Kind kann nicht sprechen syndrom

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„Den Gendefekt meines Sohnes gibt es weltweit nur 150 mal“ – Interview mit Kathrin

Liebe Kathrin. Dein Sohn hat einen sektenen Gendefekt – welcher ist das genau und wann ist Dir das erste Mal aufgefallen, dass Dein Kind anders ist?

Mein Sohn Till ist 2,5 Jahre alt. Er hat das Say-Barber-Biesecker Syndrom, eine Form des Ohdo Syndroms. Als Till ein halbes Jahr alt war ist uns aufgefallen, dass er anders ist als die Babys im Freundeskreis. Er hat nicht versucht sich zu drehen oder zu krabbeln. Und er hat nie nach etwas gegriffen oder wollte etwas haben. Wenn wir ihm ein Spielzeug in die Hand gegeben haben, hat er es genommen. Und wenn nicht, dann war er einfach mit sich zufrieden und hat seine Hände betrachtet.

Wie lange haben die Ärzte gebraucht, um fest zustellen, was Dein Kind hat?

Ich habe als Erstes meine wunderbare Hebamme gebeten, sich Till nochmal genau anzusehen. Schließlich ist er unser erstes Kind und wir wollten auch nicht hysterisch von Arzt zu Arzt rennen, nur weil er etwas länger braucht. Sie riet uns, auf jeden Fall zum Kinderarzt zu gehen und ihn darauf anzusprechen, dass Till entwicklungsverzögert ist. Der Kinderarzt hat Till dann Physiotherapie verordnet, da der Kleine eine Muskelhypotonie hat. Damals hofften wir noch, dass es ihm aufgrund der schwachen Muskeln einfach zu anstrengend sei sich zu bewegen und eine Kräftigung durch die Physiotherapie da helfen könnte. Obwohl wir zweimal die Woche mit Till zur Physiotherapie gingen wurde es nicht besser. Der Kinderarzt schickte uns zum Augenarzt, um abzuklären, ob Till evtl. blind sein könnte. Ist er nicht. Irgendwann blieb nur noch der Gentest als letztes Mittel. Der erste war aber unauffällig. Wir wurden in ein anderes Krankenhaus überweisen und die Untersuchungen gingen weiter. Als Till ein Jahr alt war, stellten wir uns bei der Genetikerin vor. Sie schaute sich den Kleinen genau an und stellte viele Fragen. Und als wir gingen sagte sie uns, dass sie eine Idee hätte. Und tatsächlich hatten wir 2 Wochen später endlich ein Ergebnis. Say-Barber-Biesecker Syndrom. Die Genetikerin hatte vor vielen Jahren im Studium einmal davon gehört und sich erinnert. Und dann gezielt darauf testen lassen.

Wie hast Du Dich gefühlt, als Du endlich die Diagnose hattest?

Einerseits waren wir erleichtert, dass wir uns die Andersartigkeit von Till nicht eingebildet hatten, aber andererseits kamen jetzt ganz viele Ängste und Zweifel hoch. Till ist, soweit wir wissen, der einzige Betroffene in ganz Deutschland. Und die Ärzte wissen so gut wie nichts über das Syndrom. Auch das Internet gibt nicht viel her. Diese Unsicherheit hat uns erstmal sehr hilflos und traurig gemacht. Nicht zu wissen, ob Till jemals laufen und sprechen wird, ob er jemals ein selbstständiges Leben führen wird. Und natürlich haben wir uns auch die Frage gestellt, warum ausgerechnet Till?! Der Gendefekt ist eine Laune der Natur und nicht vererbt. Es ist heute noch manchmal schwer zu akzeptieren.

Wie geht es Till heute?

Heute geht es Till sehr gut. Er ist ein unglaublich fröhliches Kind. Er kann noch nicht sprechen und mich nicht alleine laufen. Er wird noch gefüttert und gewickelt.

Er ist so positiv und geht in eine wunderbare Krippe. Der Kontakt mit anderen Kindern motiviert ihn sehr und er macht tolle Fortschritte.
Er läuft an der Hand und wenn er ganz mutig ist sogar ein paar Schritte alleine. Er ist sehr wackelig auf den Beinen, da sein Bindegewebe sehr weich ist und die Gelenke sehr flexibel sind. Aber er will unbedingt laufen. Und er wird es sicher irgendwann schaffen.
Da er nicht sprechen kann, zumindest nicht unsere Sprache, ist die Kommunikation oft schwierig. Till wird schnell wütend, wenn er sich unverstanden fühlt. Er bekommt bald Logopädie um ihm die Möglichkeit zur Kommunikation zu geben. Er ist etwa auf dem Stand eines Einjährigen, nur die Wutausbrüche und die Trotzigkeit sind altersentsprechend 🙂

Gibt es irgendwelche Prognosen, wie sich Till weiter entwickeln wird?

Tills Syndrom ist so selten, es gibt etwa 150 Fälle weltweit, dass es keinerlei Prognosen gibt. Das Einzige was wir wissen ist, dass die Lebenserwartung ganz normal ist. Till wird uns zeigen, was er alles erreichen kann und wird. Das nimmt den ganzen Drück und die Erwartungen raus. Und das ist ja auch nicht schlecht.

Wie gehen Freunde/Verwandte aber auch Fremde mit Euch um?

Unsere Familien nehmen ihn so wie er ist. Unser kleiner Sonnenschein hat ein so fröhliches, einnehmendes Wesen, dass er alle verzaubert. Auch Fremden in der U-Bahn oder beim Bäcker zaubert er oft ein Lächeln ins Gesicht, wenn er die Menschen anstrahlt. Das einzige optische Merkmal sind die schmalen Augen. Und das fällt anderen Kindern sofort an Till auf. Die Fragen dann oft was mit den Augen des Jungen los ist. Das ist den Eltern dann unangenehm. Solche Situationen sind immer komisch.

Wie gehts Du mit der Situation um?

Mein Mann und ich lieben unseren Kleinen sehr. Für uns ist er ganz normal. Natürlich gibt es Momente, in denen es uns schlecht geht und wir traurig sind. Es ist schwer zu sehen, wie viel jüngere, gesunde Kinder auf ihre Mama zu laufen und sich in deren Arme werfen oder weglaufen und rufen: „Mama, Papa, schaut ma,l was ich kann.“ Es ist schmerzhaft mit ansehen zu müssen, wie Till vor Wut versucht, den Kopf auf die Tischplatte zu schlagen, weil wir nicht verstehen, was er gerade will oder nicht will.

Till ist sehr geräuschempfindlich und schreckhaft. Es ist unmöglich, mit ihm auf einen gut besuchten Spielplatz zu gehen, weil er die spielenden und quietschenden Kinder nicht erträgt. Obwohl Till nicht sprechen kann, versteht er sehr viel. Wir haben gelern,t ihm alles zu erklären. Wir sagen ihm immer, was wir machen werden und warum.

Till hasst es, wenn Dinge mit ihm passieren. Wenn er einfach ins Auto gepackt wird ohne darauf vorbereitet zu sein und ohne zu wissen wohin die Fahrt geht, flippt er aus und lässt sich kaum wieder beruhigen. Wenn wir ihm aber erklären, dass wir jetzt dann mit dem Auto zu Oma und Opa fahren, dann sind auch drei Stunden Fahrt kein Problem. Wir versuchen immer, ihn genau zu beobachten. Till gibt uns Zeichen und Hinweise, was er braucht und was nicht. Man muss nur wachsam sein und sie bemerken. Und vor allem darauf reagieren. Wenn er nichts mehr trinken will dreht er den Kopf weg. Minimal. Wenn man dann weiter versucht, ihm Wasser einzuflößen, wird er wütend und schlägt einem den Becher aus der Hand.

Was wünscht Du Dir für Dein Kind?

Das ist eine schwierige Frage. Ich wünsche mir, dass es ihm gut geht und er glücklich wird. Und dass er seinen Weg gehen kann und darf. Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft ihn akzeptiert und aufnimmt und ihm keine Steine in den Weg legt. Und ich wünsche mir, dass wir es schaffen, ihm genug Liebe und Selbstbewusstsein mitzugeben, dass er mit allem fertig wird. Irgendwann wird ihm seine Andersartigkeit bewusst werden und ich hoffe, das wird nicht allzu schmerzhaft.

Mit welchen drei Worten würdest Du mit dein Kind beschreiben?

Zauberhaft, glücklich, neugierig

Was hast Du Durch Dein Kind gelernt?

Ich habe vor allem Gelassenheit gelernt. Till hat seinen eigenen Kopf und sein eigenes Tempo. Und das ist gut so.

Dein Kind spricht nicht

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Dein Kind spricht nicht: Wann solltest Du handeln?

Generell solltest Du immer dann, wenn Du den Verdacht hast, dass etwas mit der Sprachentwicklung Deines Kindes nicht in Ordnung ist, ärztlichen Rat einholen. Denn je früher eine Sprech- oder Sprachstörung erkannt wird, desto besser kann Deinem Kind geholfen werden. Auch wenn andere Ursachen, wie eine Hörschädigung oder eine angeborene Fehlbildung beispielsweise dafür verantwortlich sind, dass Dein Kind nicht spricht, ist Früherkennung wichtig.

Wenn Dein zweijähriges Kind nicht spricht, ist das nicht zwangsläufig ein Grund zur Sorge. Obwohl Kinder in diesem Alter meist schon eine ganze Menge Wörter beherrschen und einfache Sätze bilden können, gibt es sogenannte „late bloomers“, also „Spätblüher“. Das sind Kinder, bei denen das Sprechen zunächst ausbleibt, die dann aber plötzlich doch noch damit anfangen. Bis zum dritten Lebensjahr haben sie den Rückstand zu anderen Altersgenossen normalerweise aufgeholt. Trotzdem ist es sinnvol,l Dich beraten zu lassen, wenn Dein Kind mit zwei Jahren nicht spricht.

Wenn Dein dreijähriges oder älteres Kind nicht spricht, solltest Du umgehend handeln, es ärztlich untersuchen und entsprechend behandeln lassen. Denn spätestens in diesem Alter deutet das Schweigen Deines Kindes auf eine Störung der Entwicklung hin. Wodurch diese ausgelöst wird und warum genau Dein Kind nicht spricht, muss durch umfangreiche Untersuchungen geklärt werden.

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Dein Kind spricht nicht: Ursachen

Wenn Dein Kind nicht spricht, kann das eine Vielzahl von Ursachen haben. Dabei spielt das Alter Deines Kindes eine wichtige Rolle. Die normale Sprachentwicklung verläuft in bestimmten Stufen, die Dein Kind durchlaufen sollte. Mehr dazu findest Du in unserem Artikel „Sprechen lernen“. Mögliche Ursachen dafür, dass Dein Kind nicht spricht, können folgende Punkte sein:

  • ‚late bloomer‘: Der Sprechbeginn bleibt bei „late bloomers“ zunächst aus. Im Alter von zwei bis drei Jahren fangen diese Kinder aber plötzlich an zu sprechen und schließen schnell zu ihren Altersgenossen auf.
  • Hörschädigung oder Gehörlosigkeit: Es kann sein, dass Dein Kind nicht spricht, weil es nichts hört. Darum ist eine Untersuchung beim Hals-Nase-Ohren-Arzt wichtig. Mehr dazu erfährst Du in unserem Artikel zum Thema Hörschädigung bei Kindern.
  • Sprachentwicklungsstörung: Wenn Dein Kind nicht spricht, kann auch eine Sprachentwicklungsstörung der Grund dafür sein. Mehr zu diesem Thema kannst Du in unserem Artikel „Sprachentwicklungsstörung“ nachlesen.
  • Angeborene Stummheit: Diese kann zum Beispiel durch einen genetischen Defekt verursacht werden. Die Stummheit ist auf eine Schädigung im Gehirn zurückzuführen, bei der das ansonsten normal entwickelte und intelligente Kind nicht spricht, weil es seine Sprechorgane nicht steuern kann.
  • Stummheit aufgrund physiologischer Faktoren: Wenn eine körperliche Schädigung der Sprechorgane vorliegt, kann das auch dazu führen, dass Dein Kind nicht spricht. Dies kann zum Beispiel eine Beschädigung oder das Fehlen der Stimmbänder oder des Kehlkopfes sein.
  • Mutismus: Wenn Dein Kind unter Mutismus leidet, dann spricht es aufgrund von psychischen Ursachen nicht. Mehr dazu findest du in unserem Artikel zum Thema Mutismus.
  • Autismus: Wenn Dein Kind unter dieser Störung leidet, kann es sein, dass es zwar in der Lage ist zu Sprechen, aber aufgrund des Krankheitsbildes trotzdem verstummt.
  • Aphasie: Auch bei einer Aphasie kann es sein, dass Dein Kind vorübergehend nicht mehr spricht. Wenn Du Dich zu diesem Thema genauer informieren willst, kannst Du unseren Artikel „Aphasie“ lesen.

Was ist zu tun, wenn Dein Kind nicht spricht?

Wenn die Ursachen, warum Dein Kind nicht spricht, geklärt sind, kann die passende Behandlung beginnen. Diese wird zum Beispiel von einem Logopäden, einem Sprachheilpädagogen oder einem Psychologen durchgeführt. Je früher Dein Kind gefördert wird, desto besser sind die Erfolgschancen. Der Arzt oder der behandelnde Therapeut wird mit Dir besprechen, wie die Behandlung Deines Kindes, das nicht spricht, aussehen wird und ob Du selbst die Therapie durch Übungen zuhause unterstützen kannst.

Wenn Dein Kind nicht spricht, sind Gestikulieren oder das Aufschreiben von Äußerungen (bei älteren Kindern) die besten Möglichkeiten für Dein Kind, sich verständlich zu machen. Stummen Menschen ist es nämlich nicht möglich, sich lautsprachlich zu artikulieren. Also muss das Kind einen anderen Weg finden, sich seiner Umwelt mitzuteilen. Denn obwohl es Dich und andere Mitmenschen verstehen kann, so kann es nicht in gesprochener Sprache antworten. Darum ist es wichtig, dass Du auch auf alle anderen Signale achtest, die Dein Kind zeigt, wie zum Beispiel Gesten oder den Gesichtsausdruck.

Wenn Dein Kind nicht spricht und auch keine Chance besteht, dass es die Lautsprache sprechen lernen kann, sollte es die Chance bekommen, die Gebärdensprache zu lernen. Das kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein körperlicher Defekt oder eine irreparable Störung im Gehirn vorliegen oder Dein Kind nicht spricht, weil es gehörlos ist. Die Gebärdensprache ist eine Kombination aus Zeichen, die vor allem mit den Händen in Kombination mit Mimik, Mundbildern (lautlos gesprochenen Wörtern oder Silben) und der Körperhaltung geformt werden. Das Erlernen einer Gebärdensprache ist vom Aufwand her vergleichbar mit dem Erlernen einer Fremdsprache. In unserem Artikel „Wie funktioniert Gebärdensprache?“ kannst Du mehr darüber erfahren.

Übrigens:

Oft wird Stummheit mit Gehörlosigkeit in Verbindung gebracht. Doch ein Mensch, der gehörlos ist, muss nicht automatisch stumm sein. Denn auch ohne Gehör ist der Mensch durchaus in der Lage, Lautsprache zu sprechen, allerdings ist das mit Schwierigkeiten verbunden.

Sprechen und Sprache

Viele AS-Betroffene scheinen ein großes Sprachverständnis zu besitzen, jedoch sind sie im sprachlichen Ausdruck erheblich eingeschränkt.
Dies bedeutet, dass sie viel mehr verstehen, als sie selber zum Ausdruck bringen können. Die nichtverbalen Sprachfähigkeiten AS-Betroffener sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. Allen gemein ist aber, dass Menschen mit AS komplexe Kommunikationsbedürfnisse haben. Daher muss der Unterricht so auf sie zugeschnitten sein, dass ihnen der Zugang zu Hilfsmitteln mit symbolischer Kommunikation ermöglicht wird, z.B. durch Symbol-Displays, Sprachausgabegeräte oder Bildtafeln. Gleichzeitig sollte die nicht-symbolische Kommunikation, also der Einsatz der Körpersprache und der natürlichen Gestik geachtet und gefördert werden. Je nachdem auf welches Medium am besten angesprochen wird, sollte dieses so intensiv wie möglich mit in den Alltag eingebunden werden. Der Erwerb von Kommunikationsfähigkeiten ist mit steigendem Alter und geistiger Entwicklung eine Notwendigkeit für die Selbstbestimmung. Gerade pubertärer Stress wird durch die fehlende Kommunikationsfähigkeit verstärkt.
Kommunikationsprobleme können ansonsten zu herausforderndem Verhalten führen. AS-Betroffene nutzen aggressive und autoaggressive Reaktionen meist entweder, wenn sie um etwas bitten, das sie haben möchten (wie sozialen Kontakt oder ein greifbares Objekt) oder wenn sie aus einer für sie unangenehmen Situation heraus wollen. Manche setzen aggressive Verhaltensweisen ein, um an sie gerichtete Anforderungen zu stoppen oder weil sie sich unwohl fühlen bzw. Schmerzen haben.
Es ist wichtig, solche Verhaltensweisen aus dem Blickwinkel der Betroffenen zu betrachten, damit man versteht, was sie gerade erreichen bzw. vermitteln wollen. Manche Angels benötigen Unterstützung in Form einer funktionalen Verhaltenstherapie.

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Selektiver-Mutismus-Kindergarten

Selektiver Mutismus im Kindergarten

Gestaltbar/Photocase

Gerade war noch alles in Ordnung, beim gemeinsamen Frühstück hat Laura gelacht, geredet, erzählt. Auf dem Weg zum Kindergarten spricht sie mit der Mutter und dem Vater; wenige Meter vor dem Kindergarten verstummt sie plötzlich. Im Kindergarten, in welchen sie seit 2 Jahren geht, spricht sie kein Wort, weder mit den Erzieherinnen noch mit den Kindern. Versteinert steht sie, beobachtet das Spielgeschehen ohne sich aktiv zu beteiligen. Wird sie zufällig angesprochen, senkt sie den Blick, wendet sich ab und die langen blonden Haare fallen ihr ins Gesicht und bedecken es.

Wenn sie von der Mutter oder dem Vater abgeholt wird, können sie sehen, wie ihre Tochter isoliert ist. Verlassen Sie gemeinsam den Kindergarten, sprudelt es aus ihrer Tochter heraus, alles hat sie beobachtet, alles kann sie nachspielen, alle Lieder hat sie sich gemerkt und sie singt diese auf dem Heimweg vor. Morgen, das wissen die Eltern, wird ihre Tochter wieder auf dem Weg zum Kindergarten erzählen und wieder über Stunden stumm, im Kindergarten, sein.

Aufgewühlt und voller Sorgen rufen die Eltern im Beratungszentrum für Mutismus an. Sie erhoffen sich im vertrauensvollen Gespräch mit Frau Emmerling Aufklärung über die Besonderheit ihrer Tochter.

Verhaltensweisen von mutistischen Kindern

Selektiver Mutismus, das Schweigen in bestimmten Situationen, ist eine psycho-soziale Angst. Die Angst hemmt das Kind, sich verbal in bestimmten Situationen zu äußern. Diese sprachliche Blockade kann sich in erstarrter Mimik, leerem Blick, eingeschränkten Gesten fortsetzen. Weitere Persönlichkeitsbesonderheiten des mutistischen Kindes können abweichendes Essverhalten, Ein- und Durchschlafstörungen sowie dominantes und aggressives Verhalten (meist nur im häuslichen Bereich) sein.

Geschlechterverhältnis bei Mutismus

Mädchen sind deutlich mehr von Mutismus betroffen als Jungen. Untersuchungen ergaben ein Geschlechterverhältnisvon 1.2 : 2. Das MBZ vermutet eine viel höhere Dunkelziffer, denn die Kinder fallen durch ihr Schweigen weniger auf. Erzieher und Pädagogen kennen den Begriff „elektiver oder selektiver Mutismus“ häufig nicht und deuten das kindliche Verhalten eher als Sturheit, Trotz oder extreme Schüchternheit. Mutismus ist die Angst mit Menschen zu Sprechen; Schüchternheit ist die Angst vor Menschen zu sprechen.

Diagnostik und Therapie

„Zwischen Erkennen der psychischen Störung und Therapiebeginn vergehen jedoch in der Praxis häufig bis zu 5 Jahre.“(Prof. Steinhauser Uni-Zürich)

Weil Mutismus häufig falsch gedeutet wird, verzögert sich oft die Diagnostik und der Start einer wirkungsvollen Therapie. Es ist durchaus denkbar, dass das betroffene Kind schweigend die Kindergartenzeit und die Grundschulzeit meistert, spätestens in den höheren Klassen geschieht neben dem sozial-emotionalen oft auch ein kognitiver Einbruch. Kinder, die sich nicht am Unterricht beteiligen, nicht nachfragen und die sich ständig kontrollieren um nicht zu sprechen, um keinen Laut von sich zu geben, deren Energiekapazität bricht mehr und mehr ein. So kann es geschehen, dass bei durchaus gutem kognitivem Potential das Kind zunehmend lernschwach wird.

Selektiver Mutismus: Wenn Kinder nicht sprechen

Letzte Änderung: 22.08.2018
Verfasst von Wiebke Posmyk • Medizinredakteurin Dieser Artikel wurde nachNach höchsten wissenschaftlichen Standards verfasst.

Unsere Inhalte basieren auf fundierten wissenschaftlichen Quellen, die den derzeit anerkannten medizinischen Wissensstand widerspiegeln. Wir arbeiten eng mit medizinischen Experten zusammen.

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Kinder mit Mutismus sprechen nicht – obwohl sie körperlich dazu in der Lage sind. Meist liegt ein sogenannter selektiver Mutismus vor: Das Kind spricht nur mit bestimmten Personen, so etwa mit den Eltern. Bei Kontakt mit anderen Menschen bleibt es hingegen stumm.

© iStock

Inhaltsverzeichnis

  • Überblick
  • Ursachen
  • Symptome
  • Diagnose
  • Therapie
  • Verlauf & Vorbeugen
  • Quellen

Viele Kinder reagieren vor fremden Leuten oder in neuen Situationen zunächst schüchtern und sprechen kaum. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit – etwa im Kindergarten – öffnen sie sich jedoch in der Regel und sprechen unbefangen drauflos.

Selektiver Mutismus geht über eine Schüchternheit weit hinaus. Auch nach längerer Eingewöhnung bleiben die betroffenen Kinder stumm – aber nicht in allen Lebensbereichen. Ein typisches Beispiel: Zu Hause plaudert das Kind munter drauflos, im Kindergarten aber gibt es schon seit Monaten keinen Mucks von sich.

Definition: Was ist selektiver Mutismus bei Kindern?

Kinder mit selektivem Mutismus sind unter bestimmten Bedingungen nicht in der Lage, zu sprechen, obwohl ihr Sprachvermögen normal entwickelt ist und ihre Sprachorgane intakt sind. Die Kinder sind in der Lage, sich altersgemäß zu artikulieren und Gesprochenes zu verstehen, sprechen aber nicht oder nur in eingeschränkter Form.

Selektiver Mutismus ist auch unter der Bezeichnung elektiver Mutismus bekannt. Mit selektiv/elektiv ist so viel wie „auswählend“ gemeint. Beide Begriffe machen deutlich, dass das Kind nur in bestimmten Situationen nicht spricht, zum Beispiel, wenn bestimmte Personen im Raum sind. Das Wort mutus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „stumm“.

Wesentlich seltener als ein selektiver Mutismus ist der sogenannte totale Mutismus – in diesem Fall spricht das Kind gar nicht mehr, auch nicht mit den Eltern oder anderen nahestehenden Personen.

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Manche Wissenschaftler sehen selektiven Mutismus als eine Ausprägung einer Angststörung wie der sozialen Phobie an, andere halten Mutismus nicht für ein eigenständiges Krankheitsbild.

Wie häufig ist selektiver Mutismus?

Die Angaben darüber, wie häufig selektiver Mutismus ist, schwanken. Einige Forscher gehen davon aus, dass weniger als eines von 1.000 Kindern nicht spricht, andere Quellen berichten von bis zu sieben von 1.000 Kindern. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen. Bei Kindern mit Migrationshintergrund kommt elektiver Mutismus öfter vor als bei Kindern ohne Migrationshintergrund.

Selektiver Mutismus: Ursachen

Wissenschaftler gehen davon aus, dass selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) durch mehrere Faktoren begünstigt wird. Hierzu zählen zum Beispiel:

  • Verzögerungen in der Entwicklung: Vor allem die sprachliche Entwicklung ist bei Kindern und Jugendlichen mit selektivem Mutismus häufig nicht auf dem Niveau ihrer Altersgenossen – sie reicht aber in der Regel aus, um sich verbal zu verständigen.
  • Persönlichkeitsmerkmale: Die meisten Kinder weisen bereits vor dem Auftreten des Mutismus bestimmte Persönlichkeitsmerkmale auf. Sie sind scheu und zurückhaltend, ziehen sich lieber zurück und gelten als ängstlich und empfindlich. Häufig haben sie eine enge Bindung zur Mutter und sind überbehütet aufgewachsen.
  • Veranlagung und/oder familiäre Lernumgebung: Selektiver Mutismus tritt gehäuft in Familien auf, in denen vermehrt psychiatrische Erkrankungen vorkommen. Oft ist ein Elternteil auffällig gehemmt oder schüchtern.
  • Kulturelle Belastung: Kinder mit Migrationshintergrund leiden häufiger an selektivem Mutismus, möglicherweise, weil sie mit der Sprache nicht so vertraut sind und Angst haben, Fehler zu machen

Ausgelöst wird selektiver Mutismus schließlich durch eine äußere Belastung – zum Beispiel durch den Eintritt in den Kindergarten. Das Kind zieht sich aus einer sozialen Situation zurück, indem es sich nicht mehr äußert.

© iStock Selektiver Mutismus: Die betroffenen Kinder sind meist introvertierte Persönlichkeiten.

Selektiver Mutismus: Diese Symptome sind typisch

Selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind nur unter ganz bestimmten Bedingungen spricht.

Das bedeutet: Das Kind schweigt zum Beispiel im Kindergarten oder in der Schule, weist zu Hause aber ein ganz normales Sprechverhalten auf. Die Situationen, in denen das Kind schweigt beziehungsweise spricht, sind dabei immer die gleichen.

Die ersten Symptome zeigen sich oft erstmals im Vorschulalter, seltener tritt selektiver Mutismus erst später in Erscheinung. Viele Kinder sind schon im Vorfeld auffällig ängstlich und schüchtern.

In der Regel stellt ein Arzt die Diagnose erst, wenn die Symptome mindestens über einen Zeitraum von einem Monat anhalten. Meist nehmen die Beschwerden schleichend zu: Das Kind verweigert das Sprechen mit anderen Personen immer häufiger. Schließlich äußert es sich nur noch unter ganz bestimmten Bedingungen.

Betroffene Kinder wirken oft ängstlich und gehemmt und sie meiden den Blickkontakt. Mitunter reagieren sie auch trotzig, missmutig oder depressiv. Im Kreise vertrauter Menschen können sie durch aggressives Verhalten auffallen. Die sprachliche Entwicklung ist in den meisten Fällen normal.

Selektiver Mutismus kann mit weiteren Auffälligkeiten einhergehen, mögliche Symptome sind zum Beispiel

  • Bettnässen,
  • Einkoten,
  • Depressionen,
  • Angst, alleine zu schlafen oder
  • Stimmungsschwankungen.

Überblick: Typische Symptome des selektiven Mutismus

Das Kind

  • spricht nur in ausgewählten Situationen oder nur mit bestimmten Personen, in anderen Situationen/bei anderen Personen bleibt es stumm

  • hat in der Regel ein Sprachverständnis und Sprachvermögen, das zum verbalen Kommunizieren ausreicht
  • ist in sozialen Situationen häufig ängstlich
  • ist oft besonders empfindsam
  • vermeidet es in bestimmten Situationen/bei bestimmten Personen, laut zu lachen, zu weinen oder zu husten

Manche Kinder erstarren regelrecht in ihrem körperlichen Ausdrucksverhalten und in ihrer Mimik. Andere vermeiden alle Körpergeräusche wie Husten, Lachen oder Weinen.

© Jupiterimages/iStockphoto Viele Kinder mit selektivem Mutismus reagieren in sozialen Situationen sehr ängstlich und verschüchtert. Neben der fehlenden Sprache kommen oft weitere Symptome hinzu, so etwa Bettnässen.

Selektiver Mutismus: So stellt der Arzt die Diagnose

Die Verdachtsdiagnose selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) ergibt sich in der Regel aus den Erzählungen der Familienangehörigen sowie aus der Verhaltensbeobachtung des Arztes.

Der Arzt wird die Eltern im Gespräch beispielsweise fragen,

  • in welchen Situationen das Kind nicht spricht,
  • wie lange die Symptome schon bestehen,
  • wann die Symptome eingesetzt haben oder
  • ob sie einen möglichen Auslöser für das Schweigen ausmachen können.

Nicht jedes Kind, das nicht oder nur wenig spricht, leidet an Mutismus. Daher ist es notwendig, dass der Arzt andere Erkrankungen ausschließt, die ähnliche Symptome hervorrufen. Erkrankungen, die zu ähnlichen Beschwerden führen, sind zum Beispiel:

  • Sprachverlust durch hirnorganische Schäden, etwa durch einen Tumor oder eine Entzündung im Bereich des Gehirns
  • Schwerhörigkeit, Gehörlosigkeit
  • Hörstummheit (Audimutitas), eine Störung der Sprachentwicklung, die sich bereits vor Abschluss des Spracherwerbs bemerkbar macht
  • tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie Autismus
  • Erkrankungen, die zu Sprachverlust führen wie etwa das Heller-Syndrom oder das Landau-Kleffner-Syndrom
  • psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie

Daher wird der Mediziner das Kind gründlich körperlich untersuchen. So wird er etwa einen Hörtest durchführen, um ein Problem mit dem Gehör auszuschließen. Darüber hinaus wird er die sprachliche Entwicklung des Kindes prüfen.

© Jupiterimages/Wavebreak Media Um die Diagnose selektiver Mutismus zu stellen, wird der Arzt verschiedene Untersuchungen durchführen.

Hält (selektiver) Mutismus nicht länger als vier Wochen an, spricht man auch von passagerem (vorübergehendem) Mutismus. Passagerer Mutismus ist in der Regel eine Folge von Trennungsangst. Er kommt etwa vor, wenn das Kind gerade in den Kindergarten oder in die Schule gekommen ist. Auch ein traumatisches Erlebnis kann dazu führen, dass ein Kind vorübergehend nicht spricht.

Selektiver Mutismus: Die Therapie ist immer individuell

Je früher selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) behandelt wird, desto besser. Die Therapie sollte individuell auf das Kind zugeschnitten sein.

Die Therapie besteht in der Regel aus verschiedenen Behandlungselementen, die individuell auf das Kind zugeschnitten sind.

Hierzu zählen zum Beispiel:

  • Elterntraining, Familientherapie
  • Psychotherapie zur Erweiterung der kommunikativen Fähigkeiten, so z.B. Verhaltenstherapie
  • Gruppentherapie zum Abbau sozialer Ängste
  • Musiktherapie, Bewegungstherapie, Kunsttherapie
  • ggf. zusätzlich medikamentöse Therapie mit Antidepressiva, wobei diese nicht die einzige Maßnahme darstellen sollte

Das Kind lernt zum Beispiel in der Verhaltenstherapie in einer beschützten Atmosphäre, Schritt für Schritt mit fremden Menschen zu sprechen – so zunächst etwa mit einem Therapeuten. Durch Gestik, Mimik und gemeinsamem Spielen kann der Therapeut behutsam und in angstfreier Umgebung Vertrauen zu dem Kind aufbauen und es ihm leichter machen, sich vor ihm auch verbal zu äußern. Nach und nach wird der Spielraum des Kindes immer mehr erweitert.

Wichtig bei der Therapie des selektiven Mutismus ist es, dass die Eltern und das nähere Umfeld – zum Beispiel Ansprechpartner im Kindergarten oder in der Schule – miteinbezogen werden. Im Rahmen einer Familientherapie kann es wichtig sein, die Einflüsse und Faktoren herauszufinden, die zur Störung geführt haben beziehungsweise diese aufrechterhalten.

Selektiver Mutismus: Verlauf & Vorbeugen

Selektiver Mutismus (elektiver Mutismus) kann sehr unterschiedlich verlaufen:

  • In vielen Fällen bildet er sich im Jugendalter langsam zurück. Diese Kinder zeigen im späteren Leben ein normales Sprechverhalten und sind im sozialen Bereich unauffällig.
  • Andere Kinder wiederum sprechen später zwar wieder, sie haben jedoch weiterhin Probleme damit, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Sie haben Angst vor sozialen Kontakten und ziehen sich gerne zurück.

Oft dauert selektiver Mutismus nur wenige Monate an. Er kann aber auch chronisch werden und über mehrere Jahre hinweg bestehen bleiben.

Generell gilt: Je früher die Therapie einsetzt, desto besser ist auch die Prognose. Bleibt selektiver Mutismus unbehandelt, kann er sich möglicherweise negativ auf das spätere Leben auswirken. So kann es sein, dass die Betroffenen als Erwachsener weiterhin sehr schüchtern sind oder eine soziale Phobie entwickeln.

Erste Anzeichen erkennen

Sicher vorbeugen können Eltern einem selektivem Mutismus nicht – aber auf mögliche erste Anzeichen achten. Wenn Sie Sorge haben, dass Ihr Kind nicht altersgerecht kommuniziert, sollten Sie sich an einen Experten wenden. Eine erste Anlaufstelle kann der Kinderarzt oder ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sein. Hilfe bieten auch die Sprachambulanz des Gesundheitsamts oder eine Frühförderstelle.

Quellen

ICD-10-Diagnoseschlüssel:

Hier finden Sie den passenden ICD-10-Code zu „Selektiver Mutismus“:

  • Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend

Onmeda-Lesetipps:

Tauschen Sie sich im Forum Kinderentwicklung & Elternsorgen aus.

Bettnässen: Was tun?

Linktipps:

Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V.

Verein StillLeben e.V. zur Früherkennung von selektivem Mutismus

Quellen:

Online-Informationen des Deutschen Bundesverbands für Logopädie e.V.: www.dbl-ev.de (Abrufdatum: 22.8.2018)

Selektiver Mutismus. Online-Informationen des Pschyrembel: www.pschyrembel.de (Stand: April 2016)

Möller, H., Laux, G., Deister, A.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

Koletzko, B.: Kinder- und Jugendmedizin. Springer, Heidelberg 2013

Leucht, S., Förstl, H.: Kurzlehrbuch Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2012

Remschmidt, H.: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Thieme, Stuttgart 2011

Esser, G.: Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Thieme, Stuttgart 2011

Schneider, S., Margraf, J.: Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Störungen im Kindes- und Jugendalter. Springer, Heidelberg 2009

Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychologie: Elektiver Mutismus. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/023 (Stand: November 2006)

Letzte inhaltliche Prüfung: 22.08.2018
Letzte Änderung: 22.08.2018

Selektiver Mutismus: Eingesperrt im Gefängnis des Schweigens

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„Ich begegnete Gustav im Kindergarten. Gustav fuhr mit einem Tretauto herum und wollte hupen. Dabei klemmte er sich den Mittelfinger so unglücklich in der kaputten Plastikhupe ein, dass er ihn nicht mehr herausbekam.

Der Finger sah schlimm aus: gequetscht, geschwollen und blutig. Es muss ihn unglaublich geschmerzt haben. Er verzerrte das Gesicht, riss seinen Mund auf – es sah aus, als würde er unheimlich laut schreien. Aber es kam kein Ton aus seinem Mund.“

Das war die erste Begegnung der Wiener Psychotherapeutin Gabriele Biegler-Vitek mit einem selektiv mutistischen Kind. Seither fokussiert sie sich als Psychotherapeutin auf diese Kinder, die nur mit der engsten Kernfamilie sprechen und sonst eisern schweigen.

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Selektiver Mutismus („mutus“ ist das lateinische Wort für „stumm“) heißt diese seltene Kommunikationsstörung. Experten schätzen, dass weniger als ein Prozent aller Kinder davon betroffen sind. Da aber in Deutschland bislang allerdings nur wenige Menschen von der Störung gehört haben, ist eine hohe Dunkelziffer wahrscheinlich.

Stummheit ist meist psychologisch bedingt

Anders als bei echter Stummheit sind bei selektiv mutistischen Kindern die Sprechorgane und die Sprechmotorik intakt. Ihre Stummheit ist meistens rein psychologisch bedingt. Zu Hause reden selektiv mutistische Kinder oft sogar besonders viel – als müssten sie ihr Schweigen in der Außenwelt kompensieren. Weil sie immer im gleichen sozialen Kontext verstummen, bezeichnet man dieses Phänomen als „selektiv“.

Besonders häufig verschlägt es selektiv mutistischen Kindern in Kindergarten und Schule die Sprache. Aber manchmal genügt es auch schon, dass die Großeltern zu Besuch kommen und das eben noch lebhaft und laut mit den Geschwistern spielende Kind erstarrt.

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Die Körpersprache selektiv mutistischer Kinder ähnelt sich stark, weiß Gabriele Biegler-Vitek: „Die Kinder verstummen, ziehen die Schultern hoch und schauen zu Boden. Oft verdecken noch die Haare das Gesicht. Sie verschränken die Beine und bewegen sich nicht. Sie vermeiden selbst Geräusche wie Räuspern und mit Stimme lachen. Ich habe einmal ein siebenjähriges Mädchen behandelt – sie sah aus wie ein kleiner blonder Engel. Sie war temperamentvoll, hat Hip-Hop getanzt. Aber wenn man sie ansprach und ansah, war da nichts: Ihr Gesicht war ausdruckslos wie eine Maske.“

Die Kinder erstarren im Gefängnis ihres Schweigens

Biegler-Vitek hat in einer aktuellen Studie die Erfahrung von mehr als zwanzig Jahren Arbeit mit selektiv mutistischen Kindern zusammengefasst und beschreibt mögliche Therapien.

Der erste entscheidende Schritt ist die richtige Diagnose – und die ist gerade beim Frühmutismus im Kindergartenalter schwierig. Denn nicht jedes Kind hat ein offenes Wesen, stürzt sich sofort mitten ins Getümmel und findet problemlos Freunde.

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Oft wird daher der Mutismus im Kindergarten noch als extreme Schüchternheit verharmlost: „Das wächst sich aus“, trösten Pädagogen die ratlosen Eltern. Tut es aber nicht. Leider. Es gibt klare Kriterien für selektiven Mutismus: In den immer gleichen, genau definierten Situationen spricht das Kind absolut niemals, und die Störung dauert mindestens einen Monat. Dabei kann das Kind prinzipiell völlig normal sprechen und alles verstehen.

Nach der Einschulung wird der Alltag für mutistische Kinder zunehmend problematisch. Johanna (33, Name von der Redaktion geändert) war ein selektiv mutistisches Kind: „Für meine Eltern war ich ein unglaublich peinliches Kind. Zu Hause war ich aufmüpfig und frech. Aber in der Schule versteckte ich mich unter dem Tisch, wenn es mir zu viel wurde. Ich habe in der Schule nie geredet. Außer in Mathe. Da war ich immer gut – und man musste nicht in ganzen Sätzen antworten.“

Mutistische Kinder erfreuen sich großer Beliebtheit

Selektiv mutistische Kinder sind bei Mitschülern und Lehrern häufig zunächst sehr beliebt. Für die Gesamtdynamik der Klasse kann ein ruhiges Kind angenehm sein. Die Kinder gelten als wohlerzogen – dabei leiden sie in Wahrheit an unüberwindbarer Angst, die zu einer gravierenden Kommunikationsstörung führt.

„Es ist erstaunlich, wie lange diese Kinder manchmal mit ihrem Schweigen durchkommen“, sagt Biegler-Vitek. „Oft während der ganzen Grundschulzeit. Sie finden immer einen oder zwei Freunde, die sich zu ihrem Sprachrohr machen lassen.

Auch die Lehrer stellen sich schnell auf diese Kinder ein: Sie stellen ihnen oft nur geschlossene Fragen, die leicht mit Kopfnicken oder Kopfschütteln zu beantworten sind. Der Umgang mit einem mutistischen Kind braucht zwar den notwendigen Respekt vor der Angst – gleichzeitig aber auch den Mut, das Kind zu fordern.

‚Ich kann sie doch nicht zwingen zu reden – sie schaute so ängstlich‘, meinte einer der Lehrer, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Wenn die Lehrer aber merken, dass nett sein auch nicht weiterhilft, sind sie nach einer Weile enttäuscht und irritiert.“ Das Schweigen werde dann als Trotz interpretiert, die Lehrer würden kapitulieren. Dadurch könne das Kind schulisch und somit auch beruflich in einer Sackgasse landen.

Kinder kennen keinen anderen Ausweg

Dabei ist das Schweigen eine emotionale Lösung, keine bewusste Entscheidung. Das Kind wählt diesen Ausweg, weil es keinen besseren kennt. Steht die Diagnose selektiver Mutismus erst einmal fest, suchen die Eltern oft die Schuld bei sich selbst: „Was habe ich falsch gemacht?“ Schuldgefühle sind aber komplett fehl am Platz.

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Die Ursachen für selektiven Mutismus sind vielfältig, und in diesem Punkt sind sich die Experten einig: Erziehungsfehler sind nie der Grund für selektiven Mutismus. Jedoch liegt auffallend häufig eine genetische Prädisposition vor. Bei mehr als 70 Prozent der Kinder ist zumindest ein Elternteil schüchtern und gehemmt.

Oft erinnern sich Eltern an mutistisch anmutende Phasen in der eigenen Entwicklung. Immer wieder hört Gabriele Biegler-Vitek Sätze wie: „Mir ging es als Kind genauso wie meiner Tochter. Ich habe erst mit 16 Jahren im Internat gelernt, mit anderen zu sprechen.“

Außerdem findet man bei etwa 75 Prozent aller Fälle mindestens ein Elternteil mit Depressionen. Auffallend hoch ist auch der Anteil des sogenannten Migrantenmutismus. Mehr als die Hälfte aller von Gabriele Biegler-Vitek behandelten Kinder kommt aus einem bilingualen Umfeld.

Hier geht es häufig nicht nur um die Angst, in der fremden Sprache Fehler zu machen. Hier ist die Sprachverweigerung der Kinder oft eine Konsequenz der familiären Schwierigkeiten, sich in einem fremden Land eine neue Identität aufzubauen.

Weitreichende Konsequenzen für die Erinnerung

Das Schweigen an sich ist aber nur ein geringeres Problem. Denn die Konsequenzen können weit reichen: „Diese Kinder sind ausgezeichnete Beobachter – aber sie machen selten aktiv etwas von sich aus“, sagt Gabriele Biegler-Vitek. Und wer nicht mitmacht, hat auch keine Erinnerung.

Das bestätigt Johanna: „All diese Erinnerungen an eine schöne Kindheit, an viele Erlebnisse, die andere haben, die habe ich nicht. Ich habe nie zu irgendwelchen festen Gruppen dazugehört – das fand ich immer schrecklich.“

Die Welt dieser Kinder ist klein. Die fehlende Kommunikationserfahrung verhindert eine altersgerechte Identitätsbildung. Denn die Fähigkeit, über sich selbst zu erzählen, dient der Ausbildung eines autobiografischen Bewusstseins für die eigene Lebensgeschichte.

Für Johanna ist die Zeit zwischen zwölf und sechzehn Jahren wie ein schwarzes Loch, sie hat kaum eine Erinnerung an einzelne Erlebnisse. Danach schaffte sie es selbstständig, aus dem Schweigen herauszufinden – und konnte so wieder mit ihrem sozialen Umfeld etwas erleben. Dies gelingt nicht jedem Betroffenen ohne professionelle Hilfe.

„Ich bin völlig normal, ich brauche keine Hilfe“

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„Ich wusste immer, irgendwann kann ich das, ich bin völlig normal, ich brauche keine Hilfe. Außerhalb der Schule, auf einem Workcamp, traute ich mich offener zu sein. Ich wusste, nach dem Camp sieht man diese Leute nie mehr wieder. So traf ich jemanden, der meine Gedanken in die richtige Reihenfolge brachte. Der mir erklärte, wie Kommunikation funktioniert. Wir sind heute noch befreundet“, sagt Johanna.

Ihre eigene Geschichte führte Johanna zu ihrer Berufswahl: Sie machte eine Ausbildung als Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin und sie setzte sich im Rahmen dieser Ausbildung intensiv mit Selbstwahrnehmung auseinander. „Da kam dann der Moment, als ich das erste Mal mein Spiegelbild in einem Schaufenster sah und dachte: „Aha, das bin ja ich.“

So vielschichtig die Ursachen sind, so individuell sind auch die Therapieansätze. Sie richten sich nach der Hauptursache des Schweigens und lassen sich, vereinfacht gesagt, in zwei Stufen einteilen: Im ersten Schritt muss die Sprache selbst wieder aufgebaut werden. Das kann damit beginnen, dass das Kind eine Feder wegblasen oder ein Wort flüstern muss. Später werden dann in Spielsituationen einzelne Buchstaben und einzelne Worte gesprochen.

Wenn das Kind zumindest im therapeutischen Umfeld spricht, muss im zweiten Schritt die Sprache wieder in den Alltag integriert werden. Entscheidend sind hier die Auseinandersetzung mit den Ängsten des Kindes und das Aufbrechen von Rollenfixierungen.

Kinder richten sich in Schweigerolle ein

Im Laufe der Jahre richten es sich die Kinder in ihrem Umfeld oft hervorragend mit ihrer Schweigerolle ein. Sie zupfen die Eltern am Ärmel und flüstern ihnen etwas ins Ohr, wenn sie im Geschäft etwas haben möchten. Sie warten, bis die aufmerksame Erzieherin errät, dass sie auf Toilette müssen. Sie finden in jeder Gruppe rücksichtsvolle Kinder, die sie mitspielen lassen und vor den kritischen Blicken anderer Kinder schützen.

Das Aufbrechen der Rollenfixierung kann nur gelingen, wenn Eltern und Lehrer in den Therapieverlauf einbezogen werden. Eine Psychotherapie kann durch Musik-, Ergo- oder Reittherapie ergänzt werden. Gabriele Biegler-Vitek arbeitet durchschnittlich vier Jahre mit den Kindern: „Am Ende steht dann das Vergessen, wie schlimm das Nichtsprechen war. Die Kinder sind dann einfach weg. Es ist, als sei nie etwas gewesen.“

Wenn das Kind nicht spricht: Wie Pädagogen selektiven Mutismus erkennen und damit umgehen

Selektiver Mutismus: Was ist das?

Selektiver Mutismus ist eine Art von Mutismus und beschreibt das Phänomen, dass Kinder, die anatomisch in der Lage sind zu sprechen, in einer ihnen ungewohnten Umgebung oder vielmehr dann, wenn fremde Personen hinzutreten, verstummen und sich aus ihrem direkten Umfeld regelrecht „ausklinken“. Daher sind es oft gar nicht die Eltern, die die ersten Anzeichen von selektivem Mutismus erkennen, sondern die Pädagogen in Kita und Schule.

Beim selektiven Mutismus liegen weder geistige noch körperliche Einschränkungen vor. Wird selektiver Mutismus jedoch nicht erkannt und nicht behandelt, kann das massive Langzeitfolgen für das Kind haben: Beeinträchtigung in seiner schulischen Entwicklung sowie Behinderungen der beruflichen und sozial-emotionalen Teilhabe.

Einer Studie aus dem Jahr 2001 zufolge, leiden etwa 7 von 1000 Kindern an Mutismus und damit doppelt so viele, wie an Autismus. Häufig tritt selektiver Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund auf. In diesen Fällen ist es noch schwieriger festzustellen, ob das Kind Angst vor der fremden Sprache hat oder selektiv mutistisch ist.

Was sind die Symptome von selektivem Mutismus?

Das Hauptmerkmal des Mutismus ist das Schweigen an sich. Fälschlicherweise werden selektiv mutistische Kinder oftmals als trotzig oder aufsässig eingestuft. Das ist falsch. Diese Kinder leiden an einer Angststörung. Die meisten wollen sprechen, doch ihr Angstgefühl ist größer als dieser Wunsch. Ein mehr oder minder eindeutiges Anzeichen für selektiven Mutismus liegt in der Veränderung des Verhaltens des Kindes:

Während es in gewohnter Umgebung offen ist, spielt, lacht und tobt, schlägt sein Verhalten plötzlich um, sobald sich etwas an der Situation ändert oder andere Personen hinzukommen: Das Kind wird still und stumm.

Dadurch, dass sich mutistische Kinder regelrecht unsichtbar machen wollen (Mutismus hat auch viel mit fehlendem Selbstbewusstsein zu tun), fallen sie in Kita und Schule weit weniger auf, als hyperaktive oder lernbehinderte Kinder, was eine Diagnose in vielen Fällen verzögert.

In der Praxis kann sich selektiver Mutismus z. B. folgendermaßen äußern:

  • Das Kind schweigt, wenn es von Erzieherinnen und Erziehern oder Lehrkräften angesprochen wird.
  • Das Kind schweigt in Erzählsituationen.
  • Das Kind spielt häufig alleine und spricht generell, wenn dann nur sehr wenig mit seinen Mitschülern.

Ist das Kind nicht einfach nur schüchtern?

Selektiver Mutismus wird nicht selten mit Schüchternheit verwechselt. Doch wie können Erzieherinnen und Erzieher sowie Eltern unterscheiden, ob ein Kind mutistisch ist oder einfach nur schüchtern auf fremde Personen oder größere Gruppen reagiert? Es kommt darauf an, wie lange das Schweigen anhält, erklärt Julia Reimelt, Vorstandsmitglied und Sprecherin des Vereins Stillleben, gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Eine Eingewöhnung in der Kita kann zwei bis drei Monate dauern, aber wenn das Kind dann immer noch gar nicht spricht, sollte man schon genauer hingucken.“

Ein anderes Merkmal ist, dass Kinder, die einfach nur schüchtern sind, durchaus kommunizieren können, dass sie Angst haben. Ein Kind mit Mutismus erstarrt förmlich und kann sich nicht mehr mitteilen.

Selektiver Mutismus: Erfahrungen eines betroffenen Vaters

Im Video des Vereins Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. erzählt ein Vater von seinen Erfahrungen mit seiner selektiv mutistischen Tochter:

Quelle: Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V., YouTube

Ursachen für selektiven Mutismus

Die genauen Ursachen dieser Angststörung sind nicht hinreichend erforscht. Ein Grund, der oft genannt wird, ist die genetische Veranlagung. Das heißt: In einigen Familien treten über Generationen hinweg Ängste, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen auf, was das Kind für diese Störung anfälliger macht.

Darüber hinaus kann die äußere Belastung, also der Besuch des Kindergartens oder die Einschulung Auslöser für Mutismus sein. Nicht selten sind es Kinder mit Migrationshintergrund, die an selektivem Mutismus leiden. Mit dem Hintergrund, dass sie die Sprache nicht beherrschen, sind sie von den neuen Eindrücken häufig so überwältigt, dass sie aufhören zu sprechen.

Langzeitstudien, die die Entwicklung von ein- und mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen, die unter selektivem Mutismus leiden, vergleichen, fehlen bislang jedoch.

Trauma ist eher selten Auslöser für selektiven Mutismus

Ein Schock oder ein Trauma sind selten die Ursache für selektiven Mutismus. Sie sind eher Auslöser des sog. totalen Mutismus, bei dem das Kind generell nicht mehr mit anderen Menschen spricht.

Weitere Informationen über die anderen Formen von Mutismus erhalten Pädagogen im Werk „Besondere Kinder“. Diese Software beleuchtet die gängigen Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen wie Autismus und ADHS und gibt Hilfestellungen zum Erkennen einer Störung und dem Umgang mit ihr im Gruppen- bzw. Klassenraum.

Ist selektiver Mutismus heilbar? – Hilfestellungen im Alltag

Wird selektiver Mutismus frühzeitig erkannt und behandelt, können die meisten Kinder später ein normales und erfülltes Leben führen. Deshalb ist eine frühe Diagnose sehr wichtig. Eltern sollten sich also nicht so leicht von Ärzten mit dem Satz „Das verwächst sich schon“ abwimmeln lassen. In aller Regel stellen Ärzte die Diagnose Mutismus erst, wenn die Symptome mehr als einen Monat andauern und immer intensiver werden.

Es gibt unterschiedliche professionelle Therapie-Ansätze, um Mutismus zu behandeln, doch auch die Erzieherinnen und Erzieher können im Alltag schon etwas tun, um selektiv mutistischen Kindern bei der Bewältigung ihrer Angststörung zu unterstützen. Hier ein paar Beispiele:

Maßnahme Wirkung
Veränderung der Sitzposition im Gruppen- oder Klassenraum Es kann dem Kind helfen, wenn es nicht direkt zwischen anderen Schülern sitzt, sondern eher abseits und auf einem bequemeren Stuhl.
„sichere“ Umgebung schaffen Strahlen Pädagogen gegenüber dem mutistischen Kind menschliche Wärme aus und sind sie entschlossen aber nicht verbissen, könnte das Kind die so geschaffene Umgebung im Gruppen- oder Klassenraum als sicher empfinden und sich etwas öffnen.
Sprechsituationen erschaffen Mit Brett- und Kartenspielen sowie Puzzeln erschaffen Pädagogen nonverbale Situationen, die das Kind eventuell zu einem Ausruf (Begeisterung beim Sieg) motivieren, ohne Druck auf das Kind ausgeübt zu haben.
Gebrauch von Handpuppen / Plüschtieren Das Spiel mit Stofftieren oder Handpuppen eignet sich deshalb so gut zur Förderung selektiv mutistischer Kinder, weil sich das Kind hinter dem Stofftier/der Puppe erst einmal verstecken kann. Es spricht also nicht das Kind, sondern das Spielzeug.
Nonverbale Techniken Auch nonverbale Techniken können das Sprechen fördern. Solche Techniken sind: Deuten mit dem Finger, Nicken, Gestikulieren, Worte tanzen, das Alphabet singen, Buchstaben darstellen oder auch das ins Ohr flüstern sowie das stumme Formen von Worten mit dem Mund.
Nonverbale Gesten übersehen Pädagogen können das Kind in Situationen bringen, in denen es mit nonverbalen Gesten nicht mehr weiterkommt. Dafür „übersieht“ der Pädagoge diese Gesten bewusst, um das Kind zum Sprechen zu bringen. Das sollte jedoch immer ein schleichender Prozess sein, das Kind darf nicht das Gefühl entwickeln, dass es ignoriert wird.

Weitere Maßnahmen, die Erzieherinnen und Erzieher im Gruppen- und Klassenraum sowie Eltern im häuslichen Bereich durchführen können, enthält das Werk „Besondere Kinder“.

No-Gos bei selektivem Mutismus

Es gibt aber auch Verhaltensweisen, die Pädagogen sowie Eltern gegenüber dem mutistischen Kind tunlichst vermeiden sollten:

  1. Das Kind darf niemals dazu überredet werden zu sprechen. Es sollten auch keine Bestrafungen angedroht werden, weil es nicht spricht.
  2. Keine „Tauschgeschäfte“ nach dem Motto „wenn du sprichst, bekommst du was Süßes“ anbieten.
  3. Eher kontraproduktiv ist auch das permanente Nachfragen der Eltern, ob es in der Schule gesprochen hat. Wenn das Kind ein Erfolgserlebnis teilen möchte, wird es das von selbst tun.
  4. Hat das Kind gesprochen, sollten Erzieherinnen und Erzieher sowie Eltern darauf verzichten, das Kind mit Lob zu überschütten oder zu extrem in Freude auszubrechen. Schließlich ist es etwas ganz Normales, dass ein Kind spricht und das sollte dem Kind auch vermittelt werden.

Das A und O bei selektivem Mutismus ist Geduld und Ausdauer. Denn der Prozess, bis das Kind ein Wort spricht, kann sehr langwierig sein. Die Ausübung von Druck kann die Störung dagegen verstärken.

Um die Ängste und Frustration der Eltern zumindest zu mildern, ist es sehr hilfreich, wenn die Pädagogen in Elterngesprächen den Umgang mit der Entwicklungsstörung offen kommunizieren. (juse)

Mutismus

Was ist (s)elektiver Mutismus?

(S)elektiver Mutismus beschreibt die Unfähigkeit, in spezifischen sozialen Situationen, z.B. in der Schule, oder mit bestimmten Personen, z.B. Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören, zu sprechen.

(S)elektiver Mutismus trifft häufig im Rahmen von Zweisprachigkeit auf. Außerdem gehen oft weitere Sprach- oder Stimmstörungen mit einher.

Folgende Merkmale sind erkennbar:

Das Kind spricht in bestimmten Situationen nicht. Zu Hause und mit vertrauten Personen spricht es „normal“.

Zu Hause: sehr expressiv, redet teilweise extrem viel (Nachholbedarf)

Das Schweigen besteht länger als 4 Wochen

Ausdrucksloser Gesichtsausdruck, starre Lippen, starrer Blick, steifer Körper

Fehlender Blickkontakt

Reaktionen erfolgen verzögert

Kompensiert das Nicht-Sprechen mit guten schriftlichen Leistungen

Hohe Sensibilität auf allen Ebenen > Eine sprachtherapeutische Diagnose und die damit verbundene therapeutische Begleitung ist von großer Bedeutung.

Was können wir als Schule unternehmen?

Wir arbeiten eng mit dem Elternhaus zusammen und empfehlen dringend eine zusätzliche sprachtherapeutische Untersuchung des Kindes: Die Therapie wird von den Krankenkassen bezahlt und wir als Schule können die Eltern bei der Wahl eines geeigneten Therapeuten beraten (s. Therapeutenliste).

Wir arbeiten eng mit den behandelnden Therapeuten zusammen und übertragen deren therapeutische Maßnahmen in den Unterricht. Im Unterricht gehen wir sensibel mit mutistischen Kindern um: d.h.,

– wir nehmen das Schweigen nicht persönlich!

– wir stellen das Kind nicht in den Mittelpunkt!

– wir heben erste Äußerungen der Kinder nicht unnötig hervor!

– wir fordern nicht lediglich zum Sprechen auf, da wir wissen, dass jede Aufforderung den Druck auf die betroffenen Schüler erhöht!

Andererseits aber…

beziehen wir die betroffenen Kinder in gemeinsame Handlungen mit ein

ermöglichen wir nonverbale Aktivitäten und Interaktionen

schaffen wir Situationen, die den Schülern ermöglichen, auf Handlungsebene kompetenter zu werden und die Initiative ergreifen zu können

analysieren wir in welchen Formen der Kontaktaufnahme die Kinder kompetent sind und nutzen diese Kompetenzen und gestalten Situationen in denen es den Schülern leichter fällt, Kontakt aufzunehmen.

Konkret für den Unterricht bedeutet das:

Wir bieten bei Rollenspielen etc. Aufgaben mit zunächst geringer kommunikativer Verantwortung (Geräusche mit Gegenständen machen, Tiergeräusche).

Wir bieten dem Schüler an zu flüstern, wenn es dem Therapiestand entspricht.

Wir beziehen Tonband- und Videoaufnahmen, sowie Briefe und E-Mails in die Förderung mit ein.

Wir beziehen Mitschüler, zu denen das schweigende Kind einen guten Kontakt hat, mit in die Förderung mit ein.

Wir arbeiten viel in zunächst Kleinst- und später Kleingruppen, in denen dem mutistischen Schüler mehr zugemutet werden kann.

Wir berücksichtigen das Nicht-Sprechen bei der Benotung, indem wir die mündliche Beteiligung zunächst kaum in die Notenerrechnung mit einbeziehen. (Gewichtung 80/20 zu Anfang der Therapie)

Wir arbeiten mit sogenannten Therapeutischen Verträgen, in denen mit den Schülern vermehrtes Sprechen im Unterricht vertraglich vereinbart wird.

Hilfreiche Kontaktadressen:

Anne Wichtmann – Gesundheitszentrum St. Johannes
Mitglied von StillLeben e.V.
Kölnstraße 54
53111 Bonn
Tel.: 0228 – 54873575

Praxis für Sprachtherapie und Logopädie Anja Bartels
Akademische Sprachtherapeutin
Zert. Lese-Rechtschreibtherapeutin
Euskirchener Str. 43
53121 Bonn
Tel.: [email protected]

Institut für Sprachtherapie Dr. Boris Hartmann
Petersenstr. 20
51109 Köln
Tel.: 0221/844 855

Praxis für Sprachtherapie Birgit Lange
Ansprechpartnerin: Maike Weber
Berrenrather Straße 482b
50937 Köln
Tel: 0221 – 468620
Fax: 0221 – 4686222

Anne Schumacher Praxis für Sprachtherapie

Dürener Str. 34050935

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