Kind ritzt sich

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Hilfe, mein Kind ritzt sich

Selbstverletzendes Verhalten muss immer ernst genommen werden. (ljubaphoto / iStockphoto)

Frage: Ich habe vor kurzem bemerkt, dass meine 13-jährige Tochter sich ritzt. Aufgrund der Narben dürfte sie das wohl schon seit einiger Zeit tun. Wie soll ich am besten darauf reagieren und was kann ich tun, um zu helfen?

Prim. Univ.-Prof. Mag. Dr. Thomas Frischer, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Wien:

Selbstverletzendes Verhalten ist bei Kindern und Jugendlichen immer ernst zu nehmen und sollte keinesfalls bagatellisiert werden. Das von Ihnen beschriebene „Ritzen“ kommt vor allem in der Pubertät vor und ist oft Ausdruck einer psychischen Belastung in der Familie, im Freundeskreis oder in der Schule.

Die Ursachen können in einer Pubertätskrise, oder aber auch in einem großen Spektrum psychischer Erkrankungen liegen. Zur Abklärung ist zunächst eine persönliche Aussprache mit Ihrer Tochter nötig, um gemeinsam mögliche Krisen zu identifizieren. Danach sollte aber so rasch wie möglich professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Hier ist zunächst der Kinderarzt, oder auch ein Facharzt für Kinder-und Jugendpsychiatrie zu nennen.

Bei großer Dringlichkeit bieten etwa die Kinderabteilungen der Wiener Spitäler Hilfe rund um die Uhr an.

+++ Mehr zum Thema: Selbstverletzendes Verhalten +++

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Autoren:
Prim. Univ.-Prof. Dr. Thomas Frischer
Redaktionelle Bearbeitung:
Tanja Unterberger, Bakk. phil., Nicole Kolisch

Aktualisiert am: 28.12.2017 | 12:56

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Ritzen: Wieso verletzt sich mein Kind selbst?

Im Teenageralter fügen sich manche Jugendliche mit Absicht Schmerzen zu. Wieso sie das tun, wann es krankhaft wird und wie du deinem Kind helfen kannst.

Jeder fünfte Neuntklässler in Deutschland hat sich schon einmal geritzt. Darunter sind deutlich mehr Mädchen als Jungs.

Es fällt ganz zufällig und plötzlich auf, beim gemeinsamen Klamottenkauf oder beim Abendessen. Der Pullover rutscht beim Griff zur Butter etwas nach oben und offenbart kleine, dunkle Striche am Unterarm. Sie sind rot und wund – es sind Verletzungen. Wenn Eltern solche Wunden am Körper ihres Kindes entdecken, sind sie schockiert, besorgt und zugleich ratlos. Woher hat mein Kind diese Verletzungen? Dass sich manche Kinder im Teenageralter ritzen, ist bekannt. Doch wieso Kinder das tun und wie Eltern am besten mit der Situation umgehen, darüber wird wenig gesprochen. Wir haben die wichtigsten Fragen zusammengefasst.

Was ist Ritzen?

Ritzen ist ein umgangssprachliches Wort und gleichzeitig eine Form von selbstverletzendem Verhalten (SVV). Dabei handelt es sich um eine bewusste, motivierte und direkte Verletzung des eigenen Körpers. Wunden und Schmerzen werden dem Körper also mit Absicht zugefügt. Das kann auf vielen verschiedenen Wegen erfolgen, beispielsweise durch das eigene Kneifen, Kratzen, Beißen oder durchs Ritzen. Beim Ritzen wird die Haut, meist die am Unterarm, mit einem Messer, einer Rasierklinge, einer Schere, einem Kronkorken oder einem anderen scharfen Gegenstand verletzt.

Aus Studien geht hervor, dass sich etwa 20 % der Neuntklässler in Deutschland schon einmal selbst verletzt haben, wiederholtes Ritzen tritt bei etwa 4 % der Jugendlichen auf. Mädchen sind dabei viel häufiger – etwa 10 Mal so oft – vertreten wie Jungs.

Manche Jugendliche ritzen sich, weil Freunde oder Mitschüler das machen. Es gilt als Mutprobe, sie machen es, weil es gerade “in” ist. Auch soziale Netzwerke, allen voran Instagram, spielen dabei mittlerweile eine wichtige Rolle: Unter verschiedenen Hashtags finden sich Bilder und Videos von jungen Menschen, die sich ritzen. Solche Profile, vor allem wenn sie eine große Reichweite haben, animieren junge Menschen, es auch zu machen. Die Selbstverletzung findet hier meist einmalig statt, es geht um dass Ausprobieren und um das Beweisen, dass man Schmerzen aushalten kann. Das ist jedoch eher ein Ausnahmegrund. In der Regel deutet SVV auf psychische Probleme hin.

Wieso ritzt sich mein Kind?

Ritzen ist meist ein Ausdruck seelischer Belastungen. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein Kind unter ernsthaften psychischen Problemen leidet. Angst, Unsicherheit, Aggression, Einsamkeit, Überforderung oder Trauer können hier unter anderem die Auslöser sein. Durch das Ritzen wird versucht, den seelischen Schmerz zu kompensieren. Das Verletzen dient dem Spannungsabbau, manchmal aber auch der Selbstbestrafung. Sich verletzen und der darauf folgende Schmerz erscheinen den Betroffenen als einzige Möglichkeit, um mit schlimmen Erlebnissen, Traumata, Scheitern oder Ängsten umzugehen. Beim Ritzen schüttet der Körper Adrenalin und Endorphine aus, die eine Art Glücksgefühl hervorrufen. Eine ganz natürliche Reaktion des Körpers, um Schmerzen zu unterdrücken. Bei manchen Menschen kann dieses Gefühl aber süchtig machen, besonders, wenn die Lebensumstände sehr problematisch sind.

SVV kann auch ein Anzeichen für eine Borderline-Erkrankung sein. Hier ist die Selbstverletzung ein sehr häufiges Symptom, weitere können unter anderem eine sehr labile Gefühlswelt, Paranoia, Impulsivität und Gefühlsstürme oder Unsicherheit sein. Ob dein Kind von Borderline betroffen ist, kann nur ein Psychologe feststellen.

Wann wird Ritzen zur Sucht?

Selbstverletzendes Verhalten kann einmalig oder in einer kurzen Phase auftreten. Bei manchen Jugendlichen wird das Ritzen aber regelrecht zur Sucht. Diese Anzeichen deuten darauf hin:

  • Wenn längere Zeit nicht geritzt wird, tritt großer Druck und das Verlangen ein, es wieder zu tun.
  • Es entwickelt sich eine Toleranz: Dadurch muss öfters und stärker geritzt werden.
  • Betroffene verstecken ihre Wunden, schämen sich und reagieren aggressiv, wenn das Thema angesprochen wird.

Mein Kind verletzt sich selbst – was kann ich tun?

Wenn Eltern erfahren, dass sich ihre Kinder ritzen, fühlen sie sich oft hilflos, sind besorgt und manchmal aber auch verständnislos. Letzteres sollte aber keinesfalls zum Ausdruck gebracht werden: Ritzen ist eine Art Hilferuf, ein klares Zeichen, dass dein Kind jetzt Unterstützung braucht. Diese 5 Tipps können dir weiterhelfen:

  • Tipp 1 – Verständnis zeigen: Mach deinem Kind keine Vorwürfe. Ritzen ist ein Zeichen dafür, dass dein Kind mit seinen Gefühlen, seinen Gedanken, seiner Psyche nicht mehr zurechtkommt. Gib ihm das Gefühl, akzeptiert und verstanden zu werden. Steh ihm als Vertrauensperson zur Seite.
  • Tipp 2 – Über Gefühle reden: Ermutige dein Kind, über seine Gefühle zu sprechen und diese zu verarbeiten. Das kann es mit dir oder einer guten Freundin machen. Wenn es nicht darüber sprechen möchte, kann aber auch z. B. das Schreiben eines Tagebuchs, Malen oder Musikmachen eine gute Möglichkeit sein, die Gefühle zu verarbeiten.
  • Tipp 3 – Professionelle Hilfe suchen: Wenn regelmäßig oder schon länger geritzt wird, solltet ihr dringend einen Psychologen hinzuziehen. Mache deinem Kind klar, dass es sich dafür nicht schämen muss und viele andere Jugendliche Gleiches durchmachen. Gruppentherapien können daher auch ein guter Weg sein, um das Ganze zu verarbeiten.
  • Tipp 4 – Alltag strukturieren: Bei seelischen Problemen fühlen sich Jugendliche unsicher, wissen nichts mit sich anzufangen. Deshalb solltest du versuchen, den Alltag zu stabilisieren und durch klare Regeln zu strukturieren. Eine Struktur gibt Halt .
  • Tipp 5 – Anonyme Beratung wahrnehmen: Manchmal liegen dem Ritzen auch familiäre Schwierigkeiten zugrunde, zum Beispiel, wenn Eltern sich trennen. Vielleicht möchte dein Kind dann nicht mit dir über die Probleme reden. Hilfeseiten und -telefone wie www.nummergegenkummer.de und der Nummer 116111 sind hier ein guter Anlaufpunkt. Hier gibt es auch eine Elternnummer: Unter 08001110550 kannst du anonym und kostenlos über deine Sorgen sprechen und dir Rat einholen.

Meine Tochter ritzt sich, wie kann ich ihr helfen?

Liebe Susi,
das Ritzen kann viele Ursachen haben. Meist spielen Unsicherheit, Schüchternheit, geringes Selbstwertgefühl, das Gefühl nicht verstanden zu werden und Traumatisierungen eine wichtige Rolle.
Ihre Tochter wird ihnen nicht immer gleich erzählen, warum sie angefangen hat. Wichtig ist, dass Sie Ihrer Tochter keine Vorwürfe machen und sie nicht unter Druck setzen. Im Gegenteil: Sie sollten alles tun, um das Selbstwertgefühl Ihrer Tochter zu stärken. Unsere Tipps für Eltern lauten daher (siehe auch: www.psychomeda.de/lexikon/ritzen-ursachen-hilfe-therapie-tipps-fuer-eltern.html)
1. Reagieren Sie nicht schockiert. Machen Sie dem Jugendlichen keine Vorwürfe, sondern geben Sie ihm das Gefühl angenommen und verstanden zu werden. Stellen Sie eine Vertrauensbasis her.
2. Unternehmen Sie alles, um das Selbstwertgefühl des Jugendlichen aufzubauen und zu stärken. Dazu können anfänglich auch Status-Symbole (Markenklamotten) eingesetzt werden.
3. Machen Sie dem Jugendlich verständlich, dass er mit der Problematik nicht allein ist und dass es wirkungsvolle Hilfe gibt.
4. Ermutigen Sie den Jugendlichen, offen über seine Gefühle und auch über sexuelle Themen zu sprechen und diese zu verarbeiten, z.B. durch das Schreiben eines Tagebuchs, in Gedichten, Kunst oder Musik.
5. Ermutigen Sie ihn, Kontakt zu Gleichaltrigen aufzunehmen, z.B. in Sportvereinen. Helfen Sie ihm dabei, seine Schüchternheit zu überwinden, z.B. durch Reiten, Tanzen und Theaterspielen.
6. Üben und unterstützen Sie soziale Fertigkeiten wie ’sich verabreden‘, ‚Smalltalk‘, ‚lachen‘, ‚Ärger ausdrücken‘, ‚Meinung sagen‘, ‚um Hilfe bitten‘, ‚Selbstbewusst auftreten, auch wenn man es nicht ist‘, ‚Daten‘, ‚Flirten‘, ‚Umgang mit sexuellen Situationen‘.
7. Suchen Sie nach professioneller Hilfe durch Ärzte, Psychotherapeuten oder spezialisierte Kliniken, vor allem, wenn schön länger geritzt wird.
Der letzte Punkt ist wichtig, wenn die anderen Punkte nicht helfen und damit das Ritzen nicht zur Sucht wird. Ihre Tochter wird mit Ihnen wahrscheinlich nicht über alle Themen, die sie wirklich bedrücken, sprechen. Ein therapeutisches Gespräch kann daher sehr hilfreich sein. Sie sollten sich allerdings an einen Psychotherapeuten, an eine Beratungsstelle oder Klinik wenden, die auf das Thema Ritzen spezialisiert ist. Dann können Sie zunächst einen Beratungstermin für sich ausmachen (ohne Ihre Tochter) und das Ausmaß sowie das weitere Vorgehen besprechen.
Viel Erfolg!

Ritzen – warum verletzt sich mein Kind selbst?

Es gibt unterschiedliche Gründe für das Ritzen. Nicht immer steckt gleich eine psychische Erkrankung dahinter, sondern viele Kinder und Jugendliche probieren das Ritzen aus Neugier aus, weil die beste Freundin es tut, oder es in ihrer Clique, ihrer Klasse, gerade ‚in’ ist. Etliche imitieren es, weil ein bekannter Filmstar es tut. Das Ritzverhalten von Lindsay Lohan zum Beispiel wurde in allen Medien thematisiert. Das weckt die Neugier natürlich erst recht, und schlechtes Beispiel macht Schule.

Ein Grund sehr besorgt zu sein besteht für Eltern, wenn ihr Kind eine Aussprache über sein Ritzverhalten verweigert und dieses bereits über Monate andauert. Dauerhaftes Ritzverhalten ist ein Kriterium für eine psychische Erkrankung und dafür, professionellen Beistand zu suchen. Man weiß heute: Je länger das Ritzverhalten andauert, desto größer ist die Gefahr, dass das Verhalten sich verselbständigt und ins gewohnheitsmäßige Verhaltensrepertoire des Kindes, bzw. des Jugendlichen aufgenommen wird. Experten haben zudem herausgefunden, dass durch den Schmerz, der beim Ritzen verspürt wird, körpereigene Opiate (Endorphine) freigesetzt werden, die zu suchtartigem Ritzverhalten führen können. Je früher professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird, desto größer sind die Chancen, das selbstschädigende Verhalten zu beenden.

Was ist “Ritzen” eigentlich genau und was machen Ritzer?

Eine offizielle und häufig zitierte Definition, was Ritzen, bzw. selbstverletzendes Verhalten überhaupt ist, lautet folgendermaßen: “Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist eine funktionell motivierte, direkte und offene Verletzung oder Beschädigung des eigenen Körpers, die sozial nicht akzeptiert ist und nicht mit suizidalen Absichten einhergeht.”

Manchmal wird dieses Verhalten auch mit anderen Begriffen bezeichnet, wie zum Beispiel “autoaggressives Verhalten” oder Selbstverstümmelung. Ritzer verletzen sich also selbst mit Absicht, sie fügen sich Wunden und damit Schmerzen zu. Und dazu ist ihnen fast jedes Mittel recht.

Die häufigste Verletzung ist schneiden oder ritzen der Haut mit einer Rasierklinge, einem Messer, einer Glasscherbe oder einem Flaschenverschluss. Auch Scheren und Nadeln dienen als Instrumente für die Selbstverletzung; Ritzer nehmen, was zur Hand ist. Aber auch Kratzen, Kneifen mit den Fingernägeln, sowie Beißen bis Blut aus der Wunde tritt, sich selbst mit einem Hammer schlagen, gehören zu selbstverletzenden Verhaltensweisen. Weiterhin gehört auch das Abkratzen von Schorf, um das Abheilen einer Wunde hinauszuzögern oder unmöglich zu machen, zu den sich selbstverletzenden Verhaltensweisen. Nach offiziellen Statistiken verletzen sich 85 % der Ritzer an den Extremitäten, nur 15 % am Rumpf.
Ab welchem Alter sollten Eltern aufmerksam sein?

Selbstverletzendes Verhalten wird bei immer jüngeren Kindern aufgedeckt. Inzwischen sind Fälle von 9-jährigen Ritzern bekannt. Bis zum 13. Lebensjahr zeigen ungefähr 3% der Kinder selbstverletzendes Verhalten, danach wächst die Zahl rapide an: Bei den 14- bis 17-jährigen ritzen sich ca. 29% der Altersgruppe. Danach werden die Zahlen leicht rückläufig, bis es bei den über 20–jährigen wieder eine Zunahme des selbstverletzenden Verhaltens gibt.

Nach dem 30. Lebensjahr kommt das Ritzverhalten kaum noch vor. Die Zeitspanne, über die das Ritzen betrieben wird und Betroffene es ohne professionellen Beistand endlich schaffen, davon loszukommen beträgt manchmal bis zu 15 Jahre. Überdies ist Ritzverhalten bei Mädchen und jungen Frauen stärker ausgeprägt, als bei männlichen Kindern und Jugendlichen.

Warum tun Ritzer sich so etwas an?

Wie bereits erwähnt, findet sich ein Anteil Nachahmer unter den Ritzern, die dieses Verhalten aus Neugier imitieren. Diese Art der Selbstverletzung wird auch als oberflächliche oder gemäßigte Form der Selbstverletzung bezeichnet. Bei etlichen Kindern und Jugendlichen ist das Ritzen jedoch eine Reaktion auf belastende Umstände, von denen sie sich überfordert fühlen. Es bekommt in diesem Zusammenhang den Charakter einer Bewältigungsstrategie. Viele Betroffene gaben an, sie würden sich ritzen um damit unerträgliche emotionale Spannungszustände zu beenden, um zu spüren, dass sie am Leben sind, oder um innere Leere, Einsamkeitsgefühle oder Angst nicht spüren zu müssen. Manche gaben an, dass sie sich ritzen, um sich selbst zu bestrafen. Die meisten Menschen können diese Begründungen nicht nachvollziehen. Sie sind schockiert und fühlen sich verstört und abgestoßen; sie stehen diesem Verhalten rat- und hilflos gegenüber.

Ritzen ist in unserem Kulturkreis ein Verhalten, dass gesellschaftlich abgelehnt wird und denjenigen, der es tut stigmatisiert und ausgrenzt.

An welchen Warnsignalen können Eltern erkennen, ob ihr Kind sich ritzt?

Ritzer wissen, dass ihr Verhalten gesellschaftlich nicht akzeptiert ist und versuchen deshalb ihr Ritzverhalten zu verbergen. Eltern sollten aufmerken, wenn ihr Kind sich plötzlich weigert, bei warmen Temperaturen kurzärmelige T-Shirts oder Shorts zu tragen, denn geritzt wird meistens an Armen und Beinen, weil diese Körperteile gut zugänglich sind. Auch die Weigerung zum Schwimmen zu gehen, am Sportunterricht teilzunehmen oder die Weigerung eine Gemeinschaftsdusche zu benutzen, können Warnsignale sein – ganz besonders dann, wenn dies alles bisher unbefangen möglich war. Auch emotionale Warnsignale können ein Hinweis sein, z. B. wenn ein Kind oder Jugendlicher ein anderes Rückzugsverhalten zeigt als bisher und sich weigert darüber zu sprechen. Manchmal gelingt es einem Ritzer nicht, jegliche Spuren seines Ritzverhaltens zu verbergen. Werden sie gefragt, woher die Narben stammen, erklären sie oft es seien “Kratzer”, die sie sich beim Spielen mit dem Haustier, bzw. beim Spielen mit dem Haustier von Freunden zugezogen haben. Auch andere zunächst plausibel klingende Erklärungen werden vorgebracht. Eltern sollten auf jeden Fall misstrauisch werden, wenn die Narben nicht wie Zufallskratzer aussehen, sondern parallel angeordnet sind und regelmäßig über einen längeren Zeitraum immer wieder zu beobachten sind.

Wo können Eltern und Betroffene Hilfe finden?

Ritzen sollte in jedem Fall ernst genommen werden. Möglicherweise können Eltern im Gespräch mit ihrem ritzenden Kind herausfinden, warum es dieses Verhalten zeigt. Ist es ein Hilferuf, der Versuch einer (missglückten) Kommunikation über diese sichtbaren Zeichen? Oder ist es Neugier, ein Nachäffen, hat es den Charakter, Dazugehörigkeit zu einer gleichaltrigen Gruppe zu bekunden. Soll es anderen Überlegenheit signalisieren oder schockieren? Falls das Kind im Gespräch mit den Eltern abblockt und die Kommunikation verweigert, sollten andere Möglichkeiten Zugang zum Kind zu finden in Betracht gezogen werden. Fest steht: Kinder und Jugendliche, die sich aus Verzweiflung ritzen, brauchen unbedingt Hilfe. Hilfe, die Eltern und Familie in diesem Fall nicht alleine leisten können! Angehörige sind in diesem Fall überfordert. Deshalb ist es wichtig, sich ohne falsche Scham fachlichen Rat einzuholen. Der erste Schritt wäre beispielsweise, sich an die zuständige Erziehungsberatungsstelle oder den Kinderarzt / Hausarzt der Familie zu wenden. Diese professionellen Helfer können dann weitere Maßnahmen einleiten. Ein Arzt kann, wenn notwendig, eine Überweisung an einen Kinder- und Jugendtherapeuten ausstellen. In schwerwiegenden Fällen ist eine psychotherapeutische Behandlung möglicherweise nicht ausreichend und eine Überweisung an einen Kinder- und Jugendpsychiater wird notwendig. In extremen Fällen kann ein stationärer Aufenthalt die Hilfe bieten, die gebraucht wird.

Wichtig ist es, dem Kind die bestmögliche Unterstützung zu geben, die es braucht, um frühzeitig vom selbstverletzenden Verhalten wieder loszukommen. Damit hat es die Möglichkeit, andere Bewältigungsstrategien für Stress und überfordernde Situationen kennenzulernen. Dies ist nur mit der richtigen professionellen Unterstützung möglich.

Außer der psychologischen, bzw. psychiatrischen Hilfe, die Eltern für ihr Kind in Anspruch nehmen, sollten sie auch auf die medizinische Versorgung achten. Wie bereits erwähnt findet das Ritzen gelegentlich auch in der Clique, also gemeinschaftlich statt. Das kann auch bedeuten, dass Ritzer gemeinsam benutzen, was gerade zu Hand ist: Sie reichen die Rasierklinge, die Glasscherbe, das Messer in der Runde weiter. Eltern sollten mit ihrem Hausarzt darüber beraten, ob eine Impfung gegen Wundstarrkrampf oder Hepatitis sinnvoll ist, um eine entsprechende Infektion und ihre Folgen zu verhindern.

Welchen Erfolg kann die Expertenhilfe bringen?

Die Aussichten, vom Ritzverhalten loszukommen, sind nach Einschätzung von Experten ziemlich gut. So berichteten auf dieses Störungsbild spezialisierte Therapeuten von erfolgreich beendetem Ritzverhalten in ca. 70 – 80 % der Fälle – sofern eine professionelle Unterstützung nicht zu lange herausgezögert wurde.

Selbsthilfe

Für Ritzer finden sich verschiedene Vorschläge, wie sie dem Impuls sich ritzen zu müssen, widerstehen können:

  • sich mit einem Gummiband schnicksen
  • Eiswürfel auf die Haut drücken
  • eine kalte Dusche nehmen
  • sich mit Sport abreagieren
  • statt zu schneiden, mit rotem Stift eine Linie auf die Haut malen
  • schreien
  • einen Boxsack benutzen
  • die Gefühle zu Papier bringen: Tagebuch schreiben oder malen
  • schnitzen statt ritzen: Ein Stück Holz oder Speckstein bearbeiten
  • die “Nummer gegen Kummer” anrufen

Bleiben die Narben für immer?

Da das Ritzen gesellschaftlich stigmatisiert ist, machen Eltern sich häufig Sorgen, ob ihr Kind im späteren Leben Nachteile durch das Ritzverhalten hat. Diese Sorgen sind berechtigt, denn manche Narben sind auffällig oder entstellend und können im sozialen Umfeld die Fragen nach dem ‚Warum und Woher’ aufwerfen. Wer möchte schon seinem Arbeitgeber oder zukünftigen Kollegen erklären müssen, ein Ritzer gewesen zu sein? Inzwischen gibt es jedoch Möglichkeiten, zum Beispiel durch Laserbehandlung, Narben gänzlich zu entfernen oder wenigstens zu modifizieren. Eine der Kliniken, die die Entfernung von Ritznarben auf ihrer Indikationsliste hat, ist zum Beispiel die Hansaklinik in Dortmund.

Literatur

  • Klosinski, Gunther: Wenn Kinder Hand an sich legen: Selbstzerstörerisches Verhalten bei Kindern und Jugendlichen, Becksche Reihe ISBN: 978-3406420832
  • Levenkron, Steven (2006): Der Schmerz sitzt tiefer. Selbstverletzung verstehen und überwinden. Kösel 3.Aufl. ISBN: 3-466-30544-6
  • Schoppmann, Susanne (2003): “Dann habe ich ihr einfach meine Arme hingehalten” Selbstverletzendes Verhalten aus der Perspektive der Betroffenen. Huber 2003, ISBN 3-456-83972-3
  • Bergmann, Wolfgang (2006): Das Drama des modernen Kindes. Hyperaktivität, Magersucht, Selbstverletzung. Beltz ISBN 3-407-22891-0

Hilfreiche Adressen und Telefonnummern

  • Die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800 111 0 333
  • Die Nummer gegen Kummer Elterntelefon: 0800 111 0 550

Links

Hilfreiche Links zur Arztsuche:

Auf diesen Internetseiten können Eltern nach kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanzen oder nach einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Nähe suchen:

  • http://www.kinderpsychiater.org/praxen-kliniken-ambulanzen/ und
  • http://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de/aerzte/

Zur Information und zum Austausch mit Betroffenen:

Rote Linien ist das Kontakt- und Informationsforum für SVV-Angehörige

Autorin

Heide-Maria Brodmann, Diplom – Psychologin
Klinische Psychologin in der Kinder- und Jugendrehabilitation und der Erwachsenenrehabilitation, Gordon – Familientrainierin

Kontakt

E-Mail

Ritzen bei Jugendlichen Ursache und Hilfen – Warum Menschen sich selbst verletzen

Meine Blutspur zieht sich längs über den Flur, quer durch mein Schlafzimmer, bis hin zu meinem Bett. Dort sitze ich neben meiner Giraffe und der grünen Schlange und dem Hasen und sehe zu, wie Harry einen Verband um meinen Arm wickelt. Erst um den rechten. Dann um den linken. Das Blut sickert durch. Mir wird kalt. Noch kälter als sonst. Vielleicht sollte ich zu einem Arzt gehen. Harry hat schon dreimal gefragt. Aber ich will nicht. Ich will lieber schlafen. Ich spüre sowieso nichts mehr. Die Schnitte tun nicht weh.
(Aus: Lilly Lindner, „Winterwassertief“)

Mit sechs Jahren verlässt Lilly Lindner ihren Körper. Ein Nachbar vergewaltigt sie, immer wieder. Irgendwann zieht er weg, doch der Schmerz in Lilly bleibt. Mit Messern und Rasierklingen versucht sie, ihn „aus sich herauszuschneiden“, erzählte sie dem stern. Nur wenn sie das Blut über ihre Unterarme laufen sieht, weiß sie, dass sie noch ein Mensch ist. Zu der Ritzerei gesellen sich ihre beiden Freundinnen „Ana“ und „Mia“ – so nennt sie Anorexie und Bulimie, die sie durch diese Zeit tragen. Irgendwann wiegt sie keine 40 Kilo mehr. „Jahrelang wollte ich nur verschwinden.“

Mit 19 wird Lilly Lindner wieder vergewaltigt. Hiernach hilft auch das Ritzen nicht mehr. Sie greift zu einem noch drastischeren Mittel, sich selbst zu verletzen: sie prostituiert sich. „Prostitution ist der höchste Grad der Selbstverletzung“, sagt sie heute. Lillys Geschichte klingt paradox und in sich doch logisch: Denn nur das Gefühl ihren Freiern ausgeliefert zu sein, konnte ihr nach Feierabend auch das Gefühl geben, davongekommen zu sein. „Ich war süchtig nach diesem Gefühl des Überlebens und Davonkommens“. Denn auf diese Weise konnte sie das überhaupt noch spüren: „Ich lebe noch, ich bin noch da.“

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Verletzen Sie sich selbst oder fügt sich ein Angehöriger Verletzungen zu? Informationen, Hilfe und Beratungsangebote finden Sie unter anderem bei folgenden Einrichtungen:

•Selbsthilfegruppe Rote Linien
•Onlinecommunity Rote Tränen
•Bei allen Ärzten, Psychologen, Psychotherapeuten und psychotherapeutischen Einrichtungen
•Eine erste Anlaufstelle kann auch die Telefonseelsorge sein (0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222; der Anruf ist kostenfrei).
•Mehr über die Spezialambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung, die an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uniklinikums Heidelberg angesiedelt ist, erfahren Sie hier.

Selbstverletzung ist kein Randphänomen

Auch wenn Lilly Lindners Geschichte extrem ist, selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen – am bekanntesten ist das sogenannte Ritzen – ist keine Seltenheit. „Etwa jeder dritte Jugendliche in Deutschland verletzt sich in seinem Leben einmal bewusst selbst“, sagt Michael Kaess, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Heidelberg und Leiter der dort angesiedelten Ambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung bei Jugendlichen. Etwa fünf bis zehn Prozent verletzten sich wiederholt – sie ritzen etwa über einen längeren Zeitraum immer wieder.

Neben dem Ritzen fallen auch das Aufkratzen von Wunden oder Hautstellen, das Schlagen gegen Gegenstände oder sich selbst Verbrennen und Verbrühen unter sogenanntes selbstschädigendes Verhalten. „Allen Formen ist gemein, dass es sich um eine zielgerichtet herbeigeführte Verletzung der Körperfläche handelt, die in der Regel in nicht suizidaler Absicht geschieht und kulturell nicht akzeptiert ist, anders als Piercing oder Tattoos“, sagt Kaess. Als eigenständige Diagnose wird dieses schädliche Verhalten bis jetzt in den Diagnosemanualen in den USA oder Europa zwar nicht geführt. „Es fällt unter potenzielle Störungsbilder, die noch weiterer Erforschung bedürfen“, sagt der 35-Jährige. Doch vieles darüber, warum Jugendliche dies tun und wie man ihnen helfen kann, ist bereits bekannt.

Jungen betrifft die Störung auch

So sind Mädchen etwa doppelt so häufig betroffen wie Jungen. Vor allem bei Jungen vermuten die Forscher aber eine hohe Dunkelziffer. „Die Krankheit ist beim männlichen Geschlecht noch stärker stigmatisiert, Betroffene trauen sich oft nicht an die Öffentlichkeit und nehmen auch Therapien selten in Anspruch“, sagt Kaess. In der Heidelberger Ambulanz etwa kommt auf zehn Mädchen ein Junge. „Das ist problematisch, da wir so nur wenig darüber erfahren, wie sich diese Selbstverletzungen speziell bei Jungen äußern und wie ihnen am besten zu helfen ist.“

Mit dem selbstschädigenden Verhalten beginnen Jugendliche meist zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr. „Am häufigsten kommt es im Alter zwischen 14 und 16 Jahren vor „, sagt Kaess. Studien zufolge tritt das selbstschädigen Verhalten selten vor der Pubertät auf und nur eine Minderheit entwickelt daraus eine chronische Erkrankung, die bis ins Erwachsenenalter anhält. „Die Zeit arbeitet also für die Jugendlichen“, sagt Kaess, bei vielen hört das Ritzen mit zunehmendem Alter auch ohne Therapie auf. Dennoch warnt der Arzt davor, es auf die leichte Schulter zu nehmen. „Die zugrundliegenden Probleme und Störungen können bestehen bleiben und den Menschen weiterhin in seinem Alltag belasten.“

Selbstverletzungen treten meist gepaart mit anderen psychischen Erkrankungen auf – etwa mit einer Depression oder der Borderline-Störung. „Allerdings haben nicht alle Jugendlichen, die sich selbst verletzten, eine psychische Störung“, betont der Mediziner. Auch frühkindliche Traumata, Probleme in der Familie, eine schwierige Beziehung zu den Eltern oder Mobbing zählen zu den Risikofaktoren.

Lilly Lindner: „Winterwassertief“, Verlag Droemer & Knaur, 368 Seiten, 12,99 Euro, ISBN: 978-3-426-30423-5.

Ritzen hilft, mit negativen Emotionen umzugehen

Ritzen sich Jugendliche, wird häufig eine Verbindung zu sexuellem Missbrauch gezogen. Doch Kaess warnt davor, dies vorschnell zu tun. „Lange nicht alle, die sich so schädigen, wurden als Kind missbraucht“, sagt er. „Es ist einer von vielen Risikofaktoren, wenn auch sicher der, der besonders betroffen macht und das Umfeld wachrüttelt.“ Abzugrenzen ist das Ritzen von selbstschädigendem Verhalten wie Alkoholmissbrauch oder Essstörungen, bei denen die Verletzung des Körpers teilweise ein ungewollter Nebeneffekt ist.

Doch warum schneiden sich Jugendliche, bis sie bluten? „Das Umfeld nimmt meist an, dass die Mädchen oder Jungen dies tun, um Aufmerksamkeit zu erhalten“, sagt Kaess. „Sie betrachten es als einen Hilfeschrei, als eine perfide Art, andere Menschen zu manipulieren oder bestimmte belastende Situationen – etwa eine Prüfung – zu vermeiden.“ Nicht selten, so der Mediziner, würden Eltern auch denken, dass sich ihre Kinder aus Rache selbst schädigen. „Das führt leider häufig zu Vorurteilen oder Vorwürfen. Diese Funktionen gibt es, aber sie sind meist nicht der Hauptgrund.“

Befragt man die Betroffenen, zeige sich: „Das Verhalten hilft ihnen in erster Linie, Affekte zu regulieren“, sagt Kaess. Auch Studien bestätigen: Selbstverletzendes Verhalten ist eine Bewältigungsstrategie, um inneren Spannungen abzubauen und mit Emotionen umzugehen. Ganz befremdlich ist das nicht, wenn auch in einer milderen Form: „Wir alle haben schon einmal aus Wut mit der Faust gegen die Wand geschlagen“, sagt Kaess. „Das hilft, den Ärger zu verdauen. Der körperliche Schmerz überdeckt den seelischen.“

Seit einiger Zeit beobachten Forscher auch, was bei Selbstverletzung im Körper passiert. „Dabei schüttet der Körper unter anderem Endorphine aus, die schmerzlindernd und euphorisierend wirken“, sagt Kaess. „Den genauen Mechanismus kennen wir zwar noch nicht, aber eventuell lässt sich so erklären, warum Ritzen den seelischen Schmerz lindert.“

Unfähig, den Schmerz zu spüren

Lilly Lindner erzählte dem stern: „Ich war richtig gut darin, meinen Körper zu misshandeln… Das Schöne daran war, ich habe ja nie was gespürt – ich sah halt zu, wie es blutet.“ Diese Unfähigkeit, den eigenen Körper zu spüren, ist bei Ritzern ebenfalls nicht selten. „Wir wissen, dass traumatisierte Jugendliche oftmals bestimmte Funktionen des Körpers vom Bewusstsein abkoppeln“, sagt Kaess. „Sie erinnern sich nicht mehr an Dinge oder nehmen Schmerzen kaum wahr.“ Das Ritzen hilft dann, gegen die innere Leere anzugehen. „Dadurch nimmt die Schmerzwahrnehmung langsam wieder zu“, sagt Kaess.

Daneben sind die Verletzungen – vor allem bei traumatisierten Jugendlichen – auch eine Art der Selbstbestrafung. „Sie wachsen häufig mit chronischen Schuld- und Schamgefühlen auf, die sich so äußern“, sagt der Heidelberger Arzt. Ein Suizidversuch sind die Schnitte in der Regel nicht. „Das Risiko dafür ist jedoch bei Ritzern erhöht“, sagt Kaess. Auch vor diesem Hintergrund plädiert er dafür, die Störung zu behandeln.

Vor allem auch, da sich Ritzen gut therapieren lässt. „Ein Großteil der Jugendlichen, die bei uns in Therapie sind, zeigt nach sechs Monaten einen deutlichen Rückgang der Symptome bis hin zum völligen Verschwinden des schädigenden Verhaltens“, sagt der Arzt.

Verständnis hilft, nicht Kontrolle

Bei der Therapie wird zuerst einmal geschaut, welche Funktion das Ritzen für den Betroffenen hat. „Sie können nicht erwarten, dass jemand etwas aufgibt, was für ihn wichtig ist“, sagt Kaess. Warum machst Du das? Was kann man tun, damit es nicht mehr nötig wird? Mit solchen Fragen gelte es erst einmal, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Diene das Ritzen dazu, die Gefühle zu regulieren und sich selbst wieder zu spüren, könne man es erst einmal teilweise ersetzen: „Etwa durch eine Chilischote“, sagt Kaess. Damit lassen sich ebenfalls starke Sinnesreize hervorrufen, aber ohne, dass ich mir körperlich schade.“ Häufig sei es auch hilfreich, daran zu arbeiten, besser mit Druck und Problemen umgehen zu können, so der Mediziner. Sind Beziehungen zu anderen Menschen belastend, gelte es, diese zu verbessern.

Entdecken Eltern, dass ihr Kind sich ritzt, ist die Panik oft groß. Viele reagieren enttäuscht, anklagend und wütend. Das sei verständlich, sagt Kaess. Er rät ihnen trotzdem dazu, Ruhe zu bewahren und professionelle Hilfe aufzusuchen. „Wichtig ist es, nicht anzuklagen und nicht zu werten“, sagt er. „Das verstärkt das schädigende Verhalten.“ Vielmehr sei es ratsam, zu fragen und ernsthaft verstehen zu wollen: Welche Probleme gibt es? „Auch wenn ein typisch pubertierender Jugendlicher erst einmal keinen Bock hat, darauf zu antworten, sollten Sie geduldig bleiben“, sagt Kaess. „Ein wertschätzendes Interesse an sich und ihren Problemen nehmen Jugendliche durchaus wahr.“

Jugendliche bis in ihre Privatsphäre zu kontrollieren, davor warnt der Mediziner. „Manche Eltern verbieten ihren Kindern, die Badezimmertür abzuschließen, sie räumen sämtliche Messer und Rasierklingen weg und lesen Tagebücher. Das hilft nicht. Es verstärkt den Stress und das Verhalten eher noch. Einen jungen Menschen, der sich selbst verletzen will, werden sie davon nicht abhalten“, sagt Kaess. Auch wenn es schwerfällt, Verständnis, Geduld und eine Therapie bringen weiter.

Lilly Lindner ist bis heute nicht zurück in ihren Körper gekehrt. Er ist noch immer etwas, das sie mehr von außen betrachtet. Heute braucht Lilly aber keine Rasierklingen mehr, um sich selbst zu spüren und ihre Schmerzen greifbar zu machen. „Ich habe dafür jetzt Worte“, sagt sie.

In einem Jahr schrieb sie 15 Bücher, fünf hat sie bereits veröffentlicht. Sie sei wie in einem Wahn, wenn sie schreibt. Wenn sie all die Worte, die ihr unentwegt durch den Kopf schwirren, auf Papier bringt, bis ihr die Finger vom Schreiben wehtun. Zwar sehnt sie sich manchmal noch immer danach, einfach zu verschwinden. Aber anders als früher kann sie heute damit umgehen. Sie sagt, dass die Worte sie retten.

Ich wollte ausdrücken, wie es sich anfühlt, abseits von seinem Körper in fremden Vorgärten zu stehen und zu beobachten, wie die Zeit davonrennt. Ich wollte von Schönheit schreiben, von Glück, von der lautesten Stille, von der hässlichsten Berührung. Ich wollte meine sanftmütigen Gefühle direkt neben meine eiskalte Ausdruckslosigkeit stellen, und erzählen, von einem Schmerz, der so groß ist, dass man ihn sich in die Haut schneiden muss, um zu begreifen, wie real er ist. Ich wollte erklären, was es bedeutet, sich Ana zu nennen, obwohl man ganz genau weiß, dass Magersucht kein passender Name für ein Dasein ist, eher für ein Wegsein. Ich wollte, dass jemand meine Worte liest und einen Moment lang verharrt, in diesem Bild, das ich von mir gezeichnet habe, auch wenn ich mich nicht sehen kann.
(Lilly Lindner, „Winterwassertief“)

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Selbstverletzendes Verhalten (auto-aggressives Verhalten, Ritzen)

Selbsverletzendes Verhalten tritt meist im Alter zwischen 12 und 15 Jahren auf und entsteht oft aufgrund länger dauernden seelischen Belastungen. (Photographee.eu / Fotolia.com)

Unter selbstverletzendem Verhalten (kurz: SVV) versteht man Verhaltensweisen bzw. Handlungen, bei denen sich Betroffene bewusst Verletzungen oder Wunden z.B. durch Aufschneiden, Aufritzen oder Aufkratzen der Hautoberfläche zufügen.

Kurzfassung:

  • Studien zeigen, dass sich jeder Vierte bis zu seinem 18. Lebensjahr zumindest einmal selbst verletzt.
  • Am häufigsten äußert sich SVV durch Schnittverletzungen.
  • Selbstverletzendes Verhalten lässt sich häufig auf eine länger andauernde seelische Belastung zurückführe und tritt in Begleitung mit anderen psychischen Erkrankungen auf.
  • Zur Behandlung werden im ersten Schritt die Wunden versorgt, danach die psychischen Ursachen ergründet und eine adäquate psychosoziale Therapiemethode ausgewählt.

Informationen auf dieser Seite:

↓Definition
↓Symptome
↓Ursachen
↓Risikogruppen
↓Selbstverletzendes Verhalten erkennen
↓Behandlung
↓Was können Angehörige tun?

Immer mehr Jugendliche verletzen sich selbst. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Das sogenannte „Ritzen“ – das Anritzen bzw. Aufschneiden von Unterarmen oder Beinen mit spitzen Gegenständen wie Messer, Scherben oder Rasierklingen – stellt die häufigste Methode zur Selbstverletzung dar.

Doch es gibt noch viele weitere: Brennende Zigaretten auf dem Arm ausdrücken. Heiße Herdplatten anfassen oder bestimmte Körperteile abschnüren. In den meisten Fällen verspüren Betroffene durch das Selbstverletzen ein Gefühl der Erleichterung. Manche werden mit der Zeit süchtig nach diesem Zustand und verletzen sich immer wieder.

Was ist selbstverletzendes Verhalten?

Selbstverletzendes – auch autoaggressives – Verhalten beschreibt verschiedene Verhaltensweisen, bei denen sich Betroffene absichtlich wiederholt selbst verletzen. Laut Untersuchungen verletzt sich jeder vierte Heranwachsende bis zu seinem 18. Lebensjahr zumindest einmal selbst. Es handelt sich dabei um keine lebensbedrohlichen Wunden, sondern um kleine bis mittelgroße Verletzungen der Haut- bzw. Gewebsoberfläche des Körpers.

++ Mehr zum Thema: Wunden & Wundheilung ++

Im DSM-5, dem amerikanischen Leitfaden psychischer Störungen wird das Verhalten daher auch als „Nicht-suizidales Selbstverletzungssyndrom“ (kurz: NSVV) bezeichnet. Es liegt vor, wenn sich Betroffene innerhalb eines Jahres an fünf oder mehreren Tagen bewusst selbst eine Schädigung des eigenen Körpergewebes zufügen.

Im ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten und Gesundheitsprobleme, wird Selbstverletzendes Verhalten unter anderem als „Vorsätzliche Selbstschädigung auf nicht näher bezeichnete Art und Weise“ klassifiziert.

Wie äußert sich selbstverletzendes Verhalten?

Selbstverletzendes Verhalten kann sich in vielfacher Weise äußern. Die häufigste Art stellt jedoch das Ritzen dar. Dabei werden dem eigenen Körper wiederholt Schnittverletzungen mit scharfen Gegenständen wie z.B. Rasierklingen oder Glasscherben zugefügt. Nicht selten wenden Betroffene mehrere selbstverletzende Methoden an, die sich über die Zeit hinweg ändern können. Dazu zählen unter anderem:

  • sich wund kratzen
  • sich ritzen oder schneiden mit scharfen Gegenständen
  • sich schlagen bzw. anschlagen gegen harte Gegenstände
  • sich kneifen
  • sich beißen
  • sich verbrennen
  • das Ausreißen von Haaren
  • exzessives Fingernägelkauen
  • das Abschnüren bestimmter Körperteile
  • ständiges Aufreißen von verheilenden Wunden
  • Versuche, sich die Knochen zu brechen
  • Einnahme schädlicher Substanzen (z.B. verdorbene Lebensmittel oder Reinigungsmittel)

Die am häufigsten verletzen Körperregion sind:

  • Unterarme
  • Handgelenke
  • Oberarme
  • Oberschenkel

Seltener werden Brust, Bauch, Gesicht oder Genitalbereich verletzt. Die Verletzungen sind meist gleich tief, gruppiert, parallel gereiht oder symmetrisch auf der Hautoberfläche erkennbar (auch in Form von Buchstaben oder Wörtern).

Wie entsteht selbstverletzendes Verhalten?

Selbstverletzendes Verhalten kann aufgrund von länger dauernden seelischen Belastungen, wie eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung, häufige Konflikte mit den Eltern oder Gleichaltrigen, seltener auch bei akuten seelischen Belastungen wie z.B. die Scheidung der Eltern, einer Trennung oder schulischen Problemen entstehen.

Aber auch geringes Selbstwertgefühl, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung können Auslöser sein. In den meisten Fällen tritt das Verhalten jedoch als Symptom oder in Begleitung anderer psychischer Erkrankungen auf, wie z.B.:

  • Depressionen
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PBS)
  • Substanzmissbrauch
  • Angsterkrankungen
  • Störung des Sozialverhaltens
  • Bulimia nervosa

+++ Mehr zum Thema: Psychische Erkrankungen bei Kindern +++

Selbstverletzendes Verhalten beginnt meist zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr, in manchen Fällen jedoch auch deutlich früher, seltener später. Bei den meisten Betroffenen ist es ein Ventil, starke innere Spannung abzubauen oder es dient als Selbstbestrafung, weil Betroffene wütend auf sich selbst sind.

Am häufigsten werden Selbstverletzungen eingesetzt, um extrem unangenehme Gefühle (z.B. Verzweiflung, Selbsthass, Depression, Angst) oder Erinnerungen, von denen die Betroffenen überwältigt werden, zu unterbrechen. Nach traumatischen Ereignissen wie zum Beispiel Missbrauch oder Misshandlung kann es zu immer wiederkehrenden „flash-backs“ – intensive, sich aufdrängende Erinnerungen an das Trauma – kommen, denen die Betroffenen hilflos ausgeliefert sind.

Die Selbstverletzung bewirkt eine Unterbrechung oder Linderung des intensiv unangenehmen Zustandes. Selbstverletzendes Verhalten dient somit als eine Art Bewältigungsstrategie. Nicht selten wird selbstverletzendes Verhalten von anderen Jugendlichen (z.B. Freunden oder Mitschülern) „erlernt“: die selbstverletzenden Handlungen werden von anderen Jugendlichen – die allerdings meist auch unter psychosozialen Belastungen leiden -nachgeahmt und schließlich übernommen.

Zu beachten ist hier auch die Rolle des Internets, wo viele Informationen zum selbstverletzenden Verhalten ausgetauscht werden, die eine soziale Akzeptanz und „Normalisierung“ dieses Verhaltens bewirken.

Egal welche Gründe zur Selbstverletzung führen, bei fast allen tritt im Anschluss ein Gefühl der Entlastung ein, Betroffene fühlen sich danach meist besser. Deshalb verletzen sich viele immer wieder. Manche werden durch eine körpereigene Endorphinausschüttung sogar süchtig nach dem Gefühl, das im Anschluss an das Verletzen auftritt.

Wie bei depressiven oder an Schizophrenie erkrankten Menschen ist auch bei Jugendlichen, die sich selbst verletzen, das Selbstmordrisiko erhöht. Selbstverletzendes Verhalten sollte daher immer ernst genommen und möglichst frühzeitig behandelt werden.

+++ Mehr zum Thema: Psychotherapie bei Depression +++

Wer ist von selbstverletzendem Verhalten besonders betroffen?

Mädchen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren haben ein erhöhtes Risiko ein selbstverletzendes Verhalten zu entwickeln. Das liegt unter anderem daran, dass Mädchen häufiger dazu neigen, negative Gefühle nach Innen, also gegen sich selbst zu richten.

Außerdem sind sie häufiger von Depressionen und Ängsten betroffen, was das Risiko für selbstverletzende Handlungen erhöht. Buben haben hingegen die Tendenz, ihre Wut und psychische Anspannung eher an ihrer Umwelt auszulassen. Das ist unter anderem auch auf den höheren Anteil an Testosteron im Körper zurückzuführen.

Wie erkennt man selbstverletzendes Verhalten?

Selbstverletzendes Verhalten ist ein Symptom, das im Rahmen von unterschiedlichen psychischen Störungen, aber auch unabhängig davon auftreten kann. Ob es sich um eine psychische Erkrankung handelt, wird von einem Facharzt für Psychiatrie, bzw. Kinder- und Jugendpsychiatrie, beurteilt (z.B. mittels Befragung oder Fragebogen).

Die Diagnose wird in Abhängigkeit von weiteren vorhandenen Symptomen (z.B. Depression, Ängste, Halluzinationen, sozialer Rückzug, etc.) und psychosozialen Belastungen gestellt. Auch die Häufigkeit des verletzenden Verhaltens spielt dabei eine wichtige Rolle.

Oft werden dieWunden und Verletzungen am Körper aus Scham versteckt. Betroffene tragen daher oft auch bei warmen Temperaturen lange Kleidung, die Narben oder frische Wunden verbergen. Weitere Warnzeichen sind u.a.:

  • Stimmungsänderungen
  • gestörtes Schlafverhalten
  • häufiges Einschließen im Zimmer bzw. Badezimmer
  • Vernachlässigung der eigenen Interessen (z.B. Freunde treffen, etc.)
  • Aufbewahren von Rasierklingen, Messern oder anderen spitzen Gegenständen

Wie wird selbstverletzendes Verhalten behandelt?

Akutbehandlung der körperlichen Verletzung:

Eine Schnitt- oder Verbrennungswunde muss immer sofort medizinisch behandelt werden, Desinfektion ist auch bei oberflächlichen Verletzungen notwendig. Die Patienten haben das Anrecht, freundlich und respektvoll behandelt zu werden – Kritik am selbstverletzenden Verhalten ist nicht angebracht!

+++ Mehr zum Thema: Wundversorgung +++

Psychosoziale Behandlung:

Da selbstverletzendes Verhalten unterschiedliche Ursachen haben kann, ist es wichtig, die Behandlung dementsprechend anzupassen. Am besten wendet man sich an einen Psychologen oder Kinder- und Jugendpsychiater. Dieser hat die Möglichkeit, abhängig von der Grunderkrankung oder Störung, spezielle therapeutische Verfahren zur Behandlung einzusetzen.

Als besonders wirksam hat sich etwa die kognitive Verhaltenstherapie gezeigt. Dabei lernen Jugendliche neue Bewältigungsstrategien, um auf belastende Situationen besser reagieren und ihre Emotionen kontrollieren zu können. Mögliche Auslöser für selbstverletzendes Verhalten werden dabei analysiert, um rechtzeitig erkannt werden zu können. Auch Entspannungstechniken wie Yoga oder progressive Muskelentspannung können Teil der Therapie sein.

Als erste Maßnahme hat sich neben einer ausführlichen Aufklärung der Betroffenen und ihrer Eltern das „Skills-Training“ bewährt: hier werden Strategien geübt, durch die das selbstverletzende Verhalten ersetzt werden soll, z.B. Einsatz von starken Sinnesreizen wie Eiswürfel in den Nacken oder auf die Handgelenke, Beißen in Chilischoten, Kneten eines Igelballs, Trinken von purem Zitronensaft, etc. Auch Ablenkung durch intensive Konzentration auf körperliche oder geistige Aktivitäten kommt hier zum Einsatz.

Liegt dem selbstverletzenden Verhalten eine schwerwiegende psychische Erkrankung (z.B. Depression, Borderline Störung) zugrunde, können Psychopharmaka zusätzlich zur Psychotherapie zum Einsatz kommen. Vor allem bei Jugendlichen sollten die Eltern und andere Bezugspersonen in die Behandlung miteinbezogen werden. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen können auch von ihnen eingesetzt werden und tragen wesentlich zu einer erfolgreichen Behandlung bei.

Was können Angehörige tun?

Selbstverletzendes Verhalten ist auf jeden Fall als Notsignal zu werten und muss ernst genommen werden. Für Eltern und Angehörige ist es jedoch oft schwierig, Anzeichen eines selbstverletzenden Verhaltens zu erkennen. Jugendliche schämen sich häufig für ihr Verhalten und suchen daher nicht aktiv nach Hilfe.

Für Freunde und Geschwister eines Betroffenen gilt daher: Bei ersten Anzeichen nicht warten, sondern unbedingt mit den Eltern oder einer anderen erwachsenen Vertrauensperson darüber sprechen.

Tipps für Eltern und Bezugspersonen:

  • Sprechen Sie das Problem offen an.
  • Helfen Sie betroffenen Kindern bzw. Jugendlichen zu verstehen, was das Verhalten bei anderen auslöst (z.B. Sorge, Angst, etc.)
  • Nehmen Sie die Gefühle des Kindes bzw. Jugendlichen ernst.
  • Üben Sie keinen Druck auf das Kind aus, wenn es nicht darüber reden will.
  • Stellen Sie keine Ultimaten oder Verbote auf. Selbstverletzendes Verhalten kann nicht unterdrückt werden.
  • Helfen Sie dem Kind, das Problem selbst zu erkennen.
  • Versuchen Sie nicht zu lange, das Problem selbst in den Griff zu bekommen, sondern holen Sie sich möglichst früh professionelle Hilfe.

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Autoren:
Tanja Unterberger
Medizinisches Review:
Dr. Christine Vesely
Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch

Stand der medizinischen Information: März 2017

Eine englische Studie von der Universität in Manchester hat herausgefunden, dass die Zahl der Mädchen, die sich ritzen, drastisch angestiegen ist. Ursprünglich war das Ziel dieser Studie herauszufinden, inwieweit das Ritzen im Teenageralter dazu führt, sich später durch Drogen und Alkohol verführen zu lassen oder sogar Selbstmord zu begehen. Die Studie wurde im British Medical Journal veröffentlicht.

Die Daten von fast 17.000 Patienten aus 674 Allgemeinarztpraxen wurden gesammelt. Fazit: Bei Mädchen im Alter von 13 bis 16 Jahren stiegen die Berichte über Selbstverletzungen von 45,9 Fälle pro 10.000 im Jahr 2011 auf 77,0 Fälle pro 10.000 im Jahr 2014 an – das ist ein Anstieg von 68 Prozent.

Wir haben uns zusammen mit Antje Kaufmann von der Selbsthilfewebsite www.rotetraenen.de den wichtigsten Fragen angenommen: „Was ist Ritzen eigentlich?“, „Wo liegen die Gründe?“ und „Warum kann man nicht einfach wieder aufhören?“ Außerdem haben wir Tipps, wie du damit umgehst, wenn du selbst oder eine Freundin betroffen ist. Plus: Links und Ansprechpartner, wo du dir Unterstützung und Hilfe holen kannst.

Die ganz persönliche Sicht auf das Thema Ritzen und Selbstverletzendes Verhalten kannst du in unserem Interview mit einer Betroffenen nachlesen: Ritzen ist kein Trend!

Ritzen & SSV: ein Erfahrungsbericht

Ritzen: Ursachen und Gründe

Warum kann man nicht einfach damit aufhören?

Warum ritzen sich mehr Mädchen als Jungs?

Ritzen auf den sozialen Netzwerken

Wie soll ich damit umgehen?

Wie können Experten Jugendlichen helfen?

Hier findest du Hilfe und Unterstützung zum Thema Ritzen

Ritzen: Ursachen & Gründe

Ritzen ist eine Form von selbstverletzendem Verhalten (SVV). Die Betroffenen schneiden sich mit Messern, Rasierklingen oder ritzen sich mit Scherben und anderen scharfen Gegenständen. Andere Formen von SVV sind Brandwunden von Zigaretten, Verbrühungen, Kratzen etc.

Doch warum verletzen sich so viele Mädchen, schneiden sich mit Rasierklingen die Unterarme auf, so dass die Wunden teilweise sogar genäht werden müssen? Das ist für Außenstehende schwer nachvollziehbar und ebenso dürftig erklärbar. Denn bei jedem Mädchen, das sich ritzt, verbirgt sich hinter dem Verhalten ein sehr persönlicher Grund. Oftmals können Betroffene diesen auch nicht genau benennen. Doch eines scheinen fast alle gemeinsam zu haben: Sie brauchen den Schmerz, um sich selbst zu spüren und den seelischen Schmerz mit körperlichem Schmerz zu überdecken. Was das für seelische Schmerzen sind? Das kann ein mangelndes Selbstwertgefühl sein, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, Depressionen, Panikattacken, Angstzustände und vieles mehr. Diese Emotionen üben einen ungeheuren Druck aus, da die Betroffenen sie nicht nach außen tragen können. Und dann passiert es: Das Ritzen dient als Ventil für den seelischen Druck.

Als Außenstehender bemerkt man meist nichts von den seelischen Qualen, denen die Mädels ausgesetzt sind. Besonders bitter: Wenn sie versuchen, über ihre Probleme zu sprechen – nicht über das Ritzen – kommt häufig der Satz „Was willst du schon für Probleme haben“.

Warum kann man nicht einfach damit aufhören?

Das haben wir uns auch gefragt und Antje Kaufmann hat uns die Antwort gegeben: „Selbstverletzung hat für den Betroffenen verschiedene Wirkungen, sobald es als Fluchtmittel in einen beruhigenden Zustand dient, entwickelt es auch einen Suchtcharakter. Der Betroffene hat gelernt, was hilft und kann dieses Verhalten nicht einfach wieder ablegen.“Das heißt sobald die Verzweiflung wieder zurückkehrt, kommt auch der Drang, sich zu ritzen, wieder. Auch gibt das Ritzen ihnen ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit. Da Jugendliche, die sich selbst verletzen, häufig unter dem Gefühl leiden, nichts hinzubekommen. Doch meist steigt danach die Verzweiflung, wenn man sich doch verletzt hat und der seelische Schmerz wird noch größer. So beginnt meist der Teufelskreis.

Warum ritzen sich mehr Mädchen als Jungs?

Mädchen gelten als ruhiger, fürsorglicher und „lieber“ als Jungen. Zumindest wird das von ihnen erwartet. Und: Aggressionen und Ärger fressen Mädchen eher in sich hinein als Jungs. Gerade in der Pubertät, wenn die Gefühle verrückt spielen, können Mädchen ihre Wut und Stimmungen nicht so gut rauslassen wie Jungs. Die Folge: Sie lassen sie an ihrem Körper aus. Oft durch das Ritzen. Trotzdem gibt es auch Jungs, die sich selbst verletzen, weiß Antje Kaufmann von rotetraenen.de: „Studien gehen von einem Verhältnis von etwa 3-5:1 aus, eine Umfrage von 2002 hat ergeben, dass etwa jeder 10. User von rotetraenen.de männlich ist. Es wird aber davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer höher ist.

Ritzen in den sozialen Netzwerken

Oft ist es ja auch so, dass Betroffene sich austauschen und in ihrem Tun bestärken. So unter anderem auch auf Instagram. Wissenschaftler der Universität Ulm haben genau dies untersucht: wie Bilder solcher Selbstverletzungen in Sozialen Medien wie Instagram verbreitet und kommentiert werden. Ihre Ergebnisse gibt es in der Psychological Medicine 2017 nachzulesen. Für ihre Studie analysierten die Forscher 32.000 Bilder sowie alle Kommentare, die im April 2016 über deutsche Hashtags wie #ritzen #svv und andere gepostet wurden. Dabei fanden sie heraus, dass viele Bilder abends, häufig an den Wochenende hochgeladen werden. Außerdem haben Bilder mit schlimmen Verletzungen meist mehr Kommentare. Ein gefährlicher Trend, den man wirklich nicht nachmachen sollte! Das finden auch die Plattformen selbst: Wer auf Instagram beispielsweise den hashtag #ritzen eingibt, wird in einem Pop-Up-Fenster über spezielle Hilfsangebote informiert. Gefördert wurde die Studie der Ulmer Forscher übrigens von der VW-Stiftung.

Inhalt dieses Artikels:
Ritzen kurz erklärt
Warnsignale erkennen
Risikofaktoren für selbstverletzendes Verhalten
Warum ritzen sich Kinder?
Wie kann ich meinem Kind helfen?
Psychologische Hilfe annehmen
Wohin kann ich mich wenden, wenn mein Kind sich ritzt?

Ritzen kurz erklärt Beim Ritzen schneiden sich betroffene Personen mit Messern, Rasierklingen oder anderen scharfen Gegenständen in die Haut. Ritzen ist eine Form von selbstverletzendem Verhalten. Andere Varianten sind beispielsweise das Verbrennen der Haut mit Zigaretten, das Hinzufügen von Bisswunden oder das Stechen mit Nadeln. Meistens tritt selbstverletzendes Verhalten im Kindes- und Jugendalter zuerst auf. Erwachsene sind seltener betroffen. Dem Ritzen liegt meist keine Suizidabsicht zugrunde. Ziel ist das Hinzufügen von Schmerz. Ritzen dient dabei als Ventil für Emotionen oder Konflikte. Nicht immer ist eine schwere psychische Erkrankung wie Borderline Ursache für dieses Verhalten. Inzwischen ist das Phänomen gut erforscht und neben Psychotherapeuten und Ärzten gibt es auch telefonische Anlaufstellen für Eltern betroffener Kinder.

Warnsignale des Ritzens rechtzeitig erkennen

Wenn Kinder anfangen, sich selbst zu verletzen, sind sie oft recht geschickt, wenn es darum geht, die Folgen des Ritzens zu verstecken. Du solltest daher aufmerksam werden, wenn dein Kind plötzlich auch im Sommer keine kurzärmeligen Shirts oder kurze Hosen tragen will oder nicht zum Schwimmen oder zum Sport möchte. Geritzt wird schließlich meistens an Armen und Beinen. Wenn du ungewöhnliche Kratzer bemerkst, wird dein Kind vielleicht behaupten, sie kämen vom Spielen mit der Katze oder der Katze einer Freundin.

Natürlich kann das vorkommen und du solltest deinem Kind auch Vertrauen entgegenbringen. Trotzdem erkennt man Wunden vom Ritzen oft an ihrer Form. Meistens wird parallel geritzt, auch die Richtung der Schnitte kann ein Hinweis sein. Geritzt wird vor allem an Anfang oft entlang des Armes oder quer zum Arm. Spätestens wenn immer wieder neue Wunden dazukommen, ist es Zeit, der Ursache auf den Grund zu gehen.

Warum ritzt man sich überhaupt?

Prinzipiell kann selbstverletzendes Verhalten jede Person betreffen. Dennoch weisen Menschen, die sich ritzen, oft bestimmte Züge in ihrer Persönlichkeit auf, die dieses Verhalten noch begünstigen.

Vor allem drei Faktoren sind dabei nach gängiger Lehrmeinung besonders ungünstige Faktoren und können selbstverletzendes Verhalten auslösen:

1. Emotionale Labilität begünstigt Ritzen

Die emotionale Labilität (auch Neurotizismus genannt) ist ein Bündel aus Reizbarkeit, Nervosität, Unsicherheit, Ärger, Angst und einer starken Neigung zur Melancholie. Auf Stress und Druck reagieren labile Persönlichkeiten sehr sensibel, unter anderem auch mit körperlichen Beschwerden wie Kopfschmerzen. Ganz allgemein ist die Grundhaltung im Alltag negativ gekennzeichnet und nicht selten ist ein negatives Erlebnis in der Kindheit oder ein Trauma für die emotionale Labilität verantwortlich.

2. Vermindertes Selbstwertgefühl kann zu selbstverletzendem Verhalten führen

Hinzu kommt der verminderte Selbstwert. Im Gegensatz zu Erwachsenen suchen Jugendliche noch nach ihrer Identität, der Prozess der Identitätsfindung ist also noch nicht abgeschlossen. Es herrschen starke Zweifel in Bezug auf die eigene Persönlichkeit vor und viele schätzen sich selbst gering oder werten den eigenen Charakter ab.

3. Unfähigkeit, Emotionen auszudrücken

Kommt nun die Unfähigkeit Emotionen – besonders Ärger – auszudrücken, entsteht ein massiver psychischer Druck. Das kann man sich wie einen Kochtopf vorstellen: Im Inneren steigt der Leidensdruck immer mehr an, gleichzeitig haben Betroffene keine Möglichkeit, ihre Wut und ihren Frust abzubauen. Es entsteht das Gefühl, den eigenen Emotionen hilflos ausgeliefert zu sein.

Was für Funktionen erfüllt das Ritzen dabei?

Dass dieser massive psychische Druck ein Ventil findet, ist die Hauptfunktion des selbstverletzenden Verhaltens. Statt dem eigenen Gefühlschaos ohne Ausweg gegenüberzustehen, dient der Schmerz als Notausgang: Verletzungen schütten Hormone aus, die den Fokus weg von der Emotion hin zum Schmerz lenken – das Ritzen ist fast wie eine Droge. Es ersetzt psychische Pein durch physischen Schmerz und verschafft dadurch paradoxerweise Linderung in einer schwierigen Situation.

Ritzen ist ein Ventil

Dem Betroffenen selbst fehlen die Mittel, diesen psychischen Druck auszugleichen oder auf sprachliche oder künstlerische Art auszudrücken. Der Vorgang des Ritzens gibt dem Jugendlichen daher eine gewisse Form von Sicherheit und Stabilität: Wird der innere Druck zu stark, gaukelt das selbstverletzende Verhalten eine Möglichkeit vor, Herr der Lage zu bleiben. Dieses Verhaltensmuster kann sich rasch zu einem Dauerventil entwickeln. Je früher das problematische Verhalten erkannt wird, desto besser lassen sich Gegenmaßnahmen gegen das Ritzen finden.

Auch Gruppendynamik kann Ursache sein

Manchmal hat Ritzen auch einfach die Funktion, Solidarität zu anderen ritzenden Jugendlichen zu zeigen und Gruppenzugehörigkeit zu demonstrieren, sowie Anerkennung innerhalb des Freundeskreises zu gewinnen. Es ist auch möglich, dass sich Ritzer durch ihr Verhalten von der Erwachsenenwelt abgrenzen wollen und durch ihr Verhalten gegen Regeln und Konventionen der Eltern demonstrieren. Narben statt bunte Haare – die Konsequenz, dass eine Narbe auch nach Jahren noch sichtbar ist, verleiht dem Protest aus Sicht der Jugendlichen zusätzliche Wucht.

Hintergrund

News Mobbing im Kindesalter hat Langzeitfolgen Mobbing ist mittlerweile ein Massenphänomen geworden, das bereits im Kindesalter beginnt. Eine neue Studie zeigt nun, dass Häme und Spott während der Kindheit Langzeitfolgen für die Gesundheit haben.

Was kann ich tun, um meinem Kind zu helfen?

Eltern reagieren oft entsetzt, wenn sie bemerken, dass das eigene Kind sich selbst verletzt. Bei allem Schrecken über diese Entdeckung solltest du aber keinesfalls mit Ärger, Wut oder Enttäuschung reagieren. Wie oben geschildert ist das Ritzen keine Laune, der sich dein Kind freiwillig hingibt. Vorwürfe oder gar Druck helfen deinem Kind überhaupt nicht, selbstverletzendes Verhalten zu vermeiden. Und so schwer es auch ist: Es geht nicht in erster Linie darum, wie du dich fühlst, sondern darum, deinem Kind zu helfen. Wer aus der Wut heraus agiert, signalisiert seinem Kind nicht gerade Hilfsbereitschaft.

Wut und (Selbst-)Vorwürfe sind der falsche Weg!

Zunächst einmal solltest du selbst ruhig und sachlich bleiben. In jedem Fall solltest du das Ritzen ernst nehmen, auch wenn verschiedene Gründe dahinterstecken können und dein Kind nicht zwingend psychisch krank sein muss. Möglicherweise probiert es das Ritzen nur aus Neugier aus, weil es Freunde oder Prominente auch machen. Diesem Nachahmungseffekt kannst du durch ein Gespräch auf Augenhöhe begegnen. Frage nach, warum dein Kind tut, was es tut und was es damit bezweckt. So unschön es auch ist, vielleicht probiert sich dein Kind nur aus.

Geht es um einen Mutbeweis in der Gruppe kannst du natürlich fragen, welche Freunde derartige Mutproben verlangen. Oft reagieren Jugendliche aber trotzig, wenn man ihren Freundeskreis infrage stellt. Dann könntest du den Stier bei den Hörnern packen: Statt Ritzen ein Piercing – Mutprobe bestanden und kosmetisch weniger folgenreich als Schnitte auf der Haut.

Ritzern fehlen oft andere Ausdrucksformen – sucht gemeinsam danach!

Problematisch wird es besonders dann, wenn dein Kind nicht über das Ritzen sprechen möchte und dieses immer länger und häufiger praktiziert. Trotzdem darfst du ihm auf keinen Fall Vorwürfe machen. Das würde das Band kappen, das du als Mutter oder Vater zu deinem Kind hast – „Du verstehst mich doch eh nicht!“ ist ein Vorwurf, den Eltern von Pubertierenden oft hören. Versuche stattdessen, eine Vertrauensbasis zu schaffen und ihm zu zeigen, dass du seine Gefühle ernst nimmst. Mache deinem Kind klar, dass du es für sein Verhalten nicht verurteilst, sondern besorgt bist und ihm helfen willst. Forsche nach den Gründen für das selbstverletzende Verhalten und zeige deinem Kind Alternativen auf: Wie gehst du selbst mit emotional belastenden Situationen um? Wie wäre es, andere Wege auszuprobieren, die aufgestauten Emotionen zu kanalisieren? Vielleicht schreibst du deine Gefühle, Sorgen und Nöte auf und vertraust dich einem Tagebuch an oder sprichst darüber mit Freunden und Partnern?

Literatur und Musik sind mehr als nur Kunst

Künstlerische Aktivitäten können oft ein Weg sein, die inneren Dämonen zu beherrschen: Poesie kann ein Mittel sein, um die quälenden Gedanken zu formulieren und ihnen damit den Schrecken zu nehmen. Auch Musik machen kann diesen Zweck erfüllen. Eine Gitarre ist nicht teuer, kann aber ein Werkzeug sein, um deinem Kind neue Ausdrucksmöglichkeiten für seine Seele zu geben. Dasselbe gilt natürlich auch für Zeichnen und Malerei. Auch Sport hilft dabei, aufgestaute Emotionen zu bewältigen. Schenke ein Skateboard, ein BMX oder ein Paar Kletterschuhe zum Geburtstag. Interessiert sich dein Kind für etwas Bestimmtes, ermutige es, es zu versuchen und hilf ihm dabei, den Einstieg zu schaffen.

Keine Scheu vor Psychotherapeuten und Ärzten

Es ist keine Schande, wenn du dir eingestehen musst, dass du alleine deinem Kind nicht helfen kannst. Führen deine Hilfsangebote nicht dazu, dass das Ritzen abnimmt oder aufhört, solltest du dafür sorgen, dass dein Kind professionelle Unterstützung bekommt. Schon um abzuklären, ob dem Ritzen vielleicht eine psychische Erkrankung wie Borderline zugrunde liegen könnte. Aber auch wenn dein Kind sich verschließt und du keinen Zugang mehr zu ihm findest, kann eine Person von außen mehr Hilfe anbieten.

Wo bekomme ich Hilfe, wenn mein Kind sich ritzt?

Hilfe für Eltern bieten unter anderem Jugendämter, Beratungsstellen und viele größere Kliniken. Erste Anlaufstation kann natürlich dein Hausarzt oder der Kinderarzt sein. Das Symptom Ritzen ist inzwischen gut bekannt und leider weit verbreitet. Ärzte nehmen selbstverletzendes Verhalten ernst und kennen sicher Kolleginnen und Kollegen, die auf die Behandlung spezialisiert sind. Auch Krankenkassen können oft Ansprechpartner in eurer Nähe nennen.

Spezielle Kinder- oder Jugendpsychologen kennen sich auch mit Ritzen aus, ein Termin in ihrer Praxis kann sinnvoll sein. Bedenke dabei: Zum Psychologen zu gehen ist eine Hilfestellung und nichts, wofür du dich oder dein Kind sich schämen muss! Eine erste Anlaufstelle kann auch die Eltern-Hilfe-Hotline („Nummer gegen Kummer“) sein. Du erreichst das Elterntelefon unter der Telefonnummer 0800 111 0 550 zu folgenden Zeiten: Montag bis Freitag jeweils von 9 bis 11 Uhr, Dienstag und Donnerstag zusätzlich auch von 17 bis 19 Uhr. Die Beratungsangebote sind für dich völlig kostenlos und natürlich anonym.

Einen Ratgeber zum Umgang mit Kindern, die sich selbst verletzen, gibt’s hier (Anzeige):

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Gefühle: „Die Sucht zu ritzen, war größer als die Angst“

„Durch die Sucht zu ritzen, fühlte ich mich stark“

Mit vierzehn habe ich angefangen zu ritzen. Einen konkreten Anlass gab es nicht. Ich war einfach in einer ganz depressiven Stimmung. Ich nahm eine Rasierklinge meines Vaters und dachte: „Du könntest dich jetzt auch umbringen.“ Ich wusste, wenn ich längs ritze, kann das richtig in die Hose gehen. Deswegen habe ich quer geschnitten, auf einem kleinen Stück kurz über dem Handgelenk. Zuerst tat es höllisch weh. Aber ein paar Minuten später dachte ich: „Okay, so schlimm war’s auch nicht. Wenn du wolltest, könntest du Ernst machen.“ Das beruhigte mich, und ich fühlte mich stark.

Ritzen: „Ich verhielt mich wie ein Junkie“

Es dauerte nicht lang, bis ich zum zweiten Mal ritzte. Irgendwann in den nächsten Tagen, als mich wieder die Traurigkeit überkam. Ich machte es an der gleichen Stelle, die Wunde hatte sich noch nicht richtig geschlossen. Dieses Mal ritzte ich tiefer, ich wollte probieren, wie viel ich aushalten kann. Wieder spürte ich diesen wahnsinnigen Schmerz – und war gleichzeitig stolz auf meinen Mut. Von da an war es eine Sucht – ich konnte nicht mehr aufhören.

Ich verhielt mich wie ein Junkie und legte mir die nötige Ausrüstung zu: Salben, Pflaster, Alkohol zum Desinfizieren und spezielle Klebebänder, mit denen man tiefere Wunden zupflastern kann. All das bewahrte ich in einem kleinen Kasten auf. Schon bald kaufte ich mir die Rasierklingen selber, statt die meines Vaters zu nehmen. Manchmal verspürte ich den Drang, mich zwei, drei Mal am Tag zu ritzen, dann wieder ein paar Tage nicht, je nach Stimmung. Meist wartete ich, bis meine Eltern schlafen gingen. Dann setzte ich mich aufs Bett, packte die Sachen aus, legte das Verbandszeug zurecht und ritzte los. Es war völlig verrückt, was ich da tat, aber diesen körperlichen Schmerz ertrug ich besser als die große Traurigkeit in mir. Wenn ich ritzte, konnte ich abschalten. Für den Augenblick war ich total weg, wie auf Droge. Endlich kein Druck mehr, wenigstens für eine kurze Zeit.

>>Auf der nächsten Seite: Kann man die Sucht, zu ritzen, kontrollieren?

Die Sucht, zu ritzen: Lange Ärmel im Hochsommer

Wir sind eigentlich eine ganz normale Familie: meine Eltern seit langem verheiratet, mein Vater nicht besonders dominant, aber selbstbewusster als meine Mutter. Die ist eher zurückhaltend und unsicher. Früher war sie oft antriebslos und traurig, heute weiß ich, dass sie unter Depressionen litt. Damals hatte ich einfach den Eindruck, dass sie unter Stress stand – es gab da einen komplizierten Erbschaftsstreit – und deswegen oft weinte. Ich kam mir ihr gegenüber extrem hilflos vor. Außerdem vermittelte sie mir immer wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. An allem hatte ich Schuld. Wenn es Streit gab oder Ärger in der Schule, hieß es immer: „Klar, dass dir das wieder passiert.“ Ich versuchte, ihr nicht noch mehr Kummer zu bereiten, ihr nicht zur Last zu fallen. Schon als Kind zog ich mich oft in mein Zimmer zurück, hörte Musik und war in einer melancholischen Stimmung.
Gestritten habe ich selten mit meinen Eltern. Ich bin sehr harmoniesüchtig und versuche, alles mit mir selber auszumachen. Meine Mutter verhält sich genauso, zwischen uns wurde vieles ausgeschwiegen. Meine große Schwester ist da anders. Die knallt Türen und lässt ihre Wut raus. Ich bekomme totale Schuldgefühle, wenn ich laut werde.

Ich hatte oft Angst, dass Leute mich nach den Narben fragen, die ich mir durch das Ritzen zuzog. Selbst im Hochsommer trug ich lange Ärmel aus Angst, jemand könnte von meiner Sucht mitbekommen. Ich wollte mit niemandem darüber reden. Schon gar nicht mit meinen Eltern. Einmal sprach meine Mutter mich im Badezimmer an, aber da sagte ich, dass ich beim Reiten in einen Stacheldraht gefasst hätte. Sie glaubte mir, wahrscheinlich wollte sie mir einfach glauben.

Die Sucht nach dem Ritzen kontrollieren?

Reiten war das Einzige, was mich wirklich glücklich machte. Wenn ich allein mit dem Pferd durch den Wald trabte, hatte ich endlich mal keine miesen Gefühle und konnte alles ausblenden, was nervte. Mit 20 lernte ich meinen neuen Freund kennen und hörte für ein paar Monate auf zu ritzen. Komischerweise hatte ich sowieso immer das Gefühl, ich könnte die Sucht kontrollieren. Damit habe ich mich natürlich komplett belogen. Als ich wieder anfing zu ritzen, fühlte sich mein Freund völlig überfordert. „Wieso machst du das? Habe ich dir irgendwas getan?“, fragte er immer wieder. Aber ich konnte nicht mit ihm darüber reden. Wenn ich am Wochenende bei ihm war, riss ich mich zusammen. Nach zwei Jahren trennte er sich von mir, ich litt extrem und heulte jeden Tag. Mein Trost war das Ritzen, es war wie ein Nachhausekommen. Trotzdem wusste ich, dass ich so nicht weiterleben konnte.

>>Auf der nächsten Seite: Therapie gegen die Sucht zu ritzen

Die Sucht vertraute ich meinem Lehrer an

Es gab nur einen Menschen, zu dem ich ein wenig Vertrauen hatte: meinen Deutschlehrer. Eines Tages ging ich nach der Stunde einfach zu ihm, hielt ihm meine Unterarme hin und sagte: „Ich brauche Hilfe.“ Er war geschockt, wusste aber sofort, um was es ging. Er sagte, dass ich unbedingt zu einem Therapeuten müsste. Ich lehnte zuerst alles ab, schließlich schaffte er es doch, dass ich mir einen Termin geben ließ.

„Kannst Du nicht einfach aufhören, zu ritzen?“

Ungefähr zu der Zeit sprach mich meine Mutter zum zweiten Mal auf die Sache an: „Darf ich dich mal was fragen? Du verletzt dich doch, oder?“ Ich nickte. Sie wollte die Wunden sehen, und ich zeigte ihr meine Arme. Aber wir schafften es nicht, wirklich miteinander zu reden. Ich blockte ab, und sie drang nicht weiter nach. Sie sagte nur: „Kannst du nicht einfach aufhören, zu ritzen?“ Sie konnte nicht verstehen, dass ich mir selbst Schmerzen zufügte, um meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Dass das Ritzen eine Sucht für mich ist. Ich glaube, sie hatte wahnsinnige Angst und war einfach überfordert von der Situation.
Die Therapie brachte nichts. Ich ging einmal in der Woche zu einem Gesprächspsychologen. Er versuchte, mit mir das Ritzen anzugehen, aber wahrscheinlich war ich noch nicht bereit dafür. Nach ein paar Sitzungen brach ich die Behandlung ab. Danach wurde es noch schlimmer.

Ich wollte intensiveren Schmerz spüren und begann mich zu verbrennen. Ich hielt den Arm über eine Kerze, immer ein bisschen länger, und war wahnsinnig gespannt, wie die Wunde aussehen würde. Die Verletzungen mussten grausam aussehen, erst dann bekamen sie für mich einen Wert. Ich fuhr auch fort, mich zu ritzen, viel tiefer als früher. Manchmal hatte ich Angst, dass die Haut irgendwann nicht mehr zusammenwächst oder ich mir eine Blutvergiftung hole.
Es gab natürlich Momente, in denen ich dachte: „Was tust du hier eigentlich? Was erzählst du den anderen Leuten, wenn sie dich darauf ansprechen?“ Aber die Sucht zu ritzen, war größer als die Angst.

Klinikaufenthalt zur Bekämpfung der Sucht zu ritzen

In einer Apotheke begann ich eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin. Ich verletzte mich jetzt nicht nur abends, sondern manchmal auch tagsüber während der Arbeit auf dem Klo. Mittlerweile hatte ich sogar angefangen, mich zu verätzen, um den Schmerz und die Wunden-Optik noch zu steigern. In der Zeit wurde mir klar, dass ich die Sucht nicht mehr unter Kontrolle habe. Einmal war es so schlimm, dass die Wunde ausgeschnitten werden musste. Ein höllischer Schmerz. Der Hausarzt, zu dem ich ging, wusste Bescheid. Seine Praxis lag über der Apotheke, und ich war schon mal bei ihm gewesen war, als ich zu tief geritzt hatte. Er behandelte mich ohne Vorwürfe, zu ihm bekam ich Vertrauen.
Er gab mir schließlich die Nummer eines anderen Therapeuten, zu dem ich ein knappes Jahr ging. Trotzdem verletzte ich mich immer weiter. Der Druck ging nicht weg. Der Therapeut vermittelte mir dann einen Klinikaufenthalt in Bad Herrenalb. Ich sperrte mich zuerst wahnsinnig dagegen, weil ich dachte: „Jetzt schiebt er mich in die Klapse ab.“

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Nichts, was einen von der Sucht ablenken kann

Der erste Tag in der Klinik war Horror. Kein Walkman, kein Fernseher, keine Bücher. Nichts, was von den eigenen Gefühlen und der Sucht ablenkt. Und dann lagen da alle im Aufenthaltsraum rum und haben gekuschelt. Da dachte ich nur: „Nee, das machst du nie!“ Aber es dauerte nicht lang, da lag auch ich kuschelnd auf dem Sofa. Ich hatte große Hemmungen, zu jemandem zu sagen: „Mir geht’s schlecht, nimm mich bitte in den Arm!“ Doch wenn es um einen herum alle machen, überwindet man die Scheu. Und bald fand ich es schön! Es war richtig klasse! Das klingt wahrscheinlich abgedreht, aber es ist ein Therapie-Konzept: „Bonding“ heißt es, und das bedeutet so viel wie „Nähe“ und „Umarmen“. Mir hat es sehr geholfen, mit meiner Sucht umzugehen. Schon nach der ersten Woche hörte ich mit dem Ritzen und den Selbstverletzungen auf.

Die Sucht ist bequem

Als ich aus Bad Herrenalb zurück nach Hause kam, fühlte ich mich erst mal völlig fremd, hatte elendiges Heimweh nach der Klinik, nach der Nähe und den Menschen. Das Einzige, was sich vertraut anfühlte, war das Ritzen. Und so fing ich wieder an. Zwar mit schlechtem Gewissen, aber irgendwann kommt man in so eine Scheißegal-Stimmung und denkt, man hält’s anders nicht mehr aus.
Während der letzten Monate hat sich mein Leben sehr verändert. Ich bin zu Hause ausgezogen und lebe jetzt in meiner eigenen Wohnung. Endlich bekomme ich etwas Abstand zu meinen Eltern. Ich habe so mehr Freiheiten, leider auch für das Ritzen. Aber ich merke, dass die Methoden, die ich in der Klinik gelernt habe, wirklich helfen. Zum Beispiel, meine Gefühle wahrzunehmen. Außerdem habe ich wieder einen Freund. Ich lernte ihn über die Website einer Selbsthilfegruppe kennen. Er ist der erste Mensch, der mich ohne viele Worte versteht und den ich wirklich an mich ranlasse. Es ist unbeschreiblich viel Vertrauen in dieser Beziehung. Er gibt mir eine Nähe, die ich noch nie erlebt habe, aber nach der ich mich immer gesehnt habe. Wir sind beide noch nicht ganz vom Ritzen weg. Aber wenn einer von uns wieder den Druck spürt, reden wir darüber – ohne uns gegenseitig durch Vorwürfe runterzuziehen.
Manchmal hasse ich mich dafür, dass ich es trotz meiner vielen Therapien immer noch nicht hinkriege, endgültig mit dem Ritzen aufzuhören. Doch ich merke, dass ich auf dem richtigen Weg bin, die Sucht zu bekämpfen. Ich lerne neue Verhaltensweisen, statt mich zu ritzen, bitte ich um eine Umarmung. Das ist immer wieder schwer, denn der alte Weg ist so bequem. Aber der neue Weg, ohne die Sucht, dafür mit Umarmungen, ist wesentlich schöner als die Schnitte. Sich vom Ritzen zu befreien, ist wahrscheinlich ein Lebensprogramm. Und vielleicht werde ich es nie ganz los. Das Ritzen gehört zu mir, egal ob mir das gefällt oder nicht. Neulich fiel mir auf, dass ich den Kasten mit den Schneide-Utensilien lange nicht geöffnet habe. Ich überlegte, ob ich ihn nicht wegwerfen soll. Aber dann dachte ich, er ist ein Teil meines Lebens, eine Art Heiligtum. Ich glaube, ich werde ihn für immer behalten.

>>Auf der nächsten Seite: Interview mit einem Psychatrie-Professor über die Sucht zu ritzen

Experten-Interview über die Sucht, zu ritzen

Ulrich Sachsse ist Professor für Psychiatrie in Göttingen. Er forscht seit Jahren zum Thema Auto-Aggression und Sucht nach Selbstverletzung.

BYM.de: Warum fügt ein Mensch sich freiwillig Schmerzen zu?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Das ist für Außenstehende natürlich schwer zu verstehen. Für diese Menschen ist die Verletzung ein wirksames Medikament gegen extreme Anspannung und Stress. Durch das Ritzen können sie den enormen Druck, der sie quält, abbauen. Sie fühlen sich und ihren Körper wieder. Wir vermuten, dass es biochemische Abläufe im Gehirn gibt, die diese Wirkung verstärken.

BYM.de: Tut das Ritzen nicht weh?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Das stellt man sich so vor. Aber nein: Durch die starke Anspannung ist das Schmerzempfinden herabgesetzt. Diesen Zustand kennen auch Sportler, die erst nach dem Wettkampf ihre Verletzungen bemerken.

BYM.de: Was fühlen ritzende Menschen hinterher?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Nach etwa 60 Sekunden setzt die Entspannung ein. Es ist, als wenn ein Lichtschalter umgelegt würde. Und mit der Beruhigung steigt das Schmerzempfinden wieder. Oft versorgen die Patientinnen ihre Wunden anschließend sehr sorgsam.

BYM.de: Welche Formen der Verletzungen gibt es?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Am häufigsten kommt Ritzen mit Rasierklingen, Glasscherben und Ähnlichem vor. Oder Verbrennen mit Feuerzeugen und Zigaretten.

BYM.de: Warum gerät jemand in so starke Erregungszustände, dass nur noch Selbstverletzung hilft?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Schwierig zu sagen. Ursache für die Sucht können traumatische Erfahrungen sein, die durch bestimmte Erlebnisse wieder wachgerufen werden. Manchmal ist es auch Alltagsstress, der nicht bewältigt werden kann.

BYM.de: Warum ritzen mehr Frauen als Männer?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist etwa 7 zu 1. Vielleicht liegt es daran, dass Männer kulturbedingt Aggressionen seltener gegen sich selbst wenden.

BYM.de: Was können Freunde und Angehörige tun?

Prof. Dr. Ulrich Sachsse: Keine Vorwürfe machen und erst mal ein paar Wochen abwarten. Gerade in der Pubertät kann es ein einmaliges Ausprobieren sein. Wenn nicht, sollte auf jeden Fall ein Arzt oder Psychologe helfen, die Sucht zu bekämpfen.

>>Auf der nächsten Seite: Hilfe gegen die Sucht

Hilfe gegen die Sucht

Fakten: Experten schätzen, dass sich in Deutschland etwa 400000 Frauen im Alter zwischen 16 und 30 Jahren selbst verletzen. Die Sucht beginnt meist in der Pubertät. Die Betroffenen ritzen sich in die Haut (meist an Unterarm oder Oberschenkel), verbrennen sich, kratzen sich oder reißen sich die Haare aus. Etwa bei zwei Dritteln der Selbstverletzer kann die Sucht durch eine Psychotherapie geheilt werden, Dauer: zwei bis vier Jahre.
Beratung: Egal ob du selbst unter der Sucht leidest oder Hilfe für eine Freundin brauchst – über diese kostenfreien Telefonnummern findest du Ansprechpartner: 0800-1110333 (Kinder- und Jugendtelefon) oder 0800-1110111 (Telefonseelsorge)
Internet: rotetraenen.de – gut gemachte Site mit vielen Erfahrungsberichten und Selbsthilfe-Tipps gegen die Sucht. svv-info.de – Homepage einer jungen Frau, die früher Selbstverletzerin war und ihre Sucht bekämpft hat. Ausführliche Infos, viele Zeitungsartikel, außerdem Adressen von Kliniken.
Bücher über die Sucht zu ritzen:

Ulrich Sachsse: „Selbstverletzendes Verhalten“; Vandenhoeck & Ruprecht, 209 S., 20,90 Euro.

Steven Levenkron: „Der Schmerz sitzt tiefer“

; Kösel-Verlag, 302 S., 19,95 Euro

Online-Test: Ritzen erkennen

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) besitzt meist Suchtcharakter und betroffene Jugendliche neigen auch zu erhöhtem Selbstmordrisiko. Daher gilt es, Notsignale frühzeitig zu erkennen.

„Eltern, Lehrer und Freunde, denen Hinweise auf solche Verhaltensweisen bei Jugendlichen auffallen, sollten das Gespräch mit ihnen suchen“, rät Maik Herberhold vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (BKJPP). Autoagressive MenschenMenschen, die sich sebst verletzen. könne mit einer Psychotherapie geholfen werden.

„Selbstverletzungen bieten den Betroffenen ein Mittel gegen den inneren Druck. Sie dienen oftmals als Fluchtmittel in einen beruhigenden Zustand. Auch nutzen Betroffene den Schmerz, um sich selbst zu spüren oder seelische Schmerzen mit körperlichem Schmerz zu überdecken“, erklärt Herberhold. Oft finde eine Gewöhnung statt, die extremere Selbstverletzungen nach sich ziehe, etwa tiefere Schnitte oder großflächigere Verbrennungen. Seelische Störungen können dabei mangelndes Selbstwertgefühl, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, Depressionen sowie Ess-, Zwangs- oder Angststörungen sein.

Infos und Test unter: kinderpsychiater-im-netz.de

frz/sca/ivb/ news.de/ap

Teenager-Trend Ritzen: Diese Zeichen sollten Sie kennen!

FamilieKinderStories am 25.08.201725.08.2017 Jetzt Fan werden!

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Gerade im pubertierenden Alter mehren sich die Fälle von selbstverletzenden Handlungen. Auch das sogenannte „Ritzen“ gehört dazu. Das Ritzen ist vor allem bei Jugendlichen verbreitet und stellt eine Art Ventil dar, das die Jugendlichen für sich entdecken, um tiefe psychische Verletzungen zu kompensieren. Doch neben dem Ritzen gibt es noch einige weitere Warnsignale, die ein Kind sendet, wenn es sich psychisch schwach fühlt…

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Hilfe, mein Kind ritzt sich!

Wenn Eltern die ersten verdächtigen Narben am Körper ihres Kindes sehen, sitzt der Schock meist tief: Warum ausgerechnet mein Kind? Viele Eltern machen sich dann schwere Vorwürfe und wissen nicht, wie sie sich und vor allem ihrem Kind helfen können. Doch sowohl für Eltern als auch für die Kinder gibt es in solchen Situationen die entsprechende Hilfe…

Wichtig: Warnsignale richtig deuten

Je früher man die Warnsignale des Kindes wahrnimmt, desto eher kann man reagieren und das Kind damit vor Schlimmerem bewahren. Doch es gibt ein Problem. Das Ritzen ist zwar ein wichtiges Ventil – den Betroffenen selbst jedoch extrem unangenehm. Ritzer sind aus diesem Grund ziemlich geschickt, wenn es darum geht, die äußerlichen Spuren ihres Verhaltens zu verstecken.

Möchte das Kind beispielsweise auch im Sommer bei hohen Temperaturen nicht in kurzer Kleidung herumlaufen, so ist dies schon etwas verdächtig. Noch verdächtiger wird es, wenn das Kind außerdem nicht zum Baden mitkommen möchte oder den Schulsport meidet. Denn: geritzt wird normalerweise immer an Armen und Beinen.

Aufgepasst: Es kann durchaus vorkommen, dass das Kind das Ritzen selbst dementiert und zu erklären versucht, dass die Narben beim Spielen entstanden sind – sollten die Narben jedoch parallel angeordnet sein und vor allem immer wieder auftreten, ist dies eigentlich eine ziemlich eindeutige Botschaft.

Die wahren Ursachen erkennen

Wie bereits erwähnt wirkt das Ritzen auf die Betroffenen wie eine Art Ventil. Doch weshalb ist ein solches „Ventil“ bei manchen Kindern (nicht selten auch Erwachsenen) überhaupt notwendig?

Für die Beantwortung dieser Frage ist es sinnvoll, sich mit den Eigenschaften der Betroffenen auseinanderzusetzen. Interessanterweise tauchen bei den Betroffenen immer wieder drei Verdächtige auf:

  • emotionale Labilität
  • vermindertes Selbstwertgefühl
  • Unfähigkeit, Emotionen auszudrücken

Diese drei Faktoren lassen sich bei den Betroffenen immer wieder bestens erkennen. Die emotionale Labilität ist dabei eine Art Zusammentreffen verschiedener Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Reizbarkeit, Nervosität, Unsicherheit, Ärger oder Angst. In besonders angespannten Situationen reagieren die Betroffenen nicht selten sehr sensibel – teilweise machen sich die Auswirkungen auch physisch bemerkbar. Zum Beispiel durch Kopfschmerzen oder anhaltende Magen-Darm-Probleme.

Für die emotionale Labilität ist häufig ein negatives Schlüsselereignis aus der Kindheit verantwortlich.

Ein weiteres Problem, das vor allem im Teenageralter zur Geltung kommt, ist das verminderte Selbstwertgefühl. Denn hier ist der Prozess der Identitätsfindung gerade erst im Vormarsch. Viele Jugendliche zweifeln in dieser Phase an sich selbst, schätzen sich selbst gering oder werten den eigenen Charakter ab.

Darum Ritzen sich Betroffene

Bei den Betroffenen baut sich im Inneren ein extremer Druck auf, der nach einem Ventil sucht. Durch das Ritzen kann sich die betroffene Person durch den Schmerz von den eigenen Emotionen ablenken.

Allerdings kann das Ritzen auch ein Zeichen der Solidität sein, um anderen Jugendlichen die eigene Zugehörigkeit oder Loyalität zu demonstrieren. Manchmal wollen sich die Betroffenen aber auch einfach nur von der Erwachsenenwelt abkapseln. Das Ritzen gibt den Jungendlichen das Gefühl einer stabilen Komponente in ihrem Leben, weshalb das Ritzen schnell zu einer (häufig leider ungewollten) Gewohnheit wird.

Ihr Kind ritzt sich oder Sie kennen Betroffene? So können Sie helfen!

Besonders wichtig ist, dass die Anzeichen selbstverletzender Aktivitäten schnell erkannt werden, um frühzeitig helfen zu können. Das Ritzen sollte dabei unbedingt ernst genommen werden. Denn hinter diesem „Ventil“ stecken meist traurige Beweggründe.

Aber: Nur weil sich ein Kind ritzt, muss das noch lange nicht heißen, dass das Kind psychisch krank ist. Es kann nämlich ebenso sein, dass das Kind das Ritzen nur aus Neugier probiert – vielleicht ahmt es das Verhalten von Freunden oder Stars nach. Allerdings sollte man lieber vom Ernstfall ausgehen – nämlich, dass sich das Kind ritzt, weil es gerade in einer schwierigen Situation steckt.

Reden – der Schlüssel zum Erfolg

Wie so häufig ist ein vertrauensvolles Miteinander ein wichtiger Lösungsansatz. Tiefgründige Gespräche können helfen, die Ursache oder die Ursachen für den Selbstverletzungen des Kindes zu finden.

Problematisch wird es allerdings, wenn das Kind nicht über das Ritzen sprechen möchte. In diesem Fall ist es ratsam, sich professionelle Hilfe zu suchen. Etwa einen Arzt oder einen Psychotherapeuten. Hierzu gibt es auch Einrichtungen, an die Sie sich wenden können, um hilfreiche Tipps und Anweisungen zu bekommen.

Wichtig: Vermeiden Sie um jeden Preis, der betroffenen Person Vorwürfe zu machen, denn damit würden Sie nur Öl ins Feuer gießen!

Außenstehende können es kaum nachvollziehen: Immer mehr Jugendliche, die sich selbst die Haut aufritzen, bis Blut fließt. „Macht fast jeder in meiner Klasse“, berichten Schüler in Internetforen. „Was früher das Tamagotchi war, ist heute die Rasierklinge“, behauptet einer, der sich Marcus Agrippa nennt. Eine harmlose Modeerscheinung? Bei dem einen oder der anderen kann es so anfangen, aus Neugier, weil alle es machen, weil es als cool gilt. Wie Jugendliche halt auch mal kiffen oder Alkohol probieren. Aber auch das kann zur Sucht ausarten.

„Die Klinge ist meine beste Freundin“, bekennt die 18-jährige Alemina. Mit Dreizehn habe es bei ihr angefangen. „Jetzt komme ich mit nichts mehr zurecht. Ich habe alle Freunde verloren.“
„Es macht mich immer mehr kaputt, aber ich kann nicht damit aufhören.“
Maxine (15 Jahre) Nicht alle Gleichaltrigen-Cliquen haben Verständnis für das seltsame Verhalten. Viele Jugendliche verstecken verschämt ihre Narben. Es klingt nicht verlockend, was diejenigen durchmachen, die vom Schneiden und Ritzen nicht mehr loskommen. „Es macht mich immer mehr kaputt, aber ich kann nicht damit aufhören.“ Wenn der Rausch vorbei ist, „fühlt man sich schlechter als vorher“, berichtet Maxine, die sich seit mehr als zehn Jahren schneidet. Das schlechte Gewissen und das Gefühl, in einer Sackgasse gelandet zu sein, scheinen viele zu quälen. Die 25-Jährige rät ihren Leidensgenossen dringend, sich Hilfe zu holen. In den Medien geistern Zahlen von 200 000 bis 800 000 Jugendlichen herum, die hierzulande dem neuen „Volkssport“ verfallen sein sollen. Alle westlichen Industriestaaten kennen das Phänomen. „Das selbst verletzende Verhalten hat massiv zugenommen“, bestätigt Christian Fleischhaker von der Freiburger Uniklinik. Er weiß von fünf Prozent der Jugendlichen, die mindestens einmal wöchentlich zur Klinge greifen. Unter den 15-Jährigen seien es 30 Prozent der Mädchen und 20 Prozent der Jungen, die es mal ausprobieren. „Die Grenze zwischen harmlosem und pathologischem Verhalten ist schwer zu definieren.“
Immer mehr jedenfalls suchen Hilfe in der Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie dürften über das Stadium des Ausprobierens hinaus sein. Was steckt dahinter, wenn junge Menschen darauf aus sind, sich vorsätzlich selbst Schaden zuzufügen – nicht nur indem sie sich brennen oder vom Hals bis zu den Füßen immer tiefer ritzen, bis sogar der Chirurg die Wunden wieder nähen muss. Manche verhalten sich im Straßenverkehr hochriskant, andere schlagen mit dem Kopf oder dem Arm gegen Wände, bis die Knochen brechen. Das Absurdeste, was Fleischhaker erlebt hat, war ein Mädchen, das sich einen hochaggressiven WC-Reiniger in die Haut gespritzt hat.

Borderline-Störung kann vorliegen – muss aber nicht
Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist eines von vielen Kriterien zur Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Von der schweren psychischen Erkrankung Betroffene fallen auch durch andere Dinge auf: durch ein extrem labiles Gefühlsleben zum Beispiel und unkontrollierbares impulsives Verhalten.
Aber nicht alle ritzenden Jugendlichen gehören für den Freiburger Psychiater und Psychotherapeuten pauschal in die Borderline-Schublade. „Bei selbstverletzendem Verhalten handelt es sich nicht um eine Diagnose“, gibt Fleischhaker sich zurückhaltend, „sondern um Handlungen, die im Zusammenhang mit verschiedenen komplexen Störungsbildern im Rahmen unterschiedlicher Erkrankungen ausgeführt werden.“ Ihr gemeinsamer Nenner: Für die Betroffenen ist das SVV die einzige Möglichkeit, heftige Emotionen zu regulieren.
Wie ein Luftballon kurz vorm Platzen fühlt sich ein Mädchen. Das Ritzen ist für sie, als würde sie ein Ventil öffnen, durch das der Druck entweichen kann. Viel kann zusammenkommen, bis er sich aufgebaut hat: Von Mobbing durch Mitschülerinnen wird berichtet, Angst vor einer Klassenfahrt oder Prüfung, Überforderung, Einsamkeit und Nicht-Dazu-Gehören. Unzufriedenheit mit sich selbst, Traurigkeit und pubertärer Liebeskummer. Eltern, die sich getrennt haben und eine überforderte Mutter, die „oft ausrastet“. Traumatische Erlebnisse wie der Tod eines Elternteils oder sexueller Missbrauch können zum Auslöser werden.
Viele haben den Wunsch, ihr Leben zu beenden. Sie haben ein fünffach erhöhtes Suizidrisiko. Aber sie verletzen sich nicht selbst, weil sie sich damit umbringen wollen. Es kann auch der Wunsch nach Zuwendung dahinterstecken. „Wenn das Blut fließt, fühle ich mich besser“, sagt die 14-jährige Andrea. „Dann spüre ich, dass ich da bin.“
Schmerzen fühlen die jugendlichen Ritzer nicht
Äußere Einflüsse und eine genetisch bedingte impulsive Grundausstattung gehen beim SVV eine unheilvolle Allianz ein. Eltern brechen in Panik aus, wenn sie es entdecken, und können nicht verstehen, was da vor sich geht.
Die Jugendlichen fühlen keine Schmerzen, wenn sie sich selbst verletzen. Im Gegenteil: Endogene Schmerzmittel, so genannte Endorphine, werden im Gehirn ausgeschüttet und sorgen nicht nur für eine schmerzstillende Wirkung, sondern lassen auch ein Gefühl der Erleichterung oder Beruhigung aufkommen. Etwa zehn Prozent der Jugendlichen, sagt Fleischhaker, können von diesen Endorphinschüben ähnlich abhängig werden wie von Heroin. Aber selbst wenn es doch mal weh tut: Körperlicher Schmerz hilft offenbar, den emotionalen besser zu ertragen.
Therapieplätze sind laut Professor Fleischhaker kostspielig und rar. Ein bis zwei Gruppen für jeweils sechs bis acht junge Menschen zwischen zehn und 18 Jahren bietet die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik. Das Ritzen allein verschafft ihnen noch keinen Zugang zum medizinischen Versorgungssystem. In einer ausführlichen Diagnose wird festgestellt, ob es mit einer psychiatrischen Grunderkrankung (Depression, Trauma, Borderline) gekoppelt ist. Nur wenn die Jugendlichen selbst es wollen, haben sie eine Chance, dass sie von ihrem selbst zerstörerischen Verhalten wegkommen.
Konflikte sind oft ein Auslöser
Die Freiburger Kinder- und Jugendpsychiatrie hat dafür vor etwa 15 Jahren ein so genanntes dialektisch-behaviorales Therapieprogramm entwickelt. Es erstreckt sich über sechs Monate, schließt Gruppen- und Einzeltherapie mit ein, und bietet ein persönliches Telefoncoaching an, wenn es wieder mal kritisch wird. An den Gruppensitzungen ist auch jeweils ein Elternteil beteiligt.
Konflikte und eine gestörte Kommunikation in der Familie gehören nicht selten zu den Auslösern für das SVV. Auch viele Eltern selbst haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu steuern. Das Programm war ursprünglich für junge erwachsene Frauen mit einer Borderline-Störung in der Bronx entwickelt worden, einem wegen seiner desaströsen sozialen Verhältnisse berüchtigten Viertel New Yorks, das durchaus dazu angetan ist, seine Bewohner häufig in emotionale Ausnahmezustände zu versetzen.
„Freiburg ist dagegen eine relativ heile Welt“, sagt Fleischhaker. Und auf die wurde das Programm denn auch zugeschnitten. Wegen seiner klaren und pragmatisch zu handhabenden Bausteine greifen auch Jugendhilfeeinrichtungen nach einer entsprechenden Schulung in Teilen gerne darauf zurück.
„Wenn das Blut fließt, fühle ich mich besser. Dann spüre ich, dass ich da bin.“
Andrea (14 Jahre) Die Jugendlichen lernen, sich selbst zu beobachten: Was geht in mir vor, wenn ich zur Klinge greife? In welchen Situationen meine ich das zu brauchen? Wie verhalte ich mich in Konflikten in der Familie, in der Schule, mit Gleichaltrigen? Gedanken, Gefühle, Sozialverhalten – alles wird unter die Lupe genommen.
Auch Hausaufgaben gehören dazu: Detaillierte vorstrukturierte Wochenprotokolle helfen, sich seiner selbst bewusst zu werden und zu beobachten, an welcher Stelle eine kleine Abweichung von den gewohnten Reflexen gelungen ist. Diese Abweichungen werden in der Gruppe und mit dem teilnehmenden Elternteil zuhause gezielt geübt: Statt Ritzen Sport treiben, wenn der Druck zu groß wird, Tee trinken mit der Freundin, Lieblingslieder auf dem Walkman hören, scharfe Sachen essen. Jede muss selbst herausfinden, was ihr persönlich am besten hilft.
Die bisherigen Auswertungen klingen viel versprechend, auch wenn sie nicht den Kriterien einer wissenschaftlichen Studie genügen. Aber „das Programm ist klinisch hocheffektiv“, ist Fleischhaker überzeugt. „75 Prozent der Teilnehmenden ziehen es durch – bei sonst üblichen Abbruchquoten von bis zu 60 Prozent.“ Sie hören auf, sich selbst zu verletzen, die Borderline-Symptome verschwinden, die Lebensqualität steigt.
Die schwerste Klippe steht den Jugendlichen laut Fleischhaker bevor, wenn sie das Gelernte selbstständig in ihren Alltag integrieren müssen. Was offenbar den meisten gut gelingt: Auch ein Jahr nach Therapieende hätten sich deren Wirkungen weiter verbessert. Eine Teilnehmerin habe anschließend sogar in ihrer Schule eine Arbeitsgemeinschaft angeboten zum Umgang mit Stress und Emotionen. Damit es bei den anderen gar nicht erst so weit kommen sollte wie bei ihr.
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