehe nie aus dem Gruppenraum, ohne es deinem Kind zu sagen. Das könnte fatal sein. Besonders wirkungsvolle Absprachen sind die zwischen euch dreien. Wenn dein Kind weiß und spürt, dass du und die Erzieherin am gleichen Strang ziehen, dann ist das eine Message! Anna würde in diesem Fall nicht nur Nele sagen, dass sie jetzt zum Einkaufen gehen muss, sondern sie erklärt Nele, dass sie mit Sabine abgesprochen hat, dass sie heute Einkaufen gehen kann und Sabine auf Nele aufpasst. Sabine bestätigt das und schlägt vor, dass sie der Mama am Fenster noch winken können.

Hochsensible Kinder brauchen klare Erwachsene, die wissen, was sie wollen! Und die ihnen Sicherheit geben, dadurch, dass sie klar sind! Es geht hier also häufig auch, um eine Frage der inneren Haltung.

Hast du dich klar entschieden, dass du dein Kind in diese Kita geben willst? Wenn ja, dann steh dazu. Vor dir und deinem Kind. Dann geht es nicht darum, ob dein Kind bleibt, sondern darum an dem WIE zu arbeiten. Gemeinsam. Aber dann hast du ein Ziel! Wenn du eigentlich im Grunde deines Herzens dein Kind gar nicht fremd betreuen lassen möchtest, dann spür dahin! Warum ist das so? Hat das etwas mit deinen eigenen Erfahrungen zu tun? Darüber könntest du mit der Erzieherin sprechen, damit sie dich besser verstehen kann.

Hast du eigentlich eine ganz andere Idee von einem Leben mit einem Kind? Dann suche nach anderen Lösungen, die besser zu dir und deiner Familie passen. Dein Kind spürt genau, ob du selbst zweifelst und nicht vertraust. Und das macht es natürlich viel, viel schwieriger für eine Eingewöhnung!

Eventuell ist eine Kita nicht die richtige Form für euch? Gibt es Alternativen? Tagesmütter? Betreuung durch Großeltern, oder Ähnliches? Musst du arbeiten? Willst du arbeiten? Oder ist es nicht die passende Kita? Manchmal ist es auch nicht die richtige Bezugserzieherin. Horch einmal ehrlich in dich hinein. Wenn dein hochsensibles Kind z.B. an eine resolute Erzieherin gerät, die selbst wenig Einfühlungsvermögen hat, dann kann das ein echtes Problem sein!

Ich selbst habe schon einmal erlebt, dass wir einen Wechsel der Bezugserzieherin vornehmen mussten. Das Kind hat sich mich ausgesucht. Daran konnte ich nichts ändern und auch nicht die eigentliche Bezugserzieherin. Also hab ich das nach Absprache mit der Mutter übernommen.

Wir können nicht erwarten, dass jedes Kind mit jeder Erzieherin kompatibel ist. Und du musst als Mama auch nicht die Klappe halten, wenn du spürst, dass es gar nicht harmoniert! Dann steh für dein Kind und dich ein! Aber bitte ohne Vorwürfe, oder Schuldzuweisungen (wenn du in der Kita bleiben willst;) ).

Es kann auch sein, dass das Konzept der Kita nicht zu deinem Kind passt. Auch das solltest du dir ehrlich anschauen.

  • wie groß ist die Einrichtung? Ist sie zu groß für dein Kind?
  • arbeitet die Einrichtung offen, oder geschlossen? Passt das zu deinem Kind?
  • Stadt, oder Land?
  • sind schon Freunde in der Kita? Oder werden Freunde deines Kindes in die Kita kommen? Das gibt viel Sicherheit!!!
  • kannst du die pädagogische Haltung in der Kita vertreten? Es gibt Kitas da müssen noch alle Kinder gleichzeitig auf die Toilette gehen. Es gibt Kitas, da dürfen Kinder ganz viel selbst entscheiden etc.
  • hast du dich mit Waldorf-Pädagogik, Waldkindergärten, Montessori – Einrichtungen etc. beschäftigt, oder darin vielleicht etwas gefunden, was sich stimmig anfühlt?
  • gefällt deinem Kind die Kita???

Abschließend möchte ich dir noch einen Denkanstoß mit auf den Weg geben. Denn aus jahrelanger Erfahrung kann ich sagen, dass es nicht immer am Kind liegt, wenn die Eingewöhnung nicht gut verläuft. Bist du bereit dein Kind loszulassen? Bist du bereit dein Kind anderen Menschen anzuvertrauen? Bist du bereit deinem Kind neue Erfahrungen zuzumuten?

Dein feinfühliges Kind mit all seinen besonderen Antennen wird das spüren! Es wird dadurch noch mehr verunsichert in der neuen Situation und sich gar nicht mehr von dir lösen wollen. Manchmal gibt es auch Kinder die glauben bei der Mama bleiben zu müssen, weil es sonst der Mama so schlecht geht (und gar nicht ihnen). Ich habe ein Mädchen erlebt, dessen Mutter jeden Tag Tränen in den Augen hatte, wodurch es für das Mädchen echt schwer war sich abzulösen. Sie erklärte uns (als es besser wurde bei der Mama), dass es die Mama jetzt auch geschafft hat, dass sie nicht mehr jeden morgen weinen muss. Also überprüfe deine eigene Haltung! Deine eigene Einstellung! Und sei ehrlich zu dir selbst.

Ich persönlich finde es total beziehungsfördernd, wenn mir Mütter von ihren Ängsten berichten. So kann ich ihr Verhalten viel besser einsortieren, sie unterstützen, oder ihr Dinge noch einmal genauer erklären. Denn… auch eine Erzieherin kann total verunsichert werden, wenn eine Mutter sich komisch, oder sehr kritisch verhält.

Cool down

Wenn du weißt, dass es deinem Kind in der Kita gut geht, dass es spielt und Spaß hat, dann geht es deinem Kind da gut! Auch wenn es morgens weinen muss, wenn du dich verabschiedest! Solltest du dann trotzdem an allem Zweifeln schau mal genau hin, warum das so ist. Und ob es DEIN Problem ist, oder das deines Kindes, oder die Schuld der Kita. Wenn es dein Problem ist, dann bist du auch dafür verantwortlich. Und nicht dein Kind und nicht die Kita! Manchmal stecken wir so sehr in unseren Mustern und Ängsten fest, dass es schwer ist klar zu sehen.

Und da kommt wieder die neutrale Erzieherin ins Spiel! Die kann dich nämlich wunderbar spiegeln! Und dich unterstützen! Du musst noch nicht alles richtig machen, oder perfekt! Du bist ein Mensch, du bist eine Mama und du bist auf dem Weg! Du möchtest das aller Beste für dein Kind! Und das ist wichtig! Du kannst nicht alles wissen und DU bist NICHT dein Kind. Was für dich stimmig ist, aufgrund deiner eigenen Erfahrungen muss für dein Kind nicht der richtige Weg sein. Kümmer dich um dich! Sei ehrlich zu dir selbst und trau dich die Erzieherin, um Rat zu fragen. Dafür ist sie da!

Gestatte deinem Kind, dass es einen eigenen Weg gehen muss und finde mit der Erzieherin zusammen heraus, wie ihr dein Kind am Besten unterstützen könnt.

Und lerne, deine Emotionen auszuhalten! Ich glaube, sich bewusst zu machen, dass die Eingewöhnung ein Prozess ist, für alle Beteiligten, ist hilfreich. Es dauert seine Zeit, es wird auch mal Rückschläge geben, aber im Endeffekt werden Mutter und Kind daran wachsen und auch die Erzieherin um neue Erfahrungen reicher sein. Die Eingewöhnung ist eine Übergangszeit. Etwas Neues tritt in das Leben von dir und deinem Kind und deswegen ist sie auch nicht immer leicht. Das Neue macht Angst, oder du fühlst dich unsicher. Dein hochsensibles Kind mag Veränderungen sowieso nicht… Aber wenn ihr da durch seid, dann wird dein Kind gewachsen sein! Es lernt durch die Eingewöhnung etwas ganz, ganz Wichtiges und deswegen ist diese Zeit nicht nur eine Herausforderung, sondern eine Chance!

Es lernt, dass es das schafft! Dass es das kann! Dass die Welt nicht untergeht, auch wenn das Gefühl doof ist, dass die Mama geht. Und es lernt, dass es mit seinen Gefühlen ernst genommen wird.

Ich lade dich ein, dich neu auszurichten. Versinke nicht in der Angst und den Sorgen, oder in Schuldzuweisungen und Zweifeln. Sondern betrachte diese Zeit (sofern du dich bewusst und klar für die Kita entschieden hast), als die nächste Entwicklungsmöglichkeit für dein Kind UND dich! Und mach dich auf den Weg! Auch dein Kind wird das schaffen!

Du hast jetzt die Aufgabe mit der Erzieherin und deinem Kind zusammen herausfinden, wie das am besten funktioniert.

Ein spannender Weg! Sicherlich auch anstrengend und nicht immer leicht. Aber meine Liebe, so ist das Leben. Davor können wir niemanden ewig beschützen! Wir können Kinder darin unterstützen zu lernen damit umzugehen und gestärkt aus der Zeit hervorzugehen! Und wir können lernen den Kindern zu vertrauen! Das Gefühl, wenn dein Kind weiß, dass du ihm zutraust, dass es etwas schafft, ist Gold wert. Natürlich nicht nur bei der Eingewöhnung. Es ist ein Geschenk Menschen in seinem Leben zu haben, die uns ermutigen unsere Wege und Schritte zu gehen, anstatt dass sie uns zurückhalten und uns sorgenvolle Gedanken in den Kopf einpflanzen.

Sei eine mutige Erwachsene für dein Kind, lass dich auf das Thema Eingewöhnung ein, auf das, was das Thema mit dir macht und was es mit deinen Ängsten und deiner Biografie zu tun hat und lass dich auf dein Kind ein! Staune und lerne und halte aus.

Dein Kind ist hochsensibel! Aber das heißt nicht, dass du es vor der Welt beschützen musst, oder dass es deswegen nicht eingewöhnt werden kann. Es hat diese Veranlagung, und darüber bescheid zu wissen, und das Kind bewusst zu begleiten, kann der Schlüssel für eine gute Eingewöhnung sein.

Vom eigenen inneren Kind und der Bedeutung unserer Intuition

Ganz zum Schluss möchte ich hier noch als hochsensible Frau und nicht Erzieherin schreiben. Denn natürlich schreibe ich in meinem Artikel von einem Idealzustand, was die Erzieherin betrifft, der in der Wirklichkeit nicht immer Fakt sein muss. Aber abgesehen davon, geht es bei allem was wir tun für mich darum, authentisch und ehrlich zu sich selbst zu sein und seiner Intuition zu vertrauen. Etwas, was für mich ein langer Lernprozess war und auch noch immer ist. Im Zusammenhang mit dem Thema Kindergarten und Eingewöhnung und eurem Gefühl dazu würde ich zwei Dinge differenzieren.

  • Haben deine Benken etwas mit deiner Biografie, deinem inneren Kind zu tun?

Ich kenne das sehr gut. Dass ich aufgrund meiner kleinen Verena sehr viele Sorgen und Ängste habe und dadurch auch immer eine Ausrede, warum ich etwas nicht tun möchte/kann, oder jemand anderem die Schuld gebe. Obwohl ich eigentlich die Verantwortung für mich selbst übernehmen sollte. Bei meiner Arbeit habe ich definitiv eine Tendenz dazu die „bunten“ Kinder beschützen zu wollen. Vor den Meinungen meiner Kolleginnen, davor, dass sie in Schubladen gesteckt, oder unter Druck gesetzt werden. Diese Kinder sind aber nicht ICH. Und sie brauchen etwas anderes, als ich es damals als kleines Mädchen vielleicht gebraucht hätte! Vor allem brauchen sie keine Erzieherin, die sie in Watte packt und vor den „bösen“ Kolleginnen beschützt. Sondern sie brauchen eine hochsensible Erzieherin, die ihre Ängste nicht auf die Kinder projiziert, sondern in einer guten Verbindung zu sich selbst ist. Aus dieser Verbindung kann ich die Kinder gut begleiten und Kolleginnen ehrliches Feedback geben, ohne wiederum sie in Schubladen zu packen.

  • Intuition, Authentizität und Bauchgefühl

Wenn du klar spürst, dass deine Sorgen/Bedenken/Gefühl nichts mit DEINEM inneren Kind zu tun haben, sondern deine Intuition dir einfach sagt, dass das alles nicht stimmig ist… dann würde ich das ernst nehmen! Dein Gefühl zu dir und deinem Kind ist richtig! Erzieherinnen, Beratungsstellen und und und, dort gelten eher allgemein gültige Meinungen. Das Kind sollte nach einer bestimmten Zeit eingewöhnt sein… stillen sollte man nur so viele Monate… Kinder gehören ab einem gewissen Alter nicht mehr zu den Eltern ins Bett und mit spätestens drei Jahren sollte dein Kind trocken sein… Wenn du anderer Meinung bist, wenn du es anders SPÜRST, wenn dein Herz dir etwas anderes sagt und dein Kind dir etwas anderes signalisiert… dann mach dich auf einen neuen Weg. Nämlich den von dir und deiner Familie und nicht den, dem alle folgen… Es ist so viel leichter der großen Autobahn zu folgen, aber wir werden wahrhaftiger wir selbst, wenn wir unserer Intuition vertrauen und unsere eigenen kleinen Trampelpfade gehen. Das ist für Außenstehende nicht immer leicht. Für unsere hochsensiblen Kinder… werden wir dadurch zu wirklichen Vorbildern!

Ich hoffe sehr, dass ich euch mit diesem Artikel unterstützen konnte. Er ist ganz schön lang geworden, aber mir war es wichtig, diesem Thema Raum zu geben, auch beim Schreiben. Als Erzieherin ist die Eingewöhnungszeit jedes Mal wie eine Wundertüte, bei der ich nicht weiß, wann was passiert. Und ich lerne einen kleinen Menschen kennen, was ein Geschenk ist.

Entwicklungspsychologin: So klappt es mit der Eingewöhnung in der Kita

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Wenn im Spätsommer das neue Kita-Jahr startet, beginnt für viele Kinder und Eltern eine aufregende, manchmal auch schwierige Zeit. „Eine geschlagene Dreiviertelstunde hat sie geweint“, berichtet eine Mutter in einem Internetforum für Eltern über den Kita-Start ihrer Tochter. Andere erzählen dagegen von Kindern, die schon am ersten Tag „ungerührt in den Gruppenraum laufen“ und gar nicht mehr gehen wollen.

Den ersten Kita-Tagen kommt eine große Bedeutung zu, sagen Wissenschaftler. „Für das Kind ist alles – also die Umgebung, die Erzieherin, das Spielzeug und die anderen Kinder – noch fremd, auch wenn die Eltern die Kita mit ihrem Kind schon öfter besucht haben oder das Kind schon einen Schnuppertag hatte“, erklärt Tina Eckstein-Madry, die an der Universität Wien zur Frühentwicklung von Kindern forscht.

Sie hat auch an der „Wiener Krippenstudie“ zur Eingewöhnungsphase von Kleinkindern in Kinderkrippen mitgearbeitet. Die Essenz der Untersuchung: Eingewöhnung ist wichtig – es dauert im Schnitt 14 Tage, bis eine Bindung zu den Betreuungspersonen aufgebaut ist.

Das Kind braucht weiter die Sicherheit

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Scheinbar „kurz und schmerzlos“ das Kind abzugeben, sei keine gute Idee, sagt auch Silvia Wiedebusch-Quante, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Hochschule Osnabrück und Mitherausgeberin des „Praxishandbuchs Kindergarten“. „Man darf die Eingewöhnungszeit gerade für Kinder, die sich scheinbar leicht von ihren Bezugspersonen trennen können, nicht unterschätzen.“

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Aus Sicht von Eckstein-Madry ist die Eingewöhnungszeit für alle Beteiligten wichtig: „Begleiten die Eltern ihr Kind bei der Eingewöhnung, kann das Kind die Erzieherin kennenlernen und Vertrauen zu ihr aufbauen – im Wissen, dass die Eltern als Sicherheit noch da sind.“ Die Eltern lernten zugleich die Arbeit der Erzieherin kennen und könnten direkt beobachten, wie das Kind mit der neuen Situation umgehe. Und die Erzieherin könne mit den Eltern Rituale besprechen, zum Beispiel für das Verabschieden.

In den meisten Fällen bieten die Kitas ein Eingewöhnungskonzept an, das sich am sogenannten Berliner oder Münchner Modell anlehnt. Die bindungsorientierten Modelle wurden zwischen den 80er- und 90er-Jahren entwickelt, nachdem ein Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin gezeigt hatte, dass Kinder ohne Eingewöhnung bis zu viermal so häufig erkranken wie eingewöhnte Kinder. Bei den unter Zweijährigen kam es manchmal auch zu Rückständen in der Entwicklung.

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Das Berliner Modell sieht vor, dass das Kind zunächst nur gemeinsam mit Mutter oder Vater die Kita besucht. Frühestens am vierten Besuchstag steht die erste Trennung an – meist nur für wenige Minuten. In den darauffolgenden Wochen wird die Dauer der Trennungen kontinuierlich gesteigert, die Eltern sollten in der Zeit in der Nähe bleiben. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn sich das Kind gut von der Erzieherin trösten lässt – sich also eine Bindung eingestellt hat.

Die Gruppe mit anderen Kindern ist entscheidend

Langes Weinenlassen, wie es eine Mutter im Internetforum beschreibt, sei dabei „keinesfalls in Ordnung“, sagt Silvia Wiedebusch-Quante. „Bei einer Eingewöhnung nach den bewährten Modellen wird die Trennungsphase abgebrochen, wenn sich das Kind nicht beruhigt.“

Im Münchner Modell wird die Gruppe in die Eingewöhnung des Kindes integriert Quelle: picture alliance / Julian Strate

Das Münchner Modell ist eine Weiterentwicklung des Berliner Modells. Hierbei wird darauf vertraut, dass nicht nur die Erzieherin, sondern auch die Gruppe – also die anderen Kinder – mit zur Eingewöhnung beitragen. Zudem ist es zeitlich weniger starr.

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Eine gute Eingewöhnung erkenne man jedoch nicht daran, dass sie zwingend nach einem der beiden Modelle organisiert werde, sagt Eckstein-Madry. Wichtig sei, „dass die Einrichtung grundsätzlich eine Idee davon hat, wie sie die Eingewöhnung gestalten möchte und klar formulieren kann, was sie von den Eltern erwartet“.

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Bei vielen Trägern ist das schon Standard, wie etwa bei den evangelischen Kitas im Zuständigkeitsbereich des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe. Sie wenden ein eigenes Qualitätsmanagement für die Eingewöhnung an. „Viele Einrichtungen lehnen sich dabei an das Berliner Modell an“, sagt Sabine Prott, die im Diakonischen Werk für die Kitas zuständig ist.

Eine kurze, klare Verabschiedung ist wichtig

Für Wissenschaftlerin Eckstein-Madry helfen zudem folgende Regeln beim Kita-Start: Vater oder Mutter sollte grundsätzlich bei der Eingewöhnung mit in den Gruppenraum kommen, die Begleitperson während der Eingewöhnungsphase nicht wechseln. „Eine kurze, aber klare Verabschiedung macht dem Kind deutlich, dass man jetzt geht.“ Ebenso könnten Rituale wie ein Abschiedskuss oder das Mitnehmen des Lieblingskuscheltiers die Eingewöhnung erleichtern.

Wichtig sei, dass jedes Kind die Zeit bekomme, die es auch brauche. „Das heißt auch für die Eltern, dass sie sich diese Zeit nehmen sollten – nicht nur für die Eingewöhnung, sondern auch für den restlichen Tag“, sagt Eckstein-Madry. Denn die Phase der Eingewöhnung sei anstrengend für das Kind.

Auch Sabine Prott vom Diakonischen Werk appelliert an das Verständnis der Eltern. „Manchmal ist das schwer zu vermitteln – vor allem, wenn der Jobstart wieder ansteht oder schon ab einem gewissen Datum Beiträge für die Kita gezahlt werden, ohne dass das Kind voll da ist.“

Was ein Reinfall. Die misslungene Kindergarten – Eingewöhnung

Unsere große Tochter Peanut ist seit Ende November 3, und somit hat sie Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Tatsächlich ist sie auch „reif“ dafür; sie braucht dringend andere Kinder, regelmäßig, und andere Anregungen als nur im häuslichen Umfeld. Wegen unseres Umzugs mussten wir auf den letzten Drücker einen Kindergarten für sie finden und hatten schließlich eine Wahl getroffen, die ganz gut aussah und sich dann als Reinfall entpuppt hat…

Eingewöhnung – nur wenn eine Bindung da ist

In den meisten Einrichtungen wird nicht nach dem populären Berliner Modell gearbeitet (hauptsächlich für U3 Kinder), sondern „individuell“. Das sieht dann so aus, dass bei den Schnuppertagen den Eltern gesagt wird, dass das Kind so langsam oder schnell eingewöhnt wird, wie es das braucht. Und tatsächlich wird dann ziemlich Druck gemacht, denn leider ist es meistens so, dass die Erzieher der Meinung sind, dass sie das ohne Eltern besser hinbekommen. Eine Woche, fertig. Wenn es hoch kommt, zwei. Bei vielen Kindern klappt das tatsächlich, aber wenn man genau hinschaut, kommt nach ein paar Wochen eine Problemphase, in der der Trennungsschmerz noch mal hochkommt. Wird langsamer eingewöhnt, weinen die Kinder erstmal mehr, dafür sind sie langfristig glücklicher.

Vielleicht weiß es der ein oder andere, aber ich bin Sozialpädagogin und habe auch schon als Erzieherin gearbeitet, meistens mit Jugendlichen aber auch schon in einem Kindergarten. Ich weiß also wie das mit der Eingewöhnung so läuft, wie es im Kindergarten abgeht, wie die meisten Erzieherinnen so drauf sind, was die Eltern erwarten, was Kinder davon haben oder auch wie sie leiden können. Kurzum, es kommt vor allem auf die einzelne Erzieherin an und ganz wichtig, die Eingewöhnung muss wirklich gut sein. Denn nur wenn eine Bindung zu mindestens einer Erzieherin aufgebaut ist, kann das Kind sich von der Bezugsperson lösen. Ganz wichtig ist aber auch, dass die Eltern Vertrauen aufbauen können, denn schließlich geben sie ihr Kind ja in fremde Hände. Und Kinder spüren auch ganz genau, wenn sich die Eltern nicht wohlfühlen. Am Besten ist also, wenn die Eingewöhnung Hand in Hand geht und das Kind und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.

Für blöd verkauft und ausgelacht – soll das ein Witz sein? Unsere erste (und einzige) Woche

Wir, soll heißen die ganze Familie, Mama Papa Kinder, schauten uns also vor einigen Wochen zwei mögliche Einrichtungen an, fanden beide ganz ok und entschieden uns schlußendlich für den Waldkindergarten. Ich liebe ja den Wald, die Natur, wuhuuu, Freiheit und so. Die Erzieherin hatte das Konzept auch ganz toll verkauft, mit selbstgekochtem Sirup im Tee und liebevoller Eingewöhnung und so. Alles gar kein Problem. Und als wir ankamen, war es eher wie die Realitätsklatsche direkt ins Gesicht. Die Erzieherin war in Urlaub, die andere die wir nicht kannten, empfing uns. Die erste Begegnung mit ihrem netten Wesen machten wir auf dem Weg in den Wald (morgens starten sie in einem kleinen Häuschen) – wir wurden direkt mal dafür ausgelacht, dass wir unser Kind trugen. Und dann, dass wir mit ihm spielten. Und dann, weil das Kind generell ängstlich war. Hmmm. Auf dem Nachhauseweg erstmal Magenschmerzen. Wie soll das werden?

Am zweiten Tag war der Papa alleine mit Peanut und berichtete wütend, dass er ständig belächelt wurde und auch gestichelt wurde gegen das Klammerkind und den Hätschelpapa. Megamagenschmerzen bei mir.

An Tag drei war ich dann alleine mit beiden Kindern dort und oh Wunder, Peanut überraschte mich – sie war ganz cool im Morgenkreis, ließ sich problemlos anziehen, lief mit den Kindern zusammen in den Wald, und ich wurde gelobt, dass sie sich bei mir ja besser lösen könne. Den Papa solle ich doch bitte nicht mehr schicken. Äh, what? Auf das Drängen der Erzieherin ging ich dann auch erstmals spazieren, was auch gut funktionierte. Zuhause war es übrigens nicht so reibungslos, Peanut schlief total schlecht, Alpträume en masse, dazu auffälliges Verhalten – eine Mischung aus Provokation und Klammern.

Magenschmerzen bei Mama und Angst beim Kind

Dann kam erst mal das Wochenende und am Montag ging ich wieder mit Magenschmerzen hin. Wieso? Ich verdrängt die ganze Zeit, was ich für miese Gefühle hatte den Erziehern gegenüber. Sie hatten sich kaum Mühe gegeben, wollten weder etwas von mir noch von Peanut wissen, Bindungsarbeit war auch eher spärlich gesät. So habe ich nicht gearbeitet und ich weiß, dass es grundlegend falsch ist. Eigentlich muss sich eine Bezugserzieherin intensiv mit dem Kind befassen, und ein Vorgespräch zu den Eigenheiten wäre auch nett gewesen. Jedenfalls lief es problemlos, bis zum Morgenkreis – da wurde ich trotz anderer Absprache überrumpelt, doch bitte eineinhalb Stunden nach hause zu gehen. Ich ging, weil meine Tochter meinte, es wäre ok. (Fremdgesteuert und so.) Nach vierzig Minuten riefen sie an und ich traf mein Kind an, nicht heulend aber wie ein Häufchen Elend. Sie habe angeblich nur eine Träne geweint (als ob sie mich deshalb angerufen hätten).

Also nahm ich sie wieder mit und nahm mir vor, am nächsten Tag lasse ich sie nicht allein. Ich hatte mittlerweile Schlafstörungen so beschissen fühlte ich mich mit der Situation. Und Peanut weinte den Rest des Tages fast durch, rief immer wieder ich soll sie nicht allein lassen. Mein Herz blutet immer noch wenn ich dran denke. Wieso hab ich das nur mitgemacht? Wieso lasse ich mich überrumpeln? Weil diese dominante Person mich überfahren hat! Anfängerfehler!

Am Dienstag war die eigentlich nette Erzieherin wieder da. Nett? Zumindest erlebte ich dann ihr anderes Gesicht. Nachdem es eine halbe Stunde lang gut lief (weil ich Peanut sehr intensiv begleitet hatte) wurde sie pampig, als ich nicht gehen wollte und bedachte mich mit dem Spruch „Also ich will Sie nicht hier haben aber wenn Sie unbedingt meinen.“ Die Gruppe feierte Kindergeburtstag und es wurde demonstrativ „Wer von den Erziehern will noch einen Kaffee?“ gerufen und ich bekam auch mit, wie man über mich lästerte. Ommm! Gute Miene machen – warum gleich noch mal? Ach, weil es auf das Kind zurückfallen würde.

Da es regnete, ging die Gruppe dann auf Gewaltmarsch, wobei mir erst im Laufen gesagt wurde, dass wir keinen Halt machen. Scheiße, Peanut hasst Spazierengehen. Die vormals nette Erzieherin redete auf mich ein, ich solle mir keine Gedanken machen, wenn sie mal mit blauen Flecken nach hause käme, das sei eben die harte Schule des Lebens, Kinder hauen sich nun mal. Die andere meinte, es laufe doch so gut und spätestens in einem halben Jahr erkenne ich mein Kind nicht mehr wieder. Klang wie eine Drohung. Ich solle im Übrigen auch mal loslassen, das Kind brauche andere Kinder und nicht nur mich. Und die Kleine auch bitte nicht so lang stillen, die sei mit 7 Monaten schon alt genug um was Richtiges zu essen.

Systematische Traumatisierung

Nach einer Viertelstunde wurde Peanut langsam weinerlich, ist ja auch ziemlich anstrengend für so ein kleines Kind. Also wurde das pädagogische Arsenal ausgefahren, mit Überreden, kurz Hochnehmen, einen Meter tragen, Ablenken. Sie weinte wirklich erbärmlich und ich konnte sie nicht tragen. Wieso gingen die eigentlich einen Spaziergang, der für Erwachsene schon echt anständig ist? Mir wurde noch eine Anekdote erzählt, dass viele kleine Kinder nicht laufen wollten aber die bekäme man schon so weit. Irgendwann reichte es der anderen Erzieherin und sie riss Peanut einfach auf ihre Schultern, obwohl sie Angst vor ihr hatte und „Nein“ schrie. Meine Hand durfte sie auch nicht nehmen. Ich presste den Mund zusammen, denn selber tragen konnte ich sie ja auch nicht. Das war übrigens auch die Erzieherin, die unter Bindungsaufbau versteht, meine „Nein“ schreiende Tochter auf ihren Schoß zu ziehen, dort festzuhalten und zum Spielen zu zwingen.

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass Peanut seit Tagen mega schräg und klettig ist und dass ich da nicht mehr hingegangen bin? Keine Ahnung wie es weiter geht, die anderen Kindergärten sind leider mit Wartelisten versehen, aber da behalte ich sie lieber ein halbes Jahr zuhause. Denn ich sehe nicht ein, nur aus Angst vor mangelhafter Förderung im vermeintlich unsozialen Zuhause oder der Angst vor der Schule mein Kind vorsätzlich zu traumatisieren.

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Es ist ein Naturgesetz, aber eines, mit dem wir nicht gerechnet haben. Wenn Kinder groß sind, entwachsen sie uns. Brauchen uns weniger, als wir sie brauchen. Rufen uns nicht dreimal am Tag an, erzählen uns nicht mehr alles. Da müssen wir durch, so schwer es uns fällt.

War es nicht erst gestern, als ihre kleine Patschhand sich wie selbstverständlich in unsere schmiegte, wenn wir über die Straße gingen? Wunderbare vergangene Welt, die erste Risse bekommt, wenn unsere Kinder in der Pubertät sind und in einem Maß auf Eigenleben und Selbstständigkeit pochen, das uns verschreckt und oft überfordert.

Wir warten vor dem Fernseher mit Schnittchen, sie surfen im Internet, chatten, twittern, sind in einer Welt, in der wir nicht länger erwünscht sind. Und je inniger die Zeit vor der Pubertät war, desto grausamer ist die Zeit danach.

Lasst eure Kinder gehen, liebe Eltern!

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„Meine Tochter und ich waren ein Herz und eine Seele“, erinnert sich eine Mutter wehmütig. „Und dann kam Weihnachten. Sie war gerade sechzehn geworden, wir packten die Geschenke aus, ich holte gerade den Braten aus dem Ofen und sie sagte: ‚Ich geh‘ jetzt feiern. Macht ihr mal ohne mich weiter.‘ Weg war sie. Das war der Anfang vom Ende.“ Stimmt.

Die Pubertät ist das Ende der Kindheit, ein Abschied auf Raten. Zwei Welten entstehen da, wo vorher eine war. Und je mehr diese von unseren Kindern bestimmt war, je weniger wir allein oder mit unserem Partner gemacht haben, desto schwerer fällt es uns jetzt, sie ziehen zu lassen.

Aber das müssen wir, und zwar meistens dann, wenn sie wie Phönix aus der Asche ihrem Pubertätshorror entstiegen sind, wenn aus ihnen wieder nette, sozial verträgliche Menschen geworden sind. Und tschüss! Es geht jetzt genau den Eltern besser, die vorher leichte Schuldgefühle hatten. Weil sie in der Kleinkindphase ihren Nachwuchs öfter als andere bei ihren Eltern parkten, zu zweit verreisten, ihr Leben auch ohne ständige Kinderbegleitung weiterführten und genossen.

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„Wenn eine gute Mutter ihre Kinder mehr liebt als alles andere, bin ich keine gute Mutter. (…) Ich liebe meinen Mann mehr als meine Kinder“, hat die amerikanische Journalistin Ayelet Waldman in der „New York Times“ zugegeben und wütende Proteste, besonders bei Müttern, damit ausgelöst. Aber ist das nicht im Grunde eine gesunde Einstellung? Vielleicht hätte sie sich geschickter ausdrücken und sagen sollen: Ich liebe meinen Mann ANDERS, dann hätte sie nicht tonnenweise giftige E-Mails bekommen.

Die Eltern-Kind-Beziehung verändert sich

Wenn Sie jedoch zu den Müttern gehören, denen der Gedanke, nach dem Auszug der Kinder mit ihrem Mann ALLEIN in der LEEREN Wohnung zurückzubleiben, vor Panik die Luft abschnürt, dann haben Sie etwas falsch gemacht. Kinder sind eine Leihgabe und kein Besitz.

Egal, wie innig die Beziehung zu Ihrem Kind ist, es kommt der Moment, da fällt die Tür ins Schloss, da erleben Sie keinen gemeinsamen Alltag mehr. Es sei denn, Ihr Kind kommt zu Besuch, beispielsweise in den Semesterferien, und Ihnen widerfahren dann, in leichter Abwandlung, die zehn Stufen des Abschieds der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross:

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1. Überwältigende Wiedersehensfreude

2. Pläne schmieden, was man alles gemeinsam machen könnte: Mahlzeiten, Oma besuchen, Stadtbummel, gemütlich plaudern

3. Leichte Irritation, dass unser Kind sofort wieder in seine alten Gewohnheiten schlüpft, sein Zimmer zumüllt, mit Freunden Party macht, bei Sonnenaufgang nach Hause kommt, zum Sonnenuntergang aufsteht

4. Vergebliche Versuche, mit dem Kind gemeinsam zu frühstücken oder aber ein paar andere Dinge von Punkt 2 zu realisieren, verursachen Tränen oder laute Wutausbrüche – je nach Temperament; von beidem kriegt das Kind nichts mit, weil es entweder nicht da ist oder schläft

6. Latente Genervtheit darüber, dass man noch immer Hotel Mama ist

7. Nochmaliger Versuch, etwas zusammen zu unternehmen. Kind lässt sich zu einer gemeinsamen Aktivität (Shopping) herab, Mami ist glücklich

8. Abschiedsschmerz

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9. Erleichterung nach einer mehrstündigen Putzaktion, seine Wohnung wiederzuerkennen

10. Sehnsucht nach dem Kind, aber eine deutlich abgeschwächte.

Ausziehen? Aber im Hotel Mama ist es doch so schön

Wer mit Anfang 20 noch bei seinen Eltern wohnt, spart nicht nur Miete. Oft übernimmt die Mutter lästige Aufgaben wie kochen und waschen. Vor allem Männer bleiben deshalb gerne in ihrem Kinderzimmer.

Quelle: Die Welt/ Nora Lenz

So ist nun mal der Lauf der Welt. Jetzt können wir zwar Handy-Stalking bei unseren Kindern machen, aber damit holen wir sie nicht zurück. Im Gegenteil, je mehr wir es versuchen, desto öfter sind sie im „Funkloch“, dem einzigen Gegenmittel, das Kindern übrig bleibt, deren Eltern am „Überstülpungssyndrom“ leiden.

Denn das ist die bittere Ironie, wir sind tief enttäuscht, wenn unsere Kinder sich haargenau so verhalten wie wir früher, wenn sie auf Vorschläge wie „Lass uns doch mal wieder zusammen in ein schönes Ferienhaus nach Dänemark fahren“ nur verhalten reagieren.

„Ich will meiner Tochter nicht auf die Nerven gehen“, seufzt eine Mutter. „Schließlich ist sie über dreißig, also längst erwachsen. Wenn es nach mir ginge, würde ich gern einmal am Tag mit ihr telefonieren, nur mal hören, was sie so macht. Aber wenn sie dann ‚Ja, Mama, was gibt’s?‘ in den Hörer seufzt, dann fühle ich mich wie ein lästiger Verehrer. Obwohl ich ihre Mutter bin. Oder vielleicht gerade deshalb.“

Wenn das Kind fremd wird – Horror der Bildungsbürgereltern

Das sind die Sätze, vor denen wir am meisten Angst haben, sie auszusprechen. Mein Kind entzieht sich mir. Es ist mir fremd geworden. Es verkehrt in Kreisen, in denen ich mich fehl am Platz fühle. Unsere Tochter wohnt mit ihrem Mann in einer Villa, während wir noch immer unser Reihenendhaus abzahlen.

Unseren Sohn sehen wir nur selten, er fliegt beruflich ständig in der Welt umher. Oder ist zum Horror seiner Bildungsbürgereltern in einer Motorradgang. Wenn wir deswegen in Trübsal versinken, hilft vielleicht auch hier der Blick zurück.

Haben wir, nachdem wir von zu Hause ausgezogen sind, ständig angerufen, außer, wir brauchten Geld oder unsere Waschmaschine war kaputt? Haben wir überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, wie sich unsere Eltern fühlten, als wir in jungen, wilden Jahren wirklich nichts ausließen, worüber wir heute, wenn es unsere Kinder täten, ausrasten würden? Unsere Eltern haben unseren Abnabelungsprozess viel gelassener genommen als wir.

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Es ist schon merkwürdig – gerade wir, die sich nach dem Motto „frei sein, high sein, überall dabei sein“ verwirklicht haben, können unsere Kinder so schwer loslassen. Sind wir nicht die coolsten Eltern, die je mit ihrem peinlich berührten Nachwuchs und seinen Freunden gechillt, vielleicht sogar gekifft haben?

Wir sind doch genau die Eltern gewesen, die wir uns früher gewünscht haben. Das mag sein, trotzdem sind wir Eltern. Die, als unsere Kinder noch klein und wir für sie die Allergrößten waren, eine Beziehung zu ihnen hatten, die idealerweise sehr nah und zugewandt gewesen ist.

Helikopter-Eltern gehen Lehrern auf die Nerven

Sie diskutieren während des Unterrichts mit dem Lehrer über Noten oder machen die Hausaufgaben für das Kind: Helikopter-Eltern gehen Lehrern auf die Nerven – und schaden der Entwicklung ihrer Kinder.

Quelle: Die Welt

Wollen wir Eltern sein, deren Kinder „Oh Gott, schon wieder zwei Wochen um, ich muss die Alten dringend mal wieder anrufen“ seufzen, die Pflichtbesuche bei uns absolvieren? Natürlich nicht, aber wenn schon nicht länger erziehungsberechtigt, wollen wir zumindest daseinsberechtigt bleiben.

Balanceakt mit den erwachsenen Kindern

Doch wie bleiben wir zugewandt und fürsorglich, ohne aufdringlich zu wirken? Ein Balanceakt, bei dem uns nur unser Bauchgefühl weiterhelfen kann. Im Zweifel gilt das Sprichwort: „Weniger wäre mehr gewesen!“

„Man darf seine Kinder nicht wie verrückt lieben. Man muss sie mit Vernunft lieben“, sagte die Schauspielerin Isabelle Huppert in einem „Zeit“-Interview. „Daran muss man wirklich arbeiten, sonst droht die Katastrophe; in der Mutter-Kind-Beziehung existiert eine offene Tür, hinter der diese abartige und wahnsinnige Sache lauert.“

Vielleicht sollten wir uns an diesen klugen Sätzen orientieren. Früher dachten wir, unser Kind wird Polarforscher, Kinderkardiologe in Amerika oder erfindet zumindest ein Mittel gegen Haarausfall. Das war die Zeit, als wir noch glaubten, dass Kinder immer nur glücklich machen würden. Dass es biologisch geradezu unmöglich wäre, sie anstrengend oder anmaßend zu finden.

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Aber jetzt, da wir und unsere Kinder in die Jahre kommen, hätten wir am liebsten genau das Kind, das wir in jüngeren Jahren eher mitleidig belächelt hätten: ein häusliches Wesen, das sonntags gern mit uns Braten isst, Grundschullehrerin oder Bankangestellter werden möchte. Auf jeden Fall finanziell so stabil, dass die Enkelkinder geboren werden, bevor wir im Gehwagen zum Spielplatz schlurfen.

Aber den Gefallen tun sie uns leider nicht. Im Gegenteil, sie sind heute in London, morgen in Rio, sie haben Jahresverträge, die oft nicht verlängert werden, und Berufe, die wir nicht mehr verstehen. Oder wissen Sie ganz spontan, was ein „Suchmaschinenoptimierer“ so macht? Na also.

Wenn Eltern nerven – Stoppt die „Tyrannei der Intimität“!

Auch der Psychologe Oskar Holzberg forderte in einem Interview für „Brigitte woman“, dass Eltern mit dieser „Tyrannei der Intimität“ aufhören müssen. „Diesen viel zu großen Kinderkult, die oft panische Überbewertung jeder Eigenbewegung, die daraus resultiert, dass fatalerweise nur eine enge Beziehung zu unseren Kindern als gut gelebtes, verwirklichtes Leben gilt.“ Genau so verhalten wir uns nämlich.

Wir schämen uns, wenn die Beziehung zu unseren Kindern nicht so eng ist, wie wir es gern hätten. Wir beneiden Freunde und Verwandte, bei denen es anscheinend anders ist.

Klar ist es am schönsten, wenn unsere Kinder nach Abschluss unserer Erziehungsarbeit ähnliche Ideale haben wie wir. Viel schwerer auszuhalten ist das, was Psychologen „Ambivalenztoleranz“ nennen, Gelassenheit nämlich, wenn sie sich in Berufs- und Partnerwahl völlig anders entwickeln, als wir es ihnen vorgelebt haben.

Was habe ich bloß falsch gemacht? denken wir, wenn unser Sohn mit Ende dreißig noch in einer WG wohnt und es nie länger als sechs Monate in einem Job oder mit einer Frau aushält. Oder wenn unsere Tochter einen Mann mit drei Exfrauen, fünf Kindern und einem Offenbarungseid heiratet.

Stopp! Schluss mit dem Selbstmitleid! Wir müssen endlich aufhören, unsere Kinder als allein selig machende Glücksgaranten zu sehen. Lauern wir nicht mehr auf Anrufe, E-Mails, SMS-Nachrichten, sondern leben wir ihnen vor, wie schön das Leben auch ohne sie ist.

Und wie heißt es noch mal in dem wunderschönen Lied von Sting: „If you love somebody set them free.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Eva Gerberding / Evelyn Holst, ?Wer sagt, dass Kinder glücklich machen? Von Vätern und Müttern am Rande des Nervenzusammenbruchs?, Südwest Verlag, 240 Seiten. Vielen Dank und herzl…iche Grüße, Deborah Ferjencik Presseabteilung ___________________________________________________________ Südwest Verlag Verlagsgruppe Random House GmbH |Bayerstr. 71-73 | 80335 München Tel. +49 (0) 89-41 36-39 27 | Fax +49 (0) 89-41 36-35 07 [email protected] | http://www.randomhouse.de/suedwest/ Quelle: Südwest Verlag

Vor allem Mütter gewinnen eine neue Freiheit, wenn die Kinder das Haus verlassen. Trotzdem weinen viele heimlich, wenn sie plötzlich vor dem leeren Nest stehen.

Es kam ganz plötzlich – mitten im Maturastress. Eines Tages stand ich im Zimmer meiner Tochter und kämpfte mit den Tränen. Der Raum kam mir so leer vor. Dabei sah es aus wie immer: der Kleiderberg auf dem Boden, die Zettelwirtschaft auf dem Tisch, die aufgeschlagene Bettdecke. Nach der Schule würde sie heimkommen und mich mit ihrem fröhlichen „Wie geht’s dir, Mama?“ begrüßen. Doch zum ersten Mal stellte ich mir die Frage: Wie lang noch?

Wenig später spürte sie meine Gedanken und wollte mich tröstend in den Arm nehmen. „Mama, du musst dich auf die Stufe stellen“, forderte sie mich auf. „Warum?“, fragte ich. „Du musst größer sein als ich.“ Seit bald 19 Jahren ist es als „Größere“ meine Aufgabe, den Kindern Halt und Geborgenheit zu geben. Also stieg ich auf die Stufe und ließ mich umarmen.

Aber warum war da diese Traurigkeit? Geht es anderen Eltern auch so? Psychologin Gertrud Kuffner kennt das Phänomen, auch wenn sich viele Eltern dessen nicht bewusst sind. „Die meisten kommen mit sehr diffusen Beeinträchtigungen. Oft ist meinen Klienten nicht klar, dass der Auszug der Kinder für sie ein Thema ist. Wenn ich es in der Therapie aber anspreche, fließen die Tränen.“ Meist kommen mehrere Dinge zusammen – bei den Frauen fällt der Weggang der Kinder oft in die Zeit der Wechseljahre, die schon schwierig genug ist. Da darf man Emotionen freien Lauf lassen, findet Kuffner: „Tränen dürfen sein. Es ist schließlich ein Abschied, eine Trauerphase: Wir kommen von einem sicheren Bereich unseres Lebens, in dem die Augen auf das Kind gerichtet sind, in eine Freiheitsphase, die sehr schön sein kann, die wir aber auch als Unsicherheit und Leere empfinden können.“ Die Kinder werden flügge, verlassen das Nest – es packt einen das Empty-Nest-Syndrom. Ein bisschen Traurigkeit ist normal – und kein Grund, zum Therapeuten zu pilgern. Es kann jedoch vorkommen, dass professionelle Unterstützung nötig wird: bei extremer Schlaflosigkeit, bei großer Traurigkeit, Lustlosigkeit, Appetitlosigkeit, wenn es in Richtung Depression geht. „Dann sollte man schon genauer hinschauen“, rät die Expertin.
Ein neues Maß an Freiheit. Frauen, die arbeiten, fällt es leichter, sich auf die neue Situation einzustellen, sagt Kuffner. Ganz leicht aber auch nicht, wie Ingrid Amon schildert. Die Sprechtrainerin, Autorin und Vortragende ist alleinerziehende Mutter. Als die 19-jährige Tochter „von heute auf morgen“ zum Studium nach Potsdam ging, sei sie wochenlang zu beschäftigt gewesen, um darüber nachzudenken. „Nach acht Wochen habe ich mitgekriegt, dass ich mich dem stellen muss, sonst trauere ich ewig.“ Sie traf Freundinnen, denen es ähnlich erging, und „wir haben gemeinsam ein bissl geheult“ – vor der Tochter hätte sie aber nie geweint.

Plötzlich ist der Kühlschrank halb leer. Es verschwindet nichts mehr aus dem Kleiderschrank. Der Tisch ist ihr zu groß. „In der ersten Phase der Trauer habe ich mir sogar überlegt, ob ich überhaupt einen Christbaum daheim stehen haben will.“ Gleichzeitig sei sie beruflich heute wesentlich freier als früher. „Man muss nicht mehr nach Hause hetzen, weil man noch mit dem Kind essen will.“ Sie habe nun „ein enormes Maß an Freiheit“: „Das ist schön und gleichzeitig irritierend.“ Auch für die Jugendlichen ist der Auszug eine unsichere Phase, sagt Kuffner, „aber sie haben die Aufbruchstimmung, das Unbeschwerte, während wir schon diesen grauen Blick haben und nur sehen, was alles passieren könnte, wenn man allein wohnt, und fragen: ,Sperrst du auch abends die Tür zu?‘“

Gewöhnungsbedürftig sei es schon gewesen, plötzlich allein zu leben, erzählt Katharina Rauter. Nach der Scheidung der Eltern zog sie mit 18 in eine eigene Wohnung. „In der ersten Nacht wollte sie, dass ich bei ihr schlafe“, erzählt ihre Mutter Eva, der es „überhaupt nicht leicht“ gefallen ist, das Kind gehen zu lassen. „Sie war ja erst 18. Und es ist alles so schnell gegangen – das hat mich überrumpelt.“ Und dann hat das Kind auch noch den geliebten Kater mitgenommen.

Sie sei aber auch sehr stolz, dass ihre Tochter so selbstständig sei. Kein Problem für Katharina, die schon vorher „relativ viel allein“ war, weil die Mutter ein Geschäft betreibt. „Am Anfang ist es aber schon komisch, wenn man weiß, es kommt niemand heim.“ Seit sie sich daran gewöhnt hat – Kater Alfred leistet Gesellschaft – findet es die WU-Studentin „cool“ und trifft sich mit der Mutter auf Augenhöhe: „Wir frühstücken manchmal miteinander, oder ich gehe sie im Geschäft besuchen. Und ich telefoniere jeden Tag mit ihr – mehr als mit meinen Freundinnen.“ Da machen die beiden viel richtig, sagt Kuffner: Sie empfiehlt nach dem Auszug regelmäßige Treffen – „aber nur, wenn sie freiwillig sind“. Außerdem müssten sich die Kinder daran gewöhnen, daheim nur Gäste zu sein: „Die dürfen nicht plötzlich in der Tür stehen. Die Intimsphäre der Eltern ist zu respektieren. Und umgekehrt: Die Eltern dürfen nicht auf einmal in der Wohnung des Kindes stehen.“ Und noch etwas stellt die Expertin klar: Ausgezogen ist ausgezogen – das heißt auch, dass man seine Wohnung selbst putzt und die Wäsche wäscht. „Es geht darum loszulassen.“

„Kinder ja nicht festhalten.“ Auch Eva Rauter erzählt, dass sie über den Auszug der Tochter „sehr traurig“ war. Auch sie hat nur heimlich geweint. „Es war eine innere Leere. Die neue Freiheit als Mutter lernt man erst step by step kennen.“ Ihr Rat: „Die Kinder ja nicht festhalten. Sie müssen ihren eigenen Weg gehen.“ Sie selbst habe als junge Frau die umgekehrte Erfahrung gemacht: „Ich durfte nicht ausziehen. Meine Eltern wollten, dass ich bis 30 daheim wohne. Ich habe dann mit 20 einfach mein Kofferl gepackt und bin nach Wien gegangen – gegen deren Willen.“ Das hat die Beziehung zu den Eltern belastet: „Es war eine Katastrophe – monatelang. Ich habe mich gar nicht getraut, daheim anzurufen.“

Die Heimlichtuerei mit der Traurigkeit, von der viele Frauen erzählen, geht Ingrid Amon auf die Nerven: „Ich erlebe in der Öffentlichkeit keine Ermutigung für Mütter, dass man traurig sein darf“, ärgert sie sich. Aber warum eigentlich? „Du musst dein Kind loslassen – das ist derselbe Abschiedsprozess wie bei einer Trennung.“ Sie habe sich dann auch die Sinnfrage gestellt: „Nach zwanzig Jahren – das ist ja eine Lebensaufgabe – bin ich stolz, das gemacht zu haben. Und ich frage mich, ob es noch einmal im Leben etwas geben wird, was mich so begeistert, für das es sich so lohnt, sich einzusetzen.“

Für Hausfrauen sei diese Neuorientierung besonders schwierig, sagt Kuffner. Sie können sich nicht ins Berufsleben stürzen – bleiben Hobbys oder soziales Engagement. Das allein sei aber nicht erfüllend, meint die Therapeutin. „Wertschätzung läuft bei uns sehr viel über Bezahlung. Und für eine Frau, die Managerin eines Haushalts mit drei, vier, fünf Personen war, reicht es nicht, auf einmal nur Ikebana zu machen.“ Viele Mütter hätten verlernt, darauf zu horchen, was sie selbst brauchen: „Wenn das Baby schreit, kann ich mich nicht fragen, ob ich jetzt lieber einen Stadtbummel machen oder Kaffee trinken gehen würde.“ Das Bild der aufopfernden Mutter habe aber ausgedient: „Es ist eine neue Funktion der Frau, sich selbst im Blick zu behalten.“

Und den Partner. Genau da spießt es sich meist zusätzlich. „Obwohl die Kinder zunächst kleiner sind und man drüberschauen könnte, wird der Partner oft nicht mehr gesehen.“ Ehen gehen auseinander, wenn Kinder ausziehen und sie das Einzige waren, was die Partner zusammengehalten hat. Was dann passiert? „Die Männer finden eine Außenbeziehung, weil sich die Beziehung abgenutzt hat und sich in Sachen Intimität neben den Kindern nicht so viel abspielt. Und die Frauen fragen sich: Was tue ich mit diesem Mann?“ Dabei biete sich, wenn niemand zu bemuttern ist, die Chance für einen Neuanfang. Den Männern rät Kuffner, ihre Frauen zu unterstützen: „Das Wichtigste ist, ihr zu sagen: Ich bin bei dir. Du bist für mich immer noch der wichtigste Mensch.“ Mit ihren Klientinnen begibt sich die Therapeutin auf die Spurensuche nach dem, „was in der Zeit der Kinderaufzucht verschüttet worden ist“: „Ich sage dann: Freuen sie sich doch! Das ist die neue Freiheit.“

Auch wenn man die manchmal erst wieder genießen lernen muss.

Buchtipp

Loslassen. In dem Buch beschreibt die Psychotherapeutin Verena Kast die Phasen des Ablösungsprozesses von Eltern und Kindern – und zeigt auf, wie es gelingen kann, sich selbst neu zu finden (Herder).

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.03.2016)

Loslassen

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist geprägt von Phasen von Innigkeit, die dann wieder von Prozessen des Loslassens unterbrochen wird. So wachsen Kinder und so gewinnen sie Stück für Stück Selbständigkeit.

Nicht immer fällt Müttern dieser Prozess leicht und ich halten den Satz „Du musst lernen los zu lassen!“ für genauso lästig wie den Satz „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“. Spannenderweise fallen diese Sätze oft im selben Kontext und sind nur an andere Personen gerichtet. Trennungsschmer kommt auch bei Müttern vor.

Loslassen ist integraler Bestandteil des Mutterseins

Das erste Mal lässt du dein Baby los, wenn es deinen Körper verlässt. Neun Monate ist es in dir herangewachsen. Und dann kommt der Moment loszulassen. Nachdem du dein Kind wahrscheinlich kennen lernen willst, fällt das Loslassen in diesem Fall relativ leicht. Ich kenne allerdings Mütter, die von sich sagen, am liebsten wären sie immer schwanger 😉

Die nächsten Punkte am Weg des Loslassens sind schon festgelegt. Das Baby schläft im eigenen Bett, es wird aktiver und braucht weniger Körperkontakt. Wenn du gestillt hast, dann folgt die Phase des Abstillens, die auch eine Trennungsphase für Mutter und Kind darstellt.

Oft sind weder Mutter noch Kind bereit für diesen Schritt, dann heißt es behutsam vorgehen und sich Zeit zu lassen. Wenn du für diesen Prozess eine Expertin suchst, so kann ich dir Tabea Laue herzlich empfehlen.

Später lässt du dein Kind los, wenn es selbst zu gehen beginnt und die Welt erforscht. Es will nicht mehr immer an der Hand gehen und bewegt sich mehr und mehr von dir weg.

Dieses Loslassen macht Angst und ruft Trennungsschmerz hervor.

Schließlich hast du dich mit deinem Kind als Einheit wahrgenommen. Sicher, es gab Tage, an denen dir diese Symbiose auf die Nerven ging. Im Grunde genommen fandest du es aber sehr nett.

Bei den meisten Familien wird das Thema Loslassen mit dem Kindergartenbesuch richtig akut. Vorher können sich alle Beteiligten noch irgendwie rumschummeln.

Bei den meisten Familien wird das Thema Loslassen mit dem KITA-Besuch richtig akut. Vorher können sich alle noch irgendwie rumschummeln. Klick um zu Tweeten

Sowohl dir als Mutter, als auch deinem Kind fällt das Loslassen leichter, wenn du alle Etappen ruhig vollziehst. Wenn ihr euch vor dem Kindergarten schon daran gewöhnt habt, dass es auch Zeiten gibt, wo ihr getrennt seid, dann wird es nicht so viele Schwierigkeiten geben.

Die Ursachen von Trennungsschmerz

Wenn dein Kind in den Kindergarten kommt, dann wird es selbständig und lernt, ohne dich auszukommen. Das kann Verlustängste und echten Trennungsschmerz auslösen. Auch bei dir als Mutter.

Du verlierst die Kontrolle

Ab jetzt weißt du nicht mehr, was dein Kind zu jeder Minute des Tages macht. Das Leben deines Kindes entzieht sich deiner Kontrolle. Das ist die Ursache für unangenehme Gefühl, Schmerz und Angst. Schließlich warst du bis jetzt die Hauptperson im Leben deines Kindes und umgekehrt. Du hast es umsorgt und getröstet. Jetzt lernt es ohne dich zurecht zu kommen.

Starke Mutter-Kind-Bindung

Viele Frauen merken gar nicht, wie sehr sie ihr Leben auf das Kind einstellen. Einerseits geht ihnen die ständige Verfügbarkeit auf die Nerven und sie fühlen sich ausgelaugt. Andererseits können sie in dieser Zeit auf das Leben ihres Kindes größtmöglichen Einfluss nehmen.

Du merkst, dass dein Kind – und damit auch du – älter wird

Oft fällt es Eltern schwer zu sehen, dass ihr Kind älter wird, mehr Verantwortung übernehmen kann und auch in der Lage ist Aufgaben für die Gemeinschaft zu erledigen. Sie wollen ihr Kind möglichst lange klein halten. Sei es, weil sie Kleinkinder so niedlich finden, oder auch, weil sie damit ihre eigene Jugend festhalten.

Gerade bei diesem Punkt spielt der Faktor Gewohnheit eine große Rolle. Wenn du etwas oft machst, dann stellt sich schnell eine Gewohnheit ein. Du brauchst nicht mehr an alles zu denken, wenn du es tust. Ein gutes Beispiel ist dafür Auto fahren. Du sitzt nicht mehr wie in den Anfangstagen im Auto und denkst: „Runterschalten – Blinken – Spiegel-Spiegel-Schulter-Blick – runterschalten – einschlagen – um die Kurve fahren“ Du tust es einfach.

Ich bin unlängst bei einem Kinderkurs in die Gewohnheitsfalle getappt. Du kannst es dir in diesem Video ansehen.

Bedenken das Kind jemand anderem anzuvertrauen

Sein Kind einer anderen Bezugsperson anzuvertrauen setzt sehr viel Vertrauen voraus. Wenn du dein Baby einmal für ein paar Stunden von deiner eigenen Mutter betreuen lässt, dann weißt du genau worauf du dich einlässt. Schließlich kennst du deine Mutter schon dein ganzes Leben. Du kennst ihre Werte, weißt, wie sie in Krisensituationen reagiert und du weißt auch, dass sie in vielen Fällen in deinem Sinne handeln wird.

Sein Kind einer anderen Bezugsperson anzuvertrauen setzt sehr viel Vertrauen voraus! Klick um zu Tweeten

Bei einer Pädagogin weißt du das am Anfang nicht. Du musst ihr einen Vertrauensvorschuss entgegenbringen. Du kannst nur darauf vertrauen, dass sie ihren Beruf gelernt hat, genug Erfahrung und Kompetenz mitbringt, um deinen kleinen Liebling gut zu versorgen.

Dazu kommt, dass du dir zwar die Betreuungseinrichtung in vielen Fällen aussuchen kannst. Nicht aber die Bezugsperson innerhalb dieser Einrichtung. Du hast keine Wahl. Das kann schon Bedenken auslösen. Dazu kommt, dass auch viele Kinder am Anfang weinen, wenn sie von der Mama getrennt werden.

Manchmal wenden sich Kinder auch von sich aus Betreuungspersonen innerhalb einer Einrichtung zu (wenn sie die Wahl haben), die du selbst nicht ausgesucht hättest. Sie finden bei dieser Person etwas, von dem sie sich angezogen fühlen.

Und dann gibt es die Ausnahmen

Ich z. B. hielt mich für eine dieser Ausnahmen. Bei beiden Kindern fiel mir das Abstillen leicht. Es erfolgte im Einklang mit den Kindern. Auch das Gehen lernen und der Kindergarteneintritt hat wenig ausgemacht. Dann kam der Schuleintritt und wieder fühlte ich nichts von dem Trennungsschmerz, den andere Mütter beschrieben. Ich fühlte mich schon über dieses Phänomen erhaben! Wenn ich es geahnt hätte. Hochmut kommt bekanntlich von dem Fall!

Als unser Sohn allerdings ins Gymnasium kam und mit dem Bus 20 Minuten bis zur Schule fahren musste, änderte sich schlagartig alles. Mein kleiner Großer wollte natürlich vom zweiten Schultag an allein in die neue Schule fahren. Schließlich war er auch bereits am zweiten Schultag allein in die Volksschule gegangen.

Voll erwischt!

Mich hat es damals voll erwischt. Wir hatten unserem Sohn extra ein Handy gekauft, damit er uns immer erreichen konnte. Bereits am zweiten Tag rief er mich an, weil die Klassenkollegen seine Schuhe versteckt hatten. Ich musste ihn telefonisch anleiten, sein Problem allein zu lösen – und ging dabei im Kreis. Ich war nicht in der Lage ihm zu helfen. Er hätte es auch gar nicht gewollt.

Am dritten Tag stieg er drei Stationen zu früh aus dem Bus und statt mich anzurufen ging er den ganzen Weg zu Fuß nach Hause. Er kam eine geschlagene Stunde zu spät. Meine Anrufe auf seinem Handy hatte er nicht gehört, weil es in der Schultasche am Rücken war! Ich hab rotiert, mir alle möglichen schrecklichen Dinge ausgemalt und mir schon überlegt, ob ich die Polizei verständigen soll.
Und dann kam er lachend und seelenruhig nach Hause. Erschöpft vom langen Fußmarsch und glücklich, es ganz allein und selbständig geschafft zu haben.

Du siehst, für Trennungsschmerz ist es nie zu spät 😉

Dieses Erlebnis hat jedoch auch mich gelehrt Vertrauen in mein Kind und seine Kompetenz zu haben.

Du leidest unter Trennungsschmerz und wünscht dir Unterstützung?

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So lernen Eltern Ihre Kinder loszulassen

Text: C. v. B. / Letzte Aktualisierung: 02.02.2020

Wenn Eltern die Kinder nicht loslassen kommt es oft zum Streit! / Foto: © Africa Studio – stock.adobe.com

Inhaltsverzeichnis dieses Artikels:
In diesem Artikel erklärt eine erfahrene Mutter wie Eltern lernen können Ihre Kinder loszulassen.

Kinder loslassen lernen

Für alle Eltern ist es schwierig zu akzeptieren, dass ihre Kleinen groß werden, oder bereits groß sind. Immerhin hat man sich daran gewöhnt, dass Kinder die elterliche Hilfe benötigen und in jungen Jahren auch auf sie angewiesen sind. Irgendwann kommt dann aber die Zeit, in der sich der geliebte Nachwuchs der elterlichen Fürsorge entzieht und beginnt, auf eigenen Beinen durch das Leben zu gehen. Dass die ersten Schritte in die Selbstständigkeit oft mit Konflikten einhergehen, weiß jeder. Wohl dem, der mit ihnen umzugehen weiß.

Kleinkinder loslassen – Dramatische Szenen im Kindergarten und Schule vermeiden

Bereits der erste Tag im Kindergarten oder in der Grundschule kann für alle Beteiligten zum Drama werden, wenn man nicht auf den „Abschied auf Zeit“ vorbereitet ist. Deshalb sollte man die Kleinen schon früh daran gewöhnen, dass sich die Welt, zumindest zeitweise, auch ohne Mama und Papa weiterdreht. Besuche bei Freunden, Übernachtungen bei Verwandten oder auch der Besuch von Krabbel- und Spielgruppen helfen Kleinkindern, den Umgang mit fremden Umgebungen und Personen zu lernen. Tipps, die den Eltern in akuten Trennungssituationen helfen, sind nur schwer zu geben, da sie meist sehr genau wissen, dass die Sorge um das Kind völlig unbegründet ist. Deshalb heißt es trotz herzerweichendem Schluchzen des Kindes: Augen zu und durch! Der oder die vermeintlich Verlassene wird es schnell verkraften und beim Abholen wahrscheinlich vergnügt mit anderen Kindern spielen, als ob es das Normalste der Welt sei.
Mehr über die Trennungsangst bei Kindern

Teenager loslassen – Psychische und körperliche Trennung

Die Zeit der Pubertät ist für die Eltern wohl die härteste Phase. In keiner anderen Zeit des Lebens fordern die eigenen Kinder mehr an Verständnis, Fürsorge und Geduld. Sie entwickeln ihre eigene Identität und werden zur eigenen, selbstständigen Person. Das sonst noch genossene Kuscheln oder Umarmen wird mit einem ablehnenden: „Mensch, Mutti …!“ kommentiert und man besteht auf seinen eigenen Freiraum. Auch geistig nabelt sich der Nachwuchs von den Eltern ab, lernt, seine eigene Meinung zu bilden und diese auch zu vertreten. So schwierig diese Entwicklungsphase auch ist, sollten Eltern ihre pubertierenden Kinder im Rahmen der Möglichkeiten gewähren lassen. Die Konflikte und Diskussionen dieser Zeit sind wichtig und legen den Grundstein für ein eigenverantwortliches Leben.
Die eigenen Kinder loslassen ist schwer – aber man kann und muss es lernen!

Wie Eltern lernen ihre Kinder loszulassen – Zurückhaltende Präsenz der Eltern

Mütter und Väter müssen sich vor Augen halten, dass Kinder ab einem gewissen Alter ihre Individualität entwickeln und sich so von der Familie, Schritt für Schritt und ganz bewusst, distanzieren. Das mag sich hart anhören, ist aber ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens, den jeder Mensch dringend braucht. Wer dabei gelassen auch einmal zwei Augen zudrückt und seinem Nachwuchs stets zurückhaltend mit Rat und Tat zu Seite steht, wird damit belohnt, am Leben der Zöglinge teilhaben zu können. Allerdings sollte die Engelsgeduld nicht unendlich sein, denn auch als Mutter und Vater darf man seine eigene Meinung haben. Übrigens: Vielleicht hilft die Frage, ob das Verhältnis zu den eigenen Eltern ganz ohne Konflikte verlaufen ist? Beim Weiterführen dieses Gedankens wird man oft feststellen, wie ähnlich die eigenen Kinder einem doch sind.
Besonders wichtig ist es das Eltern Ihre erwachsenen Kinder loslassen. Geben Sie Ihren Kindern soviel Freiraum wie sie brauchen. Text: C. v. B. / Stand: 02.02.2020

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Wenn Heranwachsende das Elternhaus verlassen

Heranwachsende haben vielfältige Motive, aus dem Familienhaushalt auszuziehen. Man will auf eigenen Füßen stehen, Eigenständigkeit demonstrieren, Freiheiten ausprobieren. Man möchte mit dem Freund oder der Freundin zusammen sein, man will der elterlichen Kontrolle entfliehen und Selbstständigkeit ausdrücken. Man will den ständigen Reibereien, die sich an Nichtigkeiten entzünden, aus dem Weg gehen. Viele Pubertierende spüren instinktiv, dass die heftigen Konflikte die Beziehungen zu den Eltern sonst nachhaltig berühren, sogar beschädigen können.

  • „Ich will ausziehen“, erklärt mir Josef, 19 Jahre.
    „Es reicht mir zu Hause! Ich mag meine Eltern schon. Aber wir haben ständig Zoff wegen irgendeiner Kleinigkeit. Aufräumen. Pünktlichkeit. Mithelfen und so! Das nervt mich, und das muss nun nicht mehr sein!“
  • „Bei mir ist’s anders“, ergänzt Sarah, 21 Jahre.
    „Ich möchte mit meinem Freund zusammenleben. Das einfach ausprobieren. So bin ich mal hier und mal da. Mal Kind, mal Frau. Diesen Spagat finde ich anstrengend. Meine Mutter ist in Ordnung, aber die macht sich sehr viele Sorgen. Und das geht mir allmählich auf den Geist. Ich weiß, die meint es gut. Aber ich will jetzt auf meinen eigenen Beinen stehen!“
  • „Wir haben uns lange Zeit vertragen“, berichtet Jakob, 19 Jahre.
    „Aber jetzt habe ich meine eigenen Interessen, meine Eltern haben andere. Wir passen nicht mehr zusammen. Jeder geht so seinen Weg. Ich glaub, wenn wir uns weniger sehen, dann passen wir irgendwann wieder besser zueinander.“

Ablösung bedeutet Umgestaltung der Eltern-Kind-Beziehung

In den Aussagen der drei jungen Erwachsenen wird aber noch ein weiterer Gesichtspunkt deutlich, der häufig unterschätzt wird: Ablösung meint nicht Auflösung der Eltern-Kind-Beziehung. Ablösung bedeutet vielmehr eine Umgestaltung dieser Beziehung. Man geht anders aufeinander zu, stellt eine neue Verbundenheit her. Sich voneinander zu lösen und sich gleichzeitig verbunden zu fühlen, sind zwei Dinge, die zusammengehören.

Schärfer formuliert: Eine Ablösung gelingt Heranwachsenden in der Pubertät ausschließlich vor dem Hintergrund einer gefühlsmäßig stabilen Bindung zu den Eltern. Je fester also, je vertrauter die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind ist, umso leichter wird es beiden Seiten fallen, die „Zügel“ zu lockern und einander loszulassen, damit eine neue Beziehung gestaltet werden kann.

Loslassen beginnt lange vor dem Auszug der Kinder

Ein Vater und eine Mutter beschreiben rückwirkend, wie Sie den Auszug ihrer beiden Töchter erlebt haben: „Für mich war ihr Auszug doch so etwas wie eine Befreiung. Da fiel auch Verantwortung von mir ab. Die eine hatte eine gute Ausbildung, die andere studierte. Das machte mich auch ein wenig stolz. Jetzt wollte ich mal etwas ganz anderes machen. Nicht nur Mutter sein, nicht mehr nur Verantwortung tragen. Wir haben“, sie weist auf ihren Mann, der neben ihr sitzt, „darüber geredet. Und ich denke, wir haben einen Weg gefunden. Ich arbeite jetzt wieder halbtags als Sekretärin!“

Ihr Mann: „Mir ist es schon schwergefallen. Vor allem bei der letzten Tochter. Das war irgendwie so ein Ende. Da ist etwas gestorben. Und ich hab viel darüber nachgedacht, was ich alles mit den Töchtern versäumt habe. Ich war stark im Beruf engagiert, hab mich aus der Kindererziehung rausgehalten. Dann sind die Kinder mit einem Mal groß und nicht mehr da. Da kommen einem Schuldgefühle! Ich wollte mit einem Mal Versäumtes nachholen. Und habe gemerkt, das geht nicht!“

Beide Eltern beschreiben ihre Gefühle und Gedanken nach dem Auszug Ihrer Töchter. Dabei wird deutlich, dass Vater und Mutter nun wieder auf sich selbst „zurückgeworfen“ sind.

Der Vater ist auf diese Situation jedoch nicht vorbereitet gewesen.
Eine langsame Ablösung von seinen Kindern und die Umgestaltung seiner Beziehung zu ihnen haben während der Pubertätsjahre nicht stattgefunden. So ist für ihn die Trennung von seinen Töchtern nun eine plötzliche, schmerzhafte Erfahrung, die mit Trauer und Schuldgefühlen verbunden ist.

Die Mutter hingegen war auf diesen Schritt Ihrer Kinder vorbereitet.
Sie hat gemeinsam mit ihren Töchtern darauf hin gearbeitet, dass sie ein eigenständiges Leben führen können, und ist nun stolz darauf, dass ihre Kinder auch beruflich auf einem guten Weg sind. Im Unterschied zu ihrem Mann fühlt sie sich erleichtert, befreit von der jahrelangen Verantwortung für Ihre Töchter und ist froh darum, jetzt wieder eigene (berufliche) Wege gehen zu können.

Väter tun sich schwerer mit dem Loslassen der Kinder

Wie im Beispiel fällt es vielen Vätern oft schwerer, sich von ihren erwachsen werdenden Kindern zu lösen, als Müttern. Väter sehen den Auszug häufig negativer und reagieren beunruhigter. Sie empfinden die Trennung als einen Verlust, der sie sehr plötzlich zu treffen scheint. Die väterlichen Probleme weisen auf eine Vielzahl bedenkenswerter Aspekte des Loslassens hin:

  • Viele Väter setzen sich mit der Abnabelung ihrer Kinder erst sehr spät und nur oberflächlich auseinander. Die gefühlsmäßigen Folgen eines Lösungsprozesses werden nur selten in ihrer ganzen Tragweite betrachtet.
  • Väter haben sich häufig lange Zeit aus der Erziehung herausgehalten. Sie haben sich mit der Kindererziehung auf eine imaginäre Zukunft hin vertröstet („Wenn die Kinder älter sind!“) – und in dem Moment, wo sie vielleicht Zeit hätten, ziehen die Heranwachsenden aus. Manchmal versuchen sich Väter in einer Erziehung der letzten Minute, die nicht selten in gegenseitigen Vorwürfen und nerv tötenden Machtkämpfen endet.
  • Auffällig ist, dass Väter die Elternschaft oft positiver als die Ehe bewerten. Deshalb halten sie an ihrer Elternrolle fest und die Kinder im Haus. Mancher Vater verwendet dabei wenig gekonnte Techniken, etwa, indem er Pubertierende durch Streit und Konflikt bindet oder durch materielle Zuwendung fesselt.

Mein Rat an die Väter: Leben Sie Ihre Partnerschaft!

Je lebendiger und fester Sie Ihre Partnerbeziehung gestalten und erleben, desto positiver und einfacher werden Sie auch den Auszug Ihrer heranwachsenden Kinder „ertragen“. Indem die Elternrolle zurücktritt, tun sich Freiräume auf, die Sie nun gemeinsam mit Ihrer Partnerin ausfüllen können. Und aus der Sicht Ihres pubertierenden Kindes gilt: Je mehr es spürt, wie sich seine Eltern auf ihre Partnerschaft zurückbesinnen, umso leichter fällt ihm der eigene Ablösungsprozess.

Den Prozess des Loslassens planen:
Nehmen Sie sich rechtzeitig Zeit für Ihr Kind!

Dabei spielt weniger die Menge der Zeit, als vielmehr die Qualität des Zusammenseins mit Ihrem Kind eine Rolle. Gemeinsame Aktivitäten, intensive Gespräche etc. sind aber nicht nur wichtig, damit Sie später nicht der „verlorenen“ Zeit hinterhertrauern, sondern Loslassen funktioniert nur dann wirklich, wenn Sie gleichzeitig zusammen mit Ihrem Kind eine neue, stabile Beziehung gestalten – und das braucht (gemeinsame) Zeit.

Aber auch Müttern fällt das Loslassen nicht leicht

Auch bei den Müttern geht das Verlassen des gemeinsamen Heims natürlich nicht ohne Trauer und Wehmut einher. Insgesamt haben Mütter jedoch (so meine Beobachtung):

  • durch den alltäglichen Kontakt mit ihren Kindern schon manche Trennung erlebt – angefangen beim Laufen lernen, dem Besuch des Kindergartens, der Schule, dem Kontakt zu Freunden. Mütter müssen häufiger Abschied nehmen, haben schon manche Träne vergossen, aber auch manche Krise durchgestanden.
  • Zudem sehen sie nun die Ergebnisse ihrer Bemühungen: Da Mütter häufiger als die Väter für Erziehung und Bildung der Kinder verantwortlich sind, erfüllt es sie mit Stolz zu sehen, wenn aus dem Nachwuchs selbstständige und selbstbewusste Erwachsene werden, die ihren eigenen Weg gehen. Aber auch für Mütter gelten einige Rahmenbedingungen, unter denen der Prozess der Ablösung leichter fällt und positiv erlebt wird.

Mein Rat an die Mütter

Gleichen Sie Ihre Mutterrolle durch alternative Aufgaben aus! Müttern, die auch schon während der Kindererziehung für sich sorgen und außerhäuslich aktiv werden (z. B. Berufstätigkeit, alternative Aufgaben), fällt der Ablöseprozess leichter.

  • Werden Sie keine Perfektionistin!
    Mütter, die sich selbst und ihre Kinder in einer Unvollkommenheit annehmen und weder sich noch die Kinder ständig mit anderen vergleichen, sind wesentlich zufriedener und können besser loslassen.
  • Festigen Sie die Beziehung zu Ihrem Partner!
    Hier gilt für Väter wie Mütter das Gleiche: Wenn Sie eine intensive Beziehung zu Ihrem Partner pflegen, fällt es Ihnen und Ihrem pubertierendem Kind leichter, veraltete Eltern-Kind-Rollen über Bord zu werfen.
  • Suchen Sie rechtzeitig nach neuen Aufgaben, nach einem neuen Lebensstil!
    Wichtig sind die Perspektiven, die Sie sich auf dem Weg der Ablösung von den Kindern suchen. Aus Beratungsgesprächen weiß ich: Eltern, die durch den Ablöseprozess und schließlich den Auszug der Kinder zu einem neuen Lebensstil angeregt werden, sind sehr zufrieden. Ihnen gelingt es, die Beziehung zu ihren heranwachsenden Kindern umzugestalten.

Nicht selten aber klammern sich Mütter und Väter an ihre Kinder. Und weil sie von ihrer Elternschaft nicht lassen können, lassen sie ihre pubertierenden Söhne und Töchter nicht los. Sie versäumen es, die Beziehung auf eine andere Basis zu stellen. Es bleibt bei einer „Versorgungsbeziehung“, die weder den Eltern noch den Heranwachsenden gerecht wird. Dabei würde eine distanzierte Intimität, eine Verbundenheit, die die Balance von Nähe und Distanz hält, der neuen Beziehung gerechter. Pubertierende leben Veränderungen vor: Lernen Sie von Ihrem Kind! Wenn Eltern wie Kinder sich rechtzeitig auf den Weg – genauer: die unterschiedlichen Wege – machen, können sie sich wieder annähern.

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