Kind 5 hört nicht

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Wie reagiere ich, wenn mein Kind nicht hört?

Machen Sie sich keine Sorgen, wenn Ihr Kind ab und zu einen Wutanfall bekommt und nicht hören will. Das ist ganz normal und deutet keineswegs auf eine schlechte Erziehung hin. Bewahren Sie die Ruhe, um angemessen auf die Situation zu reagieren.

Wie kann ich das Verhalten unterbinden?

Die unterschiedlichen Erziehungsstile bringen natürlich auch verschiedene Wertvorstellungen mit sich. Gewalt darf jedoch keine Lösung darstellen.

Welche Tipps helfen, das trotzige Kind zu bändigen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Sie auf Trotzreaktionen reagieren können. Um diese Situationen zu vermeiden, ist und bleibt Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg.

Ab einem bestimmten Alter fangen Kinder an, ihre Grenzen auszutesten. Sie ignorieren, worum man sie bittet und nutzen jede Gelegenheit, um sich gegen Anweisungen aufzulehnen. Aber was können Eltern tun, wenn ihr Kind nicht hören will? Welche Konsequenzen und Erziehungsmaßnahmen helfen weiter?

Wir erklären Ihnen in unserem Ratgeber, was Sie tun können, wenn Ihr Kind in der Trotzphase nicht hören will. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie Ihre Anweisungen umformulieren können, damit die Worte bei Ihrem Kind Gehör finden. Außerdem klären wir Sie darüber auf, welchen Einfluss der Erziehungsstil hat.

1. Über die Kindererziehung lässt sich streiten

Beim Thema Erziehung scheiden sich die Geister.

“Mein Kind hört nicht” ist ein häufiger Satz, den Eltern in verzweifelten Situationen von sich geben. Die Erziehung eines Kindes ist keine leichte Aufgabe. Die meisten Eltern stoßen irgendwann einmal an ihre Grenzen und wissen nicht mehr weiter. Häufig gibt es kein Richtig oder Falsch, da die Situationen immer individuell betrachtet werden müssen.

Wenn Sie keinen Ausweg mehr kennen, können Sie sich natürlich auch Hilfe holen. Erster Ansprechpartner kann in diesem Fall das Jugendamt sein. Hier können Sie Ihren Wohnort eingeben, woraufhin Ihnen das zuständige Jugendamt angezeigt wird. Eine weitere Möglichkeit ist eine sozialpädagogische Familienhilfe.

Die Trotzphase beim Kleinkind

Die Trotzphase bzw. Autonomiephase gehört zur normalen Entwicklung des Kindes. Sie beginnt etwa ab dem zweiten Lebensjahr und kann bis zum sechsten Lebensjahr andauern.

Grundsätzlich gibt es erst einmal verschiedene Erziehungsstile. Je nachdem, welchen Erziehungsstil die Eltern verfolgen, kann sich auch die Grundhaltung der Familie grundlegend unterscheiden. Das liegt vor allem daran, dass ein Erziehungsstil bestimmte Wertvorstellungen mit sich bringt. Während Eltern ihrem Kind bei der Laissez-Faire-Erziehung gar keine Regeln geben, gegen die das Kind verstoßen könnte, ist der autoritäre Erziehungsstil vor allem durch Strenge gekennzeichnet.
Daher ist es schwierig, allgemeingültige Regeln aufzustellen, wie Sie reagieren sollen, wenn ihr Kind frech ist und nicht hören will. In den folgenden Kapiteln haben wir einige Tipps für Sie zusammengestellt, die Ihnen ein Gefühl dafür geben sollen, welche Möglichkeiten der Kommunikation möglich sind.

Erziehung sollte grundsätzlich gewaltfrei erfolgen!

2. Der Ton macht die Musik

Anschreien gilt als eine Art der Gewaltausübung.

„Je lauter, desto besser“ ist bei der Kindererziehung definitiv fehl am Platz. Wenn Sie Ihr durch das gesamte Haus anschreien, wird es sich nicht direkt angesprochen fühlen. Gehen Sie daher zu Ihrem Kind hin und versuchen Sie ruhig und in normaler Lautstärke zu erklären, was gerade das Problem ist. Die Unterhaltung auf Augenhöhe zeigt Ihrem Kind, dass Sie sich gerade nur mit ihm beschäftigen.

Aber nicht nur die Lautstärke ist von Bedeutung. Formulieren Sie Ihre Sätze klar und präzise. Aussagen, die bei Ihrem Kind als Fragen ankommen, werden gerne überhört und nicht ernst genommen. Versuchen Sie daher die Stimme von oben nach unten zu führen. Formulieren Sie Ihre Sätze zusätzlich immer positiv.

Indem Sie öfter Lob aussprechen statt zu schimpfen, bekommen Kinder ein besseres Verständnis dafür, welches Verhalten welche Folgen hat. So lohnt es sich für Ihr Kind auch, wenn es etwas macht, das ihren Erwartungen entspricht. Unerwünschtes Verhalten sollten Sie hingegen korrigieren oder ignorieren.

Tipp: Führen Sie ein Belohnungssystem ein. Für ein vorbildliches Verhalten können Sie beispielsweise Sterne verteilen. Bei einer bestimmten Anzahl an gesammelten Sternen können Sie zum Beispiel etwas Schönes zusammen unternehmen.

Aber Achtung: Sterne sollten Sie nicht für Pflichtaufgaben wie die Hausaufgaben vergeben.

Beispiel:

„Musst du dein Zimmer eigentlich immer so unordentlich hinterlassen?“

Besser:

„Deinen Schreibtisch hast du ja schon super aufgeräumt. Lass uns aber auch noch das Spielzeug vom Boden räumen.“

3. Erwartungen statt Drohungen aussprechen

Erklären Sie Ihre Erwartungen auf Augenhöhe.

Drohungen stellen immer negativ formulierte Sätze dar. Dadurch wird dem Kind die Macht und Überlegenheit der Eltern demonstriert. Dies stellt jedoch keine geeignete Basis dar, wenn wir etwas Bestimmtes von unseren Kindern erwarten. Hinzu kommt, dass die Drohungen in den meisten Fällen wenig glaubhaft sind, sodass Ihr Kind wahrscheinlich auf stur stellt.

Besser geeignet sind daher positiv formulierte Erwartungen. Nur wenn Ihr Kind genau weiß, was Sie von ihm erwarten, kann es Ihre Erwartungen auch erfüllen. Ein weiterer Vorteil ist, dass Sie sich dabei auf Augenhöhe des Kindes begeben und nicht von oben herab Anweisungen erteilen.

Beispiel:

„Wenn du dich jetzt nicht endlich fertig machst, fahre ich ohne dich zur Arbeit.“

Besser:

„Ich möchte, dass du dich jetzt für den Kindergarten fertig machst. Du möchtest doch nicht zu spät kommen.“

4. Freiwilliges Handeln suggerieren

Geben Sie Ihrem Kind stets verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten.

Kinder möchten in der Trotzphase keine Vorschriften erteilt bekommen. Der Drang nach Autonomie und Selbstständigkeit ist in dieser Zeit besonders groß. Sie möchten selbst entscheiden, sich alleine anziehen oder eigene Entscheidungen treffen. Sie versuchen Ihren Willen daher so oft wie möglich durchzusetzen.

Auch wenn Eltern dieses Verhalten oftmals als Widerstand ansehen, ist es dennoch für die Entwicklung enorm wichtig. Da sie jedoch noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung stehen, sind sie häufig überfordert, wenn es nicht nach ihrer Nase geht. Das Handlungsziel kann noch nicht verändert oder verworfen werden.

Nehmen Sie Ihr Kind daher unbedingt ernst. Verschaffen Sie Ihrem Kind Handlungsfreiräume, sodass es das Gefühl bekommt, selbst entscheiden zu können. Wichtig ist natürlich, dass die Möglichkeiten immer noch auf ihren Entscheidungen basieren.

Beispiel:

„Iss jetzt deinen Teller auf.“

Besser:

„Ich habe uns was Leckeres gekocht. Möchtest du zuerst den Blumenkohl oder die Paprika probieren?“

5. Bedanken Sie sich im Voraus

Durch das Bedanken im Voraus steigt die Verpflichtung, dem Wunsch nachzukommen.

„Bitte“ und „Danke“ zu sagen, gehört definitiv zum guten Benehmen. Kinder müssen lernen, andere zu grüßen, sich zu bedanken und auch zu entschuldigen. Am besten funktioniert das, wenn die Eltern ihnen diese höflichen Umgangsformen vorleben. Kinder sollten jedoch auch verstehen, warum diese Höflichkeiten wichtig sind. Erklären Sie dies am besten an konkreten Beispielen.

Auch Sie können diese Höflichkeiten nutzen, wenn Ihr Kind bockig ist und Aufgaben nicht erledigen möchte. Statt sich erst nach der erledigten Aufgabe zu bedanken, kann dies auch im Vorhinein geschehen. Durch das kleine Wort „Danke“ fühlen sich die Kinder eher verpflichtet, die Anweisung zu befolgen. Sie möchten dem Wunsch ihrer Eltern dann häufig auch nachkommen.

Beispiel:

„Wasch deine Hände, bevor du zum Essen kommst.“

Besser:

„Wasch bitte deine Hände, bevor du zum Essen kommst. Danke.“

6. Eine Überdosis Aufmerksamkeit vermeiden

Kinder verlangen nach unglaublich viel Aufmerksamkeit. Diese benötigen sie auch, um sich entwickeln zu können. Jedoch nur in Maßen. Wenn Sie Ihrem Kind übermäßig viel Aufmerksamkeit schenken, bekommt es den Eindruck, alles drehe sich nur um seine Bedürfnisse. Im Kindergarten oder in der Schule kann dieser Umstand zu einem echten Problem werden.

So müssen Kinder lernen, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben, die berücksichtigt werden müssen. Das Gleiche gilt zudem auch für übertriebenes Mitleid. Stolpert Ihr Kind beispielsweise beim Laufen und zieht sich einen Kratzer zu, dürfen Sie Mitgefühl aber kein Mitleid zeigen. Machen Sie Ihrem Kind klar, dass solche Verletzungen normal sind und zum Alltag dazugehören.

7. Künstliche Bestrafungen unterlassen

Bestrafungen machen nur im Kontext Sinn.

Viele Eltern fragen sich, inwieweit sie ihr Kind bestrafen sollen, wenn das Kind aggressiv ist oder nicht zuhört. Früher war es üblich, Strafen wie Fernsehverbot oder Hausarrest zu erteilen. Diese Erziehungsmaßnahmen sind jedoch längst überholt.

Außer, dass sie die Macht der Eltern gegenüber dem Kind demonstrieren, sind sie völlig sinnlos. Das Problem daran ist, dass Kinder den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und der erhaltenen Strafe nicht erkennen können. Außerdem bekommt der Inhalt der Strafe eine besonders große Bedeutung, sodass der nächste Streit vorprogrammiert ist.

Daher ist es wesentlich sinnvoller, Konsequenzen statt zusammenhangslose Strafen einzuführen. Wirft Ihr Kind beispielsweise aus Wut ein Spielzeug weg, darf es nun den ganzen Tag nicht mehr damit spielen. So lernt Ihr Kind, dass ein Verhalten unmittelbare Konsequenzen mit sich bringt.

Achten Sie jedoch, darauf, dass Ihr Kind nicht nur negative, sondern auch positive Konsequenzen erfährt!

Klare Worte sind außerdem wichtig, wenn Ihr Kind haut oder tritt. Machen Sie Ihrem Kind sofort deutlich, dass diese Reaktion absolut unerwünscht ist.

8. Die Ruhe bewahren

Mit Hilfe von Entspannungsübungen können Sie Stress abbauen.

Kinder in der Trotzphase können ganz schön anstrengend sein. Wenn Ihr Kind zwischendurch bockig ist, schreit und sich womöglich mitten im Supermarkt auf den Boden wirft, ist Abwarten angesagt. Lassen Sie Ihrem Kind ein wenig Freiraum und nehmen Sie etwas Abstand. Wenn Ihr Kind sich etwas beruhigt hat, können Sie es ruhig in den Arm nehmen und trösten.

Um diese Situationen zu vermeiden, können Sie jedoch auch etwas vorplanen. Planen Sie mehr Zeit ein, damit am Ende nicht alle in Stress geraten. Zudem kann es helfen, einige Unternehmen zu vermeiden, die von vorneherein mehr Stress als Freude bereiten. Diese Vermeidung darf jedoch nicht zur Regel werden.

Um Wutanfällen vorzubeugen, sollten Sie außerdem Rituale einführen. Diese geben den Kindern Sicherheit und Geborgenheit. Dazu zählen auch feste Regeln. Diese müssen ohne Ausnahmen gelten. So kommt Ihr Kind viel seltener auf die Idee, diese Grenzen auszutesten.

Tipp: Gegen Stress helfen außerdem geistige und körperliche Übungen wie Yoga oder Autogenes Training. Sie tragen zur Entspannung bei und schenken neue Kraft!

9. Erziehungsratgeber für geforderte Eltern

Erziehen ohne Schimpfen: Alltagsstrategien für eine artgerechte Erziehung (GU Einzeltitel Partnerschaft & Familie)

  • 176 Seiten – 05.08.2019 (Veröffentlichungsdatum) – GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH (Herausgeber)

16,99 EUR Bei Amazon kaufen Kinder achtsam erziehen: Wie Sie Wut, Streit und Geschrei aus dem Familienalltag verbannen

  • 208 Seiten – 08.01.2018 (Veröffentlichungsdatum) – humboldt (Herausgeber)

19,99 EUR Bei Amazon kaufen Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden: Der Erziehungsratgeber für besonders geforderte Eltern

  • 592 Seiten – 16.10.2017 (Veröffentlichungsdatum) – mvg Verlag (Herausgeber)

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Als meine Töchter zum ersten Mal bewusst Weihnachten entgegen fieberten, konnten sie am Abend vor dem 24. Dezember nicht zur Ruhe kommen. Wie aufgedrehte Duracell-Häschen hüpften sie laut durch die Wohnung und schaukelten sich gegenseitig in ungeahnte Quatsch-Höhen. Irgendwann war ich so genervt und müde, dass mir herausrutschte: „Wenn ihr jetzt nicht schlafen geht, bringt der Weihnachtsmann morgen keine Geschenke!“ Erschrocken hielt ich mir die Hand vor den Mund. Wo war das denn hergekommen? Aus den Untiefen meines Gehirns, offenbar. Sofort setzte ich hinterher, dass ich gerade kompletten Blödsinn erzählt hätte und der Weihnachtsmann völlig unabhängig vom Schlafen natürlich morgen selbstverständlich Geschenke bringen würde.

Warum es mir so wichtig war, meine erste unbedachte Aussage zu korrigieren? Nun, mal abgesehen von dem recht offensichtlichen Grund, dass es für ein Kind schade ist, wenn eigentlich schöne, freudebringende magische Kreaturen in irgendeiner Weise angstbesetzt werden, steht dieser Ansatz auch für eine Art der Erziehung, die ich für meine Familie nicht möchte, nämlich die der „strafenden oder lobenden Macht im Hintergrund“. Diese Art der Erziehung beruht auf einem Machtgefälle, welches ausgenutzt wird, um Kinder dazu zu bewegen, etwas zu tun, das sie (vermeintlich) nicht von allein machen. Die große „Wenn-Dann-Keule“ ist ein guter Indikator für diese Art der Erziehung:

„Wenn du jetzt nicht aufhörst, mit den Autos zu werfen, sind sie weg!“

„Wenn du nicht stillsitzen kannst, dann ist das Essen jetzt für dich beendet!“

„Wenn du nicht aufhörst, hier mit Sand zu werfen, dann gehen wir nach Hause!“

„Wenn du nicht heute Abend dein Zimmer aufräumst, dann komme ich morgen mit einem blauen Sack und alles, was rumliegt, werfe ich in den Müll!“

„Wenn du dir jetzt nicht deine Hausschuhe anziehst, dann lachen dich die anderen Kinder aus und die Erzieherin schimpft mit dir!“

„Wenn du nicht genug Mittagessen isst, darfst du keinen Nachtisch essen!“

„Wenn du jetzt nicht kommst, dann gehe ich ohne dich los!“

„Wenn du jetzt nicht endlich aufhörst, zu maulen, dann fahren wir nie wieder mit dir in den Urlaub!“

Dem Kind wird dabei immer wieder signalisiert, dass ein anderer darüber zu entscheiden hat, was die „richtige“ Reaktion ist. Dass dieser andere die Macht hat, dem Kind Schaden oder Glück zuzufügen. Und dass das Gegenüber im Prinzip keinerlei Erwartungshaltung hat, dass das Kind freiwillig kooperieren könnte. Dieser dritte Punkt wiederum ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn je öfter die Eltern ihre Machtposition ausnutzen, um das Kind zu einer gewünschten Reaktion zu bringen, desto fester setzt sich unbewusst der Gedanke im Gehirn des Kindes fest, dass von ihm wohl nicht erwartet wird, das freiwillig zu tun. Dieser Erwartunghaltung wird es entsprechen, denn Kinder kooperieren immer – auch im negativen Sinne.

Wir werden mit dem Instinkt geboren, freiwillig zu helfen

Das Ergebnis einer solchen Erziehung sind Kinder, die hauptsächlich deshalb gesellschaftskonform reagieren, weil sie eine strafende oder belohnende Macht im Hintergrund spüren. Das ist auf den ersten Blick vielleicht nicht problematisch, schließlich ist selbst unsere ganze Gesellschaft auf dieser Misskonzeption über die Kooperationsbreitschaft von Menschen aufgebaut: Wenn wir mit dem Auto zu schnell fahren und erwischt werden, bekommen wir eine Geld- oder Punktstrafe. Sind wir bei der Arbeit faul, werden wir vom Chef abgemahnt, sind wir fleißig, bekommen wir eine Beförderung. Kaufen wir immer wieder bei dem selben Supermarkt ein, bekommen wir „Treuepunkte“ und können uns am Ende ein „Geschenk“ aussuchen.

Wir funktionieren so, weil wir in der Kindheit so erzogen wurden. Geboren wurden wir aber mit dem natürlichen Instinkt, freiwillig zu helfen, zur Gemeinschaft beizutragen und uns so gefällig zu verhalten, dass wir nicht aus dem Rahmen fallen. Testsituationen mit 18 Monate alten Kleinkindern des Harvard-Psychologen Felix Harnecken, bei denen der Tester wie zufällig einen Kuli fallen ließ, und von seiner Seite des Schreibtisches nicht mehr drankam, zeigten, dass alle Kleinkinder losliefen, um ihm den Kugelschreiber aufzuheben. Auch wenn der Tester mit vollgepackten Armen versuchte, einen Büroschrank zu öffnen, liefen die Kleinkinder spontan und ohne dazu aufgefordert worden zu sein, zum Schrank, um die Tür für ihn zu öffnen. Es bedarf keiner Drohung, uns zur Mitarbeit zu bewegen – im Gegenteil: Belohnungen und Strafen vermindern unser natürliches Bedürfnis nach Kooperation.

Irgendwann ist den Kindern die Strafe egal

Bei der „Erziehung mit lobender oder strafender Macht im Hintergrund“ ist ein Phänomen häufig zu bemerken: Irgendwann werden dem Kind die Strafen oder auch die in Aussicht gestellte Belohnung nämlich egal, und es erwidert: „Ja, dann mach doch.“ Um seine Integrität zu wahren, verzichtet es dann auf den Spielplatzbesuch, den Nachtisch oder es bleibt lieber irgendwo allein zurück, als sich länger von den Eltern erpressen zu lassen.

An dieser Stelle haben dann die Altvorderen ein Problem. Sie müssen, da ihre Machtposition offenbar aufgebraucht ist, nun ein noch stärkeres Druckmittel finden – eine noch höhere Macht. In früheren Zeiten haben Mütter in dem Moment dann gern den Satz: „Warte nur, bis der Papa nach Hause kommt!“ genutzt, aber auch heutzutage gibt es genug höhere Mächte zum Missbrauchen: „Wenn das der Weihnachtsmann erfährt!“, „Also, wenn du dich so später in der Schule benimmst, dann wirst du dir was von der Lehrerin anhören müssen.“, „Tja, wenn du nicht mitkommst, dann sammelt dich nachher die Polizei ein. Und wer weiß, ob die dich dann zu uns zurückbringen.“

Diese Art der Erziehung funktioniert durchaus für eine Weile gut, aber nicht für immer und es gibt eine eindeutige Tendenz, dass die Belohnungen oder Strafen immer größer werden müssen, um die Kinder zur Mitarbeit zu „überreden“. Ganz sicher werden sie deswegen nicht gleich zu emotionalen Krüppeln, aber vielleicht bleiben Eltern und Kinder so in einem gewissen Machtkampf verzettelt, der eigentlich unnötig ist. Also versuchen wir doch, einen anderen Weg zu finden. Damit unser Nachwuchs, später nicht mit der Wenn-Dann-Keule auf seine Kinder losgehen muss.

Reden reicht nicht? Doch!

Nun werden einige an dieser Stelle einwenden: „Aber ich muss doch mein Kind irgendwie erziehen. Es muss lernen, was richtig und was falsch ist. Wo die Grenzen sind. Wie soll es das denn lernen, wenn ich das falsche Verhalten nicht sanktioniere? Reden allein reicht doch meist nicht.“ Doch. Normalerweise fordern wir unser Kind in solchen Situationen zunächst einmal höflich und liebevoll auf, etwas zu tun oder zu unterlassen: „Ole, hör auf mit dem Sand zu werfen.“ „Ole, sieh doch mal, das Kind da bekommt den Sand in die Augen – das tut ihm weh.“ Meist reicht das tatsächlich. Das betrachten wir dann leider häufig als vollkommen selbstverständlich und würdigen gar nicht richtig, dass unser Kind gerade ganz ohne zu diskutieren unsere Bitte erfüllt hat. Das ist wirklich schade, weil wir so die grundsätzliche Kooperationsbereitschaft unseres Kindes übersehen. Das ist ein wirklich wichtiger Punkt – die meisten Konflikte mit unseren Kindern entstehen nämlich dadurch, dass wir die Geduld verlieren, weil wir das Gefühl haben, unser Kind „hört nicht“. Das Kind hingegen hat das Gefühl, immer wieder Kompromisse einzugehen, aber dafür zu wenig zurückzubekommen. Das führt dazu, dass immer weniger Kompromisse eingegangen werden, weil das Kind sich in seiner Kooperationsbereitschaft nicht wahrgenommen und gewürdigt fühlt.

WIE ELTERN LIEBER NICHT REAGIEREN SOLLTEN:

Von der Idee der Erziehung mit „logischen Konsequenzen“ hat wahrscheinlich jeder schon gehört. Der Ansatz klingt schlüssig und erfolgversprechend: Statt zu strafen soll das Kind durch das Erleben „logischer“ Folgen lernen und so das (für uns unerwünschte) Verhalten anpassen. Möchte es also die Jacke nicht anziehen, diskutiert man nicht lange – es wird ja recht schnell merken, dass es kalt ist, und man ohne Jacke friert. Wirft das Kind wütend ein Eis herunter, wird es feststellen, dass man es dann eben nicht mehr essen kann.

DAS MISSVERSTÄNDNIS

Das funktioniert tatsächlich recht gut – hat aber leider auch zu einigen Missverständnissen geführt. Die logischen Konsequenzen werden mittlerweile häufig ohne viel darüber nachzudenken genutzt, um Kinder leichtfertig zu erpressen und zu bestrafen. Den Eltern ist das oft nicht bewusst und sie haben auch kein schlechtes Gefühl dabei. Sie erziehen wie von Experten empfohlen „liebevoll konsequent“, schließlich strafen sie nicht willkürlich, sondern finden immer einen logischen Zusammenhang von Tat und Strafe. Dabei geht es ursprünglich bei diesem Ansatz gar nicht darum, dass die Konsequenzen möglichst logisch sind, sondern vielmehr darum, dass das Kind „natürliche“ Folgen erlebt. Diese sind wie der Name schon sagt naturgegeben – und nicht von den Eltern ausgedacht. Dass diese Abgrenzung schwierig ist, zeigte kürzlich eine Diskussion in einem Forum. Eine Userin hatte irgendwo die Bezeichnung „Wenn-Dann-Falle“ gelesen und fragte, was genau so schlimm daran sei. Klar, dass unsinnige Konsequenzen wie „Wenn du jetzt nicht ordentlich isst, gibt es heute Abend kein Fernsehen“ an Erpressung grenzen, das sei ja offensichtlich. Aber die „Wenn-dann“-Formulierung beschreibe doch auch die logischen Konsequenzen im Alltag: „Wenn du keine Zähne putzt, dann gibt es nichts Süßes“ „Wenn du nicht aufräumst, dann können wir nicht spielen, weil kein Platz ist.“ Das seien doch eher Tatsachenbeschreibungen, ähnlich wie „Wenn es regnet, wird die Erde nass“ oder: „Wenn man zu schnell Auto fährt, kann man einen Strafzettel bekommen.“ Das zeigt das Dilemma recht deutlich: Es hat sich ein Bewusstsein entwickelt, dass logische Konsequenzen uneingeschränkt empfohlen werden. Also wird jede Konsequenz möglichst geschickt thematisch irgendwie dem Vergehen angepasst, damit sie irgendwie logisch wird. Das kann absurde Züge annehmen, in einem Elternforum war zum Beispiel zu lesen: „Helft mir: Mir fällt keine logische Konsequenz ein! Emil hat das helle Ledersofa mit Kugelschreiber bemalt!“ Die natürliche Konsequenz ist schlicht, dass die Eltern versuchen müssen, das Sofa zu reinigen.

UNGERECHTE STRAFE

Machen wir uns nichts vor: Auch wenn eine Konsequenz noch so logisch ist – sie hat in dieser Situation keine andere Funktion, als eine Strafe. Egal, wie man die Maßnahme also nennen mag, es handelt sich um eine Sanktion zur Bestrafung eines vermeintlich unangemessenen Verhaltens in der Absicht, dieses zukünftig zu beeinflussen. Für unsere Kinder macht es nicht den geringsten Unterschied, wie logisch eine Konsequenz ist. Wenn sie beim Zähneputzen trödeln, ist es ihnen völlig egal, ob – ganz logisch – die Zeit dann als „logisch konsequent“ beim Vorlesen der Gute-Nacht-Geschichte gekürzt wird oder – ganz unlogisch als Strafe – die Süßigkeiten morgen gestrichen werden. Ihnen fehlt bis zu einem gewissen Alter einfach das Verständnis, dass etwas wie das Zähneputzen einfach notwendig ist.

Und selbst wenn sie es hätten – jetzt, gerade jetzt haben sie einfach keine Zeit oder Lust, die Zähne zu putzen und begreifen nicht, warum man das nicht ein paar Minuten aufschieben kann. Die Androhung einer Konsequenz ist für sie daher ein Zwang, etwas zu tun, das sie jetzt gerade eben nicht möchten. Wie die Strafe/Konsequenz am Ende aussieht oder wie man sie nennt, spielt im Grunde kaum eine Rolle.

In dem Moment, wo eine Strafe angedroht oder verhängt wird, fühlt sich ein Kind immer hilf- und machtlos, wütend und traurig. Strafen empfindet ein Kind so gut wie immer als ungerecht – unabhängig davon, ob sie es tatsächlich sind.

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Die Autorinnen, Sonderpädagogin Katja Seide und Juristin Danielle Graf, bloggen unter gewuenschtestes-wunschkind.de. Die beiden haben auch ein gleichnamiges Buch veröffentlicht (Beltz Verlag).

Wenn Kinder nicht hören wollen – 6 Schritte zu einer gewaltfreien Lösung

Kennst du das, wenn du den Eindruck hast, deine Kinder tanzen dir förmlich auf der Nase rum? Du willst ihnen auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen, aber sie hören einfach nicht?

Als Mutter von drei praktisch gleichaltrigen Kindern kenne ich solche Momente sehr gut. Da läuft der eine nach links, der nächste nach rechts und der dritte wieder zurück. Man hat womöglich den ganzen Tag die Wohnung aufgeräumt und geputzt und binnen weniger Minute sieht es aus wie vorher. Oder auch sehr beliebt: die morgendliche Verweigerung, gerade dann, wenn man es besonders eilig hat. Oder man denkt sich vielleicht eine tolle Unternehmung aus, aber es artet in Chaos und Stress aus.

Viele bedürfnis- und beziehungsorientierte Eltern durchleben in solche Momente starke Verunsicherung, vor allem dann, wenn Stimmen laut werden, die nach Erziehung rufen und einem vorwerfen zu lasch zu sein. Manchmal ist es sogar der Partner oder die Großeltern, die meinen, die Kinder würden sich aufgrund fehlender Orientierung, gemeint ist aber Erziehung, völlig egoistisch und Rücksichtslos verhalten. Ganz oft kommt auch der Einwand, dass es ja auch um die eigenen Bedürfnisse gehe und man doch seine Grenzen wahren müsse.

Bedürfnisse, Grenzen, Rücksicht, Respekt, alles starke Worte. Und diese Dinge stehen uns allesamt zu. Wie also unsere Kinder, gerade wenn sie noch sehr klein sind, dazu bringen uns Respekt entgegenzubringen, unsere Grenzen zu achten, unsere Bedürfnisse zu berücksichtigen und somit rücksichtsvoll zu sein?

Die Antwort auf diese Frage dürften diejenigen, die meine Arbeit bereits eine Weile kennen oder selbst unerzogen leben, vollkommen klar sein: Durch Vorleben!

Wenn du jetzt hier aber Erziehungstipps erwartet hast, dann muss ich dich leider enttäuschen. Gerne aber teile ich dir Alternativen zur Erziehung mit und erzähle dir wie du durch Vorleben mit deinem Kind eine respekt- und rücksichtsvolle Beziehung führen kannst .

Über Respekt und Rücksichtnahme habe ich sogar ein Video aufgenommen, das findet ihr Hier.

Fangen wir also von vorne an und gehen gleich ans Eingemachte:

Das Problem liegt nicht am Kind, es liegt in der Regel an unsere Erwartungen! Wir erwarten einfach zu viel. Von uns und vor allem von unseren Kindern. Gerade, wenn sie noch sehr klein sind.

Wir neigen dazu, von Kindern Dinge abzuverlangen und zu erwarten, wozu sie schlicht noch nicht in der Lage sind und bei den Sachen, die sie eigentlich können, unterschätzen wir ihre Kompetenz und limitieren sie.

Es ist wundervoll, wenn Eltern ihre Kinder nicht durch Angst zum Gehorsam erziehen. Aber sie sollten sich nicht der Illusion hingeben, dass ihre Kinder dann eben durch Beziehung und Augenhöhe gehorsam werden. Das ist aber auch gar nicht erst das Ziel, da Gehorsam nicht erstrebenswert ist.

Dies bedeutet allerdings auch nicht, dass wir nicht nein sagen dürfen. Wir Eltern setzen keine Grenzen, Grenzen sind da! Und sie sind überall da legitim existent, wo es um den Schutz von Integrität geht. Es geht also im Grunde nicht um Grenzen, wonach oft schnell gerufen wird, sondern um Schutz. Wir neigen aber dazu diese Schutzverantwortung beim Kind abzuladen und erziehen an ihrem Verhalten rum.

Natürlich kann und sollte ich Nein sagen, wenn trotz aller Reflexion und Alternativensuchen Nein gemeint ist. Es geht auch nicht darum Konflikte um jeden Preis aus dem Weg zu gehen, denn sie gehören zum Zusammenleben dazu. Es geht darum den berechtigten Frust der Kinder zu begleiten, ihre Gefühle zuzulassen und eben nach Lösungen außerhalb der Box zu suchen.

Wenn eine bestimmte Situation immer wieder eintritt, dann liegt es nicht daran, dass das Kind etwas nicht versteht, sondern das offenbar wir etwas nicht verstanden haben! Es sind unsere Erwartungen, die uns da im Wege stehen!

Unsere überhöhten Erwartungen bringen uns schnell in die Opfer-Rolle! Das schlimme daran ist, dass wir dadurch den Kindern die Verantwortung überstülpen. Eine Verantwortung, die sie gar nicht tragen können. Und wir machen sie zum Täter, nicht ohne Grund hält sich die Legende des tyrannischen Kindes, der Feind im eigenen Haus, so verdammt hartnäckig.

Von kleinen Kindern kann man keine Empathie erwarten, schon mal gar nicht für Dinge, die für sie schlicht noch keinen Sinn ergeben. Sie wollen ihre Welt entdecken und erfahren! Und gerade wenn es mehrere kleine Kinder auf einmal sind, wie es bei uns Zuhause zum Beispiel der Fall ist, so haben sie außerdem viel damit zu tun, nicht zu kurz zu kommen. Über das Thema Geschwisterstreit habe ich hier ausführlich geschrieben.

Unsere Kinder tanzen uns also nicht auf der Nase rum. Sie leben! Sie tun nichts gegen uns. Sie tun etwas für sich.

Aber ja, ich kenne dieses Dilemma und die dazugehörige Erschöpfung sehr gut. Eine übermenschliche Anstrengung. Drei kleine Kinder auf einem Mal und jeder läuft in einer anderen Richtung. Es gibt nie einen Moment Ruhe. Puh.

Aus der Erfahrung der letzten Jahre kann ich allen Eltern folgendes ans Herz legen: Gestalte dir die Welt einfacher!

Hier meine 6 Impulse an dich:

1. Meide Situationen, die anstatt Freude, Stress bereiten! Manchmal sind es Unternehmungen, welche wir sehr gerne machen oder aber uns eigentlich entlasten sollten. Tun diese aber gerade nicht. Es geht aber auch nicht um die Vermeidung für immer, vielleicht nicht einmal für Wochen, aber für den Moment!

2. Suche nicht die Lösung am Benehmen der Kinder! Es ist nicht ihr Verhalten, das sich ändern muss, sondern der Rahmen, in dem ihr euch bewegt und deine Einstellung zu den Dingen! Beides kannst du gestalten! Schaffe also eine Ja-Umgebung und arbeite an deiner Haltung!

3. Ändere deine Perspektive auf die Dinge! Dann sieht die Wohnung eben eine Weile wie nach einem Wirbelwind aus, daran stirbt niemanden! Aber eurer aller Nerven, vor allem aber eure Beziehung zueinander wird geschont.

4. Lege deine Erwartungen ab! Es sind Kinder und du bist auch nur ein Mensch. Sie müssen nicht funktionieren und du musst nicht alles schaffen.

5. Lasse dir helfen! Kinder zu begleiten ist eine herausfordernde Aufgabe. Wir sind dabei oft großen Stress ausgesetzt, müssen blitzschnell entscheiden, sind ständig gefragt. Es ist nicht nur ok für sich zu sorgen und eine Pause zu machen, sondern es ist unabdingbar.

6. Lehne dich zurück! Deine Kinder werden schnell groß, aber es wird noch eine ganze Weile brauchen bis bei euch „Ruhe“ eingekehrt ist. Schone also deine Kräfte und genieße diese kurze Zeit. Wann, wenn nicht jetzt, hat man schon einen so wichtigen Grund, um Fünfe gerade sein zu lassen???

Es kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Wir Erwachsenen tragen die Verantwortung für die Qualität der Beziehung zum Kind. Wir allein. Nicht das Kind! Wir können für die Entlastung und Veränderung der Situation sorgen. Nicht das Kind. Wir sind gefragt, die Bedürfnisse aller (!) zu erkennen und nach einen Weg des Unden (ein sowohl als auch) zu suchen. Wir! Nicht die Kinder! Weil sie es nicht können. Und, weil es genau unsere Aufgabe und Verantwortung ist.

Fokussiere dich also auf das Bedürfnis hinter dem Verhalten und nicht auf das Verhalten an sich. Es gibt immer einen Grund warum Menschen agieren, wie sie agieren. Mehr dazu kannst hier nachlesen: Wenn der Wunsch nach Folgsamkeit, von unseren Bedürfnissen ablenkt.

Und wenn du frustriert darüber bist, wie es gerade läuft, so schaue genau hin! Was brauche ich? Was braucht mein Kind? Und wie bekomme ich es hin uns allen gerecht zu werden? Das klappt immer dann, wenn ich Bedürfnisse erkenne und den Rahmen danach gestalte. Und sei es, indem ich eben Hilfe annehme!

Saluditos & Axé

Eure

Aida S de Rodriguez

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Wenn Kinder nicht hören wollen – Berliner Autoren helfen

Als ich kürzlich mal wieder ganz in der Rolle des modernen Familienvaters aufging, band ich mir eine Schürze um. Ich hatte einen Gourmet-Anfall, ich war zum Kochen inspiriert. Schon auf dem Weg nach Hause waren mir kulinarische Ideen gekommen. Eine Salatsoße aus Kokosmilch, Olivenöl und Wasabi müsste man mal machen! Schnell hatte ich alle Zutaten eingekauft. Ausgefallene Salate. Exotische Nüsse. Rote Bete. Vielleicht passt dazu ein Club-Sandwich, hatte ich mir dann noch überlegt, vegetarisch, mit Senf. Die Kinder bekommen ein Spiegelei auf einer kleinen Schicht Tomatenmark. Nicht jedes Toastbrot bietet sich an. Dunkel muss es sein, aber nicht mit Vollkorn. Und so weiter.

Solche Sachen malte ich mir aus, kaufte alles Nötige und stellte mich zu Hause mit der bereits erwähnten Schürze über eine Stunde lang in die Küche, um mein Essen zuzubereiten. Ich briet Nüsschen an, karamellisierte sie, schlug die Kokosmilch so lange mit dem Mixer, bis sie die richtige Konsistenz hatte, probierte Öle und schnitt die Cherry-Tomaten so fein, dass man hindurchgucken konnte. Ich verglich seltene Sirupsorten. Dann zitierte ich stolz die Familie an den Tisch. Zur Feier des Tages und unseres ersten spontan einberufenen Gourmet-Festivals hatte ich den Jungs auch große weiße Erwachsenenteller mit Serviette hingestellt. Die erste fertige Portion – schön drapiert, mittig durchgeschnitten das hohe Toastsandwich, Salat daneben – ging an den Erstgeborenen. Hallo, na – hier – bitte!

Weg mit dem Kram!

Ohne überhaupt einmal richtig hinzusehen, schrie Leo: „Weg mit dem Kram! Ich will nur Ei! Viel Ei! Und kein Gemüse, das will ich nicht. Und dann will ich noch ein Müsli dazu!“

Das müssen die Momente sein, in denen der Klischeesatz aufkam, dass kleine Kinder heute „Tyrannen“ geworden sind. Ich kenne noch aus eigener Erfahrung die Regel, dass man seinen Teller leer essen muss und auch nicht an dem mäkeln darf, was draufliegt. In meinem Elternhaus war man da zum Glück schon modern. Aber man aß ja manchmal woanders, bei Freunden, Verwandten, Bekannten. Ich erinnere mich noch an ein paar mühevoll runtergeschlungene Mahlzeiten, auch wenn meine Eltern damit nicht streng waren – anders als die Generation vor ihnen, die Omas, Großtanten und Konsorten.

Gesund und vorbildlich – das war der Plan

Wir denken intensiv über gesunde Ernährung nach und müssen uns parallel dazu gegen die immer ausgefeilteren Lügen der Lebensmittelkonzerne wehren. Angeblich gesunde Frühstücksmischungen enthalten weit über 50 Prozent Zucker, und wenn in die fettige und süße Schokolade noch ein bisschen billiges Milchpulver gekippt wird, nennt man das die „Extraportion Milch“ und suggeriert, es sei gesund. Alles am Thema Essen scheint schwierig. Die Bio-Ernährung gilt manchen als der neue Weg, andere klagen, sie sei zu teuer. Die Fleischskandale jagen einander. Einzelne Stoffe gelten als ungünstig, mal Laktose, mal Gluten. Wir Erwachsenen sind verwirrt. Julia und ich haben es auch versucht, unser erster Plan war, die Kinder gesund und vorbildlich zu ernähren. Nur stopfen die sich leider lustig rein, was sie wollen. Und sie wollen kein Vollkornbrot, keine Schwarzwurzeln und keine seltenen, aber nährstoffreichen Sprossen. Haarsträubende Erlebnisse mit Essen – das ergibt eine Anekdotensammlung, mit der Eltern ganze Aktenordner füllen können. (…)

Seit kurzem esse ich vegan. Das klingt spektakulärer, als es ist. Ich habe erst ein veganes Rezept in einer Zeitschrift gesehen, habe es nachgekocht und fand es lecker. Also blieb ich aus Spaß dabei. Seitdem habe ich eine Menge Produkte kennengelernt, die mir bis dato unbekannt waren: Seitan, Mandelmus, Apfeldicksaft. Ich ernähre mich zum ersten Mal bewusst.

Nach wie vor gilt bei uns zu Hause: Jeder soll essen, was er mag. Soll heißen: Wenn meine Kinder mal eine Salami wollen, habe ich kein Problem, sie ihnen zu kaufen. Obwohl ich selbst Wurst nicht besonders ansprechend finde. Alle sollen es machen, wie sie wollen, und mich in Ruhe lassen.

Intensive Gespräche

Während ich in diesem Punkt gern der antiideologische (ehrlich gesagt aber bloß: faule) Vater bin, führt Julia intensive Gespräche mit unserem großen Sohn Leo. Als wir zum Einkaufen unterwegs sind, wo er unbedingt Eier erstehen will, auf die er sich schon lange freut, erklärt sie, wie Hühner gehalten werden. „Ich mag das nicht gern sehen, wie die Tiere leben“, sagt sie, „und kaufe die Eier nicht im Supermarkt, höchstens im Bioladen.“ Ich frage mich, ob der Junge das versteht und ob er wirklich damit konfrontiert werden muss. Aber ich halte den Mund. Julia kommt wohl auch ins Grübeln und ruft irgendwann: „Jetzt ist aber Schluss mit dem Gerede über Hühner, jetzt holen wir dir einfach deine Eier!“ Leo widerspricht: „Nein! Ich möchte noch viel mehr über Hühner hören. Erklär mir das alles.“ Später zu Hause malt er Hühner in einem Käfig. Und meint: „Ich finde es auch nicht so gut, wenn die Hühner nicht schön herumflattern können. Aber ich mag Eier eben so gern!“ Mir gefällt das, sein Level an Problematisierung ist schon jetzt höher als der des Durchschnittsdeutschen. Und ich brate ihm auch gern seine Spiegeleier.

Es macht mir Spaß, seine Bedürfnisse zu akzeptieren, statt gegen sie zu arbeiten. Mir scheint, der Kampf gegen das natürliche Wollen des Kindes war jahrzehntelang, bis heute vielleicht, die übliche Erziehungsstrategie. Iss deinen Spinat auf, hau rein, damit du groß und stark wirst, trink zwei Liter am Tag, bla, bla, bla. Als könne der Körper nicht selbst fühlen, was er braucht. So sind wir Erwachsene geworden, die ihre Ernährung selbst nicht im Griff haben. (Etwa vier Millionen Deutsche haben Untergewicht, viele davon aufgrund einer Essstörung, und die Hälfte der Erwachsenen ist übergewichtig.) Daher müssen wir Eltern heute etwas anders machen. Vermutlich: nicht mehr so viel darüber reden. Vielleicht sogar gar nicht.

Bei uns herrscht Ess-Freiheit

Die Freiheit, zu essen, was man möchte, ist ein schönes Recht, das im Grundgesetz leider vergessen wurde. Bei uns zu Hause herrscht Ess-Freiheit. Wenn wir darauf pochen, liegt das daran, dass wir als Kinder und Jugendliche unerfreuliche Erfahrungen gemacht haben. Essen war insbesondere zwischen den Generationen lange Zeit ein Konfliktherd. Man könnte auch sagen, die Nahrungsaufnahme ist ein Hebel, mit dem Eltern nachhaltig in das Leben ihres Nachwuchses eingreifen.

Das wurde mir mit fünfzehn erstmals klar. Ich hatte meinen neuen besten Freund besucht. Richard war witzig und intellektuell, und er hatte den scharfen Blick eines Menschen, der nicht ganz anerkannt ist als cooler Typ. Und er hatte noch ein Problem: Er war ein Pummelchen. Er hatte genau jene zehn Kilo Übergewicht, die einen Mann nicht dick, sondern lustig aussehen lassen. Das öffnete in der Schule Tür und Tor für intensives Hänseln. Schließlich dachten alle, der kann es ab. Sein Spitzname war Porsche gewesen, weil er schon als Autonarr aufs Gymnasium kam, aber die meisten veränderten den bald und nannten ihn „Pork-Chop“, wie das fettige, kotelett-ähnliche Gericht. Sogar unser Sportlehrer ließ ihn beim Zirkeltraining besonders gern unter Bänken hindurchkriechen und lachte ihn öffentlich aus.

Als ich also zum ersten Mal bei Richard zu Hause saß, mit ihm altklug über die Unterschiede zwischen Schach und dem japanischen Brettspiel Go fachsimpelte und ein bisschen auch über die Mädchen unserer Klasse, kam plötzlich seine Mama rein. Auf einem großen Teller servierte sie uns sechs geschmierte Stullen mit Schinken und Käse sowie zwei Eisbomben in der Form und Größe dessen, was damals noch Negerkuss hieß. Ich ließ es mir schmecken, war aber stark befremdet. In dem Alter hatten normalerweise sowohl wir als auch unsere Eltern die Lust auf diese Art von Fürsorge verloren. Bei Richard dagegen wurde gegessen, selbst wenn er keinen Hunger hatte. Die Nahrungsaufnahme war heilig in seiner Familie. Übrigens hat Richard seit dem Tag, an dem er aus seinem Elternhaus auszog, stark abgenommen und immer nur die Anzuggröße 48 getragen. Als er aus dem Zusammenhang von Bemuttern und Futtern heraustrat, waren Dickerchen und Pork-Chop Vergangenheit. (…)

Die Begeisterung färbt ab

Ich ernähre mich selbst immer gesünder, um darüber hinwegzutäuschen, dass meine Kinder fest in der Hand der großen Lebensmittelkonzerne und ihrer Zucker-Kohlehydrat-Fertigware sind. Aber vielleicht hat meine Begeisterung doch auf sie abgefärbt. Vielleicht war es das, worum es beim Essen geht: Freude! Authentisch sein!

Als wir uns schon in das aus unserer Sicht Unvermeidliche gefügt haben, eigentlich nur noch für uns Eltern zu kochen und den Kindern irgendwelches Zeug hinzustellen, erlebe ich eine Überraschung.

Die Kinder haben Brote mit Marmelade und Pasten auf dem Tisch und ein Tellerchen mit Tomaten und Gurken, Dinge, die sie neuerdings doch ganz gern mal essen. Und ich koche Gemüsenudeln: Zucchini, die in lange, sehr feine Streifen geschnitten werden, eine Art Ersatznudeln, dazu eine Soße aus kleingestampftem Tofu mit Tomaten, Oliven und vielen Kräutern. Geriebene Nüsse drüber. Ein echt spezielles Essen, das ich liebe, aber sogar vielen Erwachsenen nichts sagt. Ich stelle es auf den Tisch und verschwinde noch einmal, um mir Tee zu machen. Als ich wiederkomme – ist mein Essen weg. Dafür ist der Mund von Leo großflächig mit Tomatensoße verschmiert. Quinn, der besonders stur seine Kohlehydrate-Only-Diät verfolgt, sagt: „Lecker, lecker, lecker! Papa, machst du noch mehr von dem komischen Zeug?“

Es war wie ein Symbol für die Mühen von Eltern überhaupt und insgesamt: Als wir es nicht mehr probiert haben, klappte es auf einmal. Vielleicht ist ja das ewige Drängen der Eltern der Grund dafür, dass die Kinder den Widerspruch überhaupt erst provozieren.

***

Julia über das berüchtigte Runterzählen

Maja sitzt in der Babywippe und schreit. Sie hat Hunger, und ich stehe mit dem dampfenden Brei vor ihr. Leo kniet zwischen uns und macht Faxen. Er streckt Maja die Zunge heraus, singt „Bäh, bäh, bäh“, verdreht die Augen. „Leo“, sage ich genervt, „Maja hat Hunger, lass mich durch, ich möchte sie füttern.“ „Ja, ja“, trällert mein Sohn und macht weiter. „Leo, jetzt!“, ermahne ich ihn. „Gleich!“, ertönt es vom Fußboden. „Leo“, brülle ich jetzt voller Ungeduld. „Ich zähl bis drei, und dann bist du da weg. Eins, zwe-hei, …“ Leo steht zögerlich auf. „Drrr …“ In letzter Sekunde springt Leo hoch und trollt sich kichernd aufs Sofa.

„Quinn, ich zähl bis drei!“

Diese Zählerei ist mir eigentlich total zuwider, aber sie ist das Mittel der Wahl, wenn der Nachwuchs die Ohren auf Durchzug stellt. Irgendwie klappt es mit der Methode „Runterzählen“ immer, dass alle punktgenau auf ihren Plätzen sind. „Quinn, komm jetzt her, ich zähl bis drei!“, „Leo, lass deinen Bruder los, sofort! Eins – zwei …“, „Quinn, bei drei spuckst du das aus, hast du verstanden?“ Der Countdown erhöht die Dramatik, als ob gleich was explodiert.

Was für eine Mühsal! Es wäre doch wünschenswert, wenn die Kleinen auch ohne diesen lächerlichen Zeitaufschub tun würden, was wir Eltern ihnen sagen. Das, was wir ihnen auftragen, könnten sie doch auch sofort erledigen. Welchen Gewinn bringt das Spiel mit der „Drei“ eigentlich? Wer profitiert davon?

Beide Seiten, mit Einschränkungen. Die Eltern, noch nicht entschlossen genug, sammeln sich in der verbleibenden Zeit für den finalen Anschiss. Sind sie einmal an diesem Punkt angelangt, dann liegen die Nerven bereits blank, von Humor kann keine Rede mehr sein. Die Kinder freuen sich über das Spielchen und über die Tatsache, dass sie dank der elterlichen Zähltechnik über ein beachtliches Maß an Macht verfügen. Vor „drei“ müssen sie nämlich gar nichts unternehmen. Sie wissen das, und sie wissen auch, dass Mama und Papa wissen, dass sie das wissen. Andererseits hat das Zählen auch etwas leicht Bedrohliches. Dazu gehören nämlich unbedingt der auf „eins“ erhobene elterliche Daumen und die großen Augen, mit denen die Eltern den Kleinen unmissverständlich signalisieren, dass Sturm im Aufziehen ist. Das Runterzählen ist ein etwas grausames Spiel, bei dem alle Seiten ihr Einverständnis gegeben haben, was die Sache dennoch nicht schöner macht.

Als ich einmal meine Freundin Alina besuche, bin ich schwer beeindruckt. Wir Erwachsenen können uns störungsfrei unterhalten, obwohl ihre beiden Kinder, die fünfjährige Lisa und der siebenjährige Tim, mit im Zimmer sind und spielen. Als Tim dabei einmal etwas lauter wird, sagt Alina: „Bisschen leiser, okay?“ Sie tut das nicht so wie ich, die ich bei gefühlten 80 Dezibel einsteige, sondern ganz leise. Selbst ich hätte sie fast überhört. Und Tim? Reagiert. Ich denke daran, dass ich auch schon öfter bei meinen Kindern gewisse Erfolgserlebnisse erzielt habe, wenn ich nicht wie erwartet herumschrie, sondern im Gegenteil ganz leise sprach.

Kein belangloses Blabla mehr

Ich nehme mir vor, öfter leise und insgesamt auch weniger zu sprechen, damit meine Anweisungen nicht als belangloses Blabla im allgemeinen Tumult untergehen. Für das verbreitete Phänomen der laschen, kraftlosen Ermahnungen und Anweisungen, die schon von Anfang an gar nicht richtig ernst gemeint sind, kursiert unter Eltern zurzeit das schrecklich-schöne Wort „Erziehungsgeräusch“. All das Gerede, das wir uns eigentlich sparen könnten.

Ich setze mir zum Ziel, nur noch runterzuzählen, wenn wir zum Beispiel das Haus verlassen wollen, mir gerade der rechte Schwung fehlt und ich einfach selber noch ein bisschen Zeit brauche. Aus Sekunden werden dann Minuten, und alle können sich darauf vorbereiten, in baldiger Zukunft aufzubrechen.

Doch da wo es wirklich eilt, ziehe ich es inzwischen vor, ganz ohne Umschweife zur Sache zu kommen. Auch in diesem Punkt haben wir durch die vielen Kinder dazugelernt. Bei drei Kindern – eins in der Schule, eins in der Kita und eins im Stubenwagen – ist etwas anderes kaum praktikabel, wenn man nicht dem Wahnsinn verfallen möchte. Etwa, wenn ich Leo morgens zur Schule bringe. Zwischen sieben und acht Uhr geht es meistens hektisch bei uns zu. Üblicherweise kommt Leo nicht aus den Federn, er will noch lesen und Kassette hören oder etwas bauen. Irgendwann fange ich grummelnd an, ihm seine Klamotten überzustreifen, was er unwillig über sich ergehen lässt. Ab halb acht rufe ich im Minutentakt die Uhrzeit durch die Wohnung, was Leo aber nicht dazu veranlasst, sich flotter fertig zu machen. Und, der Klassiker, wenn wir gestiefelt und gespornt in der Wohnungstür stehen: „Ich muss noch mal aufs Klo.“

Leo und die Uhr

Damit soll nun Schluss sein. Die größte Neuerung ist, dass wir Leo eine Uhr geschenkt haben. Auf die muss er nun selber gucken. Die Verantwortung weckt seinen Ehrgeiz. Zum ersten Mal stehen nicht wir morgens bei ihm im Zimmer herum und drängeln wegen der Schule, sondern er bei uns. Er zieht uns an der Nase und sagt leicht genervt: „Es ist schon zehn nach sieben, wann steht ihr Schnarchnasen endlich auf?“ Ich revanchiere mich dann, indem ich ihn beim Anziehen ganz lässig überhole. In Mantel und Schuhen sitze ich auf dem Kinderstuhl im Flur und warte auf Leo, der noch in seinem Zimmer herumwurschtelt. Nach ein paar Minuten kommt er heraus, guckt mich groß an, wie ich da so ausgehfertig sitze, und fragt: „Mama, warum sitzt du denn da?“ „Na, ich warte auf dich. Habe ich doch vor fünf Minuten gesagt.“ Leo ist erstaunt: „Ja, ja, aber ich habe dich dann gar nicht mehr gehört.“ – „Ich habe ja auch nichts mehr gesagt danach.“ – „Aha“, sagt Leo. Und dann zieht er wortlos seine Jacke an, schultert den Ranzen, und wir gehen gemeinsam zur Tür hinaus.

Die beiden Kapitel sind ein Vorabdruck aus dem aktuellen Buch von Julia Heilmann und Thomas Lindemann: „Alle Eltern können schlafen lernen. Erziehungsweisheiten auf den Kopf gestellt“. Es erscheint am 11. März im Atlantik Verlag und kostet 16,99 Euro. Ein Interview mit den beiden Autoren lesen Sie HIER.

Stell Dir folgende Situation vor. Du kommst abends von der Arbeit nach Hause. Du hattest einen langen Tag und freust Dich auf einen entspannten Feierabend im Kreise der Familie.

Nachdem Du das Haus betreten hast, hörst Du Tumult und Getöse aus dem Kinderzimmer. Als Du die Treppe nach oben läufst, siehst Du, dass Deine Kinder das komplette Zimmer auf links gedreht haben.

Kein Ding, so etwas machen Kinder nun mal. Verständnisvoll begrüßt Du die Kids und bittest sie das Zimmer aufzuräumen. Daran erinnerst Du sie im Laufe des Abends dann noch 2 weitere Male.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Nach einer Stunde machst Du Dich auf, das Kinderzimmer zu inspizieren. Nichts ist passiert.

Du merkst, wie Du genervt bist und Ärger in Dir aufkommt. Warum hören die Kinder nicht auf mich?

Die Situation hast Du bestimmt schon einmal so oder in ähnlicher Form erlebt. Vielleicht denkst Du, dass das manchmal so ist und Kinder nicht immer auf die Eltern hören. Vielleicht kommt aber auch das Gefühl hoch, dass es etwas mit Dir zu tun hat und sie bei Deiner Frau eher das tun, was sie sagt?

Warum hört mein Kind nicht auf mich?

Es gibt viele Gründe, warum Kinder nicht auf das hören, was Du ihnen sagst.

Soll Dein Kind gehorchen?

Wenn Du Dich mit älteren Menschen unterhältst, hörst Du ganz oft, dass die “Kinder von heute” viel ungezogener sind als “früher”. Ich denke, das ist Quatsch.

Weder damals noch heute sind Kinder ungezogen. Was damals wie heute stimmt ist, dass Kinder eine andere Wahrnehmung haben. Sie hinterfragen grundsätzlich alles, was ihnen gesagt wird. Das war früher ungezogen und wurde durch Strafen unterdrückt.

In Zeiten der Industrialisierung war es nicht erforderlich Dinge zu hinterfragen. Es war wichtiger genau das zu tun, was von einem verlangt wurde. Damit das im Erwachsenenalter funktioniert, wurde es den Kindern schon früh eingebläut.

Die Arbeitswelt von heute stellt andere Herausforderungen. Daher ist es gut, dass Kinder ihren eigenen Kopf haben und Dinge hinterfragen – auch wenn es für uns Eltern deutlich anstrengender ist.

Bekommt Dein Kind genug Aufmerksamkeit?

Es ist zu einfach zu sagen, Ungehorsam ist gut und ein Ausdruck für Kreativität. Im Leben und besonders im Zusammenleben mit anderen ist es aber auch wichtig Regeln zu kennen und sich an diese zu halten.

Klappt das mal nicht so, ist eine gute Frage: Warum hört mein Kind nicht auf mich?

Wenn Dein Kind sich nicht wahrgenommen fühlt, kann es sein, dass es sich durch bewussten Ungehorsam versucht Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Das richtige Maß an Lob kann hier Wunder wirken. Besonders, wenn Du richtig lobst und korrektes Verhalten positiv bestätigst.

Ist es vielleicht Deine Schuld?

Wenn Du so richtig auf 180 bist, weil Dein Kind gerade einfach nicht das tun möchte was Du möchtest, ist die Schuldfrage für Dich schnell geklärt. Natürlich ist es die Schuld des Kindes. Schließlich verhält es sich nicht so, wie Du das möchtest.

Vielleicht bist aber auch Du selbst daran schuld?

Wie oft hast Du in der letzten Zeit gesagt, “Wenn Du das jetzt nicht tust, dann…”? Dieser Wenn-Dann Satz ist einer der überstrapaziertesten Elternsätze und in 90% der Fälle bleibt es bei der bloßen Aussprache. Kaum ein Elternteil zieht die ausgesprochene Konsequenz durch.

Was macht das mit dem Kind?

Es stumpft ab schließlich sind Deine Aufforderungen nur Worte, die es mit keinerlei Handlungsaufforderung mehr verbindet.

Wie bekomme ich mein Kind dazu auf mich zu hören?

Wenn Du Dein Kind um etwas bittest (ist immer viel besser als es zu etwas aufzufordern), dann tust Du das aus gutem Grund. Und natürlich möchtest Du, dass Dein Kind dem auch Folge leistet.

Du hast aber auch keine Lust der Oberfeldwebel der Familie zu sein und autoritär daher zu kommen. Also, wie bekommst Du dann Dein Kind dazu zu tun, was Du von ihm möchtest?

Kennt Dein Kind Deine Motive?

Die Eltern-Kind Beziehung ist in ganz vielen Fällen sehr vergleichbar mit der Beziehung zwischen Dir und Deinem Vorgesetzten. Wenn Du einen Auftrag von Deinem Chef bekommst, führst Du diesen lieber und gewissenhafter aus, wenn Du weißt, warum Du das machen sollst.

Warum sollte Dein Kind das dann anders sehen? Wenn Du also Deinem Kind etwas sagst, dass es tun soll, erkläre warum.

Statt, räume bitte Dein Zimmer auf ist ein bei dieser Unordnung findest Du morgen keines Deiner Spielzeuge wieder. Bitte räume Dein Zimmer auf.

Wie ist Deine Beziehung zu Deinem Kind?

Die emotionale Bindung zwischen Dir und Deinem Kind ist der Motivator auf Dich zu hören. Wenn Du eine enge Bindung zu Deinem Kind hat, wird es viel daran setzten diese nicht zu belasten.

Wenn ich mal eine Woche hatte, in der ich viel unterwegs war erlebe ich die Schattenseite von diesem Effekt. Durch meine Abwesenheit in der Woche, ist die Bindung dann nicht so eng, wie z. B. während einer intensiveren Zeit zusammen. Am Wochenende muss ich dann häufiger zum Essen rufen oder 2-3 Mal darum bitten, dass der Tisch gedeckt wird.

Versuch also möglichst viel Zeit mit Deinen Kindern zu verbringen, um die emotionale Bindung zu stärken.

Wie reagiere ich richtig, wenn mein Kind nicht auf mich hört?

Wahrscheinlich bleibst Du ziemlich cool, springt Dein Kind nicht sofort, wenn Du etwas sagst. Doch wenn es nach der dritten oder vierten Aufforderung immer noch nicht das tut, um was Du es gebeten hast, geht Dir das wahrscheinlich auch ziemlich auf die Nerven.

Jetzt heißt es genau diese zu bewahren.

Schön am Boden bleiben

Natürlich ist es, wie mit so vielem, Tagesform abhängig, wie Du auf Ungehorsam reagierst. Es gibt Tage, da juckt es mich zum Beispiel überhaupt nicht. Dann gibt es andere Tage, an denen ich eine viel kürzere Zündschnur habe und energischer werden kann, wenn mir etwas nicht passt. Wir sind auch nur Menschen.

Direkt zu reagieren ist meist keine gute Idee. Nimm etwas Abstand von der Situation und atme tief durch. Nicht nur einmal – nein, 6 Mal. Denn nur wenn Du 6 Mal wirklich tief ein und wieder aus atmest, senkst Du nachweislich Deinen Blutdruck.

Mit weniger Dampf auf dem Kessel, wirst Du viel souveräner reagieren und nichts sagen, was Dir in 5 Minuten Leid tut.

Sie wollen Dich nicht ärgern

Wenn Dein Kind nicht auf Dich hört, dann tut es das nicht, weil es Dich ärgern möchte. Das ist etwas, dass wir uns immer wieder vor Augen halten sollten. Tritt daher einen Schritt von der Situation zurück (idealerweise während Du Deine 6 tiefen Atemzüge nimmst) und überlege, was hier gerade vor sich geht.

Überlege Dir kurz, was wir weiter oben besprochen haben und versuche Dich in die Lage Deines Kindes zu versetzen.

  • Weiß Dein Kind, warum Du es um diese Sache gebeten hast?
  • Hast Du in der letzten Zeit etwas weniger Zeit gehabt, so dass das Verhalten ein Schrei nach Aufmerksamkeit ist?
  • Verlangst Du etwas, dass Du sonst hast durchgehen lassen?

Mit diesem Verständnis wirst Du anders mit der Situation umgehen und darauf reagieren können.

Warum gehe ich so an die Decke?

Wenn Dich das Verhalten Deines Kindes so richtig auf die Palme bringt und keiner der vorherigen Punkte helfen will, liegt es vielleicht an Dir. Ja, das klingt einfach und ein bisschen unfair. Du bist nicht Schuld daran, dass Dein Kind nicht gehorcht.

Stimmt.

Aber Du hast Deine Reaktion auf das Verhalten in der Hand. Du bist der Erwachsene im Raum und solltest versuchen zu verstehen, warum Dich Dein Kind gerade aus der Fassung bringt.

Ich habe nicht auf alles eine Antwort, denn ich mache die gleichen Fehler. Ich habe mich aber schon häufiger gefragt, warum ich an manchen Tagen extrem empfindlich reagiere.

Meist sind das bei mir Tage, wenn ich länger nicht bei der Familie sein konnte. Ich fühle mich nicht so gut, wenn ich länger nicht bei ihnen war und wenn ich dann mitbekomme, dass sie nicht auf mich hören, fühle ich mich wie das fünfte Rad am Wagen. Das tut weh und nicht selten ist gekränkter Stolz die Ursache für meine Überreaktion.

Vielleicht kennst Du das ja.

Und jetzt?

Also, wenn Dein Kind das nächste Mal nicht auf Dich hört, erinnere Dich daran, dass Dein Kind keine Maschine ist, die immer tut was Du von ihr möchtest. Und das ist auch gut so.

Früher hättest Du ihm dieses Verhalten mit Strafen ausgetrieben. Heute weißt Du es besser. Das ist zwar anstrengender, macht Dein Kind aber zu einem besseren Menschen.

Ich möchte nicht, dass dieser Artikel falsch verstanden wird. Ich plädiere nicht für eine antiautoritäre Erziehung. Dein Kind muss Grenzen kennen und Konsequenzen erfahren, wenn es sich nicht entsprechend verhält.

Mir ist wichtig, dass Du mit dem Verhalten Deines Kindes richtig umgehen kannst und ich hoffe, dabei konnte Dir dieser Artikel etwas helfen.

Daher – wenn Dein Kind das nächste Mal nicht hört:

  1. Überlege Dir warum
  2. Erkläre Deinem Kind den Hintergrund Deiner Bitte
  3. Arbeite an der Beziehung zu Deinem Kind

Reifen Kinder zu selbstständigen Persönlichkeiten heran, brauchen Eltern starke Nerven: das Kind hört nicht mehr, will seinen Willen durchsetzen … – so die Annahme. Grenzen setzen, sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen, dem kindlichen Willen nicht nachgeben, sind Eckpunkte von dem, was als gute Erziehung gilt.
Doch statt “Mein Kind hört nicht” oder “Dieses Kind ist aber brav” schlagen Eltern immer öfter neue Töne in der Erziehung an. Die gefürchtete Trotzphase wird in “Autonomiephase” umbenannt, statt Gehorchen ist von Gleichwürdigkeit die Rede und Regeln gelten allgemein statt von Eltern gesetzte Grenzen für Kinder.
Warum und wie dieser Ansatz funktionieren könnte und wieso es nicht so schlimm sein könnte, wenn das Kind beziehungsweise der Heranwachsende nicht hört, soll in dieser Reihe zur Autonomiephase aufgezeigt werden.

Modelllernen als wichtigste Lernform

Mein Kind hört nicht: Modelllernen als wichtigste Lernform © Anas platyrhynchos under cc

Modelllernen (Bandura, 1976) gilt als eine der wichtigsten – wenn nicht gar die wichtigste – Lernform im Tierreich. Die Umsetzung ist so einfach wie kompliziert: Verhalten sich Eltern streng und machtorientiert, werden es die Kinder anderen gegenüber womöglich (spätestens in der Pubertät) ebenso tun. Verhalten sich Eltern dagegen rücksichtsvoll, hören zu und nehmen die Ansprüche und Einwände der Kinder ernst, dürfen sie zukünftig auf eben jenes Verhalten seitens der Sprösslinge hoffen. Hilft man dem Kind beim Aufräumen seines Zimmers, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit auf seine Hilfsbereitschaft zählen, wenn man es um Hilfe bittet. Kurzum: Schreiende Eltern, schreiende Kinder; besonnene Eltern, ruhige Kinder.

Aber das Kind hört nicht, es gibt auch Grenzen! Oder?

Natürlich gibt es Grenzen, aber vorrangig nicht von Eltern willkürlich (?!) festgelegte, sondern die Wahrung persönlicher Grenzen. Gemäß Jesper Juul (2013), Therapeut und einer der führenden “Erziehungsexperten” unserer Zeit, bedarf es starker Eltern, die für sich selbst persönliche Grenzen ziehen, sodass die Kinder lernen können, auf ihre eigenen Grenzen zu achten, welche ebensolchen Respekt verdienen.
Beispiel: Statt “Du musst jetzt ins Bett!” wäre es womöglich besser, zu verdeutlichen, dass man selbst andernfalls später zu müde sein oder keine Lust mehr haben könnte, um eine Geschichte vorzulesen. Auf der anderen Seite sollten aber auch die Bedürfnisse der Kinder akzeptiert werden. Womöglich ließe sich eine Einigung herbeiführen, in welcher dem Kind noch einige Minuten zum Spiel verbleiben, sodass es dann selbstständig beenden kann.
Gewohnheit und die Strukturierung des Alltags erleichtern darüber hinaus den Umgang mit kniffligen Situationen.

Regeln für alle!

Klares Nein oder Kompromiss: Süßwaren als Herausforderung, wenn das Kind nicht hört © Christian Heilmann under cc

Innerhalb der Familie kann es selbstverständlich Regeln geben. Und oftmals kann nicht dem Willen des Kindes entsprochen werden, aber es sollte eine Erklärung hinter der Ablehnung stehen. Daraus erwachsene Frustrationen beim Kind müssten (auf Seiten des Kindes und der Eltern) ausgehalten und aufgefangen werden.
Beispiel: Statt “Es gibt jetzt keine Süßigkeiten” und ein Aufregen darüber, dass das Kind nicht hört, nicht versteht und trotzt, ließe sich womöglich ein für alle Familienmitglieder festgelegter und zelebrierter Naschtag umsetzen, am welchem jeder sich etwas aussuchen darf. Zudem könnte man aufklären, aufzeigen, warum zu viele Süßigkeiten ungesund sind. Doch allzu oft lässt sich die Naschlust nicht von kognitiver Kontrolle steuern, vielleicht einigt man sich auf eine Kleinigkeit, die das Kind sich aussuchen darf, serviert im Gegenzug dazu aber täglich frisches Gemüse – ein Deal sozusagen.

Generell gilt: Die letzte Steuerungsinstanz liegt bei den Eltern, sie entscheiden, ob und welcher Spielraum möglich ist. Dennoch hat es niemand gern, bevormundet zu werden, das betrifft große und kleine Menschen. Und man kann nicht den gesellschaftlichen Umgang monieren (zum Beispiel schnoddriger Umgangston, befehlsartige Anweisungen des Chefs, Ungerechtigkeit und nicht Geachtet werden im Job …), wenn man all jenes der nächsten heranwachsenden Generation in puncto Erziehung überwiegend vorlebt. Doch um Althergebrachtes zu durchbrechen, erfordert es Mut.
Auch Ängste in Zusammenhang damit, dass Kinder durch diese Art der Erziehung nicht bereit für die spätere gesellschaftliche Realität beziehungsweise dem Arbeitsleben sein könnten, scheinen sich nicht zu bestätigen. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Eine stabile Persönlichkeit und die Wahrung des eigenen Ichs (demnach eben auch ein Kind, das nicht immer hört) könnten sie vermutlich mit solchen Unwägbarkeiten besser umgehen lassen, wie im nächsten Teil zur Autonomiephase aufgezeigt werden soll.

„Wasch dir bitte die Hände vor dem Essen!“, „Bitte putze deine Zähne!“, „Schlafanzug an und dann bitte in dein Bett!“, „Komm jetzt zum Essen!“, „Bitte räume dein Zimmer auf!“ Bestimmt kommen euch diese Sätze mehr als bekannt vor. Und diese Beispielsätze sind nur wenige von vielen Anweisungen und Bitten, die Eltern Tag um Tag an ihre Kinder richten.

Doch leider kommt es allzu oft vor, dass die lieben Dreikäsehochs gar nicht auf das Gesagte reagieren oder die Bitten in die Tat umsetzen. Vor allem, wenn die Kinder mit Spielen beschäftigt sind, sich draußen austoben oder vor dem Fernseher sitzen, kommt es häufig vor, dass sie euch Eltern konsequent ignorieren.

Und nicht nur in den eigenen vier Wänden schalten Kinder auf Durchzug. Auch beim Einkaufen, bei Freunden oder zu Besuch bei den Großeltern haben Eltern oft das Gefühl, von ihren Sprösslingen nicht ernst genommen zu werden. Dies verstärkt den elterlichen Ärger dann zusätzlich.

Doch was sind die Gründe, dass einige Kinder nicht auf ihre Eltern hören und was könnt ihr dagegen tun? Hier informieren wir euch, wie es bei euren Kindern besser mit dem Zuhören klappt und wie ihr sie mit praktischen Tipps dazu bringen könnt, eure Anweisungen zu befolgen.

Warum hört mein Kind nicht?

Nervt es euch auch, eurem Sprössling immer alles mehrmals sagen zu müssen? Oder seid ihr es leid, dass euer Kind nörgelt, wenn ihr es um etwas bittet? Wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr oft lauter werden oder Strafen androhen müsst, steht ihr damit nicht allein da. Fast alle Eltern können sehr gut nachempfinden, dass die eigenen Kinder einen hin und wieder an den Rand des Wahnsinns treiben können.

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Doch an was liegt es, dass einige Kinder einfach nicht hören? Zu Beginn sei gesagt: Eure Lieblinge machen das in den seltensten Fällen aus böser Absicht oder um euch mutwillig zu ärgern. Ein Mitgrund für das häufige Nicht-hören ist, dass Kinder über ein selektives Hörvermögen verfügen, welches sich maßgeblich von dem Gehör eines Erwachsenen unterscheidet.

Kinder filtern für sie unwichtige Hintergrundgeräusche einfach heraus und nehmen einige Geräusche kaum bis gar nicht wahr. Davon können natürlich auch elterliche Anweisungen, Bitten sowie Mahnungen betroffen sein. Zwar ist die Hörfähigkeit an sich mit etwa sieben Jahren voll ausgebildet, allerdings noch lange nicht vergleichbar mit dem Hörsinn eines Erwachsenen.

Zum Glück liegt nur in wenigen Fällen ein Problem mit den kindlichen Ohren vor. Wenn ihr allerdings bei eurem Kind ein gesundheitliches Problem mit dem Gehör vermutet, solltet ihr auf alle Fälle den Kinderarzt oder einen Facharzt aufsuchen.

Dies sind häufige Gründe, warum Kinder ihre Eltern manchmal auf Durchzug stellen:

Machtkämpfe austragen: Gerade Kinder, die immer strikt die elterlichen Regeln befolgen müssen oder deren Bedürfnisse nicht ernst genommen werden, beginnen mit der Zeit damit, sich nichts mehr von den Eltern sagen lassen zu wollen. Eine Folge daraus kann sein, dass sich Machtkämpfe zwischen Kind und Eltern entwickeln.

Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Unter anderem an einem stressigen Tag kann es vorkommen, dass dem Kind zu wenig Aufmerksamkeit zuteilwird. Aus diesem Grund ziehen einige Kinder für sich die logische Konsequenz, den Aufforderungen der Eltern kein Gehör zu schenken, um so Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Fehlende Konsequenzen: Eltern drohen gelegentlich Strafen oder Konsequenzen an, wenn sich das Kind beispielsweise nicht anständig benommen hat. Werden diese letztendlich jedoch nur sehr selten oder gar nicht durchgeführt, nehmen Kinder die Warnungen nicht mehr ernst.

Unzufrieden mit sich selbst: Entwicklungsschübe, Frust im Kindergarten oder der Schule sowie belastende und außergewöhnliche Ereignisse können bei Kindern dafür sorgen, dass sie unzufrieden mit sich sind. Dies kann in Trotzattacken enden zu und Ungehorsam gegenüber Eltern führen.

Weitere Gründe können sein:

  • Euer Kind fühlt durch zu viele Regeln überfordert und ignoriert daraufhin eure Anweisungen.
  • Euer Kind ist schlicht und ergreifend in das Spielen vertieft.
  • Wenn euer Kind ein Träumer ist, wird es sich gedanklich oft in seiner eigenen Welt befinden und gar nicht bemerken, dass ihr was von ihm möchtet oder ihr mit ihm gesprochen habt.
  • Euer Kind fühlt sich ungerecht behandelt und lässt euch dies durch Ungehorsam und Bockigkeit spüren.

5 Tipps, wie ihr eure Kinder langfristig zum Zuhören bringen könnt

Die täglichen Diskussionen und Ermahnungen können wirklich ziemlich auf die Nerven gehen. Wenn euer Kind dann auch noch bockig oder stets anderer Meinung ist als ihr Eltern, werdet ihr täglich aufs Neue auf eine Geduldsprobe gestellt.

Damit ihr gar nicht erst laut werden oder eurem Kind eine Strafe oder ein Verbot androhen müsst, haben wir 5 hilfreiche Tipps für euch zusammengefasst:

Tipp 1: Kontaktbrücke bauen

Von irgendwo aus der Wohnung oder dem Haus eurem Kind Anweisungen zuzurufen, ist sinnlos. Ihr müsst als Eltern vor Ort und präsent sein. Begebt euch dafür in den gleichen Raum sowie auf die Augenhöhe eures Kindes und sprecht eure Bitte ruhig und deutlich aus. Wartet die Reaktion eures Kindes ab und beobachtet genau, ob es euer Anliegen verstanden hat.

Wichtig ist auch, dass ihr euch währenddessen ausschließlich auf euer Kind konzentriert und ihm eure volle Aufmerksamkeit widmet. Dieses merkt mit seinen sensiblen Antennen nämlich sofort, wenn ihr nicht ganz bei der Sache seid.

Tipp 2: Vermeidet nach jeder Aufforderung das Wörtchen „okay?“

Viele Eltern beenden unbewusst ihre Bitte mit der kleinen Endung „okay?“. Diese Rückversicherung wird allerdings nicht den gewünschten Effekt hervorbringen. Wenn ihr euer spielendes Kind auffordert sich bettfertig zu machen, indem ihr es bittet: „Zieh jetzt deinen Schlafanzug an und putze deine Zähne, okay?“ wird sich euer Kind natürlich denken, dass es nicht okay ist und in der logischen Konsequenz weiterspielen.

Das nett gemeinte „okay?“ ist also eine überflüssige Satzendung, die häufig das Gegenteil bewirkt. Formuliert eure Bitte mit Nachdruck und achtet zudem auf die Stimmlage. Das heißt: Eure Stimme sollte von oben nach unten geführt werden, damit sich das Gesagte nicht wie eine Frage anhört. Denn dadurch wird euer Kind denken, es kann sich für eine andere Möglichkeit entscheiden, nämlich jetzt noch nicht Zähne zu putzen und stattdessen lieber weiter zu spielen.

Hilfreicher sind Wörter zu Beginn eines Satzes, wie zum Beispiel „Wenn“ oder „Sobald“. „Wenn du jetzt dein Zimmer aufräumst, können wir später ein Eis essen.“

Tipp 3: Gebt klare Anweisungen

Es ist sehr wichtig, dass ihr eurem Kind eine klare Anweisung erteilt. Tobt es zum Beispiel wie wild im Wohnzimmer herum, während ihr euch als Paar oder mit einem Freund unterhalten wollt, hilft es nicht euer tobendes Kind zu bitten: „Liebling, könntest du etwas leiser sein, damit sich die Erwachsenen unterhalten können?“. Stattdessen klar und präzise: „Sei jetzt ruhig und beschäftige dich leise. Wir wollen uns unterhalten!“. So weiß euer Kind, was genau ihr von ihm verlangt und kann der Aufforderung nachkommen.

Ein weiteres Beispiel zur Veranschaulichung wäre, wenn ihr euer Kind zum Essen rufen wollt. Sagt ihm kurz und bündig, was ihr von ihm wollt: „Das Essen steht auf dem Tisch. Komm und setz dich an den Esstisch.“ So kommt es meist erst gar nicht zu einer Diskussion, ob das Essen nicht erst 10 Minuten später begonnen werden kann.

Tipp 4: Anreize schaffen

Kleine Anreize wirken bei Kindern oft Wunder. Zum Beispiel könnt ihr euer Kind besser zum Kinderzimmer aufräumen motivieren, wenn ihr kleine Anreize schafft. So könnt ihr beispielsweise in Aussicht stellen, dass ihr, nachdem das Zimmer aufgeräumt wurde, zusammen auf den Spielplatz geht oder gemeinsam ein Spiel spielt. So geht die elterliche Anweisung besser von der Hand, da euer Kind weiß, dass anschließend noch eine schöne Alternative wartet.

Tipp 5: Konsequenzen folgen lassen

So schwer es euch auch fallen mag, aber hin und wieder müsst ihr einfach durchgreifen und euren Worten Taten folgen lassen. Euer Kind wird schnell merken, dass es davon profitiert, wenn es mit euch kooperiert und ihr gemeinsam an einem Strang zieht.

Eine mögliche Androhung könnte sein: „Du räumst jetzt sofort dein Zimmer auf, ansonsten darfst du später nicht mit deinem Freund oder deiner Freundin zum Spielen nach draußen.“ Wird das Zimmer nach eurer angekündigten Konsequenz nicht vom Chaos beseitigt und euer Sprössling darf dennoch mit seinen Freunden spielen, wird er euch auch bei der nächsten Drohung nicht ernst nehmen.

Allerdings sollten die von euch angedrohten Konsequenzen realistisch und durchsetzbar sein. Dass ihr beispielsweise den Fernseher aus dem Fenster werfen wollt, wenn nicht ins Bett gegangen wird, erscheint für euer Kind unwahrscheinlich. Besser ist, ihr lasst eine realistische Konsequenz folgen, wie zum Beispiel, dass es dann eben keine Gute-Nacht-Geschichte mehr gibt, da zu viel Zeit vertrödelt wurde.

Weitere einfache Tricks, damit euer Kind besser auf euch hört:
Loben ist besser als schimpfen. In Situationen, in welchen sich euer Kind richtig verhält und auf euch hört, solltet ihr nicht mit einem Lob zurückhalten. Das spornt Kinder dazu an, das nächste Mal wieder artig zu sein und eurer Bitte nachzukommen.

Formuliert eure Bitte und Aufforderung nie als Frage. Euer Kind weiß nicht genau, wie es mit dem Gesagten umgehen soll und ihr vermittelt ihm, dass es eine Entscheidungsmöglichkeit gibt.
Klingt autoritär sowie bestimmt, bleibt aber dennoch freundlich!

Achtet darauf, stets kurze und klare Anweisungen zu geben.

Anstatt negative Formulierungen zu verwenden, solltet ihr eure Bitte positiv formulieren.

Während ihr eure Bitte äußert, solltet ihr euch konzentriert mit eurem Kind befassen und ihm auf Augenhöhe begegnen. Spult ihr stattdessen immer in genervtem Ton, stets die gleichen Wiederholungen ab, stoßt ihr höchstwahrscheinlich auf taube Ohren.

Motiviert euer Kind und sagt ihm, was es gut kann. Vor allem beim Hausaufgabenfrust ist dies oft hilfreich. Hier ein Beispiel: „Mit ein bisschen Übung bist du auch in Mathematik so gut, wie jetzt schon in Deutsch.“

Mein Kind hört nicht

© fotolia, contrastwerkstatt

Gerade, wenn Kinder mit etwa 18 Monaten anfangen vieles zu verstehen, hören sie plötzlich auf, auf Mama und Papa zu hören. Weshalb ist das so?

Wer die Hintergründe versteht, kann mit dem „Nichthören“ besser umgehen und sich öfter Gehör verschaffen.

Es hört sich seltsam an, aber Kinder setzen das „Nichthören“ als Mittel der Kommunikation ein. Die Gründe, die dahinter stecken, sind komplex. Sie resultieren teilweise aus den Entwicklungsschritten des Kindes, zum Beispiel der Trotzphase. Oder aber auch aus Fehlern in der Kommunikation zwischen Eltern und Kind. Ganz wichtig: Wer gehört werden will, muss bedenken, dass Kleinkinder noch gar nicht so viel verstehen. Auch wenn wir das aufgrund ihrer „cleveren“ Kommentare häufig denken.

1. Nichthören heißt Selbstwirkung spüren

  • Sturkopf auf Hochstuhl und Wickeltisch: Rund um den ersten Geburtstag werden die meisten Kinder bei zwei alltäglichen Gelegenheiten bockig: Beim Wickeln und beim Füttern. Wenn Kinder sich auf dem Wickeltisch winden und beim Breiessen alles daran setzen, dass der Karottenbrei möglichst großflächig verteilt wird, zerrt das an den Nerven aller Eltern. Dieses „Auf-der-Nase-herumtanzen“ zeigt jedoch den starken Willen Ihres Kindes und daraus resultiert wiederum ein starkes Selbstgefühl. Dabei ist es wichtig, dass dieser Wille nicht mit aller Gewalt gebrochen wird. Auch wenn es anstrengend ist: Eltern sollten auf dieses „Nichthören“ möglichst ruhig reagieren. Damit stärken sie das aufkeimende Selbst des Kindes und bestätigen es in seinem Vertrauen in Mutter und Vater.
  • Ein „Nein“ spornt an: Natürlich hören Eineinhalbjährige auf Erkundungstour das „Nein“ ihrer Eltern rein akustisch. Nur die Botschaft kommt bei ihnen nicht an. Sie stoppen also nicht ihre Handlung, sondern verstehen das Wort als Ansporn, um weiter zu machen. Auch wollen sie in ihrer „Selbstentfaltung“ die Reaktion der Eltern sehen. Im Idealfall unterstreichen Eltern ihre Worte mit einer deutlichen Gestik oder Mimik. So lernt das Kind, ein „Nein“ zu begreifen.

2. Nichthören heißt nicht verstehen

  • Vom Abstrakten zum Fassbaren: Wenn Eltern ihre Kinder von etwas abhalten wollen, dann benutzen sie häufig abstrakte Begriffe: Das sei „zu gefährlich“, „zu schwierig“ – oder: Du bist dafür noch „zu klein“. Besser ist es, ihnen Gefahren möglichst bildhaft zu erklären. Auch den Satz „Wir müssen gleich los“, verstehen Kinder nicht, weil er zu unkonkret ist. Stellen ihnen die Eltern hingegen eine Sanduhr hin, dann können sie sehen, wann die Zeit abgelaufen ist. Bis dahin können sie ihr Spiel zu Ende bringen.
  • Klare Botschaften statt offene Fragen: „Wollten wir nicht einkaufen gehen?“ Dieser Satz mag sich netter anhören als ein „Ich möchte jetzt mit dir einkaufen gehen.“ Der zweite Satz ist aber der bessere, weil er dem Kind eine klare Botschaft sendet. Mit dem ersten hingegen deutet man einen Handlungsspielraum an, der aber wahrscheinlich gar nicht gegeben ist. Gerade bei kleinen Kindern ist es auch wichtig, sich körperlich bemerkbar zu machen: sich dem Kind zuwenden, es ansehen, vielleicht sogar anfassen (aber nur, wenn es diese Berührung zulässt). Auch für den Augenkontakt gilt: das Kind nicht zwingen, einen anzusehen.

3. Nichthören heißt Achtung einfordern

  • Kinder wollen mitbestimmen: Der oben erwähnte Satz „Wollten wir nicht einkaufen gehen?“ macht hingegen Sinn, wenn die Frage wirklich als solche gestellt wird. Das Kind also sagen kann, dass es jetzt nicht möchte. Und dies wird dann von den Eltern akzeptiert. Kindern ist es wichtig, mitentscheiden zu können. Und sie spüren schon früh, ob sie wirklich Entscheidungsmacht bekommen oder ihnen das nur vorgespielt wird. Auch bei dem Aufstellen von Regeln sollten Kinder – so weit wie möglich – beteiligt werden.
  • Kinder wollen respektiert werden: Von Anfang an ist für Kinder das Gefühl, angenommen und geliebt zu werden, ganz wichtig. Und das auch – oder vor allem – in Situationen, in denen sie sich nicht richtig verhalten. Daher ist bei einer Auseinandersetzung über Grenzen und Regeln (dies betrifft ältere Kinder) immer wichtig, dass die Eltern in der Ich-Perspektive sprechen, ihre Gefühle und Wünsche formulieren, dabei aber nicht das Kind als Person angreifen. Sonst passiert es leicht, dass es nicht zuhört, weil es sich selbst vor der Kritik schützen will. Und: Wenn ein Kind nicht auf das hört, was die Eltern ihm sagen, kann es auch daran liegen, dass es die gesetzten Grenzen als zu strikt oder eng empfindet.

4. Nichthören heißt Verlässlichkeit einfordern

Wenn Eltern sich kein Gehör bei ihren Kindern verschaffen, dann wirken sie in ihren Grenzen und Regeln eventuell nicht verlässlich. Dann drohen sie vielleicht zu viel und erklären zu wenig. Und zeigen ihren Kindern nicht auf, wie diese an der Beseitigung von Störungen mitarbeiten können. Sobald Kinder dazu in der Lage sind, die Konsequenzen eines Handelns zu verstehen, sollten sie diese auch erklärt bekommen. Und zwar in einem ruhigen Ton. Grenzen setzen heißt nämlich nicht, übermäßig streng oder hart zu sein. Grenzen setzen heißt, dass ein Kind weiß, woran es ist.
In einer angespannten Situation ist es nicht immer einfach, ruhig und überlegt zu argumentieren. Damit Eltern dann nicht sprachlos dastehen oder schimpfen, hilft es, sich bereits vorher eine Strategie zu überlegen und mit dem Kind eine Vereinbarung zu treffen. Wenn es sich an die vereinbarte Regel nicht hält, folgt eine Konsequenz. Und diese muss dann auch unbedingt durchgezogen werden.

von Eva Becker

Zuletzt überarbeitet: März 2019

1. Gefühl von Wertlosigkeit

Drei mögliche Gründe warum unser Kind nicht hört:

Es gibt Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, für die anderen von weniger (oder gar keinem) Wert zu sein. Oft können, oder wollen, wir dies nicht in Worte fassen.

Statt dessen attackieren wir unsere Lieben, mit Worten wie:

  • “Ich bin hier ja nur noch die Putzfrau!”
  • “Nie hörst du mir zu, wenn ich auch mal etwas von dir möchte!”
  • “Du verstehst überhaupt nichts!”

Wenn wir uns als Eltern wertlos für andere Familienmitglieder fühlen, liegt oft es daran, dass das was wir tun, tatsächlich nicht besonders wertvoll ist. Weder für uns noch für die anderen. Ob wir es nun als “Erziehung”, “Rücksichtnahme” oder “Liebe” bezeichnen. Einzig und alleine zählt die Wirkung unserer Tat in der Familie.

Der Dominoeffekt

Eine Kettenreaktion wie sie im Buche steht. Wir Eltern fühlen uns wertlos für unsere Familie. Wir sprechen nicht über das “eigentliche”, sondern zeigen mit dem Finger auf unser Kind (oder unseren Partner).

In der Folge verliert unser Kind das Gefühl, für uns wertvoll zu sein und reagiert meist mit Aggression, anderen oder sich selbst gegenüber.

Für ein Kind ist es nahezu unerträglich, wenn es spürt, dass es für seine Eltern mehr Last als Freude ist.

STOPPEN wir diese Negativspirale, indem die Verantwortung für uns übernehmen, anstatt unserem Nächsten die Schuld zu geben. Wir steigen einfach aus der Opferrolle aus und sprechen mit unserem Kind über UNSERE Gedanken und Gefühle:

“Bis jetzt habe ich dein Zimmer jeden Tag aufgeräumt, weil mir Ordnung wichtig ist. Doch jetzt habe ich gemerkt, wie sehr mich das ärgert und anstrengt. Ich will das so nicht mehr haben. Du hast recht, es ist dein Zimmer. Deshalb werde ich damit aufhören, dich zu kritisieren wenn du nicht aufräumen magst. Einmal in der Woche will ich in deinem Zimmer staubsaugen. Ist es OK, wenn du an diesem Tag den Boden freiräumst?”

2. Kritische Bemerkungen

Wir verhindern selbst, dass unsere Grenzen respektiert werden, indem wir folgende Aussagen unserem Kind gegenüber machen:

“Zieh die Schuhe aus bevor du ins Haus kommst, wann lernst du das endlich!“

“Hör auf mit dem DVD-Player herumzuspielen, du machst nur ihn kaputt!”

“Ich will jetzt nach Hause gehen. Immer muss ich auf dich warten!”

“Haue deine kleiner Schwester nicht. Du tust ihr immer weh!“

Mit solchen kritischen Nachsätzen wie zum Beispiel “Wann lernst du das endlich!” können die Kinder unsere Wünsche nicht erfüllen, sie MÜSSEN geradezu ihre ganze Aufmerksamkeit auf unsere negative Erwartung leiten.

Dieser kritische Nachsatz löst in den Kindern folgenden Gedanken aus:

Einzig und alleine dieser Gedanke setzt sich in unseren Kindern fest, aber NICHT der Wunsch, unsere Grenzen zu respektieren.

Ja, du wirst jetzt bestimmt denken: “Mann, wenn du wüsstest, wie oft ich meinem Kind meine persönlichen Grenzen schon gesagt habe!”

Klar, es ist anstrengend es immer und immer wieder zu sagen. Doch wenn ich diese kritische Bemerkung hinterher schiebe, wie zum Beispiel “Immer muss ich dir alles tausend Mal sagen!” befinde ich mich in einem ewigen Teufelskreis!

“Je mehr die Kinder das Gefühl haben, nicht in Ordnung (wertlos) zu sein, desto weniger sind sie in der Lage, das “Richtige” zu tun. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.”

Aus dem Buch “Familienberatung – Worauf es ankommt, wie sie gelingt”

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder unsere Grenzen respektieren, sollten wir uns so kurz und so persönlich wie möglich ausdrücken und so die Verantwortung für den Inhalt unserer Botschaft übernehmen.

Kinder arbeiten gerne mit uns zusammen, sofern sie dabei nicht zu viel von sich selbst verlieren.

So bitten wir als Person, ernst genommen zu werden:

“Ich will, dass du die Schuhe ausziehst, ehe du rein kommst!”

“Ich will nicht, dass du mit dem DVD-Player spielst!”

“Ich will jetzt heim gehen, weil ich mich zuhause hinlegen mag!”

“Ich will nicht, dass du deine kleine Schwester verletzt!”

3. Allgemeine Aussagen

Dagegen scheitern wir, wenn wir “man” sagen und damit unsere Grenzen objektiv begründen.

  • “Man geht nicht mit schmutzigen Schuhen ist Haus!”,
  • “Man spielt nicht mit DVD-Playern!”
  • “Man hört auf seine Mutter”
  • “Man schlägt keine Menschen!”

Merkt ihr den gravierenden Unterschied?
So ist unsere Aussage unpersönlich und auch ein Stück abwertend.

In Beziehung mit dem Kind gehen

“Ich hab dir das schon tausend mal gesagt, und du kapierst es immer noch nicht!”

Diese Aussage, im kritischem, vorwurfsvollem Ton vorgetragen, ist unverantwortlich und kühl. Sie ist unverantwortlich – und ein wenig dumm -, weil der Erwachsenen, der ja die Hauptverantwortung für das Zusammenspiel und die Kultur der Familie trägt, das Kind dafür verantwortlich macht, ständig dasselbe zu sagen, obwohl er aus Erfahrung weiß, dass ihm dies nicht das verschafft, was er haben will. Sie ist kühl, weil sie kritisch und unpersönlich ist.”

Aus dem Buch “Familienberatung – Worauf es ankommt, wie sie gelingt”

Statt dessen könnte ich sagen:

“Ich will, dass du hörst was ich sage. Ich habe schon so oft versucht, dir das klar zu machen. Ich denke, es ist etwas nicht in Ordnung was oder wie ich es dir sage. Kannst du mir helfen, herauszufinden was ich dabei falsch mache?”

Unser Kind wird mit uns eher zusammenarbeiten, wenn wir mit ihm in Beziehung treten und wir jegliche kritische Aussagen weglassen.

Alles Liebe

Andrea

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Quellenangabe

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“Familienberatung: Worauf es ankommt, wie sie gelingt” von Jesper Juul

“Aus Erziehung wird Beziehung (HERDER spektrum)” von Jesper Juul

Im Buch geht es um unsere persönlichen Grenzen und unsere Verantwortung für die Atmosphäre in der Familie.

„Räum deine Sachen weg!“, „Mach deine Aufgabe!“ … Sie reden den ganzen Tag und Ihr Kind hört einfach nicht auf Sie?
So wie Ihnen geht es vielen Eltern. Ihr „Nein“ wird kaum gehört. Warum? Wir haben eine Kultur der „Nein-Bläschen“ installiert. Ein Beispiel: Ihr Kind spielt um 20 Uhr Computer. Sie sagen: „Schalte den Computer aus.“ Ihr Kind: „Nein.“ Sie: „Ausschalten!“ Ihr Kind: „Nein.“ So beginnt eine Diskussion, Sie greifen zum Computer und schalten aus. Ihr Kind schreit, Sie schreien zurück.

„Nein, nein, nein …“
Das, was Eltern so produzieren, sind „Nein-Bläschen“: Ihr Kind weiß, dass es bei den ersten fünf „Nein“, nicht reagieren muss. Dann folgt eine Auseinandersetzung. Hält es Sie in einer Diskussion, geschieht nichts. Denn so lange Sie diskutieren, tun Sie nichts.
So werden Sie hilflos, vor allem, wenn Sie sich zu Eskalationen hinreißen lassen und Ihnen Ihre Reaktionen dann Leid tun.
Stattdessen gilt es, einen „Nein-Anker“ zu setzen. Das ist ein Nein, das Gewicht hat.

Ruhig und konsequent sein
Dabei muss nicht sofort das passieren, was Sie wollen. Ein Nein-Anker wirkt beharrlich und über die Zeit. Das Wichtigste: Sie sagen kontrolliert „Nein“ und widerstehen der Versuchung auszurasten. Das gibt Ihrem Nein Gewicht. Den Nein-Anker sollte man nur bei wichtigen Dingen, maximal einmal pro Woche nutzen.
Wie etablieren Sie nun einen Nein-Anker? Am Beispiel des Computers: Wenn Ihr Kind den Computer nicht abschaltet, können Sie erst am nächsten Tag in ruhigem Ton sagen: „Wir, dein Vater und ich, haben die Sache mit dem Computer besprochen und beschlossen, dass das nicht so weitergeht. Wir werden uns deinem Computerspielen widersetzen und uns geeignete Schritte ausdenken.“
Wenn Ihr Kind den Computer nicht zum Vereinbarten Zeitpunkt abschaltet, können sie ihn für mehrere Tag sperren. Machen Sie dies offen, sagen Sie: „Heute ist der Computer gesperrt.“ Sie können auch das Modem entfernen und sagen: „Dein Vater hat es in die Arbeit mitgenommen.“

Das Kind einbinden
Das Kind wird möglicherweise rebellieren. Dann können Sie sagen: „Wir wissen, dass das eine Herausforderung ist. Du wirst Ideen haben, wie das zu lösen ist. Wir unterstützen dich gerne dabei.“
Das Kind merkt dann, dass Sie es ernst meinen und auch, dass Sie es, Ihr Kind, ernst nehmen.
Wenn Sie Nein-Anker sparsam, aber regelmäßig anwenden, bekommen auch Nein-Bläschen Gewicht. Weitere Tipps dazu lesen Sie rechts.

Sieben Tipps: So verschaffen Sie sich Autorität

1. Legen Sie für die Erziehug klare Rahmenbedingungen fest: Was passiert am Morgen, was am Abend?
Vertreten Sie dies klar und souverän. Bleiben Sie dabei.
2. Nicht jedes Nein muss sofort umgesetzt werden. Es ist gut, wenn es gelingt, wichtiger aber ist, dass Ihr Kind die Regeln kennt.
3. Wenn Sie Nein sagen, tun Sie es ruhig und überlegt und nicht mit vielen Worten. Ihr Kind soll merken, dass Sie es ernst meinen.
4. Organisieren Sie sich Unterstützung. Ein gemeinsames Nein ist stärker als ein einsames Nein.
5. Wenn Sie Verbote aussprechen, dann ruhig und überlegt. Im Affekt können Machtkämpfe entstehen.
6. Setzen Sie bei Problemlösungen auf Ihr Kind. Signalisieren Sie: „Komm mit deinen Ideen und wir finden eine Lösung.“ Vorschläge, die vom Kind kommen, können dauerhafter sein, als von Erwachsenen auferlegte Zwänge.
7. Behalten Sie stets die Beziehung zu Ihrem Kind im Auge und vermitteln Sie: „Du bist mir wichtig.“
DER EXPERTE
Dr. Philip Streit ist Psychologe, Psychotherapeut sowie Lebens- und Sozialberater. Er leitet das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz.
Jede Woche beantwortet er eine Frage zu Erziehung und Beziehung. Die Adresse dafür: [email protected]

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