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Mamakinder: Nur Mama! Wenn der Papa gar nicht zählt

„Mama anziehen, Mama Schoß, Mama essen…“ Wenn Kinder nur nach der Mutter verlangen, ist das für die Partnerschaft eine schwierige Zeit. Die Mutter ist völlig überlastet, der Vater verletzt von der Zurückweisung. Doch warum ist das so und was können Eltern tun?

Geburtsterminrechner – Wann kommt mein Kind auf die Welt?

Geburtsterminrechner
Wann kommt mein Kind auf die Welt?

Die anderthalbjährige Anna lässt ihre Mutter nicht aus den Augen. Wehe, sie verschwindet kurz hinter der Tür – schon fängt Anna an zu schreien. Wenn Papa sie auf den Arm nehmen möchte, wird ihr Geschrei noch schlimmer: „Mama Arm, Mama Arm“.

Kind fühlt sich als Teil der Mutter

Gerade in der ersten Zeit nach der Geburt ist die Beziehung zwischen Mutter und Kind sehr innig. Das Baby ist intensiv mit der Mutter verbunden, es fühlt sich sogar als Teil von ihr. Es „weiß“ noch nicht, dass es eine eigenständige Person ist. Manche Väter erleben in dieser Zeit schmerzlich, dass sie nun ihre Frau teilen müssen und dass sie ihrem Kind noch nicht das geben können, was sie sich vorgestellt und gewünscht haben.

Einfach süß – Kleinkind liest Vierbeinern Gutenachtgeschichte vor

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Kleinkind liest Vierbeinern Gutenachtgeschichte vor

Da der kleine Junge selber noch hellwach ist, liest er den beiden Pit Bulls Ronny und Macy aus seinem Buch vor. Video

Denn viele Väter übernehmen heute dieselben Aufgaben in der Familie und sehen sich zurecht als gleichberechtigter Versorger ihres Kindes. Gerade für sie kann es sehr schwierig sein, dass in der Anfangszeit die Mutter die Nummer Eins ist.

Enge Bindung als Kleinkind

Experten gehen davon aus, dass in der Regel bei Kleinkindern die Mutter-Kind-Beziehung enger und wichtiger als die Vater-Kind-Beziehung ist. Besonders, wenn die Mutter anfangs stillt und dadurch vorerst die einzige Nahrungsquelle für das Baby ist.

Spätestens mit zwei Jahren ändert sich die „Sichtweise“ der Kinder drastisch und Papa wird immer attraktiver – vor allem als Spielpartner. Noch immer ist es häufig so, dass „Mann“ seltener zu Hause ist und die Zeit mit ihm rar ist – deshalb bleibt er interessanter als Mama.

Viele Kinder in dem Alter sehen die Mutter trotzdem noch als stärkere Bezugsperson. In einer Studie aus den 80er-Jahren wurde festgestellt, dass mehr als drei Viertel einer Gruppe von Kleinkindern lieber mit dem Vater spielen. Als die Kinder im Versuch allerdings getröstet werden wollten, verlangten sie nach der Mutter. Wen das Kind bevorzugt, hängt also in den allermeisten Fällen von der Situation ab.

Männlein und Weiblein

Kinder lernen von erwachsenen Vorbildern – das tun sie durch Abschauen, Nachahmen und Probieren. Erst mit drei Jahren entdecken sie ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Für Jungen ist das ein schwieriger Prozess; sie müssen sich von ihrer Mutter abgrenzen um ein Mann zu werden. Mädchen dagegen können sich weiterhin an ihrer Mutter orientieren.

Diese Abnabelungsphase kann für Jungen sehr schwierig sein, vor allem, wenn sie auch in der Betreuung und in der Freizeit hauptsächlich mit Frauen zusammen sind. In dieser Phase „klammern“ viele Jungen mehr und werden zu richtigen „Mamakindern“. Allerdings nicht, weil sie sich vom Vater abwenden, sondern weil sie sich von der Mutter „entfernen“ und nach einer gewissen Zeit den Vater als Vorbild sehen.

Wie sollten Eltern reagieren?

Will ein Kind nur zur Mama und verhält sich gar abweisend dem Vater gegenüber, sollten die Eltern darüber sprechen: Was empfinden sie zur Zeit? Seit wann verhält sich das Kind so? In welcher Entwicklungsphase befindet sich das Kind? Klammert die Mutter möglicherweise zu viel oder ist der Vater ständig unterwegs, so dass sich das Kind ständig neu an ihn „gewöhnen“ muss. Gab es vielleicht einen Streit als Auslöser?

Wissen beide Elternteile, dass das Kind ein normales Verhalten zeigt und fühlt sich der Vater nicht ausgegrenzt, wird diese Phase höchstwahrscheinlich schnell vorüber gehen. Ist er allerdings verletzt und geht deshalb zu seinem Kind auf Abstand, kann sich das Verhalten des Kindes noch verstärken – es spürt die Distanz zum Vater, kann sie aber nicht zuordnen. Das Verhältnis ist völlig unnötig gestört, zumindest für eine kurze Zeit.

Die Erfahrung der Macht

Kinder sind nicht absichtlich verletzend oder abweisend – sie befinden sich entweder in einer Entwicklungsphase oder haben gelernt, dass sie mit einem Verhalten eine Reaktion bekommen. Fangen sie beispielsweise an zu kreischen, wenn sie zu Papa auf den Arm sollen, weil Mama zum Sport möchte und gerade die Sporttasche gepackt hat und bleibt die Mama deshalb zu Hause, haben sie mit ihrem Gekreische einen kleinen Sieg errungen – und werden das nächste Mal vielleicht wieder kreischen. Und zwar nicht, weil sie den Papa nicht mögen, sondern einfach, weil sie Macht gespürt haben und diese nochmals auskosten wollen.

In diesen Fällen ist es wichtig, dass die Mutter dem Vater zutraut, die Situation selbst lösen zu können. Das heißt gegebenenfalls Augen zu und durch und das Weinen des Kindes aushalten, auch wenn es im ersten Moment schwer fällt.

Manchmal möchten Kinder allerdings auch „nur“ ganz bestimmte Dinge tun – und diese Dinge machen eben mehr Spaß mit Mama (oder Papa). Wenn Mama viel besser Barbie spielen kann oder mehr Geduld beim An- und Ausziehen hat, hat das Kind das Recht seinen Wunsch zu äußern, dass es die Aktivität mit ihr machen möchte. Darauf können Eltern ruhig eingehen ohne denken zu müssen, dass das Kind dadurch zum absoluten Mamakind mutiert. Vielleicht mag es ein paar Tage später nicht mehr Barbie spielen, sondern viel lieber Fußball – und das dann eben mit Papa.

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„Mama, ich will zu Papa!“

Plötzlich war es ruhig. Kein Getrappel, kein Türenklappen. Das machte mich stutzig. Ich rannte in Larissas Zimmer. Ihr Bett war unberührt, die Kuscheltiere saßen artig aufgereiht. Nur ihr Liebling, ein alter zerknautschter Bär, fehlte. Auch ihr Ranzen, ein paar Pullis, Hosen und die schwarzen Schuhe waren weg. Zuvor hatten wir zusammen gegessen: Larissa, meine Große, Paul, mein Kleiner, und ich. Leider hatten wir, wie so oft in letzter Zeit, gestritten. Dann war ich kurz in den Keller gegangen.
„Sie ist bei mir“, sagte mein Ex-Mann später am Telefon. „Ich habe sie abgeholt. Sie hat es nicht mehr ausgehalten. Jetzt bleibt sie endgültig hier.“ Ich konnte kaum noch atmen. Es ging doch in letzter Zeit wieder ganz gut mit uns beiden, mit Larissa und mir. Warum jetzt diese Flucht?
Seit Monaten hatte ich um meine Tochter gekämpft. Hatte versucht, mit ihr zu reden, auch mit ihrem Vater. Wollte ihn überzeugen, dass eine Elfjährige zu Mutter und Bruder gehört. Sogar das Gericht war auf meiner Seite. Vergeblich. Meine Tochter sagte immer wieder: „Ich will zu Papa!“

Das wollte ich nicht wahrhaben. Schließlich bin ich doch ihre Mutter. Alle Kinder von geschiedenen Eltern leben bei ihren Müttern. Und es gibt festgelegte Besuchszeiten. Die Wochenenden für ihn, die Wochentage für mich. Manchmal blieb Larissa länger als verabredet bei meinem Ex-Mann. Wenn sie zurückkam, war sie bockig, beschimpfte oder ignorierte mich. Sie wollte am liebsten immer gleich wieder zurück.
Dabei hat sie ihren Vater gar nicht für sich. Mein Mann hat eine neue Frau mit drei kleinen Kindern. Jünger als unsere beiden. „Du glaubst doch nicht etwa, dass ich jetzt, wo unsere aus dem Gröbsten raus sind, noch mal von vorn anfangen will“, hatte er gesagt, als er aus der Kur kam und von einer neuen Bekannten erzählte. Nicht mal rot geworden ist er dabei. Ich habe ihm geglaubt, obwohl diese Bekannte dauernd bei uns anrief. Später habe ich dann E-Mails und Handyrechnungen gefunden. Da war er gerade eine Woche bei seinen Eltern. In Wirklichkeit traf er die neue Frau mit ihren drei kleinen Kindern. Larissa war auch dabei. Als Pfand? Als Alibi? Was fühlt ein Kind, wenn sein Vater eine fremde Frau küsst?
Als er zurück war, haben wir gestritten, laut und ergebnislos. Wie immer seit 14 Jahren. Er hat alles geleugnet. Und dann seine Sachen gepackt. Wie immer. Nur mit dem Unterschied, dass er diesmal tatsächlich nicht zurückkam. Und ich auch Larissa nicht hinterherschickte, um ihn zurückzuholen. Sollte er doch endlich gehen. Über die Folgen habe ich in dem Moment nicht nachgedacht. Als ich Larissa von ihrer Freundin, bei der sie zum Spielen war, holen wollte, wusste sie über unsere Trennung schon Bescheid. Mein Mann hatte sie angerufen. Sie war völlig aufgelöst und wollte auf keinen Fall mit mir kommen, sondern nur zu ihrem Papa. Ich habe sie ins Auto gepackt und bin nach Hause gefahren.
* alle Namen von der Redaktion geändert

In dieser Nacht lag ich wach, starr vor Schmerz, und fragte mich, wie viel Verletzung man eigentlich ertragen kann. Warum gibt es niemanden, der das Schlimmste verhindert? Der eingreift, bevor das Herz aussetzt. Vom Mann betrogen, vom eigenen Kind zurückgewiesen. Fast wie in einem schlechten Roman.
Am nächsten Morgen dachte ich: Sie wird sich beruhigen. Schließlich war sie schon immer ein Mamakind. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie eine Elfjährige ohne ihre Mutter zurechtkommt.
Sie tat so, als ob sie es könnte. Ihr Blick ging durch mich hindurch. Meine kleine Larissa, schmal und blass, die Haare zum Pagenkopf geschnitten. Als Baby war sie häufig krank gewesen. Nachts habe ich sie stundenlang durch die Wohnung getragen, weil sie so geweint hat. Mein Mann war wegen seines Jobs als Fernfahrer höchstens am Wochenende zu Hause.
Später war sie ein zartes blondes Mädchen und saß lieber auf meinem Schoß, als mit anderen Kindern herumzutollen. Und jetzt? Ich durfte sie nicht mal mehr in den Arm nehmen, sie wehrte sich mit Händen und Füßen, schrie: „Wenn ich nicht zu Papa darf, dann geh ich ins Heim.“ Ich brüllte zurück. Und für einen winzigen Augenblick war in meinem Kopf dieser Gedanke, der bei einer Mutter nichts verloren hat: Dann geh doch.

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Ein paar Tage später zog Larissa zu ihrem Vater und seiner Familie. Zwei Wochen zur Probe, hatten wir ausgemacht. Im Haus war es still. Zu still. Manchmal fragte ich mich, warum ich eigentlich weiterleben sollte. Zum Glück riss mich Paul, mein sechsjähriger Sohn, mit seinem Lachen immer wieder aus der größten Verzweiflung. Er ist ganz anders als Larissa. Viel robuster, viel unbekümmerter. Er zeigt mir seine Liebe noch offen.
Also habe ich weitergemacht. Und immer wieder über die Ursache der Katastrophe nachgedacht. Weihnachten vor acht Jahren fällt mir ein. Mein Mann und ich hatten uns gestritten, danach wollte er verschwinden. Tat es nur nicht, weil ich sagte: „Das kannst du dem Kind nicht antun.“ Daraufhin nahm er Larissa und fuhr mit ihr in die Stadt. Dort durfte sie sich das größte und teuerste Spielzeug aussuchen, das es überhaupt gab: einen hässlichen Spielzeugroboter. Larissa war überglücklich. Die Welt wieder in Ordnung, so einfach ging das. Nur ich war tief verletzt. Warum hatte er sich nicht bei mir entschuldigt? „Er hat sie sich gekauft“, dachte ich. Vielleicht der Beginn einer Abhängigkeit.
Seine Methode funktionierte immer wieder. Meistens waren die Geschenke verbunden mit der Drohung „Wenn du dich nicht schön bedankst, kriegst du nie wieder etwas“ oder auch „. . . dann kommt Papa nicht mehr nach Hause“. Sie hat es geglaubt. Ein Kind von vier, fünf Jahren kann einfach nicht unterscheiden, ob der Vater des Jobs wegen nicht heimkommt oder weil er der Tochter böse ist.
So hat er ihr früh und in kleinen Dosen beigebracht, dass sie daran schuld sein könnte, wenn er eines Tages nicht mehr da ist. Ahnungslos, wie ich war, habe ich das Spiel mitgespielt. Es hieß: Wer ist für Larissa wichtiger? Jeder kleine Sieg ein Triumph. Er punktete mit Geschenken und emotionalen Ausbrüchen. Und ich? Ich weiß es nicht. Aber wie oft habe ich Larissa hinterhergeschickt, um ihn zurückzuholen, wenn er nach einem Streit mal wieder gehen wollte. So ist wohl für sie der Eindruck entstanden: „Die Mama schickt den Papa weg. Und ich muss mich um ihn kümmern, sonst kommt er nicht wieder.“ Zu viel Verantwortung für eine Kinderseele. Warum war mir das nicht früher aufgefallen?

Die zwei Probewochen endeten in einem Fiasko. Larissa kam in der Schule nicht mehr mit, mein Ex-Mann war total überfordert. Ich bekam mein Kind wieder. Mein Kind? Larissa war verändert. Wenn sie etwas sagte, glaubte ich, ihren Vater sprechen zu hören. Sie spielte nicht mehr, sie lachte nicht mehr. Ihr Bruder Paul war ihr egal. Sie hockte nur in ihrem Zimmer und telefonierte mit Papa.
Mit ihrem Vater einigte ich mich, mal wieder, auf feste Besuchszeiten. Ertrug alle ihre Wutausbrüche. Manchmal schaffte ich es, Larissas Panzer aus Aggression ein bisschen durchlässig zu machen. Ich kochte ihr Lieblingsessen, versuchte mit ihr zu reden. Drückte sie an mich, obwohl sie mich kratzte und biss. Ich konnte ihre Angst fühlen, ihre Verzweiflung, die sie selbst kaum in Worte fassen konnte. Sie wollte ihren Papa nicht verlieren. Am liebsten hätte sie ihn für sich allein. Dafür riskierte sie sogar meine Liebe.

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Und dann verschwand sie plötzlich und zog samt Kuscheltier zu ihrem Vater, der sich nicht die geringste Mühe machte, mir das wenigstens einigermaßen schonend beizubringen. Die beiden hatten entschieden. Punkt. Nach einer durchwachten Nacht fuhr ich am nächsten Tag zu Larissas Schule. Ich wollte mit ihr reden, sie in den Arm nehmen. Ich wollte sie wiederhaben!
Mit ihrer Reaktion hatte ich nicht gerechnet. „Ich hasse dich!“, schrie sie. „Ich will dich nie wieder sehen!“ Ihr kleines Gesicht war wutverzerrt, in ihren Augen standen Tränen. Ich wollte sie festhalten, doch sie riss sich los und rannte weg. Auf den Schulhof, zwischen die anderen Kinder, die lärmten und lachten und Gummitwist spielten.
Ich war wie betäubt, setzte mich ins Auto, klappte die Tür hinter mir zu. Aus, vorbei, alles vorbei, dachte ich. Wie ich an diesem Tag nach Hause kam, daran erinnere ich mich nicht. Nur an eine große Leere. In meinem Kopf, in meinem Herzen. Meine Freunde redeten mir zu. Halt durch. Das wird schon wieder. Versuch, das Beste draus zu machen. Ich wollte nicht mehr. Konnte mir auch überhaupt nicht vorstellen, wie der nächste Tag aussehen sollte. So ging das wochenlang. Ich weiß nicht, wie ich den Alltag, der keiner mehr war, hinbekommen habe. Ich glaube, meine Freundinnen haben mir das meiste abgenommen.

Irgendwann kam die Wende. Vielleicht war es der Motorradausflug mit Maximilian, einem alten Bekannten. Als mir der Wind die Haare zerzauste und die Sonne den Rücken wärmte. Plötzlich dachte ich: „Wenn du sie liebst, dann lass sie gehen. Du hast kein Recht, Larissa gegen ihren Willen festzuhalten. Sie muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Egal, was passiert. Auch wenn sie dich zurückweist.“ Seither versuche ich, mein Kind loszulassen. Ein komischer Ausdruck. Man sagt ihn so leicht dahin. Und sofort kommt auch das schlechte Gewissen und schreit: „Rabenmutter! Warum holst du sie nicht einfach zurück?“
„Weil ich sie liebe“, antworte ich mir. Auch Kinder haben ein Recht darauf, zu sagen, was sie mögen und was nicht. Sie hat sich entschieden. Okay. Sie hat große Angst um ihren Vater. Die kann ich ihr nicht nehmen. Aber sie soll sich nicht entscheiden müssen zwischen ihm und mir. Und sie muss sich auch nicht entscheiden, weil ich immer für sie da sein werde, egal, was passiert. Natürlich hat sie mir wahnsinnig weh getan, aber das ist fast vergessen. Sie kann nichts dafür. Sie ist erst elf. Ich hätte sehr viel früher die Beziehung zu meinem Mann klären müssen. Und ich hätte sie aus meinen Beziehungsproblemen raushalten sollen. Dann wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Ich bin sicher, sie liebt mich. Nur kann sie es im Moment nicht zeigen.
PS: Larissa hat mich angerufen. Sie will mit Paul und mir in den Urlaub fahren. Ich soll sie abholen kommen.

Interview mit dem Kinderarzt Remo H. Largo

© Christian Scholz

Alles falsch gemacht? Wenn ein Kind beim Vater leben will, bleibt bei der Mutter eine dunkle Leere. Dabei kann eine Trennung auch Vorteile haben, sagt der Schweizer Kinderarzt und Buchautor Remo H. Largo.

BRIGITTE: Habe ich als Mutter versagt, wenn mein Kind nicht mehr bei mir, sondern bei meinem Ex-Mann leben will?

Remo H. Largo: Nein. Obwohl das wahrscheinlich jede Mutter in so einer Situation denkt. Dabei kann die Reaktion des Kindes ganz normal sein. In der Pubertät lösen sich die Kinder von ihren Eltern. Das geschieht auch in der vollständigen Familie. In einer Scheidungsfamilie aber, wenn sich das Kind von der Mutter ab- und dem Vater zuwendet, wird das ganz anders empfunden.

BRIGITTE: Was ist mit Kindern, die noch nicht in der Pubertät sind?

Remo H. Largo: Es ist schwierig, da den Trennstrich zu ziehen. Die Pubertät beginnt bei manchen schon sehr früh, einige sind mit 13 Jahren schon erwachsen, bei anderen fängt da das Erwachsenwerden erst an. Die relevante Frage ist deshalb: Wie gut werden die Grundbedürfnisse des Kindes befriedigt? Wird es ausreichend ernährt, fühlt es sich geborgen und beschützt, bekommt es genug Zuwendung? Wenn das Leben bei der Mutter die Bedürfnisse abdeckt – ich spreche nun von einem kleineren Kind und nicht von einem Pubertierenden -, dann wird das Kind die Mutter nicht verlassen.

BRIGITTE: Wie reagiert man als Mutter, wenn das eigene Kind gehen will?

Remo H. Largo: Man muss klären, welche Gründe dahinter stecken. Dafür müssen sich die Eltern auch das nichtfamiliäre Umfeld anschauen. Sie müssen sich fragen: Stimmt etwas nicht in der Lebenssituation des Kindes? Wird es vielleicht von den Klassenkameraden gehänselt und will nur zum Vater, um auf eine andere Schule zu kommen?

BRIGITTE: Das heißt, es geht nicht nur um die Mutter oder um den Vater?

Remo H. Largo: Es geht immer um die gesamte Lebenssituation des Kindes. Meine Erfahrung ist, dass es sehr viel braucht, bis ein Kind sein Beziehungsnetz aufgibt.

BRIGITTE: Soll ein Kind überhaupt entscheiden dürfen, bei wem es leben mag?

Remo H. Largo: Kommt es zur Scheidung, müssen die Kinder in jedem Fall in die Entscheidung einbezogen werden. Nur so fühlen sie sich ernst genommen und können mit den Veränderungen umgehen. Das heißt aber nicht, dass die Meinung des Kindes bestimmend sein soll, denn Kinder können ihre Lebenssituation nicht übersehen und wissen nicht, welche Konsequenzen eine bestimmte Entscheidung hat.

BRIGITTE: Etwa die, dass der entspannte Feierabend- Vater nach dem Umzug zum gestressten Alltagsvater werden kann?

Remo H. Largo: Zum Beispiel. Das Kind hat den Vater nur als Feierabend-Vater in Erinnerung. Was es aber heißt, mit ihm im Alltag zu leben, das ist etwas völlig anderes. Vielleicht auch etwas, was es gar nicht will.

BRIGITTE: Wäre Probewohnen sinnvoll?

Remo H. Largo: Ja, das denke ich schon. In dieser Probezeit erlebt das Kind die Realität. Gut fürs Ausprobieren sind die Schulferien. Dann fällt das Kind nicht aus seinem normalen Alltag raus und erlebt trotzdem, wie ein gemeinsames Leben mit dem Vater aussieht.

BRIGITTE: Damit so etwas klappt, müssen die Eltern miteinander reden, muss der Umgang fair sein. Was aber, wenn der Vater das Kind unter Druck setzt, es mit Geschenken lockt oder mit der Aussage: „Wenn du nicht ganz zu mir kommst, brauchst du gar nicht mehr zu kommen!“

Remo H. Largo: Dann ist das Kind zum Spielball der Eltern geworden. Das ist keine gute Situation, weil es nicht mehr um die Interessen des Kindes geht. Das Problem ist, dass man so etwas weder dem Vater noch der Mutter so leicht ausreden kann. Ich würde in diesem Fall eine dritte Person einschalten, die zwischen den Eltern vermitteln soll.

BRIGITTE: Und dann müsste die Frage lauten: Was ist im Interesse des Kindes?

Remo H. Largo: Ja. Übrigens kann sich der Vater mit seiner Strategie auch ganz schön verrechnen. Was, wenn es das Kind später so macht wie er jetzt? Es kann ihn unter Druck setzen und mit dem Rückzug zur Mutter drohen.

BRIGITTE: In Deutschland wachsen die meisten Kinder getrennter Eltern bei ihren Müttern auf. Wenn sich nun das Kind bewusst für den Vater und gegen die Mutter entscheidet, wird schnell getuschelt bis hin zum Vorwurf: Die ist eine Rabenmutter! Wie geht man damit um?

Remo H. Largo: Leider gibt es diesen Vorwurf immer noch. Wenn aber die Mutter aus Angst um ihren guten Ruf das Kind zurückhält, dient es weder ihr noch dem Kind. Dass ihr Image in der Öffentlichkeit Schaden nimmt, sollte nicht bestimmend sein.

BRIGITTE: Ich soll nicht um mein Kind kämpfen?

Remo H. Largo: Das kommt auf die Situation und die Gründe an, die das Kind zum Auszug bewegen. Auf jeden Fall sollten Sie keine Kompromisse eingehen, nicht plötzlich deutlich mehr erlauben oder das Kind mit Geschenken überhäufen. Sie können ein Kind nicht kaufen. Wenn Sie Ihre Aufgabe als Mutter gut gemacht haben, dann kommt das Kind eines Tages zurück. Nicht unbedingt in dem Sinn, dass es wieder bei Ihnen einzieht. Aber im emotionalen Sinn.

BRIGITTE: Wann sollte eine Mutter ihr Kind freigeben, es beim Vater leben lassen?

Remo H. Largo: Wenn sich Mutter und Kind ineinander verhakt haben und nicht mehr miteinander auskommen – was übrigens auch in vollständigen Familien in der Pubertät vorkommt. Als Mutter darf ich mir dann sagen: Das ist nicht nur mein Versagen. Natürlich ist das schwierig. Und ich denke, dass die wenigsten Mütter es allein schaffen. Sie brauchen jemanden zum Reden, eine Psychologin oder eine gute Freundin.

BRIGITTE: Was kann ich als Freundin für die verlassene Mutter tun?

Remo H. Largo: Das Mutterbild, das diese Frau von sich hat, etwas gerade rücken. Die Mutter denkt in so einer Situation meist: Ich habe alles falsch gemacht. Als Freundin kann ich sie daran erinnern, was sie alles gut gemacht hat: Sie hat ihrem Kind vielleicht bei Schulproblemen geholfen hat oder beim letzten Freundschaftskummer getröstet. Wenn man sich das anschaut, wird klar: Das Verhalten des Kindes ist nicht allein ein Resultat des Verhaltens der Mutter.

Kindererziehung: Bedingungslose Liebe und Ablehnung

24. August 2018

  • Autor Mirka Huber
  • Thema Elternalltag, Kommunikation, Trotzphase

Wenn ein Baby auf die Welt kommt, sind die Eltern von einer endlosen Liebe erfüllt. Sie können sich in diesem Moment kaum vorstellen, jemals auf das kleine Wesen wütend zu sein. Doch spätestens in der Trotzphase wird diese bedingungslose Liebe hart auf die Probe gestellt.

Das kleine Schätzchen wird spätestens mit zwei Jahren immer wieder zum Monster. Wutanfälle, scheinbar sinnlose Tränen und dazu das Lieblingswort „nein“. Manchmal steht man da, atmet tief durch, versucht die eigene steigende Wut zu unterdrücken und hofft, dass sich das kleine Monster endlich wieder beruhigt.

In diesen Situationen würden manche Eltern am Liebsten wegrennen. Doch gerade jetzt braucht ein Kind die bedingungslose Liebe, die wir bei der Geburt gespürt haben. Gerade jetzt muss man es in den Arm nehmen und beruhigen. Oder dem Kind zumindest das Gefühl geben, dass man für ihn immer da ist, egal was geschieht.

Wenn ein Elternteil bevorzugt wird

Ab einem bestimmten Alter werden unsere Kinder wählerisch. Sie essen nicht alles, wollen bestimmte Kleidung tragen und bevorzugen manche Spielsachen. Doch damit endet es nicht. Besonders schwer wird es, wenn das Kind einen Elternteil bevorzugt. Oft handelt es sich dabei um die Mutter, denn in den meisten Fällen sind es gerade die Frauen, die in Karenz sind und 24 Stunden mit dem Kind verbringen. Wird der Vater immer wieder weggeschickt, stellt das die Beziehung zum Kind, aber oft auch die Beziehung zwischen den Eltern, auf die Probe.

„Geh weg, Papa!“

Egal wie aktiv sich beide Elternteile um das Kind kümmern, irgendwann kommt der Tag, an dem das Kind nur noch einen von den beiden möchte. Sei es beim Trösten, beim Schlafen legen oder beim Spielen. Manchmal schreit das Kind nur noch nach der Mutter oder dem Vater. In diesem Fall ist es wenig sinnvoll ein Kind zu zwingen mit dem nicht gewollten Elternteil zu spielen oder schlafen zu gehen. Denn Kinder schreien nicht um ihre Eltern zu ärgern. Sie fühlen sich in der Situation sicherer bei der Mutter oder dem Vater. Wird einem Kind diese Sicherheit genommen, kann diese Phase noch stärker werden und länger dauern.

Lösungen gesucht

Am Besten legt man die Grundsteine einer festen Beziehung zu beiden Eltern gleich am Anfang. Eltern sollten sich alle Aufgaben rund um das Kind so weit es geht teilen. Auch wenn der arbeitende Elternteil oft nach der Arbeit müde ist, sollte er das Baby wickeln, kuscheln, bespaßen und wenn möglich, auch füttern und hinlegen. Dies verstärkt die Bindung zum Kind. Dennoch kann man im Alltag die Aufgaben selten genau halbieren und die Mama-Phase oder die Papa-Phase kommt bestimmt früher oder später. Auch wenn es dem abgelehnten Elternteil sehr weh tut, heißt es nun, sich noch mehr Mühe zu geben. Und noch mehr bedingungslose Liebe zu zeigen. Beleidigter Vater, der dem Kind kalte Schulter zeigt, zerstört seine Beziehung zum Kind langfristig.

Gemeinsam sind wir stark

Wenn sich die Phase bemerkbar macht, sollte der bevorzugte Elternteil darauf achten, dass beide Elternteile das Kind umsorgen. Und gerade wenn das Kind nach niemandem bestimmten verlangt, sollte immer der abgelehnte Elternteil die Aufgaben übernehmen. In Situationen, wo das Kind nur den Einen will, kann der Andere zumindest anwesend sein und helfen, wenn es das Kind zulässt.

Wird zum Beispiel die Mama bevorzugt, kann sich beim Schlafen gehen der Vater dazu legen und eine Geschichte erzählen oder vorsingen. Beim Füttern kann er assistieren und beim Spielen kann er auch immer wieder eingebunden werden. Es soll aber immer in einer entspannten Atmosphäre passieren, ohne Zwang und Ärger. Tobt das Kind zu viel, ist es besser seine Wahl zu akzeptieren und es beim nächsten Mal erneut zu versuchen.

Wichtig ist in jeder Situation daran zu denken, und auch den Partner daran zu erinnern, dass es sich um eine natürliche Entwicklungsphase handelt und dass ein Kind nicht gezielt bösartig agiert. Wenn man sich das vor Augen hält, fällt es einem leichter bedingungslos zu lieben.

Das kommt nicht nur oft vor – es ist sogar die Regel! In Manchen Phasen seines Lebens findet ein Kind die Mama toller, und später dann den Papa. Oder ein Kind hängt von vorneherein stärker an einem Elternteil als am anderen, und das bleibt auch so.

Besonders krass ist das bei Eltern, die getrennt leben. Denn dann erlebt das Kind den Alltag überwiegend beim einen Elternteil, muss dort Gemüse essen und Hausaufgaben machen, während beim anderen Elternteil Freizeit und mehr Kuscheln angesagt ist. Der Wochenend-Papa oder die Wochenend-Mama ist dann meistens beliebter als der Elternteil, der den Alltag schmeißt und sich tagtäglich ein Bein ausreißt, um alle Anforderungen unter einen Hut zu bekommen.Kinder sind da sehr korrumpierbar.

Und dann kommt natürlich dazu, dass Kinder sich je nach Alter stärker an bestimmten Elternteilen orientieren. In den ersten beiden Jahren ist das der, der die meiste Zeit mit dem Kind verbringt. Ab etwa dem achten Lebensjahr ist dann häufig der gleichgeschlechtliche Elternteil das große Vorbild und der Vertraute, und in der Pubertät verfeinden sich Kinder dann manchmal regelrecht mit einem Elternteil, während sie mit dem anderen recht freundlich umgehen.

Das ist natürlich schrecklich ungerecht. Und nicht wenige Eltern leiden darunter. Wie können sie sich helfen, was sollten sie tun?

Wichtig, ihr Eltern ist, dass ihr immer wisst: Eure Kinder lieben euch. Auch wenn sie so tun, als wäre das ganz anderes. Sie können nicht anders, sie spüren es nicht immer, aber sie tun es. ganz egal, wie schwer ihr es gerade miteinander habt, wie gemein die Kinder sind, wie schwierig der Alltag oder wie steif und fest eure Kinder behaupten, sie müssten adoptiert sein, weil sie rein kein gar nichts mit euch verbinden würde. Die Liebe ist immer da. Und wird nach einer gewissen Zeit auch wieder spürbar und kommt zum Vorschein, wenn ihr gelassen bleibt und nicht euer Herz verschließt. Denn passiert das, können sich die Störungen, die erst einmal normal sind, verfestigen.

Denn manchmal geschieht es, dass ein Elternteil beschließt: „Wenn du nichts von mir wissen möchtest, will ich dich auch nicht mehr sehen.“ Oder: „Wenn du gemein zu mir bist, brauchst du auch nichts mehr von mir zu erwarten.“ So menschliche verständlich diese Reaktion sein mag, sie ist auch trotzig und nicht erwachsen. Damit disqualifizieren sich Eltern aber als Person, die ein Kind respektiert und von der es meint etwas lernen zu können.

Eltern sollten es aushalten, wenn ein Kind sie eine Zeitlang doof findet oder links liegen lässt. Und dennoch ihre erzieherischen Aufgaben weiterhin wahrnehmen, auch wenn das Kind diese nicht gut findet. Also klar sagen: Auch wenn du das gerade nicht klasse findest, ich bin deine Mutter und entscheide, dass du deine Hausaufgaben jetzt machst. Leben die Eltern zusammen, sollte der Elternteil, der gerade bevorzugt wird („Ich will aber, dass mich die Mama ins Bett bringt!“) klar Position beziehen. Das bedeutet, dass er dem Kind gegenüber immer wieder klarstellt, dass das Zu-Bett-Gebracht-Werden kein Wunschkonzert ist, und dass es mal der eine, mal der andere macht. So kann das Kind wieder auf seinen Platz zurückfinden, sich mit dem anderen Elternteil arrangieren und nach und nach erkennen, dass der zwar vieles anders macht, aber eben auch manches anders gut.

Und natürlich, wenn die Kinder größer werden und ihre gezeigte Ablehnung manchmal auch krasser wie zum Beispiel in der Pubertät, sollten beide Eltern an einem Strang ziehen. Absprachen sind wichtig, damit Kinder nicht in eine Situation kommen, in der sie einen gegen den anderen ausspielen können, Klarheit und immer wieder die Botschaft: Es ist so wie es ist. Wir können über manche Regeln zusammen sprechen, aber deine Eltern haben beide einen wichtigen Platz, und dass du gerade mit dem einen besser auskommst, bedeutet nicht, dass der nun alles übernimmt oder der andere nichts mehr zu sagen hat.

Und ganz am Ende, aber zentral und eigentlich das Wichtigste: Auch Kinder, die ihre Eltern sehr lieben und deren Eltern einen richtig guten Job machen, mögen ihre Eltern phasenweise nicht. Das ist normal und Teil der gesunden Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsen-Werden. Eltern, die von ihren Kindern immer toll gefunden werden, machen mit Garantie etwas falsch. Sie richten sich zu stark nach den Wünschen (nicht den Bedürfnissen!!!) der Kinder und tun zu viel, um sich von den Kindern geliebt zu fühlen. Viel wichtiger, als dass euch eure Kinder immer toll finden ist, dass ihr ihnen in Sachen Glück ein gutes Vorbild seid. Kinder brauchen Eltern, die ihnen zeigen, wie man sein Leben so gestaltet, dass man wirklich das lebt, was einem wichtig ist. Das kann sogar bedeuten, dass man manchmal nicht für die Kinder da ist, sondern der Babysitter oder die Oma. Wenn man als Mutter oder Vater aber für das eigene Glück sorgt, sind die Chancen viel größer, dass auch die Kinder das einmal tun. Dass sie sich erlauben, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Und dieser Weg ist ja oft einer, der die Eltern erst einmal überrascht und der ihnen nicht in allen Details gefällt. Kinder die sich das trauen, haben etwas Wichtiges mitgenommen. Und finden immer wieder einen Weg zu ihren Eltern. Nicht weil sie denken das zu müssen, sondern weil sie es wollen.

Mamakinder – Papakinder

Stattdessen kann es entspannend wirken, die Sachlage mit etwas Abstand und möglichst objektiv zu betrachten: „Es gibt Situationen, wo es weniger dramatisch ist als es zunächst aussieht. Kinder haben ihr bevorzugtes Gegenüber und verbinden bestimmte Verrichtungen eine bestimmte Zeit lang mit einer bestimmten Person. In der Regel verteilen sie dabei Nähen und Distanzen. Eine Beobachtung, dass das Kind sich immer nur von Mama ins Bett bringen und nachts beruhigen lässt, muss nicht automatisch heißen, dass es sich tatsächlich nur an Mama orientiert. Wenn Eltern sich mal eine Woche lang anschauen, in welchen Situationen das Kind wen bevorzugt, werden sie wahrscheinlich feststellen, dass es sehr wohl auf beide zugeht. Es tut gut zu merken, dass es auch Momente gibt, in denen der andere Elternteil beim Kind einen Stein im Brett hat.“ Und zwar sowohl für den, der sich ausgeschlossen fühlt wie auch für den, den die Ansprüche des Kindes überanstrengen.

Vom Zweier zum Dreier: Vorbild gute Elternbeziehung und ernsthafte Angebote

Die unterschiedlichen Rollen bewusst wahrzunehmen und positiv zu nutzen bietet letztlich auch die Chance, wieder mehr Balance in die Familie zu bringen – denn bei aller Natürlichkeit von kindlichen Bedürfnissen ist niemand dazu verdammt, sich diesen jederzeit zu opfern. „Es liegt dann bei den Eltern, Angebote und Absprachen zu finden, die dem einen Freiräume verschaffen und dem anderen gleichzeitig ermöglichen, stärker in Beziehung zum Kind zu treten“, sagt Inge Beyersmann. „Wie genau man das macht, hängt auch von der Rolle und den Bedürfnissen des Kindes in der jeweiligen Entwicklungsphase ab.“ Es gilt also zu schauen: Was habe ich zu geben, was gerade beim Kind einen Nerv trifft? „Macht ein Elternteil seinem Kind liebevoll und mit echtem Interesse Angebote, versteht er die Signale des Kindes und beantwortet sie angemessen, hilft das, die Bindung und eine positive Beziehung zu stärken“, so die Psychologin. Prima Ausgangspunkte dafür sind gemeinsame Familienaktivitäten, Spiele, Mahlzeiten: „Wenn das Kind erlebt, dass die Eltern interagieren, feinfühlig miteinander kommunizieren, eine gute Beziehung im Alltag vorleben, wird es ermutigt, auch selbst mehr in Kontakt zu treten.“

Auch möglich: Loyalitätskonflikt aufgrund eines Elternstreits

Nun gibt es abgesehen von natürlichen, zeitlich wechselnden Vorlieben durchaus Kinder, die tatsächlich permanent offenkundige Mama- oder Papakinder sind. Vielleicht fühlen sie sich aus genetischer Ähnlichkeit näher, vielleicht haben sie gemeinsam sehr prägende Erfahrungen gemacht, vielleicht ergibt es sich aus nicht zu ändernden Umständen wie der chronischen Krankheit eines Elternteils oder Abwesenheiten durch Trennungen. „Solange die Kinder glücklich sind, nicht eingeschränkt darin, ihre Potentiale zu entwickeln, ist ein Mama- oder Papakind kein Grund zur Sorge“, beruhigt Prof. Maywald. „Aber ich stelle mal eine Hypothese auf, die nicht jedem Elternteil genehm sein wird. Es kann nämlich auch gut sein, dass die Gründe für die verstärkte Zuneigung zu einem Elternteil eigentlich gar nicht beim Kind liegen, sondern in einem Elternkonflikt. Und das Kind, das merkt, die Eltern arbeiten gegeneinander und es kann nicht beiden gerecht werden, versucht das in seiner Not zu lösen, indem es sich auf eine Seite schlägt. Dann hängt es an Mamas Bein und Papa wird rausgeschoben.“

Klammernde Mütter sind nicht die Wurzel allen Übels

Dass, wie gern angeführt, grundsätzlich klammernde Mütter ein ungesundes Mamakind heranzüchten, hält Prof. Maywald dagegen für eine unsinnige Generalisierung: „Es gibt sicher Einzelfälle, wo das Nicht-Loslassen-Können eine Rolle spielen kann. Das gilt übrigens genauso für Väter. Aber es wäre Blödsinn, dies im Sinne einer 1:1-Verursachung zu sehen, man muss sich immer die gesamte Situation anschauen.“

Papaphasen: Wenn nur der Papa zählt

Papa ist der Superstar! Diese „Nur-Papa-zählt-Phase“ kennen vor allem Eltern von Zwei- bis Dreijährigen. Bei Müttern weckt das oft Eifersucht. Doch eigentlich ist das ein ganz normales Phänomen: In bestimmten Situationen bevorzugt man bestimmte Ansprechpartner in der Familie. Eine Shoppingtour ist für die Teenager mit der Mutter einfach spannender und beim Computerkauf ist der Vater der bessere Ratgeber. Aber wie ist das bei kleinen Kindern? Auch sie favorisieren zeitweise einen Elternteil und grenzen sich gleichzeitig vom anderen stark ab. Vor allem die Papas sind da häufig im Vorteil.

Mama ist abgeschrieben

Seit einigen Wochen ist die zweijährige Lisa wie ausgewechselt. Kaum dreht sich abends der Schlüssel in der Tür, rennt sie los und fliegt ihrem Papa freudig in die Arme. Von da an hat die Kleine nur noch Augen für ihren „Paaapaa“, dessen permanente Anwesenheit sie dann auch bis zum Schlafengehen konsequent und lautstark einfordert. Nur Papa darf beim Abendessen das Käsebrot schneiden, die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen und sie vorm Einschlafen zudecken. Mama ist in dieser Zeit abgeschrieben und wird wie Luft behandelt. Diese demonstrative Ablehnung ist für die meisten Mütter eine schmerzhafte Erfahrung, zumal sie ja tagsüber die Hauptbezugsperson für ihr Kind sind.

„Papa Superstar“ mit Spaßfaktor

Das Phänomen „Papakind“ kommt besonders häufig bei Zwei- bis Dreijährigen vor und viele Mütter klagen sich in Internetchats gegenseitig ihr Leid. Eine junge Frau erzählt von ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter: “Er spielt mit ihr halt Spiele, die ich nicht spielen kann, weil ich oft einfach nicht die Zeit, die Nerven oder auch die Kraft habe. Zum Beispiel sie in den Wäschekorb setzen und mit ihr durch die Wohnung fliegen. Er blödelt mit ihr herum und mit ihm gibt es halt den ultimativen Spaßfaktor.“ Eine andere Mutter kommt sich in solchen Situationen wie das dritte Rad am Wagen vor. Sie schreibt: “Das ist schmerzlich. Jetzt sagt sie immer, dass ich weggehen soll, dass sie nur zu Papa will. Am Wochenende ist es ganz schlimm. Die beiden lachen und toben und ich putze die Wohnung.“

Gerlinde Unverzagt, Journalistin und Autorin zahlreicher pädagogischer Ratgeber, ist selbst vierfache Mutter und kennt die Problematik, die vor allem am Wochenende auftaucht. Kinder, die unter der Woche auf bestimmte Bitten gegenüber der Mutter mit Wutanfällen reagierten, seien samstags plötzlich wie ausgewechselt: „Was viele Mütter erbost, ist das leichte Spiel, das der Partner bei den Kindern hat. Mit Papas freundlichen ‚Lass mich mal‘ geht plötzlich alles wie geschmiert. Dieselben Handgriffe, dieselben Worte, dasselbe Anliegen – ein grundverschiedenes Kind.“

Enge Bindung macht auch Abgrenzung nötig

Es muss keinen bestimmten Anlass geben, dass ein Kind einen Elternteil plötzlich ablehnt. Dieses Verhalten ist ein natürlicher Prozess der Abgrenzung, bei dem meist die Mütter die Leidtragenden sind, erklärt Familiensoziologe Hans-Walter Grumbinger gegenüber der Zeitschrift „Baby und Familie“: “Mama ist zum Glück nicht abgeschrieben. Das Kind empfindet dann eher: Die Mama ist ja sowieso da, Papa ist jetzt aufregender.“ Gerade kleinere Kinder, die eine ganz besondere Bindung an die Mutter spüren, streben nach Unabhängigkeit. In der Psychologie nennt man diesen Schritt aus der Zweisamkeit in eine Dreierbeziehung „Triangulierung“. Autorin Gerlinde Unverzagt hat diesen Abgrenzungsprozess bei ihren Kindern ebenfalls miterlebt: “Aus der engeren Bindung zur Mutter muss man sich am heftigsten losstrampeln, losboxen, losschreien. Und im nächsten Moment wieder auf Mamas Schoß klettern, um aufzutanken.“

Väter spielen spannender

Väter sind bei einer klassischen Rollenverteilung in der Familie im Gegensatz zu den viel öfter anwesenden Müttern für die Kinder etwas Unerforschtes und Außergewöhnliches und werden damit zu etwas besonders Kostbarem und Interessantem. Im Alter von zwei bis drei Jahren machen Mädchen und Jungen andere Erfahrungen mit dem Vater als mit der Mutter, und das ist natürlich spannend.

Auch das gemeinsame Spielen mit dem Papa läuft anders ab. Alles ist ein bisschen rauer und intensiver. Spiele wie In-die-Luft-Schmeißen oder endlose Balgereien gibt es mit Mama meist nicht. „Väter sind beim Spiel häufig dynamischer und rasanter als Mütter. Sie spielen verwegene, wilde, abenteuerliche und herausfordernde Spiele, die oftmals komplex sind und viel Einsatz, insbesondere auch körperlich, erfordern“, sagt der Spiele-Autor und Kulturpädagoge Uli Geißler.

Die männliche Herausforderung im Spiel

Der französische Psychologe Jean Le Camus untersuchte die Bedeutung der frühen Vater-Kind-Bindung. Er beobachtete Eltern vor allem beim Babyschwimmen. Sein Fazit: Väter spielen und berühren ihre Kinder herausfordernder, sind innovativer bei den Spielideen mit ultimativem Spaßfaktor. Mütter verhalten sich beim Spielen eher beruhigend, beschützend und bestätigend. Für den Psychologen ist diese „männliche“ Herausforderung beim Spiel wichtig für die Entwicklung des Gehirns, denn die Kinder werden so vermehrt angeregt selbstständig Lösungsmöglichkeiten zu finden und neue Fähigkeiten zu entdecken.

Identifikation mit den Eltern

Einige Kinder lösen sich eher unauffällig aus der engen Zweierbeziehung zur Mutter, wechseln häufiger die Seiten, sind mal Mamakind mal Papakind. Kommen Geschwister hinzu, orientiert sich das ältere Kind erst recht am Vater. Kleine Jungen zwischen drei und sechs Jahren identifizieren sich ebenfalls besonders stark mit dem männlichen Elternteil. Gerlinde Unverzagt nennt diese geschlechtsspezifische Orientierung „Vaterhunger“.

Eifersucht und Unzufriedenheit vermeiden

Für Mütter ist diese extreme „Papa-Phase“ oft schwierig, vor allem wenn sie von ihrem Kind heftige Ablehnung erfahren. Damit Eifersucht und Unzufriedenheit nicht die Oberhand gewinnen, kann man mit kleinen Veränderungen im Alltag und im elterlichen Rollenverhalten den Teufelskreis durchbrechen. Denn wenn einer nur putzt und gleichzeitig der strenge und schimpfende Erzieher ist, während der andere die Rolle des tollen und lachenden Unterhalters hat, sind Konflikte programmiert.

Außerdem sollten sich beide Elternteile bewusst machen, dass es sich nur um eine bestimmte und vorübergehende Phase handelt, in der die Kinder in extremer Weise den Vater bevorzugen und so einen ersten kleinen Ablöseversuch aus den liebevollen und engen „Fängen“ der Mutter wagen. Ein gelassener Umgang mit der Situation ist deshalb ratsam. Dass ein wenig mehr „Loslassen“ nicht schadet, bringt eine junge Mutter im Internetchat auf den Punkt: “Ich kann mich da so ganz rein fühlen. Die Kleine ist jetzt zweieinhalb und hat jetzt eben eine intensive Papa-Phase. Ist doch schön. Kein Grund zur Eifersucht. Man stelle sich vor, wenn alle Väter in Tränen ausbrechen würden, deren Kinder phasenweise ein innigeres Verhältnis zur Mutter haben.“

„Nicht du, Mama. Der Papa soll das machen!“ – jede Mutter, die schon einmal vom Nachwuchs ausgeladen wurde, kennt dieses komische Gefühl, das einen in diesem Momenten beschleicht: eine unbehagliche Mischung aus „Ist mir total egal!“ und „Was habe ich denn getan?“.

Klar weißt du eigentlich, dass du nicht sauer oder enttäuscht sein solltest. Aber ganz ausschalten kann man das Mama-Herz eben auch nicht. Was kannst du also tun, wenn du (gerade) ein Papa-Kind zu Hause hast?

Was tun, wenn der Nachwuchs gerade ein Papa-Kind ist?

1. Tipp in einer Papa-Phase: Freu dich, wenn auch (mal) Papa das Spielen übernimmt!

Kinder suchen sich (phasenweise) eine Bezugsperson. Wie diese vom Kind ausgesucht wird, hängt von vielen unterbewussten Vorgängen und Impulsen ab. Manchmal sind diese Beziehungen auch etwas oberflächlicher und wechseln zwischen Mama und Papa. Das hat dann oft etwas damit zu tun, wer gerade besser dazu geeignet ist, das entsprechende Bedürfnis zu stillen, wer eher bei einem Entwicklungsschritt unterstützen kann, zu wem die Beziehung vielleicht noch (mehr) gefestigt werden muss.

Durchaus kann auch ein tiefergehendes Problem innerhalb eurer Familie der Grund dafür sein, dass eine bestimmte Person vom Kind gewählt wird. Zum Beispiel bei Ehekrach, einem neuen Job oder Umfeldveränderungen. In jedem Fall ist es wichtig, die Entscheidung des Kindes zu akzeptieren, denn böse meint dein Kind es nicht. Vielleicht hilft es also, das Ganze eher pragmatisch zu sehen. Freu dich einfach, wenn Papa das Spielen übernimmt – und du Zeit für anderes hast.

2. Tipp, wenn dein Kind nur noch zu Papa will: Setzt auf Rituale – zu gleichen Teilen.

Um dem Papa-Kind-Phänomen zu begegnen, könnt ihr (sodenn es eure Zeit zulässt) von Anfang an Rituale einführen. Papa badet, Mama bringt ins Bett? Könnte klappen. Aber Achtung: Es kann durchaus möglich sein, dass auch diese Rituale irgendwann hinterfragt und versuchsweise aufgebrochen werden – vom Nachwuchs selbst. Das ist allerdings nicht als Abneigung dir gegenüber zu verstehen, sondern als Grenzen-Austesten.

3. Tipp, wenn der Nachwuchs nach Papa verlangt: Bildet als Eltern eine Einheit.

Oberste Regel: Ihr solltet immer darauf achten, eine Einheit zu bilden und Probleme offen anzusprechen – ganz gleich, wie stressig der Alltag manchmal auch sein mag. Gab es also Streit, könnt ihr eurem Kind das erklären und auch offen zeigen, wenn ihr euch wieder vertragt. Hilfreich ist es auch, viel als Familie zu unternehmen. Gemeinsame Aktivitäten und eine offene Kommunikation unterstreichen ein festes Gefüge, in dem das Kind nicht Partei ergreifen muss.

Eine Einheit als Eltern zu bilden, ist also wichtig. Das genaue Gegenteil: Maternal Gatekeeping. Was passiert, wenn Mamas die Papas gar nicht mithelfen lassen, liest du hier …

Hintergrund

Kindererziehung Maternal Gatekeeping: Wenn Mamas die Papas gar nicht mithelfen lassen … „Lass‘ mich das mal machen“ – und schon übernimmt mal wieder Mama in puncto Kinderversorgung, weil es angeblich schneller, besser, einfacher geht. Genau dieses Phänomen hat inzwischen sogar in Fachkreisen einen Namen: Maternal Gatekeeping. Doch was steckt dahinter? Sind wir am Ende gar (oh Schreck!) selbst schuld, wenn Väter sich wenig bei der Erziehung einbringen? Und wie lassen wir Mütter häufiger los?

4. Tipp: Versuche, Eifersucht zu vermeiden.

Die Eifersucht zu unterdrücken, wenn das Kleine schon wieder zum Kuscheln zu Papa geht? Ganz schön schwierig! Oft fühlt sich das andere Elternteil (auch als Partner) regelrecht vom Kind verdrängt – ein absolutes Tabu-Thema, das aber viele Familien betrifft.

Wichtig ist aber: dass du deinem Kind deswegen kein schlechtes Gewissen machst. Auch deine Enttäuschung solltest du vor ihm nicht zum Ausdruck bringen. Besser ist es, deine Gefühle bei deinem Partner anzusprechen. Das hilft, Spannungen aus dem Alltag zu nehmen und dem Kind gegenüber fair und unvoreingenommen zu bleiben.

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Mama-Kinder, Papa-Kinder

Einem Baby ist meist die Mutter vertrauter, es fühlt sich bei ihr sicher und geborgen. Sobald es agiler wird, kann plötzlich der Vater interessanter werden. In der Regel gibt es für keinen Elternteil einen Grund, sich zurückgesetzt oder ungeliebt zu fühlen, solche Phasen lassen sich souverän meistern.

Das typische Mamakind

Die Mama ist den ganzen Tag zu Hause und kümmert sich um das Kind. Sie füttert es, wickelt es und spendet Trost, wenn Monster in den Schatten im Kinderzimmer lauern. Der Papa hingegen ist meist den ganzen Tag weg. Zwangsläufig wird die Mutter zur engeren Bezugsperson.

Abends möchte dann der Papa Zeit mit dem Nachwuchs verbringen, sein Kind im Arm halten, es ins Bett bringen. Das Kind wehrt sich und verlangt nach seiner Mama. Der Papa fühlt sich zurückgewiesen, ihm ist klar – gegen die Mama hat er keine Chance, sein Kind möchte von ihm nichts wissen.

Dem ist nicht so. Ein kleines Kind braucht eine vertraute Person, die es versorgt und ihm Sicherheit vermittelt, das ist in diesem Fall aufgrund der äusseren Umstände die Mutter. Genauso kann es sich natürlich umgekehrt verhalten, wenn der Papa sich intensiver kümmert und die Mutter häufiger abwesend ist.

Die Umwelt wird interessanter

Kinder entwickeln sich und möchten die Umwelt erkunden. Das Baby beginnt zu robben und zu krabbeln und möchte seine Neugier befriedigen. Es nimmt seine Umgebung selektiver wahr und stellt fest, da ist noch ein Mensch anwesend, der interessant ist.

Kommt der Papa nun von der Arbeit, nimmt es auf den Arm und kitzelt es, jauchzt es vor Vergnügen. Anschliessend krabbelt er vielleicht noch mit ihm auf dem Boden herum. Der Papa ist also jemand, der Spass macht, mit ihm kann Baby die Welt erkunden, schon ist die Mama abgeschrieben.

Nun fühlt sie sich zurückgesetzt – hat sie sich doch die ganze Zeit aufopferungsvoll um ihr Kind gekümmert und jetzt möchte es nur noch vom Papa ins Bett gebracht werden.

Dabei handelt es sich um eine natürliche Entwicklungsphase. Das Kind löst sich von der ersten Bezugsperson, ist nicht mehr ständig auf den sicheren Hafen angewiesen. Der Papa stimuliert in der Interaktion andere Sinne als die Mama, genau darauf ist es jetzt angewiesen.

Wiederum kann es sich natürlich auch umgekehrt verhalten. Es kommt immer darauf an, wer dem Kind zunächst vertrauter ist, aber auch auf das Temperament der Eltern und des Kindes. Ein eher introvertiertes Kind wird sich länger an der engeren Bezugsperson orientieren, ein extrovertierteres Kind kann sich schneller Neuem öffnen.

Ein ruhigeres Kind findet bei einem ebenfalls ruhigeren, ausgeglichenen Elternteil eher Sicherheit, ein aktives Kind findet an den turbulenteren Spielen des ebenfalls aktiveren Elternteils Gefallen.

Beziehung der Eltern untereinander

Kriselt es zwischen den Eltern, bekommen das bereits kleinste Kinder mit. Intuitiv binden sie sich an einen Elternteil stärker, da sie dessen Sicherheit benötigen. Agieren Eltern gegen- statt miteinander, wissen Kinder das für sich zu nutzen. Sie wenden sich an den Elternteil, von dem sie bekommen, was sie möchten. Das ist weder für ein harmonisches Miteinander noch für die Entwicklung des Kindes förderlich.

Vermitteln die Eltern in ihrem Miteinander hingegen Stabilität, gewinnt das Kind an Sicherheit. Es kann zu beiden ein Vertrauensverhältnis aufbauen und erhält von beiden in unterschiedlichen Situationen die Impulse, die es benötigt.

Geschlechtliche Einflussfaktoren

Mit etwa drei Jahren beginnen Kinder festzustellen, dass es unterschiedliche Geschlechter gibt, und entdecken in den folgenden Jahren auch ihre eigene Zugehörigkeit. Erneut kann das zu einer engeren Orientierung an einem Elternteil führen – diesmal geht es um die psychosexuelle Identifikation.

Nach klassischer Auffassung binden sich Mädchen dann eher an den Papa und Jungs an die Mama, das muss aber nicht sein. Je nach Alter, Charakter und Konstellation kann auch eine gleichgeschlechtliche Bindung erfolgen. Es geht darum, herauszufinden, was das „Mannsein“ und „Frausein“ bedeutet.

Bei der gleichgeschlechtlichen Orientierung erfährt das Kind etwas über die eigene Rolle, mit der es sich identifizieren möchte, bei der gegengeschlechtlichen sucht es die Bestätigung dessen.

Was Eltern tun können

Keinesfalls sollten Sie sich ausgeschlossen oder ungeliebt fühlen, wenn Ihr Kind sich mehr am anderen Elternteil orientiert, geschweige denn dem Partner Vorwürfe machen. Stattdessen können Sie Ihr Kind beobachten und sich die jeweilige Entwicklungsphase bewusst machen.

Achten Sie auf die Signale, die es in verschiedenen Situationen aussendet. Bringen Sie Ihre Beobachtungen in Einklang mit der innerfamiliären Struktur und Rollenverteilung, finden Sie schnell heraus, warum sich Ihr Kind gerade an wen bindet.

Kommunizieren Sie auch mit Ihrem Partner. Klammert das Kind an einem Elternteil, kann dieser überfordert sein. Kennen Sie die Bedürfnisse Ihres Kindes, fällt es Ihnen leichter, auf seine Signale einzugehen. So verschaffen Sie dem Partner Freiräume und haben Gelegenheit, die eigene Bindung zum Kind zu intensivieren. Verbringen Sie auch möglichst viel Zeit gemeinsam.

Ihr Nachwuchs erlebt dann in beiden Elternteilen eine stabile, verlässliche Basis.

Bedeutung für das spätere Leben

Kinder, die in stabilen, harmonischen Verhältnissen aufwachsen, wechseln also gelegentlich vom Mamakind zum Papakind und umgekehrt. Aus beiden Rollen wachsen sie normalerweise heraus. Binden sich Kinder grundsätzlich mehr an einen Elternteil, kann das unterschiedliche Ursachen haben, die es herauszufinden gilt.

Sofern sich Eltern nicht als Konkurrenten betrachten und dadurch Komplikationen entstehen, hat das kaum Auswirkungen auf das spätere Leben des Kindes.

Wird ein Elternteil aber vom anderen ausgegrenzt, kann sich im Extremfall eine geschlechtsspezifische Entwicklungsstörung anbahnen, auch die Kommunikationsfähigkeit und Fähigkeit zur Konfliktlösung kann darunter leiden.

Ausgeprägte Mama- und Papakinder benötigen die Zuwendung beider Elternteile gleichermassen, auch wenn sie dies in ihrem Verhalten nicht so deutlich zeigen, und jeder Elternteil kann lernen, was das Kind situations- oder entwicklungsbedingt benötigt.

Umgangsrecht: Wenn mein Kind mich nicht mehr sehen will

„Gestern stand ich vor der Schule und wollte wenigstens einmal mein Kind sehen. Sie hat geweint und ich konnte gerade noch meine Tränen unter- drücken. Nach vier Wochen hatte ich Emma zum ersten Mal wieder im Arm.“ Ein Extremfall wird hier beschrieben, sicher. Ein Fall, von dem jeder, der in Trennung lebt, hofft, dass er nicht eintritt. Aber wer hilft, wenn ein Elternteil dem anderen das Kind entzieht? Welches Umgangsrecht haben getrennt lebende Elternteile? Und wie wird der – oft vorgeschobene – Wille des Kindes berücksichtigt? Fragen, die sich heute wieder mehr Menschen in Deutschland stellen müssen. 2008 ließen sich 191.900 Ehepaare scheiden. Das sind drei Prozent (4800 Paare) mehr als 2007.

Rechte von Eltern und Kindern

Obwohl es eine stark emotionale Sache ist, ist sie im Gesetz sehr nüchtern formuliert. Vielleicht sollte man sagen: Weil es eine stark emotionale Sache ist, braucht es eine nüchterne, juristische Sprache, um sie zu regeln. Das Umgangs- oder Besuchsrecht ist eine auf Gegenseitigkeit angelegte gesetzliche Regelung. Nicht nur dem Elternteil, bei dem das Kind nicht dauerhaft lebt, soll eine gesetzlich gesicherte Möglichkeit gegeben werden sein Kind zu besuchen. Auch das Kind selbst soll seinerseits ein verbrieftes Recht haben, Vater oder Mutter zu sehen. Zumeist sind es die Väter, die ausgezogen sind und auf ein geregeltes Besuchsrecht setzen müssen. Denn, bei aller Schuld, die man womöglich gegenüber seinem Ehepartner auf sich geladen hat, Kinder haben keine.

Was steckt dahinter?

85 Paragrafen befassen sich im Bürgerlichen Gesetzbuch mit der `Elterlichen Sorge`. Die Paragrafen 1626 und 1684 dieses langen Kapitels bilden das Fundament des Umgangsrechtes. Der eine formuliert, dass das Wohl des Kindes vom Umgang mit beiden Elternteilen abhängt. Der andere verbrieft das Recht und die Pflicht auf Umgang mit seinem Kind, wie auch umgekehrt, den Umgang des Kindes mit den Eltern. Erst seit etwas mehr als zehn Jahren hat der Gesetzgeber die Verantwortung beider Elternteile betont und im Gesetz verankert. Dies hat auch damit zu tun, dass Männer ihre Vaterrolle heute anders verstehen und leben als noch vor Jahren. Vor allem aber beruht diese Neuformulierung auf den Erkenntnissen von Kinderpsychologen: Kinder brauchen beide Eltern! Die Beziehungen zu diesen sollen weitgehend intakt gehalten und, im Idealfall, weiter vertieft werden.

„Ich bin ja froh, also in dieser Hinsicht froh, dass ich mal verheiratet war. Ansonsten würde meine Ex-Frau ja alles verhindern, was mit dem Kind zu tun hat. Ich würde meine Tochter wahrscheinlich gar nicht mehr sehen.“

Umgangsrecht und Sorgerecht?

Umgangs- und Sorgerecht sind zwei verschiedene Dinge. Genauer: Das Umgangsrecht ist Bestandteil der elterlichen Sorge. Bei verheirateten Paaren nehmen im Normalfall beide Partner das Sorgerecht war und entscheiden somit auch nach der Trennung in wichtigen Angelegenheiten des Kindes gemeinsam. Auch wenn das Sorgerecht auf nur ein Elternteil übertragen wurde, kann der andere Teil weiterhin auf sein Umgangsrecht bestehen. Wichtig wird dies bei unverheirateten Paaren. Die Mutter übt in diesem Fall erst einmal das alleinige Sorgerecht aus. Sie müsste der gemeinsamen Sorge um das Kind zustimmen. Der Umgang mit dem Kind bleibt aber in solchen Fällen vom Sorgerecht unberührt. Ein Vater hat auch dann das Recht auf Umgang mit seinem Kind.

„Ich will mich ja um das Kind kümmern, aber meine Frau verhindert jeden geregelten Ablauf. Ich muss über Wochen eine konkrete Planung vorlegen, kann nie mal spontan irgendetwas mit meiner Tochter unternehmen.“

Wie muss der Umgang eigentlich zeitlich ausgestaltet werden?

Es gibt keine pauschale Antwort auf diese Frage. Das Kind steht auch hier im Vordergrund. Jede Regelung muss sich an seinem Wohl orientieren. Dabei spielt das Alter des Kindes ebenso eine Rolle, wie sein ausdrücklicher Wille, sein Gesundheitszustand und die Entfernung zwischen den Wohnorten der Eltern. Aber die übliche Regelung folgt dem Muster, dass der Umgang aller vierzehn Tage, von Freitag- bis Sonntagnachmittag stattfindet. Die Ferienzeit wird meist jeweils zur Hälfte den Eltern zugesprochen.

„Manchmal habe ich Angst, ganz den Kontakt zu Emma zu verlieren. Was, wenn sie mich nach einiger Zeit nicht mehr sehen will?“

„Ich will nicht zum Papa“

Der Kampf um das Kind, seine Erziehung, seinen Wohnort und der Umgang mit ihm, ist oft die Weiterführung des Scheidungskrieges mit anderen Mitteln. Nicht selten wird das Argument ins Feld geführt, dass das Kind keinen Umgang wünscht, um Besuchsregelungen zu unterlaufen. Wenn keine ernsthaften Verstöße desjenigen, der ein Besuchsrecht einfordert, vorliegen, so wird der Umgang gewährt werden müssen. Wenn das Kindeswohl nicht gefährdet ist, so werden die entsprechenden Stellen helfen, den Besuchswunsch durchzusetzen. Dem betreuenden Elternteil wird dann nahegelegt, auch seinerseits an das Wohl des Kindes zu denken. Dieses sieht der Gesetzgeber ganz klar im Umgang mit beiden Elternteilen. Dieses Wohl darf nicht den eigenen Befindlichkeiten geopfert werden – von keiner Seite. Den Gerichten und Mitarbeitern der Jugendämter ist bewusst, dass negative Einflüsse auf die Kinder einwirken können. Beide Seiten können Motive haben, die Kinder zu manipulieren. Das Jugendamt wird versuchen, auf den betreuenden Elternteil einzuwirken, seinen Widerstand gegen die Besuchsregelung aufzugeben. Vor allem bei Kindern unter zehn Jahren, wird alles versucht um den Umgang zu gewährleisten. Immer vor dem Hintergrund, dass keine potentielle Gefährdung des Kindes vorliegt. Je älter die Kinder allerdings werden, desto eigenständiger und glaubwürdiger sind sie und desto eher wird dem Willen des Kindes gefolgt. Es ist auch für die Ämter und Beratungsstellen ein schwieriger Prozess der Abwägung. Umso mehr sollten die Eltern im Sinne ihrer Kinder die persönlichen Kränkungen außen vor lassen. Ein ebenso schwieriges, wie wichtiges Unterfangen.

„Was soll ich tun, wenn sie mir das Kind ganz nimmt…wenn sie Emma nie mehr zu mir lässt?“

Wer hilft bei Differenzen in Bezug auf den Umgang?

Wenn die Wunden aber so tief sind, dass auch in der Besuchsregelung keine Einigung erzielt werden kann, oder wenn sich Streitigkeiten wegen der Besuche aufbauen, dann ist der erste Ansprechpartner das Jugendamt. Auch die Familienberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände (Diakonie, Caritas, Arbeiterwohlfahrt, Rotes Kreuz u.ä.) nehmen beratende und vermittelnde Funktionen in diesen Fragen war. Die Jugendämter sind allerdings gesetzlich dazu verpflichtet, in Umgangsstreitigkeiten zu vermitteln. Viele Gerichte berufen sich auf diese vorgeschaltete Beratungs- und Vermittlungspflicht der Jugendhilfe. Erst wenn Eltern über diese Bemühungen ihre Differenzen nicht ausräumen konnten, kommen juristische bzw. gerichtliche Schritte in Betracht. Das Verfahren ist somit erst einmal auf Vermittlung und Ausgleich der Interessen ausgerichtet.

„Nach einem Gerichtstermin und endlosen Mediationsgesprächen beim Jugendamt haben wir uns dann geeinigt. Und dann gab es danach, irgendwann, diesen Punkt, wo wir uns angesehen haben und gesagt haben: Das hätten wir auch früher haben können. Jetzt läuft es besser, …weil wir uns beide zurücknehmen – wegen der Kinder.“

Wenn das Kind den Umgang verweigert

Umgangsrecht bei entgegenstehendem Kindeswillen (Umgangsverweigerung)

In Umgangsrechtsstreitigkeiten wird von dem betreuenden Eternteil oft vorgebracht, dass das Kind den anderen Elternteil gar nicht sehen und keinen Umgang mit ihm wolle. Diese Ablehnung durch das Kind kann vorgetäuscht sein, in vielen Fällen äußern sich die Kinder aber wirklich ablehnend zu Umgangskontakten. Es fragt sich, wie mit solchen Fällen umzugehen ist.

Einerseits gilt: Lehnt das Kind den Umgang mit dem anderen Elternteil ab, so führt dies nicht zwingend zu einer Versagung des Umgangsrechts. Andererseits darf man den Kindeswillen auch nicht einfach als unbeachtlich abtun oder pauschal unterstellen, der betreuende Elternteil habe das Kind “manipuliert”.

Es ist in solchen Fällen vielmehr zu prüfen, ob die Ablehnung des Kindes eine autonome Entscheidung des Kindes ist – egal ob diese Entscheidung nachvollziehbar ist oder nicht -, oder ob die Ablehnung vielleicht nur aus Loyalität zum betreuenden Elternteil erfolgt, welcher das Kind vielleicht beeinflusst hat. Gerade in letzteren Fällen ist es wichtig, dass ein Umgang des Kindes mit dem anderen Elternteil möglichst doch stattfindet, damit einer Entfremdung entgegengewirkt werden kann. Deshalb gibt es z.B. die Möglichkeit, den Umgang erst einmal unter Vermittlung des Jugendamtes stattfinden zu lassen, evtl. an einem “neutralen” Ort und im Beisein einer Beamtin des Jugendamtes. Vereitelt der sorgeberechtigte Elternteil das Umgangsrecht, macht er sich u.U. wegen Kindesentziehung strafbar (§ 235 Strafgesetzbuch).

Umgekehrt darf man ein Kind aber nicht zum Umgang zwingen, wenn das Kind dem Umgang tatsächlich ablehnend gegenübersteht. Denn dies würde eine Missachtung des Kindeswillens und damit letztlich eine Gefährdung des Kindeswohls bedeuten. In diesem Zusammenhang kommt es auch nicht darauf an, ob der Kindeswille – tatsächlich oder vermeintlich – “manipuliert” ist. Denn auch ein manipulierter Kindeswille hat aus der Sicht des Kind Anspruch auf Berücksichtigung und darf nicht einfach gebrochen” werden.

Die Gründe für die Ablehnung müssen deshalb im Einzelfall genau erforscht werden, wozu in der Regel ein kinderpsychologisches Gutachten erforderlich ist. Wenn der Kindeswille autonom, intensiv und stabil ist, wäre ein Übergehen des Kindeswillens in aller Regel kindeswohlgefährdend. Ab einem Alter von ca. 11 Jahren kommt die Anordnung eines Umgangs gegen den gefestigten Willen des Kindes nicht mehr in Betracht (OLG Schleswig NZFam 2016,29; OLG Stuttgart NZFam 2016,43).

Das “PAS-Syndrom”:

Insbesondere betroffene Väter berufen sich oft auf das Vorliegen eines So genannten “PAS-Syndroms” (“Eltern-Entfremdungs-Syndrom”). Die Theorie, in Fällen von Umgangsverweigerung durch das Kind liege immer eine einseitige Beeinflussung durch die Mutter vor und der Umgang müsse deshalb notfalls auch gegen den Willen erzwungen werden, hat sich mittlerweile als haltlos und unwissenschaftlich erweisen. Dennoch wird von manchen Anwälten und Richtern immer noch auf diese Theorie Bezug genommen.

Bitte lesen Sie hierzu den informativen Artikel “PAS-Streit gefährdet Kindeswohl” .

Derjenige Elternteil, bei dem das Kind lebt, ist verpflichtet, das Umgangsrecht zu fördern und auf das Kind Einfluss auszuüben, damit es das Umgangsrecht wahrnimmt. (“Verpflichtung zum Wohlverhalten”).

Das Kindeswohl muss Vorrang haben

von Prof. Dr. Jörg Maiwald
(Studium der Soziologie, Psychologie und Pädagogik, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind, Mitbegründer des Berliner Kinderschutz-Zentrums, Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland und Honorarprofessor an der Fachhochschule Potsdam)

Die Zeiten, in denen Pflege und Erziehung der Kinder allein Frauensache waren, sind endgültig vorbei. Weil die Väter es anders wollen und die Mütter Druck machen. Weil in der Regel beide Eltern berufstätig sind und es zur aktiven Vaterschaft kaum mehr eine Alternative gibt. Und vor allem: weil die Kinder beide Eltern brauchen. Fast jeder dritte Vater geht zumindest einige Monate in Elternzeit und nimmt das Elterngeld in Anspruch. Auch wenn immer noch ein beträchtlicher Anteil alten Rollenmustern verhaftet bleibt, sieht doch die große Mehrheit der Väter sich nicht mehr allein in der Rolle des Ernährers, sondern übernimmt – mehr oder weniger freiwillig – pflegerische und erzieherische Aufgaben im Alltag.

Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, dass eine wachsende Zahl von Vätern sich auch im Falle einer Trennung nicht mit der Rolle des Besuchsvaters am Wochenende begnügen will. Und dass immer mehr Mütter ein größeres Engagement des Vaters ihres Kindes auch nach der Trennung einfordern. Das Wechselmodell, also eine annähernd gleiche Aufteilung der Betreuung und Erziehung zwischen Mutter und Vater nach Trennung und Scheidung, erscheint als logische Konsequenz. Nur: Was bedeutet dieses aus erwachsener Perspektive zunächst einleuchtende Modell für ein Kind? Wird der häufige Wechsel zwischen zwei Lebensorten auch seinen Bedürfnissen gerecht? Entspricht dies dem Kindeswohl?

Kaum ein Elternteil kann sich vorstellen, auf längere Sicht zwischen zwei Lebensmittelpunkten zu pendeln. Dennoch wünscht sich ein Teil der Eltern dieses Modell für sein Kind. Es muss also im Einzelfall gute Argumente geben, um zu begründen, dass diese Form der Betreuung tatsächlich den besten Interessen des Kindes entspricht. Denn Kinder sind kein Besitz der Eltern, den es im Trennungsfall einfach aufzuteilen gilt. Gemäß Art. 3 Abs. 1 UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) ist bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen „das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist“. Ein Grundsatz, der auch für die Eltern gilt, denn nach Art. 18 Abs. 1 UN-KRK „ist das Wohl des Kindes ihr Grundanliegen“.

Elternrecht bedeutet vor allem Elternverantwortung, die darin besteht, das Kind zu seinem Recht kommen zu lassen. Bei der Wahl des Betreuungsmodells sollten daher die Bedürfnisse des Kindes im Vordergrund stehen. Zentral ist die Frage: Welches Betreuungsmodell kann dem Kind die größte Sicherheit vermitteln, seine Eltern in möglichst gewohntem Umfang zu behalten, ohne es dabei zu überfordern? Betreuten bisher beide Eltern das Kind, so sollte eine ähnliche Betreuungsregelung auch weiterhin angestrebt werden, um dem Kind die gewachsenen Bindungen in bisherigem Umfang zu erhalten. Wurde das Kind jedoch ganz überwiegend von einem Elternteil versorgt und ist dieses Betreuungsmodell ihm vertraut, so wird es diesen Elternteil vermissen, wenn es sich mehr als vorher üblich beim anderen Elternteil aufhält.

Einschneidende Veränderungen der bisher praktizierten Betreuung können zusätzliche Verlusterfahrungen zur Folge haben und dem Kind emotionale und soziale Ressourcen nehmen, die es bei der Bewältigung der familiären Trennung benötigt. Dabei beziehen sich die für das Kind belastenden Änderungen nicht nur auf den zeitlichen Umfang der Betreuung. Auch qualitative Aspekte spielen eine Rolle. Wurde das Kind beispielsweise regelmäßig von der Mutter zu Bett gebracht, während der Vater für andere Betreuungsaufgaben zuständig war, so kann eine abrupte Änderung gerade bei jungen Kindern zu Angst und Stress führen.

Fallbeispiel: Paul schläft bei Papa schlecht

Die Eltern des gerade zwei Jahre alt gewordenen Paul haben sich getrennt. Da Mutter und Vater berufstätig sind, geht Paul seit einem halben Jahr in die Kita. Von Anfang an kümmerten sich beide Eltern in etwa gleich um seine Erziehung. Dies möchten sie auch nach der Trennung beibehalten. Die Tage von Freitag nach der Kita bis Montag früh verbringt der Junge beim Vater, der in eine eigene Wohnung gezogen ist, die übrigen Tage bei der Mutter. Die ersten Übernachtungen beim Vater verlaufen ungewöhnlich unruhig. Paul schläft lange nicht ein, wacht nachts mehrfach verängstigt auf und ist von seinem Vater kaum zu beruhigen. Am Freitag vor dem dritten Wochenende löst er sich beim Wechsel in die Kita nur sehr schwer von der Mutter und zeigt massive Trennungsängste.

Auf das etwa hälftige Betreuungsarrangement seiner Eltern reagiert Paul verängstigt, obwohl er seit jeher mit beiden Eltern im Alltag gut vertraut ist. Offenbar überfordert diese für die Eltern gerechte Lösung seine Anpassungsfähigkeit, zumal er neben der Trennung der Eltern auch noch den vor wenigen Monaten stattgefundenen Übergang in die Kita verkraften muss. Im Rahmen eines Erziehungsberatungsgesprächs verstehen die Eltern das Verhalten ihres Kindes als normale Trennungsreaktion in einer stark belastenden Situation. Sie vereinbaren daraufhin, dass der Vater seinen Sohn nicht nur von Freitag bis Montag, sondern zusätzlich einige Stunden an einem weiteren Tag betreut, zugleich jedoch in den ersten drei Monaten keine Übernachtung bei ihm stattfindet. Paul kommt mit der geänderten Regelung viel besser zurecht. Nach Ablauf der beschlossenen Frist sind Übernachtungen beim Vater dann problemlos möglich.

Ältere Kinder, die bereits intensive Bindungen zu beiden Eltern aufgebaut haben, unterstützen nicht selten ein Wechselmodell oder fordern es sogar selbst ein. Auf diese Weise wollen sie es beiden Eltern recht machen, ohne ein Elternteil zu bevorzugen und dadurch ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Auch wenn in diesen Fällen das Pendeln zwischen zwei Lebensorten für das Kind zeitweise eine gute Lösung sein kann, sollten die Eltern doch aufmerksam sein, ob dieses Modell auf Dauer aufrechterhalten bleiben kann.

Fallbeispiel: Lena traut sich nicht

Lena ist neun und lebt seit der Trennung ihrer Eltern vor drei Jahren im wöchentlichen Wechsel bei ihrer Mutter bzw. ihrem Vater. In den letzten Monaten ist sie häufig unkonzentriert und ihre schulischen Leistungen lassen nach. Als die Klassenlehrerin sie nach den Gründen für ihr Unwohlsein fragt, vertraut sie sich ihr an: „Bei Mama fühlt sich eine Woche immer so an, als seien nur zwei Tage vergangen. Bei Papa fühlt es sich nach zwei Tagen so an, als sei eine ganze Woche vergangen. Ich will an allen Schultagen bei Mama wohnen. Ich trau mich das aber nicht zu sagen, weil meine Eltern dann vielleicht traurig sind.“
Offensichtlich liegt Lena viel daran, die Erwartungen ihrer Eltern nicht zu enttäuschen, auch wenn dies auf Kosten ihres Wohlbefindens geht. In diesem Fall sollten sich die Eltern darauf verständigen, nicht abstrakte Gerechtigkeit, sondern das konkrete Wohl ihres inzwischen älter gewordenen Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Welche Änderungen an dem eine Zeitlang funktionierenden Wechselmodell sinnvoll sind, sollte dann – eventuell mit Unterstützung professioneller Beratung bzw. Mediation – unter altersangemessener Beteiligung des Kindes ausgehandelt werden.

Wechselmodell: kindgerecht unter bestimmten Bedingungen

Welche allgemeinen Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen? Entscheidend ist, dass die Eltern auch nach einer Trennung die Bedürfnisse und das Wohlergehen ihres Kindes im Blick behalten. Nicht ein abstraktes Modell der Gleichheit zwischen Mutter und Vater sollte ausschlaggebend sein, sondern die konkreten Bedürfnisse des Kindes müssen im Mittelpunkt stehen. Dies schließt ein, dass das Wechselmodell nicht als Standardmodell taugt. Da dieses Modell besonders hohe Anforderungen an Eltern und Kinder stellt und von allen Beteiligten motiviert mitgetragen werden muss, sollte es auch nicht gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden.

Zu den Bedingungen, unter denen ein Wechselmodell für das Kind eine gute Lösung sein kann, gehören die folgenden Punkte:

  1. Die Betreuungsregelungen vor und nach der Trennung sind weitgehend ähnlich (Kontinuitätsprinzip).
  2. Das Kind hat Bindungen an beide und positive Beziehungen zu beiden Elternteilen.
  3. Der (hinterfragte) Wille des Kindes wird altersangemessen berücksichtigt.
  4. Die Wohnorte der Eltern liegen nicht weit voneinander entfernt, so dass Kita bzw. Schule und andere soziale Kontakte beibehalten werden können.
  5. Die Eltern sind bereit und in der Lage, sich auf verändernde Bedürfnisse des Kindes einzustellen.
  6. Zwischen den Eltern besteht ein Mindestmaß an Übereinstimmung, ein niedriges Konfliktpotential und ausreichend Kooperation.

Probleme mit dem Wechselmodell sind in bestimmten Altersphasen zu erwarten. Bei Kindern in den ersten etwa drei Lebensjahren ist ein Betreuungsmodell mit Übernachtungen bzw. langen Phasen der Trennung von einer Hauptbindungsperson zumeist nicht zu empfehlen. Bei Jugendlichen erweisen sich starre Absprachen generell als problematisch. Aufgrund ihrer wachsenden Verantwortungsfähigkeit sind flexible Regelungen zu bevorzugen, die in Aushandlungsprozessen direkt mit dem/der Jugendlichen vereinbart werden sollten. Wenn sich die Eltern allerdings einvernehmlich für ein Wechselmodell entscheiden, die Regelung den kindlichen Bedürfnissen Rechnung trägt und das Kind von zu zahlreichen Wechseln nicht überfordert wird, kann dieses Modell für alle Beteiligten eine gute Lösung sein.

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