Mädchen in der pubertät

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Pubertät bei Mädchen: Beginn, Dauer & Tipps

Wer und wie bin ich? Wie möchte ich sein? Und: Für wen halten mich die anderen? So lauten die Hauptfragen in der Pubertät. Die Kluft zwischen dem eigenen Ist-Bild und dem Soll-Bild führt nicht selten zum Gefühlschaos. Dieses macht sich auf verschiedenen Ebenen bemerkbar:

Verringertes Selbstwertgefühl

Das veränderte, äußere Erscheinungsbild macht vielen Jugendlichen zu schaffen. Die Angst, abgelehnt oder verspottet zu werden kann zu Selbstzweifeln führen. Generell lässt sich sagen, dass Mädchen bei der Stabilisierung des Selbstwertgefühls oft noch stärkere Schwierigkeiten als Burschen haben. Typische Aussagen von pubertierenden Mädchen sind: „So wie ich ausschaue, werde ich nie einen Freund finden“, „Ich bin zu dick“, „Ich habe zu viele Pickel“. Stark ausgeprägte Selbstzweifel begünstigen die Entstehung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Essstörungen.

Verstärktes Schamgefühl

Mit Eintritt der Pubertät nehmen Mädchen nicht nur ihren eigenen Körper, sondern auch jenen ihrer Eltern und Geschwister anders wahr. Andere nackt zu sehen ist mindestens ebenso unangenehm wie selbst unbekleidet gesehen zu werden. Intimsphäre sollte beachtet und gefördert werden. Es ist wichtig, dem Kind den alleinigen Aufenthalt im Badezimmer zuzugestehen – selbst dann, wenn dieser mit einer stundenlangen Türblockade einhergeht.

Erhöhte Sensibilität und Launenhaftigkeit

In der Pubertät sortiert sich das Gehirn komplett neu. Es wird leistungsfähiger und schneller und aktiviert das Vernunftdenken. Kleiner Haken an der ganzen Sache: Justament im präfortalen Kortex kann diese Umstrukturierungsmaßnahmen am längsten dauern. Das ist jene Gehirnregion, die für überlegte Entscheidungen verantwortlich ist. Die im Gehirn eintreffenden Informationen müssen in der Pubertät oft erst eine Umleitung über den Mandelkern nehmen. Der wiederum steuert Bauchentscheidungen und sorgt für erhöhte Reizbarkeit und plötzliche, psychische Explosionen.

Suche nach Identität und Vorbildern

Jedes Lebensalter geht mit bestimmten Entwicklungsaufgaben einher. Die Pubertät beschreibt den Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Sie stellt junge Menschen vor die Herausforderung, sich gänzlich neu zu definieren – eben eine passende Identität zu finden. Eng damit verbunden: Die Entwicklung eigener Weltanschauungen und Zukunftsperspektiven sowie der Ausbau von Freundschaften. Um ein neues Ich-Bild aufzubauen, werden oft Vergleiche angestellt. Orientierung dafür bieten unter anderem Vorbilder in Gestalt von Stars und Models.

Experimentieren mit Rollenmustern

Erste Schminkversuche und das Tragen von körperbetonter Kleidung sind nur zwei Beispiele, mit welchen die Mädchen ihre Geschlechterposition neu definieren.

Minderung der sachlichen Leistungen

Zwischen 12 und 14 Jahren kann es selbst bei sehr guten Schülerinnen zu einer Verschlechterung der Noten kommen. Schulische Leistungen treten zugunsten anderer Interessen in den Hintergrund. So gewinnen Burschen und die Wirkung auf das männliche Geschlecht zunehmend an Bedeutung.

Verändertes Verhalten den Eltern gegenüber

Die Pubertät versetzt junge Mädchen in einen Zwiespalt. Einerseits wollen sie die Geborgenheit der Familie nicht ganz verlieren, andererseits gilt es sich davon zu lösen – auf eigenen Beinen zu stehen. Diese Ambivalenz drückt sich in Form von heftigen Machtkämpfen und Provokationen den Eltern gegenüber aus. Die Aufschrift „Betreten verboten“ vor der Zimmertür signalisiert das Verlangen nach emotionalem Rückzug und das Bedürfnis, den Eltern nicht mehr alles verraten zu müssen – eben auch Geheimnisse haben zu dürfen.

Was passiert in mir?

Vorbereiten auf das Erwachsenwerden!

Du kannst die Veränderungen deines Körpers beobachten. Zum Beispiel fangen deine Brüste langsam an zu wachsen und auch die Behaarung an deinem Körper nimmt zu. Aber wusstest du schon, dass viele andere Veränderungen unsichtbar sind, weil sie im Inneren deines Körpers passieren? Alle körperlichen Veränderungen sind miteinander verbunden, und die sogenannten Hormone sind dafür verantwortlich.

Aber warum? Es kann zwar noch Jahre dauern bis du deine Geschlechtsorgane benutzen wirst, aber sie reifen bereits jetzt heran und bereiten sich auf die Sexualität – Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung – vor. Deine erste Periode ist der Höhepunkt dieser Entwicklungen. Sie bedeutet, dass du nun fruchtbar bist! Theoretisch kannst du zu diesem Zeitpunkt schon schwanger werden… Denk also immer daran, wenn du erste Erfahrungen mit Sex sammeln möchtest und benutze immer Verhütungsmittel!

Die Animation zeigt dir die Veränderungen in deinem Innern. Schau sie dir an!

Deine Geschlechtsorgane

Ein Großteil der weiblichen Geschlechtsorgane, wie zum Beispiel die Gebärmutter, die Eileiter oder die Eierstöcke, befinden sich im Inneren des Körpers, im Unterleib. Dort werden sie von den Beckenknochen geschützt.
Übrigens, hast du schon mal vom Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, gehört? Das ist eine dünne Hautfalte, die das Innere der Scheide schützt. Es verändert sich im Laufe der Pubertät und wird weich und nachgiebig. Sehr verbreitet ist die Annahme, dass ein intaktes Jungfernhäutchen ein Beweis für Jungfräulichkeit und dass im Gegensatz dazu ein „beschädigtes” Jungfernhäutchen ein Zeichen für verlorene Jungfräulichkeit sei. So einfach ist das allerdings nicht und diese Behauptungen sind Mythen! Das Jungfernhäutchen hat normalerweise eine Öffnung, auch bei Mädchen, die noch nie Geschlechtsverkehr hatten (so kann auch die Menstruationsflüssigkeit abfließen). Während der Pubertät sorgen Hormone (Östrogene) dafür, dass das Jungfernhäutchen elastischer und dehnbarer wird, so dass du auch Tampons benutzen kannst.

Starte die Animation und es erscheinen kleine Textboxen, die dir mehr über die weibliche Anatomie erzählen.

Mädchen in der Pubertät – Tipps für Eltern

Viele Eltern erkennen ihre Tochter in der Pubertät nicht wieder. Wie könnt ihr damit umgehen, wenn aus dem fröhlichen Sonnenschein, der eben noch mit Lego gespielt hat, plötzlich ein launischer Teenager wird?

Die Pubertät ist die Zeit des Ausprobierens und der Suche nach der eigenen Identität. Dabei durchläuft eure Tochter viele Höhen und Tiefen. Macht euch bewusst, wie normal diese Achterbahnfahrt ist und dass auch die schlimmsten Phasen wieder vorübergehen.

Mit der Pubertät beginnt die Phase, in der sich auf einmal alles verändert. War das Familienleben bislang noch harmonisch und dominiert von guter Laune und Familienausflügen, so kann von heute auf morgen plötzlich alles anders sein. Eure Tochter entwickelt neue Interessen, testet Grenzen aus und ist auf der Suche nach der eigenen Identität. Freunde sind auf einmal die wichtigeren Bezugspersonen, Aussehen gewinnt immer mehr an Bedeutung und vieles, was früher total normal war, ist einfach nur noch peinlich. Vor allem ihr. Diese Verwandlung löst bei Eltern nicht nur Ratlosigkeit, sondern auch Sorge aus. Was passiert mit unserer Tochter? Und wie gehen wir am besten damit um?

Die Verwandlung – das passiert mit dem Körper während der Pubertät

Die Veränderungen von Mädchen in der Pubertät spielen sich auf verschiedenen Ebenen ab, als erstes auf der körperlichen: Schon ab dem neunten Lebensjahr kann es soweit sein. Durch die Hormone Östrogen und Gestagen, die in den Eierstöcken produziert werden, verändert sich so einiges am und im Körper:

  • Wachstum und Veränderung der Körperform: Mädchen machen in der Pubertät einen Wachstumsschub, der teilweise schmerzhaft sein kann. Oft macht er sich durch ein Ziehen im Schienbein bemerkbar. Doch Mädchen wachsen nicht nur in die Länge, der vorher jungenhafte Körper bekommt weibliche Rundungen. Die früher knochigen Hüften werden breiter und runden sich und auch die Brust beginnt zu wachsen.
  • Körperbehaarung: Unter den Achseln, an den Beinen und im Intimbereich wachsen erste Haare.
  • Entwicklung der Geschlechtsorgane: Die Vagina wächst und die Form der Gebärmutter verändert sich. Dazu kommt die erste Periode, meist setzt sie zwischen 11 und 14 Jahren ein. Besonders die ersten Blutungen können ganz schön unangenehm sein: Der Zyklus ist unregelmäßig und muss sich erst mal einpendeln, die gefühlt riesige Menge an Blut macht Angst und das Ziehen im Unterleib ist ein neuer, bisher unbekannter Schmerz. Außerdem können Stimmungsschwankungen auftreten.
  • Gehirn: Im Kopf verändert sich während der Pubertät viel: Zellen und Verbindungen ändern und erneuern sich, kognitive Fähigkeiten prägen sich aus und das abstrakte Denken verbessert sich. Das kann manchmal zu Verwirrung führen. Auch die Steuerung des Schlafrhythmus wird im Gehirn verändert. Deshalb geht deine Tochter oft gerne spät schlafen und kommt dafür morgens kaum aus dem Bett. Schlaf ist ungemein wichtig für die Entwicklung des Gehirns, deshalb müssen Teenager viel Schlaf bekommen.

Eltern-Hilfe

Der erste Besuch beim Frauenarzt – So bereitest du deine Tochter darauf vor

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Das Chaos der Gefühle

Neben den inneren und äußeren körperlichen Veränderungen spielt sich auch im Seelenleben eurer Tochter mit Beginn der Pubertät so einiges ab. Auch hier sind Hormone dafür verantwortlich, dass sich die Psyche des Teenagers verändert – in vielen verschiedenen Punkten:

  • Beziehungen: Im Jugendalter möchten sich Kinder oft von ihrer Familie abgrenzen, um eigenständig zu sein und sich selbst zu finden. Freunde und erste Liebesbeziehungen sind jetzt die wichtigsten Sozialkontakte. Die Beziehungen zu Freunden spielen sich auf einem neuen Level ab: Im Gegensatz zu Kindern setzen sich Jugendliche mit Wertvorstellungen auseinander und haben Erwartungen an anderen Menschen. Das eigene Verhalten und das der anderen wird auf einmal reflektiert. Deshalb enden in der Pubertät viele Freundschaften, neue werden geknüpft.
  • Individualisierung: Früher wart ihr die großen Helden, jetzt ist auf einmal alles, was ihr macht, superpeinlich. Zumindest offiziell. Jugendliche möchten in der Pubertät zum Ausdruck bringen, dass sie eigene Wesen sind und nicht einfach die Nachkommen ihrer Eltern. Keine Sorge – das legt sich am Ende der Pubertät meist wieder. Sich selbst in einer Welt der nahezu unendlichen Möglichkeiten zu finden, ist die wohl schwerste Aufgabe, die auch oft noch über die Pubertätsjahre hinausgeht.
  • Selbstreflexion: Früher hat eure Tochter noch ganz befreit und unbekümmert gespielt, geredet, gelacht. Damit ist jetzt erstmal Schluss: Durch Veränderungen im Gehirn, ändert sich auch das Denken. Reflexion setzt ein – das eigene Verhalten und das der anderen wird jetzt gründlich überdacht und bewertet. Klingt erstmal gut, kann aber Probleme mit sich führen. Eure Tochter denkt jetzt viel darüber nach, wie andere Menschen auf sie wirken und geht davon aus, dass auch andere ihr Verhalten und ihr Äußeres ständig überdenken und bewerten. Durch das Gefühl, dauerhaft beurteilt zu werden, entsteht ein ungemeiner Druck.

Zickenalarm: Ein Geschlechterklischee?

Dass Mädchen in der Pubertät vor allem zu dramatisierenden Zicken werden, ist ein weitverbreiteter Glaube. Doch kann man dies wirklich so pauschal sagen oder ist es vielmehr ein alter geschlechterstereotypischer Irrglaube?

Jedes Mädchen ist anders, deshalb wird natürlich auch nicht jedes Mädchen gleich zur aufsässigen Zicke, wenn sie in die Pubertät kommt. Allerdings führen die vielen körperlichen und seelischen Veränderungen zu großem Stress: Alles ist auf einmal anders, die Hormone spielen verrückt und die Gefühle fahren Achterbahn. Deine Tochter plagt eine innerliche Zerrissenheit zwischen schönen, behüteten Kindheitserinnerungen und den großen Verlockungen des Erwachsenenlebens. Kein Wunder, dass das ordentlich aufs Gemüt schlägt!

Dass viele Mädchen diese Emotionen nun stark nach außen zeigen, liegt nicht etwa in der Natur, sondern an unseren alten Geschlechterrollen, die auch heute noch meist unbewusst in die Erziehung von Kindern mit einfließen. Mädchen dürfen schon von klein auf Gefühle zeigen, für Jungs gilt auch heute noch oft: Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Schon in den frühesten Kinderjahren werden Jungen dazu angehalten, ihre Gefühle zu kontrollieren und Mädchen dazu ermutigt, sich emotional auszuleben. Auch wenn ihr versucht, solche Geschlechterklischees aus eurer Erziehung fernzuhalten, so bekommen Mädchen und Jungs diese verschiedenen Verhaltensweisen überall nahegelegt, in der Kita, in der Schule, in Büchern und im Fernsehen. Deshalb fällt es Mädchen auch in der Pubertät leichter, ihren Emotionen freie Bahn zu lassen. Das kann nervig sein, ist aber für sie ein großer Vorteil: Frust und Verunsicherung stauen sich so nicht an, sondern werden gleich rausgelassen.

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Pubertät und Schamgefühl: „Mama, Papa, ihr seid sooo peinlich!“

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Neue Vorbilder

Wo früher noch Tierposter oder selbstgemalte Bilder hingen, prangen plötzlich halbnackte Sängerinnen, Rapper mit Goldzähnen oder düstere Bilder mit Totenköpfen. Auch wenn ihr sie am liebsten von der Wand reißen und zurück zu den bunten Bastelarbeiten aus der Grundschule kehren möchtet, solltet ihr euch klarmachen, dass euer Kind sich jetzt neue Vorbilder sucht, als früher. Die Werte ihrer jungen Generation werden relevant – und da kann es kaum cool, sexy oder provokant genug sein. Gerade der letzte Punkt ist entscheidend: Mit neuen Sprachritualen, neuen Hobbys, neuer Lieblingsmusik und vielen anderen Dingen möchten Jugendliche provozieren und austesten, wo die Grenzen liegen.

In den Medien dominiert die Körperoptimierung

Für viele Mädchen steht während der Pubertät das Aussehen stark im Fokus. Kein Wunder: Durch Jugendzeitschriften, TV-Serien aber vor allen Dingen durch die sozialen Medien bekommen sie ganz stark vermittelt, dass das Aussehen für eine Frau das Wichtigste ist. Auf Youtube-Kanälen dominieren Videos über Drogerieprodukte und Schminktutorials, auf Instagram präsentieren gephotoshopte junge Frauen ihre schlanken Beine, ihre schmale Taille, ihre perfekte makellose Haut. Auch wenn die traditionelle Hausfrauenrolle zum Glück längst passé ist, so wird Mädchen trotzdem das Gefühl gegeben, dass sie zwar alles erreichen können, aber eben nur mit dem entsprechenden Aussehen. Das kann in Minderwertigkeitsgefühlen und seelischen Problemen mit krankhaften Folgen wie beispielsweise Magersucht enden.

Manche Mädchen spüren, dass sie in die medial vermittelten Rollen nicht reinpassen und versuchen sich durch betont gegenteiliges Verhalten abzugrenzen: Sie treten bewusst burschikos auf und distanzieren sich von anderen Mädchen, um sich selbst und anderen zu zeigen, dass sie die typischen Mädchenklischees nicht erfüllen. Sie wollen nicht als “schwach” und “emotional” gelten, was nach wie vor ein weit verbreitetes Mädchenbild ist. Das bedeutet nicht gleich, dass eure Tochter im falschen Körper steckt – die meisten Mädchen möchten sich zur Frau entwickeln, können nur unseren vorherrschenden Rollenstereotypen nichts abgewinnen. Das führt oft zu einer Identitätskrise.

Tipps für Eltern im Umgang mit pubertierenden Mädchen

Viele Eltern erkennen ihre Kinder in dieser aufregenden Lebensphase kaum wieder und sehen ihre Erziehung als komplett gescheitert an: Die Werte, die ihr eurer Tochter mit auf den Weg geben wolltet, sind in ihrem neuen Dasein auf einmal nicht mehr zu finden. Auch wenn es für euch kaum erträglich ist, dass die superreiche, glatt gezogene Kylie Jenner oder Youtuberin Bianca Heinicke aka. Bibis Beauty Palace nun Vorbild Nummer 1 ist – versucht, es entspannt zu sehen. Letztendlich ist alles nur eine Phase.

Die Pubertät ist die Zeit des Ausprobierens und der Suche nach der eigenen Identität. Dabei durchläuft eure Tochter viele Höhen und Tiefen. Macht euch bewusst, wie normal diese Achterbahnfahrt ist und dass auch die schlimmsten Phasen wieder vorübergehen. Bis ihr zu den Personen wurdet, die ihr heute seid, war es auch ein langer Weg. Euren Platz in der Welt musstet auch ihr euch hart erarbeiten.

Deswegen ist es wichtig, dass ihr nicht klammert und wild mit Verboten um euch schmeißt: Gebt eurer Tochter viel Raum, um sich zu entfalten. Natürlich hängt euer Herz an der engen Eltern-Kind-Beziehung aus den ersten Kindheitsjahren. Die kann auch während der Pubertät bestehen, nur eben in einer neuen Art und Weise. Auch wenn eure Tochter über Probleme jetzt vielleicht lieber mit der besten Freundin redet, seid ihr nach wie vor der Fels in der Brandung, ihr gebt Orientierung und Kontinuität. Vor allem dann, wenn ihr eure Tochter wie eine Jugendliche behandelt und nicht mehr wie ein Kind. Gebt ihr Rückendeckung und Bestätigung, damit sie weiß, dass sie in schwierigen Situationen immer eure Unterstützung und bedingungslose Liebe hat.

Vor allem wenn eure Tochter merkt, dass sie sich in gesellschaftlich vorgegebenen Frauenrollen nicht wiederfindet, solltet ihr für sie da sein. Macht ihr deutlich, dass jeder Mensch sein darf, wie er möchte und niemand sich in Rollen pressen muss, in die er nicht reinpasst. Zeigt ihr Vorbilder, die nicht den typischen Geschlechterklischees reinpassen.

Die Pubertät erscheint kann so nervenraubend sein, dass ihr das Gefühl haben werdet, diese Phase nimmt niemals Ende. Aber wenn mit Ende der Teenagerzeit aus dem kleinen Mädchen eine starke, selbstbewusste Frau geworden ist, werdet ihr die wilde Zeit auch (in Teilen) schnell wieder vergessen.

Pubertät: Zehn Gebote für den Umgang mit schwierigen Teenagern

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Justin Bieber war mit 15 der größte Teenie-Star der Welt. Inzwischen ist er 19 (Nine-Teen!), also streng genommen immer noch Teenager und längst weniger berühmt für seine Musik als für seine Eskapaden. Nun werden gewöhnliche Eltern sich selten damit herumplagen, ihr Kind von der Polizei abholen zu müssen, weil es – wie Bieber jüngst – in einem Lamborghini herumrast. Aber selbst handelsübliche Teenager sind kaum zu ertragen. Was tun? Ulrich Hoffmann muss und will es wissen, nicht nur weil er drei Kinder im Alter von zehn, zwölf und 20 Jahren hat. Zudem ist er Autor des Ratgebers „Teenies verstehen in 60 Minuten“ (Thiele Verlag, acht Euro). Für die „Welt am Sonntag“ hat er zehn Gebote für den Umgang mit Pubertierenden formuliert.

1. Du sollst nicht der beste Freund deines Kindes sein!

Vaters Boxershorts hängen halb aus der Jeans, die Sneakers sind nicht zugeschnürt, Mutters Rock ist kürzer, als es die Oberschenkel erlauben. Eltern fühlen sich heute jünger denn je. Doch in 99,9 Prozent aller Fälle ist die Tatsache, dass wir etwas tun oder tragen, was unsere Teenies auch tun oder tragen, ein Indikator für Oberpeinlichkeit.

So zu tun, als wären wir unsere eigenen Kinder, macht uns nicht jünger. Unser Job besteht nicht darin, der „beste Kumpel“ unserer Kinder zu sein, dafür haben sie ihren besten Kumpel. Wir sollen Vorbild sein, nicht Nachahmer.

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2. Du sollst dein Kind falsche Entscheidungen treffen lassen!

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder eigenständige, selbstbewusste Menschen werden, dann müssen wir ihnen erlauben, selbst zu entscheiden. Sie lernen immer noch von uns, nur anders also zuvor. Sie testen unsere Vorschläge und Anregungen nicht zuerst durch vertrauensvolles Nachahmen, sondern durch verachtungsvolles Ablehnen. Je mehr Kontrolle wir abgeben, je mehr Interesse wir dabei zulegen, mit desto weniger Schulrauswürfen, Herzschmerz, Teenagerschwangerschaften und Hörstürzen ist zu rechnen. Pubertierende Teenager sind ungeschickt in eigentlich allem, was sie tun. Alles ist neu, alles ist anders, keiner hat sie gefragt. Kinder (und wir ja auch) lernen leben mittels „Versuch und Irrtum“. Je eher, desto besser.

3. Du sollst dem Gruppendruck nicht nachgeben – aber ihn verstehen!

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Das ultimative Killerargument jedes Teenies: Alle anderen bekommen mehr Taschengeld, haben ein Handy, einen Computer, eine Playstation, dürfen rauchen, trinken, kiffen und ausgehen bis zum Morgengrauen. Nie zuvor oder danach im Leben ist der Gruppendruck, neudeutsch peer pressure, so hoch wie in der Teenagerzeit. Nehmen Sie die Herausforderung Ihres Kindes an und stellen sich seinem an Sie weitergereichten Druck. Wenn Sie den ertragen, haben Sie Ihr Erziehungsziel bereits erreicht.

4. Du sollst nicht lesen deines Teenies Tagebuch!

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Nein! Nie im Tagebuch schnüffeln. Auch nicht, wenn man glaubt, es ginge nicht anders. Auch nicht, wenn man glaubt, es ginge wirklich nicht anders. Auch nicht im Ranzen oder im Handy oder im Computer schnüffeln. Auch nicht, wenn man glaubt, es ginge wirklich nicht anders. Wenn Sie nicht einfach nur neugierig sind, sondern ernsthaft und begründet den Verdacht auf Schulschwierigkeiten, Drogenprobleme, soziale Krisen o.Ä. haben, trotzdem nicht im Tagebuch, im Zimmer, im Computer oder im Ranzen schnüffeln.

Denn gerade in einer solchen Situation wollen Sie Ihrem Kind doch helfen, und das geht sicher nicht besser, wenn Ihr Eröffnungszug darin besteht, sein Vertrauen zu brechen (egal ob Sie das auch so sehen oder nicht). Sprechen Sie Ihre Sorge in einem möglichst ruhigen Moment an. Ihr Wort hat für Ihr Kind weit mehr Gewicht, als Sie wahrscheinlich glauben. Bauen Sie darauf.

5. Du sollst mit deinem Kind über Sex & Drugs & Rock’n’Roll reden!

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Wenn Sie mit der Aufklärung bis jetzt gewartet haben, ist es zu spät. Aber mit Glück haben Sie noch eine Chance, Ihre wichtigsten Weisheiten loszuwerden. Einmal, und wirklich nur einmal, mit dem Kind hinsetzen und ihm sagen, was Ihnen zum Thema Sex und Liebe wichtig ist. Es gilt: Überlegen Sie sich genau, was Sie sagen wollen, formulieren Sie vielleicht sogar Sätze vor. Zu diesem Zeitpunkt ist weniger mehr!

Ihr Kind wird Ihnen mit versteinerter Miene peinlich berührt gegenübersitzen, aber drei bis vier Sätze werden zu ihm durchdringen. Dabei sollten Sie möglichst auch gleich die Grundregeln klarstellen: Wie viel wollen Sie über die Partys und Freunde Ihres Kindes wissen, bevor diese genehmigt werden? Wie liberal stehen Sie Alkohol und Drogen gegenüber? Sie sollten gar nicht erst versuchen, cool und lässig zu bleiben, denn das schaffen Sie ohnehin nicht.

6. Du sollst dich entscheiden zwischen Hilfe im Haushalt oder Dankbarkeit!

„Ich bin doch nicht eure Putzfrau!“, motzt der Teenie, wenn er oder sie zur Abwechslung den Müll rausbringen soll. Geht es Ihnen dabei nur um eine symbolische Aktivität, die in erster Linie eine Anerkennung Ihres Rundum-sorglos-Services darstellen soll, suchen Sie sich einen anderen Weg zum Ziel. Wünschen Sie sich ein paar verbrannte Pfannkuchen zum Muttertagsfrühstück oder fordern Sie offen das Lob ein, das Ihnen zusteht: „Weißt du was, ich putze und wasche und koche, und ich möchte gern mal hören, wie toll du das findest.“

Kein Teenager ist so dumm, an dieser Stelle seinen undeutlich genuschelten Dank zu verweigern. Wenn Sie wirklich ab jetzt und für die verbleibende gemeinsame Zeit eine andere Lastenverteilung erreichen wollen, stellen Sie sich auf eine lange Umgewöhnungsphase ein.

Sie werden anfangs mehr Zeit für Bitten, Erinnerungen und Kontrolle aufwenden, als wenn Sie die Arbeiten selbst erledigen. In manchen Familien klappt es, einen Nachmittag der Woche zum gemeinsamen Aufräumtag zu erklären – dann sieht jeder, dass alle anderen auch ihren Teil tun.

7. Ihr sollt Kompromisse miteinander aushandeln!

Der US-Psychologe Phil McGraw erzählt folgendes Beispiel: Sein Sohn wollte bis in die frühen Morgenstunden mit seinen Freunden auf die Piste. Die McGraws hätten ihn lieber um zehn Uhr abends im Bett gesehen. Die Fronten waren selbst im Psychologenhaushalt verhärtet. Was tun? Der Profi fragte sich an dieser Stelle: Worum geht es mir wirklich? Und worum meinem Sohn? Der Vater wollte seinem Sohn ja nicht den Abend vermiesen. Und der Sohn wollte seinen Eltern keine Angst machen, sondern nur lieber Zeit mit seinen Kumpels verbringen.

Im Anschluss überlegte McGraw: Wie kann man möglichst beiden Bedürfnissen gerecht werden? Sein Vorschlag: Um Mitternacht muss sich der Sohn kurz per Handy melden und preisgeben, wo er ist und wie er nach Hause kommen wird. Ich nenne solche Varianten familienintern den „dritten Weg“. Einer will A, einer will B – kann man nun eine Variante C finden, die für alle akzeptabel ist?

8. Du sollst Kritik nicht persönlich nehmen!

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Es ist sehr unschön und unerfreulich, wenn unsere Kinder uns verfluchen. Noch unschöner und unerfreulicher ist es allerdings, wenn wir daraufhin unsere Kinder verfluchen. Die meisten, die heute Eltern von Teenagern sind, wurden noch mit „Klapsen“ oder Ähnlichem groß – aber woran wir uns erinnern, ist eher der böse Blick, das harsche Wort. Deshalb: Wie skandalös unflätig Ihr Kind Sie auch beschimpfen mag, „Auge um Auge“ ist für Idioten. Nichts sagen geht immer. Notfalls mit zusammengebissenen Zähnen murmeln: „Ich muss kurz rausgehen“, und dann kurz rausgehen. Bitte nicht das Kind aufs Zimmer schicken, das signalisiert nur „Dich will ich hier nicht“, und genau das ist ja das Gefühl, dessentwegen das Kind bereits so wütend ist. Schalten Sie aber auch nicht einfach auf Durchzug. Wer schreit, will gehört werden. Erst danach kann Ruhe einkehren.

9. Du sollst Teenie-Krisen nicht zu Eltern-Krisen werden lassen.

Ein Prunkstück im Waffenarsenal der Pubertisten ist das Ausspielen der Erzeuger gegeneinander. Ein Hundeblick hier, ein empörtes Schnaufen da, schon haben Mama wie Papa ein schlechtes Gewissen, beginnen untereinander zu diskutieren und geben schließlich erschöpft nach. Daran können auf die Dauer Ehen zerbröseln.

Ganz allein betreiben viele Eltern eine Abart dieser oft lange unbemerkten Beziehungszerstörung. Wer Teenies hat, hat Probleme und muss Entscheidungen treffen. Aber häufig fallen Midlife-Crisis, berufliche Umbrüche und die Teenie-Jahre der Kinder zusammen. Man kämpft an allen Fronten und verliert dabei sich, den Partner und die Teenies aus den Augen. Wenn Sie einander beistehen können, statt bis zur Einschlafgrenze über Schulnoten, Ausgehregeln und Sexsorgen zu sprechen – dann sind Sie super! Denn Eltern, die gut miteinander umgehen, sind auch gute Eltern.

10. Du sollst dein Kind bedingungslos lieben!

Teenager müssen „gegen“ uns sein – gegen wen denn sonst? Aber wir müssen nicht gegen sie sein, sondern auf ihrer Seite. Solidarität mit den Kindern ist erste Elternpflicht. Je länger ich dabei bin und je mehr ich darüber nachdenke, desto überzeugter bin ich: Wir Eltern sehen das alles zu ernst. Wir kümmern uns zu viel und vor allem oft um die falschen Sachen. In erster Linie müssen wir die Seelen unserer Kinder stark machen. Sie lieben wie am ersten Tag. Dann wird aus ihnen kein zweiter Justin Bieber.

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PUBERTÄT: Wie Eltern ihre pubertierenden Kinder behandeln sollten

Das Erwachsenwerden kann Jugendlichen zu schaffen machen und Eltern nerven. Eine Ärztin sagt, was in Teenagern vorgeht. Und warum Eltern und Kinder nicht beste Freunde werden sollten.

Sarah Coppola-Weber 04.01.2018, 07.59 Uhr Drucken Teilen

In der Pubertät sind Kinder besonders gestresst: Von der Schule, den Eltern, der ersten Liebe. (Bild: Getty)

Die Eltern verstehen die Welt nicht mehr: Was ist aus dem lieben Bub geworden, der sich vor dem Einschlafen so gerne an Mami kuschelte und nun jede Art von Körperkontakt meidet? Was aus dem herzigen Mädchen, das am Esstisch alle Anwesenden vollplapperte und nun kaum mehr ein Wort von sich gibt? „Während der Pubertät reifen die angehenden Erwachsenen körperlich und seelisch, aber ­diese Entwicklung passiert nie gleichzeitig“, sagt Suzanne Erb, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychologie. Normalerweise gehe die körperliche der seelischen Reifung voraus, was zu Spannungen führt.

Einerseits wollen die Jugendlichen schon gross und unabhängig sein, sich selber und ihre Lebensaufgabe finden, andererseits brauchen sie Halt und Unterstützung. „Sie streben nach mehr Autonomie, sie loten Grenzen aus, das gehört zu diesem Entwicklungsalter“, sagt Erb. Ebenso die Identitätsfindung mit Fragen wie „Wer bin ich? Wer will ich sein? Was ist meine Aufgabe in der Gesellschaft?“ Um sich selber zu finden, müssen Teenager zuerst auf Distanz gehen. Sämtliche grossen Lebensthemen ­werden im Entwicklungsalter der Adoleszenz aktuell und neu aufgemischt.

Dieser Prozess dauert unterschiedlich lange, in der westlichen Gesellschaft zieht er sich bis zum 25. Lebensjahr hin, sagt Erb. Darin liegt auch ein Potenzial: Denn Jugendliche ­setzen Entwicklungsimpulse, stellen die bisherige Ordnung in Frage. Wirbeln die Gesellschaft auf und bringen frischen Wind rein.

Jugendliche wollen gehört werden

„Je lautstärker die Jugendlichen ihre Freiheit einfordern, desto grösser ist ihr Ruf nach Rückhalt“, sagt Suzanne Erb. Während sie cool daherkommen und selber über ihr Leben bestimmen wollen, sind sie sich insgeheim bewusst, immer noch emotional, sozial und materiell abhängig zu sein. Dazu gesellen sich steigende Anforderungen von Elternhaus und Gesellschaft. „Jugendliche brauchen Halt, damit sie in diesem Spannungsfeld keine seelischen Störungen entwickeln“, sagt Erb.

Verhaltensauffällig­keiten, Depressionen verbunden mit Suizidgedanken oder Selbstaggressionen wie Ritzen, Alkoholexzesse oder Drogenkonsum deuten darauf hin, dass ihr Leben aus der Rolle läuft. „Jugendliche senden Botschaften, nicht nur verbal, auch mit ihrem Verhalten.“ Aufhorchen sollten Eltern, sobald das Kind sein Verhalten ändert, sich zurückzieht, Hobbys aufgibt oder bei den Schulleistungen nachlässt. Auch massive Selbstzweifel und Suizidabsichten, ob per Brief, SMS oder Facebook ausgedrückt, müssen ernst genommen werden.

Wie soll man als Eltern darauf reagieren, wenn man erst einmal geschockt ist? „Zuhören und ­reden“, rät die Fachfrau. Auch wenn es anstrengend werden könnte, soll man in Beziehung bleiben und Interesse zeigen. Gespräche führen darüber, wie man sich als Eltern dabei fühlt, was einem Sorgen bereitet und das Kind fragen, wie es ihm geht. „Auch wenn es die Situation herunterspielt und die Gespräche in Auseinandersetzungen enden: Das Kind nimmt das Interesse des Erwachsenen wahr, auch wenn es einem das Gegenteil vermittelt.“ Das gilt auch in Sachen Social Media: Eltern sollen ihr Interesse signalisieren und über Gefahren sprechen. „Wach zu sein, sich zu interessieren und sich nicht von oberflächlichen Antworten abspeisen zu lassen, ist der beste Schutz fürs eigene Kind“, sagt Suzanne Erb.

Auch wenn Eltern und heranwachsende Kinder sich immer mehr auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt begegnen, heisst das nicht, dass Eltern beste Freunde werden sollen. Freunde gibt es viele, Eltern nur einmal. Trotz komplizierteren ­sozialen Beziehungen sei die Bereitschaft der Eltern, mit ihren Jugendlichen in Kontakt zu bleiben, heute grösser.

Sie wollen spüren, dass sie anderen nicht egal sind

Durch die schwierige Kontrolle über Gefühle und Impulse haben Jugendliche, vor allem Männer, das Bedürfnis, Risiken auszuprobieren und Grenzen auszuloten. Die Fähigkeit, Gefahren einzuschätzen, kann je nach Situation geringer sein. Als Eltern soll man am Ball bleiben und die Sorgen darüber aussprechen. Auch wenn man Gefahr läuft, deswegen vom Jugendlichen ausgelacht zu werden: „Sie möchten erleben, dass da jemand ist, der sich ihretwegen Sorgen macht, dem sie nicht egal sind“, sagt Suzanne Erb. Und das Gefühl vermittelt bekommen, für jemanden wichtig zu sein.

Was Eltern tun können

• Sich für die Aktivitäten der Jugendlichen interessieren

• Nachfragen, das Gespräch suchen

• Über die eigenen Gefühle und Sorgen sprechen

• Grenzübertritte signalisieren und darauf reagieren

• Aufhorchen, wenn die ­Jugendlichen das Verhalten ändern

Das pubertierendste Pubertätskind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Der entspannte Weg durch die Pubertät

Eine Kolumne von Christian Hanne, Blog Familienbetrieb.

Erinnern Sie sich noch an die Trotzphase Ihres Kindes? Als es sich im Hausflur auf dem Boden wälzte, weil es nicht alleine die Treppe hochlaufen wollte? Oder als es einen Tobsuchtsanfall bekam, weil Sie sein Brot in Würfel statt in Streifen schnitten? Oder als es den Supermarkt zusammenbrüllte, weil es kein Überraschungsei bekam?

Wenn Sie mit Wehmut an diese Zeit zurückdenken, befindet sich Ihr Kind wahrscheinlich gerade in der Pubertät. Die Hormonproduktion läuft auf Plansoll-Übererfüllung, Körper und Geist verändern sich, das Kind ist permanent schlecht gelaunt und es gibt jeden Tag lautstarke Auseinandersetzungen, gegen die die Kuba-Krise ein Picknick an einem lauen Sommertag war.

Die Pubertät muss aber nicht alle Beteiligten an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen. Mit den folgenden Tipps und Tricks wird diese herausfordernde Phase im Leben Ihres Kindes so friedvoll wie ein Mantra-Meeting bekiffter Hare-Krishna-Anhänger.

Die Kommunikation: Words don’t come easy

Wenn Ihr Kind gerade in dem Alter ist, in dem es den ganzen Tag ununterbrochen plappert, bis Ihnen das Blut aus den Ohren läuft, kann ich Sie beruhigen: Diese Phase wird vorübergehen! Mit Eintritt in die Pubertät retardiert die Sprache Ihres Kindes auf unterkomplexe Ein-Wort-Sätze: „Hm“, „Nö“, „Vielleicht“, „Okay“ oder „Weißnich“. Noch häufiger wird sich Ihr Kind mit unartikulierten Grunzlauten ausdrücken.

Um den Dialog mit Ihrem pubertierenden Kind aufrechtzuerhalten, sollten Sie einen Experten aus dem Sprachendienst des Auswärtigen Amtes engagieren, der auf exotische Fremdsprachen spezialisiert ist und für Sie dolmetscht. Oder Sie stellen gleich einen Tierstimmenimitator ein, der für die nächsten Jahre die Kommunikation mit Ihrem Kind übernimmt.

Sprachlich reduziert der Teenager die Kommunikation auf das Minimum – lässt dafür aber gerne mal Gestiken für ihn sprechen | © pexels.com

Hausaufgaben und Lernen ist ein steter Quell für Streit und Zoff zwischen Eltern und Kindern. Wenn man unentwegt darüber nachdenkt, wie es wäre, mit Susanne aus der 9b zu knutschen (oder wahlweise mit Ralf aus der 10a), ganze Tage damit verbringt einen neuen Minecraft-Rekord aufzustellen, oder sich voll und ganz auf eine Karriere als YouTuber konzentriert, bleibt selbstverständlich keine Zeit, um sich für Algebra, englische Sonette oder Abläufe der Photosynthese zu interessieren.

Glücklicherweise gibt es eine ganz einfache Lösung: Erzählen Sie Ihrem Kind, dass Sie früher auch keinen Bock auf Schule gehabt und lieber Computer gespielt hätten. Man könne ja mal zusammen abhängen, ein bisschen an der Playsie zocken und ein paar Musical.ly-Videos aufnehmen. Ihr Kind wird sich sofort in seine Hausaufgaben stürzen, denn es gibt für pubertierende Jugendliche keine schlimmere Vorstellung, als Zeit mit den Eltern verbringen zu müssen.

Die Körperpflege: It smells like teen spirit

Mit der Pubertät setzen starke körperliche und damit einhergehend olfaktorische Veränderungen ein. Während die jugendlichen Drüsen ununterbrochen Schweiß und Talg produzieren, sinkt gleichzeitig die Bereitschaft des pubertierenden Kindes, sich auch nur der basalsten Körperhygiene zu widmen. Sie als Eltern sind dabei die Leidtragenden, denn Sie müssen die nächsten Jahre Ihren Essenstisch mit einem verpickelten, fetthaarigen Moschusochsen teilen.

Dieses Problem lässt sich lösen, sobald Ihr Kind Interesse an romantischen Beziehungen entwickelt. Dann können Sie Susanne aus der 9b (oder wahlweise Ralf aus der 10a) alle paar Wochen einen 10er zustecken, damit sie sich auf einen Date mit Ihrem Kind treffen. Sie werden erstaunt sein, wie ein wasserscheuer Pubertant plötzlich Stunden im Bad verbringt, freiwillig duscht, die Haare wäscht, seine Zähne putzt, einen Kamm benutzt und sich mit wohlduftenden Parfüms einnebelt. Und mit ein wenig Glück zieht er sogar frische Klamotten an.

Eltern und andere Verwandschaft tun gut daran, das Zimmer eines Jugendlichen für die nächsten Jahre zu meiden | © flickr.com/photos/telari/5491304417/

Der Ordnungssinn: don´t touch this

Pubertierende Jugendliche haben ein sehr spezielles Empfinden von Ordnung und Sauberkeit. Nämlich gar keins! In einer Mischung aus Ignoranz, Trotz und Lethargie ist es ihnen vollkommen egal, wenn sich in ihren Zimmern schmutzige Wäsche, leere Chipstüten, vergorenes Obst, stinkende Socken, verkrustete Müslischalen, verknickte Schulbücher, verschimmelte Joghurtbecher und zerfledderte Kladden zu einer begehbaren Installation türmen. Hormonell bedingt sind sie schlichtweg nicht in der Lage, das Chaos und den Müll wahrzunehmen. Entsprechend reagieren sie unwirsch und mit Unverständnis auf Aufforderungen, ihr Zimmer aufzuräumen.

Diese Konflikte können Sie nur umgehen, wenn Sie zwischen dem 13. und 18. Lebensjahr das Zimmer Ihres Kindes nicht betreten. Dies erspart Ihnen tägliche Eltern-Kind-Konflikte und wird Ihnen sogar Ruhm und Geld einbringen: Nach der Pubertät werden Archäologen möglicherweise im Kinderzimmer eine untergegangene Maya-Zivilisation finden. Oder Biologen entdecken eine neue Tierart, die nach Ihnen benannt wird. Aber das Beste: Von den Pfandflaschen, die Ihr Kind über die Jahre gebunkert hat, können Sie sich endlich den lang gehegten Wunsch einer vierwöchigen Luxus-Kreuzfahrt erfüllen.

Umgeben von Mönchen findet Ihr Teenager vielleicht Ruhe – Sie haben sie dann auf jeden Fall | © flickr.com/photos/archer10/2657569103/

Die Emotionen: It’s the end of the world as we know it (but I feel fine)

Besonders herausfordernd ist die emotionale Achterbahn, die Ihre Kinder in der Pubertät durchlaufen. Sie sind sentimental, ausgelassen, zornig, fröhlich, traurig, wütend, euphorisch oder albern. Und diese Zustände wechseln schneller als bei einem Borderliner, der seine Medikamente nicht genommen hat. Dadurch gibt es unentwegt Streit, weil Sie als Eltern nicht in der Lage sind, die Gefühlsschwankungen Ihres Kindes vorherzusagen.

Hier gibt es nur einen Ausweg: Schicken Sie Ihr Kind für die Zeit der Pubertät in ein buddhistisches Zen-Kloster (vorzugsweise nach Rudraprayag im Himalaya, wohin es keine direkten Flugverbindungen gib). Die dortigen Mönche ruhen in sich selbst und lassen sich von den Emotionsausbrüchen Ihres Kinders nicht aus dem inneren Gleichgewicht bringen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie sich doch mal aufregen, meditieren sie Ihren Zorn einfach weg.

Kommt Ihr Sprössling dann mit 17, 18 Jahren wieder zurück, nachdem er gereift und erleuchtet ist, werden Sie feststellen, dass die Pubertät Ihres Kindes die entspannteste Zeit Ihres Elternlebens war.

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Über den Autor Christian Hanne

Christian Hanne, Jahrgang 1975, ist im Westerwald aufgewachsen und hat als Kind zu viel von Ephraim Kishon gelesen und zu viel „Nackte Kanone“ geschaut. Inzwischen lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Berlin-Moabit. Auf seinem Blog „Familienbetrieb“, auf Twitter und Facebook schreibt er über den ganz normalen Alltagswahnsinn. Kulinarisch pflegt er eine obsessive Leidenschaft für Käsekuchen. Sogar mit Rosinen. Ansonsten ist er mental einigermaßen stabil.

Im September ist sein Buch „Wenn’s ein Junge wird, nennen wir ihn Judith“ im Seitenstraßenverlag erschienen. In zwölf gar nicht mal so kurzen Kurzgeschichten sinniert er darüber, wie Schwangerschaft, Marathongeburten und nachtaktive Babys eine moderne, gleichberechtigte Partnerschaft auf die Probe stellen.

Im Netz:

Blog Familienbetrieb | Twitter @betriebsfamilie | Facebook hannefamilienbetrieb

Pubertät: Wie Mutter und Tochter die schwierige Phase erlebten

Natalie Heinze ist Sekretärin und alleinerziehend. Inzwischen ist sie 44 Jahre alt, ihre Tochter Lena ist 16 geworden. Als das Verhältnis der beiden schwierig wurde, war Lena gerade 12: „Kontrollfreak“ Natalie kam plötzlich nicht mehr mit ihrer „dauermauligen“ Tochter klar. Das Programm STEP (Systematisches Training für Eltern und Pädagogen) half ihnen, mit der Veränderung umzugehen. Wie beide Seiten diese Zeit erlebten, hielt FOCUS Online-Autorin Elisabeth Hussendörfer im Protokoll fest.

Die Sicht der Mutter, Nathalie Heinze:

„Mit zehn war sie noch ein Kind, mit elf wollte sie Frau sein“

„Hoffentlich sieht uns keiner“: Ich weiß noch, dass ich das ein paar Mal gedacht habe, als Lena und ich zusammen auf der Straße unterwegs waren. Eltern werden ihren Kindern peinlich in der Pubertät, heißt es ja oft. Aber ich glaube, das ist nur die halbe Wahrheit. Kinder werden auch ihren Eltern peinlich.

Bei Lena passierte es schlagartig, mit zehn war sie noch ein Kind, mit elf wollte sie Frau sein. „So kannst du nicht rumlaufen“, hab ich mich reden gehört. „Schmink dich ab“, mahnte ich, bevor sie das Haus verließ. Was für Botschaften ich meiner Tochter gerade zu Beginn dieser hochsensiblen Phase mitgegeben habe, ist mir erst später bewusst geworden. Du bist nicht okay so, wie du bist – wer will das schon hören?

Lenas Fassade hieß und heißt Coolness

Und: wie demütigend muss es sein, ausgerechnet jetzt die Rückendeckung derer zu verlieren, die einem doch immer am nächsten waren: der Eltern. Beziehungsweise: der Mutter – Ich bin alleinerziehend. Nicht nur in punkto Äußerlichkeiten übrigens habe ich mich gegen Lena argumentieren hören, auch sonst. „Lehrer XY ist ja so ein Arsch.“ Wenn sie so etwas sagte, fragte ich reflexartig: „Was hast du denn wieder angestellt, dass er sich so über dich ärgern musste?“ Statt erst mal zuzuhören. Nie kämen wir auf die Idee, unseren Liebsten so zu begrüßen, wenn er über Job-Frust klagt: „Bestimmt hast du dich den Kollegen gegenüber auch nicht gerade korrekt verhalten.“ Hier wissen wir, dass es vor allem darum geht, da zu sein. Verständnis zu zeigen. Wieso wissen wir es nicht bei unseren Kindern?

Weil wir uns täuschen lassen, auf das zum Teil sehr gekonnte Schauspiel reinfallen, das ist wohl der Grund. Lenas Fassade hieß und heißt Coolness. Dazu hat sie diesen dauermauligen Ton. Die Leiterin eines Erziehungskurses, den ich besucht habe, hat mir hierzu die Augen geöffnet: Jugendliche in der Pubertät sind groß im Austeilen, aber sie können kaum einstecken, sagte sie. Ein bisschen habe ich daraufhin angefangen, das Verhalten meiner Tochter aus der Distanz zu beobachten. Wie eine Forscherin, die ein Naturphänomen betrachtet. Das half, ihre Verhaltensweisen nicht mehr pauschal als „schwierig“ oder „nervig“ abzutun, sondern als Ausdruck eines inneren Konflikts. Und wenn man mal zurückdenkt, weiß man es doch eigentlich selbst, dass hinter betont taffem Auftreten vor allem die Suche nach Halt und Orientierung steckt.

Kinder schützen auch ihre Eltern, wenn sie lügen

Auslöser für den Kurs waren Lenas Lügen gewesen. Sie war abends oft später heimgekommen als abgemacht. Jedes Mal hatte sie gemeint: „Die U-Bahn hat Verspätung.“ „So was kommt vor“, hatte ich gesagt. „Aber nicht jeden Tag.“ Doch, hörte ich. Auch in Sachen Nagellackflecken auf unserer Couch kamen wir nicht weiter. Was da passiert wäre? „Keine Ahnung“, meinte sie hartnäckig.

Ich weiß noch, wie ich panisch wurde, dachte: Jetzt ist etwas unwiederbringlich kaputt gegangen zwischen uns und vielleicht wiederholt sich dabei ja etwas. Der erste Freund, der erste Discobesuch – all so was hatte ich heimlich gemacht, aus Angst, sonst Ärger zu bekommen. Hätte ich bestimmt auch. Aber vor allem das jahrelange Lügen hat das Verhältnis zu meinen Eltern belastet, und zwar nachhaltig. Eine richtig gute Beziehung haben wir bis heute nicht.

Im Grunde ist da weiter der Wunsch, geliebt zu werden

Vor allem Wissen hilft mir mittlerweile dabei, Lenas Verhalten nicht mehr so persönlich zu nehmen. Kinder lügen nicht nur, um sich selbst zu schützen, habe ich im Elternkurs gelernt. Sie schützen auch ihre Eltern, wollen ihnen Enttäuschungen ersparen. „Ich bin nicht mehr so, wie sie mich haben wollen“: Das zu sehen, ist auch für sie selbst nicht leicht. Denn im Grunde ist da trotz aller Ablösungstendenzen weiter der Wunsch, geliebt und akzeptiert zu werden.

Deutlich entspannter ist es zwischen Lena und mir, seit ich mich nicht nur in Kleiderfragen stärker zurücknehme. Ausrutscher kommen vor, na klar. Neulich kam sie mit einem Jungen, den ich gefragt hab, ob er in einem Sportverein ist. Klammer auf: Es wäre schön, wenn ja, dann würdet ihr schon nicht auf dumme Gedanken kommen. Lenas Augenrollen hat mir gezeigt, dass ich eine Grenze überschritten habe. Sie ist kein Kind mehr, dem man sagen kann, was es anzuziehen oder wen sie bevorzugt zu treffen hat.

Mit älter werdenden Kindern ist es wie in der Liebe

Haben wir allerdings eine Absprache getroffen, muss sie sich daran halten. Wird’s bei ihr grundlos nach sieben, hat sie am anderen Tag schon um sechs hier zu sein – darauf haben wir uns verständigt. Und das wird dann auch durchgezogen, weitestgehend emotionslos. Streiten tun wir tatsächlich eher selten zurzeit. „Ich verstehe, dass du mehr Freiheiten willst und ich will sie dir auch gerne geben, aber ich muss mich auf dich verlassen können“ – eher so was sage ich, wenn mal wieder etwas nicht geklappt hat. „Mama meint es gut mit mir“, vielleicht kommt das dabei rüber. Und vielleicht geht diese Phase ja so schnell vorbei, wie sie gekommen ist.

Es gibt da dieses Bild: Lena und ich, sie ist 18, wir sitzen in einer Bar, trinken Prosecco, lachen, reden. Undenkbar wäre so was mit meiner Mutter gewesen. Was meine Tochter und mich angeht, bin ich zuversichtlich. Ich deute es als Vertrauensbeweis, dass sie neuerdings Freunde, die sie bisher nur in der Stadt getroffen hat, mitbringt. Und ihre Zimmertür ist mittlerweile auch nicht mehr nur zu. Vielleicht ist es mit älter werdenden Kindern ja ein bisschen wie in der Liebe: Wenn man Druck macht, entziehen sie sich. Lässt man sie, kommen sie freiwillig. Und dann geht man zusammen shoppen oder ins Kino. Und nicht nur wegen der Klamotten, die dabei rausspringen oder wegen des Films, so was spürt man. Sondern weil ein Kind ein Kind bleibt und eine Mutter eine Mutter, ein Leben lang. Und weil man einander nicht weniger nah ist, nur, weil der eine sich gerade mal selbst finden muss.

Die Sicht der Tochter, Lena Heinze:

„Wenn Kinder größer werden, werden die Eltern schwierig“

Früher hatten meine Mama und ich ein super Verhältnis. Mein Vater ist gegangen, als ich eins war, von daher mussten wir zusammenhalten. Vor einem guten Jahr dann hab ich gemerkt, dass ich mich verändert habe. Wenn mein kleiner Bruder Witze übers Pupsen gemacht hat, hab ich nicht mehr gelacht. Außerdem wollte ich viel für mich sein.

Ich glaube, meine Mutter hat sich schwer damit getan, dass ich so schnell erwachsen geworden bin. „Du kommst in die Pubertät“, hat sie gemeint. Wie das schon klingt! So wie: „Du wirst gerade irgendwie schwierig.“ Dabei ist es mindestens genauso auch andersrum: Wenn Kinder größer werden, werden die Eltern schwierig. Meine Mutter zum Beispiel ist ein richtiger Kontrollfreak geworden. „Mit wem triffst du dich? Was macht ihr?“ Die Fragerei nervt. Und dass sie so schnell ausflippt und man nie weiß, mit was sie einen als nächstes blamiert. Einmal war meine beste Freundin zum Übernachten da. „Soll ich euch eine Geschichte vorlesen?“ hat Mama gefragt. Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken.

Ich bekomme eher, was ich will, wenn ich ehrlich bin

Das mit dem Lügen hat sich irgendwie verselbständigt. Zum Beispiel, als Mama wissen wollte, wie alt meine Freunde sind. „So alt wie ich“, hab ich gesagt, weil ich wusste, dass sonst weitere Fragen kommen – dabei sind sie fast alle 15. Oder als ich aus Versehen Nagellack über unsere Couch geleert habe. Als Mama heim kam, ist mir das irgendwie so aus dem Mund gepurzelt: „Das war ich nicht, das war ich nicht.“ Und dann ist es zu spät und man kommt nicht mehr aus der Nummer raus.

Inzwischen hab ich verstanden, dass Lügen alles nur schlimmer machen und dass ich eher bekomme, was ich will, wenn ich ehrlich bin. Wenn ich mal später heimkomme, schreibe ich meiner Mutter eine SMS, dann geht das klar. Und wenn ich ihr rechtzeitig Bescheid gebe, darf ich am Wochenende auch mal länger wegbleiben. Mit meinen Freunden, die sie inzwischen kennt.

Insgesamt ist meine Mama ziemlich chillig geworden

Auch mein Freund war dabei, als wir neulich hier waren. Wir haben Fußball geguckt, mein Freund hat Bierbänke in die Wohnung getragen. Ein Zwölfjähriger hätte das bestimmt nicht gemacht und vielleicht sieht Mama jetzt ja, dass ältere Freude auch Vorteile haben. Aber dass er sportlich aussieht, hätte sie ihm nun wirklich nicht sagen müssen. Und dann diese Frage: „Bist du in einem Verein?“ Wie peinlich! Wieso interessiert sie so was? Insgesamt ist sie aber eigentlich ziemlich chillig geworden, meine Mama, vielleicht auch durch diesen Kurs. Den sollten am besten alle Eltern machen, wenn ihre Kinder älter werden, finde ich.

Mutter & Tochter: Besondere Beziehung mit Risiken und Nebenwirkungen!

Mutter und Kind: Eine ganz besondere Bindung

Die Mutter ist für alle Kinder die erste und auch oft die wichtigste Bezugsperson. Schon im Mutterleib entsteht eine enge Bindung, die auch eine Weile nach der Geburt noch symbiotisch ist. Da das Baby nicht in der Lage ist, sich selbst zu versorgen, ist diese Symbiose überlebensnotwendig, also existenziell. Mit der Zeit entwickelt sich das Kind aus dieser Symbiose heraus. Das heißt, die Mutter muss bereit sein, den natürlichen Autonomiebestrebungen des Kindes nachzugeben und ihm altersangemessene Erfahrungen außerhalb der Mutter-Kind-Symbiose zu ermöglichen, etwa indem das Kind krabbelnd seine Umwelt erforscht und sich anderen Personen zuwendet.

Warum es in der Pubertät schwerer ist, sich von der Mutter abzulösen!

Das alles haben Sie natürlich schon längst hinter sich. Doch was die Entwicklung von Jungen und Mädchen in der Pubertät angeht, gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während Jungen sich ab einem bestimmten Zeitpunkt den Vater als männliches Vorbild nehmen und anfangen, sich mit ihm zu identifizieren, bleibt für Mädchen die Mutter nicht nur (meistens) die wichtigste Bezugsperson, sondern sie wird zusätzlich noch das weibliche Identifikationsobjekt, also das Rollenvorbild des Mädchens. Das bedeutet, dass Mädchen sozusagen doppelt an ihre Mütter gebunden sind. Das ist auch der Grund, warum die Konflikte zwischen Müttern und Töchtern in der Pubertät oft besonders heftig ausfallen: Die Tochter muss sich in gleich zweierlei Hinsicht abgrenzen und ablösen.

  1. Sie muss sich von Ihnen als engste Bezugsperson „Mutter“ lösen, mehr Eigenverantwortung übernehmen und sich anderen Menschen gegenüber stärker öffnen (Freundinnen, erster Freund etc.).
  2. Sie muss die rollenspezifische Identifikation mit Ihnen langsam auflösen, um eine eigene Vorstellung vom Frau sein entwickeln zu können.

„Mama, du bist peinlich!“ Warum pubertierende Töchter ihre Mütter manchmal „blöd“ finden müssen!

Um in ihrer Entwicklung voranzukommen, müssen sich Teenager von ihren Eltern innerlich (und manchmal auch äußerlich) distanzieren. Wer als Jugendlicher zu dicht an den Eltern „klebt“, kann schwerlich einen eigenen Weg finden. Eine gute und bewährte Methode, sich von jemandem abzugrenzen und sich von ihm innerlich zu distanzieren, ist, ihn „doof“ oder auf andere Weise unmöglich zu finden.

Jugendliche erleben ihre Eltern beispielsweise oft als „peinlich“. Auch das ist eine Möglichkeit, sich von jemandem abzugrenzen und zu signalisieren: „Ich bin anders!“ (Zum Trost: Peinlich findet man immer nur jemanden, dem man emotional nahe steht und den man mag. Für Fremde schämt man sich in der Regel nicht!).

Seien Sie also nicht persönlich gekränkt, wenn Ihre Tochter Sie peinlich oder „doof“ findet. Ihr Kind hat Sie immer noch genauso lieb wie früher! Es braucht aber diese Form der Distanzierung, um zu mehr Autonomie zu gelangen.

  • Wichtig im Mutter-Tochter-Verhältnis: Auch wenn Sie nun verstehen, warum Ihre Tochter sie manchmal ablehnen muss, heißt das natürlich nicht, dass Sie sich alles gefallen lassen sollten. Wenn Ihr Kind Sie beleidigt oder beschimpft, sollten Sie klare Grenzen setzen: „Ich möchte nicht, dass du in dieser Weise mit mir sprichst!“

Was Sie in der Pubertät Ihrer Tochter als Mutter akzeptieren müssen!

Manche Veränderungen sind für Mütter schwer zu akzeptieren, weil sie meinen, jetzt nicht mehr so wichtig zu sein, und unter diesem Gefühl leiden. Doch das stimmt nur zum Teil: Als Mutter werden Sie im Leben Ihrer Tochter immer eine besondere Rolle spielen. Besonders dankbar wird sie Ihnen aber sein, wenn Sie sie auch wirklich loslassen und ihr eine echte Chance geben, sich von Ihnen zu lösen. Dazu gehört unbedingt, dass Sie die Veränderung Ihrer Tochter akzeptieren und dass Sie bestimmte, auch unangenehme Tatsachen einfach aushalten:

  1. Sie müssen Ihrer Tochter die Freiheit zugestehen, Sie „doof“ zu finden und sich von Ihnen deutlich abzugrenzen, frei nach dem Motto: „Seht her! Ich bin ganz anders als meine Mutter!“
  2. Sie müssen akzeptieren, dass sich Ihre Tochter phasenweise von Ihnen abwendet und sich Ihnen nicht mehr so häufig anvertraut.
  3. Sie müssen ertragen, dass Ihre Tochter nun zu voller Blüte heranreift, also eine jugendliche Schönheit wird. (Das ist für Mütter einerseits oft Grund für Stolz und Freude, konfrontiert sie aber auch auf unangenehme Weise häufig mit dem eigenen Älterwerden.)
  4. Sie müssen akzeptieren, dass andere Personen jetzt wichtiger werden als Sie, etwa Freundinnen, die Clique oder der erste Freund. Das alles kann traurig machen. Das ist nicht schlimm! Im Gegenteil: Je ehrlicher Sie mit diesen Gefühlen umgehen, desto besser ist das: für Sie, aber auch für Ihre Tochter!

Vom niedlichen Mädchen zum kratzbürstigen Teenager:
Auch für Ihr Mutter-Tochter-Verhältnis nicht leicht!

Viele Mütter reagieren irritiert, wenn sich ihr bislang so friedliches und niedliches Mädchen in einen kratzbürstigen Teenager verwandelt. Konnten Sie Ihre Tochter bislang vielleicht noch in hübsche Kleider packen, so fängt Ihr Teenager womöglich jetzt an, sich in schwarze Punkklamotten zu werfen, sich schrill zu schminken oder die Haare zu färben. Viele Mädchen, die in die Pubertät kommen, verändern ihr Verhalten plötzlich, geben auf einmal heftige Widerworte, werden giftig oder „zickig“, stellen alles bisher Selbstverständliche in Frage oder schalten einfach auf stur. Je harmonischer das Mutter-Tochter-Verhältnis bisher war, desto heftiger können die nun auftretenden Konflikte sein. Das liegt daran, dass das Mädchen besonders viele Kräfte mobilisieren muss, um sich zu distanzieren und sich seine „Freiheit“ zu erkämpfen.

Auch wenn diese Verhaltensveränderungen überraschend und manchmal auch verwirrend sind: Das alles sind Anzeichen einer ganz natürlichen Entwicklung. Mädchen fangen etwa mit neun oder zehn Jahren an, nicht mehr alles selbstverständlich richtig zu finden, was die Eltern ihnen sagen. Und das ist gut so. Denn sie müssen sich ja ausprobieren, sich sukzessive eine ganz eigene Meinung über das Leben und die Welt bilden. Da hilft nur eins: selbst möglichst entspannt zu bleiben. Es ist normal, dass die Töchter irgendwann aus der Rolle des „süßen Mädchens“ herauswachsen, auch wenn das manchmal schmerzhaft ist. Das Beste, was Sie nun tun können, ist: zu akzeptieren, dass Ihre Tochter nun langsam eine junge Frau wird, und sie in diesem Prozess möglichst gut zu unterstützen!

Übrigens: Nicht alle Mädchen werden in der Pubertät aufsässig, „schwierig“ oder launisch. Manche kommen relativ entspannt durch diese aufwühlende Lebensphase. Das hat viel mit dem Temperament, dem Charakter, der jeweiligen Geschwisterposition, der Beziehung zu den Eltern etc. zu tun. Das eine ist nicht besser als das andere! Kinder pubertieren unterschiedlich, manche eben stürmischer, manche ruhiger.

  • Mein Tipp: Vergleichen Sie Mutter-Tochter-Erlebnisse!
    Lassen Sie Ihre Tochter die Sätze vervollständigen. Allerdings erst nachdem Sie selbst diese Fragen beantwortet haben. Vergleichen sie dann die Ergebnisse miteinander: Was haben Sie anders eingeschätzt, wo haben Sie richtig gelegen? Das kann sehr spannend sein! Je mehr Übereinstimmung sich hier finden lässt, umso besser kennen Sie Ihre Tochter. Und diese Übung bietet auf jeden Fall die Möglichkeit, Ihre Tochter noch besser zu kennenzulernen!

Test 1: Wie gut ist die Beziehung zu Ihrer Tochter?

Mithilfe dieser Checkliste können Sie herausfinden, wie gut die Beziehung zu Ihrer Tochter ist. ja nein
Kreuzen Sie einfach das passende Kästchen an.

Ja Nein
1.
Meine Tochter und ich haben zwar manchmal Stress, aber auch viel Spaß miteinander. O O
2.
Ich kann es gut aushalten, wenn meine Tochter mal nicht so gesprächig ist und ein Geheimnis hat. O O
3.
In manchen Dingen ist mir meine Tochter ähnlich, in anderen ist sie ganz anders als ich. O O
4.
Ich mag meine Tochter sehr, aber manchmal finde ich sie auch nervig. O O
5.
Ich bin stolz auf meine Tochter. Das ändert sich auch dann nicht, wenn sie mal Mist gebaut hat. O O
6.
Ich habe das Gefühl, meine Tochter vertraut mir – auch wenn sie mir nicht alles erzählt. O O
7.
Ich fühle mich manchmal von meiner Tochter abgelehnt. Das haut mich aber nicht um. Ich glaube, sie mag mich trotzdem. O O
8.
Es gibt immer wieder schöne und herzliche Momente zwischen uns – auch wenn es oft zwischen uns „kracht“. O O
9.
Meine Tochter kann mir auch mal Kontra geben, ohne dass ich gleich erschüttert bin. O O
10.
Ich beobachte, wie schön und attraktiv meine Tochter wird. Das freut mich. O O
11.
Ab und zu unternehmen wir beide etwas miteinander. O O
12.
Wir streiten uns manchmal heftig, versöhnen uns dann aber auch irgendwann wieder. O O
13.
Ich sage ihr manchmal, wenn ich ihre Kleidung (oder etwas anderes) nicht gut finde, mache ihr aber diesbezüglich keine Vorwürfe. O O
14.
Manchmal nervt mich ihre Art, aber ich weiß, dass da drinnen immer noch dieses wunderbare Wesen ist, das ich so gut kenne. O O
15.
Ich finde es manchmal sehr anstrengend mit meiner Tochter, bin mir aber sicher, dass sich meine Geduld lohnt. O

O

Auswertung

Wenn Sie 11- bis 15-mal mit ja geantwortet haben: Sie haben eine sehr gute Beziehung zu Ihrer Tochter. Sie haben sie gut im Blick, ohne sich selbst zu vernachlässigen. Sie können gut mit ihr in Kontakt sein, ohne sie einzuengen. Bleiben Sie so stark und einfühlsam, dann kommen Sie gut durch die Pubertät Ihrer Tochter!

Wenn Sie 6- bis 10-mal mit ja geantwortet haben: Sie haben eine gute Beziehung zu Ihrer Tochter. Es fällt Ihnen aber offensichtlich manchmal noch schwer, ihre Entwicklung bzw. Veränderung zu akzeptieren. Fragen Sie Ihre Tochter ruhig mal, was Sie sich von Ihnen wünscht. Wenn Sie sich auf diesen Wunsch einlassen, kann es sein, dass Sie sich wieder näher kommen, ohne dass Sie zu kontrollierend sind.

Wenn Sie 0- bis 5-mal mit ja geantwortet haben: Es sieht so aus, als hätten Sie ein paar ungelöste Konflikte mit Ihrer Tochter, die sie daran hindern, sie auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben gut zu unterstützen. Überlegen Sie, was das sein könnte. Was für Schwierigkeiten gab es bis jetzt, und wie könnten Sie diese lösen? Wenn Sie allein nicht weiterkommen, wenden Sie sich an eine Familienberatungsstelle.

Test 2: Was würde Ihre Tochter sagen?

Mithilfe dieser Checkliste können Sie herausfinden, was Ihrer Meinung nach Ihre Tochter über Sie denkt. Es geht ganz einfach: Versuchen Sie sich in Ihre Tochter hinein zuversetzen und vervollständigen Sie folgende Satzanfänge. Beachten Sie bitte: Es geht hierbei um die Perspektive Ihrer Tochter, nicht um Ihre eigene Meinung!

Pubertät: Probleme in der Vater-Tochter-Beziehung

Eben noch sind Papa und Tochter so eng vertraut und plötzlich gibt es eine Distanz, eine Schamgrenze. Woher kommt die? Väter sind verunsichert. Wie sollen Väter sich verhalten? Wie viel Berührung ist erlaubt? Keiner will in den Verdacht sexueller Belästigung kommen. Eines steht fest: Rückzug und Distanz sind unangebracht, auch und gerade Töchter in der Pubertät brauchen ihre Väter zur Orientierung. Bestimmte Verhaltensregeln helfen, die Distanz zwischen Tochter und Vater im richtigen Maß zu halten.

Distanz zwischen Vater und Tochter

„Und plötzlich ist es nicht mehr Deine süße kleine Tochter, die auf Deinem Schoß sitzt, sondern ein Teenager“, klagt ein Vater, „manchmal traue ich mich gar nicht mehr sie so zu knuddeln, wie früher, denn ich will sie nicht versehentlich an der Brust berühren, das hat sich total verändert.“ Väter sind hilflos. Plötzlich ist da eine Scham, eine Distanz zwischen beiden entstanden, wo früher absolute Vertrautheit war. Nur selten sprechen Väter über solche Probleme, aus Angst missverstanden zu werden. Doch diese Väter, mit denen wir gesprochen haben, kennen sich aus der Krabbelgruppe, seit rund 13 Jahren, ihre Kinder sind alle gut befreundet, Mädchen und Jungs. In diesem Kreis wurden schon viele Tabu-Themen besprochen.

Was ist erlaubt?

Ganz jungen Teenagern ist oft noch gar nicht bewusst, dass ihr veränderter Körper eine andere Ausstrahlung hat. Natürlich hat der zitierte Vater, absolut keinerlei sexuelle Absichten, im Gegenteil, um sich genau davor zu schützen, dass ihm etwas unterstellt würde, zieht er sich zurück. „Du kannst mit Deinem Sohn Fußball spielen oder auch mal raufen“, sagt er einem anderen Vater, „aber was machst Du mit einem zwölfjährigen Mädchen?“ Tatsächlich schwanken sie zwischen Kind und Teenager, der schon auch mal den Papa als Flirt-Objekt nutzt. Andere Väter kennen das auch. „Ist doch logisch, dass Du Dein Kind betrachtest, dass Du körperliche Veränderungen beobachtest, aber manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt hingucken darf, wenn sie sich umzieht oder mir Gedanken machen darf, ob ihr Busen wächst.“ Ein anderer Papa ist neidisch auf seine Frau: „Sie spricht mit unserer Tochter über ihre Tage, sie kaufen Kleidung miteinander und blockieren stundenlang das Bad mit Kosmetik-Sitzungen. Manchmal bin ich richtig neidisch, dass sie auf diesem Weg so einen Draht zueinander haben.“

Väter sind auch nur Männer

Stolz, Fürsorge, Verantwortungsgefühl und ein gutes Stück Eifersucht mischen sich. Plötzlich interessiert sich die eigene Tochter vielleicht für andere Männer und – fast noch schlimmer, andere Männer werfen ein Auge auf die kleine Prinzessin. „Im letzten Strand-Urlaub bin ich fast durchgedreht, wenn ein Kerl meine Tochter im Bikini angeschaut hat. Das sind ganz neue Erfahrungen, das ist nicht einfach.“

Geschiedene Väter

Besonders hart trifft es geschiedene Väter, hier wird die Situation oft noch durch andere Beziehungskonflikte unnötig kompliziert gemacht. „Seit unserer Trennung ist meine Tochter jedes zweite Wochenende bei mir“, erzählt einer aus der Gruppe, „früher war das alles easy, aber irgendwann, schon vor Jahren, kam meine Ex dann mit Verhaltensvorschriften: Ich durfte sie nicht mehr baden, sie musste sich alleine anziehen und wir durften beim Einschlafen nicht mehr kuscheln. Ihre Freundinnen dürfen sowieso nicht mehr mitkommen und den geplanten Zelturlaub mussten wir auch streichen. Das ist doch nicht normal!“

Was sagen Experten?

Der französische Psychiater, Psychoanalytiker und Buch-Autor Didier Lauru beschäftigt sich intensiv mit der Vater-Tochter-Beziehung von der Kindheit bis in das Erwachsenenalter. In einem Interview mit dem Online-Portal www.gofeminin.de gibt er Vätern folgenden Ratschlag: „Das Mädchen darf nicht das Gefühl haben von ihrem Vater mit einer Form des Verlangens beobachtet zu werden. Sie darf auf keinen Fall den Eindruck haben, dass ihr eigener Vater sie als Frau und nicht als seine Tochter sieht. Aber umgekehrt halten sich manche Väter zu sehr zurück und haben Angst ihrer Tochter zu sagen, dass sie zum Beispiel hübsch ist. Es fällt ihnen schwer die körperlichen Veränderungen, mit denen die Pubertät verbunden ist, anzuerkennen und schaffen aus Schamgefühl eine gewisse Distanz. Dabei ist es gerade in dieser Phase so wichtig für die Jugendliche, dass ihre Weiblichkeit anerkannt wird. Umso mehr als ein Vater seine Tochter gerade durch Komplimente und Anerkennung für die Außenwelt und ihr Leben als Frau wappnet.“ Aber wie nun können Väter diese Gratwanderung meistern?

Kritische Situationen meiden

Auf jeden Fall dürfen sich Väter nicht aus ihrer Verantwortung zurückziehen. Die Töchter brauchen sie in dieser Phase genauso, wie in jeder anderen auch, sie stehen – wie andere enge Bezugspersonen auch – für Orientierung, Identifikation und Autorität. Der beste Weg ist, sich kritische Situationen bewusst zu machen und diese eindeutig zu lösen, ohne irgendwelchen Missverständnissen eine Chance zu geben. Manche Verhaltensregeln können Eltern ohne viele Worte einfach einführen, ohne die Töchter mit ihren Überlegungen und ihren Bedenken zu belasten. Falls die Tochter allerdings fragt, sollten sie darauf vorbereitet sein, zu erklären, dass eine gewisse Intimsphäre für alle Seiten wichtig ist, dass auch dies zum Erwachsenwerden dazu gehört, auch wenn in der Familie trotz allem ein vertrauter Raum ist.

Verhaltens-Tipps für Väter pubertierender Mädchen

  • Badezimmer: In vielen Familien ist es völlig normal, nackt oder nur leicht bekleidet zwischen Badezimmer und Kleiderschrank hin und her zu huschen. Falls es Ihrer Tochter unangenehm ist – ein Morgenmantel wäre doch ein hübsches Geschenk?

  • Dusche / Badewanne: Es sollte Tabu sein, das Badezimmer zu betreten, wenn die Tochter gerade duscht oder badet, wenn dies als unangenehm empfunden wird.

  • Besuchs-Kinder: Diese Regeln gelten verstärkt, wenn andere Teenager zu Besuch sind. Auch wenn sie es bisher nicht so handhaben. Gewöhnen Sie sich an, Badezimmer abzusperren, wenn sie duschen oder baden, auch die Besucher haben eventuell das Bedürfnis, ihre Privatsphäre so zu schützen. Also: Schlüssel herauskramen und in das Schloss stecken.

  • Kuscheln: Das ist natürlich immer noch erlaubt, wenn die kleinen Teenager das nicht inzwischen sowieso als uncool empfinden.

  • Freundinnen: Was in ihrer Familie normal ist, kann anderen Eltern verdächtig vorkommen. Vermeiden Sie Situationen, die sie in Konflikte bringen könnten. Extrem-Beispiel: Ein Camping-Wochenende mit der pubertierenden Tochter und ihrer gleichaltrigen Freundin, Vater und Mädchen in einem Zelt.

  • Mütter: Oft fällt es den Müttern leichter diese Veränderungen schonend zu erklären. Mütter können aus ihren eigenen Erfahrungen erzählen. Ihre Aufgabe ist es, das Vertrauens-Verhältnis zwischen Vater und Tochter zu schützen, zu respektieren und es sanft in neue Bahnen zu lenken.

Alles ganz normal

Auf keinen Fall sollten Väter Panik bekommen. Es ist alles ganz normal. Eben eine weitere Phase, die Familien meistern müssen. Bleiben sie locker: Die Mädchen haben alle schon mal einen nackten Mann gesehen. Ein lockerer Spruch oder ein Handtuch retten schnell und unkompliziert die Situation. Schlimm ist für Väter – übrigens auch für Lehrer, Erzieher oder Trainer – vor allem die Angst, etwas falsch zu machen und aus irgendwelchen Missverständnissen heraus, des sexuellen Missbrauchs oder der unsittlichen Annäherung beschuldigt zu werden.

Pubertät: Körperliche und psychische Veränderungen und Veränderungen im Sozialverhalten

Quelle: www.Praxis-Jugendarbeit.de | 2500 Spiele, Andachten und Ideen für die Kinder- und Jugendarbeit
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1. Phase (10. – 12. Lebensjahr)

  • Einleitung
  • Pubertätsphase 1: 10-12 Jährige
  • Pubertätsphase 2: 13-15 Jährige
  • Pubertätsphase 3: 16-18 Jährige
  • typisch Junge in der Pubertät
  • typisch Mädchen in der Pubertät
  • Elternreaktionen
  • Jugendabeit und Pubertät

Körperliche Veränderungen

In der ersten Phase der Pubertät ergibt sich eine erhöhte Ausschüttung von Adrenalin, welche mit der Ausschüttung von Sexualhormonen einhergeht. Bei Jungen sind diese als Testosteron bekannt, bei Mädchen bezeichnet man sie als Östrogene. Gleichzeitig beginnt die Schambehaarung zu wachsen, ebenso die restliche Körperbehaarung (z. B. Haare unter den Achseln). Teilweise bekommen Mädchen bereits in der ersten Phase der Pubertät ihre erste Regelblutung, und auch die Brust beginnt zu wachsen.

Bei Jungen setzen die körperlichen Veränderungen im Rahmen der ersten Phase der Pubertät in der Regel etwas später ein als bei Mädchen, allerdings können erste Anzeichen bereits ab dem neunten Lebensjahr sichtbar werden. Meist beginnen die körperlichen Veränderungen mit dem Wachstum des Hodensacks. Er verändert sowohl seine Größe als auch die Farbe und die Beschaffenheit der Haut. Auch der Penis beginnt bei einem Großteil der Jungen bereits in der ersten Phase der Pubertät zu wachsen, allerdings nicht bei allen. Zusätzlich kann es auch in dieser Phase bereits zu einer ersten Ejakulation kommen, die jedoch nicht unbedingt Samen enthalten muss. Auch die Behaarung am Körper beginnt bereits in der ersten Phase der Pubertät zu sprießen, bei Jungen meist zunächst im Schambereich – Bart- und Achselhaare beginnen in der Regel erst später zu wachsen.

Bei Mädchen beginnen die körperlichen Veränderungen bereits etwas früher als bei Jungen, teilweise schon im Alter von acht Jahren. Das erste erkennbare Anzeichen ist meist das Wachstum der Schambehaarung, gefolgt vom beginnenden Längenwachstum, das bei Mädchen ebenfalls früher einsetzt als bei Jungen (daher sind bei Schülern in einer Klasse die Mädchen in dieser Phase oft deutlich größer als die Jungen). Ebenfalls im Alter ab neun Jahren beginnen die Gebärmutter und die Vulva zu wachsen, die Geschlechtsorgane nehmen insgesamt weiblichere Formen an. Gegen Ende der erste Phase der Pubertät (bei manchen Mädchen etwas früher, bei anderen etwas später) beginnt dann auch das Wachstum der weiblichen Brust, das wohl auffälligste Merkmal der beginnenden Pubertät.

Psychische Veränderungen

Im psychischen Bereich fühlt sich der Heranwachsende in der ersten Phase der Pubertät häufig unsicher, er wird quasi von den körperlichen Veränderungen überrumpelt und weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll. Es stellt sich ein erhöhtes Schamgefühl ein, plötzlich zeigt sich das Kind nicht mehr nackt vor den Eltern. Selbstzweifel und depressive Verstimmungen sind in dieser Phase nicht selten. Diese können sich jedoch auch immer wieder mit Wutausbrüchen abwechseln.

Veränderungen im Sozialverhalten

Die Veränderungen im Sozialverhalten während der ersten Phase der Pubertät werden meist dadurch erkenntlich, dass der Heranwachsende beginnt, Heimlichkeiten vor den Eltern zu haben. Er schließt sich immer wieder in seinem Zimmer oder im Bad ein, teilt nicht mehr alles Erlebnisse mit seinen Eltern und geht insgesamt auf Distanz zur Welt der Erwachsenen. In dieser Phase beginnt auch meist der sogenannte Starkult, es werden Prominente verehrt und das Zimmer mit entsprechenden Postern dekoriert. Viele Eltern sind geschockt, wenn sie ihr Kind in dieser Phase das erste Mal beim Lügen ertappen. Aber auch das gehört zum Prozess der Pubertät und der damit verbundenen Geheimniskrämerei und sollte daher nicht zu ernst genommen werden.

2. Phase (13. – 15. Lebensjahr)

Die zweite Phase der Pubertät beginnt etwa mit dem 13. Lebensjahr. In dieser Phase erlebt der Körper immer wieder plötzliche Wachstumsschübe, woraus sich teilweise sehr unstimmige körperliche Proportionen und ungelenk wirkende Bewegungsabläufe ergeben.

Bei Jungen setzt in dieser Phase auch der erste Samenerguss ein, sie werden somit zeugungsfähig. Auch der Stimmbruch ergibt sich meist in der zweiten Phase der Pubertät. Bezeichnend für dieses Stadium ist außerdem der Ausbruch von Akne bei vielen Jugendlichen, insbesondere Jungen. Grund dafür ist der noch nicht ausgewogene Hormonhaushalt, welcher u. a. dafür sorgt, dass die Talgdrüsen zu viel Hautfett produzieren, was wiederum die Hautporen verstopft und somit für die lästigen Pickel sorgt. Das Problem mit der Akne kann sich übrigens auch in der dritten Phase der Pubertät fortsetzen. Viele Jugendliche haben über Jahre damit zu kämpfen, und nicht selten hinterlässt die Akne unschöne Narben für das gesamte spätere Leben, falls sie nicht entsprechend behandelt wird.

Falls Mädchen ihre erste Regelblutung noch nicht in der ersten Phase bekommen haben, so setzt sie spätestens jetzt ein. Sie sind somit in der Lage, schwanger zu werden bzw. Kinder zu gebären. In der Hochphase der Pubertät bilden sich außerdem die Brüste nahezu vollständig aus. Die Körperbehaarung verstärkt sich weiter, und auch unter den Achseln bilden sich jetzt die ungeliebten Haarpolster. Während bei Jungen das Längenwachstum in der Regel erst in der Hochphase der Pubertät richtig beginnt, erreichen Mädchen in diesem Stadium bereits fast die vollständige spätere Körpergröße. Trotzdem wirkt der Körper immer noch teilweise unförmig, da die Harmonisierung der Wachstumsschübe erst später einsetzt. Auch einige Mädchen leiden in dieser Phase der Pubertät unter der einsetzenden Akne, überhaupt produziert der Körper ein Übermaß an Fett, was sich unter anderem auch an ständig fettigen Haaren bemerkbar macht. Auch hier erfolgt die Harmonisierung bzw. der Rückgang auf ein normales Niveau erst in der dritten Phase der Pubertät.

Die zweite Phase der Pubertät ist sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen von Identitätsproblemen geprägt. Es treten insbesondere Probleme mit dem Selbstwertgefühl auf, manche Jugendliche fühlen sich minderwertig und werden von Selbstzweifeln geplagt. Auf der anderen Seite kommen bei vielen Jugendlichen aber auch Allmachts- und Größenphantasien auf, sie fühlen sich quasi unbesiegbar und demonstrieren das auch nach außen hin ganz deutlich.

Die zweite Phase der Pubertät – auch Hochpubertät genannt – lässt im Sozialverhalten des Jugendlichen ganz deutliche Veränderungen erkennen. Es kommt zu einem teilweise sehr übersteigerten Rollenverhalten sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Dieses zeigt anhand des typischen „Macho-Gehabes“ von Jungen, was oft einhergeht mit einem ausgeprägten Hang zum Risiko. Jungs müssen sich in dieser Phase ständig beweisen, streben Machtkämpfe und Wettbewerbe mit anderen an und möchten ihre Männlichkeit demonstrieren. Mädchen zeigen das übersteigerte Rollenverhalten dagegen anhand der Konzentration auf den Faktor Aussehen und Schönheit, etwa durch exzessives Schminken, Stylen und Kleiden. In der Gesellschaft fallen Jugendliche in der Hochpubertät einerseits durch Provokationen, andererseits aber auch immer wieder durch Rückzüge auf.

3. Phase (16. – 18. Lebensjahr)

In der dritten Phase der Pubertät werden die körperlichen Veränderungen integriert, sie harmonisieren sich also – der Körper wächst zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen. Dies äußert sich wie folgt:

Bei Jungen bzw. jungen Männern prägen sich die Muskeln sehr stark aus, der Bartwuchs entfaltet sich zu voller Blüte. Der Penis hat in dieser Phase seine volle Größe erreicht und auch die Körperbehaarung ist komplett ausgeprägt. Die Proportionen des Körpers entsprechen denen eines erwachsenen Mannes und der Bartwuchs wechselt vom ersten Flaum hin zu einer vollständigen Ausprägung. Auch die Schweißdrüsen am gesamten Körper sind nun voll ausgebildet, die Produktion des Schweißes normalisiert sich aber, so dass der Jugendliche nicht mehr so übermäßig schwitzt, wie in den Pubertätsphasen zuvor.

Bei Mädchen sind die Brüste nun voll entwickelt. Auch Gebärmutter und Vulva sind in diesem Stadium voll ausgeprägt, das Mädchen ist also zur Frau geworden und bereit dafür, Kinder zu bekommen. Die Proportionen des Körpers harmonisieren sich, die typisch weibliche „X-Statur“ mit schmaler Taille, breiteren Hüften und entsprechendem Oberkörper stellt sich ein. Im Vergleich zu den ersten Wachstumsschüben besitzen beispielsweise auch die Arme wieder eine zum Rest des Körpers passende Länge. Während die Regelblutung in den ersten beiden Phasen der Pubertät teilweise nur unstetig stattfinden kann, hat sich der Zyklus jetzt stabilisiert und findet somit regelmäßig statt.

Im psychischen Bereich zeigt sich in der dritten Phase der Pubertät die Ausprägung eines neuen Selbstwertgefühls, welches allerdings oft über das Ziel hinausschießt und sich anhand von Selbstüberschätzung und einem gewissen Größenwahn zeigt. Charakteristisch ist außerdem die übertriebene Zurschaustellung des eigenen Körpers, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Mädchen ziehen sich in dieser Phase besonders aufreizend an und präsentieren ihre körperlichen Vorzüge gerne. Auch Jungen legen großen Wert auf ihren Körper und definieren sich über diesen. Durch entsprechende Kleidung werden die körperlichen Merkmale besonders betont. Das Denken mutet teils egozentrisch an, dient aber vor allem der Sinnfindung, die in dieser Phase eine wichtige Rolle spielt. Die Jugendlichen sind jetzt in der Lage, ihre Vergangenheit in die Bildung einer neuen Weltanschauung zu integrieren.

Änderungen im Sozialverhalten

Die Änderungen im Sozialverhalten des Jugendlichen sind in der dritten Phase der Pubertät durch den Beginn einer Zukunftsorientierung geprägt. Der Heranwachsende entwirft zum ersten Mal einen Lebensplan bzw. eine Vorstellung von der beruflichen und privaten Zukunft und löst sich dabei von den elterlichen Vorgaben. Dieser Prozess des Lösens beinhaltet auch eine Neuorientierung hinsichtlich des gesamten Zusammenlebens. Viele Jugendliche interessieren in dieser Phase beispielsweise für das Leben in einer Wohngemeinschaft oder für andere, teilweise ungewöhnliche Lebensmodelle. Auch Sekten oder extreme Gruppierungen (die Suche nach Gemeinschaft, Gleichgesinnten, Gesprächspartnern) können in dieser Zeit einen großen Reiz auf Jugendliche ausüben. Des Weiteren ist die dritte Phase der Pubertät auch eine Phase der Politisierung, der Jugendliche entwickelt eine eigene politische Meinung, unabhängig von der Meinung der Eltern, teilweise sogar bewusst konträr zu dieser. Gleiches gilt für die Religion – auch hier werden Vorgaben von den Eltern nur unbewusst übernommen, die bewusste Entscheidung fällt oftmals anders aus.

Typische Verhaltensweise von Jungen in der Pubertät

Jungen zeigen im Verlauf ihrer Pubertät oft sehr ähnliche Verhaltensmuster. Wichtig zu wissen ist, was hinter diesen Verhaltensweisen eigentlich steckt, bzw. welche Ängste und Bedürfnisse damit kompensiert werden sollen.

Besonders auffällig sind in diesem Zusammenhang die Machtdemonstrationen von Jungen, welche meist mit einem Macho-Gehabe einhergehen. Das Kräftemessen, Kämpfen und Rivalisieren mit anderen Gleichaltrigen steht hierbei im Vordergrund. Sehr wichtig ist dabei für den Einzelnen, die eigenen Gefühle zu kontrollieren und den Eindruck zu erwecken, in jeder Situation cool zu bleiben und sich nicht aus der vermeintlichen Ruhe bringen zu lassen. Hinter all dem stehen die Suche nach Anerkennung und gleichzeitig auch die Angst vor dem Versagen, die mit der vermeintlichen Coolness überspielt wird.

Oftmals messen sich Jungs in der Pubertät durch spielerische und/oder sportliche Wettkämpfe, die ihnen außerdem die Möglichkeit geben, den eigenen Körper zu spüren und ein Körpergefühl zu entwickeln. Entsprechende Erfolge werden in der Phase der Pubertät möglichst lange und intensiv ausgekostet, man feiert sein Triumph über den bzw. die Unterlegenen und zieht daraus die eigene Stärke. Mit Niederlagen umzugehen fällt vielen Jungen in der Pubertät allerdings sehr schwer, sie werden begleitet von Selbstzweifeln und der Angst, von anderen nicht mehr respektiert zu werden.

Die vermeintliche Überlegenheit gegenüber anderen drücken Jungen auch gerne in Form von Statussymbolen aus. Bis vor einigen Jahren waren dies das eigene Mofa bzw. der Roller, aber auch Kleidung, insbesondere von bekannten Marken. Geld spielt zunehmend eine wichtige Rolle. Wer es sich leisten kann, tolle Kleidung und Accessoires zu tragen, fühlt sich anderen Gleichaltrigen überlegen. In den letzten Jahren kamen weitere Statussymbole hinzu, zum Beispiel das heute allgegenwärtige Smartphone, bei dem es natürlich nach Möglichkeit immer das neueste und angesagteste Modell sein muss, sofern es das eigene Portmonee bzw. der Geldbeutel und die Gunst der Eltern zulassen.

Wie man sieht, ist die Phase der Pubertät bei Jungen insbesondere durch die Eigenschaften Macht, Freiheit und Akzeptanz geprägt, was sich auch beim Verhalten in Gruppen sehr deutlich zeigt. Wer es schafft, innerhalb seiner Gruppe zum Anführer bzw. zur Identifikationsperson für andere Gleichaltrige zu werden, der fühlt sich stark und überlegen. Die Freiheit wiederum wird z. B. dadurch ausgedrückt, sich von den Eltern schon so weit wie möglich emanzipiert zu haben, eigene Entscheidungen treffen zu können und über sein Leben möglichst weitreichend selbst bestimmen zu können. Dafür werden mitunter auch Eigenschaften und Kompetenzen gegenüber anderen vorgegeben, die der Jugendliche in Wirklichkeit noch gar nicht besitzt.

Die Phase der Pubertät zeichnet sich bei Jungen zusätzlich dadurch aus, dass die Frustrationstoleranz sinkt und sich teilweise ein aggressives Verhalten einstellt. In der Regel sollen dadurch die eigene Unsicherheit und entsprechende Hemmungen überspielt werden, und auch Probleme lassen sich durch ein aggressives Auftreten zumindest vorübergehend sehr gut verdrängen.

Typisches Verhalten von Mädchen in der Pubertät

Während sich bei Jungs im Laufe der Pubertät die körperlichen Veränderungen insbesondere in Form von Macht- und Überlegenheitsritualen nach außen hin zeigen, gehen Mädchen viel direkter auf ihre körperlichen Merkmale ein und versuchen diese möglichst positiv hervorzuheben. Körperkult ist hierbei ein wichtiges Stichwort, welches sich in einem sehr starken Interesse für Mode, Kosmetik und Schönheit allgemein äußert. Aber auch der Vergleich mit anderen, meist gleichaltrigen Mädchen spielt hierbei eine äußerst wichtige Rolle. Das typische pubertäre Mädchen vergleicht sich ständig mit ihren Freundinnen, versucht dabei festzustellen, welche Vorzüge sie diesen gegenüber besitzt und welche körperlichen Vorzüge wiederum die anderen ihr gegenüber vorzuweisen haben. Die starke Konzentration auf den eigenen Körper kann sich bei pubertierenden Mädchen auch anhand von übertriebenen Rollenklischees zeigen Sie möchten mit allen nur erdenklichen Mitteln als Frau und nicht mehr als Kind wahrgenommen werden. Ideale spielen hierbei eine große Rolle, insbesondere Prominente aus den Bereichen Showbusiness (zum Beispiel Sängerinnen, Schauspielerinnen usw.), aber auch Models, welche bereits die Anerkennung besitzen, die das Mädchen gerne hätte.

Ähnlich wie bei Jungs ist auch bei Mädchen in der Pubertät ein Gruppengefühl von großer Wichtigkeit, wobei immer die Angst mitspielt, von den anderen Gruppenmitgliedern nicht als vollwertig akzeptiert zu werden. Um diese Angst zu kompensieren, setzen auch Mädchen auf entsprechende Statussymbole wie beispielsweise das neueste Smartphone, teure Markenkleidung etc. und geben sich oft bewusst cool, um die wahren Gefühle und Ängste zu verbergen.

Der Drang nach Anerkennung und Respekt zeigt sich bei Mädchen in der Pubertät weniger durch ständiges Kräftemessen und die offensichtliche Überlegenheit gegenüber anderen, sondern oftmals durch Provokationen gegenüber Erwachsenen sowie das Überspielen von Hemmungen. Die Aspekte Freiheit und Unabhängigkeit spielen ähnlich wie bei Jungen auch bei Mädchen eine große Rolle, sie zeigen sich z. B. durch den Konsum von Alkohol, durch Rauchen und andere Dinge, die ihnen die Eltern und andere Erwachsene eigentlich nicht gewähren.

Das Verhalten gegenüber Jungs ist bei Mädchen in der Pubertät oftmals von Abwertung und Abgrenzung geprägt, obwohl das Interesse am anderen Geschlecht bereits geweckt ist. Durch diese Aspekte werden jedoch die eigene Unsicherheit und die Angst vor Ablehnung überspielt.

Das Wechselspiel von gewünschter Unabhängigkeit auf der einen Seite und dem Wunsch nach Zugehörigkeit (zum Beispiel in einer Clique) auf der anderen Seite ist ebenfalls prägend für das Verhalten von Mädchen in der Pubertät. Innerhalb der Gruppe möchten sich auch Mädchen beweisen und ihre Stärke und Unabhängigkeit beispielsweise durch das bewusste Überschreiten von Grenzen demonstrieren. Hier besteht auch die Gefahr des Konsums von Rauschmitteln bzw. Drogen, dessen Folgen Jugendliche in diesem Alter noch überhaupt nicht oder zumindest nicht vollständig absehen können.

Verhaltensweisen von Eltern in der Phase der Pubertät ihrer Kinder

Für Eltern ist die Phase der Pubertät ihrer Kinder oftmals mit genauso vielen Schwierigkeiten verbunden, wie für die Kinder selbst. Sie werden mit dem Gefühl konfrontiert, ihr Kind loslassen zu müssen, dessen Vertrauen zu verlieren und keine Kontrolle mehr über das Verhalten zu haben. Auf der einen Seite möchten sie loslassen, auf der anderen Seite wissen Eltern zumeist, dass auch weiterhin Grenzen zu setzen sind und deren Einhaltung überwacht werden muss. Da das Kind in der Pubertät jedoch sehr schnell wechselnde Verhaltensweisen an den Tag legt, ist es für die Eltern sehr schwer, ihr Verhalten darauf entsprechend abzustimmen. Aus diesem Grund verfallen viele Eltern in spezielle Muster, auf die wir nachfolgend etwas näher eingehen möchten.

Die (zu) strengen Eltern

Viele Eltern sind sich unsicher bei der Frage, wie weit die Freiheiten gehen sollten, die sie ihrem Kind in der Pubertät gewähren. Daher wählen sie den vermeintlich sicheren Weg und legen eine besondere Strenge an den Tag, um damit zu erreichen, dass der Jugendliche auch weiterhin Grenzen gesetzt und eine klare Richtung vorgegeben bekommt. Damit sind die Probleme jedoch fast immer vorprogrammiert. Eltern müssen sich damit abfinden, dass Kinder bzw. Jugendliche in der Pubertät eigene Wege gehen und dafür auch ein gewisses Maß an Freiraum brauchen. Wird das Kind ständig reglementiert, so wird ihm die Möglichkeit ganz oder teilweise versperrt, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und ein eigenes Weltbild bzw. ein Zukunftsmodell zu finden. Viele Kinder resignieren in diesem Zusammenhang irgendwann, oder sie lehnen sich so stark gegen die Eltern auf, dass es zu einem Bruch innerhalb der Familie kommt, mit teilweise schwerwiegenden und unabsehbaren Folgen.

Eltern mit „zu langer Leine“

Eltern, die ihren Kindern während der Pubertät zu viele Freiheiten gewähren, überfordern diese damit ebenso stark, wie die bereits beschriebenen zu strengen Eltern. Auch wenn manche es gut meinen und ihren Kindern möglichst viel Eigenständigkeit gewähren möchten, können Kinder bzw. Jugendliche in der Pubertät viele Entscheidungen noch nicht alleine treffen. Sie brauchen Unterstützung und Anleitung von den Eltern. Zudem fordern Jugendliche in der Pubertät zwar ihre Unabhängigkeit ein, sie deuten es aber trotzdem als Desinteresse, wenn Eltern ihnen keine klaren Richtlinien vorgeben und ihnen die völlige Freiheit lassen. Im extremen Fall kann sich der Pubertierende sogar wertlos und überflüssig vorkommen.

Sich „verbündende“ Eltern

Ebenso schlecht ist es, wenn Eltern sich während der Pubertät ihrer Kinder quasi mit diesen „verbünden“. Das bedeutet, sie versuchen sich ihren Kindern dadurch anzunähern, dass sie z. B. die gleiche oder ähnliche Kleidung tragen, plötzlich in die gleiche Disco gehen usw. Solche Eltern versuchen damit, die Distanz zwischen sich und ihren Kindern zu reduzieren, was jedoch in den meisten Fällen nicht wirklich gelingt. Meist ist den Kindern peinlich, wenn sich ihre Eltern in einer solchen Art und Weise produzieren, insbesondere vor Freunden und anderen Gleichaltrigen. Dies sind nur drei Beispiele für die verschiedenen Muster, in die Eltern im Zuge der Pubertät ihrer Kinder verfallen können. Generell gilt: Jedes dieser Muster bringt entsprechende Nachteile mit sich. Es ist daher wichtig, solche Muster aufzudecken und daran zu arbeiten, den richtigen Weg im Umgang mit dem pubertären Kind zu finden.

Verhaltenstipps für Jugendleiter(innen) mit pubertierenden Jugendlichen

Nicht nur die Eltern haben so ihre lieben Probleme mit den Jugendlichen, auch in der Jugendgruppe wird es Probleme geben. Vielleicht ist noch ein Vorteil vorhanden, dass der Jugendleiter altersmäßig „näher dran ist“ als so manche Eltern, die oftmals vergessen haben, wie es war „Jugendlicher zu sein“.

Auch in der Jugendgruppe wird es Reibereien geben: unter den Jugendlichen selbst, aber auch mit dem Jugend- oder Freizeitleiter. Man ist vielleicht nicht mit dem Programm einverstanden, oder die eine oder andere Regelung (je nach Alter) wird nicht eingesehen. Man denke nur an „Rauchen“, „Alkohol“ oder getrennte Betten auf Freizeiten. Klare, vernünftige und für alle geltenden Regelungen werden auch bei Jugendlichen gut ankommen.

Sich beweisen wollen, oder auch Übermut besonders in Jungsgruppen wird sicherlich auch verstärkt auftreten und den Jugendleiter vor Herausforderungen stellen. Der Jugendleiter hat hier durch die Auswahl entsprechend (ungefährlicher) Spiele gute Möglichkeiten, dass die Jungs sich austoben und beweisen können.

Trotz allem suchen die Jugendlichen einen Gesprächspartner, mit viel Herz und innerer Sicherheit, welcher die Jugendlichen ernst nimmt, aber auch klar Positionen beziehen und vertreten kann, ohne dass die Jugendlichen diese Positionen als „Bevormundung“ ansehen – sondern als nachvollziehbar.

Spielräume lassen, den Jugendlichen Verantwortung übertragen und ihnen was zutrauen ist ganz wichtig in der Phase der Pubertät.

Vermeiden Sie, dass ein Jugendlicher bloß gestellt wird, wenn er einen Fehler begangen hat, oder wenn er beim Spielen in der Gruppe etwas nicht so gut konnte. Besonders in der Pubertät sind die Jugendlichen in dieser Beziehung sehr empfindlich. Auch verletzende Ironie wird von den Jugendlichen oft nicht verstanden und eher gegen sich genommen.

Denken Sie daran: die Kids suchen Sie nicht als „erwachsenen Jugendlichen“, sondern Sie als Erwachsenen, der da ist, wenn er gebraucht wird, aber sich nicht aufdrängt, anbiedert oder „auf Jugendlicher macht“. Die Kids suchen auch niemanden, der sie immer und überall kommentiert, zurechtweist, oder mit weisen Ratschlägen überhäuft, sei es die Kleidung, die Musikrichtung, oder das was die Jugendlichen untereinander reden. Da empfiehlt es sich das ein oder andere einfach zu überhören (sofern es nicht wichtig ist). Denn die Kids werden die Kommentare schon von den Eltern hören und wollen diese nicht noch einmal von Ihnen hören.

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