MS und schwangerschaft

Schwanger werden trotz MS-Medikamenten?

Kinder zu bekommen trotz Multipler Sklerose – das ist möglich und lange bekannt. Wie es aber mit den Medikamenten aussieht, diesem Thema widmet sich Prof. Dr. med. Mathias Mäurer in seinem jüngsten Beitrag MS-Medikamente und Schwangerschaft auf MS-Docblog ausführlich.

  • Welches Medikament muss ich schon vor der Schwangerschaft absetzen?
  • Welches Medikament kann ich bis zum positiven Schwangerschaftstest einnehmen?
  • Welche Wirkstoffe können auch während der Schwangerschaft eingenommen werden?
  • Welche sollten schon einige Zeit vor Beginn der Schwangerschaft weggelassen, womöglich ausgewaschen werden?

Was in den Beipackzetteln steht, entspricht nicht unbedingt der Praxis. Demnach könnte man nur einen einzigen Wirkstoff gefahrlos weiternehmen. Tatsächlich sind es mehr der MS-Mittel, die nicht unbedingt abgesetzt werden müssen. Was freilich eine Einzelfallentscheidung ist. Und doch gibt es Wirkstoffe, die Mutter oder Kind oder sogar beiden schaden könnten und darüberhinaus solche, die auch Väter vor der Zeugung absetzen müssen.

Prof. Mäurer bietet hier einen Überblick über die Möglichkeiten wie die Grenzen. Dabei geht er auf einen medizinischen Aspekt bei Kinderwunsch und Multiple Sklerose ein. Kinderwunsch bei MS hat jedoch nicht nur medizinische Aspekte. Psychologische Beratung bei Kinderwunsch trotz MS bietet Monika Karl, Dipl. Sozialarbeiterin (FH), Systemische Familientherapeutin (SG) sowie Jugend- und Heimerzieherin für alle Wunschväter und -mütter mit MS.

  • Weitere Aspekte rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt, Schubtherapie und mehr im Erklärfilm.

Rund um MS: Die starke Antwort.

Gegen eine Schwangerschaft spricht aus medizinischer Sicht im Allgemeinen nichts. Frauen mit MS haben dieselben Vorsaussetzungen, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen, wie nicht betroffene Mütter. Auch die Krankheit wird durch eine oder mehrere Schwangerschaften nicht negativ beeinflusst.

In neueren Studien konnte sogar aufgezeigt werden, dass eine Schwangerschaft eine vorübergehende Schutzwirkung gegenüber Schüben haben kann. In dieser Zeit treten meist deutlich weniger, manchmal sogar gar keine Schübe auf. Grund dafür sind Veränderungen im Immunsystem. Die meisten schwangeren MS-Patientinnen fühlen sich sogar ausgesprochen wohl und leistungsfähig.

Das Schubrisiko kann aber kurz nach der Geburt erhöht sein.

Während einige Forscher der Meinung sind, dass das Stillen das Risiko für künftige Schübe erhöht, glauben andere wiederum, dass gerade das Gegenteil der Fall sei. Die Entscheidung, ob eine Frau stillen möchte oder nicht, sollte jede für sich selber und zusammen mit ihrem Arzt fällen.

Kann das Kind die MS erben?

Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass MS im klassischen Sinne vererbbar ist. In einigen Familien tritt die Veranlagung zur MS gehäuft auf. Aber nicht jeder, der die Veranlagung in sich trägt, erkrankt auch daran.

Schwangerschaft und MS-Medikamente

Hat eine Frau die Diagnose MS, sollte eine Schwangerschaft generell vom Frauenarzt und vom Neurologen gemeinsam betreut werden. Gewisse Medikamente müssen schon einige Zeit vor der Empfängnis, andere während der Schwangerschaft abgesetzt werden. Es ist deshalb empfehlenswert, die Therapie im Hinblick auf eine Schwangerschaft mit dem Arzt frühzeitig zu besprechen. Noch bevor man überhaupt versucht, schwanger zu werden.

Kinder in die Krankheit mit einbeziehen

Ist das Kind auf der Welt, wird es mit der Krankheit MS des Vaters oder der Mutter aufwachsen und die möglichen Folgen miterleben. Beziehen Sie deshalb Ihr Kind von Anfang an in die Situation mit ein, reden Sie mit ihm darüber, warum Mami oder Papi gewisse Dinge nicht mehr tun kann. Es ist sehr wichtig, dass die Kinder wissen, dass die Krankheit für die plötzlichen Einschränkungen verantwortlich ist. Kinder, die nicht aufgeklärt sind, aber spüren, dass etwas nicht stimmt, neigen leicht dazu, den Fehler bei sich selber zu suchen. Vielleicht will Mami ja nicht mehr mit ihnen spielen, weil sie böse waren… Oder die Tatsache, dass der Vater beim Gehen Schwierigkeiten hat, löst beim Kind Ängste aus. Geben Sie den Kindern die Möglichkeit, sich aktiv in den Tagesablauf zu integrieren und Ihnen mit kleinen, kindgerechten Handhabungen zu helfen. Kinder möchten sich nämlich häufig engagieren und sollten in diesem Bedürfnis nicht frustriert werden.

Kinderwunsch bei MS

Fruchtbarkeit

Die Fruchtbarkeit (Fertilität) von Männern und Frauen mit MS ist nicht eingeschränkt. Dennoch sind MS betroffene Frauen häufiger kinderlos oder haben weniger Kinder als gesunde Frauen. Ob dies eine biologische Ursache hat, ist bisher nicht bekannt. Untersuchungen zeigen, dass es bei unbehandelten Frauen mit einer hohen Krankheitsaktivität eher zu Abweichungen in der Menge an Sexualhormonen kommen kann. Nach jetzigem Wissensstand wird die Fruchtbarkeit von wenigen MS-Therapien beeinflusst.

Unerfüllter Kinderwunsch bei der Frau

Studien zeigen, dass durch Kinderwunschbehandlungen (Reproduktionsmedizin) Schübe ausgelöst werden können. Wird eine Frau nach einer Stimulationstherapie schwanger, ist das Schubrisiko minimal. Zum Schutz vor Schüben wird empfohlen, die MS-Therapie während der Stimulation beizubehalten und diese abzusetzen, wenn der Schwangerschaftstest positiv ist. Das genaue Vorgehen sollte mit dem behandelnden Neurologen besprochen werden.

Studien unbehandelter MS betroffener Frauen zeigen, dass das Schubrisiko im Verlauf der Schwangerschaft abnimmt, es jedoch nach der Entbindung wieder zu einem Schubanstieg kommen kann. Ob dies auch für Frauen gilt, die unter einer MS-Therapie schwanger geworden sind oder die Therapie erst kurz vor Eintritt einer Schwangerschaft abgesetzt haben, ist bisher nicht untersucht. Die Erfahrung zeigt, dass das Schubrisiko in der Schwangerschaft umso höher ist, je höher die Krankheitsaktivität zuvor war. Insbesondere wenn stärker wirksame MS-Therapien abgesetzt werden, können in der Schwangerschaft Schübe auftreten. Die Höhe des Risikos im Einzelnen ist nicht bekannt. Daher sollte eine Schwangerschaft, besonders bei hochaktiver MS, nach Rücksprache mit dem behandelnden Neurologen geplant werden. In jedem Fall sollten Frauen mit MS (wie gesunde Frauen auch) bereits während der Planung der Schwangerschaft Folsäure einnehmen.

Geburt

Der Schwangerschaftsverlauf von MS Betroffenen und gesunden Frauen ist ähnlich. Einschränkungen für die Geburt sollten sich durch die MS nicht ergeben. Der Schubanstieg nach der Geburt ist unabhängig von der Art der Entbindung.

Auf eine Periduralanästhesie (PDA) während der Geburt muss nicht verzichtet werden. Die PDA beeinfluss den Schubanstieg nach der Entbindung nicht. Trotz MS kann auch eine Spinalanästhesie oder eine Vollnarkose bei einem Kaiserschnitt angewendet werden.

Nach der Geburt

Muttermilch ist die beste Ernährung für ein Baby. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt 4-6 Monate ausschliesslich zu stillen und dann sukzessive Beikost einzuführen. In der Regel können Frauen mit leichter bis moderater Krankheitsaktivität stillen, wenn sie möchten. Stillen hat keinen negativen Effekt auf die Schubrate, ein positiver Effekt konnte nur von einem Teil der Studien belegt werden. Es gibt keine allgemeine Empfehlung, wie schnell nach dem Stillen wieder mit der MS-Therapie begonnen werden soll. Besprechen Sie Ihren Wunsch zu stillen mit Ihrem Neurologen und der Gynäkologin.

Frauen, die nicht stillen möchten oder eine hohe Krankheitsaktivität vor und während der Schwangerschaft haben, wird die zügige Wiederaufnahme der MS-Therapie in den ersten zwei Wochen nach der Geburt empfohlen.

Männer mit MS

Männer müssen die gängigen MS-Medikamente – bis auf wenige Ausnahmen – in der Regel vor einer geplanten Zeugung nicht absetzen. Bei Spermien schädigenden Medikamenten besteht die Möglichkeit, vor der Therapie einer Samenspende zu machen und diese durch Einfrieren (Kryokonservierung) der aufzubewahren.

Verhütung

Eine Abschwächung der Wirkung oraler Kontrazeptiva (Pille) sind für die zugelassenen MS-Therapien nicht bekannt. Einzig das Auftreten von Durchfall als Nebenwirkung kann zu einer verminderten oder aufgehobenen Wirksamkeit der Pille führen. Eine Schwangerschaft unter Einfluss gewisser Medikamente muss während der Therapie zuverlässig verhindert werden. Es wird MS-Betroffenen beider Geschlechter empfohlen, die Therapie bei diesen Medikamenten mindestens 6 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abzusetzen. Auch müssen Männer und Frauen während der Behandlung mit diesen Medikamenten und 6 Monate nach der letzten Dosis verhüten. An den Tagen der Tabletteneinnahme und 4 Wochen danach muss bei Verhütung mit der Pille ein zusätzlicher Schutz, z.B. Kondom, angewandt werden (doppelte Verhütungsmethode).

Sicherheitsdaten in Schwangerschaft und Stillzeit

Die gängigen MS-Medikamente sind in der Schwangerschaft und Stillzeit gar nicht oder nur eingeschränkt zugelassen. Die aktuell verfügbaren Daten zur Anwendung der wichtigsten MS-Therapien und Schubtherapeutika in Schwangerschaft und Stillzeit werden im MS Infoblatt „Elternschaft mit MS“ aufgeführt.

Multiple Sklerose und Schwangerschaft

Hat eine Frau Multiple Sklerose, spricht im Allgemeinen nichts gegen eine Schwangerschaft. Manchmal wirkt sich die Schwangerschaft sogar günstig auf den Krankheitsverlauf aus. Eine sorgfältige Planung und Rücksprache mit der Neurologin oder dem Neurologen sind aber sehr wichtig.

Schwangerschaft

© Westend61 / Uwe Umstätter

Für Frauen mit Multipler Sklerose (MS) bestehen in der Regel keine medizinischen Bedenken gegen eine Schwangerschaft. Trotzdem machen sie sich manchmal Sorgen: Wie wird die Schwangerschaft verlaufen? Wird sie Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf haben? Was bedeutet die Krankheit für das ungeborene Kind? Und wie werde ich zurechtkommen, wenn das Baby da ist?

Beruhigend ist, dass eine Schwangerschaft nach den bisherigen Erfahrungen und Studienergebnissen eher einen günstigen Einfluss auf die Krankheit hat. Sie scheint eine Art vorübergehenden Schutz gegen neue Schübe zu bilden. Die meisten Schwangeren mit MS fühlen sich wohl und leistungsfähig.

Auftretende Schwangerschaftsbeschwerden unterscheiden sich kaum von denen anderer schwangerer Frauen. Blasenbeschwerden beispielsweise, von denen viele Schwangere mit MS berichten, treten bei den meisten Frauen auf, wenn das wachsende Kind auf die Blase drückt. Hatten Frauen mit MS schon vor der Schwangerschaft Probleme mit der Kontrolle der Blase, können sich die Beschwerden jedoch verstärken.

Wenn Sie schwanger sind und MS haben, ist es wichtig, dass Sie alle Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, damit mögliche Komplikationen frühzeitig erkannt werden. Für Sicherheit sorgt auch eine enge Zusammenarbeit von Frauenärztin oder Frauenarzt und behandelnder Neurologin oder Neurologen.

Gönnen Sie es sich, kürzerzutreten. Wie für alle Schwangeren sind ein gesunder Lebensstil, eine ausgewogene Ernährung, Bewegung und ausreichende Ruhepausen wichtig. Möglicherweise ist – in Absprache mit Ihrer Ärztin oder dem Arzt – auch die zusätzliche Einnahme von Folsäure und Vitamin D empfehlenswert. Auf Alkohol und Nikotin sollten Sie auf jeden Fall verzichten.

MS-Schübe während der Schwangerschaft

Der Körper produziert in der Schwangerschaft Hormone und Antikörper, die das Immunsystem und damit den Verlauf der MS günstig beeinflussen können. Dadurch werden Krankheitsschübe unwahrscheinlicher, besonders im letzten Schwangerschaftsdrittel.

Bei etwa einem Drittel der Schwangeren mit MS kommt es dennoch zu einem Krankheitsschub, meist in den ersten Schwangerschaftsmonaten. Danach sinkt das Risiko, bis es sich vor der Geburt aufgrund von Stress und Unruhe wieder erhöht. Muss der Krankheitsschub medikamentös behandelt werden, wird zur Therapie ein Wirkstoff gewählt, der möglichst geringfügig über den Mutterkuchen (Plazenta) zum Kind gelangt, um seine Entwicklung möglichst wenig oder gar nicht zu gefährden.

Allgemein gilt die Faustregel: Je mehr Schübe vor der Schwangerschaft auftraten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit von Schüben auch in der Schwangerschaft.

Risiken für Mutter und Kind

Die Schwangerschaft einer Frau mit MS verläuft ähnlich wie die einer gesunden Frau. Ein erhöhtes generelles Risiko für das Kind besteht nicht.

Medikamente

Glücklicherweise sind nach heutigem Wissensstand die meisten MS-Medikamente nicht schädlich für das ungeborene Kind. Dennoch sollte möglichst schon vor der Schwangerschaft mit der Neurologin oder dem Neurologen das richtige Vorgehen besprochen werden.

Ihre Ärztin oder Ihr Arzt wird den Nutzen des Medikaments, das Sie nehmen, sorgfältig gegen sein Risiko abwägen und mit Ihnen gemeinsam eine Entscheidung für die Zeit der Schwangerschaft treffen.

Die Geburt

Bestehen keine größeren körperlichen Einschränkungen, ist eine normale vaginale Geburt grundsätzlich möglich. Multiple Sklerose allein ist in der Regel kein Grund für einen Kaiserschnitt.

Zur Schmerzbehandlung während der Geburt können Frauen mit MS eine Periduralanästhesie (PDA) bekommen. Nach bisherigem Wissen hat das keinen Einfluss auf die Häufigkeit von Schüben nach der Geburt.

Liegt eine Spastik oder eine Muskelschwäche der Beine vor, oder sind Sie stark erschöpft und ermüdet (Fatigue), kann es sein, dass die Geburt sehr lange dauert und die Kräfte für eine Vaginalgeburt nicht mehr ausreichen. In diesem Fall kann ein Kaiserschnitt sinnvoll sein. Viele Studien verzeichnen bei Schwangeren mit MS eine erhöhte Kaiserschnittrate. Die Frage, wie die Geburtsklinik Ihrer Wahl mit Kaiserschnitten umgeht, können Sie vor der Geburt ansprechen und so weit wie möglich abklären.

Stillen

Stillen ist für Säuglinge in vieler Hinsicht optimal. Erfahrungen und Studiendaten zeigen zudem, dass ausschließliches Stillen Mütter mit MS sogar vor Krankheitsschüben nach der Geburt schützen kann.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, vier bis sechs Monate voll zu stillen. Mit der medikamentösen MS-Therapie wird in der Regel erst nach dem Abstillen wieder begonnen. Treten in der Stillzeit Krankheitsschübe auf, werden sie mit Kortison behandelt. Nach der Einnahme sollte eine Stillpause von etwa vier Stunden eingelegt werden.

Beachten müssen Sie bei Ihrer Stillentscheidung, dass Stillen eine zusätzliche Belastung für den Körper bedeutet. Die Ernährung mit der Flasche, die dann auch vom Partner übernommen werden kann, ist unter Umständen weniger anstrengend und kräftezehrend. Die Vor- und Nachteile des Stillens sollten Sie daher sorgfältig abwägen.

Verzichtet eine Frau auf das Stillen, ist ein rascher Neubeginn mit der medikamentösen MS-Therapie nach der Geburt empfehlenswert.

Die erste Zeit mit dem Baby

Die hormonelle Umstellung nach der Geburt kann zu MS-Schüben führen. Dies scheint unabhängig davon zu sein, ob das Kind per Kaiserschnitt oder vaginal geboren wurde. In den ersten drei Monaten nach der Geburt haben etwa 30 Prozent der Frauen einen Schub, 70 Prozent nicht. Meist pendelt sich der Krankheitsstatus bald wieder auf dem Vorschwangerschafts-Niveau ein.

Keine Frage: Die ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes sind bei aller Freude sehr anstrengend – ob mit oder ohne MS. Die körperliche Umstellung und die Rundum-Versorgung des Babys erfordern viel Kraft. Durch Ihre Erkrankung sind Sie möglicherweise zusätzlich belastet. Hier kann Ihr Partner eine große Hilfe sein, außerdem ein gut funktionierendes soziales Netz. Am besten, Sie sprechen mit Ihrem Umfeld schon vor der Geburt darüber, wann und wobei Sie sich Unterstützung wünschen, wenn das Kind da ist. Abgesehen davon ist es für alle Eltern hilfreich, sich vor und nach der Geburt Netzwerke zu schaffen, etwa über Geburtsvorbereitungskurse, Eltern-Kind-Gruppen, Baby-Schwimmen und Ähnliches.

Je nach Ihrer persönlichen Situation kommen möglicherweise auch Familienhilfe, eine über die Krankenkasse finanzierte Haushaltshilfe oder andere spezielle Hilfen für behinderte und chronisch kranke Eltern für Sie in Betracht.

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 21.08.2018

Schwanger mit Multipler Sklerose – Ein Interview mit drei Mamas in spe

SEIT WANN HABT IHR MS? WIE SEHEN EURE EINSCHRÄNKUNGEN AUS? WIE GEHT ES EUCH?

Kati: „Meine ersten Symptome begannen vor fast zwei Jahren mit einem Kribbeln in den Füßen, welches im Laufe der Wochen bis zum Rumpf stieg. Es kamen Taubheitsgefühle von den Zehen bis zum Rumpf hinzu und später auch Probleme in einem Knie. Ich konnte einige Monate dadurch nicht so gut laufen. Meine Taubheitsgefühle sind nach zwei Kortison-Stoßtherapien fast komplett weggegangen. Mein Knie merke ich manchmal noch ein bisschen und in manchen Hosen habe ich ein komisches Gefühl. Das Kribbeln ist nur noch in den Füßen – dort spüre ich es mal mehr, mal weniger oder gar nicht. Bei einem Infekt wandert das Kribbeln aber manchmal wieder ein bisschen auch zu anderen Stellen. Ich brauche allgemein mehr Ruhepausen seit der Diagnose, würde aber nicht sagen, dass ich unter einer Fatigue leide. Aufgrund einer Studienteilnahme habe ich in der Schwangerschaft regelmäßig neurologische Untersuchungen, die bisher sehr gut ausfielen. In der Schwangerschaft gab es weder Verbesserungen noch Verschlechterungen und es geht mir meistens gut. Man hat so viele andere Gedanken in der Schwangerschaft, sodass man weniger als vorher an die MS denkt.“

Bianca: „Ich habe die Diagnose im Juni 2015 erhalten, neun Monate nach der Geburt meines ersten – tollen – Kindes. Ich hatte eine Sehnerventzündung. Diese ist mittlerweile vollständig zurückgegangen. Aber laut MRT muss in meinem Kopf wohl schon länger etwas los sein … Dort habe ich viele Herde. Allerdings macht keiner Probleme. Ich habe keinerlei Einschränkungen und spüre nichts von der MS – auch nicht jetzt in meiner Schwangerschaft.“

Sanne: „Meine ersten Symptome begannen schon mit Mitte 20. Das ist nun über 15 Jahre her und begann ganz typisch mit Doppelbildern, die ich gesehen habe. Nach einer Odyssee zu verschiedensten Ärzten bekam ich dann die Diagnose „MS“. Heute geht es mir relativ gut, ich habe leichte motorische Einschränkungen, die sich in der Schwangerschaft aber sogar etwas verbessert haben.“

DIE WIEVIELTE SCHWANGERSCHAFT IST ES FÜR EUCH? NATÜRLICH GRATULIERE ICH EUCH GANZ HERZLICH DAZU!

Sanne: „Das ist meine dritte Schwangerschaft, aber es ist das erste Kind, das es über die 12. Schwangerschaftswoche hinausgeschafft hat.“

Kati: „Ich bin zum ersten Mal schwanger.“

Bianca: „Ich erwarte mein zweites Kind.“

Seid ihr geplant schwanger geworden?

Sanne: „Ich habe mich lange nicht getraut, schwanger zu werden, weil bei mir die MS so aktiv war. Aber mein Mann hat mich in meinem Wunsch bekräftigt. Und ja, nach den zwei Fehlgeburten ist auch dieses Kind ein absolutes Wunschkind.“

Bianca: „Ja. Es hat diesmal auch ganz im Gegensatz zu meinem ersten Kind sofort geklappt.“

Kati: „Wir haben uns ein Kind gewünscht und haben auf meinen Zyklus geachtet (ohne technische Hilfsmittel). Das klappte glücklicherweise recht schnell.“

WIE WAR DAS MIT EUREN NEUROLOGEN – HABEN SIE EUCH BEZÜGLICH DER SCHWANGERSCHAFT BERATEN?

Kati: „Ja, meine Neurologin hat von Anfang an meinen Kinderwunsch unterstützt und ist auf MS und Schwangerschaft spezialisiert.“

Bianca: „Meine erste Frage nach der Diagnose war, wie es mit weiteren Kindern aussieht. Ich bekam direkt Zuspruch, gleich von zwei Neurologen. Denn meinem Mann und mir war immer klar, dass wir einmal zwei Kinder haben wollen.“

Sanne: „Mein Neurologe meinte, dass das keine einfache Entscheidung ist, da Kinder natürlich auch anstrengend sind. Schließlich kann sich Stress negativ auf die Multiple Sklerose auswirken. Aber er sagte auch, dass es sich sicherlich negativer auf die Erkrankung auswirke, diesen Traum von einer Familie mit Kindern nicht zu verwirklichen. Daher begleitet er mich auch weiterhin auf meinem Weg.“

WIE WAREN EURE GEDANKEN ZUM THEMA SCHWANGERSCHAFT? HATTET IHR BEDENKEN ODER ÄNGSTE?

Bianca: „Keineswegs, zumindest nicht mehr als alle werdenden Mamas. Ich habe mich lange und ausgiebig informiert. Wegen Medikamenten musste ich mir ja keine Gedanken machen, da ich keine nehme. Meiner Erfahrung nach verläuft bei MS-Patientinnen eine Schwangerschaft normalerweise sehr gut. Meines Wissens nach gehen durch die Hormone manchmal sogar Beschwerden zurück und/oder Schübe bleiben aus. Daher hat mir das keine Angst gemacht. Die größere Gefahr besteht nach der Schwangerschaft (oder dem Abstillen), wenn die Hormone sich wieder umstellen. Dann kommt es wohl statistisch gesehen häufiger zu einem Schub. Das macht mir ein wenig Sorge. Aber da habe ich einen tollen Mann, der mir unter die Arme greift.“

Kati: „Schon als ich die Diagnose inoffiziell vom Radiologen bekam, war meine erste Frage, ob ich mit dieser Krankheit überhaupt Kinder bekommen kann. Mein Freund und ich hatten zu diesem Zeitpunkt geplant, uns um unseren Nachwuchs zu kümmern. Die Diagnose hat mich natürlich anfangs umgehauen und ich beschloss erst einmal, mir den Verlauf weiter anzuschauen und abhängig davon zu entscheiden, ob wir unseren Wunsch wirklich erfüllen. Ich bin von Natur aus sehr optimistisch und habe zunächst versucht, so gut es ging weiterzuleben. Zum Beispiel habe ich auch während der Stoßtherapien weitergearbeitet. Denn ich finde, dass man sich zu Hause zu viele Gedanken macht. Ich habe aber zusätzlich versucht, meinen Stress zu reduzieren. Physiotherapie, Yoga und Meditation sowie mein positives Umfeld haben mir sehr dabei geholfen. Mit der Zeit wurden manche Symptome immer besser oder andere gingen ganz weg, sodass ich auf jeden Fall ein Baby bekommen wollte. Im letzten Winter haben wir uns dem Thema wieder gewidmet. Trotzdem bleiben Ängste bestehen, da ich nicht weiß, wie sich die MS weiterhin entwickelt und ob ich die Kraft und die Fitness für ein Kind haben werde, die ich mir wünsche. Auch die Vererbung der Veranlagung macht mir ab und zu Sorgen, aber da mir gesagt wurde, dass die Wahrscheinlichkeit eher gering ist, bin ich hier positiv gestimmt. Natürlich bin ich bei jeder Ultraschalluntersuchung sehr aufgeregt und habe manchmal Angst, dass sich meine Krankheit und auch die vorherige Medikamenteneinnahme auf die Gesundheit des Babys auswirken. Auch ich wurde sehr engmaschig in den letzten Wochen kontrolliert, da meine Kleine sehr zierlich ist und da bekommt man leider doch öfter mal negative Gedanken.“

Sanne: „Meine Krankheitsgeschichte geht ja nun schon ein bisschen länger. Zwei bis drei Schübe habe ich durchschnittlich pro Jahr. Natürlich mache ich mir da Gedanken: Wie wird es sein, wenn ich für ein Kind verantwortlich bin und einen Schub haben werde? Wie werde ich meinem Kind die Krankheit erklären? Was mache ich, wenn ich vielleicht einmal nicht mehr mit meinem Kind toben und spielen kann? Aber auf der anderen Seite war der Gedanke, nicht Mama zu werden, sehr schlimm für mich. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Daher hoffe ich, dass alles gut wird, nun da es endlich geklappt hat. Irgendwie wird es gehen, auch mit Krankheit.“

WIE SIND EURE GEDANKEN ZUM UMGANG MIT DER MS BEZÜGLICH DES KINDES? SOLL ES VON DER KRANKHEIT ERFAHREN?

Kati: „Ich möchte meinem Kind von der Krankheit erzählen, aber ich weiß noch nicht, wann dies passieren wird – wahrscheinlich hängt dies auch vom weiteren Verlauf der Krankheit ab.“

Sanne: „Darüber habe ich mir schon den Kopf zerbrochen und auch mit vielen MS-Eltern aus meiner Selbsthilfegruppe gesprochen. Mute ich meinem Kind nicht zu viel zu, es schon früh mit so einer Krankheit zu belasten? Aber ich denke, dass ich es gar nicht vor meinem Kind verheimlichen kann, insbesondere wenn die Multiple Sklerose genauso aktiv sein wird wie vor der Schwangerschaft. Dann werde ich versuchen, jeweils altersgerecht zu erklären, warum es mir so geht, wie es mir eben geht.“

Bianca: „Wenn es alt genug ist, definitiv. Eventuell kommen Beschwerden hinzu oder mal ein Schub, der einen außer Gefecht setzt. Da muss man dem Kind erklären können, wieso Mama heute nicht so kann wie sonst (oder nicht so kann wie andere Mamas). Ich denke, ein unkomplizierter, offener Umgang mit der Krankheit ist nur fair.“

WIE REAGIERT DEIN PARTNER BZW. DER VATER DES KINDES AUF DIE MS UND DIE SCHWANGERSCHAFT?

Bianca: „Die Diagnose war für ihn ebenso schockierend wie für mich. Glücklicherweise hat er einen netten Chef, der ihm spontan öfter schon freigegeben hat. Gerade als es um die Diagnosestellung und die ganzen Termine mit neun Monate altem Kind ging. Mein Partner sieht es genauso entspannt wie ich und freut sich riesig auf unseren Nachwuchs.“

Kati: „Mein Partner ist immer sehr positiv und versucht, mir die Sorgen zu nehmen, wenn ich mir mal mehr Gedanken mache oder einen nicht so guten Tag habe. Er hat sich das Baby gewünscht und hofft, dass sowohl die Schwangerschaft als auch die Stillzeit einen positiven Effekt auf die MS haben. Er war wegen der Medikamentenabsetzung besorgt, da er den Eindruck hatte, dass es gut bei mir wirkt. Er ist sehr optimistisch, dass das Baby gesund ist und ist überzeugt von den Fortschritten in der Forschung, da in den letzten Jahren im Bereich „MS“ viel passiert ist und auch unternommen wurde. Er hat weniger Bedenken als ich, dass es doch wieder zu einem Schub kommen könnte.“

Sanne: „Mein Partner steht voll hinter mir und sieht oft unbeschwerter in die Zukunft als ich. Er ist der festen Überzeugung, dass alles gut werden wird.“

WERDET IHR STILLEN?

Sanne: „Ich weiß es noch nicht hundertprozentig. Mein Neurologe rät mir wegen des Stresses davon ab. Aber ich habe schon so viel über den positiven Effekt des Stillens gelesen, dass ich darüber nachdenke, zu stillen.“

Bianca: „Wenn es klappt, auf jeden Fall!“

Kati: „Auf jeden Fall! Ich hoffe sehr, dass das Stillen klappt und ich dies auch einige Monate durchziehen kann.“

HABT IHR BESONDERE VORKEHRUNGEN FÜR DIE ZEIT NACH DER GEBURT GETROFFEN, WEIL IHR MS HABT?

Bianca: „Nein. Sollte ich?“

Kati: „Nicht wirklich – mein Partner, meine Familie und meine engen Freunde wissen von der erhöhten Schubwahrscheinlichkeit und werden mich unterstützen, falls es mir schlechter gehen sollte. Meine Neurologin hat mich auch aufgeklärt. Im Moment möchte ich einfach optimistisch sein und hoffe sehr, dass ich keinen Schub bekomme. Ich werde auf jeden Fall schauen, dass ich mich in den ersten Monaten nicht so sehr mit Besuchen und Reisen stresse.“

Sanne: „Meine Mutter wird für die ersten Wochen nach der Entbindung zu uns ziehen, um mich zu unterstützen. In den letzten Wochen vor der Entbindung werde ich schon vorkochen und einfrieren, sodass ich mir um das Essen dann keine Gedanken machen muss. Darüber hinaus habe ich mich schon bei der Krankenkasse informiert, wann ich eine Haushaltshilfe bekomme. Und mein Mann wird Elternzeit nehmen, sobald meine Mama nicht mehr bei uns ist. Da ist er zum Glück flexibel.“

WIE HAT DEIN UMFELD (FREUNDE, FAMILIE, KOLLEGEN USW.) AUF DEINE SCHWANGERSCHAFT REAGIERT?

Sanne: „Ich weiß, dass meine Eltern sich Sorgen um mich machen. Natürlich haben sie Angst um ihr Kind. Aber sie freuen sich auch tierisch darauf, Großeltern zu werden.“

Bianca: „Sie haben uns beglückwünscht. Die Reaktion ist dieselbe wie bei Nicht-MSlern.“

Kati: „Alle freuen sich riesig und sind mit uns gespannt. Nicht alle wissen von meiner Krankheit, aber ich habe glücklicherweise keine negativen Erfahrungen mit den Menschen gemacht, die es wissen, und darüber bin ich sehr froh!“

Ich danke euch allen ganz herzlich für eure Bereitschaft, mir Rede und Antwort zu stehen. Ich wünsche euch und euren Familien alles Gute für die Zukunft!

© picture alliance/JOKER

Frauen mit Multipler Sklerose (MS) geht es während der Schwangerschaft oft plötzlich besser – manche scheinen in dieser Zeit sogar kurzfristig geheilt zu sein. Woran das liegt und wie sich dieses Phänomen in der Therapie der Autoimmunerkrankung nutzen lässt, wollen Forscher nun klären.

Ariane Tiege hat Multiple Sklerose. Die Diagnose erhielt die heute 28-Jährige vor gut fünf Jahren. Seitdem nimmt sie starke Medikamente und hat sie die typischen Symptome: Kribbeln in den Fingern, Taubheitsgefühle in Füßen, Oberschenkeln und Armen.

Vor einem Jahr hörte das auf. Das Kribbeln war ebenso verschwunden wie die anderen Symptome. „Ich fühlte mich super“, erinnert sich Tiege, „neun Monate und kein einziger Schub.“ Die junge Frau war schwanger.

„Dass die MS während der Schwangerschaft zurückgeht, ist keine Ausnahme“, erklärt Kerstin Hellwig, Oberärztin am St. Josef-Hospital in Bochum. Erforscht ist dieses Phänomen allerdings kaum. Über den Verlauf der Krankheit bei Schwangeren gibt es tatsächlich kaum repräsentative Daten. „Das liegt auch daran, dass den Patientinnen lange Zeit abgeraten wurde, eigene Kinder zu bekommen“, sagt Hellwig.

Multipler Sklerose in Zahlen

Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) sind weltweit rund 2,5 Millionen Menschen von MS betroffen. In Deutschland leben schätzungsweise 130.000 Menschen mit MS. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Festgestellt wird die Erkrankung meistens zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. Manchmal tritt MS auch schon im Kindes- oder Jugendalter auf, wird dann aber nicht als solche erkannt. Erstdiagnosen nach dem 60. Lebensjahr sind selten.

Ein positiver „Nebeneffekt“?

Sicher ist bislang nur, dass nach den ersten drei Monaten der Schwangerschaft mehr als die Hälfte der Frauen schubfrei sind und dass die Krankheitssymptome stark nachlassen. Im letzten Drittel geht die Schubrate sogar um bis zu 80 Prozent zurück. „Das ist ein Effekt, den kaum ein Medikament erzielt“, sagt Hellwig, „und die, die es tun, haben meist starke Nebenwirkungen.“ Auch die Zeit des Stillens scheint sich positiv auf den Krankheitsverlauf auszuwirken.

„Während der Schwangerschaft verändert sich das Immunsystem der Frauen“, weiß Professor Stefan Gold, Leiter des Bereichs Neuropsychiatrie an der Berliner Charité. Dass sich die Schübe der MS-Patientinnen dermaßen stark reduzieren, hält er für einen positiven, evolutionsbedingten „Nebeneffekt“. „Die Schwangerschaft ähnelt im Grunde einer Organtransplantation“, erklärt Gold. Da das Kind nur zur Hälfte die genetischen Eigenschaften der Mutter trägt, nimmt ihr Körper den Fötus anfangs als „Fremdkörper“ wahr. Damit der Körper das Ungeborene nicht abstößt, muss sich ihr Immunsystem entsprechend verändern.

Wie genau sich das körpereigene Abwehrsystem während der Schwangerschaft umstellt und warum sich das so positiv auf die Multiple Sklerose auswirkt, können Mediziner bislang nicht sagen. Wissenschaftler der University of California in Los Angeles (UCLA) konnten zwar in einer Studie an nicht-schwangeren MS Patientinnen zeigen, dass die Gabe des Schwangerschaftshormons Östriol die Schubrate ebenfalls senkt. Mit dem Effekt der Schwangerschaft war die Wirkung jedoch nicht vergleichbar. Auch dem Körper durch die Anti-Baby-Pille einfach vorzugaukeln, dass er schwanger sei, hilft den Patienten nicht.

Die Schwangerschaft richtig planen

„Bislang wissen wir einfach noch viel zu wenig darüber, welche genauen Mechanismen im Immunsystem der Frau während der Schwangerschaft wirken“, erklärt Neurowissenschaftler Gold. Zusammen mit dem Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose (INIMS) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben er und sein Team daher eine groß angelegte Studie gestartet, in der das Immunsystem von MS Patientinnen und gesunden Frauen während der Schwangerschaft detailliert untersucht wird. Denn: „Sind diese Mechanismen erst mal entschlüsselt“, ist Gold überzeugt, „lassen sich auch bessere Medikamente gegen MS entwickeln“.

Hintergrund zur Studie

„Warum unterdrückt Schwangerschaft Schübe der Multiplen Sklerose?“ am UKE ist eine Einzelstudie der Klinischen Forschungsgruppe KFO 296 (orig. „Feto-maternal immune cross talk and its consequences for maternal and offspring’s health“). In der Forschungsgruppe sind Ärzte und Grundlagenforscher aus unterschiedlichen medizinischen Disziplinen zusammengeschlossen sind. Sie nutzt die Schwangerschaft als Modell, um Wege zur Prävention und Therapie von immunologischen Erkrankungen wie MS zu finden.

Währenddessen ist Oberärztin Hellwig fleißig dabei, Daten zu sammeln und das erste bundesweite Register für Schwangere mit MS (Multiple Sklerose und Kinderwunsch Register, DMSKW) aufzubauen. Ziel des Projektes ist es, den Verlauf der Schwangerschaft zu dokumentieren und dadurch die Therapie zu verbessern. „Bis die ersten Ergebnisse vorliegen, ist es jedoch wichtig, dass die Frauen ihre Schwangerschaft gut planen“, betont Hellwig, „und ihren Kinderwunsch rechtzeitig mit ihrem Arzt besprechen.“ Denn werden Frauen mit Multipler Sklerose unbemerkt schwanger und nehmen ihre Medikamente weiter ein, steigt das Risiko, dass das Kind mit einer Fehlbildung zur Welt kommt.

Ariane Tiege hat ihren Kinderwunsch frühzeitig mit ihrem Neurologen besprochen. Am Ende verlief alles ganz normal – nahezu „langweilig“. Nach der Entbindung kehrten die Schübe dann langsam zurück. Auch das Kribbeln ist seit einigen Monaten wieder da. Als sie von Hellwigs Register hörte, musste Tiege nicht lange überlegen: Sie meldete sich bei der Bochumer Klinik und stellte dem Projekt ihre Daten zur Verfügung.

Wissenswertes rund um die Schwangerschaft

Was ist Multiple Sklerose (MS)?

Das Zentrale Nervensystem (ZNS) des menschlichen Körpers setzt sich aus Gehirn und Rückenmark zusammen, es kontrolliert das motorische und kognitive Verhalten und leitet alle einwirkenden äußeren und inneren Reize weiter. Erkrankt ein Mensch an MS, so leidet er an einer entzündlichen und degenerativen Erkrankung dieses Nervensystems. Degenerativ bedeutet hier, dass das Immunsystem die nervenisolierende Schicht, welche die einzelnen Nervenphasen einhüllt, durch eine Abwehrreaktion unwiderruflich schädigt. Folgen sind eine verminderte Reizweiterleitung durch das fehlende Myelin, außerdem auch eine Einschränkung der Sehfähigkeit, Blasenfunktionsstörungen, spastische Lähmung (an den Extremitäten) und Fatigue, sogenannte Erschöpfungszustände. Ebenso kann die Feinmotorik der Person gestört sein. Vieles fällt schwerer als vorher, das Greifen nach einem vollen Glas oder das Schließen der eigenen Jacke kann zur Herausforderung werden. Oft treten die Symptome schubweise auf und können in ihrer Intensität völlig unterschiedlich empfunden werden. Treten bei manchen Menschen die neurologischen Ausfallerscheinungen schubweise auf, klingen aber nach kurzer Zeit wieder ab, so spricht man von der leichtesten Form der MS. Bei einem fortgeschrittenen Krankheitsverkauf erleidet die/der Betroffene eine sich steigernde Beeinträchtigung der motorischen Fähigkeiten. In manchen Fällen kommt es zu einer dauerhaften Schädigung.

MS und Kinderwunsch

Da MS häufig bei Menschen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert wird, so fällt die Diagnose gerade bei Frauen oft mit dem Gedanken des Kinderwunsches zusammen. Große Verunsicherung kommt auf, genauso wie die Frage, ob die Erkrankungen einer Schwangerschaft im Wege stehen könnte. Jedoch kann aufgeatmet werden. Die Wahrscheinlichkeit, MS weiterzuvererben ist gering. Sie ist zwar keine Erbkrankheit, allerdings kann durch eine familiäre Veranlagung ein gewisses Risiko bestehen. Dieses ist allerdings sehr gering und liegt bei ca. 3 Prozent, wenn eines der Elternteile von der Erkrankung betroffen ist. Somit stehen sie den restlichen 97 Prozent gegenüber, die nicht an MS erkranken. Für Frauen, die nicht auf dem natürlichen Weg schwanger werden können, kann eine Kinderwunschbehandlung mit Hormongabe das Schubrisiko der MS erhöhen.

Empfehlenswert ist es, den Zeitpunkt der Schwangerschaft in eine möglichst schubarme Zeit zu legen. Frauen mit Kinderwunsch sollten sich daher ausführlich mit ihrem behandelnden Neurologen über die genaue Medikamenteneinnahme beraten und richtig eingestellt werden, um jegliche Wechselwirkungen während der Schwangerschaft zu vermeiden.

Schwangerschaft und Geburt

In der Zeit der Schwangerschaft beeinflusst die MS den Körper weniger als vorher. Die Schübe bleiben zwar nicht aus, allerdings reduzieren sie sich stark. Man sagt, je kürzer die Schubintervalle vor der Schwangerschaft waren, desto höher ist das Risiko, Schübe innerhalb der 9 Monate zu erleben. Nach dem 3. Monat sinkt das Risiko, steigert sich allerdings zum Zeitpunkt der Geburt durch Stress und Unruhe wieder. Man nimmt an, dass sich der Körper hormonell auf den Fötus einstellt und das Immunsystem in dieser Zeit begünstigend verändert wird. Diese natürliche Schutzfunktion soll verhindern, dass das Ungeborene abgestoßen wird.

Direkt während der Geburt kann es vermehrt zum Einsatz operativer Eingriffe kommen, wie der Zange oder Saugglocke oder einem Kaiserschnitt. Kinder von Frauen mit MS sind in der Regel geringfügig leichter. Ihr Geburtsgewicht liegt ca. 100-150 Gramm unter dem von Kindern mit gesunden Müttern.

Autoren:
Dr. Renate Kirschner (Doktor der Erziehungswissenschaften; seit mehr als 25 Jahren in der sozialwissenschaftlichen Forschung und Beratung tätig)
Dr. Wolf Kirschner (Doktor der Philosophie; seit 1997 in den Bereichen Epidemiologie, Evaluations- und Interventionsforschung, Gesundheitsförderung und Prävention tätig)
Priv. Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Axel Schäfer (Doktor der Medizin, Doktor der Naturwissenschaften, Frauenarzt)
Geprüft durch das wissenschaftliche Beratungskomitee von BabyCare.
Beitrag erstellt am: 16.08.16 11:46
Beitrag zuletzt aktualisiert am: 16.08.16 11:46

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