Kind angeschrien schlechtes gewissen

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Die Hand ausgerutscht. Von einer Mutter, die ihr Kind geschlagen hat und es nie wieder tun will.

Ihr Lieben, wir haben hier einen Gastbeitrag einer anonymen Mutter, den wir für sehr reflektiert und teilenswert halten. Bitte lest und urteilt nicht, sondern versucht zu verstehen…

„Liebe Community, jeder von euch hat Momente, in denen es nicht weiter zu gehen scheint…

Das Baby hat seit drei Nächten geschrien, offene Rechnungen liegen auf dem Tisch, der Partner ist nicht da, oder nicht existent, genauso fertig wie ihr oder einfach ebenso hilflos, ihr wollt ihm/ihr unbedingt heute Nacht den Rücken freihalten, aber euch stehen die Tränen in den Augen und es ist trotzdem keine Zeit, weil das Baby doch Ruhe braucht, um ruhig zu werden. Oder das Kleinkind, oder das Kind, oder der Teenager.

Da ist Wut im Bauch, weil alles so unfair ist.

Und draußen ist es kalt, nur das Grau in Grau und die feuchte Kälte die bis unter die Haut geht. Ich glaube wirklich, solche Momente hat jeder Mensch, jedes Elternteil.

Ich kenne sie von mir – manchmal intensiver, tagelang, manchmal nur einen „wegatembaren“ Augenblick.

Dennoch weiß ich, manchmal bin ich eine schlechte Mutter.

Bevor ihr mir Mut macht, bevor ihr mir sagt, dass jeder mal die Nerven verliert, möchte ich sagen: Ich bin sehr reflektiert, ich weiß, dass jeder Fehler machen darf. Ich bin mir des enormen Drucks auf Mütter bewusst, und all der guten Gründe, manchmal nicht geduldig sein zu können und zu müssen. Ich bin meistens eine gute Mutter, denke ich. So wie die meisten.

Ich schreibe das hier anonym, denn bei diesem Thema geht immer ein Aufschrei durch die Foren. Es ist ein Tabu.

Ich habe meinen Sohn, mein Kleinkind geschlagen.

Nicht so, dass er einen blauen Fleck bekam, oder eine rote Stelle. Aber so, dass er sich heftig erschrocken hat. So, dass er noch heftiger weinte, und alle Wut von mir abfiel, und das schlechte Gewissen an mir nagte. So, dass ich wusste: bisher war jeder Wutausbruch irgendwie zu verzeihen, jedes Wort, jeder hilflose Moment, aber das hier, das bleibt eine Narbe in unseren Seelen.

Und ich bete, hoffe, wünsche, kämpfe dafür, dass es nie wieder passiert – ich atme durch, zähle bis zehn, versuche die Situation zu verlassen, sobald meine eigenen Gefühle zu laut, zu wirr, zu absurd werden. Wenn das Schreien meines Sohnes ein Klingeln in meinen Ohren wird, wenn ich nicht mehr unterscheiden kann zwischen seinen Bedürfnissen und meinen Projektionen auf sein kleines Kinderköpfchen, zwischen gesellschaftlichen, familiären und meinen eigenen Erwartungen…

Aber ich weiß nicht, ob das reicht. Ob es wieder passiert. Ich arbeite an mir.

Ich habe mir (wieder) einen Therapieplatz gesucht, ich ringe mit mir, Reflexion vom Jugendamt einzuholen, aber es ist sehr, sehr schwer. Es ist schwer, über Überforderung zu sprechen. Ohne, andere Probleme relativieren zu wollen: Ich meine nicht das Reden über unaufgeräumte Wohnungen und verpasste Abgabetermine. Nicht über scheiternde Beziehungen. Ich meine Reden über etwas, das richtig schiefläuft. Über das Schlagen eines Kleinkindes.

Ich will mir nicht ausmalen, wie schlimm es ist, wenn es schlimmer ist – wenn ich meinem Kind eine Wunde zufüge. Im Affekt der Verzweiflung, der Isolation, der Überforderung.

Ich brauche Hilfe, und ich hole sie mir.
Aber das kostet sehr, sehr viel Kraft.

Vernichtende Blicke, das Damoklesschwert über mir, die Angst vor Verurteilungen. Ich weiß, es wäre leichter mir „zu verzeihen“, wenn ich etwas über mich schreiben könnte. Wenn ihr euch ein Bild von mir machen könntet, euch zusammenreimen könntet, wo die Überforderung herkommt. Aber das möchte ich nicht, ich möchte nicht, dass mir verziehen wird.

Ich würde mir wünschen, dass es leichter wird, darüber zu sprechen. Für mich, aber auch für all die anderen, die sich in diesem Text vielleicht nicht wiederfinden, wenn ich mehr über mich schreibe. Die denken „Na, das was sie getan hat, geht ja noch. ICH bin ein Monster.“ Nicht um zu verharmlosen, welchen Schaden Schläge anrichten, sondern um zu sensibilisieren, damit mehr Leute darüber sprechen, damit es nicht mehr passiert.

Damit Kinder wie mein eigenes wirklich gewaltfrei aufwachsen können.

Damit Mütter ihre Fehler annehmen können und nicht in der Schuld-Wut-Schleife gefangen sind.

Ich wünsche mir, dass ich mir Hilfe holen kann.

Dass ich aufhören kann, mich wie ein Monster zu fühlen, um nicht wieder eins zu sein. Ich möchte nicht erzählen müssen, dass mein Sohn ein aufgewecktes Kind ist. Das wir lange gestillt haben, dass er im Familienbetrieb schläft, dass ich im sozialen Beruf arbeite.

Dass ich ihn mit ganzem Herzen liebe.

Ich möchte nicht die Keule der psychischen Erkrankung als Entschuldigung schwingen, von einer schlechten Kindheit sprechen.

Nicht von bedürfnisorientierter Erziehung reden, damit ich dann sagen kann „und dann ist mir eines nachts, als ich besonders lang an mein Trauma gedacht habe, die Hand ausgerutscht – aber das war mir eine Lehre und es wird nie wieder passieren!“ denn so einfach ist das nicht. Ich habe einem Impuls nachgegeben, den ich nicht kontrollieren konnte.

Das darf nicht sein – aber wie vereine ich das Wissen darum, dass es nicht sein darf, damit, dass es passiert ist?

Wie verhindere ich, dass es erneut passiert, wenn ich nicht darüber reden kann, dass es passiert ist, aus Angst, dass mir gesagt wird, dass ich eine schlechte Mutter bin?

Ich muss akzeptieren, dass es gewesen ist, aufhören, mich zu verurteilen, damit ich nicht noch mehr schlechte Gefühle in die neuen Situationen nehme. Damit ich nicht denke „ich bin sowieso ein Monster“ und dieses Monster mit in meine Identität packe. Aber je mehr ich nicht denken will, dass ich so bin, desto mehr bohrt sich die Verachtung für mich selbst in meine Seele.

Ich rede jetzt darüber. Ich tue es, damit andere es auch können.

Wir, die Eltern, die ihr Kind geschlagen haben, und es nie wieder tun wollen. Wir, die Mütter und Väter mit den Gründen, die unser Verhalten nicht rechtfertigen. Wir, die Väter und Mütter, die vielleicht nie miteinander sprechen. Aus Scham. Aber ich weiß, dass es euch gibt. Und ihr wisst jetzt, dass es mich gibt. Ich rede jetzt darüber, damit jemand, der es sich so sehr wünscht wie ich, sich wiederfinden kann. Damit die Mütter und Väter, die diesen Text lesen und betroffen sind, fühlen, wie groß der Fehler war, wie richtig der Kloß im Hals und die Selbstvorwürfe sind,aber auch, wie gut sie sind.

Wie gut ihr seid.

Wenn ihr euch Hilfe holt, nicht erst beim nächsten Mal, sondern dieses Mal. Egal ob es ein Klaps in der Wut oder ein Stoß aus Angst war. Ob ihr eure Gründe kennt oder nicht. Ob ihr eurer Kind geschüttelt habt, es geschlagen habt, es zu laut und zu oft anschreit. Es gibt Hilfe, es gibt Leute, die euch nicht verurteilen. Es spricht nur niemand darüber.

Ihr seid keine schlechten Menschen. Ich bin kein Monster.
Ich habe nur eins. Ich habe ein Monsterproblem, das irgendwo herkommt.

Und es bleibt so lang, bis ich herausfinde, wie ich es akzeptieren kann. Und dazu brauche ich Hilfe und offene Ohren, keine Vorwürfe. Es ist passiert, und es war schlimm, aber ihr liebt euer, so wie ich mein Kind liebe – und wir können lernen, was es heißt, zu den Eltern zu gehören, die ihr Kind schlugen, aber einen Weg fanden, das Monster an die Hand zu nehmen. Das Monster mit Gründen, das Monster der schlechten Gefühle, es zu zähmen und unseren Kindern eine gewaltfreie Erziehung zu bieten. Und euch andere Eltern bitte ich, so inständig: Hört zu. Bitte hört zu und macht Mut. Es ist der einzige Weg, viele Kinder davor zu bewahren, in sich gefangenen Eltern ausgeliefert zu sein.“

GEWALT: Wer kleine Kinder schlägt …

Das Weinen von Kevin hat niemand gehört. In dem schmucken Einfamilienhaus am Stadtrand von Düsseldorf schien die Welt in Ordnung. Daß der kleine Junge schon als Säugling von seiner Mutter Schläge bekam, merkten die Nachbarn nicht. Beim zweijährigen Kevin diagnostizierte der Hausarzt einen Armbruch, etwas später wurden in der Kinderklinik Prellungen festgestellt, die angeblich von einem Treppensturz stammten. Kurz nach seinem dritten Geburtstag war Kevin tot – erschlagen vom eigenen Vater.
Der eineinhalb Jahre alte Tobias aus Bamberg starb 1993, nachdem seine Mutter ihn in den Bauch getreten hatte. Carolin aus Leuenberg (Brandenburg) wurde gerade mal vier Jahre alt. Monatelang hatten ihre Eltern sie schwer mißhandelt.
Schläge – seit Jahrhunderten Erziehungsmittel und Gewohnheitsrecht von Müttern und Vätern. Manchmal eskaliert die Gewalt in der Familie, oft ist es nur ein Klaps auf den Po, bisweilen aber auch eine ordentliche Tracht Prügel. „Die hat noch niemandem geschadet“, rechtfertigt sich vor allem die ältere Generation. Jetzt werden der häuslichen Gewalt Grenzen gesetzt: „Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, insbesondere körperliche und seelische Mißhandlungen, sind unzulässig“, heißt es in einem Gesetzentwurf, den der Bundestag an diesem Donnerstag verabschieden will.

Eltern hinter Gittern? So weit wollen die Politiker nicht gehen. „Es nützt dem Kind nichts, wenn wir Vater und Mutter vor den Kadi zerren. Zudem wird Körperverletzung bereits heute bestraft. Aber auch die kleine, alltägliche, zermürbende Gewalt gegen Kinder, die wollen wir nicht mehr dulden“, sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, familienpolitische Sprecherin der FDP und ehemalige Justizministerin. Das Gesetz, das Teil des reformierten Kindschaftsrechts sein wird, habe vor allem Appellcharakter. „Für Mißhandlungen gibt es keine Rechtfertigung. Eltern, die ihre Kinder schlagen, kapitulieren“, fügt Bundesfamilienministerin Claudia Nolte (CDU) an. Es gehe darum, die Erwachsenen zum Nachdenken zu bringen. Bei vielen fehle das Bewußtsein dafür, daß Schläge kein Problem lösen

Allerdings: Das Gesetz, das helfen soll, stiftet schon jetzt Verwirrung. Was ist Mißhandlung? Sicherlich fällt darunter die „wohlverdiente Tracht Prügel“, die der Bundesgerichtshof noch 1986 ausdrücklich billigte, und auch das Eindreschen auf Kinder mit Gartenschläuchen, Gürtelriemen und Teppichklopfern.
Was aber, wenn der Mutter mal die Hand ausrutscht? Auch das müsse verboten werden, fordern SPD und Grüne in Anlehnung an die UN-Konvention über Kinderrechte. Dort wird „. . . jede Form körperlicher und geistiger Gewaltanwendung“ verboten.
„Ohrfeigen sind keine Erziehungsmaßnahmen“, sagt die Bündnisgrüne und Vorsitzende der Kinderkommission Rita Grießhaber. „Wenn wir einen Erwachsenen schlagen, müssen wir auch mit Konsequenzen rechnen. Kinder sind eigene Persönlichkeiten, kleine Menschen mit dem gleichen Recht auf körperliche Unversehrtheit wie die großen.“
Folglich hätten die Oppositionsparteien im Gesetz am liebsten das Recht auf „gewaltfreie Erziehung“ festgeschrieben. „Wir brauchen dieses Signal“, ist sich Familienexpertin Ulla Schmidt sicher. „Alles andere sind schöne Umschreibungen, die die alltägliche Gewalt in der Familie verharmlosen“, meint die Sozialdemokratin. Selbst in Teilen der CSU fände ein „Backpfeifen“-Verbot Unterstützung: „Eine Ohrfeige hat den Charakter eines Faustschlags und verletzt die Würde des Kindes“, sagt Johannes Singhammer, Vater von sechs Kindern.
Der Mehrheit im Parlament geht das zu weit. „Eltern, die im Affekt mal zuschlagen, dürfen nicht gleich verdammt werden. Der Staatsanwalt gehört nicht in die Familie“, empört sich der CSU-Abgeordnete Norbert Geis. Auch Ministerin Nolte möchte „den Klaps auf den Po nicht als Gewalt gewertet wissen“.
Schließlich lehnen auch 70 Prozent der Erziehungsberechtigten ein gesetzliches Verbot der Ohrfeige ab. Die Juristen betrachten den Auslegungsstreit bereits jetzt mit Unbehagen. „Dieses neue Gesetz schafft Rechtfertigungsmöglichkeiten für Familiengewalt. Wie sollen die Gerichte wissen, wo die Grenzen liegen?“ gibt der Bielefelder Rechtswissenschaftler Detlev Frehsee zu Bedenken.
Die schwedischen Richter haben es leichter. Als erstes Land ließ Schweden schon 1979 das Kinderschlagen gesetzlich verbieten. Die Rechtsänderung ging einher mit großangelegten Kampagnen, die Eltern über die gesundheitlichen und seelischen Folgen von Familiengewalt aufklärten. Studien in Kinderzentren und Kinderkliniken bestätigen inzwischen eine drastisch veränderte Einstellung zur „Prügelpädagogik“. Es wird tatsächlich weniger geschlagen, und sogar Ohrfeigen sind inzwischen gesellschaftlich geächtet.
In Deutschland klaffen Vorstellung und Praxis der Kindererziehung weit auseinander. Zwar ging die Akzeptanz von Gewalt in der Familie stark zurück: Rund 80 Prozent der Erziehungsberechtigten sind der Meinung, daß „Eltern mehr mit ihren Kindern reden sollen als gleich eine lockere Hand zu haben“. Und von dem pädagogischen Wert einer Ohrfeige zeigt sich nur noch eine kleine Minderheit überzeugt, belegt eine Studie der Universität Bielefeld.
Doch das wahre Leben sieht ganz anders aus: Etwa 60 Prozent der Eltern züchtigen „leicht“. In rund 20 Prozent der Familien setzt es häufig eine Tracht Prügel.
Grund: Streß und Überforderung der Eltern. „Wenn die Nerven durchgehen, wird halt gehauen“, weiß Walter Wilken, Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbunds. Jeder Schlag, selbst die Ohrfeige, stifte „elenden Schaden“. Vor allem kleine Kinder verstünden den Sinn der Schläge nicht, und ältere zögen die Botschaft daraus: Wer groß und stark ist, hat das Sagen – und darf zuschlagen.
Verändert hat sich die Einstellung der Eltern. Während Prügel früher damit gerechtfertigt wurden, „daß die Kinder das brauchen“, haben die Eltern heute ein schlechtes Gewissen. „Sie schlagen zwar noch, den meisten tut es hinterher aber sehr leid“, berichtet der Jugendforscher Klaus Hurrelmann (siehe Interview Seite 24). Auch die heutige Elterngeneration falle in Streßsituationen wieder in alte Verhaltensweisen zurück. So setzt sich Gewalt von Generation zu Generation fort.
Hilfe in familiären Konfliktsituationen bieten zahlreiche Beratungsstellen. Aber der Weg dorthin fällt schwer. Insbesondere vor dem Besuch eines Jugendamts schrecken die Eltern zurück, sie fürchten gleich um ihr Sorgerecht.
Doch es gibt andere Wege: Die nach holländischem Vorbild gegründete „Arbeitsgemeinschaft Ärztliche Beratungsstellen gegen Vernachlässigung und Mißhandlung von Kindern“ versucht, über die Kinderärzte an die Erwachsenen heranzukommen. In Lüdenscheid ist die Beratungsstelle direkt in der örtlichen Kinderklinik untergebracht. „Hier sind die Eltern eher zum Gespräch bereit. Im Vertrauen auf unsere Schweigepflicht können Erziehungsprobleme offen dargelegt werden“, weiß Hans-Peter Weber, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. „Diagnostik, Beratung und Krisenintervention gehen so Hand in Hand.“ Das neue Gesetz könne ein deutliches Signal auch für die Eltern sein, „denen nur mal die Hand ausrutscht“. Dennoch „wird der Großteil der Kindesmißhandlungen im dunkeln bleiben“, ist Kinderarzt Weber sicher.
Zahlen über malträtierte Kinder gibt es kaum. Der Kinderschutzbund schätzt, daß rund eineinhalb Millionen Kinder mit Gegenständen verprügelt werden, über „kräftige Ohrfeigen“ klagt fast jedes zweite Kind. „Der öffentliche Aufschrei kommt aber immer erst dann, wenn ein Kind gestorben ist“, beklagt Wilken.
In einem sind sich alle Eltern einig: Schlagen dürfen nur sie selbst. Wenn ein Lehrer die Hand gegen das Kind erhebt, muß er mit Sanktionen rechnen. In Berlin wurde eine Pädagogin zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, weil sie Grundschüler gestoßen und geohrfeigt hatte. Und in Bayern kürzten die Richter einem Lehrer aus Kaufbeuren gerade die Pension für ein Jahr um fünf Prozent. Der in den Medien als „Prügelpauker“ etikettierte Pädagoge hatte mehrere Schüler gezüchtigt. Begründung des Gerichts: „Man kann Kinder nicht zur Gewaltfreiheit mit Gewaltanwendung erziehen.“ n
OPFER ihrer Eltern
Gewalt in Familien ist alltäglich. Im Extremfall endet sie mit dem Tod des Kindes.
TOBIAS, 18 MONATE: Der Junge wurde von seiner Mutter (rechtes Bild, mit Sohn Sascha) „aus spontaner Wut“ getötet
CHRISTIAN, ZEHN WOCHEN: Vater Rüdiger (rechtes Bild) erschlug das Baby, weil es zu oft schrie und ihn nachts weckte
ALEX, DREI MONATE: Seine Mutter Grit ertränkte ihn im Fluß. Sie wollte „tanzen, das Leben nicht verpassen“
VORREITER Skandinavien
Schweden machte 1979 den Anfang. Inzwischen dürfen in fünf europäischen Ländern Kinder nicht mehr geschlagen werden:
1979 | Schweden
1984 | Finnland
1986 | Dänemark
1987 | Norwegen
1989 | Österreich
MEHRHEIT für Regierungsvorschlag
Derzeitige Regelung nach § 1631,2 BGB:
„Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig“
Vorschlag der Bundesregierung:
„Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen, insbesondere körperliche und seelische Mißhandlungen, sind unzulässig“
Vorschlag von SPD und Grünen:
„Kinder sind gewaltfrei zu erziehen . . .“

Alles halb so schlimm? Fast jedes zweite Kind wird geschlagen

Das Ergebnis der Studie von FORSA im Auftrag der Zeitschrift „Eltern“ könnte schlimmer sein. Könnte man meinen. Zwar gaben 40 Prozent der befragten Eltern an, nicht ohne körperliche Züchtigung auszukommen. Dabei handele es sich aber lediglich um den vergleichsweise „harmlosen“ Klaps auf den Po. Doch erstens ist schon das schlimm genug und ein Ausdruck von Ratlosigkeit oder Unvermögen in Sachen Erziehung. Und zweitens sind die anderen Methoden, die als Hilfe zur Erziehung angesehen werden, zwar subtiler, aber sicher nicht weniger bedenklich.

Der Klaps auf den Hintern: Der Osten hält sich zurück

Wenn man bedenkt, dass die Menschen in den neuen Bundesländern Jahrzehnte lang in einem autoritären System gelebt haben, würde das den Verdacht nahelegen, dass in diesen Gebieten Deutschlands mehr Kinder geschlagen werden als im von Freiheit verwöhnten Westen. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall, zumindest was den Klaps auf den Po angeht. In den alten Bundesländern gaben 42 Prozent der Befragten an, sich der fragwürdigen Methode zu bedienen. Im Osten des Landes waren es mit 32 Prozent 10 Prozent weniger. Die Studie ging weiter und wollte wissen, wie viele der heutigen Eltern in ihrer Kindheit selbst geschlagen wurden. Auch hier ein klares Bild: Im Osten wurde weniger mit dem Mittel körperlicher Gewalt erzogen. Dafür war eine andere Praxis im Osten ausgeprägter. Die Eltern in den neuen Bundesländern ohrfeigen ihre Kinder häufiger. 14 Prozent gaben das an, während im Westen nur 9 Prozent auf dieses Mittel zurückgriffen.

Jungen bekommen häufiger Schläge

Die Umfrage ergab ein naheliegendes Bild. Je jünger die Kinder sind, desto eher wird der Klaps auf den Po angewendet. Werden sie älter, rückt das Mittel der Ohrfeige weiter in den Fokus der Eltern. Insgesamt müssen Jungen häufiger mit einem Klaps rechnen als Mädchen. Erschreckend bleiben die Zahlen dennoch. Immerhin gaben 39 Prozent der Eltern von Mädchen zu, den Schlag auf das Hinterteil einzusetzen, bei den Jungen war es sogar 45 Prozent. Der Weg zum richtigen Verhauen ist dennoch ein wenig weiter, als zu befürchten wäre. Hier gaben drei Prozent der Eltern von Mädchen an, dem Nachwuchs hin und wieder „den Hintern zu versohlen“, bei den Jungen waren es sechs Prozent.

Viele Kinder, viele Schläge?

Die Gründe von Schlägen sind unterschiedlich, eine wesentliche Rolle spielt aber der Faktor der Überforderung. Dabei spielt auch die Anzahl der Kinder in Familien mit hinein. Je mehr Kinder die befragten Eltern hatten, desto schneller wurde die Hemmschwelle zum Schlagen überschritten. Rund 47 Prozent der Familien mit drei oder mehr Kindern gaben an, schon einmal handgreiflich zu werden. Einzelkinder haben es dagegen ein wenig besser.

Richtig gut geht es den Eltern nicht, wenn Sie körperliche Gewalt anwenden, selbst wenn es nur dezente Schläge sind. Rund 74 Prozent haben nach ihrer Tat ein schlechtes Gewissen, wobei die Frauen sich reuiger zeigen als die Männer. Die Auftraggeber der FORSA-Studie werten diese Entwicklung positiv, schließlich waren es im Jahr 2006 nur 71 Prozent, die ein peinlich berührtes Gewissen zeigten. Darin wird ein Trend zur rückläufigen Gewalt in der Erziehung gesehen.

Schläge mit dem Stock sind out

Bestimmte Formen der Erziehung (wobei dieser Begriff hierauf schon nicht mehr als zutreffend bezeichnet werden kann) sind für die Eltern dieses Jahrtausends allerdings tabu. Das Schlagen mit dem Stock gehört eindeutig dazu. Eindeutige 100 Prozent der befragten Eltern gaben an, dieses Mittel niemals anzuwenden.

Gründe fürs Bestrafen

Die Gründe, die Eltern nennen, wenn sie ihre Kinder bestrafen, sind bemerkenswert. Besonders die Tatsache, dass 40 Prozent der Eltern zu viel Aggressivität bei ihren Kindern unterstellen und daraufhin Strafen praktizieren, spricht Bände. Unverschämtes Verhalten wird von 51 Prozent angegeben, Ungehorsam nennen 40 Prozent als Grund für das Betrafen. Etwas mehr als ein Viertel der Eltern rechtfertigte sich mit dem Schutz von Geschwistern, die angegangen werden. Und 16 Prozent argumentierten über die eigene Selbstlosigkeit, indem sie Strafen einsetzen, wenn der Nachwuchs „sich selbst in Gefahr“ bringt.

Keine Schläge, große Wirkung

Auch ohne Schläge kann es übel zugehen. Der „Stille Stuhl“ wird als Druckmittel genutzt, um Kindern Fehlverhalten aufzuzeigen, der wahrhaftige Faustschlag auf den Tisch wird ebenfalls eingesetzt. Über die Wirkung des „Stillen Stuhls“ wird spätestens seit der Super-Nanny im Privatfernsehen diskutiert, der Schlag auf den Tisch muss keine Traumata hervorrufen, kann aber -je nach Sensibilität des Kindes- trotzdem unangenehme Auswirkungen haben.

Eines der verstörenden Mittel in der Erziehung wird von immerhin 26 Prozent der befragten Eltern angewendet. Um dem Kind falsches Verhalten deutlich zu machen, greifen diese Eltern darauf zurück, ihre Kinder vollständig zu ignorieren und nicht mehr mit ihnen zu sprechen. Man muss nicht studiert haben, um zu wissen, dass diese Methode erstens schmerzhaft für das Kind und zweitens pädagogisch hochgradig nutzlos ist. Bleibt zu hoffen, dass sich auch hier die angedeutete Rückläufigkeit weiter fortsetzen wird.

Kinder anschreien: Wenn Eltern laut werden, richten sie Schaden an

Der Däne Jesper Juul zählt zu den bekanntesten Familientherapeuten. Er schrieb zahlreiche Bücher zu den Themen Erziehung, Familie und Pubertät. Er veröffentlichte unter anderem Titel wie „Nein aus Liebe“ und „Dein kompetentes Kind“.

Im Vordergrund seiner Pädagogik stand stets der Begriff „Beziehung“, laut Juul sollten Kinder als kompetente, vollwertige Menschen wahrgenommen werden. Er befürwortete einen Erziehungsstil, in dem Eltern und Kinder gleichermaßen von ihrer jeweiligen Entwicklung profitieren können.

Im Jahr 2004 gründete Juul das Elternberatungsprojekt FamilyLab International, von dem mittlerweile selbstständige Beratungsabteilungen in zahlreichen Ländern Europas existieren, unter anderem in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Juul erkrankte im Dezember 2012 an der neurologischen Erkrankung Transverse Myelitis, daraufhin verbrachte er 16 Monate im Krankenhaus. Erst im Mai 2014 kehrte er nach Hause zurück und erlangte nach und nach seine Fähigkeit zu schreiben und Sprechen wieder. Am 25. Juli verstarb er im Alter von 71 Jahren an einer Lungenentzündung.

Ein Kind wird nicht nur durch Schläge verletzt, sondern auch durch verletzende Worte

Vielen Eltern passiert es immer wieder. Sie werden in Stresssituationen laut, oder wenn die Kinder sie reizen. Untersuchungen haben gezeigt, dass es fast allen Eltern gelegentlich passiert. In einigen Familien ist das Schreien fester Bestandteil des Miteinanders.

Den Wenigsten ist jedoch bewusst, welche gravierenden Auswirkungen dieses Verhalten auf Kinder haben kann.

Dass man Kinder nicht körperlich verletzen darf – auch nicht mit einem gelegentlichen Klaps – ist hoffentlich inzwischen in den meisten Köpfen angekommen. Aber wie sieht es mit den unsichtbaren Verletzungen aus? Den Schrammen und Narben, die nie ganz verheilen und die eines Tages in Form von Depressionen und Angststörungen sichtbar werden?

Jesper Juul sagt: Es ist nie die Schuld der Kinder

Emotionaler Missbrauch hat mindestens genauso schlimme Auswirkungen auf ein Kind wie körperlicher – das ist durch Studien inzwischen gut belegt. Und was könnte verletzender sein als von den Eltern angeschrien zu werden?

Schreie sind eine Form von Gewalt. Das lässt sich nicht länger leugnen. Sie sollten daher um jeden Preis verhindert werden.

Um sie zu vermeiden, ist es für Eltern wichtig, sich einige Dinge bewusst zu machen. Häufig schätzen sie zum Beispiel den Entwicklungsstand eines Kindes falsch ein und reagieren gereizt, weil sie das Verhalten des Kindes für eine absichtliche Provokation halten.

„Wenn wir dem Kind die Schuld geben, kränken wir seine persönliche Integrität und reduzieren seine Lebenstauglichkeit”, schreibt Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch “4 Werte, die Kinder ein Leben lang tragen”.

Kinder, die in bestimmten Lebensphasen zum Beispiel besonders trotzig sind, tun dies nicht aus bösem Willen oder um die Eltern zu ärgern. Es handelt sich vielmehr um eine natürliche Entwicklung, die nötig ist, um sich als Individuum zu entwickeln.

„In diesem Alter brauchen Kinder Eltern, die sie wertschätzen und anleiten. Diese Phase ist entscheidend für das Kind, um neue Fertigkeiten, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Sie ist auch wichtig für die Herausbildung des Charakters und die Qualität der Beziehung zwischen Eltern und Kind. Betrachten Sie die wachsende Unabhängigkeit Ihres Kindes als Geschenk – nicht als Problem”, schreibt Juul in einer Kolumne für den „Standard“.

Missverständnisse entstehen auch oft, weil den wenigsten Eltern bewusst ist, dass Kinder erst mit durchschnittlich vier Jahren den Meilenstein des Perspektivwechsels erreichen.

Erst dann können sie sich nämlich in die Gefühlswelt der Eltern hineinversetzen. Das heißt, dass ein Kind vorher nicht nachvollziehen kann, dass ein bestimmtes Verhalten von ihm ausgelöst hat, dass Mama oder Papa wütend geworden sind.

Kinder, die angeschrien werden, verhalten sich auffällig

US-Psychologen der University of Pittsburgh fanden 2013 heraus, dass Jugendliche, die regelmäßig von ihren Eltern angeschrien, beleidigt oder herabgesetzt werden, häufiger zu Depressionen neigen als andere Kinder. Außerdem lügen und stehlen sie häufiger und verhalten sich aggressiver.

„Die Annahme, dass harsche Disziplin ohne Konsequenzen bleibt, solange es nur eine starke Eltern-Kind-Beziehung gibt, ist irreführend”, fasste Ming-Te Wang, der die Studie leitete, die Ergebnisse zusammen.

Auch gelegentliches Schreien richtet Schaden an

„Wenn man schreit, verletzt man das Selbstwertgefühl des Kindes. Es gibt ihm das Gefühl, dass es untauglich, wertlos und unbrauchbar ist”, sagte er dem „Wall Street Journal”.

„Auch wenn Eltern nur ab und zu zu harter, verbaler Disziplin greifen, können sie Schaden anrichten”, sagte Wang in einer Pressemitteilung. „Selbst wenn sie Ihr Kind normalerweise unterstützen, ist es immer noch schlecht, wenn sie die Fassung verlieren.”

Emotionale Gewalt hat die gleichen Folgen wie körperliche Gewalt

Ein Jahr nachdem Wang seine Ergebnisse veröffentlicht hatte, stellte Joseph Spinazzola eine Studie vor, die ebenfalls belegt, dass emotionaler Missbrauch – also Beschimpfungen, Schreie, Beleidigungen – erheblichen Schaden anrichten kann.

Spinazzola wertete die Daten von mehr als 5000 Kindern aus. Dazu gehörten neben psychischem Missbrauch wie emotionaler Vernachlässigung auch körperliche und sexuelle Missbrauchsfälle. Die Ergebnisse veröffentlichte er in der Fachzeitschrift „Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy”

Spinazzola fand heraus, dass Kinder, die Opfer von emotionaler Gewalt geworden waren, genauso häufig unter Depressionen, Angstzuständen, Suizidgedanken, geringem Selbstbewusstsein und posttraumatischen Stresssymptomen litten wie gleichaltrige Kinder, die körperliche Misshandlung erlebt hatten.

Schreie prägen das kindliche Gehirn

Kinder sind besonders anfällig für jede Form von Gewalt, denn ihr Gehirn befindet sich mitten in der Entwicklung. Was sie in der Kindheit erleben, prägt ihre Gehirnstruktur. Das haben Forscher der Harvard University bereits vor Jahren herausgefunden.

„Die Veränderungen sind nicht nur auf physische und sexuelle Gewalt beschränkt; es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass auch verbale Angriffe die Art verändern, wie das Gehirn sich vernetzt”, sagt Martin Teicher, der die Studie leitete.

Schreien bringt sowieso nichts

Wer seine Kinder nicht länger anschreien möchte, dem hilft vielleicht auch der Gedanke, dass das Schreien ohnehin nicht hilft. Im Gegenteil: Geschriene Forderungen werden von Kindern sogar noch schlechter aufgenommen als freundlich formulierte.

„Wissenschaftliche Untersuchen zeigen, dass das kindliche Gehirn mit Emotionen wie Angst und Schrecken überflutet wird, wenn ein Kind angeschrien wird. Und diese Emotionen lösen ein Stress-Level aus, das das Lernen in dem Moment blockiert“, sagte Kinderpsychologin Eva Lazar gegenüber Northjersey.com.

„Alles, was die Kinder hören, ist eine laute Stimme. Sie verarbeiten jedoch nicht die Botschaft, die die Eltern gerne vermitteln möchten.“

Trotzdem sind auch Eltern nur Menschen. Und egal wie sehr man sein Kind liebt – jedem kann mal etwas herausrutschen, das so nicht gemeint war. Und das ist in Ordnung:

“Kinder brauchen echte und emotionale Menschen um sich”, sagt Juul. Sagen Sie Ihrem Kind, dass Sie überreagiert haben, und übernehmen Sie die Verantwortung dafür. Und dann vergeben Sie sich selber.”

Der letzte Schrei: Kinder anbrüllen: Wie schlimm ist das eigentlich?

Manchmal schreie ich, so laut ich kann. Es ist ein seltsames Gefühl: Die Stimme ist am Rande ihrer Leistungsfähigkeit, sie verändert sich, sie wird heiser, tiefer, irgendwie breiter, sie scheint gar nicht mehr unbedingt aus mir oder aus meinem Mund zu dringen, sie füllt die ganze Wohnung, für Momente scheint sie von überall zu kommen.
Vielleicht sage ich das, damit es sich so anhört, als wären nicht nur die Kinder Opfer dieser Stimme, sondern ich auch, als hätte sie sich von mir gelöst, und ich würde genauso hilflos in ihrem Lärm stehen wie die Kinder. Tue ich aber nicht. Die Stimme, furchtbar, fremd und doch unverkennbar meine eigene, kommt aus mir, aus meiner unheiligen Mitte.
Manchmal sehe ich, wie mir beim Schreien ein wenig Speichel aus dem Mund fliegt wie einem Schauspieler, der seine Rolle mit Hingabe und vollem Körpereinsatz spielt.
Das mit dem Körpereinsatz stimmt. Wenn ich gebrüllt habe, fühle ich mich wie aus dem Wasser gezogen. Aus dreckigem Wasser. Erschöpft und beschmutzt. Von mir selbst (übrigens kommt dieses Gefühl vermutlich vom Cortisol, das meinen Körper überflutet, das schlechte Stresshormon, dessen Kurz- und Langzeiteffekte verheerend sind).
Aber es ist keine Rolle. Manchmal habe ich das erschreckende Gefühl, dass ich, wenn ich die Kinder anschreie, mehr ich selbst bin als in vielen, vielen anderen Situationen. Mehr, als wenn ich geduldig bin, ihnen erkläre, warum sie die Jacken aufhängen sollen, ihnen helfe, ihre Malsachen wegzuräumen, sie in ihren Zimmern abhole, damit sie zum Essen kommen. Dann scheint es mir manchmal, als würde ich nur spielen: einen besseren Vater, als ich eigentlich bin. Denn in Wahrheit bin ich ein Vater, der explodiert.
Ich habe nie ohne Reue geschrien, oft habe ich mich dabei und danach gehasst. Aber es fühlte sich oft unausweichlich an. „Emotional Flooding“ nennen das die Experten, die Gefühle von Machtlosigkeit, Wut und Frustration brechen die Dämme der Vernunft und der Selbstbeherrschung und schwemmen einen hinfort. Und immer wieder habe ich nach Rechtfertigungen und Bestätigungen gesucht.
So wie die Freundin, die sich auf den großen dänischen Erziehungsexperten bezieht: „Jesper Juul sagt doch immer, man soll als Eltern authentisch sein und seine Gefühle zeigen. Und ich bin authentisch, wenn ich brülle.“
Tatsächlich hat Juul auf die Frage „Darf man sein Kind anschreien?“ einmal geantwortet: „Ja. Darf man. Man darf ganz allgemein Mensch sein.“ Und eine Therapeutin, die ich vor einiger Zeit mal zum Thema Wut interviewt habe, nannte das Anschreien von Kindern als Beispiel dafür, wie konstruktiv ein Wutausbruch manchmal sein kann, weil er die Dinge zurück auf null setzt und einen neuen Anfang ermöglicht: „Kinder sind manchmal in Verhaltensschleifen gefangen, die ihnen selbst nicht gefallen, und indem man seine Wut zeigt, zeigt man ihnen die Grenze, die sie brauchen, um damit aufzuhören.“ Es beruhigte mich. Ein bisschen.
Aber ich mag den Menschen nicht, der ich authentisch bin, wenn ich die Kinder anschreie.

„Papa, bitte nicht mit der lauten Stimme“

Mein Brüllen ist immer Kontrollverlust, und ich gebe zu, dass ich die Kontrolle nicht gern verliere, erst recht nicht an eine dunkle, unbeherrschte, wütende Version von mir selbst. Außerdem verstört mich die Reaktion der Kinder. Ich habe zwei, ein älteres, gerade auf der weiterführenden Schule, und ein jüngeres, gerade eingeschult. Das ältere reagiert auf meine Wut mit Scham und Wut: Scham, weil das Kind mich so wütend gemacht hat, und Wut auf sich selbst, weil es die Stimmung verdorben oder mir das Leben schwer gemacht hat.
Das zu sehen, bricht mir das Herz. Das kleinere Kind spricht es ganz einfach aus: „Papa, bitte nicht mit der lauten Stimme. Du weißt, dass ich dann immer so erschrecke. Das macht mir Angst.“Und dann weint das Kind.

Um es noch mal zu sagen, auch für mich selbst: Wenn ich schreie, rennt das große Kind in sein Zimmer und brüllt hinter zugeknallter Tür selbst, gegen sich, es imitiert mein Verhalten. Und das kleinere Kind weint. Und das nächste Mal, vier Tage, ein oder zwei Wochen später, schreie ich trotzdem wieder, wenn die Flutwelle kommt.

„Schreien ist im Prinzip so schlimm wie Schlagen.“

Vor anderthalb Jahren haben amerikanische Psychologen der University of Pittsburgh eine große, seriöse Studie veröffentlicht, die für einiges Aufsehen gesorgt hat, weil sie sich schnell und vernichtend zusammenfassen lässt: Schreien ist im Prinzip so schlimm wie Schlagen. Es geht einfach nicht. Wir dürfen es nicht tun. Wir müssen es lassen.
Kinder, die von ihren Eltern angeschrien werden, haben Probleme in der Schule und werden psychisch auffällig. Und, das ergab eine weitere Studie, sie tragen die emotionalen Schäden bis in ihre eigenen Beziehungen, sie haben Probleme damit, stabile Partnerschaften zu haben und Vertrauen zu fassen.
Vielleicht bin ich nicht gemeint mit diesen Studien, denn ich schreie nicht ständig, vielleicht nicht einmal regelmäßig. Es ist weniger geworden. Manchmal halte ich Wochen ohne Anschreien durch. Ich ahne, dass es nicht die Kinder sind, die mich wütend machen, sondern der Rest meines Lebens, und ich bin dabei, die Wutquellen zu finden und trockenzulegen. Nur, es dauert.

„Ich habe einen miesen Tag, aber Rumschreien wird ihn noch schlimmer machen.“

Einmal habe ich einen Achtsamkeitsmeditationskurs gemacht, weil mir der Paartherapeut Hans Jellouschek in einem Interview erklärt hatte, wie wichtig Achtsamkeit in menschlichen Beziehungen ist. Weil sie einem erlaubt, in diesen kleinen Raum zu kommen zwischen Reiz und Reaktion, sie erlaubt einem gewissermaßen, die Zeit anzuhalten und in Sekundenbruchteilen umzusetzen, was man durch die Meditation gelernt hat: nämlich dass man unterschiedliche Handlungsoptionen hat, dass man nicht auf jeden Reiz mit Ausrasten reagieren muss, dass man sich nicht hinwegspülen lassen muss, sondern die Flut der Emotionen auch einfach betrachten kann, bis sie vorübergezogen ist.
Hin und wieder gelingt mir das, und es fühlt sich großartig an. Weil ruhig bleiben so viele Situationen rettet, die hoffnungslos scheinen: wenn man unter Zeitdruck ist und die Kinder Mist bauen, wenn die Kinder zum zehnten Mal nicht tun, was man sagt. Julie Ann Barnhill, eine amerikanische Autorin, deren Buch über Elternwut „She’s Gonna Blow“ heißt („Sie wird ausrasten“), empfiehlt ein einfaches Mantra, das sich natürlich genau mit meinen und den Erfahrungen aller schreienden Eltern deckt: „Ich habe einen miesen Tag, aber Rumschreien wird ihn noch schlimmer machen.“

Kinder anbrüllen macht nie etwas besser

Ja, das ist das Erschreckende am Kinderanschreien: Nie macht es etwas besser, immer macht es alles schlimmer, und trotzdem, trotzdem … Da kommt dann die Sache mit der Meditation ins Spiel. Impulskontrolle, innehalten können, abwägen, im besten Fall über die Absurdität der Situation lachen: ich, im Schlafanzug, kniend, auf der wirklich verzweifelten Suche nach einem Kinderfahrradschloss, und das kleinere Kind, das sich anziehen soll, mit einem Schuh am Fuß und einem Arm in der Jacke, fängt an, was ins Stickerbuch zu kleben, und wirft dabei, weil fürs Stickerbuch nicht genug Platz auf dem Frühstückstisch ist, den Kakao um, den es eingefordert, aber natürlich nicht getrunken hat. Weil die Schule in zehn Minuten anfängt, und ich in vierzig Minuten einen Telefontermin habe, auf den ich mich noch vorbereiten muss, könnte man diesen unfreiwillig anarchischen Kinderakt die einzig angemessene Reaktion nennen auf den absurden Druck, unter dem wir stehen, und deshalb darüber lachen, es wäre befreiend, oh, wie befreiend, aber für mich ist es, natürlich, der Moment, in dem alles zusammenbricht und aus mir heraus.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Persönlich oder kränkend werde ich sehr, sehr selten, im Grunde halte ich mich unbewusst an die Empfehlung jener Expertinnen und Experten, die ein eher realistisches und „authentisches“ Elternverhalten verteidigen: Ich brülle Ich-Botschaften. Mag sein, dass es einfacher für meine Kinder ist, diese Ich-Botschaften nicht auf sich zu beziehen, aber sicher bin ich mir nicht.
Und ich selbst hasse es, diese Ich- Botschaften zu hören: Ich kann nicht mehr, was soll ich noch alles tun, wieso muss ich immer …, ich hab doch tausendmal …, kann ich nicht ein Mal, ein einziges Mal … Nein, das Ich, das diese Botschaften in voller Lautstärke aussendet, ist nicht das Ich, das ich sein will, und vor allem nicht das Ich, das das Welt- und Selbstbild meiner Kinder prägen soll.

Unangenehme Botschaften werden rausgefiltert

Kinder, sagen die Psychologinnen und Psychologen, tun nicht, was wir ihnen sagen, weil es ihr natürlicher Instinkt ist, Anstrengungen zu vermeiden und sich schönen Dingen zu widmen. Ein wunderbarer Instinkt, den wir Eltern in uns abgetötet haben. Kinder haben einen Filter, der unangenehme Botschaften wie „Du sollst“, „Du musst“ und „Kannst du nicht mal“ unterdrückt und nur Dinge durchlässt, die ihnen Freude machen. Weil sie ihre ganze Energie für ihre Entwicklung, für die Schule, fürs Wachsen und Navigieren in der Welt brauchen. Sie hören einfach nicht, dass sie das Fahrradschloss suchen sollen, nicht aus Böswilligkeit, sondern wegen: is’ so.

Wenn sie dann merken, dass die Stimmung kippt, fliehen sie aus Angst erst recht in angenehmere Aktivitäten (Stickeralbum!), und statt ihnen diese Angst dann zu nehmen, machen Eltern, die brüllen, ihnen noch mehr Angst. Das klingt so logisch, wenn ich es hinschreibe, so nachvollziehbar, menschlich und kindlich. Das Beste wäre natürlich, mit dem Kind all die unangenehmen und anstrengenden Dinge wie Jackeaufhängen und Sachensuchen gemeinsam zu machen, bis das Kind sie nicht mehr anstrengend findet, sondern sie sich angewöhnt hat. Ich verstehe es, und wenn es mir gelingt, wird es ein besserer Tag. Bis zum nächsten Überflutungsmoment.
Die Pittsburgh-Studie beschreibt – und das ist das atemberaubend Schreckliche an ihr –, dass schon gelegentliches Schreien reicht, um Schäden anzurichten. Klar, es gibt viele Erziehungsexperten, die sagen, dass man sich entschuldigen kann und dass gelegentliches Ausrasten zum menschlichen Leben dazugehört.
„Den Gefühlsausbruch in einen Moment verwandeln, aus dem alle was lernen“, nennen das die amerikanischen Autorinnen, einen „Teachable Moment“: Mama oder Papa hat einen Fehler gemacht, liebe Kinder, und wir lernen alle daraus, dass es so nicht geht und dass man, wenn man so rumschreit wie Papa, genauso wenig erreicht und zugleich genauso angsteinflößend und jammervoll wirkt wie Papa gerade.
Ob das funktioniert? Ich bin nicht sicher. Es ist oft genug mein eigener letzter Ausweg gewesen. Aber tatsächlich kann ich mir nicht ausmalen, meine Kinder für immer beschädigt zu haben. Ich hoffe, ich habe einen von diesen Fehlern gemacht, die sich im Laufe der Jahre wiedergutmachen lassen, durch besseres Verhalten, bessere Liebe. Ich hoffe, gelobe und versuche, stattdessen zu lachen.

keine Bildunterschrift

Wie schlimm ist es, sein Kind anzuschreien?

Der letzte Schrei: Wie sich Schreien und verbale Angriffe auf dein Kind auswirken und wie du aus der Schrei-Falle herauskommst.

Unsere Kinder sind in vielen Dingen Weltklasse: Im Kuscheln, im Toben, im Lachen – und leider auch darin, uns Eltern zur Weißglut zu bringen. Ob absichtlich oder ohne Hintergedanken, die Kleinen machen uns Große manchmal ganz schön wütend. Und bevor wir es überhaupt registierten, reagieren wir so, wie wir es eigentlich nie wollten: Wir schreien unsere Kinder an!

Die Nerven gehen mit uns durch und wir wissen uns einfach nicht mehr anders zu helfen – den verbale oder physische Gewalt ist immer ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Es ist wichtig zu wissen, dass weder Anschreien, noch ein gelegentlicher Klaps gut für die gesunde psychische Entwicklung unserer Kinder ist. Deshalb noch einmal klipp und klar: Anschreien ist nicht ok! Kann aber mal passieren.

Schreien ist so schlimm wie Schlagen

Dein Kind wälzt sich schreiend auf dem Boden, weil es zum Abendessen Suppe gibt und du stehst, eh schon gestresst von der Arbeit, mit dem Kochlöffeln in der Hand in der Küche und wirst zum schreienden Hausdrachen. Stress und Wut sind mit dir durchgegangen – du bist schließlich auch nur ein Mensch! Aber du merkst selbst: Das war gerade zu laut. Dein Kind sieht dich erschrocken an und du weißt sofort, dass du einen Schritt zu weit gegangen bist.

Diese oder ähnliche Situation kennen viele Eltern. Und es kommt bei den meisten nicht nur einmal vor, dass sie aus Verzweiflung oder Hilflosigkeit laut werden und ihr Kind damit verletzen. US-Psychologen der University of Pittburgh haben in einer großen Studie untersucht, was es mit Kindern macht, wenn sie von ihren Eltern angeschrien werden. Die verherende Zusammenfassung: Schreien ist im Prinzip so schlimm wie Schlagen. Kinder, die von ihren Eltern regelmäßig angeschrien, beleidigt oder herabgesetzt werden, verhalten sich auffällig. Sie neigen häufiger zu Depressionen als andere Kinder und haben diverse Probleme in der Schule. „Es ist ein Teufelskreis“, fasst Ming-Te Wang, der die Studie leitete, zusammen. „Und es ist ein Aufruf an die Eltern, weil es in beide Richtungen geht: Problemverhalten von Kindern erzeugt den Wunsch, harte verbale Disziplin zu üben, aber diese Disziplin kann Jugendliche dazu bringen, dieselben problematischen Verhaltensweisen zu übernehmen.

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Auch eine Studie, die in der Fachzeitschrift “Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy” erschienen ist, bescheinigt, dass emotionaler Missbrauch, also Beschimpfungen, Schreie und Beleidigungen, ähnliche Schäden wie körperlicher Missbrauch hinterlassen kann.

Schreien verletzt Kinder in ihrem Innersten. Es verletzt sie in ihrem Selbstbewusstsein und macht, dass sie sich klein und wertlos fühlen. Das Vertrauen, das zwischen Eltern und Kindern herrschen sollte, wird gebrochen. Das Gehirn von Kindern befindet sich noch mitten in der Entwicklung, weswegen sie besonders anfällig für alle Formen der Gewalt sind.

Es gibt mehr und mehr Hinweise darauf, dass auch verbale Angriffe die Art verändern, wie sich das Gehirn vernetzt. Für ihre Entwicklung brauchen Kinder Eltern, die ihnen Wertschätzung und Vertrauen entgegen bringen, nicht Eltern, die sie durch Schreie und verbale Attacken klein halten. Wird ihnen Schreien als Form der Kommunikation vorgelebt, übernehmen sie diese Verhaltensweise. Sie verankern sich unbewusst und begleiten das Kind sein Leben lang. Eine Studie des Department of Psychiatry, der Harvard Medical School in den USA hat die Gehirne von Menschen untersucht, die in ihrer Kindheit Erfahrungen mit verbalen Attacken ihrer Eltern machen mussten und diese mit den Gehirnen von Menschen ohne einen solchen Hintergrund verglichen. Die Forscher fanden deutliche physische Unterschiede in den Teilen des Gehirns, die für die Verarbeitung von Lauten und Sprache zuständig sind.

Eine weitere Studie des National Institute of Health, die Eltern-Kind-Beziehungen untersucht hat, attestiert auch, dass Schreien als Erziehungsmaßname genau den gegenteiligen Effekt erzielt: Jugendliche, die von ihren Eltern angebrüllt wurden, reagieren mit noch schlechterem Verhalten. Auch vermehrte Zuneigung der Eltern nach solchen verbalen Ausreißern schwächte die negativen Auswirkungen der Schreie auf die Teenager nicht.

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Macht mich Schreien zu einer schlechten Mutter oder einem schlechten Vater?

Nein. Wenn du dein Kind im Eifer des Gefechts, das wir unser tägliches Leben nennen, einmal anschreist, wird dein Kind wahrscheinlich keinen bleibenden Schaden davontragen. Es ist normal, dass wir nicht immer perfekt reagieren können. Doch gute Eltern macht aus, dass sie es immer und immer wieder probieren. Gute Eltern wollen sich verbessern. Sie wollen verständnisvoller auf ihre Kinder reagieren. Sie haben Erwartungen an sich und ihre Kinder. Und manchmal werden diese Erwartungen eben nicht erfüllt. Trotzdem bleiben gute Eltern am Ball. Sie geben nicht auf. Schlechte Eltern dagegen versuchen es erst gar nicht.

Wir Eltern sind auch nur Menschen. Wir machen Fehler – und lernen daraus. Und genau das macht uns zu guten Menschen und am Ende auch guten Eltern. Kinder dürfen und sollen ihre Eltern ruhig als echte und emotionale Menschen erleben, doch darf ihnen auf keinen Fall vermittelt werden, dass es ihre Schuld ist, wenn ihre Eltern unwirsch oder verärgert reagieren. Tipps zum Umgang mit Stresssituationen, die sich als Mama oder Papa aus der Haut fahren lassen, findest du in unserem Artikel „Du hast dein Kind angeschrien? So solltest du dich jetzt verhalten“.

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Wie kann ich mit dem Schreien aufhören?

Schreien macht es nicht besser, sondern schlimmer … und trotzdem: Wenn wir uns nicht mehr zu helfen wissen, greifen wir oft darauf zurück, um so irgendwie wieder Herr über die Situation zu werden.

Der beste Weg, um sein Kind nicht mehr anzuschreien, ist die Prävention. Versuche gar nicht erst in Situationen zu kommen, die dich so stressen, dass du deinen Frust herausschreist. Das ist natürlich einfach gesagt, aber schwer getan. Dennoch hilft schon, sich dessen bewusst zu sein, dass Schreien nicht gut für das Kind ist und der Vorsatz, in Zukunft mögklichst gar nicht mehr mit seinem Kind zu schreien. Wertvolle Tipps findest du auch im Buch „Erziehen ohne Schmipfen“ von Nicola Schmidt, erschienen im GU Verlag, ca. 17 €* und im Ratgeber „Mama, nicht schreien“ von Jeanine Mik und Sandra Teml-Jetter, erschienen im Kösel Verlag, ca. 16 €* (trotz des Titels auch ein Buch für schreiende Papas).

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