Junge in mädchen kleidung

In einem unethischen Experiment wurde ein kastrierter Junge als Mädchen aufgezogen.

Im Jahre 1965 wurden Bruce und sein Bruder Brian Reimer als eineiige Zwillinge geboren. Sechs Monate nach der Entbindung stellten die Ärzte bei den beiden Säuglingen eine Vorhautverengung fest.

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Beim darauffolgenden Eingriff wurde anstatt eines Skalpells, wie sonst üblich, eine elektrische Nadel benutzt. Bruce‘ Penis verbrannte unwiderruflich und die Eltern sahen von einem Eingriff für Brian ab, dessen Geschlechtsteil mit der Zeit sogar von selbst heilte.

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Der Sexualwissenschaftler Dr. John Money überzeugte nach dem Malheur die Eltern der Zwillinge, bei Bruce eine geschlechtsverändernde Operation vornehmen zu lassen und ihn als Mädchen aufzuziehen. Sie willigten ein, weil sie fürchteten, dass ihr Sohn ohne Penis größere Schwierigkeiten haben würde.

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Daraufhin entfernte man seine Hoden und formte daraus rudimentäre Schamlippen. Aus Bruce wurde Brenda.

Dr. John Money vertrat die These, dass Menschen keine von Geburt an festgelegten geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen zeigen würden. Er sah einen Unterschied zwischen dem biologischen Geschlecht (auf Englisch „sex“) und dem sozialen Geschlecht (auf Englisch „gender“).

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Das soziale Geschlecht hängt seiner Ansicht nach nur von der Erziehung ab, was er mit dem Fall von Bruce und Brian beweisen wollte, die sich als eineiige Zwillinge perfekt für das Experiment eigneten. Daher wurde Bruce unter dem Namen Brenda als ein Mädchen erzogen.

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Entgegen den Behauptungen von Dr. John Money und trotz der Zuführung von Östrogen in der Pubertät hatte Bruce schwere Probleme mit seiner Existenz als Mädchen. In regelmäßigen Sitzungen mit Bruce und Brian griff der Sexualwissenschaftler zu drastischen Maßnahmen. Er zeigte den beiden Kindern Bilder von ausgewachsenen Geschlechtsteilen und ließ sie nackt sexuelle Posen miteinander einnehmen.

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Damit wollte er Bruce den (erzwungenen) Unterschied zu seinem Bruder verdeutlichen. Gehorchten sie nicht, wurde er laut. Aus Angst teilten die Zwillinge ihren Eltern nichts mit. Im Alter von 14 Jahren drohte Bruce jedoch mit Suizid, sollte er zu einer weiteren Sitzung mit Dr. Money gezwungen werden.

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Bruce und Brian erfuhren von ihren Eltern schließlich die Wahrheit. Bruce verspürte zunächst eine tiefe Erleichterung und nannte sich von da an David. Er ließ sich die Brüste entfernen, Testosteron injizieren und einen Penis aufbauen. Als Erwachsener heiratete er im Jahr 1990 eine Frau und adoptierte wegen seiner Zeugungsunfähigkeit deren Kinder.

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Nach einigen glücklichen Jahren holte ihn jedoch seine Vergangenheit ein. Dr. John Money wollte die „Therapie“ als Erfolg verkaufen, wogegen Bruce revoltierte. Die traumatischen Kindheitserfahrungen führten wohl zum Suizid seines Bruders Brian im Jahre 2002.

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Im folgenden Video (auf Englisch) sind weitere Informationen zu dieser Geschichte enthalten:

Und auch Bruce nahm sich nach dem Verlust seines Bruders und der Arbeit, der Trennung von seiner Frau und psychischen Problemen im Jahr 2004 das Leben. Er wurde nur 38 Jahre alt. Zwei Jahre später starb auch der Befürworter dieses umstrittenen Experiments mit zweifelhaftem Ausgang, der Wissenschaftler Dr. Money.

Geschlechterrollen: Ein aufschlussreiches Experiment

In einem Experiment untersucht die BBC, was passiert, wenn kleine Mädchen plötzlich Jungsklamotten und kleine Jungs plötzlich Mädchenklamotten anhaben. Das Ergebnis macht traurig.

Mit einem Experiment hat die BBC für Aufsehen gesorgt. Ihr Film, in dem verschiedene Testpersonen mit zwei Kleinkindern spielen, ist auf den ersten Blick gar nichts Besonderes: Ein kleines Junge und ein kleines Mädchen wird bespaßt: Die Betreuer bieten der „braven Kleinen“ allerhand Kuscheltiere und rosa Spielzeug an. Der Junge, ein typischer kleiner Rabauke, bekommt Roboter, Baukästen und Autos. Nach der Spielrunde kommt die Auflösung: Sophie ist in Wirklichkeit Edward und Oliver ist in Wahrheit Marnie. Es waren also nicht die Kinder, die sich automatisch Jungen- oder Mädchenspielzeug ausgesucht haben. Es waren die Betreuer der Kleinen, die – unterbewusst oder nicht – Jungsspielzeug für den angeblichen Jungen und Mädchenspielzeug für das angebliche Mädchen herausgesucht haben. Dabei war es egal, ob die Testpersonen weiblich oder männlich waren. Beide Geschlechter haben bestimmte Spielzeuge einem Mädchen beziehungsweise einem Jungen zugeordnet.

Spielen wir je nach Geschlecht anders mit Kindern?

Experiment: Räumliches Denken bei Mädchen wird nicht gefördert

Dies ist nicht nur limitierend für das Kind, das doch eigentlich spielen sollte mit was es möchte, es hat tiefergreifende Konsequenzen: Denn Spielsachen für Jungen und Mädchen unterscheiden sich nicht nur in Farbe und Muster, sondern auch in ihrer Funktionalität. Spielzeug für Jungen ist viel öfter so konstruiert, dass es die Kleinen zum Nachdenken anregt. Für Jungs gibt es in der Spielwarenabteilung Spielsachen, die räumliches Bewusstsein lehren und das Kind aktiv seine körperlichen Fähigkeiten testen lassen. Mädchen bekommen Puppen.

Studien zeigen: Wenn junge Kinder regelmäßig mit Spielzeug spielen, das ihnen räumliches Denken vermittelt, verändert sich ihr Gehirn in nur drei Monaten. Die BBC bringt dies zu der Überlegung, ob schon unsere Spielsachen dafür mitverantwortlich sind, in welchen Berufen wir später einmal landen. Sind Männer deswegen so präsent in technischen und körperlichen Berufen, weil sie schon von Kindheit auf in diese Richtung gelenkt werden? Werden Mädchen schon im Kindesalter auf „softe“ Berufe limitiert? Diese und andere Fragen erforscht die BBC in der Sendung „No More Boys and Girls: Can Our Kids Go Gender Free?“ zu dessen Auftakt das Video-Experiment veröffentlicht wurde.

Uns hat das Video auf jeden Fall schon einmal wachgerüttelt. Wie fasst eine der Testpersonen am Ende des Videos so schön zusammen: „Das nächste Mal, wenn ich auf Kinder aufpasse, zum Beispiel auf meine Nichten und Neffen, werde ich sicherstellen, dass ich fair und gerecht zu allen bin und jedem Kind die gleiche Chancen gebe, zu sein, wer und was es will.“

Kleine Jungs im Kleid: Na und? – Kinder und aufgezwungene Geschlechterollen

Eine gute Bekannte von mir hat einen fünf Jahre alten Sohn, der Kleider, Einhörner und Nagellack liebt. Außerdem hat er schulterlange Haare. Einfach, weil er es schön findet. Daran ist nichts auszusetzen. Nur, dass alle ständig denken, er sei ein Mädchen.

Meine jüngste Tochter trägt schon seit ihrer Geburt zwangsläufig gern Blau in allen Variationen. Weil ich ihr schon immer die Klamotten von ihren älteren Cousins angezogen habe. Dass sie deswegen ein Junge sein muss, war zumindest bis sie deutlich lange Haare hatte, für etwas 80 Prozent aller Menschen in Cafés, auf der Straße und im Supermarkt ganz klar. Auf die Frage „Wie alt ist der Kleine denn?“ antwortete ich irgendwann nur noch mit einer Zahl. Unnötig zu erklären, dass dieser Junge ein Mädchen ist. Rosa gleich Mädchen? Blau gleich Junge? Diese Rechnung habe ich noch nie verstanden

Muss man dunkelbraune Cordhosen tragen, weil man männlich ist?

Meine Bekannte mit dem kleiderliebenden Sohn ist ähnlich drauf. „Er mag das nun mal. Und er ist fünf. Muss er sich die ganze Zeit kloppen und dunkelbraune Cordhosen tragen, nur weil er männlich ist? Wir leben im Jahr 2018, ich möchte, dass er weiß, dass es nichts Schlimmes ist, dass er gerne Röcke mag“, sagte sie neulich zu mir. „Deswegen ist er noch lange kein Freak!“ Dass neulich jemand sie fragte, ob sie nicht Angst habe, er entwickle sich womöglich anders als andere, erzählte sie mir allerdings auch. Ihre Antwort darauf war wunderbar. „Hoffentlich“, sagte sie nur.

Eine Erzieherin lobte sie übrigens explizit, weil sie das alles zulasse. „Warum hängen wir gendertechnisch oft immer noch so in der Vergangenheit fest? Wovor haben die Leute eigentlich Angst?“, dachte ich nur. Dass ihre Vorurteile sich bestätigen? Dass der Junge vielleicht lieber ein Mädchen wäre? Na und? Wenn das zuträfe, könnte das „männliche Kleidung“ sicher nicht ändern. Und warum sollte es auch? Meiner Bekannten ist nur zu wünschen, dass sie so cool bleibt, wenn ihr Kleiner auch noch mit zehn im Kleid über den Schulhof flaniert. Und dass die anderen Kinder genauso tolle Eltern haben wie ihr Sohn. Die wissen, dass es nicht wichtig ist, was man so anhat und das auch erklären.

Mann. Frau. Beides? Mir doch egal!

Tatsächlich sollte jeder tragen, was er tragen möchte. Das gilt für 40-Jährige genauso wie für Vierjährige. Und ich benutze hier bewusst die neutrale Form. Mann. Frau. Beides? Mir doch egal. Warum beißen wir uns manchmal so an Klischees fest? Ich persönlich hatte lange eine Abneigung gegen Pailletten, Einhörner und Barbies. Ich habe zwei Mädchen und möchte ihnen diese Stereotype nicht vermitteln. Mal ganz abgesehen davon, dass ich schlichte und eben auch mal blaue und grüne Kleidung bei kleinen Mädchen schöner finde als immer nur grelles Pink mit glitzernden Herzen drauf – so wie es in den meisten Kinderabteilungen leider angeboten wird. Tatsächlich haben Mädchen es aber in dieser einen Hinsicht mal etwas leichter (ich glaube, das haben sie sonst langfristig oft nicht!). Eine Fünfjährige, die kurze Haare hat und auf Bäume klettert, wird in der Regel für cooler gehalten als ein Gleichaltriger, der im roséfarbenen Tutu rumläuft. Da muss man sich nichts vormachen.

Sie wird schon keine Tussi, weil sie mal Pailletten trägt

Nun ist meine große Tochter wirklich kein Tomboy. Sie hat so garnichts, das man als typisch männlich bezeichnen würde, bewegt sich wie eine Ballerina, liebt alles, was mit Glitzer und Pferden zu tun hat. Neben Rosa ist ihre Lieblingsfarbe Rot. Fand ich lange gewöhnungsbedürftig, weil ich ganz anders war. Eben eine, die sich gerne geprügelt hat und kurze Haare viel besser fand als einen Zopf. Aber dann dachte ich eines Tages, dass man es zwar nicht übertreiben muss, aber sie schon nicht nur deswegen eine schlimme Tussi werden wird, weil ich ihr mal einen Paillettenpulli kaufe. Und selbst wenn.

Sie bekam also ihren Wende-Paillettenpullover und auch das Stoffeinhorn. Einem Jungen würde ich einen bunten Rock und eine Puppe ja schließlich auch nicht verbieten. Tatsächlich ist sie so glücklich über ihre Paillettenoberteile, dass ich mich frage, warum wir diesen Spaß den Jungs verweigern sollen. Am Ende ist es doch völlig egal, was Kinder anziehen, womit sie spielen, welche ihre Lieblingsfarbe ist. Hauptsache sie sind gesund und glücklich. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof, da sollten wenigstens Kinder mit glitzernden Ponys und Shirts ihren Spaß haben, solange sie das können. Egal, ob sie Jungs oder Mädchen sind.

Über Jungs, die Kleider tragen

erschienen am 20.03.19

Mein Sohn wird im Sommer fünf Jahre alt. Seit einiger Zeit trägt er sehr gerne Kleider. Ich möchte hier von den Reaktionen aus dem Umfeld und meinen Gedanken dazu berichten.

Zunächst einmal musste ich mich selbst erst an den Gedanken gewöhnen, dass mein Sohn ein Kleid tragen möchte. Als er das zum ersten mal geäußert hatte, war er noch keine vier Jahre alt, wenn ich mich richtig erinnere. Ich habe mich innerlich ziemlich dagegen gesperrt. Zu groß waren die Ängste, er könnte ausgelacht und beschimpft werden. Zu groß waren die Sätze wie „Jungs tragen doch keine Kleider, das macht man nicht.“

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Wovor ich nie Angst hatte, dass es irgendwas mit „Schwulsein“ oder so zu tun haben könnte. Das ist mir egal. Nein, falsch ausgedrückt. Es ist mir nicht egal, gleichzeitig kann mein Sohn seine eigenen Entscheidungen treffen. Außerdem hat beides auch wenig miteinander zu tun, auch wenn so mancher das vielleicht behaupten möchte.

Ich musste feststellen, dass meine eigenen Ängste ihn hinderten eigene Erfahrungen zu machen und sich selbst auszuleben. Aber halt, dachte ich mir, das möchte ich doch gar nicht. Ich kann ihn nicht vor „Fehlern“ bewahren (und wer weiß, ob das überhaupt einer ist), ich kann nur für ihn da sein, wenn er mich braucht. Loslassen Schritt für Schritt. Er kann seine eigenen Entscheidungen treffen. Nachdem ich mich dann also vor einer Entscheidung gedrückt hatte und mich auch erfolgreich davor verweigert hatte, mich meinen eigenen Ängsten zu stellen, bot ich ihm schließlich doch an, einfach ein Top von mir als Kleid anzuziehen.

Als er also zum ersten mal mit seinem Topkleid in den Kindergarten ging, war ich zugegebenermaßen sehr nervös. Ich hatte das Gefühl ihn nicht beschützen zu können. Und das stimmt auch. Ich kann ihn nicht immer und überall beschützen. Das will ich auch nicht. Ich möchte, dass mein Sohn irgendwann reflektierte Entscheidungen treffen kann und dafür im Anschluss selbst die Verantwortung übernimmt. Wie kann er das lernen, wenn ich ihn nicht einmal entscheiden lasse, was er anziehen möchte. Du siehst, das Thema hat mich ziemlich beschäftigt…

Jedenfalls kamen im Kindergarten insgesamt relativ wenige Reaktionen. Für einige Kinder war es überhaupt nichts Besonderes. Sie äußerten sich gar nicht und es schien ihnen nicht einmal aufzufallen. Andere Kinder, vor allem Mädchen sagten, dass das Kleid sehr schick sei. Nur ein Junge äußerte, dass er ja aussehen würde wie ein Mädchen. Doch meinen Sohn störte die Aussage nicht. Er sagt lediglich: „Na, und?“ Und damit hatte sich die Sache erledigt.

Mittlerweile geht mein Sohn recht regelmäßig mit seinem Kleid zum Kindergarten. Einfach, weil es ihm gefällt. Er sagt, er macht sich schick, wenn er mit Strumpfhose und Kleid zum Kindergarten geht. Das stimmt ja auch. Leider wird das bei Jungs häufig anders gesehen.

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Doch es ist noch gar nicht viel Zeit vergangen seit Mädchen und Frauen Hosen tragen. Da würde allerdings niemand mehr etwas sagen. Es ist Normalität geworden. Sind Kleidungsstücke und Farben denn nicht auch einfach für alle da? Warum muss so etwas Banales irgendwelchen Geschlechtern und veralteten Rollenbildern zugeordnet werden?

Wenn wir älter werden und unsere Kinder zunehmend größer, setzen wir uns früher oder später mit dem Thema auseinander, was wir unseren Kndern gerne mitgeben möchten für ihr Leben. Wir machen uns Gedanken darüber, was wir uns für unsere Kinder wünschen und welche Eigenschaften uns wichtig sind. Vielen Eltern, so auch uns, fällt dann Toleranz ein. Ich wünsche mir, dass meine Kinder offen, tolerant und respektvoll mit anderen Menschen, Tieren und der Natur umgehen. Ich wünsche mir, dass sie Unterschiede nicht als negativ betrachten, sondern als Chance zum Lernen und zum Wachsen.

Doch wie kann ich Toleranz lernen und zeigen, wenn mein Sohn nicht anziehen darf, was er möchte? Wie kann er Toleranz lernen, wenn ich ihn für seine Wünsche verurteile?

So waren die Reaktionen der Kinder auf das Tragen des Kleides nur eine Sache. Da musste ich feststellen, dass Kinder in vielerlei Hinsicht sehr viel offener und vorurteilsfreier sind, als wir Erwachsene. Ein Junge hat bspw. gesagt, dass er das pinke Einhornkostüm meines Sohnes an Fasching total cool fände. Die Erzieher/innen und Eltern warenn da schon ganz anders. Von der Seite kamen aussagen wie „Wenn er sich zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt, kann man da ja eh nichts machen.“ oder „Ach, er wollte sich mal wieder verkleiden?“ oder auch „Warum zieht er ein Kleid an? Er ist doch ein Junge.“.

Das finde ich dann schon ziemlich anstrengend. Meinen Sohn scheint es hingegen überhaupt nicht zu stören. Ich glaube, ich kann viel von ihm lernen!

Zu den Aussagen: Was hat das Anziehen eines Kleides mit dem Hingezogen fühlen zum anderen Geschlecht zu tun? Nein, er verkleidet sich nicht als Mädchen. Er zieht einfach nur gerne ein Kleid an. Und ja, auch Jungs dürfen Kleider tragen. Es nervt mich. Wirklich. Ich versuche es nicht an mich ranzulassen. Es einfach zu ignorieren. Aber es gelingt mir nicht. Es zermürbt mich, wie viel geurteilt wird. Allein bei so etwas Banalem wie der Wahl des Kleidungsstücks.

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Ich wollte meinen Sohn beschützen und ihm eine Entscheidung abnehmen. Jetzt bin ich froh, dass ich es irgendwann nicht mehr getan habe. Ich bin froh, dass er seine ganz eigenen Erfahrungen sammeln kann. Ja, es waren hauptsächlich positive Reaktionen. Wenn er Schwierigkeiten gehabt hätte oder es ihm nicht gut gehen würde, wäre ich natürlich für ihn da und würde ihn unterstützen, soweit er es sich wünscht. Ich bin glücklich, dass ich meine Ängste ablegen konnte, die ihn eingeschränkt haben. Dieser Prozess hat mir wieder einmal gezeigt, was für ein starkes Kind ich doch habe und ich konnte viel daraus lernen.

Das gleiche gilt übrigens auch für lange Haare, Zöpfe und Schmuck. Eigentlich gilt es für alles, was vermeintlich irgendwelchen Geschlechter- oder Rollenbildern zugeschrieben wird.

Kampf am Kleiderschrank: Mädchen ticken anders als Jungs

Die Frage nach der richtigen Klamotten kann schon ab zwei Jahren zu wilden Diskussionen führen. Wir erklären, warum Mädchen auf Rosa und Rüschen fliegen und Jungs eher anspruchslos sind.

Es gibt sogar ein Wort dafür: „Prinzessinnenphase“. Spätestens im Kindergarten geht es los. Oft sogar schon früher. Kinder, die einst alles anzogen, was man ihnen hinlegte, fangen plötzlich an, vor dem Kleiderschrank zu diskutieren. Alle Kinder? Nein. Die meisten Eltern, die sich frühmorgens einer Debatte über Sommerkleidung bei 8 Grad Außentemperatur oder dem Modestatement „Blumenpulli, Streifenhose und Gummistiefel“ stellen müssen, haben Töchter.

Dabei verteidigt nicht nur die Rüschen-Fraktion ihr Recht auf freie Kleiderwahl. Aber auch sogenannte Hosenmädchen, die sich weigern, einen Rock auch nur anzusehen, sind oft eigen, was ihre Garderobe betrifft. Und die Jungseltern? Lehnen sich entspannt zurück. Von Dramen vor dem Kleiderschrank berichtet kaum jemand.

Mode bedeutet für Mädchen Bestätigung

Schon sehr kleine Kinder merken genau, wenn sie ihren Eltern gefallen. „Die Rückmeldung ,Was siehst du wieder niedlich aus‘ ist eine wunderbare Bestätigung, die Mädchen viel öfter zu hören bekommen als Jungs“, sagt Diplom-Psychologin Angelika Faas. Daher dürften sich die Eltern nicht wundern, wenn Jungs in Modefragen eher gelassen bleiben, während Mädchen sich gerne schön machen wollen und es dabei oft übertreiben.
Dazu kommt, dass Kinder zwischen zwei und vier Jahren eh gerne ausprobieren, wie weit sie mit ihrem Willen kommen. Alles in allem eine recht explosive Mischung. Die meisten Mädchenmütter geben es bald auf ihren Töchtern bei der Kleiderwahl reinzureden. „Solange es zum Wetter passt, darf sie anziehen, was sie will“, sagen die meisten. Und haben damit die richtige Einstellung, sagt Angelika Faas, die zur Gelassenheit rät. Denn bei dem morgendlichen Mode-Gerangel geht es um viel mehr als nur die Frage „Kleid oder Hose“.

Die Genderfrage

Viele Mädchen erkennen schon sehr früh, dass die Aufteilung in die Kategorien „Mann“ und „Frau“ eines der mächtigsten Ordnungsprinzipien der Welt ist. „In dieser Ordnung wollen sie ihren Platz finden“, sagt Diplom-Psychologin Renate Niesel. Doch das ist gar nicht mehr so leicht, seit die Geschlechterrollen nicht mehr so deutlich aufgeteilt sind wie früher. In den meisten Familien wird – zum Glück – kaum noch ein Unterschied gemacht zwischen dem, was kleine Jungs dürfen, und dem, was kleine Mädchen dürfen. Wenn sie es wollen, können Jungs ebenso selbstverständlich mit Puppenküchen spielen wie Mädchen mit Matchbox-Autos.

Kleinkind

Hilfe, Prinzessinnen-Phase!

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Kinder brauchen aber deutlich sichtbare Strukturen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Wie ein Korsett stützen dabei die Geschlechterklischees die kleinen Persönlichkeiten, bis sie sich in ihren Rollen sicher fühlen. Wie zeigt man also, dass man weiß, was ein „richtiges“ Mädchen ist? Klar, mit der Kleidung. „Je eindeutiger die Signale, desto mehr Sicherheit geben sie“, so Niesel. Also: Kleid statt Jeans, Pink statt Blau. Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass Mama nur in Jeans und Pulli herumläuft. Denn ihr Bild, wie ein richtiges Mädchen und wie ein richtiger Junge zu sein hat, holen sich Zwei- und Dreijährige nicht nur im Elternhaus. Fast noch wichtiger sind andere Kinder, die sie in Spielgruppen und im Kindergarten treffen, vor allem die älteren. Dazu kommen Werbung, Fernsehen, die Äußerungen Erwachsener. „Kinder wollen dazugehören“, sagt Angelika Faas. „Sie bekommen schnell mit, was die anderen gut finden, und passen sich an.“

Jungsfarben, Mädchenfarben

Findet ein Mädchen die rosa Puppenspielfraktion im Kindergarten besonders toll, wird sie sich bald auch rosa Sachen wünschen. Und wenn ein Mädchen in seiner Spielgruppe das einzige Mädchen ist, braucht man sich nicht über seine Vorliebe für Fußballshirts wundern. Für die meisten Kinder zwischen zwei und fünf ist die Modewelt klar nach Geschlechtern aufgeteilt. Schon Zweijährige identifizieren Rosa, Rot und Lila als „Mädchenfarben“ und Grün, Blau oder Braun als „Jungsfarben“, schreibt Susan Gilbert.
Über die Farbentrennung wird in vielen Kindergärten streng gewacht. Da kommt es schon vor, dass ein Junge, der in roten Cordhosen erscheint, von den anderen geneckt wird. Überhaupt sind die Farben der einzige Punkt, an dem Jungseltern mit Protest rechnen können. Rosa Socken oder lilafarbene Pullover mit Blümchen gehen gar nicht, finden die meisten.

Was fasziniert so viele Mädchen an Kleidern?

Dass sie ein Mädchen-Privileg sind. Etwas, das sie tragen dürfen, Jungs aber nicht. Das ergab eine Blitzumfrage in vier Berliner Kitas. „Jungs im Kleid? Da müssen wir aber lachen“, tönten die etwa 50 befragten 3 bis 4 Jahre alten Kinder einstimmig. Repräsentativ ist so eine informelle Umfrage natürlich nicht, aber mit dieser Reaktion liegen die Kinder in unserer Gesellschaft gar nicht so verkehrt. „Wenn ein Mädchen gerne Hosen trägt und auf Bäume klettert, denkt sich niemand mehr etwas dabei“, sagt der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge. „Aber wenn ein Junge beharrlich Rüschenkleider verlangt, sitzt seine Mutter bald in meiner Sprechstunde und fragt mich, was sie falsch gemacht hat.“ Die alten Rollenmuster sitzen eben doch noch tief in uns drin. Auch wenn wir das gar nicht wollen. Fair ist das nicht. Das war sogar den befragten Kindergarten-Mädchen klar. Die sind sich nämlich sicher, dass Jungs ganz schön arm dran sind. „Fazit war: ‚Immer blau und dunkel, nie bunt und Blümchen – wie langweilig’“, berichten die Erzieherinnen. „Die meisten sind sehr froh, dass sie Mädchen sind.“ Die Zeiten, in denen ein Jungsleben als viel spannender galt, dürften endgültig vorbei sein.

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