Mehr männer in kitas

Der Personalmangel in deutschen Kitas ist laut einer Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nicht nur auf geringe Bezahlung der Erzieherinnen zurückzuführen, sondern vor allem auch auf schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende Anerkennung. In dem OECD-Papier, das in Berlin bei einer Fachtagung des Bundesfamilienministeriums vorgelegt wurde, bemängeln die Autoren neben Niedriglöhnen ein geringes Ansehen und mangelnde Wertschätzung des Berufsstands. Die Arbeitsbedingungen seien schlecht und die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt. Das alles führe dazu, dass es für Kitas schwierig sei, Personal zu gewinnen und zu halten: Der Erzieherjob werde „oft als unattraktiv wahrgenommen“.

In ihrer Studie Gute Strategien für gute Berufe in der frühen Bildung empfiehlt die OECD ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um langfristig genug Personal für die Kinderbetreuung sicherzustellen. Dafür haben die Experten die Situation in den verschiedenen OECD-Ländern analysiert. Eine ihrer Empfehlungen lautet: Es müssen verstärkt Männer angeworben werden für Kitas.

Das könne nicht nur helfen, die Personalprobleme zu mildern, sondern auch den Kindern in ihrer Entwicklung zugutekommen: „Es wird zunehmend anerkannt, dass die Beschäftigung männlicher Fachkräfte in der frühen Bildung das Potenzial hat, die Entwicklung und das Lernverhalten der Kinder zu verbessern.“

Norwegen zum Beispiel habe bei dem Thema in den vergangenen 30 Jahren „nachhaltige Anstrengungen unternommen“. So müssten männliche Bewerber bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt werden. Der Männeranteil in der Kitabetreuung in Norwegen liege inzwischen bei zehn Prozent. In Deutschland liegt er bei rund sechs Prozent.

Jeder Euro spart Knastplätze, sagt Franziska Giffey

Um Erzieherinnen und Erzieher im Job zu halten, sollte es zudem mehr Differenzierung beim Gehalt geben, empfiehlt die OECD. Denn wenn es verschiedene Karrierestufen zu durchlaufen gebe, könne das die Bindung erhöhen. Weiterbildungen müssten sich auszahlen. Außerdem sollte der vorgeschriebene Mindestbetreuungsschlüssel gesenkt werden, um Stress für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu reduzieren. Und schon in der Ausbildung sollten angehende Erzieherinnen und Erzieher Geld bekommen.

Der Punkt Ausbildungsgeld ist Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) wichtig. „Es wird nicht anders gehen“, wenn man mehr Nachwuchs für die Kitas wolle, sagte sie. Zum „Totschlagargument“, wer das alles bezahlen solle, fügte sie hinzu: „Jeder investierte Euro in die Kitas heute spart im schlimmsten Fall später die Knastplätze.“

Wie dramatisch die Personallage in den Kindergärten ist, hatte eine repräsentative Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) im Frühjahr gezeigt: Neun von zehn Einrichtungen in Deutschland leiden demnach unter akutem Erziehermangel. „Viele Kitas müssen regelmäßig mit so wenig Personal auskommen, dass eine ordnungsgemäße Aufsichtsführung überhaupt nicht mehr möglich ist“, schrieb der Verband – und das bei wachsendem Bedarf: Von 2008 bis 2018 ist die Anzahl betreuter Kinder in Deutschland laut OECD-Bericht von knapp 1,6 auf gut 2 Millionen gestiegen.

Eltern wünschen sich laut der Studie „Kitas im Aufbruch – Männer in Kitas“ mehr männliche Fachkräfte in Krippen, Kitas und Schulhorten. 78 Prozent der Befragten gaben an, dass Kinder sowohl von Erzieherinnen als auch von Erziehern betreut werden sollten. 62 Prozent sind der Auffassung, die Politik sollte sich weiterhin dafür einsetzen, mehr männliche Fachkräfte für Kitas zu gewinnen. Aktuell liegt der Männeranteil am pädagogischen Personal in Kinderkrippen bei 3 Prozent, in Kindergärten bei 5 Prozent und in Horten für schulpflichtige Kinder bei 15 Prozent.

Die Einstellungen der pädagogischen Fachkräfte zu Männern in der frühen Bildung sind noch positiver. 98 Prozent sind der Meinung, dass es mehr Männer in Kindergärten und Horten geben sollte. 84 Prozent glauben, dass dies auch in Kinderkrippen der Fall sein sollte. Über 90 Prozent sind ferner der Auffassung, dass männliche Erzieher für die Entwicklung von Jungen und auch für die Entwicklung von Mädchen wichtig seien und neue wichtige Impulse für die pädagogische Arbeit einbrächten. 70 Prozent sind überzeugt, dass Kitas mit Erziehern für Eltern attraktiver seien als Einrichtungen nur mit Erzieherinnen.

In den vergangenen Jahren trugen immer mehr Einrichtungen aktiv zur Erhöhung ihres Männeranteils bei: 49 Prozent der Einrichtungen wurden selbst aktiv, um den Anteil der Männer zu erhöhen. Die These, Männer seien für den Beruf des Erziehers weniger geeignet als Frauen lehnten übrigens 95 Prozent der weiblichen und 97 Prozent der männlichen Fachkräfte in Kitas ab.

Landeshauptstadt Dresden – jugendinfoservice.dresden.de

Neben einer erstmals erhobenen Milieustrukturbeschreibung von Eltern und pädagogischen Fachkräften im Feld der Kindertageseinrichtungen (Delta-Milieus®), „die bisweilen eine enorme und unterschätzte Herausforderung“ für alle Beteiligten darstellt, stehen das berufliche Wohlgefühl und Wünsche nach Veränderungen in der Kita sowie Fremd-und Selbsterwartungen an die pädagogischen Kompetenzen der weiblichen und männlichen Fachkräfte im Vordergrund der Untersuchung.

Darüber hinaus werden Einstellungen zu unterschiedlichen gleichstellungspolitischen Fragestellungen erhoben: Die Bedeutung von Kitas für die Berufstätigkeit von Müttern und Vätern wird ebenso thematisiert, wie die Einstellungen der Eltern zu Männern als Fachkräften in Kitas und zu den Öffnungszeiten von Krippen, Kitas und Horten.

Und nicht zuletzt werden auch die gesellschaftliche Wertschätzung von Sozial- und Gesundheitsberufen aus Sicht der Eltern und Fachkräfte sowie die Arbeitsbedingungen und Präferenzen der pädagogischen Fachkräfte erhoben. So haben die angestellten Frauen und Männer in der Regel einen unbefristeten Arbeitsvertrag und damit „eine relative Erwerbs- und Einkommenssicherheit“. Allerdings scheint die Arbeit von fachlich qualifizierten Männern in Kitas „bei einer Reihe von Einrichtungen und Trägern eine Tätigkeit auf Bewährung zu sein“, denn 9 Prozent der weiblichen, aber 23 Prozent der männlichen Fachkräfte haben nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Prof. Dr. Carsten Wippermann sieht darin ein weiterhin „unterschwelliges Misstrauen“ gegenüber Männern in Kitas und eine „systematische Ungleichbehandlung“, bei der es zu klären gilt, „inwieweit hier ein erheblicher Te il der Männer allein aufgrund seines Geschlechts benachteiligt oder gar arbeitsrechtlich diskriminiert wird“ (ebd.: 171ff.).
Weitere zentrale Ergebnisse der Studie: Vor dem Hintergrund der Daten zum geringen Männeranteil am pädagogischen Personal in Kinderkrippen (3 Prozent), in Kindergärten (5 Prozent) und in Horten für schulpflichtige Kinder (15 Prozent) sind 78 Prozent der Eltern der Meinung, dass Kinder sowohl von weiblichen als auch von männlichen Fachkräften professionell betreut werden sollten. 62 Prozent der Eltern sind der Auffassung, die Politik sollte sich weiterhin dafür einsetzen, mehr männliche Fachkräfte für Kitas zu gewinnen.

Die Einstellungen der pädagogischen Fachkräfte zu Männern als Fachkräfte in der frühen Bildung sind noch positiver. Von allen Kita-Fachkräften sind 98 Prozent der Auffassung, dass es (viel) mehr Männer in Kindergärten und Horten geben sollte, sowie 84 Prozent, dass es auch in Kinderkrippen (viel) mehr männliche Fachkräfte geben sollte.

Über 90 Prozent der Fachkräfte sind der Auffassung, dass männliche Erzieher für die Entwicklung von Jungen und auch für die Entwicklung von Mädchen wichtig sind und neue wichtige Impulse für die pädagogische Arbeit in die Kita einbringen. Von allen Fachkräften in Kitas sind 70 Prozent überzeugt, dass Kitas mit Erziehern für Eltern attraktiver sind als Einrichtungen nur mit Erzieherinnen.

So verwundert es auch nicht, dass in den letzten Jahren immer mehr Einrichtungen aktiv zur Erhöhung ihres Männeranteils beitragen: 49 Prozent der Einrichtungen haben eigene Maßnahmen unternommen, um den Anteil der Männer zu erhöhen. 2009 betrug dieser Anteil nur 32 Prozent.
Darüber hinaus wird die These, Männer seien für den Erzieher/innenberuf weniger geeignet als Frauen, von 95 Prozent der weiblichen und 97 Prozent der männlichen Fachkräfte in Kitas abgelehnt – mehrheitlich mit großer Entschiedenheit.

Die Studie zum Download gibt es hier… .

Köln –

In deutschen Kitas sind sie heiß begehrt – die Kinder stürzen sich förmlich auf sie: männliche Erzieher. Weil es einfach viel zu wenige von ihnen gibt. Auch heute noch ist der Erzieher-Beruf eine klassische Frauendomäne. Nur 5,85 Prozent männliche Erzieher gibt es bundesweit in diesem Bereich. Dabei werden fähige Kita-Fachkräfte gerade überall händeringend gesucht. Und es wäre unerlässlich, beide Geschlechter dafür zu begeistern und zu gewinnen. Und das ist nur ein Grund, warum Männer in Kitas und Kindergärten unglaublich wichtig sind.

Kinder müssen beide Geschlechter erleben

„Kinder brauchen männliche und weibliche Vorbilder“, sagt Stefanie Weirich, die die Fröbel-Kita „ An St. Peter“ in Köln leitet: „Nur so können sie von klein auf das Zusammenleben der Geschlechter und Kulturen lernen.“ Männliche Erzieher seien für die Identitätsentwicklung und die Rollenfindung sowohl von Jungen als auch Mädchen äußerst wichtig. Und das ist auch mehr als zeitgemäß. Die Kinder heute leben schließlich in einer bunten, diversen Welt, deren viele Facetten sie früh erfahren sollten. Dazu gehört eben auch, den Einfluss beider Geschlechter zu erleben.

Fachlich seien Männer sowieso gleich gut und sie brächten viele Fähigkeiten mit, erzählt Stefanie Weirich. Hier dürfe man aber nicht in Rollenklischees und Geschlechterstereotypen denken. „Bei uns spielen Frauen wie auch Männer Fußball, wickeln und erkunden mit den Kindern die Umgebung.“ So kann in der Kita im Alltag Geschlechtergleichheit vorgelebt werden. Die Kinder sehen, dass eben Männer UND Frauen pflegen, trösten, vorlesen und toben – und das normal ist. Im Umkehrschluss lernen sie auch, dass sie selbst jetzt oder später vieles zugleich sein können, unabhängig von ihrem Geschlecht.

Kinder brauchen auch in der Kita männliche Rollenvorbilder.

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Männliche Erzieher werden oft besonders beobachtet

Auch viele Eltern begrüßen es, wenn ihre Kinder in der Kita Männer als Rollenvorbilder haben. Nicht bei allen aber sind sie unumstritten. Oft stehen Erzieher unter genauer Beobachtung. Und es kommt gar nicht so selten vor, dass Eltern etwas dagegen haben, dass männliche Erzieher ihre Kinder wickeln oder auf den Schoss nehmen – der Verdacht des sexuellen Missbrauchs steht im Raum. Sie selbst habe derartige Verdächtigungen noch nicht erlebt, sagt Stefanie Weirich. „In unserer Kita gibt es keine Vorbehalte gegenüber männlichen Erziehern.“

Auch wenn es noch viel zu wenige sind, die Zahlen männlicher Erzieher steigen. Auch die Erzieher-Ausbildung absolvieren immer mehr Männer. Und Initiativen wie „MEHR Männer in Kitas“ versuchen, das Thema in der Gesellschaft voranzubringen. 20 bis 25 Prozent der männlichen Schüler können sich sogar einen pädagogischen Beruf grundsätzlich vorstellen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie am Ende auch in einer Kita arbeiten werden, trotz der Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz.

Die geringe Bezahlung schreckt viele Männer ab

Doch woran hängt es am Ende, warum entscheiden sich so wenige (dauerhaft) für diesen Beruf? Nicht unerheblich ist sicher das Image des Erziehers, dem immer noch das Klischee der verhätschelnden Basteltante und Vorlese-Mutti anhängt. Der Hauptgrund aber liegt an der vergleichsweise schlechten Bezahlung des Erzieher-Berufs. Und da Männer immer noch häufig die Hauptverdiener in der Familie sind, ist dieses Argument auch aus rein praktischen Gründen gewichtig. „Prinzipiell, und das gilt für Männer wie Frauen, sollte dieses Berufsfeld besser vergütet werden“, sagt Pia Schnadt aus der Fröbel-Personalentwicklung, „eine Angleichung an Grundschullehrer wäre hier anzustreben.“

Und das hat auch etwas mit der Wertschätzung und Anerkennung des Erzieherberufs zu tun. Ein Anfang ist es sicher, dass Eltern die Arbeit der Erzieher häufiger erkennen und würdigen. Und dass auch in der Öffentlichkeit deutlich gemacht wird, wie komplex, anspruchsvoll und wichtig dieser Beruf ist. Um aber wirklich nachhaltig zu zeigen, welchen Stellenwert Erzieher in unserer Gesellschaft haben – und um den Beruf für viele Männer und Frauen attraktiver zu machen – müsste das eben auch in der Bezahlung verankert werden.

Aus: Kindertageseinrichtungen aktuell KiTa spezial, Nr. 2/2001, S. 35-38; überarbeitete Fassung von 2005

Wofür ein Mann gebraucht wird…

Tim Rohrmann

… ist manchmal gar nicht so einfach auszudrücken. Was fällt Ihnen als erstes auf diese Frage ein? Vielleicht die Begeisterung, mit der sich Jungen und Mädchen auf jeden Mann stürzen, der in die Kindertagesstätte kommt – und sei es der unbeholfenste Praktikant oder der unfreundlichste Handwerker. Oder Sie denken an die Kinder alleinerziehender Mütter, in deren Leben es überhaupt keine Männer gibt. Gerade bei Jungen heißt es dann: „Der braucht einen Mann“. Jungen brauchen Männer – ein griffiger Slogan. Aber wofür eigentlich? Und: Was brauchen Männer, um ihren Platz in der Kita zu finden?

Für eine Beschäftigung von Männern in Kindertagesstätten gibt es eine ganze Reihe von guten Gründen. Männer bringen frischen Wind ins Team und haben Interessen und Sichtweisen, die in Kindertagesstätten oft zu wenig berücksichtigt werden. Manche jungen- und männertypische Interessen und Bedürfnisse kommen im normalen Kita-Alltag zu kurz, weil viele Frauen nur wenig darauf eingehen. Raufen und Toben, sich für Handwerkliches und Technik begeistern, Klettern und körperliche Grenzen austesten: Das alles können Frauen zwar prinzipiell auch, aber oft haben sie dazu einfach keine Lust.

Manche schwierigen Verhaltensweisen von Jungen hängen damit zusammen, dass sie beweisen wollen, wie „männlich“ sie sind – wobei sie viel zu wenig darüber wissen, wie Männer wirklich sind, nämlich durchaus nicht immer stark, überlegen, erfolgreich und ohne Angst. Um das herauszufinden, bräuchten sie mehr Männer in ihrem Alltag, mit denen sie die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und Verhaltensweisen erleben könnten. Kinder orientieren sich allerdings nicht nur an Vorbildern des eigenen Geschlechts. Jungen grenzen sich zwar auf ihrer Suche nach Männlichkeit manchmal sehr von Frauen und allem „Weiblichen“ ab, aber sie übernehmen auch Sichtweisen ihrer Mütter und anderer Frauen und möchten von ihnen geliebt und bewundert werden (vgl. Rohrmann, 2001).

Umgekehrt brauchen auch Mädchen Männer. Sie werden selbstbewusster, wenn sie von ihren Vätern und anderen Männern ernstgenommen und unterstützt werden. Schließlich: einen partnerschaftlicher Umgang, in dem Frauen und Männer einander mit Wertschätzung und Respekt begegnen, können Jungen und Mädchen nur dann erleben, wenn es in ihrem Alltag auch Männer und Frauen gibt.

Männer: Exotische Pflanzen im Garten der Frauen

Männer sind im Alltag insbesondere von kleinen Kindern jedoch Mangelware. Diese bekommen oft mit, dass Männer zwar in Familie und Gesellschaft „das Sagen“, im Grunde aber keine Ahnung haben. Als Randpersonen in der Familie, als „Gäste“ oder Ausnahmeerscheinungen in der Kindertagesstätte scheinen sie zum Alltag der Erziehung von Kindern nur wenig beizutragen. Sowohl Frauen als auch die Männer selbst sind oft der Meinung, dass Frauen „das einfach besser können“. Männer, die sich um Kinder kümmern, werden zwar zunächst oft gelobt und bewundert – zum Verdruss der Frauen, für die es selbstverständlicher Alltag ist, ohne dass sie dafür besonders hervorgehoben werden. Wer sich aber als Mann über längere Zeit in der Kindererziehung engagiert, ob als Hausmann und Vater oder als Mann im „Frauenberuf“ Erzieher, muss damit rechnen, von Verwandten oder Freunden irgendwann gefragt zu werden, ob er denn keine „richtige Arbeit“ finden würde.

Männer im Kindergarten sind in der Regel keine „typischen“ Männer. Dennoch können sie durch ihre Lebenserfahrung als Junge und Mann Qualitäten und Ideen in die Kindertagesstätte einbringen, die dort oft fehlen. Ein Mann im Team kann daher für Jungen und Mädchen (!) Ansprechpartner für eher jungen- und männertypische Wünsche und Themen sein. Das bedeutet nicht, dass ein Erzieher auf diese Rolle festgelegt bleiben muss. „Andererseits“, meint ein Horterzieher, „unterscheide ich mich positiv von anderen Männern, allein schon weil ich Kindergärtner bin“. Er ist damit ein „angreifbares“ Modell dafür, dass ein Mann anders ist, als es die Klischeebilder aus Werbung, Fernsehen oder Spielzeug nahe legen.

Allerdings fällt oft auf, dass manche geschlechtstypischen Muster gerade dann auftreten, wenn Frauen und Männer gemeinsam arbeiten. Männliche Erzieher beklagen sich oft darüber, zum „Hausmeister“ und „Handwerker“ gemacht zu werden. „Draußen vor dem Auto steht noch eine Kiste Wasser“, heißt es dann lapidar, ohne dass noch speziell eine Bitte an den männlichen Kollegen formuliert werden muss – wer hat die Kisten eigentlich hereingetragen, als es in der Einrichtung noch keinen männlichen Kollegen gab? Wenn es einen Mann gibt, der bestimmte, manchmal unangenehme Arbeiten erledigt oder manches besser kann, ziehen sich Frauen oft schnell zurück – ihnen fällt buchstäblich „der Hammer aus der Hand“, wenn ein Mann den Raum betritt. Oft erwarten sie vom Kollegen, dass er die Dinge tut, die Männer üblicherweise tun – stark sein, sich mit Technik auskennen, Fußball spielen… Nicht überraschend, dass Kinder, die ähnliches ja von zu Hause kennen, Frauen oft keine handwerklichen Fähigkeiten zutrauen oder zunächst irritiert sind, wenn eine Frau mit ihnen Fußball spielen will, der männliche Kollege aber nicht (weil er Fußball schon immer blöd fand).

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, neben der Berücksichtigung individueller Vorlieben und Stärken immer wieder einmal den Blick darauf zu richten, ob oder wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geschlechtstypische Einstellungen der Kinder bestärken, ohne das zu wollen. In der Zusammenarbeit mit Frauen müssen männliche Mitarbeiter einerseits vermeiden, nur auf „männertypische“ Aufgabenbereiche und Verhaltensweisen festgelegt zu werden, andererseits sich dem „heimlichen Lehrplan“ der Einrichtung widersetzen, der jungen- und männertypischen Interessen und Bedürfnissen manchmal nur wenig Raum lässt.

Manches geht mit Männern besser

Besondere Beziehungsqualitäten von Männern werden in erster Linie dann benannt, wenn es um Konflikte, Aggressionen und Macht geht. Es wird angenommen, dass Männer mit diesen Themen besser umgehen können. Tatsächlich setzen sich Männer nicht nur mehr durch, sondern ihre Entscheidungen werden auch von Kindern oft eher akzeptiert. Eine Horterzieherin meint: „Wenn wir Frauen meckern, wird uns das hart angekreidet. Unser Kollege wird schneller als Autorität anerkannt“. „Manchmal erschrecken wir uns sogar“, erzählt sie weiter, weil der Kollege „nicht nur härter durchgreift, sondern auch ‚mal brüllt“. Der Kollege wiederum wundert sich darüber, dass die Frauen aggressives Verhalten von Jungen oft eher entschuldigen als er selbst. Andere Männer wiederum berichten, dass Frauen Jungen aggressiv nennen, bei denen sie selbst eher Unsicherheit oder Traurigkeit wahrnehmen.

Frauen und Männer haben aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebensgeschichte oft ein sehr unterschiedliches Verständnis von Aggression und Gewalt. „Kraft und Kampf, das Messen mit anderen ist den meisten Männern von Kindesbeinen an vertraut“, berichtet Rüdiger Hansen aus einer Arbeitseinheit mit männlichen Erziehern zum Thema Aggression. „Das hat durchaus positive Seiten, wie lachende, erhitzte Männergesichter bewiesen: Es kann nämlich Spaß machen!“ (Hansen, 1999, S. 62). Für Jungen ist es allerdings auch schwerer als für Mädchen, sich solchen Spielen und Auseinandersetzungen zu entziehen. So erleben sie auch die negativen Seiten körperlicher Auseinandersetzungen häufiger.

Ich habe als Junge nicht viel mit anderen gerauft und hatte als Grundschüler oft Angst, von den Größeren verprügelt zu werden. So war ich überrascht, als in einem Gespräch in einer gemischten Gruppe deutlich wurde, dass sowohl spielerisches Raufen als auch die dabei vorkommenden Grenzüberschreitungen mir viel selbstverständlicher waren als manchen Frauen, die als Mädchen kaum derartige Erfahrungen gemacht hatten. Die bewusste Erinnerung an meine Jungenkämpfe eröffnet mir heute Zugänge zu wilden und aggressiven Auseinandersetzungen – ich weiß, was Spaß machen kann, spüre aber auch genau, wo Spaß in Ernst umkippt.

Ein weiterer Bereich, in dem sich das Fehlen der Männer besonders bemerkbar macht, sind „der kleine Unterschied“ und Sexualität – schon im Kindergarten ein spannendes Thema für Jungen und Mädchen. Je älter sie werden, umso wichtiger ist es, dass Jungen hier auch männliche Ansprechpartner finden. Wenn bei einem plötzlichen „Notfall“ während eines Ausflugs eine Horterzieherin einem achtjährigen (!) Jungen zeigen muss, wie er im Stehen pinkeln muss, weil ihm das noch nie ein Mann gezeigt hat, dann ist das für beide Seiten eine peinliche Angelegenheit. Im Alltag ergeben sich immer wieder Situationen, in denen es gut ist, einen Mann dabei zu haben. So ist es, erzählt die Erzieherin weiter, eine „sehr wirksame Strafe“, wenn die älteren Jungen beim Schwimmengehen mit den Frauen in den Umkleideraum gehen müssen. Andernfalls bleibt nur die Möglichkeit, sie allein zu lassen. Für offene Gespräche über das eigene und das andere Geschlecht, wie sie Mädchen mit den Betreuerinnen in der Umkleidesituation führen können, brauchen Jungen Männer!

Mehr Männer in die Kita!

Die Forderung „Mehr Männer in den Erziehungsbereich!“ ist zunächst einmal eine politische Frage. 2001 benannte das Forum Bildung die „Gewinnung von Männern für den Beruf des Erziehers“ als eine wichtige Aufgabe von Bund, Ländern, Kommunen und Trägerorganisationen (Forum Bildung, 2001, S. 16). Bereits 1995 Jahren hatte das Netzwerk für Kinderbetreuung der Europäischen Kommission vorgeschlagen, dass bis zum Jahre 2006 20% der Beschäftigten in öffentlichen Einrichtungen für Kinder Männer sein sollten. Dabei war gemeint, dass Männer auf allen Ebenen arbeiten sollten, nicht überproportional häufig als Leiter. Allerdings wurde das Thema auch als „heikel“ angesehen. In einigen Ländern führte die Beschäftigung von Männern zu Sorgen wegen Kindesmissbrauchs. Befürchtet wurde auch, „dass die zunehmende Zahl von männlichen Beschäftigten in einer traditionell weiblichen Arbeitsdomäne die Beschäftigungsmöglichkeiten von Frauen verringern könnte“ (Netzwerk der EK, 1996, S. 24). Dies sollte einerseits durch eine Verbesserung des gesamten Niveaus der Kinderbetreuungseinrichtungen verhindert werden, andererseits durch Parallelprogramme, die die Beschäftigung von Frauen in bislang von Männern dominierten Bereichen fördert. Das Netzwerk hielt trotz aller Befürchtungen die Beschäftigung von direkt mit den Kindern arbeitenden Männern für ein wichtiges Mittel, Geschlechterstereotype in Frage zu stellen und eine verstärkte Anteilnahme von Vätern zu ermutigen.

Die Realität ist von diesen Zielen nach wie vor weit entfernt. Der Männeranteil an den Beschäftigten in deutschen Kitas betrug Ende 2002 3,84%, im pädagogischen Bereich sogar nur 2,67%, und hat sich damit seit 1998 kaum verändert (Rohrmann, 2005). Allerdings ist der Ruf nach mehr Männern als Erziehern in den letzten Jahren immer häufiger zu hören. In jüngster Zeit gibt es an verschiedenen Bemühungen, die Situation von Männern in Kindertageseinrichtungen genauer zu untersuchen, Jungen für den Beruf des Erziehers zu interessieren und mehr Männer für eine Tätigkeit in Kindertageseinrichtungen zu qualifizieren (vgl. Stuve/ Krabel, 2005). In Wien, Linz und München gab bzw. gibt es sogar Modellprojekte, die ausdrücklich eine paritätische Besetzung des Kitateams vorsehen.

Der Versuch, Erziehung mit Frauen und Männern gemeinsam zu gestalten, bringt allerdings auch Schwierigkeiten mit sich. Manche Kolleginnen berichten sehr positiv von einer solchen Zusammenarbeit. Auf der anderen Seite sind immer wieder auch Klagen zu hören: Über uneinfühlsame Kollegen, mit denen kein gleichberechtigtes Miteinander möglich sei; über „Weicheier“, die kein eigenes Profil und die Gruppe nicht „im Griff“ haben; über unfähige Praktikanten, die mit der höheren Kompetenz und Weisungsbefugnis von Frauen nicht zurechtkommen.

Vielleicht sind dies Gründe dafür, dass die Wichtigkeit von Männern für die Entwicklung von Jungen zwar verbal oft schnell akzeptiert wird, das Interesse an einer konkreten Auseinandersetzung mit Möglichkeiten der Einbeziehung von Männern in die Kindertagesstätte dagegen oft deutlich geringer ist. Auf Fortbildungen zu Geschlechterthemen habe ich mehrfach erlebt, dass eine Arbeitsgruppe zum Thema nicht zustande kam und sich die Kolleginnen lieber damit beschäftigten, was sie ohne männliche Unterstützung verbessern und ausprobieren könnten. Vielleicht steckt dahinter die (nicht ganz unbegründete) Befürchtung, dass liebgewordene Gewohnheiten in Frage gestellt würden und es mehr zu Konflikten käme, wenn im Alltag mehr Männer anwesend wären. Zudem kann es ja auch eine Kränkung oder Zumutung sein, trotz aller Anstrengungen für gute pädagogische Arbeit in gewisser Hinsicht „ungenügend“ zu sein – und sich dann gerade um diejenigen bemühen zu sollen, die der eigenen Arbeit am wenigsten Interesse und Respekt entgegenbringen!

Bedenken wie die vorgenannten sowie vor allem berufspolitische Argumente führen dazu, dass Renate Klees-Möller und Kolleginnen in ihrer Veröffentlichung zu Mädchen in Kindertagesstätten die Beschäftigung von mehr männlichen Erziehern ausdrücklich ablehnen. Sie befürchten eine „Verdrängung von Frauen“ aus Leitungspositionen und halten dagegen: „Frauen in diesem Feld besitzen das fachliche Know-how und die Power, die Professionalisierung des Erzieherinnenberufes weiter voranzutreiben“ (1998, S. 72). Dass Jungen und Mädchen auch männliche Bezugspersonen brauchen, wie zuvor durchaus eingeräumt, gerät so aus dem Blick. Lediglich die Einbeziehung von Vätern oder das Engagement von Honorarkräften für geschlechtsspezifische Arbeit mit Jungen wird in Erwägung gezogen.

Hier entsteht der Eindruck einer einäugigen feministischen Sichtweise, die Dominanz und Macht stets nur auf Seiten der Männer problematisiert. Eine geschlechtsbewusste Pädagogik braucht aber Engagement und Auseinandersetzung von Frauen und Männern – und nicht nur die gelegentliche Einbeziehung von Männern in die Frauen-„Bastion“ Kindererziehung zu von Frauen definierten Bedingungen. Insbesondere kann es problematisch sein, als Mann im Auftrag von Frauen Jungenarbeit durchzuführen. Erwartungen und Wünsche der beauftragenden Frauen, der männlichen Pädagogen und der Jungen selbst sind oft nicht deckungsgleich – z.B. wenn Frauen erwarten, dass Jungen durch ein Jungenarbeits-Angebot „weniger aggressiv“ werden, der Jungenarbeiter das Verhalten der Jungen aber nicht so problematisch erlebt wie die Kolleginnen. Nötig ist daher eine gleichberechtigte Auseinandersetzung von verlässlichen männlichen und weiblichen Kollegen über die Arbeit mit Jungen und Mädchen.

Fortbildungen für Männer

Die Forderung nach mehr Männern in Kindertagesstätten reicht nicht aus. Es muss nach den besonderen Qualitäten gefragt werden, die diese Männer in ihre Arbeit und in die Beziehungen zu Jungen und Mädchen einbringen sollen. Dafür braucht es gezielte Aus- und Fortbildung für männliche Mitarbeiter. Von Experten aus verschiedenen europäischen Ländern wird betont, dass Unterstützung für bereits in Kitas tätige männliche Beschäftigte erforderlich ist, um der Isolation der vereinzelten Männer in diesem Bereich entgegenzuwirken. Die Experten sehen es als eine Aufgabe der verantwortlichen Institutionen an, Austausch und Fortbildung nicht nur für Frauen und gemischtgeschlechtliche Gruppen, sondern auch speziell für Männer zu ermöglichen. Dies dient nicht zuletzt dem Ziel, Männer zu ermutigen, in diesem Arbeitsfeld zu bleiben, und die hohe Fluktuation zu vermindern (Netzwerk der EK, 1993; Jensen, 1996).

Dies macht angesichts der üblichen Struktur von Fortbildungsangeboten, die im großen Ausmaß an die jeweiligen Träger angebunden sind, übergreifende Kooperationen erforderlich. Die wenigsten Träger beschäftigen so viele Männern, dass sich genügend Teilnehmer für ein trägerinternes Männerseminar finden ließen. Seit 1995 führe ich daher jedes Jahr zusammen mit Kollegen ein bis zwei Fortbildungen für männliche Mitarbeiter von Kindertageseinrichtungen aus dem gesamten Bundesgebiet durch. Nicht zuletzt auf Grund unserer Erfahrungen können wir zunächst einem verbreiteten Mythos entgegentreten: Oft wird angenommen, dass Männer die Kita entweder nach kurzer Zeit wieder verlassen oder aber binnen kurzem in Leitungspositionen aufsteigen. Zahlen des statistischen Bundesamtes belegen, dass Männer kaum überdurchschnittlich häufig die Leitung von Kitas übernehmen. Zwar ist der Männeranteil unter den Leitungskräften mit 4,80% höher als ihr Anteil im Gruppendienst, aber nur 6,41% der in Kitas beschäftigten Männer sind Leitungskräfte; bei den Frauen sind es mit 5,08% fast genau so viel (Rohrmann, 2005). Fluktuation von Mitarbeitern ist zwar ein Problem, aber wir erleben auch zahlreiche Männer, die engagiert und oft seit langem im Gruppendienst tätig sind.

Fortbildungen für Männer müssen einerseits die untypischen Lebenswege von Männern in sozialen Berufen, andererseits ihre manchmal schwierige Situation als „Mann im Garten der Frauen“ berücksichtigen. Einige Männer kommen seit Jahren zu unseren Fortbildungen. Sie freuen sich schon lange vorher auf die Möglichkeit des Austauschs mit anderen Männern, der in ihrem Alltag fehlt. Wir tragen diesem Bedürfnis Rechnung, indem wir neben einem thematischen Schwerpunkt, der jedes Jahr wechselt, viel Raum für die aktuellen Themen der Teilnehmer lassen. Inhaltliche Schwerpunkte der letzten Jahre waren Jungen und Mädchen – geschlechtsbewusste Pädagogik; Konflikt und Aggression; Umgang mit Grenzen; Macht und Ohnmacht. Neben dem Blick auf die Praxis gehören Selbstreflexion, der Blick auf die eigene Lebensgeschichte sowie die Beschäftigung mit Zukunftsperspektiven im Erzieherberuf zu den wiederkehrenden Bestandteilen unserer Arbeit (vgl. Hansen, 1999).

Rückmeldungen von Teilnehmern zeigen, wie wichtig diese Angebote sind:

  • „Die Fortbildungen haben dazu beigetragen, mich weit über meine „nur“ theoretischen Kenntnisse hinaus mit meiner Rolle als Mann in der Arbeit mit Jungen und Mädchen zu befassen und sie bewusst zu erleben.“
  • „Ich habe viele Ideen und Anregungen bekommen, in der Kita ‚zu altern‘ – entscheidend war (…) einfach zu erkennen, dass ‚Altern‘ durchaus möglich ist, und man die Fragen, die mit diesem Prozess einhergehen, mit Gelassenheit auf sich zukommen lassen sollte (…).“

Darüber hinaus betonen Fachleute, dass Erzieher neben einzelnen Fortbildungen regelmäßige Möglichkeiten brauchen, um sich mit Kollegen über ihre Arbeit auszutauschen. In einem Expertenbericht für die Europäische Kommission forderte Jytte Juul Jensen daher, Netzwerke von männlichen Mitarbeitern zu unterstützen: „Advice and support male networks!“ (1996, S. 49).

Zurzeit gibt es regionale Arbeitskreise von männlichen Erziehern unter anderem in München und Dresden. Manche Kollegen finden Ansprechpartner in regionalen Arbeitskreisen zu Jungenarbeit. Mit erfahrenen Kollegen aus den Bereichen Ausbildung, Fortbildung und Fachberatung haben wir zudem vor einigen Jahren den Männerfachkreis für geschlechtsbewusste Pädagogik in Kindertagesstätten und Grundschule gegründet.

Fazit

Die Zusammenarbeit von Frauen und Männern in der Kindererziehung ist eine Chance, aber auch eine Herausforderung. Vor allem braucht es dabei eines: Lust an der Auseinandersetzung. Die Frage der Zusammenarbeit mit Männern muss häufiger zum Thema in Teamgesprächen, Fachberatung und Fortbildungen werden. Die oft vereinzelten männlichen Mitarbeiter brauchen Unterstützung durch Austausch und Fortbildung. Fortbildungen nur für Männer, wie wir sie inzwischen mehrfach durchgeführt haben, zeigen, dass ein Austausch nur unter männlichen Kollegen gut tut, für die Alltagsarbeit motiviert und die Entwicklung der eigenen Berufsperspektive unterstützt. Mit Frauen und Männern gemeinsam neue Wege zu entdecken, ist nicht immer einfach – aber, wenn es gelingt, ein spannendes Abenteuer.

Literatur

Engelhardt, Walter Josef (1999): Väterlichkeit als Beruf. Eine Annäherung aus Sicht der Männer und Jungen. Kindertagesstätten aktuell, Ausgabe BY, 5/99, S. 106-109.

Forum Bildung (2001): Förderung von Chancengleichheit. Vorläufige Empfehlungen und Expertenbericht. Bonn: Arbeitsstab Forum Bildung in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung.

Hansen, Rüdiger (1999): Wilde Jungs und nette Männer. Bericht über eine Fortbildung für Männer in Kindertageseinrichtungen. Kindertageseinrichtungen aktuell, Ausgabe ND, 7(3).

Jensen, Jytte Juul (1996): Men as Workers in Childcare Services. Discussion Paper/ European Commission Network on Childcare. Brüssel: Europäische Kommission.

Klees-Möller, Renate (1998): Mädchen in Kindertageseinrichtungen. Erfahrungen, Ergebnisse und Praxisanregungen aus dem Modellprojekt „Mädchenarbeit im Hort“. Düsseldorf: Deutsches Rotes Kreuz.

Netzwerk der Europäischen Kommission für Kinderbetreuung (1996): Qualitätsziele in Einrichtungen für kleine Kinder. Brüssel: Europäische Kommission.

Netzwerk der Europäischen Kommission für Kinderbetreuung (1993): Männer als Betreuer. Für eine Kultur der Verantwortung, der Aufgabenteilung und Gegenseitigkeit zwischen Mann und Frau bei der Betreuung und Erziehung der Kinder. Brüssel: Europäische Kommission.

Rohrmann, Tim (2001): Echte Kerle. Jungen und ihre Helden. Reinbek: Rowohlt.

Rohrmann, Tim/ Thoma, Peter (1998): Jungen in Kindertagesstätten. Ein Handbuch zur geschlechtsbezogenen Pädagogik. Freiburg: Lambertus.

Krabel, Jens/ Stuve, Olav (Hg.) (2006): Männer in „Frauen-Berufen“ der Pflege und Erziehung. Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Verlinden, Martin/ Külbel, Anke (2005). Väter im Kindergarten. Anregungen für die Zusammenarbeit mit Vätern in Tageseinrichtungen für Kinder. Weinheim: Beltz.

Autor

Tim Rohrmann, Diplom-Psychologe, Fortbildungsreferent und Autor. Arbeitsschwerpunkte: Entwicklungspsychologie, geschlechtsbewusste Pädagogik, Bildung. Er bietet regelmäßig offene Fortbildungen für männliche Mitarbeiter in Kindertageseinrichtungen an.

Adresse

Wechselspiel – Institut für Pädagogik & Psychologie
Kirchstraße 1a
38321 Denkte
Email: [email protected]
Website: http://www.wechselspiel-online.de

Kindergarten oder KiTa: Wie wichtig sind männliche Erzieher?

Das Familienministerium hat ein eigenes Bundesprogramm aufgelegt. „Mehr Männer in Kitas“ soll dazu beitragen, dass möglichst schnell mehr Männer den Beruf eines Erziehers ergreifen. Damit soll der bisherige Männeranteil, der 2011 noch bei dürftigen 2,9 Prozent lag, endlich erhöht werden. 16 unterschiedliche Träger wurden eingebunden, um bis zum Ende dieses Jahres mit praxistauglichen Ideen und entsprechenden Konzepten die Männer als Fachkräfte in die Kitas zu locken.

Selbst Väter sollen dabei mitwirken, den jungen Männern die Lust am Erziehungsberuf schmackhaft zu machen. Auch Männer, die schon einen Beruf erlernt haben, aber in das soziale Umfeld wechseln wollen, sollen attraktive Ausbildungsmöglichkeiten für einen Quereinstieg angeboten werden. Damit wird deutlich, dass von Seiten der Politik dem Männeranteil in den Krippen und Kindergärten eine wachsende Rolle zukommt. Man geht davon aus, dass männliche Vorbilder und Bezugspersonen für die kindliche Entwicklung eine große Rolle spielen.

Doch was haben Männer, was Frauen nicht haben?

Männer haben eine andere Konstitution

Zum einen haben Männer eine tiefere Stimme, sie sind größer und stärker als Frauen und damit sind sie für die Kinder präsenter, als Frauen es von ihrem Wesen her sein können. Wenn eine Erzieherin sich Gehör verschaffen will, muss sie oft verhältnismäßig laut schreien, um bei 25 Kindergartenkindern, die gerade selber schreiend durch den Garten toben, auch gehört zu werden. Ein Mann klatscht in die Hände und ruft einmal laut: „So!“ Mit seiner tiefen Stimme findet er oftmals sofort Gehör. Die Kinder werden schneller leiser und reagieren schon auf kleinste Ansagen. Männer können also allein durch ihre Präsenz zur Erleichterung für den Erziehungsalltag in einer Kita beitragen.

Männer sind hervorragende Anleiter für Jungen

Zum anderen eignen sich Männer optimal für die Erziehung von Jungen. Sie können sich auf deren Bedürfnisse anders einlassen als Frauen. Männern macht es Spaß, mit Buben die Welt zu entdecken, mit ihnen über den Rasen zu toben, sie im Fußballspiel anzuleiten, oder auch mal handwerklich anspruchsvollere Werkarbeiten herzustellen. Männer mögen es zu handeln, mit Hammer und Nagel umzugehen und zeigen diese Handhabungen auch gerne den Kindern. In Bezug auf die Buben sind Männer sehr wichtig für deren Identitätsentwicklung und ihre Rollenfindung. Hier können Männer wesentliches leisten. In der Praxis wird das darin offenbar, dass sich Jungen in der Regel sofort auf einen männlichen Praktikanten, oder Erzieher stürzen, falls es in der Einrichtung einen Mann gibt. Männer sind nicht nur besser im Fußball spielen, es gefällt auch den Buben mehr, wenn sie mit einem Mann dem Ball nachlaufen, als mit einer Frau.

Männer können gut mit Aggressionen umgehen

Männer gehen anders mit aggressiven Kindern um, als Frauen. Da Männer selbst ein höheres Aggressionspotential haben, fällt es ihnen leichter mit Kindern umzugehen, die in dieser Beziehung Defizite aufweisen. Sie bringen eine natürliche Begabung dafür mit, Regeln aufzustellen und über deren Einhaltung zu wachen. Da Jungs, anders als Mädchen, ihre natürlichen Aggressionen in sehr aggressivem Spielverhalten ausleben, kann auch hier ein Mann regulierend eingreifen. Beobachtet man Buben beim Spielen, so dauert es meist nicht lange und das Hauptthema des Rollenspiels ist das Kämpfen, Schlagen und Siegen. Männer, die sich in ein solches Spiel einklicken, werden von den Jungs wesentlich ernster genommen, als die weibliche Erzieherin, die hier oft als Störenfried empfunden wird.

Männer sind eine ideale Ergänzung

Eine Kita, in der nur Männer erziehen? Eine erschreckende Vorstellung. – Nein, wenn überwiegend Frauen in diesem Beruf beschäftigt sind, so hat das durchaus seine Berechtigung. Frauen sind weicher, einfühlsamer und spiegeln ein klein wenig auch die eigene Mutter. Trotzdem, oder gerade deswegen sind Männer die ideale Ergänzung in einer Kita. Vor allem in städtischen Gebieten mit zunehmender Vereinzelung, wo also der Anteil an Alleinerziehenden sehr hoch ist, macht es Sinn, Männer in den Kitas einzustellen. Dort finden Kinder beiderlei Geschlechts ein männliches Rollenvorbild. Zu Hause kennen sie nur die Mutter. Doch im Kindergarten gibt es eine männliche Bezugsperson. Natürlich kann ein männlicher Erzieher den fehlenden Vater nicht ersetzen. Das soll und darf er auch nicht. Aber er kann den Kindern ein männliches Vorbild liefern.

Auch auf Kinder, die zu Hause Gewalterfahrungen gemacht haben und deshalb vor Männern sogar Angst haben, kann sich eine männliche Bezugsperson in der Kita positiv auswirken. Hier bietet sich eine große Chance, dass der negativen Erfahrung, die das Kind von zu Hause kennt, im Kindergarten die gute Erfahrung gegenübersteht und das Kind allmählich seine Furcht vor Männern verliert.

Alles in allem gibt es gute Gründe, wenn künftig mehr Männer den Beruf eines Erziehers ergreifen werden.

Thema: Mehr Männer in Kitas! – Warum eigentlich?

Im frühpädagogischen Feld arbeiten seit jeher vorwiegend Frauen. Dabei sprach sich bereits der Gründervater des Kindergartens Friedrich Fröbel für die Anstellung von männlichen Pädagogen aus. Männer blieben dem Beruf allerdings fern. Zunächst strebten vor allem junge Frauen aus dem Bildungsbürgertum in das neue Berufsfeld. Dies ist auf die Entwicklung bürgerlicher Geschlechtscharaktere im 19. Jahrhundert zurückzuführen. Demnach nimmt der Mann die Rolle des Ernährers und die Frau die der liebevollen Mutter ein. Für soziale und pflegerische Berufe wurde entsprechend der Begriff der „geistigen Mütterlichkeit“ geprägt, Kindergärtnerin wurde zum Frauenberuf (Rohrmann 2014). Obwohl sich die gesellschaftlichen Rollenbilder verändert haben, sind Männer bis heute die Minderheit im frühpädagogischen Feld. Aktuell arbeiten in Deutschland rund 30.900 Männer in Kindertageseinrichtungen. Dies entspricht einem Männeranteil von nur 5,4% (Autorengruppe Fachkräftebarometer 2017).

Die Forderung, mehr Männer für die frühpädagogische Praxis zu gewinnen, ist seit rund 10 Jahren lauter denn je zu hören. Besonders Kitaleitungen und Trägerverantwortliche, aber auch Erzieherinnen und Eltern wünschen sich mehr Männer im frühpädagogischen Feld (Cremers u.a. 2010). Seit einigen Jahren zielt die Politik mit verschiedenen Projekten und Werbekampagnen auf eine Erhöhung des Männeranteils, z.B. durch das Bundesprogramm „Mehr Männer in Kitas“.

Profitieren Kinder speziell von männlichen Fachkräften?

Ein zentrales Argument lautet: Jungen, insbesondere Söhne von alleinerziehenden Müttern, brauchen männliche Pädagogen als Vorbild für ihre geschlechtsspezifische Rollenentwicklung. Denn Männer, so das Argument, heben in ihrem Interaktionsverhalten vor allem die „Männlichkeit“ von Jungen hervor, etwa durch wilderes Spiel. Zudem könnten Pädagogen förderliche Rollenvorbilder für Jungen sein. Die Argumentation ist nachvollziehbar. Allerdings gibt es für diese These bislang keinen empirischen Beleg. Interessant ist, dass die Studie von Cremers u.a. (2010) zeigt, dass Alleinerziehende den Wunsch nach männlichen Fachkräften nicht stärker äußern als Elternpaare, die ihr Kind gemeinsam erziehen.

Häufig wird auch auf die Unterschiedlichkeit von Bildungsbiographien hingewiesen: Jungen werden später eingeschult als Mädchen, müssen häufiger eine Klasse wiederholen und erzielen schlechtere Ergebnisse beim Lesen. Entsprechend gelten Jungen als „Bildungsverlierer“. In einer feminisierten pädagogischen Kultur, so der unterschwellige Vorwurf, werde das angepasstere Verhalten von Mädchen belohnt und es gebe nur wenig Verständnis für angeblich „jungentypische“ Verhaltensweisen, wie z.B. der größere Bewegungsdrang.

Gegen diese Annahme ist einzuwenden, dass sich männliche und weibliche Fachkräfte offenbar nur wenig in ihren pädagogischen Angeboten und in ihrem Interaktionsverhalten unterscheiden (Aigner & Rohrmann 2012). Dies zeigt die Tandem-Studie (Brandes u.a. 2015) durch Videoanalysen besonders deutlich. Auf den ersten Blick widerspricht dies Ergebnissen der Elternforschung, die für Mütter eher eine bindungsbezogene und für Väter eine stärker herausfordernde Haltung feststellt. Brandes und Kollegen/Kolleginnen kommen zu dem Schluss, dass sich das Erziehungsverhalten von Eltern und professionellen Frühpädagogen grundsätzlich unterscheidet und resümieren, dass dieser Unterschied „ein durchaus wünschenswerter Effekt der professionellen Ausbildung“ (ebd., S. 21) ist. Interessanterweise zeigt die Tandem-Studie aber, dass Fachkräfte mit Jungen anders interagieren als mit Mädchen. Mit Mädchen kommunizieren männliche wie weibliche Fachkräfte persönlich-beziehungsorientiert, mit Jungen dagegen sachlich-funktional. Brandes und Kollegen/Kolleginnen gehen davon aus, dass sich die Pädagogen und Pädagoginnen in der Interaktion an den Interessen der Kinder orientieren, denn die Jungen und Mädchen selbst agieren nicht geschlechtsneutral, sondern orientieren sich an den Rollenvorbildern, die sie z.B. in ihren Müttern und Vätern finden.

Kinder profitieren vermutlich nicht speziell von Männern, sondern vielmehr von männlichen und weiblichen Fachkräften, die sie an ihren Interessen und Bedürfnissen orientiert professionell-pädagogisch in ihren Bildungs- und Entwicklungsprozessen begleiten.

Verbessert Geschlechtermischung die Teamkultur?

Leiter/innen und Mitarbeiter/innen wünschen sich männliche Kollegen und erwarten dadurch eine Verbesserung der Zusammenarbeit im Team und neue pädagogische Impulse. Personalverantwortliche formulieren in Interviews, dass sie sich „vielfältige und unterschiedliche Männer für ein ›buntes‹ Team wünschen“ (Cremers u.a. 2010, S. 82). Daneben gelten Frauen allgemeinhin eher als beziehungs- und Männer als sachbezogen. Mit einem gemischten Team scheint also auch ein ausgewogeneres Arbeitsklima möglich. Allerdings liegt aktuell keine Studie für die Kita vor, die diese These hinreichend stützt.

Als gesichert gilt aber, dass gelingende konfliktfreie Zusammenarbeit in geschlechtlich gemischten Teams vor allem dann gelingt, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam kontinuierlich und vertieft ihre genderbezogenen Vorstellungen und Handlungen reflektieren.

Wie steht es um die Gleichstellung von Mann und Frau in der Kita?

Im Zuge der Umsetzung des „Gender Mainstreamings“, einer von der Politik initiierten Strategie, mit der die partnerschaftliche und gleichgestellte Position von Mann und Frau im Berufs- und Privatleben angesteuert wird, geht es heute auch darum, Männern den Zugang zu weiblich dominierten Arbeitsfeldern wie der Kindertagesbetreuung zu erleichtern. Auf diese Weise sollen bereits Jungen und Mädchen erleben, wie Erwachsene unabhängig ihres Geschlechts die gleichen Tätigkeiten ausüben können – vom Wickeln, über das Trösten bis zum Arbeiten im Werkraum. Kinder und Erwachsene sollen dadurch flexible und eben nicht stereotype Rollenbilder entwickeln können.

Wenn es um die Gleichstellung von Mann und Frau geht, müssen in Zukunft noch weitere Aspekte diskutiert werden. So ist die aktuelle gesellschaftliche Debatte um die Gleichstellung von Menschen, die sich nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zuordnen, bislang noch kaum mit Blick auf die in Kitas angestellten Personen diskutiert worden. Ferner sollte darauf hingewiesen werden, dass sich Männer prozentual betrachtet mehr in Leitungspositionen als im Gruppendienst befinden. Wenn Gleichstellung anvisiert wird, dann müssen auch die Gehälter in den bisherigen Frauenberufen steigen, was wiederum dazu beitragen könnte, dass sich mehr Männer für eine Tätigkeit in der Kita entscheiden.

Kann dem Fachkräftemangel durch mehr Männer entgegengewirkt werden?

Für die Jahre 2016 bis 2025 wird von einem zusätzlichen Fachkräftebedarf von 171.000 Personen ausgegangen (Autorengruppe Fachkräftebarometer 2017). Woher soll das zusätzliche Personal kommen? Eine auf der Hand liegende Lösung scheint zu sein, mehr Männer für das Berufsfeld zu gewinnen. Sicher kann die Anstellung von Männern dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Relevant ist dabei, dass die Anwerbung von Männern – und Frauen – und damit verbundene Qualifizierungsstrategien (z.B. für Quereinsteiger) immer mit einer Sicherung von Qualität einhergehen muss.

Was bewegt Männer in Kitas?

So vielfältig Männer sind, so vielfältig sind auch die Perspektiven auf ihren Beruf. Bei zwei Themen scheinen sich Pädagogen aber einig zu sein: Erstens reagieren Kinder nach Einschätzung männlicher (und übrigens auch weiblicher) Fachkräfte sehr positiv auf Männer. Ein Befragter sagt bspw.: „Man ist ja eigentlich schon wie ein Star in dem Ganzen“ (Aigner & Rohrmann 2012, S. 278). Daneben gibt es noch ein zweites Thema, dass die meisten Männer beschäftigt: Die Skepsis gegenüber Männern im Berufsfeld führt bei Pädagogen nicht selten zu der Angst, einem Pädophilieverdacht ausgesetzt zu sein, weshalb sich die für pädagogisches Handeln notwendige Balance zwischen Nähe und Distanz deutlich in Richtung des Distanzpols verschieben kann (ebd. 299). Insgesamt agieren männliche Fachkräfte also in einem „Spannungsverhältnis zwischen Idealisierung und Verdächtigung“ (Rohrmann 2014, S. 67). Gerade in Zeiten, in denen Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern durch männliche Pädagogen oder der Besitz kinderpornographischen Materials aufgedeckt werden – wie jüngst in zwei Fällen in Baden-Württemberg – lastet der Generalverdacht vermutlich noch schwerer auf männlichen Fachkräften. In der Studie von Cremers u.a. (2010, S. 62) stimmten übrigens 86% der befragten Eltern der Aussage „Ich würde mein Kind in der Kita bedenkenlos einem männlichen Erzieher anvertrauen“ zu.

Im Zusammenhang des Generalverdachts muss darauf hingewiesen werden, dass nicht nur Männer, sondern auch Frauen Kinder durch emotionale wie körperliche Übergriffigkeit verletzen können. Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern ist häufig nicht unmittelbar erfassbar, sondern drückt sich oft subtil aus. Beim Thema Gewalt und Missbrauch sind alle – männliche und weibliche – Fachkräfte gefordert, bei anderen und bei sich selbst genau hinzusehen und die eigene Haltung kontinuierlich zu reflektieren.

Fazit

Das Thema „mehr Männer in Kitas“ ist komplexer und widersprüchlicher als es auf den ersten Blick erscheint. Einerseits sollen männliche Pädagogen Rollenvorbilder sein, explizit Jungen fördern, raufen, toben, Fußball spielen und darüber hinaus naturwissenschaftliche Themen einbringen. Andererseits sollen sie durch ihre Anwesenheit und das Ausüben pädagogischer und pflegerischer Tätigkeiten zeigen, dass es keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Diese zwei gegensätzlichen Anforderungen ergeben sich aus der Tatsache, dass es einerseits biotische (z.B. hormonelle) Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, andererseits aber auch sich wandelnde soziale Zuschreibungen und Rollenerwartungen. Diese Differenz zwischen biotischer und sozialer Geschlechtlichkeit müssen Menschen im Zuge der Identitätsentwicklung bearbeiten, um eigene Rollenbilder zu entwickeln. Darüber hinaus sollten Pädagogen ein starkes berufliches Selbstverständnis entwickeln, mit dem sie dem Generalverdacht der Pädophilie konstruktiv begegnen können. Diese Anforderungen müssen Männer in ihrer täglichen Praxis mit sich selbst, den Kollegen/Kolleginnen, den Kindern und deren Eltern aushandeln. Es liegt nahe, dass nicht nur Kinder und Kolleginnen, sondern auch Männer von anderen Männern in Kitas profitieren können – als Vorbilder für die Entwicklung einer eigenen beruflichen Identität. Letztlich ist festzuhalten, dass das Thema Gender kontinuierlich im Team reflektiert werden sollte, und zwar hinsichtlich der Kinder und der Erwachsenen. Alle Fachkräfte sollten geschlechtstypische Handlungen und die Erwartungen an das Gegenüber hinterfragen, um so eine geschlechterbewusste Pädagogik als Bestanteil pädagogischer Praxis zu leben.

Hinweis:

Anregungen zur Praxisreflexion finden sich z.B. in den Arbeitsbögen „Analysen und Reflexion“ von Jens Krabel, abrufbar unter:

Literatur

Aigner, J.C. & Rohrmann, T. (2012): Elementar – Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern. Opladen u.a.: Barbara Budrich.

Autorengruppe Fachkräftebarometer (2017): Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2017. München: Deutsches Jugendinstitut.

Brandes, H., Andrä, M., Röseler, W. & Schneider-Andrich, P. (2015): Spielt das Geschlecht eine Rolle? Erziehungsverhalten männlicher und weiblicher Fachkräfte in Kindertagestätten. Kurzfassung der Ergebnisse der „Tandem-Studie“. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Cremers, M., Krabel, J. & Calmbach, M. (2010): Männliche Fachkräfte in Kindertagesstätten. Eine Studie zur Situation von Männern in Kindertagestätten und in der Ausbildung zum Erzieher. Berlin: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Rose, L. & Stibane, F. (2103): Männliche Fachkräfte und Väter in Kitas. Eine Analyse der Debatte und Projektpraxis. WiFF Expertisen. München: Deutsches Jugendinstitut.

Servicestelle MEHR Männer in Kitas

Das Ziel von MEHR Männer in Kitas war, das Interesse von Jungen und Männern an dem Beruf des Erziehers zu wecken, Männer bei der Entscheidung zu unterstützen den Erzieherberuf zu wählen und die Perspektiven für Männer (und Frauen) im Arbeitsfeld Kindertageseinrichtungen zu verbessern.
Zur Gewinnung von Männern für das Arbeitsfeld Kindertagesbetreuung wurden durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in den Jahren 2011 bis 2013 insgesamt 16 Modellregionen mit Bundesmitteln und Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. In diesen Regionen wurden entsprechend der lokalen bzw. regionalen Gegebenheiten – Ideen und Strategien zur langfristigen Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte in Kindertagesstätten entwickelt und implementiert. Dazu gehörten z. B.

  • Instrumente, Verfahren und Maßnahmen, die die besondere Situation von männlichen Fachkräften in Kitas berücksichtigten und ihnen einen konfliktarmen Einstieg und ein ebensolches Weiterarbeiten ermöglichten.
  • Konzepte, die dazu beitrugen, die Perspektiven für Männer im Arbeitsfeld Kindertageseinrichtung zu verbessern und eine gute Zusammenarbeit von Männern und Frauen zu fördern.
  • Kooperationen von Ausbildungseinrichtungen, Kindertageseinrichtungen, Schulen und örtlicher Jungenarbeit, die nachhaltige Vereinbarungen/ Bündnisse trafen, um Jungen bzw. junge Männer in der Berufsorientierung sowie Auszubildende verstärkt für Hospitationen und Praktika in Kindertageseinrichtungen zu gewinnen (z. B. mit Hilfe des Boys Day)
  • Strategien zur Ansprache und Gewinnung von Männern, die sich beruflich um- oder neu orientieren wollten.

Darüber hinaus leistete das Programm einen Beitrag zur Qualifizierungsinitiative „Aufstieg durch Bildung“ der Bundesregierung und langfristig zur personellen Absicherung des Ausbaus der Kindertagesbetreuung nach Kinderförderungsgesetzes (KiföG). Die Stiftung SPI war im Rahmen der ESF-Regiestelle des BMFSFJ mit der fachlich-inhaltlichen Begleitung des Programms MEHR Männer in Kitas beauftragt.

Eine hochrangige Jury hat im Dezember Modellprojekte ausgewählt, die Anfang 2011 an den Start gehen können. „MEHR Männer in Kitas“ fördert Träger von Kindertageseinrichtungen, die unter anderem Strategien und Maßnahmen zur Erhöhung des Anteils männlicher Fachkräfte in Kitas entwickeln und umsetzen. Der Kita-Verband im Evangelischen Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte ist einer von insgesamt deutschlandweit 16 Modellregionen, die nun im Rahmen des Modellprogrammes durch Mittel des Europäischen Sozialfondes (EFS) und des Bundesministeriums (BMFSFJ) gefördert werden.
Familienministerin Christina Schröder übergab am heutigen Donnerstag die Zuwendungsbescheide.
Der Kita-Verband Stadtmitte ist das einzige Projekt aus Berlin, das die Förderung erhält. Geschäftsführerin Kathrin Janert: „Ich freue mich sehr darüber, dass wir mit dabei sind. Das Thema liegt mir schon lange am Herzen.“ Der Anteil männlicher Erzieher liegt in den Kitas des Kirchenkreises Berlin Stadtmitte bereits jetzt schon bei neun Prozent.
„Wenn es uns das Programm ermöglichen würde, deutlich mehr Jungen und Männer für den Beruf des Erziehers zu interessieren und zu gewinnen, wären wir schon einen guten Schritt weiter“, so Kathrin Janert. Ziel ist es, mindestens 20 Prozent Männer in Kindertageseinrichtungen zu beschäftigen.
Auf die Ausschreibung für das ESF-Programm haben sich 76 Kita-Träger bzw. Trägerverbünde beworben. Mehr als 3.700 Kitas sind an den eingereichten Projekten beteiligt.
Laut einer Studie der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und des Forschungsinstituts Sinus Sociovision spricht sich eine überwiegende Mehrheit der Kita-Leitungen, Träger-Verantwortlichen, Erzieherinnen und Eltern für mehr männliche Fachkräfte in Kitas aus. Die Befragten begründen dies unter anderem damit, dass männliche Fachkräfte für Kitas eine Bereicherung sein können, da sie oftmals verstärkt Angebote, Tätigkeiten und Ideen, wie beispielsweise verstärkt Sport- und Spieleaktivitäten, einbringen und einen familiären Mangel an männlichen Bezugspersonen abfedern können. Derzeit liegt der Anteil pädagogisch arbeitender Männer in Kitas bei durchschnittlich 2,4 Prozent.

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