Konflikte zwischen kindern

Konflikte unter Kindern

Konflikte unter Kindern bestimmen maßgeblich unseren beruflichen Alltag. Um den Umgang mit Konflikten von Kindern so konstruktiv, wie möglich zu gestalten, geht es am Anfang dieses Leitfadens zunächst um die allgemeine soziale Entwicklung von Kindern im Alter von 7-13. Vor diesem Hintergrund sind Konflikte meist besser zu verstehen. Im Weiteren wird die Rolle des Pädagogen geklärt und seine eigene Einstellung zu Konflikten, da diese die Situation beeinflusst. Daraufhin folgt ein einfaches Phasen-Konflikt-Modell. Schließlich werden Maßnahmen bei Aggressionen dargestellt. Vieles von dem, was ihr im Folgenden lest, ist natürlich nicht neu. Ich denke, dass es wichtig ist, sich bestimmter Themen immer wieder bewusst zu werden. Auch geht es nicht darum richtige oder falsche Ansichten und Lösungen vorzugeben, sondern lediglich Anstöße zu geben. Kinder sind immer schlauer als die pädagogische Ratgeberlektüre.

Die soziale Entwicklung von Kindern

Die Beschreibung der sozialen Entwicklung von Kindern habe ich dem Buch „Große Kinder, Die aufregenden Jahre zwischen 7 und 13“ von Oggi Enderlein entnommen und zusammengefasst. Dieses Buch ist sehr lesenswert und steht bei uns im Büro.

Eine der wichtigen Entwicklungsaufgaben von Kindern zwischen 7 und 13 Jahren ist es die sozialen Strukturen der Welt kennenzulernen, sie auszuprobieren und zu begreifen. In dieser Lebensphase beschäftigen sich Kinder sehr intensiv mit Fragen, was „fair“ und was „gemein“ ist. Sie lernen im gemeinsamen Miteinander die Bedeutung von Vertrauen, Verrat, Rücksichtnahme, Unterdrückung, Betrug, Hinterhältigkeit, Treue, Verlässlichkeit, Anständigkeit, Bescheidenheit, Ehre usw. kennen.

Kinder orientieren sich in ihrer moralischen Bewertung zum einem an dem, was sie selbst fühlen und zum anderen stimmen sie naiv und offen dem zu, was ein geliebter Erwachsener äußert. Kinder beobachten bei Erwachsenen sehr genau, wie diese mit anderen Menschen, Tieren und Pflanzen umgehen. Sie nehmen den Umgang, den Erwachsene mit ihren eigenen als auch den Gefühlen anderer haben, wahr und ordnen die Erwachsenen nach ihrem sozialen Verhalten ein. “Dazu kommt, dass auch die … Erwachsenen, mit denen Kinder zusammenleben, zwar wundervolle moralische und soziale Regeln predigen, aber je genauer Kinder die Erwachsenen beobachten, umso deutlicher wird ihnen, dass es mit anständigem und fairem Verhalten bei denen auch nicht so weit her ist. Viele Kinder erleben ständig von den eigenen Eltern oder Lehrern, dass Demütigungen, Misshandlungen, auch Schläge scheinbar etwas >ganz Normales< sind.“ Indem Kinder Grenzen überschreiten und /oder andere Kinder drangsalieren, testen sie unweigerlich aus, welche Regeln denn nun wirklich gelten. Sie wollen herausfinden, was zu weit geht und was noch hinnehmbar ist. Erwachsene zeigen oft Unverständnis, wenn Kinder sich auf diese Weise verhalten, erheben Vorwürfe und gehen davon aus, dass Kinder doch wissen müssen, was Recht und was Unrecht ist. Doch das Fehlverhalten besteht in der einfachen Frage: Geht das zu weit? So rät Enderlein ruhig zu reagieren und klar und deutlich, aber liebevoll zu signalisieren: So geht es nicht!

Um die sozialen Regeln herauszufinden sind vor allem auch gleichwertige Partner ein guter Maßstab. „Die sozialen Erfahrungen, die Kinder in Gruppen (ohne Erwachsene!) sammeln, sind außerordentlich wichtig: Zum einen spielen die Kinder nach, was sie in der Erwachsenenwelt beobachten. Damit probieren sie aus, wie sich die Umgangsformen der Erwachsenen anfühlen und welche Konsequenzen sie haben. Im positiven wie im negativen Sinn: Unterdrückung oder gleichberechtigte Partnerschaft, Diskriminierung oder Annahme, Demütigung oder gegenseitige Achtung, Lösung von Konflikten durch Verhandlung oder durch Gewalt. Zum anderen geben sich Kinder in ihren Gruppen eigene soziale Gesetze.“

Sie erfahren und erleben im Zusammensein, welche Umgangsformen gut tun und welche schmerzen. So lernen sie im gemeinsamen Spiel ganz automatisch, dass es Situationen gibt, die man nur gemeinsam bewältigen kann (z.B. wenn sich die Kinder gegenseitig helfen auf einen hohen Ast raufzukommen).

Sie loten aber auch aus, wo die Grenze der Verletzlichkeit liegt (bei sich und bei anderen). Wenn Kinder beispielsweise „kämpfen“, lernen sie zwischen Ernst und Spiel zu unterscheiden. Die Worte von Erwachsenen, Lehr- oder Spielfilme sind für Kinder abstrakt und unpersönlich und vermitteln ihnen nicht fühlbar, wo die Grenze des Anderen ist. „Wann der Punkt erreicht ist, wo man einem anderen wehtut, kann man nur in direktem Kontakt mit ihm spüren lernen. Und nur so können sie letztlich Taktgefühl und Einfühlungsvermögen bilden.“ Da Kinder soziales Miteinander und Gewalt oft auch in Medien sehen, fehlt ihnen z.T. das Erleben. Die Folge ist, dass Kinder nicht realitätsgetreu einschätzen können, wie weh ein Tritt tut, wie schnell eine Lippe blutig geschlagen ist oder dass ein ungezügelter Faustschlag oder Fußtritt sehr gefährlich werden kann. Setzt ein Kind dann beispielsweise Faustschläge, Tritte o.ä. unvermittelt ein, erschrecken Erwachsene oft über das Ausmaß an Gewalt, so dass sie Auseinandersetzungen in Form von Balgereien strikt untersagen um Schlimmeres zu verhindern. „Stattdessen wäre es für die Jungen besser, wenn sie sich tatsächlich aufeinander einlassen könnten und zu ihrer Sicherheit von den Erwachsenen klare Regeln der Fairness für den „Kampf“ bekämen.“

Des Weiteren neigen Erwachsene dazu, vornehmlich aggressive Verhaltensweisen von Kindern zu sehen und halten faires, kameradschaftliches, einfühlsames, bescheidenes und rücksichtsvolles Verhalten für selbstverständlich. Sich sozial zu verhalten ist jedoch für Kinder keineswegs immer einfach: da sie einerseits ihr eigenes Verhalten aus der eigenen Perspektive (entwicklungspsychologisch, altersbedingt) sehen und daher nicht wirklich fähig sind, es realitätsgetreu zu bewerten und zu beurteilen. Andererseits hängt soziales Verhalten häufig mit der Unterdrückung der eigenen Interessen zusammen, so dass es aus der Sicht des Kindes immer mehr Gründe gibt sich dagegen zu entscheiden.

Viele weitere Aspekte sind grundlegend um mit Konflikten von Kindern als Pädagoge umzugehen. Es würde jedoch den Rahmen des Leitfadens sprengen diese hier alle aufzuführen. Im Folgenden geht es um die Rolle des Pädagogen in Konflikten.

Konflikte zwischen Kindern und die Rolle des Pädagogen

Wenn Kinder sich streiten, müssen und sollten sich Pädagogen nicht sofort einmischen, sonst haben die Kinder keine Chance zu lernen mit Konflikten umzugehen. Letztlich entscheidet jeder Pädagoge für sich, wann er einschreitet. Richtlinien können sein:

> wenn die Verletzungsgefahr zu groß wird

> ein Kind bereits weint oder sehr verzweifelt erscheint

> die Aggression gegen Schwächere gerichtet ist

> ein Austesten der Grenzen angesagt ist, sodass den Kindern unmissverständlich klargemacht wird, dass sie an der Grenze angelangt sind

>die Kinder den Konflikt nicht aushandeln können

Konfliktlösung aus systemischer Sicht

Schreitet der Pädagoge nun aus einem der erwähnten Gründe ein, sollte er sich über die eigene Einstellung zu Konflikten im Klaren zu sein: Wie gehe ich in meinem täglichen Leben mit Konflikten um? Empfinde ich sie als etwas Störendes, gar zu Vermeidendes?

Aus systemischer Sicht haben Konflikte eine bedeutende Funktion!

Konflikte:

> stoßen Entwicklungsprozesse an;

> führen zu sozialen Beziehungen; da, wo Konflikte vermieden werden, lösen sich über kurz oder lang soziale Beziehungen auf;

> implizieren Verbesserungsvorschläge;

> regen an eigene und andere Gefühle, Gedanken, Interessen, Bedürfnisse etc. wahrzunehmen;

> führen zur Selbsterkenntnis und zur Kenntnis des Anderen.

Phasen der Konfliktlösung mit Kindern:

Kinder lernen erst mit Konflikten umzugehen. Pädagogen haben die Funktion Kinder bei dieser Aufgabe zu unterstützen, aber nicht den Konflikt für die Kinder zu lösen. Sie sind lediglich Mediatoren. Folgende Phasen können bis zur Lösung durchschritten werden:

1) Einleitung

– Regeln klären (beispielsweise: „Nicht schlagen, beißen, kratzen usw.) àwertschätzender Umgang

– Ziel verdeutlichen: eine Klärung und Lösung des Problems wird angestrebt

2) Sichtweise der beiden Konfliktpartner

– beide Konfliktpartner haben die Möglichkeit gehört zu werden und ihren Standpunkt darzustellen

– der Pädagoge spiegelt die Kinder (Gefühle, Gedanken, Empfindungen usw.), bringt aber nicht seine eigene Sichtweise in den Konflikt hinein; er fasst das Gesagte lediglich zusammen

3) Konflikterhellung

– nachfragen, klären

– der Pädagoge benennt konkret und ohne Wertung das Problem bzw. das vom Kind wahrgenommene „störende“ Verhalten usw.

– er benennt die Gefühle und die zugrundeliegenden Bedürfnisse

4) Problemlösung

– die Kinder werden angeregt nach Lösungen zu suchen; auch hier kommt der Lösungsvorschlag nicht vom Pädagogen, sondern von den Kindern selbst (auch wenn die Lösung uns nicht gefällt; die Kinder werden in ihrem Selbstwert nur gefördert, wenn sie selbstständig die Konflikte lösen)

– schließlich werden die Lösungsvorschläge diskutiert, bewertet (von den Kindern!) und nach einem Konsens gesucht

5) Vereinbarung

– die gemeinsame Vereinbarung genau formulieren à nachfragen, ob beide Seiten einverstanden sind (gegebenfalls unterschreiben lassen)

Systemische Haltung:

Da meine Fortbildung „Möglichkeiten der Konfliktlösung in brenzligen Erziehungssituationen“ aus dem Bereich der systemischen Beratung stammte und ich die dafür erforderliche innere Haltung für eine Konfliktlösung als hilfreich empfinde, stehen im Folgenden die wichtigsten Aspekte:

> Neutralität: das bedeutet, dass der Pädagoge sich nicht für eine Seite entscheidet, sondern die verschiedenen Ansichten beleuchtet. Er zeigt beiden Konfliktparteien gegenüber die gleiche Wertschätzung. Er bevorzugt nicht eine Werthaltung, Meinung, Problemklärung oder Lösungsidee.

> Vergrößerung des Möglichkeitsraums: der Pädagoge hilft den Kindern ihre Denk- und Handlungsspielräume zu erweitern. So schränken beispielsweise Tabus, Dogmen, Denkverbote und Richtig-/Falsch-Bewertungen die Möglichkeiten eher ein und sind demnach dem systemischen Ansatz entgegengesetzt. Der Pädagoge regt die Kinder an Ideen zu entwickeln, mit neuen Erfahrungen zu experimentieren, das bislang Ungedachte zu denken und das bisher nicht Ausprobierte zu probieren. Die bisher konstruierte Wirklichkeit und die hiermit verknüpften Handlungen werden auf diese Weise in Frage gestellt und so die Möglichkeit geschaffen, eine neue Wirklichkeit zu entwickeln.

> Ressourcen-/Lösungsorientierung: der systemische Ansatz geht davon aus, dass jedes System bereits alle Ressourcen beinhaltet, die zur Lösung eines Problems erforderlich sind. Diese werden jedoch von den Systemmitgliedern bisher nicht bzw. nicht ausreichend genutzt. Es geht nicht darum das Problem näher zu untersuchen und die ganze Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Die Folge wäre eine Einengung Perspektive. Der Fokus wird auf die Entwicklung von Lösungen gelenkt und die vorhandenen Ressourcen betont. Welche Entstehungsbedingungen sind notwendig für das Gelingen.

> Kundenorientierung: Eine systemische Konfliktlösung ist nicht dann erfolgreich, wenn sich eine Lösung ergibt, welche nach Meinung des Pädagogen die beste ist, sondern, wenn die Kinder das Ziel erreichen, welches sie sich selbst gesetzt haben.

Maßnahmen bei aggressivem Verhalten:

> Gefühle zulassen: Wut ist kein Problem, sondern ein Gefühl! Es ist notwendig zwischen Wut und Aggressionen zu unterscheiden. Wenn ein Kind wütend ist, ist das der Ausdruck seines Gefühls, das nun einmal vorhanden ist. Es geht also darum das Gefühl zuzulassen und darauf einzugehen. Das Kind soll nicht lernen, seine Gefühle zu unterdrücken, sondern sie auf angemessene Weise auszudrücken. Das Kind muss seine Wut dann nicht mehr im aggressiven Verhalten zeigen. Erst Wut, die hilflos ist, schlägt in Aggressionen um.

> Gefühl ansprechen: das Gefühl ansprechen, z.B.: „Es ist sehr ärgerlich, was dir gerade passiert ist. Lass uns überlegen, was wir tun können, damit es du dich nicht mehr ärgerst.“ Es geht aber nicht darum sich auf die Wut zu konzentrieren und zu überlegen, was man gegen die Wut tun kann, sondern danach zu suchen, was nötig ist, damit das Kind mit sich und der Welt wieder im Frieden ist.

> Bedürfnis erkennen: herausfinden welches Bedürfnis hinter der Wut steckt, dann wird es nicht so leicht zu aggressiven Verhalten kommen. Aggression tritt beispielsweise oft dann in Erscheinung, wenn das Selbstwertgefühl beschädigt wird. Hier geht es darum das Bedürfnis nach Wertschätzung zu erkennen und wenn möglich zu erfüllen.

> nicht verstärken: aggressiven Wutanfällen keine unangemessene, also deutlich über das Übliche hinausgehende, Aufmerksamkeit schenken. So etwas wirkt als „Verstärker“ und das Kind lernt dadurch, dass aggressives Verhalten Vorteile bringt. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass der Pädagoge bei Aggressionen zwischen Kindern wegschaut!

Wenn jedoch das aggressive Verhalten abklingt, ist es gut das zu verstärken: z.B. indem der Pädagoge seinem Gefühl der Freude darüber Ausdruck verleiht, Hilfe bei der Lösungssuche bietet usw.

> Aufmerksamkeit wecken: z.B. leise sprechen. Auch wenn es im ersten Moment schwer fällt (und wahrscheinlich nicht immer funktioniert), doch damit wird die Aufmerksamkeit des Kindes geweckt, denn es will hören, was der Pädagoge sagt: Kinder sind neugierig!

> Keine Strafen: Strafen, auch und gerade emotionale Strafen, sind kontraproduktiv. Zum einen, weil sich das Kind noch hilfloser fühlt (hier werden Aggressionen verstärkt) und so einen noch klareren Grund für sein Verhalten findet, zum anderen können Strafen unter gewissen Umständen eine Belohnung bedeuten („lieber negative Zuwendung als gar keine“).

Wenn das Kind sich in einem extremen Wutanfall befindet, d.h. es schlägt um sich, dann laut „Stopp“ rufen (Schreckreflex) und das Kind evtl. festgehalten. Aber nur soviel Kraft aufwenden, wie nötig. Eher an den Schultern, als an den Oberarmen. Normalerweise beruhigt der Körperkontakt. Die Hand auf dem Hinterkopf löst einen Beruhigungreflex aus.

> Zuhören: ohne gleich zu kommentieren (auch nicht innerlich); immer nur einer spricht – und zwar bis er fertig ist mit seinem Satz. Das gilt auch für den Pädagogen!

> ernst nehmen: Kinder werden verständlicherweise leicht wütend, wenn man sie nicht ernst nimmt oder nicht wirklich auf sie eingeht. Wenn man dann auch die Wut nicht als Gefühl anerkennt, resultiert das schnell in Aggressionen.

> Humor: wenn das Kind einen Wutanfall bekommt, kann man es z.B. mit paradoxen Verhalten („Reframing“) unterbrechen. „Sehen sie das Kind mit großen Augen an, ziehen Sie ein komisches Gesicht und sagen etwas wie: ´Hey, Zahnlücken-Joe: Bleib cool!´ Wenn Sie diesen Unterbrecher gesetzt haben, sollten Sie aber unbedingt dem Bedürfnis, das sich in dem Wutanfall ausgedrückt hat, nachgehen!“

> körperlichen Ausdruck zulassen: beispielsweise dem Kind anbieten auf einen Sandsack, ein Kissen, eine Matratze o.ä. zu schlagen. Aggressionen können hier spielerisch ausgelebt werden.

Abschließend

Das hier Dargestellte bezieht sich auf Konflikte von Kindern, die eine gesunde und psychologisch altersentsprechende Entwicklung vollziehen. Bei andauernden, sich ständig wiederholenden Konflikten und Aggressionen von Kindern sind weitere Maßnahmen erforderlich. Hier geht darum mit Eltern und Lehrern ins Gespräch zu kommen um mit ihnen gemeinsam herauszufinden, welche Bedürfnisse des Kindes nicht erfüllt sind und Lösungen hierfür zu finden.

Stefanie Behrend
Ergänzende Förderung und Betreuung an der Grundschule am Insulaner

Konflikte zwischen Kindern und Jugendlichen lösen

Quelle: www.Praxis-Jugendarbeit.de | 2500 Spiele, Andachten und Ideen für die Kinder- und Jugendarbeit
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Streit und Konflikte zwischen Kindern und Jugendlichen lösen | ©: XtravaganT – Fotolia

Auf einmal kommen Schreie aus dem Kinderzimmer oder eines der Kinder kommt weinend angelaufen. Diese oder ähnliche Situationen sind für die meisten Eltern Alltag und oft schwer richtig zu Handhaben. Wenn Kinder sich streiten stehen wir zwischen den Stühlen, denn eigentlich haben wir damit überhaupt nichts zu tun. Dennoch nutzen die meisten Eltern ein paar einfache Strategien um Streitigkeiten zwischen Kindern schnell zu beenden. Sie sind der Meinung sie müssten den Konflikt jetzt lösen. Sie schreien, kritisieren, trennen die Kinder oder sprechen ein Machtwort. Das ist alles schön einfach und geht schnell, bringen tut es aber nur sehr wenig bis nichts.

Die Kinder haben weder etwas gelernt, noch ist der Streit vergessen. Beim nächsten Mal, oft schon in den nächsten Minuten, geht es wieder von vorne los. Ganz egal, um was es geht, Kinder streiten sich und das ist auch gut so. Denn Kinder demonstrieren durch Streitigkeiten ihre Macht, ihren sozialen Status in der Gruppe und machen Besitzansprüche geltend. Dies machen sie immer und immer wieder und auch sehr intensiv. So etwas müssen die Kinder unbedingt dürfen. Sie trainieren so den Umgang mit Grenz- und Konfliktsituationen, derartige Erfahrungen brauchen sie.

Streitigkeiten sind wichtige Erfahrungen für die Kinder

Wenn Kinder sich nicht einig sind, lauter werden und dabei ihren Gefühlen freien Lauf lassen, dann sollten das nicht als negativ bewertet oder gar unterbrochen werden. Sondern es sollte, natürlich nur bis zu einem gewissen Maß, toleriert werden. Es ist von den Kindern in den meisten Fällen absolut nicht Böse gemeint. Ihr Ziel ist es nicht wie von manch einem Erwachsenen den anderen zu verletzen, sondern einfach nur Standpunkte zu klären. Es geht meistens auch nicht um das Spielzeug, sondern vielmehr um grundlegende Dinge. Wer steht oben in der Gruppe, wer hat sich zu fügen, wer darf was und wem gehört was. Wenn es den Kindern untersagt wird diese grundlegenden Dinge selbständig zu klären, dann werden die Kleinen damit in einem ganz wichtiger Lernprozess von Eltern, Lehrern oder auch anderen Personen massiv gestört.

Es sollte nicht die Devise sein bei kleinen aber auch bei länger dauernden Streitigkeiten ständig einzugreifen, sondern eher zu warten und die Kinder den Streit selbständig lösen zu lassen. Egal ob böse Worte fallen, Gemeinheiten gesagt werden und geschrien wird. Es geht weniger darum wie genau gestritten wird, sondern viel mehr darum ob die Kinder alleine in der Lage sind alleine eine Lösung zu finden. Es ist im Übrigen auch so, dass gerade sehr sozial aktive Kinder sich häufig streiten. Dadurch haben sie später im Leben mehr Lösungsansätze für die unterschiedlichsten Situationen. Schlimmer als sich zu streiten ist es, wenn Kinder sich nie streiten. Denn dann werden sie schon in jungen Jahren, aber vor allem als Erwachsene große Probleme haben mit Konfliktsituationen umzugehen. Kinder sollte man also möglichst immer alleine streiten lassen, wenn es allerdings doch einmal zu schlimm wird, kann man ganz vorsichtig eingreifen.

Eingreifen – Aber bitte mit Vorsicht

Es kann natürlich mal passieren, dass es zu heftig wird und dass auf die verbalen auch körperliche Verletzungen folgen. Dann ist es natürlich sehr sinnig dies zu stoppen und bei der Lösung des Problems behilflich zu sein. Es darf aber auch dann nicht so sein, dass die Eltern die komplette Kontrolle übernehmen oder gar die Kinder anschreien und einfach nur zurechtweisen. Vielmehr ist es wichtig, sehr behutsam vorzugehen. Das aller Wichtigste dabei ist, neutral zu bleiben. Jedes Kind erwartet von seinen eigenen Eltern, dass sie auf seiner Seite stehen und wenn sie dies nicht tun, dann ist der nächste Streit schon vorprogrammiert. Steht man aber neutral dazwischen, so lehrt man den Kindern Gerechtigkeit und Fairness. So verhalten sich allerdings die wenigsten Eltern, viele haben ganz andere Interessen.

Eltern sind oft nicht auf der Suche nach einer Lösung für den Streit, sondern eher auf der Suche nach einer Lösung für ihre eigene Ruhe. Es geht ihnen vielmehr um die eigenen Bedürfnisse, sie wollen Ruhe und Harmonie und die Kinder stören dabei. Es geht nicht darum, den Streit durch einen Kompromiss zu lösen, sondern darum die eigenen Bedürfnisse wieder zu befriedigen. Die Eltern haben somit ihre Ruhe, aber die Kinder weiterhin ein Problem. Daher ist es wichtig, auch wenn es schwer ist, einen langen Atem zu bewahren und wirklich erst dann einzugreifen, wenn es gar nicht mehr anders geht. Aber auch dann darf man als Vermittler nicht die Entscheidungsgewalt an sich reißen. Denn was haben die Kinder davon gelernt, wenn der Streit einfach beendet wird? Streitigkeiten muss man nicht lösen. Dies ist keine sehr gute Strategie um gut durch das Leben zu kommen. Viel besser ist es den Kindern beizubringen Streitigkeiten selbst zu lösen.

Einen Streit lösen

Ein Streit kann man zwischen zwei Kindern am besten lösen, wenn beide Kinder abwechselnd zu Wort kommen, man selbst nur den neutralen Vermittler spielt und das eben solange, wie es eben dauert eine Lösung zu finden. Nur so können Kinder eigene Erfahrungen machen und lernen, Streitigkeiten auf eine friedliche Weise zu lösen. Noch besser ist es aber, Kindern durch die richtige Vorbereitung zu lehren wie sie richtig streiten und Kompromisse finden können. Das ist gut für die Kinder und auch die Eltern haben auf Dauer weniger Ärger. In Form von einfachen und logischen Regel kann man Kinder dazu bringen genau dies zu tun. Das aller entscheidende dabei ist, sich selbst an diese Regeln zu halten.

Egal ob man sich mit den eigenen Kindern, dem Partner oder sonst irgendjemandem streitet. Kinder lernen nun mal durch das, was ihre Eltern ihnen vor machen und wenn diese sich nicht an die Regeln halten, wieso sollten sie es tun? Außerdem ist es wichtig, diese Regeln den Kindern immer und immer wieder zu erklären, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen sind. Dabei ist darauf zu achten, dass die Kids die Regeln nicht einfach nur blind links befolgen, sondern dass sie die Gründe dafür auch wirklich verstehen. Wenn Kinder die richtigen Gründe haben, dann tun sie fast alles völlig freiwillig und ganz von alleine.

Hier die drei wichtigsten Regeln für Kinder zum Streiten:

Regel Nummer 1:

Streitigkeiten finden nur auf verbaler Ebene statt, niemals wird der Körper eingesetzt. Das bedeutet keine Schläge, kein schubsen, noch beißen oder kratzen. Es wird auch nicht mit Gegenständen nach einander geworfen: Dies kann man Kindern am besten vermitteln, indem man ihnen die Folge von gewalttätigen Handlungen klar macht. Dabei erinnert man sie zum Beispiel an die letzten Verletzungen und wie schmerzhaft diese war oder daran wie jemand anderes ganz schrecklich geweint hat, weil er oder sie geschlagen wurde.

Regel Nummer 2:

Gestritten wird sich nur zu zweit. Es wird niemals ein einzelnes Kind in einer Gruppe von mehreren angefeindet. Dies ist absolut zu untersagen und muss den Kindern sehr deutlich klar gemacht werden. Dies kann man ebenfalls an bisher erlebten Situationen verdeutlichen oder durch ein Rollenspiel.

Regel Nummer 3:

Es wird immer wieder Frieden geschlossen. Dabei geht es nicht darum, dass einer als Gewinner und der andere als Verlierer aus dem Streit hervorgeht, sondern dass eine akzeptable Einigung getroffen wird. Meistens schaffen Kinder dies selbst von ganz allein, sollte es aber einmal gar nicht gehen, dann gibt es noch eine Notfalllösung. Besonders bei kleineren Kindern hat es sich bewährt, sie zusammen in ein Zimmer zu stecken. Meisten finden sie so dann eine Lösung.

Fazit – Streiten ja, aber richtig

Insgesamt geht es immer darum, den Kindern beizubringen, dass Streitigkeiten normal sind. Dabei jedoch niemals zu körperlicher Gewalt gegriffen werden darf. Auch darf nicht mit mehreren auf eine einzelne Person losgegangen werden. Am Ende muss immer wieder Frieden durch einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss geschlossen werden. Für Eltern ist dabei wichtig sich möglichst nicht einzumischen. Wenn es aber doch sein muss, zum Beispiel wegen körperlichen Angriffen, dann muss unbedingt eine neutrale Position bezogen werden sollte. Streiten ist gut, hilft uns in unserem sozialen Gefüge zurechtzukommen und unseren Platz zu finden. Daher sollte man Kinder sich immer streiten und selbständig eine Lösung finden lassen.

Streit zwischen Kindern bzw. Jugendlichen in der Jugendgruppe oder auf der Jugendfreizeit

Natürlich gehört der Streit auch zum Alltag in einer Jugendgruppe bzw. dem Ferienlager. Ich persönlich habe noch keine Freizeit erlebt, wo es nicht mindestens einmal zu einem Streit, Auseinandersetzung oder zu Meinungsverschiedenheiten unter den Kindern bzw. Jugendlichen kam. Ich denke das ist normal und gehört einfach dazu. Und solange die Angelegenheit nicht in einer körperlichen Auseinandersetzung ausartet besteht auch kein großer Grund einzuschreiten. Vielmehr habe ich beobachtet und versucht die Argumente des einen wie auch den anderen zu verstehen, bzw. den Auslöser des Streites zu ergründen. Dann kann man auch als Vermittler eingreifen und in einem schlichtenden Gespräch eine Lösung finden. Ansichten können ausgetauscht werden, vielleicht auch einen Spiegel vorhalten, was für ein minimaler Anlass nötig war um sich nun so dermaßen zu streiten.

Ich habe es auch schon oft erlebt, dass die Kontrahenten hinterher die besten Freunde wurden. Der Jugendleiter hat hier eine wichtige Funktion im Beobachten, im Schlichten und im Widerspiegeln der Auslöser und Nichtigkeiten eines Streites. Die Hintergründe und Ursachen, die zum Streit führten liegen oft nicht auf der Hand. Da führen schon Kleinigkeiten zu einem Wutausbruch bzw. zu Streit. Vielleicht weil im Vorfeld, der eine sich immer als benachteiligt, übergangen, weniger wertgeschätzt gefühlt hat. Oder der andere nicht das bekommen hat, was er bisher immer gewohnt war zu bekommen. Das Problem liegt vielleicht nicht gerade im Anderen, sondern in der eigenen Gefühlswelt. Nun können Kinder dies nicht immer erkennen, selbst Jugendlichen fällt das schwer zu vermitteln, aber der Jugendleiter kann hier zumindest ein wenig die Sichtweisen und Ursachen im Gespräch beleuchten.

Jeder Streit lässt schwelende Probleme innerhalb einer Jugendgruppe (oder auch Schulklasse) erkennen und bietet die Chance diese Probleme nun gemeinsam zu entdecken, zu analysieren und darüber zu sprechen.

Wenn es gelingt Streit und Konflikte gemeinsam im Gespräch zu lösen, dann haben alle Beteiligten sehr sehr viel gelernt. Diese Auseinandersetzungen gehören zum Erwachsen werden dazu, ja nicht nur das, sie gehören zum Leben dazu. Wenn Kinder es nicht lernen dürfen zu Streiten und Konflikte auszufechten, wie sollen sie dann jemals lernen, Streit und Konflikte beilegen zu können.

Allerdings: wenn man die Kriege, Konflikte und Streitereien in dieser Welt und in vielen Familien sieht, dann haben die Kinder keine guten Vorbilder.

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Richtig Streiten lässt sich lernen

In Familien geht es selten harmonisch zu, stattdessen gehört Streiten zum Alltag. Wie sich grosse und kleine Konflikte lösen und Streithähne beruhigen lassen, erklärt Stephanie Schneider, Autorin des Buches „Der kleine Streitberater“.

Ihre Kinder streiten oft und laut? Keine Sorge, denn Streiten kann auch hilfreich sein. Foto: iStockphoto, Thinkstock

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Von Sigrid Schulze

In Ihrem Buch „Der kleine Streitberater“ erklären Sie, wie sich Familienkonflikte mit Herz und Verstand lösen lassen. Wie viel Erfahrung haben Sie selbst mit dem Streiten?

Stephanie Schneider: Mein Mann, meine Töchter und ich geraten uns seit Jahren in schönster Regelmässigkeit in die Haare. Und die ersten pubertären Anwandlungen meiner Töchter lassen nicht darauf schliessen, dass es in den nächsten Jahren ruhiger bei uns wird.

Gibt es Familien, in denen nicht gestritten wird?

Angeblich lebt irgendwo in München eine Familie, in der noch nie ein böses Wort gefallen ist (lacht). Nein, im Ernst: In allen Familien gibt es Konflikte. Streiten ist also völlig normal. Wer nicht streitet, steht still. Streiten ist wichtig und richtig, um sich als Familie weiter zu entwickeln.

Streiten ist wichtig?

Genau. Schliesslich ist Randale ein gutes Zeichen! Sie ist das Gegenteil von Resignation, Schwäche und Gleichgültigkeit. Wer sich darüber ärgert, dass der Partner den Hochzeitstag vergessen hat und deshalb laut klagend in Tränen ausbricht, befindet sich nicht in der Krise. Die Krise beginnt dort, wo nicht mehr gestritten wird. Es gibt doch nichts Schlimmeres als Familien, in denen eisiges Schweigen herrscht und jeder Konflikt unter den Teppich gekehrt wird, oder?

Streiten macht aber wenig Spass.

Zum Glück gibt es einige Tipps und Tricks, die dazu beitragen, auch im Eifer des Gefechts zu einer guten Lösung zu finden.

Oft beginnen andere den Streit. Zum Beispiel die kleine Tochter, weil sie nicht ins Bett will. Oder die Partnerin, weil sie abends nicht allein mit den Kindern zu Hause bleiben möchte. Oder der Mann, der den Urlaub nicht in den Bergen, sondern an der See verbringen will. Wie reagiert man so geschickt, dass der Streit nicht eskaliert?

Sinnvoll ist zu überlegen, warum jemand Streit sucht. Streitlustig wird, wer sich ungerecht behandelt fühlt, enttäuscht oder nicht zufrieden ist, Angst davor hat, nicht mehr geliebt zu werden. Meistens will jemand, der Streit sucht, dass andere nett zu ihm sind und ihm Wertschätzung entgegenbringen.

Gibt es Schlüsselsätze, die dem Gegenüber den Wind aus den Segeln nehmen?

Ja. Ein Zaubersatz ist: „Sag mal, was kann ich tun, damit es Dir besser geht?“ Dieser Satz bewirkt in vielen Situationen wahre Wunder. Manchmal aber ist ein Konflikt so komplex, dass er sich nicht so schnell lösen lässt. Dann hilft eine andere Formel mit nur vier Worten: „Lass mich darüber nachdenken.“ So wird die Pause-Taste gedrückt. Dann gilt es, Yoga oder die Betten zu machen, einen Kaffee zu trinken oder das Auto zu reparieren, um das Thema später entspannt wieder aufzugreifen.

Was sollte man beim Streiten unbedingt vermeiden?

Wenn mehr Verletzungen als Lösungsschritte hervorgerufen werden. Vorsicht bei Respektlosigkeiten! Jeder hat eine persönliche Grenze, bei der er sagt: „Das hier geht mir zu weit!“ Hilfreich ist der Leitgedanke: Streite ich mich, um eine Lösung zu erreichen, oder geht es hier nur noch darum, Recht zu behalten?

Wann lohnt sich Streiten nicht?

Oft entzündet sich der Streit an einer Lappalie – wenn zum Beispiel einer der Partner im Supermarkt ein grosses Stück Käse in den Einkaufswagen legt, obwohl zu Hause vier Käsepackungen angebrochen sind. Dann wird ihm oft eine böse Absicht unterstellt. „Nie denkt er mit“, könnte sie in diesem Fall heissen. Statt sich zu ärgern, ist es besser, schlicht zu sagen: „Käse brauchen wir nicht!“ Kostbare Nerven dürfen für wichtigere Themen gespart werden. Denn wegen solchem „Käse“ sollte man überhaupt nicht streiten. Vergammelte Lebensmittel wiegen weniger schwer als eine angeknackste Beziehung!

In ihrem Buch plädieren sie dafür, Versöhnung zu zelebrieren.

Die Versöhnung ist eine schöne Belohnung für harte Beziehungsarbeit und darf sich ebenso viel Zeit nehmen wie der vorangegangene Streit. Wenn mein Mann und ich auf der Heimfahrt einen zwanzigminütigen Disput über seine Fahrkünste haben, dann ist das genau die Zeitspanne, die wir für eine milchschäumende „Versöhnung to go“ an der Tankstelle brauchen. Gerade Kinder lieben Versöhnungs-Rituale wie beispielsweise ein Versöhnungspicknick auf dem Wohnzimmerteppich. Je verrückter die Aktion, umso schneller kapiert das Unterbewusstsein: „Gott sei Dank, das Gewitter ist vorüber. Jetzt ist alles wieder leicht und gut.“

Zur Person

Stephanie Schneider (41) lebt mit in ihrem nervenstarken Mann, zwei diskutierfreudigen Töchtern und drei Wüstenrennmäusen in Hannover. Seit 2004 veröffentlicht die Autorin des Bestsellers „Warum Mama eine rosa Handtasche braucht“ regelmässig Tipps und Wohlfühl-Erste-Hilfe für Mütter und Familien. Ihr Motto: „Schreibe nur über Dinge, mit denen du dich auskennst.“

Buchtipp: Der kleine Streitberater: Familienkonflikte mit lösen mit Herz und Verstand: www.randomhouse.de

Wenn zwei sich streiten – Konflikte im Schulalltag

Der Eintritt in die weiterführende Schule steht am Anfang einer Alterszeitspanne in der vielfache Herausforderungen vom Heranwachsenden zu lösen sind. Diese auch als Adoleszenz bezeichnete Phase zeichnet sich durch folgende „Entwicklungsaufgaben“ aus (vgl. Dreher & Dreher, 1997):

  • Aufbau eines Freundeskreises,
  • Akzeptanz der körperlichen Veränderungen und des eigenen Aussehens,
  • Aufnahme enger/intimer Beziehungen,
  • Ablösung vom Elternhaus,
  • Orientierung auf Ausbildung und Beruf,
  • Entwicklung von Vorstellungen bezüglich Partnerschaft und Familie,
  • Gewinnung von Klarheit über sich selbst,
  • Entwicklung einer eigenen Weltanschauung und
  • Entwicklung einer Zukunftsperspektive.

In dieser für die Heranwachsenden sehr herausfordernden Phase kommt es darüber hinaus zu einer deutlich veränderten Mediennutzung, die nicht unwesentlich für das Entstehen und Austragen von Konflikten und Streitigkeiten in diesem Alter ist.
Die Relevanz sozialer Medien
Insbesondere Smartphones spielen für die Jugendlichen eine große Rolle. Laut der Jugendmedienstudie JIM (Jugend, Information (Multi-) Media) 2013 nutzt über die Hälfte der Zwölf- bis Dreizehnjährigen schon ein Smartphone, bei Jugendlichen bis 19 Jahre waren es über 70 Prozent. Das Online-Dasein gehört zum Lebensalltag der Jugendlichen dazu.

Soziale Online-Medien sind ein gutes Mittel, um mit anderen Jugendlichen schnell in Kontakt zu treten und zu bleiben. Sie sind unterhaltsam und informativ. Sie lenken von unliebsamen Dingen ab und die digitale Kommunikation mit Mitschülern am Nachmittag hat sich für viele Jugendliche in eine umfangreiche Freizeitaktivität entwickelt.

Online-Netzwerke wie z. B. Facebook, bieten darüber hinaus eine Plattform, um sich selbst mit einer großen Reichweite darzustellen und zu positionieren. Fast jeder Jugendliche hat schon einmal ein Foto von sich oder einen Beitrag gepostet. Diese Selbstdarstellung in Zusammenhang mit dem direkten, meist unmittelbaren Feedback ist einer der wesentlichen Aspekte, der die sozialen Medien für Jugendliche so interessant und gleichzeitig auch gefährlich macht.

Konflikte in der weiterführenden Schule
Die Ursachen von Konflikten sind vielfältig und auch die Art der Austragung. Aufgrund der zuvor beschriebenen Relevanz sozialer Medien in dieser Altersklasse setzen wir im Folgenden den Fokus auf Konflikte, die über soziale Medien ausgetragen werden. Denn: Was viele Jugendliche zunächst verkennen ist, dass das Feedback auf die Selbstdarstellung in sozialen Medien nicht zwingend positiv ausfällt. Es kann ebenso verletzend oder rufschädigend für die Jugendlichen sein. Ein großes Problem hierbei: Kinder und Jugendliche können noch gar nicht abschätzen, wie groß die Reichweite ihrer Kommunikation und deren langfristige Wirkung sind. Sie finden es vielleicht sogar witzig, eine Gemeinheit zu posten und machen sich keine Gedanken darüber, was dies bei dem Empfänger auslöst. Der „Täter“ sieht nicht, wie sein „Opfer“ auf die Kränkung reagiert. Diese Fähigkeit zur Reflexion, und ein Gefühl für die Angemessenheit einer geposteten Nachricht oder eines Bildes zu bekommen, fehlen häufig

Wie können Eltern ihre Kinder unterstützen und stärken?
Grundsätzlich gibt es bei Fällen von Streitigkeiten und Konflikten unter Jugendlichen – egal ob „im Netz“ oder nicht – keine allgemeingültigen Anzeichen und Lösungen. Viele Jugendliche äußern nicht gleich, was sie beschäftigt. Achten Sie daher besonders darauf, ob Ihr Kind sich verändert. Zieht es sich zum Beispiel mehr zurück als sonst, verändert sich der Tagesablauf oder das Essverhalten, trifft es wie gewohnt Freunde etc.?

Sprechen Sie Ihr Kind auf mögliche Veränderungen an! Zeigen Sie sich offen und interessiert. Lassen Sie jedoch ab von Schuldzuweisungen. Richten Sie stattdessen den Blick auf den/die Betroffene/n selbst und ziehen Sie bei Bedarf externe Hilfe hinzu. Derartige Konflikte können eine große Belastung für Kinder und Jugendliche darstellen. Unter www.juuuport.de, www.xn--bndnis-gegen-cybermobbing-fwc.de oder www.cybermobbing-hilfe.de zum Beispiel können sich Kinder und Jugendliche austauschen und zu dem Thema informieren.

Ebenfalls ist es ratsam, den Klassenlehrer oder eine entsprechende Anlaufstelle an der Schule aufzusuchen. In sehr extremen Fällen von Diffamierungen oder „Mobbing“, sollten gegebenenfalls polizeiliche Schritte eingeleitet werden.

Bei Konflikten, die „im Netz“ ausgetragen werden, ist es darüber hinaus sehr hilfreich, wenn Sie sich als Eltern selbst mit sozialen Netzwerken beschäftigen und sich mit einem sozialverträglichen Umgang in sozialen Medien auskennen. Zum Beispiel darf ein Bild oder ein Video niemals ohne die Zustimmung der Person, die auf dem Bild zu sehen ist, veröffentlicht werden. Andersherum darf auch niemand ein Bild oder Video ins Netz stellen, ohne vorher gefragt zu haben. Erklären Sie Ihrem Kind auch, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit anderen Menschen im Internet ist und welche Folgen Veröffentlichungen dort für sie aber auch andere haben können.

Konflikte im Schulalltag sind sehr vielschichtig und es sind viele Parteien und Akteure involviert. Wenn Sie das Gefühl haben, dass dieses Thema Ihre Familie betrifft, nutzen Sie die Beratung des Fürstenberg Instituts. Wir unterstützen Sie und Ihr Kind gerne – absolut diskret, strikt vertraulich und für Sie kostenfrei. (Anm.: für Mitarbeiter unserer Kundenunternehmen)

Auf Streit unter Kindern richtig reagieren

Ausdauerndes und wiederholtes Streiten unter Kindern ist kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil: Mit diesem Verhalten trainieren Kinder ihren Umgang mit Konflikten. Nur wer als Kind immer wieder die Auseinandersetzung mit Konfliktsituationen übt, dem wird später auch ein harmonisches Miteinander gelingen. Streiten unter Kindern ist also kein Ausdruck von Bosheit, Niedertracht oder Gemeinheit. Vielmehr werden hier immer wieder Standpunkte geklärt, Besitzverhältnisse abgesteckt und Machtverhältnisse neu geregelt. Im Streit lernen und üben Kinder ständig neue Verhaltensweisen, die ihnen helfen, sich in Gruppen zu bewegen. Streit ist also wichtig!

Geschwister streiten heftiger als Freunde

Wenn sich zwei befreundete Kinder streiten, zum Beispiel in der Schule, ist eine mögliche Konsequenz die Auflösung der Freundschaft. Die Kinder gehen sich einfach aus dem Weg, oft nur für eine begrenzte Zeit. Unter Geschwistern ist das in der Regel keine Option. Geschwister müssen einen Weg finden, das weitere Zusammenleben trotz Streites zu bewältigen. Sie suchen und finden eher Lösungen für die Ursache des Streites als Freunde. Das enge Zusammenleben bewirkt aber auch, dass der Streitumfang wesentlich intensiver ist als bei Freunden. Für Eltern ist das manchmal eine echte Zerreißprobe.

Bleiben Sie neutral

Kinder bauen darauf, dass Erwachsene den Streitschlichter spielen und sich regulierend in die Auseinandersetzung einbringen. Natürlich glaubt jedes Kind, dass die Eltern sich auf seine Seite schlagen. Ist das nicht der Fall, ist schon die nächste Katastrophe vorprogrammiert. In einen Streit unter Kindern einzugreifen ist also eine knifflige Sache. Oft wissen Eltern nicht, was den Streit ausgelöst hat, wer im Recht ist und wer nicht. Sie werden leicht von einem der Streithähne vor den eigenen Karren gespannt, um es dem anderen heimzuzahlen. In diese Falle sollten Sie nicht tappen!

Ein Konzept hilft, den richtigen Zeitpunkt zum Eingreifen zu finden:

Das aktive Eingreifen in einen Streit ist oft nicht zu verhindern. Wenn Sie streitende Kinder aber zu schnell trennen oder ihnen eine Lösung vorgeben, verbauen Sie ihnen wichtige Erfahrungen. Seien Sie geduldig, und vermitteln Sie Ihren Kindern, wie ein Streit fair ausgetragen werden kann. Dazu brauchen Sie ein persönliches Streitkonzept und einen langen Atem. Irgendwann nehmen die Konfliktsituationen rapide ab, und die Streitphasen werden seltener. Im Grundschulalter geht es oft noch heftig zur Sache, ab der weiterführenden Schule gehen die Konflikte unter Kindern dann zurück. Spätestens dann profitieren sie vom planvollen Umgang mit Streitsituationen. Unsere 7 Regeln sollte Ihr Kind kennen.

7 Kinderregeln für Streitsituationen

  • Es wird niemals mit Gegenständen geworfen, an den Haaren gezogen, gebissen oder geschlagen.
  • Es kämpfen immer nur zwei Kinder gegeneinander, niemals mehrere gegen einen.
  • Körperliche Auseinandersetzungen (Rangeleien) sind nur zwischen gleich starken Kindern erlaubt.
  • Gemeinheiten und Kränkungen sind nicht erlaubt, Schimpfwörter müssen humorvoll und dürfen nicht verletzend sein (zum Beispiel: du Karottennase).
  • Ein vorher vereinbartes Stoppwort muss ernst genommen werden.
  • Es ist super, wenn der Streit mit einer Einigung oder einem Kompromiss endet.
  • Aufgeben ist keine Schande, jeder kann auch mal nachgeben.

Streit unter Kindern – Wann sollen Eltern sich einmischen?

Konfliktkompetenz ist wichtiger denn je, wird aber leider immer seltener gepflegt. Helikoptereltern, die ihre Kinder um jeden Preis schützen und Schulen, die Konflikte unterdrücken, damit Ruhe herrscht und der Ablauf funktioniert, sind nur zwei Gründe dafür. Dabei ist Streiten eine der wichtigsten Kernkompetenzen im sozialen Kontakt. Nach dem Motto „Früh übt sich, wer ein Meister werden will“ sollten Kinder also von klein auf lernen, wie das Streiten geht. Das setzt voraus, dass Erzieher und Eltern die Füße stillhalten und nur eingreifen, wenn es wirklich nötig ist.

Neutral bleiben – Eltern als Moderator

Oft verpassen Erwachsene den eigentlichen Anfang eines Konfliktes und werden erst aufmerksam, wenn der Streit bereits deutlich sichtbar in Gange ist. Umso wichtiger ist es deshalb, neutral zu bleiben und sich nicht auf die Seite eines Kindes zu schlagen. Ist ein Eingreifen unumgänglich – zum Beispiel, weil es zu unangemessenen Handgreiflichkeiten kommt oder eines der Kinder sehr in die Enge getrieben ist, ist Neutralität noch viel wichtiger. Als Erwachsener können Sie auf eventuell festgelegte Streitregeln hinweisen und notfalls unter Körpereinsatz zwischen die Streithähne treten, um zu deeskalieren. Vermeiden Sie möglichst, sich mit einem der Kinder zu verbünden und sozusagen mitzustreiten.

Konfliktkompetenz lernen

Kinder stärken ihre Kompetenzen durchs selber-machen, das gilt auch fürs Streiten. Wenn Eltern versuchen, die Konflikte für die Kinder zu lösen, bringt das zwar akut Entspannung, der Lerneffekt bleibt allerdings aus. Also heißt die Methode: Lassen Sie Ihre Kinder streiten, was das Zeug hält. Widerstehen Sie möglichst auch dem Impuls, dem scheinbar schwächeren Kind allzu schnell zur Seite zu stehen. Beobachten Sie einen Streit zwischen Kindern, bleiben Sie aufmerksam dabei – denn manchmal ist Eingreifen eben doch nötig. Um Kindern den Freiraum zu schaffen, mit Streit eigenverantwortlich umzugehen, sollten Sie folgende Tipps beherzigen:

  • Verzichten Sie auf Schimpfen, Schuldzuweisungen und Sätze wie „Der Klügere gibt nach.“
  • Versuchen Sie nicht, den Streit durch Autorität zu unterbrechen: „Hört jetzt sofort auf zu streiten, sonst …!“
  • Sehen Sie unangebrachtes Verhalten wie Schläge oder Handgreiflichkeiten, benennen sie diese, aber bewerten Sie nicht (auch nicht im Tonfall!): „Ich habe gesehen, wie Du nach Deiner Schwester getreten hast.“
  • Hören Sie jedes Kind in Ruhe an. Bei einem Streit haben alle Beteiligten das Recht, ihre Sicht der Dinge zu äußern.
  • Wiederholen Sie die Aussagen der Kinder und fragen Sie nach, ob Sie es richtig verstanden haben.
  • Fragen Sie jedes Kind, was für es eine gute Lösung des Streits wäre.

Bis Kinder diese Art der Konfliktkompetenz eingeübt haben, braucht es auf Ihrer Seite viel Zeit und Gelassenheit. Und leider wird sich – für Sie unangemessenes – Streitverhalten womöglich in der Pubertät noch einmal einstellen. Fürs Leben geben Sie Ihrem Kind allerdings ein Handwerkszeug mit, dass es als Erwachsener später sicher zu benutzen weiß.

Streit auf dem Spielplatz

Auf dem Spielplatz ist die Situation insofern besonders, da einander fremde Kinder in Streit geraten dürfen. Wer darf als erstes rutschen, wem gehört das Sandförmchen. Die Regeln sind im Grunde die Gleichen. Greifen Sie erst ein, wenn eines der Kinder deutlich in Bedrängnis gerät, zum Beispiel, weil es mental oder körperlich schwächer ist. Auch wenn mehrere Kinder sich gegen eines verbünden, ist es Zeit zu handeln. Besonders dann, wenn Ihr Kind von einem anderen angegangen wird, sollten Sie einen klaren Kopf bewahren und sich wenn möglich, lieber an dessen Eltern wenden als selbst einzugreifen.

Streitregeln, die funktionieren

Streiten muss sein! Doch es ist hilfreich für die Kinder und deren Schutz, einige Regeln aufzustellen. Im „friedvollen“ Zustand besprochen, ist auch das ein wichtiger Teil der Streitkompetenz. Müssen Erzieher oder Eltern anfangs an die gemeinsam aufgestellten Regeln erinnern, verinnerlichen sich die Kinder diese mit der Zeit selbst. Folgende Festlegungen machen Sinn:

  • Keine Handgreiflichkeiten, es wird nicht mit Gegenständen geworfen!
  • Streitigkeiten müssen eins zu eins ausgetragen werden, es dürfen sich nicht mehrere Kinder auf eines stürzen!
  • Rangeleien und körperliche Auseinandersetzungen dürfen nur zwischen gleich starken Kindern stattfinden!
  • Stoppwörter müssen in jedem Fall gelten!
  • Gemeinheiten und Beschimpfungen sind nicht erlaubt!
  • Aufgeben darf sein und ist keine Schande!
  • Schön ist eine Einigung am Ende des Streites, es muss aber nicht sein!

Diese Regeln funktionieren bereits im Kleinkindalter und machen besonders dann Sinn, wenn Kindergruppen täglich miteinander zu tun haben – also in Kindergarten oder Schule. Dort können auch ein oder mehrere Kinder als Mediatoren geschult werden. Die Kinder erhalten damit ein Werkzeug an die Hand, Streitigkeiten und Konflikte auch ohne Erwachsene konstruktiv zu lösen. Auch beim Geschwisterstreit – der in vielen Fällen deutlich heftiger abläuft – machen diese Regeln Sinn.

Sozialerziehung und Konfliktbewältigung

Martin R. Textor

Kleinkinder sind von Natur aus soziale Wesen, die Bindungen und Beziehungen zu Erwachsenen und Kindern aufbauen wollen. Sie suchen in der Interaktion mit anderen nach Befriedigung ihrer Bedürfnisse, nach positiven (Lern-) Erfahrungen und nach angenehmen Gefühlen. Werden ihre Erwartungen erfüllt, entwickeln sie sich in der Regel gut; ist dies nicht der Fall, werden sie oft „schwierig“ und schließlich sogar verhaltensauffällig.

Kleinkinder eignen sich viele soziale Kompetenzen im Zusammenleben mit anderen Kindern in der Kindergartengruppe an. Sie nehmen über Mitspielen, Geben, Teilen usw. Kontakt zu anderen auf, probieren verschiedene Verhaltensweisen aus, lernen durch Versuch und Irrtum, ahmen weiter entwickelte Kinder nach etc. So lernen sie allmählich, wie man mit anderen Kindern interagiert, dass man deren Willen und Besitz respektieren muss, wie in Kleingruppen Entscheidungen getroffen werden, dass bei unterschiedlichen Wünschen und Bestrebungen Kompromisse sinnvoll sind, wie man Probleme löst, dass man auf kleinere und schwächere Kinder Rücksicht nehmen muss und vieles anderes mehr.

Aufgrund des hohen Erzieherin-Kind-Schlüssels und der vielen Aufgaben der Fachkräfte hat ein Kleinkind nur selten die Möglichkeit, (länger) mit einem der beiden Erwachsenen in der Kindergartengruppe zu interagieren. Dennoch kommt in seinem Erleben den Beziehungen zu den beiden Fachkräften – oder zumindest zu einer – eine große Bedeutung zu: Diese sind oft nach den Eltern die wichtigsten Bindungspersonen in seinem Leben, wobei die Qualität der Bindungen darüber bestimmt, wie aktiv, (welt-) offen, neugierig, selbstsicher und mutig das Kind seine Umwelt erforscht und Beziehungen zu anderen Kindern und Erwachsenen aufnimmt.

Je jünger ein Kleinkind ist, umso wichtiger ist, dass es während des Übergangs von der Familie in die Kindertageseinrichtung eine sichere Bindung an zumindest eine Fachkraft aufbauen kann. Nur wenn es sich geborgen, behütet und unterstützt fühlt, wird es sich von seinen Eltern lösen, auf die noch unbekannten Kinder zugehen und die neue Umgebung erkunden.

Eine zentrale Aufgabe von Erzieher/innen ist somit, dem jeweiligen Kleinkind den Aufbau einer sicheren Bindung zu ermöglichen, indem sie ihm insbesondere in den ersten Wochen nach der Aufnahme in die Kindertageseinrichtung viel Zeit widmet, ihm Zuwendung, Zuneigung und Fürsorge erweist, es ermutigt, ihm eine Zuflucht bietet und es bei Bedarf tröstet.

Eine weitere wichtige Aufgabe der Fachkräfte ist zu beobachten, wie Kinder ihre Beziehungen gestalten, und einzugreifen, wenn ein Kind Unterstützung bei der Entwicklung sozialer Kompetenzen benötigt. So zeigen Erzieher/innen z.B. einem schüchternen Kind, wie man mit einem anderen Kind Kontakt aufnimmt, wie man es zum Mitspielen „einlädt“ und wie man sich einer Kleingruppe anschließt. Auf diese Weise lernt das Kleinkind, neue Beziehungen aufzubauen und zu gestalten. In diesem Kontext ist auch wichtig, dass Erzieher/innen mit Kindern über ihre Empfindungen sprechen, sodass diese sich ihrer Gefühle bewusst werden und sie benennen können.

Manche Kinder haben in ihren Familien ein eher problematisches Sozialverhalten erworben – und das beginnt oft schon mit der Lautstärke beim Sprechen: „Die Zuwendung und Aufmerksamkeit der Eltern sind das Lebenselixier für jedes Kind, und die Art, wie ein Kind spricht, beeinflusst die Zuwendung der Eltern: Ein Kind mit einer lauten Stimme oder ein Kind, welches den ganzen Tag redet, bindet offensichtlich die Aufmerksamkeit der Eltern. Ein lispelndes Kind sendet mit jedem Satz die Botschaft ins Unterbewusstsein der Eltern: ‚Ich bin doch noch ssso klein!‘ Aber auch ein Kind mit einer leisen Stimme kann die Erfahrung machen, dass dies die Zuwendung der Erwachsenen intensiviert, da eine leise Stimme Hilfsbedürftigkeit signalisiert“ (Dernick/ Küstenmacher 2008, S. 64).

Solche und ähnliche, in der Familie gelernten Strategien werden (zunächst) auch in der Kindertageseinrichtung eingesetzt. Einige von ihnen bringen hier nicht den erwarteten Erfolg und werden deshalb von den Kindern bald von sich aus aufgegeben. Andere sind erfolgreicher, selbst wenn sie von den Erzieher/innen und den anderen Kindern nicht positiv beurteilt werden. In diesen Fällen gilt es, die problematischen Strategien zu ignorieren und akzeptable Ansätze zu verstärken. Das ist oft recht schwierig, wie folgendes Beispiel verdeutlicht: Kinder, die aus ihren Familien fast nur negative Zuwendung kennen, provozieren diese auch im Kindergarten. Sie lassen zunächst liebevolles Verhalten nicht an sich heran. Nur wenn Erzieher/innen (und andere Kinder) sehr beharrlich sind, akzeptieren die Kinder es mit der Zeit. Dabei muss aber auch deutlich gezeigt werden, unter welchen Voraussetzungen positive Zuwendung erwirkt werden kann.

In einigen Fällen führt das Verhalten des Kindes aber auch dazu, dass es von den anderen Kindern abgelehnt und gemieden wird. Hier muss die Fachkraft versuchen, einerseits das Verhalten des Kindes zu ändern und andererseits den anderen Kindern eine neue Perspektive zu vermitteln, indem sie auch die positiven Verhaltensweisen und Eigenschaften des jeweiligen Kindes aufzeigt.

Da die sozialen und kommunikativen Kompetenzen von Kleinkindern noch nicht ausgereift sind, entstehen relativ häufig Konflikte in der Kindergartengruppe. In vielen Fällen eskalieren sie, sodass die Fachkräfte eingreifen, sich raufende Kinder trennen und weinende Kinder trösten müssen. In den anderen Fällen sollten sie hingegen nicht sofort intervenieren, sondern zunächst abwarten, ob die Kinder ihren Konflikt selbst klären können. Ist dies nicht der Fall, sollten Erzieher/innen möglichst nicht den Schiedsrichter spielen bzw. eine Lösung vorgeben. Sinnvoller ist es, diese Chance zu nutzen, um mit den betroffenen Kindern eine Konfliktlösung zu erarbeiten, sodass diese relevante Kompetenzen entwickeln können und Erfolg versprechende Vorgehensweisen kennen lernen.

So kann die Fachkraft die Rolle einer neutralen Vermittlerin übernehmen, welche die Verantwortung für ein „friedliches“ Gespräch übernimmt, in dem beide Parteien eine einvernehmliche Lösung für ihr Problem finden können. Als Mediatorin führt sie die Kinder durch folgende fünf Phasen der Konfliktklärung (nach Kolthoff 2006, S. 70):

  1. Einleitung: Die Fachkraft sucht mit den streitenden Kindern einen ruhigen Ort auf. Sie beruhigt aufgeregte Kinder und tröstet weinende. Dann erklärt sie ihnen die Grundregeln für das folgende Gespräch (z.B. dass immer nur ein Kind sprechen darf).
  2. Konfliktdarstellung: Jedes Kind beschreibt seine Sichtweise vom Konflikt. Die Fachkraft hört aktiv zu, wiederholt Wichtiges und klärt Unverständliches.
  3. Konfliktbearbeitung: Die Hintergründe für den Streit werden erhellt, z.B. die zugrunde liegenden unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse. Die Fachkraft klärt die Gefühle der Kinder, benennt sie und spiegelt sie zurück. Am Ende dieser Phase sollten die Kinder die Position und Situation der jeweils anderen Konfliktpartei verstehen.
  4. Problemlösung: Die Fachkraft fordert die Kinder auf, Vorschläge für die Lösung des Konflikts zu machen. Sie wertet die Alternativen nicht, sondern versucht die Kinder dahin zu führen, dass sie sich selbst für eine Möglichkeit entscheiden.
  5. Vereinbarung: Alle betroffenen Kinder stimmen dem jeweiligen Kompromiss zu. Sie geben einander die Hand als Zeichen, dass sie sich wieder vertragen. Manchmal benötigen sie dann noch die Hilfe der Fachkraft hinsichtlich der Umsetzung der ausgewählten Konfliktlösung.

So lernen Kinder, sich auf den Dialog mit der anderen Konfliktpartei einzulassen, deren Gefühle wahrzunehmen und deren Position zu verstehen. Kolthoff (2006) betont, dass ein konstruktiver Umgang mit Konflikten nicht dazu führt, dass sich ein Kind als Gewinner und ein anderes als Verlierer erlebt oder dass die Kinder anschließend Streitigkeiten vermeiden: „Das Ziel bei einer Konfliktbearbeitung besteht darin, eine gemeinsame Lösung, einen Konsens zu finden – eine so genannte ‚Win-Win‘-Lösung: Jeder gewinnt am meisten, wenn beide gewinnen!“ (S. 61). Die Fachkraft ist somit nicht für die Konfliktlösung verantwortlich, sondern nur für den zu ihr führenden Weg: Kinder „sind sehr gut in der Lage, eigene Lösungen für ihren Streit zu finden. Und diese Lösungen sind oft so fantasievoll und ungewöhnlich, dass man als Erwachsener nur darüber staunen kann. Wichtig ist es, dass die Erzieherin diese Lösungen nicht wertet oder in Frage stellt. Die Problemlösung der Kinder muss nicht die Lösung der Erzieherin sein“ (a.a.O., S. 71).

Eine weitere wichtige Aufgabe von Erzieher/innen ist es, Gruppenprozesse zu beeinflussen und dem einzelnen Kind die Möglichkeit zu geben, sich in der ganzen Gruppe zu profilieren. Dies wird z.B. durch einen Morgenkreis oder eine Kinderkonferenz erleichtert: Hier erleben sich alle Kinder als Mitglieder einer großen Gruppe, nehmen einander bewusst wahr und entwickeln eine Gruppenidentität. Sie können über das sprechen, was sie gerade bewegt, wobei sie bestimmte Gesprächsregeln befolgen müssen (solche Interaktionen können natürlich auch in kleinerem Rahmen stattfinden, z.B. bei von der Fachkraft angeleiteten Tisch- oder Kleingruppengesprächen). Jedes Kind lernt auf diese Weise, eigene Wünsche, Meinungen und Erlebnisse vor vielen anderen Kindern zu äußern, und erlebt dann, wie seine Äußerungen aufgegriffen und diskutiert werden. Diese Erfahrung trägt zur Entwicklung von Selbstvertrauen und positiven Selbstwertgefühlen bei. Im Stuhlkreis bzw. in der Kinderkonferenz können auch gemeinsam Gruppenregeln aufgestellt und deren (Nicht-) Befolgung besprochen werden. So werden Partizipation und Selbstregulation der Kinder gefördert.

Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass das Vorbild der Erzieher/innen von großer Bedeutung für die soziale Entwicklung von Kleinkindern ist, da diese insbesondere das Verhalten ihrer Bindungspersonen nachahmen. Aber auch der Umgang der Fachkräfte miteinander in der Gruppe bzw. in der Kindertageseinrichtung ist wichtig – dadurch werden sogar die Erwachsenen von morgen geprägt, wie Baker und Manfredi/Petitt (2004) verdeutlichen: „Interaktionen zwischen Erwachsenen bestimmen den Ton in einer Gruppe und lehren – eher indirekt – Kinder über die Welt, in der sie leben… Wenn signifikante Erwachsene im Leben eines jungen Kindes distanziert, formell und nur aus Pflicht – oder schlimmer, respektlos, wütend und kontrollierend – miteinander umgehen, internalisieren Kinder diese Haltungen als charakteristisch für das, was es heißt, ‚erwachsen‘ zu sein“ (S. 2)…

Literatur

Baker, A.C., Manfredi/Petitt, L.A.: Relationships, the heart of quality care. Creating community among adults in early care settings. Washington, D.C.: National Association for the Education of Young Children 2004

Dernick, R., Küstenmacher, W.T.: Topfit für die Schule durch kreatives Lernen im Familienalltag. München: Kösel 2008

Kolthoff, M.: Gesprächskultur mit Kindern. klein & groß PraxisExpress. Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor 2006

Autor

Dr. Martin R. Textor studierte Pädagogik, Beratung und Sozialarbeit an den Universitäten Würzburg, Albany, N.Y., und Kapstadt. Er arbeitete 20 Jahre lang als wissenschaftlicher Angestellter am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Von 2006 bis 2018 leitete er zusammen mit seiner Frau das Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) in Würzburg. Er ist Autor bzw. Herausgeber von 45 Büchern und hat 770 Fachartikel in Zeitschriften und im Internet veröffentlicht.
Homepage: https://www.ipzf.de
Autobiographie unter http://www.martin-textor.de

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