Medienzeit für 12 jährige

Übergewicht, Cybermobbing, Störungen von Schlaf und Entwicklung – Kritikern fällt vieles ein, was Bildschirme bei Kindern angeblich anrichten. Und sie wissen, was Abhilfe schafft: eine strenge Begrenzung der Nutzungszeit. Sie folgen dabei Empfehlungen, wie sie etwa von „Schau hin!“ gegeben werden, einem Projekt des Familienministeriums in Zusammenarbeit mit ARD, ZDF und TV Spielfilm. Diese empfiehlt Eltern, Kindern bis fünf Jahren höchstens eine halbe Stunde Mediennutzung am Tag zu erlauben. Noch weiter geht eine Initiative in Großbritannien, die sogar eine Reaktion der Politik in Sachen Bildschirmzeit fordert.

Das war der Anlass, dass vor Kurzem Dutzende Psychologen und Neurowissenschaftler aus den USA und Europa in einem offenen Brief im Guardian protestierten: „Eltern hören immer, dass Bildschirme an sich gefährlich sind“, schreiben sie. „Doch dafür gibt es schlicht keine soliden wissenschaftlichen Belege.“ Und: „Das Konzept der Bildschirmzeit an sich ist zu simpel und wahrscheinlich bedeutungslos.“

Gewiss gibt es bedenkliche Entwicklungen: Die sozialen Medien schaffen neue Kanäle zum Mobben. Und einige Studien zeigen, dass Smartphones im Kinderzimmer den Schlaf stören können. Wer die halbe Nacht auf neue Whatsapp-Nachrichten aus der Peer Group wartet, wird womöglich weniger schlafen. Wer vor der Nachtruhe interaktive Videospiele zockt oder aufregende Actionfilme guckt, wird vielleicht Mühe haben einzuschlafen. Und wer zehn Stunden am Tag vor dem Bildschirm sitzt, wird wohl eher dick werden und andere wichtige Dinge im Leben verpassen. Bloß: Dasselbe kann aber auch jemandem passieren, der den ganzen Tag Bücher liest und nebenbei Kekse futtert.

Zudem ist der Begriff Bildschirmzeit viel zu weit gefasst. Egal ob jemand ein E-Book auf dem iPad liest, einen Märchenfilm auf dem Bildschirm schaut oder auf der Playstation einen blutigen Egoshooter spielt, alles wird von vielen vermeintlichen Kinderschützern gleich behandelt. Und die von ihnen genannten Zeitspannen sind nach Ansicht der meisten Forscher ohnehin willkürlich. „Das sind pauschale Empfehlungen, die Eltern befolgen können“, sagt Malte Elson, pädagogischer Psychologe an der Ruhr-Universität, der den offenen Brief im Guardian unterschrieben hat. „Aber ob ein paar Minuten länger schädlicher sind, dazu gibt es keine Daten.“

Ähnlich klingt eine weitere Unterzeichnerin, Anne Scheel vom Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Ich sehe nicht, dass für ein Baby, 20 Minuten mit der Oma zu skypen, schädlich sein soll.“ Sie verweist auf eine weitere Studie von Rachel Bedford in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology: Säuglinge, die schon früh einen Touchscreen bedienen, zeigen keine Anzeichen für Entwicklungsstörungen. Tatsächlich kann es sich sogar positiv auf die Motorik der Kinder auswirken.

Wer als Schüler keinen Zugang zu Whatsapp hat, kann leicht den Anschluss verlieren

Auch bei Jugendlichen finden sich bislang kaum Hinweise auf Störungen. Eine kürzlich von Andrew Przybylski in Psychological Science veröffentlichte Studie zeigt, dass ein normaler Medienkonsum sogar das Wohlbefinden von Jugendlichen stärkt. Als gesundes Maß nannte der Forscher knapp zwei Stunden Smartphone-Nutzung unter der Woche und jeweils vier Stunden am Samstag und Sonntag. Alles darüber nehme zu viel Zeit für andere Dinge, alles darunter aber könne sich sogar negativ auf die sozialen Beziehungen der Jugendlichen auswirken.

Die neuen Medien haben positive Effekte auf die Kommunikationsfähigkeiten und Freundschaften bei Jugendlichen. Das zeigt eine Studie von Madeleine J. George, erschienen in Perspectives on Psychological Science: Schüchterne Jugendliche haben per Chat weniger Hemmungen zu kommunizieren. Auch lassen sich durch den einfachen und steten Austausch Freundschaften festigen. Wer dagegen kein Whatsapp hat, kann leicht einsam werden, etwa wenn er als Einziger in der Klasse nicht im Gruppenchat ist und so Einladungen zu Veranstaltungen verpasst.

Eltern sollten sich eher mit den Inhalten auseinandersetzen

Bei der Eltern-Kind-Beziehung finden sich ebenfalls Vorteile: Väter und Mütter, die auch online mit ihrem Spross Kontakt pflegen, haben eine größere Chance, mehr aus dessen Leben zu erfahren. Knackpunkt ist hier – wie auch bei allen anderen Medienthemen: Das Kind sitzt nicht nur den ganzen Tag vorm Bildschirm, sondern hat auch abseits davon eine gute Beziehung zu den Eltern.

Natürlich soll sich kein Kind zehn Stunden am Tag Horror-Videos aussetzen. Aber die von „Schau hin“ empfohlene 30-Minuten-Regel ist keine gute Basis. Anne Scheel empfiehlt Eltern, sich mit den Bildschirm-Inhalten auseinanderzusetzen, statt exakte Minuten-Kontingente vorzugeben: „Die Kinder sollten einen ausgewogenen Tag haben und eintönige Aktivitäten nicht zu lange am Stück machen.“

Und klar sollte vor allem eins sein: Besser als alle Verbote wirkt das gute Beispiel der Eltern. Falls es klare Regeln gibt, wie kein Smartphone beim Essen, dann sollten sie für alle gelten: „Man kann nicht sagen: Ich darf das, weil ich Erwachsener bin“, sagt Elson. „So läuft das nicht.“

Laut der „FIM Studie“ von 2011 geben fast zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen an, regelmäßig mit der Familie über „Fernsehen oder was man im Fernsehen gesehen hat“ zu sprechen. Nicht nur das Gespräch über, auch die gemeinsame Nutzung und das gemeinschaftliche Erleben von Medien ist eine Chance, die Beweggründe der Kinder für die Nutzung der Medien besser verstehen und nachvollziehen zu können.

Wenn die Medienzeit vereinbart wird, sollte die 15-jährige Tochter darstellen dürfen, warum es ihr wichtig ist, sich bei Facebook anzumelden und der 13-jährige Sohn sollte erklären dürfen, warum er unbedingt dieses neue Computerspiel haben muss – und der freitägliche familiäre Spieleabend kann auch mal beim Autorennen oder Karaoke-Singen auf der Konsole ausgetragen werden. Durch das gemeinsame Erfahren der Medien und den Dialog darüber, können die Grenzen der Medienzeit anschließend leichter festgelegt werden.

Leben mit Medien verantwortlich gestalten

Der Sinn einer Vereinbarung zur Medienzeit ist es, Kindern und Jugendlichen einen kritischen Umgang mit verschiedenen Medien zu ermöglichen und so ihre Medienkompetenz zu stärken. Auch wenn es um Mediennutzung geht, haben Eltern eine Vorbildfunktion für ihre Kinder, was bedeutet, dass auch der eigene Gebrauch von Medien beim Festlegen der Medienzeit reflektiert werden sollte.

Wenn Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene nicht pausenlos fernsehen, surfen oder zocken, können sie zum einen die vielen alternativen Freizeitbeschäftigungen in der nicht-digitalen Welt kennenlernen und diesen einen ähnlichen Stellenwert beimessen. Zum anderen geht es erzieherisch durchaus darum, die vielfältigen Aufgaben im Alltag in ein angemessenes Verhältnis zur Mediennutzung zu bringen. Ziel der Mediennutzung wiederum sollte sein – zum Beispiel mit Hilfe der Medienzeit – ein Leben zu führen, das von Medien begleitet und bereichert, nicht aber von diesen dominiert wird. Die Aufgabe der Eltern ist es dabei, den Kindern zu helfen, ein Leben mit Medien verantwortlich zu gestalten. Denn von zu vielen Medien wird man zwar nicht dick – verpasst aber viele andere Leckereien, die das Leben bereithält.

Julias Familienrat: Wie viel Medienzeit ist okay?

Manche Eltern geben schon Babys ein Tablet oder Smartphone in die Hand – wann haben Ihre Kinder das erste Mal die digitale Welt erkundet?
Katja Reim: Unsere Tochter kam 2007 zur Welt. Im Straßenbild waren Smartphone und Tablets damals noch kaum präsent. Unsere ersten gemeinsamen Erkundungstouren waren Bastel-Tutorials auf ­YouTube, als unsere Tochter ungefähr vier Jahre alt war.
Stefan Schöttl: Unsere Kinder sind zwischen 2004 und 2009 geboren und haben ab circa vier Jahren die ersten Kurzvideos am Laptop gesehen, die beiden jüngeren etwas früher. Wir finden, dass Smartphones und Tablets kein geeignetes Spielzeug für Kinder bis ins Volksschulalter sind.

Es gibt unterschiedliche Empfehlungen zur Medienzeit: täglich maximal 45 Minuten für Sechs- bis Zehnjährige, eine Stunde für Elf- bis 13-Jährige. In der Praxis ist die Bildschirmzeit oft viel mehr und in vielen Familien ein Konfliktthema. Welche Regeln gibt es bei Ihnen? Uns was tun Sie, wenn Ihr Kind darauf pfeift?
Reim: Wir sollten als Eltern nicht nur die Quantität der Mediennutzung sehen, sondern auch die Qualität. Wenn unsere Tochter mit digitalen Medien bastelt – ein Fotobuch erstellt, in „Minecraft“ ein Haus baut oder in „Scratch“ programmiert –, kann sie das so lange tun, wie sie möchte. Wenn wir das Gefühl haben, sie sollte aufhören, reden wir mit ihr. Werden Medien nur zum Berieseln genutzt, achten wir auf die Zeit. Anfangs durfte unsere Tochter nur unter Aufsicht ins Internet und mit einem klaren Zeitlimit. Inzwischen kann sie selbstständig im Netz recherchieren. Wichtig ist, dass sie zu uns kommt, wenn sie auf etwas Ungewöhnliches stößt, und uns Bescheid sagt, wenn sie Mails von fremden Absendern bekommt. Und sie soll fragen, bevor sie sich etwas herunterlädt, damit wir gemeinsam schauen, ob es für ihr Alter geeignet ist.
Schöttl: Noemi (13) hatte bis vor Kurzem eine Wertkarte zum Telefonieren am Smartphone und hat, seit sie zwölf ist, täglich eine Stunde WLAN-Zeit, die wir über den Router begrenzt haben. Ab circa 21.00 Uhr ist das Handy vor ihrem Zimmer. ­Tobias (11) hat noch kein Smartphone und am Tablet eineinhalb Stunden pro Woche Onlinezeit für Spiele. Für Wissensbedarf gibt es Extrazeiten. Elisabeth (8) hört gern Märchen, manchmal bis zu zwei Stunden am Tag. Sie hat noch keine Onlinezeiten, schaut aber ab und zu bei Tobias am Tablet mit. Filme (etwa zwei bis drei Stunden pro Woche) gibt es für die beiden Älteren und die Jüngste oft getrennt. Unsere Medienregeln helfen uns, Grenzen zu setzen. Wichtig ist: mit unseren Kindern im Gespräch bleiben – und natürlich gibt es auch Ausnahmen.

Viele Kinder haben ein eigenes Tablet oder einen Fernseher im Kinderzimmer. Eine gute Idee?
Reim: Unsere Tochter bekam zur Einschulung ein Tablet. Zum einen wollten wir den Reiz des Digitalen abbauen. Früher forderte sie die Spielezeit auf unseren Smartphones regelmäßig ein. Als sie die Verantwortung für ihr eigenes Tablet bekam und selbst darüber bestimmen konnte, wann – nicht wie lange – sie es nutzen wollte, war es nicht mehr so faszinierend. Zum anderen wollten wir sie bei den ersten Schritten in die digitale Welt begleiten.
Schöttl: Wir haben keinen Fernseher. Bis auf die Älteste, die ein Smartphone besitzt, nutzen die anderen Kinder das Familientablet im Wohnzimmer und in Ausnahmefällen im Zimmer.

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Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen

Mit der rasanten Entwicklung des Internets hat sich die Mediennutzung in allen Altersgruppen grundlegend gewandelt. Kinder und Jugendliche spielen in ihrer Freizeit Online-Videospiele, informieren und vernetzen sich über Social Media und kommunizieren via Handy mit ihren Freunden und Verwandten. Aber nicht nur in der Freizeit, sondern auch in der Schule gehören digitale Medien heute zum Alltag.

Chancen und Risiken digitaler Medien für Kinder

Dank der Verbreitung mobiler, internetfähiger Bildschirmgeräte wie Smartphones, Tablets und Laptops sind digitale Medien fast überall und ständig verfügbar.

Die digitalen Medien bieten den Heranwachsenden vielfältige Entwicklungs- und Lernchancen. Indem sie aktiv an unserer Mediengesellschaft teilnehmen, eignen sich die Kinder die technischen Fertigkeiten an, die heute zur Bewältigung von vielen Alltags- und Berufssituationen notwendig sind.

Medienkompetenz bedeutet, bewusst und vor allem verantwortungsbewusst mit Medien umzugehen. Dazu gehört das Wissen, wie man seine Bedürfnisse nach Informationen und Unterhaltung mit Medien erfüllen kann, aber auch das Hinterfragen sowohl der Medien als auch des eigenen Medienkonsums. Medienkompetenz im Internetzeitalter umfasst das technische Wissen, wie digitale Medien bedient werden. Zudem bedeutet ein kompetenter Umgang mit digitalen Medien: vorsichtig zu sein mit persönlichen Daten im Internet, Informationen kritisch zu prüfen, allgemeine Umgangsregeln auch im Internet zu beachten und sich regelmässig von digitalen Ablenkungen abzuschirmen.

Die Nutzung digitaler Medien birgt aber auch Risiken wie Cybermobbing, Datenmissbrauch oder sexuelle Übergriffe.

Begünstigt wird der Datenmissbrauch durch zwei Eigenschaften der Online-Umgebung: Erstens die vermeintliche Anonymität der Nutzer, was die Bereitschaft erhöht, sensible Informationen preiszugeben und Übergriffe erleichtert und zweitens die rasanten Verbreitungs- und Vervielfältigungsmöglichkeiten, welche die neuen Medien charakterisieren.

Wann wird der Medienkonsum bei Jugendlichen problematisch?

Ein Risiko besteht in der Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche digitale Medien nutzen. So können sie Inhalte konsumieren, die für ihre Altersgruppe ungeeignet sind oder sie gefährden (z.B. Gewalt, Pornographie).

Aber auch das Ausmass des Konsums spielt eine Rolle: bei übermässigem Online-Konsum drohen gesundheitliche Nebenwirkungen und im Extremfall ein Abgleiten in die Sucht. So weisen Schülerinnen und Schüler mit überdurchschnittlicher Bildschirmnutzung mehr als doppelt so häufig ungesundere Ernährungsgewohnheiten als die anderen auf. Sie sind häufiger übergewichtig und körperlich zu wenig aktiv (Schweizer HBSC-Studie 2014).

Symptome für eine problematische Mediennutzung sind unter anderem Schwierigkeiten offline zu gehen und die Vernachlässigung von Schlaf, Schulaufgaben und Familienleben. Weiter spielt die Motivation für den Konsum bestimmter Medieninhalte eine Rolle. Ein hohes Suchtpotenzial haben insbesondere Mehrspieler-Online-Rollenspiele, soziale Netzwerke, Geldspielangebote sowie Porno-Websites – unter anderem aufgrund der rasch verfügbaren, konstanten Reize und der in Aussicht gestellten Belohnungen.

Die grosse Mehrheit der Jugendlichen in der Schweiz hat ein gesundes Verhältnis zu den digitalen Medien. Rund 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen weisen jedoch eine problematische Internetnutzung auf (Suchtmonitoring Schweiz 2015).

Diese Gruppe hat ein erhöhtes Risiko, aufgrund des digitalen Medienkonsums seelische und körperliche Probleme zu entwickeln. Auch wenn ein Jugendlicher bei seiner Mediennutzung Zeichen eines Abhängigkeitsverhaltens an den Tag legt, muss dies noch keine „Online-Sucht“ sein. Gerade im jugendlichen Alter können Phasen von exzessivem Verhalten auch Ausdruck der normalen Entwicklung sein. Mehr Informationen zur problematischen Internetnutzung finden Sie hier.

TV-Konsum: Wie lange dürfen Kinder fernsehen

Immer wieder ist zu hören, dass Kinder, die zu viel fernsehen, in der Schule schwächeln, zu Verhaltensauffälligkeiten neigen und nicht selten mit Schlafstörungen zu kämpfen haben. Eltern sollten deshalb wissen, wann der TV-Konsum das gesunde Maß überschreitet.

Obwohl Computer, Internet und Smartphones schon im Alltag unserer Kinder eine immer größere Rolle spielen, zeigen Studien, dass für sie das Fernsehen auch heute noch das wichtigste Medium ist. Laut der „KIM-Studie 2010“ vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest sehen 95 Prozent der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren mindestens einmal pro Woche fern und drei Viertel (76 Prozent) jeden oder fast jeden Tag, und zwar im Durchschnitt 98 Minuten täglich.

So viel TV-Konsum ist je nach Alter akzeptabel

Damit das Fernsehen für die Kids nicht zum einzigen Lebensinhalt wird und um gesundheitlichen wie sozialen Folgen vorzubeugen, sollte es klare Absprachen zwischen Kindern und Eltern geben. Diese müssen sowohl die Dauer des TV-Konsums als auch Programmauswahl und Zeitpunkt des Fernsehens umfassen.

Experten sind sich inzwischen einig, dass Kinder unter drei Jahren gar nicht fernsehen sollten, weil sie noch sehr mit ihrer direkten Umgebung beschäftigt sind und die Inhalte im TV noch nicht verarbeiten können. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt folgende Richtwerte für die maximale Dauer des täglichen Fernseh- und Computerkonsums von Kindern:

Alter Empfohlener Konsum
0-2 Jahre gar kein Fernsehen
3-5 Jahre maximal 30 Minuten
6-9 Jahre maximal 60 Minuten
10-13 Jahre maximal 90 Minuten

(Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)

Für Kinder geeignet – welches Programm?

Natürlich kommt es aber auch auf den Inhalt des Fernsehprogramms an: Ist das Programm für meine sechsjährige Tochter schon geeignet oder macht es ihr Angst? Mein elfjähriger Sohn möchte gerne „Hotel Zack und Cody“ sehen, kann er den Humor überhaupt schon verstehen? Eltern stehen bei der Programmauswahl vor vielen Fragen.

Bei kleineren Kindern sollten die spannenden Phasen nur sehr kurz sein, auch die Musik und die Geräuschkulisse insgesamt sollte nicht zu aufregend sein. „Wie dem Kind die Sendung bekommt, lässt sich an dessen körperlichen Reaktionen erkennen“, erklärt Sozialpädagogin Evelyne Muck.

„Da das Kind ganz mitfühlt und miterlebt, kaut es bei zu großer Aufregung zum Beispiel an den Nägeln oder den Haarspitzen, hält sich die Augen oder Ohren zu oder versteckt sich. Überforderungen sind jedoch mit dem Ende des Films ’nicht gegessen‘, sondern können eine höhere Körpertemperatur – rote Ohren -, eine Erhöhung der Herzschlagrate und Alpträume zur Folge haben.“

Darüber, welche Sendung für welche Altersgruppe geeignet ist, können sich Eltern bei „Flimmo“ informieren.

Kein Fernsehen kurz vorm Schlafengehen

Besonders unangenehm sind die Auswirkungen von ungeeignetem oder übermaßigem TV-Konsum kurz vor dem Schlafengehen. Deshalb empfiehlt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), dass Kinder im Vorschulalter kurz vor der Schlafenszeit am besten gar nicht mehr fernsehen sollten.

„Kinder zwischen drei und fünf Jahren fürchten sich oft vor Dingen, die für sie ungewohnt sind. Zum Beispiel empfinden sie jemanden als furchteinflößend, der ungewohnte Kleidung trägt oder außergewöhnlich aussieht. Das kann dann auch ein Clown sein, der für Erwachsene nur lustig erscheint“, erläutert Harald Tegtmeyer-Metzdorf vom BVKJ. Auch wenn die Kleinen ihre älteren Geschwister bei kämpferischen Videospielen beobachteten, könne das auf sie bedrohlich wirken und ihren Schlaf stören.

So wirkt das Fernsehen auf Kinder

Wie Kinder je nach Alter Fernsehsendungen oder Filme aufnehmen, zeigt eine Zusammenstellung von Wissenschaftlern der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

  • Bis 2 Jahre hören Kinder mehr, als dass sie schauen. Positiv: Das „Fernsehtraining“ kann dazu führen, dass die Kleinen früher die Fähigkeit entwickeln, ein bewegtes Bild als Ganzes zu erfassen. Nachteil: Gewaltszenen können ihre geordnete Welt durcheinanderbringen. Nie ohne Aufsicht fernsehen lassen – am besten in diesem Alter noch gar nicht vor den Fernseher lassen.
  • 3 bis 5 Jahre: Fantasie und Realität können noch nicht getrennt werden. Deshalb erleben sie märchenhafte Darstellungen als wirklich, was deren Wirkung verstärkt. Die Kinder können jetzt schon kurzen Handlungen folgen. Aber Vorsicht vor Überforderung.
  • 6 bis 9 Jahre: Die Kinder sind ihren Gefühlen nicht mehr so ausgeliefert, werden weniger leicht von einer Handlung überwältigt. Das setzt allerdings stabile Beziehungen und positive Erfahrungen in der realen Umwelt voraus. Unbedingt beachten: Gewaltszenen vermeiden.
  • 10 bis 13 Jahre: Jetzt können Wirklichkeit und Unwirklichkeit im Film zuverlässig voneinander unterschieden werden. Allerdings ist das kein Grund für sie, das unwirkliche Geschehen weniger ernst zu nehmen als reale, täglich erlebte Ereignisse. Die Experten: „Normale Shows und Quiz-Sendungen sind harmlos. Filme nach 22 Uhr überfordern die Kinder.“

Wann mehr erlaubt ist

Zu einem besonders großen Thema in der Familie wird das Fernsehen gerade an den Feiertagen um Weihnachten und Silvester. In dieser Zeit überschlagen sich die Sender mit ihren Filmangeboten. Vor allem Kinder sind dann einer Flut von Spielfilmen auf der Mattscheibe ausgesetzt.

Doch auch an den Feiertagen sollten Kinder nicht unbegrenzt lange fernsehen oder am Computer spielen, rät die Medieninitiative „Schau hin“. Bleibt es bei Ausnahmen, schadet es nicht, wenn die Kinder an diesen besonderen Tagen mal etwas länger fernsehen dürfen. Will die Familie zum Beispiel gemeinsam einen längeren Film oder eine geeignete Show gucken, ist das kein Problem – an anderen Tagen sollte das Kind dann aber weniger schauen.

Du sollst nicht fernsehen, predigen Eltern, aber schauen selbst ganz gerne Spielfilme, Talkshows oder Serien. Thomas Feibel, Experte für Kindermedien, über das zwiespältige Verhältnis zum Medium Fernsehen.

Süddeutsche.de: Wenn Kinder den Fernseher anschalten, leeren sich ihre Gesichter, sie sind kaum noch ansprechbar. Schalten Kinder da völlig ab?

Thomas Feibel: Vielleicht konzentrieren sie sich einfach besonders stark auf die Handlung. Ich kenne Fotos von diesen Kindergesichtern, aber ich finde das ein wenig unfair. Wir sehen vielleicht ganz ähnlich aus, wenn wir einen Film ansehen. Viele Eltern schärfen ihren Kindern ein, dass zu viel Fernsehen schadet. Aber bei ihnen selbst macht es oft einen Großteil der Freizeit aus. Und Kinder merken sehr genau, wann Eltern fernsehen. Zumindest das Einschalten bekommen sie kurz vor dem Einschlafen noch mit.

Sind wir unseren Kinder beim Fernsehen gute Vorbilder?

Kinder ahmen schon beim Fernsehen nach, aber weniger die Sendungen, sondern uns Erwachsene: Sie beobachten ganz genau, wie wir mit dem Fernsehen umgehen und merken, dass es nicht immer mit der Realität übereinstimmt, was ihnen die Eltern über Fernsehkonsum erzählen.

Welche Aussagen über unser Fernsehverhalten stimmen denn nicht?

Erwachsene sehen meistens zur Entspannung fern, ältere Kinder auch. Doch wir wollen uns das oft nicht eingestehen, weil wir ein gespaltenes Verhältnis zum Fernseher haben. Während Kinder noch offen sagen, dass ihnen fernsehen Spaß macht, würde das ein Erwachsener nicht zugeben: Er entschuldigt sich eher dafür, seine freie Zeit so zu vergeuden. Ganz typisch ist der Satz: „Ich war gestern so erledigt, dass ich nur noch ein wenig ferngesehen haben.“ Da ist man nicht ehrlich zu sich – und zu den Kindern auch nicht. Denen hält man vor: „Du kannst doch deine Lieblingssendung auch mal ausfallen lassen!“ Aber am Sonntag sind in vielen deutschen Haushalten um Schlag acht Uhr abends die Kinder im Bett, damit sie beim „Tatort“ nicht stören. Da messen Eltern mit zweierlei Maß. Das sollten sie sich bewusst machen, bevor sie das nächste Mal ihren Kindern Vorhaltungen wegen zu langem Fernsehen machen.

Aber ist Fernsehen nicht manchmal auch ein Segen für gestresste Eltern?

Wenn Kinder vor dem Bildschirm hocken, können Mütter und Väter natürlich ein ungestörtes Telefonat führen oder Abendessen kochen. Nur vergessen sie dann schnell, darauf zu achten, dass das Kind nach einer halben Stunde wirklich – wie vereinbart – den Fernseher wieder ausschaltet. Den Ärger über sich selbst muss dann meist das Kind ausbaden. Dabei wissen wir doch selbst, wie schnell man sich in spannenden Sendungen verliert und nicht mehr auf die Uhr achtet. Das müssen schon die Eltern tun und zum Beispiel nach 20 Minuten ankündigen, dass in zehn Minuten oder nach dieser Sendung Schluss ist.

Es gibt ja auch Kindersicherungen, die nach einer halben Stunde einfach ausschalten. Was halten Sie davon?

Darauf werde ich oft bei Vorträgen angesprochen, aber ich finde, Erziehung sollten wir nicht einem Gerät überlassen. Stellen Sie sich vor, bei Ihrem Film wird an der spannendsten Stelle der Strom abgeschaltet! Außerdem nimmt einem das die Gelegenheit zu Verhandlungen: Du darfst heute zehn Minuten länger schauen, dafür aber morgen zehn Minuten kürzer.

Fernseher

Doch warum benutzen sowohl Kinder als auch Kleinkinder den Fernseher so oft?

Bei dem großen Angebot an Programmen ist für jedes Interesse etwas dabei. Außerdem sind die bunten, sich schnell bewegenden Bilder ein großer Reiz für das Gehirn. Oft ist der Grund für die Benutzung des TV-Gerätes auch die Langeweile der Kinder. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder zu anderen Aktivitäten motivieren, wie z. B. Spielen in der Natur, Buch lesen, Eintritt in den Sportverein, Treffen mit Gleichaltrigen.

Kinder können beim Fernsehkonsum nicht so viel lernen, da sie nur einen Sinn benutzen: Das Sehen. Sie können weder riechen, schmecken noch fühlen.

Auch entsteht beim Fernsehen ein eintöniger Monolog, den die Kinder nicht zum Sprechen anregt. Deshalb ist es wichtig, dass auch Eltern zusammen mit ihren Kindern fernsehen, um danach über die Sendung sprechen zu können. Gleichzeitig kann so auch überwacht werden, was die Kinder anschauen.

Selbst in den Werbeblocks zwischen den einzelnen Programmen wird mehr oder weniger massiv auf die Kinder eingewirkt. Dort wird nicht nur für Windeln, Babykleidung und Hautcrèmes geworben: der Anreiz auf neue Elektronik-Spiele, pinkfarbene Schlösser für Model-Puppen, deren Geschichten in stets neuen Filmen, ist sehr gewaltig und lässt die Wünsche der Kinder ins Unermessliche steigen. Ihnen wird vorgegaukelt, dass das alles zum täglichen Leben dazu gehört, so auch der Besitz der gezeigten „Spielsachen“.

Kinder mit einem hohen Fernsehkonsum sind dazu noch bewegungsfaul und antriebsarm. Die vielen Werbespots regen die Kinder dann noch zum Naschen von Chips und Schokolade an. Der Zusammenhang zwischen hohen TV-Konsum und Übergewicht ist auch wissenschaftlich erwiesen.

Der Frage: „Wieviel Fernsehen ist ok?“ gehen wir in unserem Erziehungsforum nach.

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