In der kindheit keine mutterliebe und die späteren folgen

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Als Kind nicht geliebt? Diese Probleme sprechen dafür

Es ist ja so: Wir sind alle unterschiedlich und werden von soooo vielen Faktoren und Einflüssen geprägt, dass niemand unser Verhalten jemals mit Sicherheit vorhersagen oder erklären könnte. Aber in einem Punkt ticken wir alle gleich: Wir brauchen Liebe und Wertschätzung, und zwar besonders als Kinder. Denn wer sich schon als Kind nicht geliebt fühlt, tut sich oft ein Leben lang schwer damit, sich selbst wertzuschätzen. Und das macht sich dann bei den betroffenen Menschen häufig auf ähnliche Weise bemerkbar:

1. Sie tun sich schwer damit, Grenzen zu setzen.

Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl tun sich oft sehr schwer damit, „Nein“ zu sagen und deutlich zu machen, dass sie etwas quält, sie etwas nicht möchten oder nicht können.

2. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie an sich selbst denken.

Auf der anderen Seite bekommen sie sofort ein schlechtes Gewissen, wenn sich ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen melden. Meistens lassen sie anderen den Vortritt und stecken selbst zurück.

3. Sie haben Schwierigkeiten, sich zu öffnen.

Sie lassen sich kaum in die Karten schauen, geschweige denn in die Seele. Kommt man ihnen zu nahe, ziehen sie sich tendenziell noch mehr zurück – denn dass sich jemand für sie interessiert, macht sie grundsätzlich misstrauisch.

4. Sie sind sehr ängstlich.

Eine falsche Entscheidung, eine peinliche Frage, öffentliche Verkehrsmittel – Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl haben vor vielen Dingen unverhältnismäßig große Angst. Auch Beziehungsangst ist nicht untypisch. Und wenn sie nichts dagegen tun, wird es tendenziell mit der Zeit eher schlimmer …

5. Sie haben Probleme, anderen zu vertrauen.

Warum sollten andere ihnen Gutes wollen? Wer sich selbst nicht liebt, geht davon aus, dass andere es auch nicht tun.

6. Sie haben große Angst vor Zurückweisung.

Auf andere zugehen? Bloß nicht! Das führt ja doch nur zu Ablehnung und die wiederum zu Enttäuschung. Wer als Kind nicht genug Liebe und Zuneigung erfahren hat, dem fehlt meistens als Erwachsener der Mut, auf andere zuzugehen.

7. Sie fühlen sich einsam und isoliert.

Es gibt niemandem, dem sie wichtig sind, am Herzen liegen oder sich anvertrauen könnten – so glauben sie!

8. Sie haben einen Hang zu ungesunden Beziehungen.

Auch wenn sie von ihrem Partner schlecht behandelt werden und die Beziehung ihnen nicht gut tut, halten Menschen mit geringem Selbstwertgefühl oft daran fest – weil sie selbst nicht daran glauben, etwas Besseres verdient zu haben.

Was passiert, wenn wir als Kinder nicht geliebt wurden?

Die Liebe ist die Lebensenergie, die die Welt bewegt. Wir alle wurden geboren, um Liebe zu geben und zu empfangen. Aber, was passiert, wenn wir als Kinder nicht geliebt wurden? Wie es scheint, ist das der Ursprung vieler Verhaltensstörungen.

Wenn wir geboren werden, sollten wir denSchutz und die Sicherheit erfahren, die nur die Liebe unserer Mutter uns bieten kann. Leider ist das nicht immer so. Und das hat schlimme Folgen.

Diese können noch Jahre später durch unser Verhalten oder auch durch unsere Beziehungen zu anderen Menschen zum Vorschein kommen.

Daher möchten wir dir in diesem Artikel verraten, was passiert, wenn wir als Kinder nicht geliebt wurden.

Folgen, wenn wir als Kinder nicht geliebt werden

Wenn wir als Kinder nicht geliebt wurden, kann das unvorstellbare Folgen für unser Leben als Erwachsene haben.

1. Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden Anderer und Apathie

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer ist eine der Folgen von fehlender Liebe in der Kindheit.

Menschen, denen es in ihren ersten Lebensjahrenan Liebe mangelt, zeigen oft schon bald Auffälligkeiten. Sie haben Schwierigkeiten damit, Empathie für die Gefühle anderer zu entwickeln.

Menschen, die in ihrer Kindheit nicht geliebt wurden, zeichnen sich durch ein apathisches Verhalten aus, das oft ihre Beziehungen beeinträchtigt.

Manche ihrer Probleme gehen zweifellos auf ein ausgeprägtes Desinteresse und Apathie gegenüber den Gefühlen anderer zurück.

Erwachsene, die als Kinder nicht geliebt wurden oder aus irgendeinem Grund keine mütterliche Zuneigung bekommen haben, entwickeln sich häufig zu Erwachsenen, die dem Leid anderer gleichgültig gegenüberstehen.

Außerdem fällt es ihnen schwer, Gefühle auszudrücken, weswegen sie sie meist unterdrücken.

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2. Probleme, Beziehungen einzugehen und Gefühle auszudrücken

Mangelnde Liebe in der Kindheit ist der Beginn einer Reihe von zukünftigen Problemen.

  • Wenn ein Mensch nie mütterliche oder väterliche Liebe erfahren hat, wird es ihm schwer fallen, später seine eigenen Kinder zu lieben.
  • Die Liebe in der Kindheit ist der Motor, der dazu führt, dass Menschen treuund authentisch sind.

Die altruistischen Fähigkeiten, die Menschen beim Heranwachsen entwickeln müssen, sind das Ergebnis der Liebe, die wir in der ersten Phase unseres Lebens erhalten haben.

Die Mutterliebe ist ein ursprünglicher Instinkt unseres Menschseins und repräsentiert außerdem die Universalität sowie Frieden und Zusammenhalt unter den Mitmenschen.

Wenn wir in unseren ersten Lebensjahren keine Mutterliebe erhalten, können wir keine Empathieentwickeln.

Es ist nicht abzustreiten, dass jedes unbefriedigte Bedürfnis, das wir in unserer Kindheit erleben, sich in unserem Verhaltenals Erwachsene widerspiegelt. Aus diesem Grund sieht man oft Menschen, die einen Groll hegen oder nicht in der Lage sind, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Wenn Menschen als Kinder keine Liebe erfahren haben, warten sie als Erwachsene unbewusst immer noch darauf, dass dieses Bedürfnis befriedigt wird. Dieser Zustand hat Auswirkungen auf das Verhalten sowie auf die Fähigkeit zu lieben und Liebe zum Ausdruck zu bringen.

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Warum es wichtig ist, Kindern zu zeigen, dass man sie liebt

Die Liebegegenüber unseren Kindern zum Ausdruck zu bringen ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Die Vermenschlichung baut auf die Liebe in der Kindheit auf.

Wenn die Eltern ihrem Kind gegenüber keine Liebe zum Ausdruck bringen, wächst es mit einer emotionalen Leere auf. Diese spiegelt sich in der Zukunft oft in einem aggressiven Verhalten wider, da sich das Kind an seine Umgebung ohne Zuneigung angepasst hat.

Fehlende Liebe in den ersten Lebensjahren kann weitreichende Folgen haben. Die Entwicklung von Generationen, denen es an liebevoller Zuwendung mangelt, ist eine tödliche Waffe für die Zukunft der Menschheit.

Das Problem ist, dass trotz der schlimmen Folgen, immer noch viele Kinder mit einer großen emotionalen Leere aufwachsen.

Die Liebe, die wir in unseren ersten Lebensjahren erfahren, hat eine unvorstellbare Macht über die Entwicklung altruistischer Fähigkeiten, Liebe und Empathie.

Wenn wir verhindern wollen, dass unser Kinder unter diesen Problemen leiden und für ihr ganzes Leben gebrandmarkt sind,müssen wir ihnen die Zuwendung geben, die sie brauchen und verdienen.

Fehlende Mutterliebe: Habe ich versagt?

Eine Mutter, die ihr Kind nicht liebt, das hört sich für uns falsch an. Doch fehlende Mutterliebe ist vielmehr ein Warnsignal des Körpers. Wir sind mit den Beraterinnen Ulrike Wecker und Susanne Großkopf von der Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V. auf Ursachenforschung gegangen.

Es war ihr absolutes Wunschkind. Die Schwangerschaft verlief problemlos. Ihre Geburt war so, wie sie es sich immer vorgestellt hatte: zu Hause, in der eigenen Badewanne. So war es viel ruhiger, intimer. Dann war das Baby da. Es war gesund und wunderhübsch. Aber sie empfand nichts. Sie fühlte. Sie fühlte sogar viel. Aber sie fühlte in diesem Moment keine Liebe für ihr eigenes Kind. Ulrike Wecker erzählt von einer ihrer Klientinnen. Wecker arbeitet für die Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V. in München und betreut Frauen in psychischen Krisen während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Geschichten wie diese seien kein Einzelfall, davon könne sie viele erzählen, erklärt Wecker.

Die Mutterliebe gilt als die stärkste, als die reinste Liebe von allen. Und wir erwarten, dass sie wie ein Zauber über uns herabkommt, sobald wir das Baby zum ersten Mal in den Händen halten. Sie ist einfach da, ohne dass wir dafür etwas tun müssen. Das zumindest ist die romantische Vorstellung. Stellen sich diese Gefühle aber nicht automatisch ein, so sind wir über die Maßen verunsichert. Was stimmt mit mir nicht? „Den meisten hilft schon sehr, wenn wir Verständnis zeigen. Wenn wir ihnen erklären können, woher ihre Gefühle kommen“, sagt die Pädagogin Susanne Großkopf. Auch sie arbeitet bei Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V und betreut als Pädagogin vorwiegend Familien. Großkopf und Wecker arbeiten Tür an Tür und eng zusammen.

Fehlende Mutterliebe: Wie kann das passieren?

Mütter, die ihre Kinder nicht lieben. Das klingt für uns falsch, ja vielleicht sogar grausam. Angeregt durch jene Schlagzeilen von Müttern, die ihre Kinder misshandeln oder sogar töten, kreieren wir uns ein Bild von solchen Frauen. Doch die Beraterinnen warnen davor, diese Vergleiche zu ziehen. Solche Fälle sind traurige Extrembeispiele. „Meistens leiden diese Frauen unter ernsthaften Persönlichkeitsstörungen oder anderen psychischen Krankheiten“, erklärt Wecker und unterstreicht mit imaginärem Rotstift noch einmal, dass das seltene Ausnahmen sind. Keine der Frauen, die zu ihr kommt, wäre dazu in der Lage.
Im Gegenteil: Wecker und Großkopf betonen mit Nachdruck, dass Frauen, die bei ihnen Hilfe suchen, keine schlechten Mütter sind. Sie erleben ihre Patientinnen meist als sehr fürsorglich und durchaus zur Liebe fähig. Doch noch mehr spüren sie, wie verletzlich, überfordert und regelrecht verzweifelt die Frauen sind. Sie fühlen sich schuldig, als Mutter und Frau versagt zu haben, gehen dabei hart mit sich selbst ins Gericht. Und diese Last alleine zu schultern, kann einen in die Knie zwingen. Dieser Druck müsse weg, sagt Großkopf. „Es ist nicht so, dass da gar keine Liebe ist. Nur haben die Mütter Probleme diese zu empfinden, weil ihre momentane Gefühlslage das nicht zulässt. Das innere Alarmsystem schreit so laut, dass es alles andere übertönt“, so die Pädagogin weiter.

Geraten wir an unsere psychischen und physischen Grenzen, schaltet unser Körper auf den Überlebensmodus. Jetzt zähle nur ich. Die Tatsache, dass es da ein hilfloses Baby gibt, ändert an diesem Selbsterhaltungstrieb nichts. Die Gründe für dieses seelische Not-Aus können dabei sehr verschieden sein und weit in die eigene Kindheit reichen. Bei manchen Frauen ist das Geburtserlebnis selbst der Auslöser. Wenn z. B. die Geburt als nicht selbstbestimmt erlebt wird und sie keine emotionale Unterstützung erföhrt, kann es passieren, dass sich werdende Mütter während der Entbindung gefühlsmäßig von dem distanzieren, was da gerade vor sich geht – quasi als eine Art Überlebensstrategie. Das kann dann allerdings auch das Bonding negativ beeinflussen und die Mutter-Kind-Beziehung nachhaltig belasten.

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Burnout: Wenn Mama einfach nicht mehr kann

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Ähnliches gilt für Mütter, die erleben mussten, wie ihre Kinder, kaum auf der Welt, schon um ihr Überleben kämpfen mussten. Auch hier ist die Abkehr von den eigenen Gefühlen eine Art Selbstschutz. Wieder andere Frauen zerbrechen an ihren eigenen Erwartungen, die vollkommene Mutter sein zu wollen, die alles im Griff hat. Die Enttäuschung über sein vermeindliches Versagen gepaart mit völliger Erschöpfung, können Menschen an die Grenzen des Ertragbaren bringen. Der schreiende Wonneproppen ist dann nur ein zusätzlicher Stressfaktor, von dem es sich fernzuhalten gilt. Dass daraus eine gewisse Gefühlsarmut entsteht, ist die Konsequenz.

Mutterliebe beginnt bei sich selbst

Doch gerade das verursacht einen emotionalen Zwiespalt. Dem Überlebensdrang zu folgen, fühlt sich richtig aber doch so falsch an. Großkopf: „Wir versuchen den Frauen zu vermitteln, dass es in Ordnung und auch wichtig ist, sich um sich selbst zu kümmern, auch wenn man ein kleines Baby hat.“ Dazu gehöre es auch, zu akzeptieren, nicht alles alleine schaffen zu müssen. „Wir setzen uns selbst permanent unter Druck, weil wir diese wahnsinnig tolle Mutter sein wollen, die auch sexy Partnerin, gute Hausfrau und Karrierefrau ist – was für eine Überforderung!“, betont Großkopf „dabei bin ich davon überzeugt, ‚um ein Kind zu erziehen braucht es ein ganzes Dorf‘ – was früher ja sogar irgendwie zutreffend war.“ Hilfe anzunehmen hat also absolut nichts mit Versagen zu tun. Auch wenn wir uns das gerne einreden. Hilfe anzunehmen heißt vielmehr, Verantwortung für seine Familie zu übernehmen. Und vor allem heißt es, wieder Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Denn Mutterliebe beginnt bei sich selbst.

„Der erste Schritt ist, mit sich selbst wieder in Einklang zu kommen. Und erst wenn ich mit mir selbst in Kontakt bin, dann kann ich meinem Kind wieder Sicherheit geben und in ein Rebonding übergehen“, fasst Großkopf die Ziele der Therapie zusammen. Jetzt sind der Partner, Familie, Freunde oder auch Nachbarn gefragt. Schon Kleinigkeiten können helfen. Ein frisch gekochtes Mittagessen, Einkäufe erledigen oder sich um die Wäsche kümmern, jede Entlastung tut gut. Dabei gilt: Je eher Sie sich Hilfe suchen, desto besser. Eine postpartale Depression ist ein eindeutiges Warnzeichen, dass sie auf keinen Fall überhören sollten. Aber soweit muss es natürlich nicht immer kommen.

Wochenbettdepression: Ein Test zur Selbsteinschätzung

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Das Wochenbett richtig genießen

Wir halten Mutterliebe für naturgegeben. Das mag zum Teil stimmen. Es gibt diesen unglaublichen Hormoncocktail der Natur, der uns dabei helfen soll, unsere Kinder zu lieben. Doch das heißt nicht, dass wir uns automatisch auch in dieser neuen Rolle als Mutter wiederfinden. Das müssen wir tatsächlich erst lernen. Bei den meisten Frauen mag das recht schnell klappen, andere haben sich auf dem Weg dorthin ein wenig verloren. Sie brauchen (Nach-)Hilfe, um wieder auf Kurs zu kommen. Wecker und Großkopf raten daher dazu, das Wochenbett wirklich für sich zu nutzen, um sich die Zeit zu geben in die Rolle als Mutter bzw. als Eltern hineinzuwachsen – ganz ohne Erwartungsdruck.

Schwangerschaft

Wochenbett: Wichtige Erholungszeit nach der Geburt

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Hier bekommen Betroffene Hilfe:

• Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V.: Unabhängige Anlaufstelle für alle Belange rund um die Themen Eltern werden und Eltern sein.
• Schatten und Licht e.V.: Infos & Hilfe bei postpartaler Depression mit Betroffenen- u. Angehörigen-Forum zum persönlichen Austausch.
• wellcome – für das Abenteuer Familie: Bundesweit agierendes ehrenamtliches Sozialunternehmen mit dem Schwerpunkt „Praktische Hilfe nach der Geburt“.
• Emotionelle Erste Hilfe (EEH): Programm zur emotionalen Unterstützung von Schwangeren und werdenden Eltern.
• Nationales Zentrum Frühe Hilfen (nzfh): Träger des NZFH ist die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut e.V..

Schwangerschaft

Nur die Liebe fehlt. Von Depression nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten

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„Die Welt durchwandernd fand ich allerwärts: Kein Herz kann lieben wie ein Mutterherz“, dichtete der deutsche Dichter Friedrich von Bodenstedt im 19. Jahrhundert. Etwas aktueller: Zehn Erkenntnisse zur Psychologie von Müttern.

Männer brauchen Mamas Nähe: Das gilt zumindest in den USA. Janice Compton und Robert Pollak von der Uni Michigan werteten in einer aktuellen Untersuchung (.pdf) eine repräsentative Umfrage aus. Demnach lebt ein Amerikaner über 25 im Schnitt nicht weiter als 25 Meilen von seiner Mutter entfernt. Bei Singles verkürzt sich der Radius sogar auf 15 Meilen.

Mütter sorgen für Sprachgefühl: Wir lernen bereits im Mutterleib, zwei verschiedene Sprachen voneinander zu unterscheiden. Konsequenz: Neugeborene interessieren schon kurz nach der Geburt für die Sprachen, die sie im Mutterleib regelmäßig gehört haben. Das fand Janet Werker von der Universität von British Columbia in einer Studie (.pdf) heraus. Sie spielte 30 Babys im Alter zwischen 0 und 5 Tagen Sätze in zwei Sprachen vor. Währenddessen maß die Wissenschaftlerin, wie oft die Kleinen an einer Gummibrustwarze saugten – ein Indiz dafür, wie stark sie auf einen Reiz in ihrer Umgebung reagierten. Die Hälfte der Kinder stammte von zweisprachigen Müttern, die während der Schwangerschaft sowohl Englisch als auch Philippinisch gesprochen hatten. Und siehe da: Diese zeigten an beiden Sprachen das gleiche Interesse, während die Babys von englischsprachigen Müttern lediglich bei den englischen Sätzen deutlich stärker saugten.

Mütter vererben Stressresistenz: Mütter und ihre Kinder reagieren auf Stress ähnlich – sogar der Herzschlag gleicht sich. Amy Kerivan von der Stanford Universität trennte in einer Studie (.pdf) im Jahr 2001 36 Frauen und ihre neun Monate alten Babys für kurze Zeit voneinander. Wenig überraschend löste diese Trennung sowohl bei Kindern als auch bei Müttern Stress aus, der sich in einer erhöhten Pulsfrequenz niederschlug. Überraschender: Der Puls der Mütter glich dem der Kinder – auch dann, wenn Mutter und Kind wieder vereint waren. Mehr noch: Frauen, die sich selbst als ängstlich einschätzen, reagierten bei dem Experiment heftiger – genau so war es bei ihren Kindern.

Mütter machen empathisch: Juan Adrian und seine Kollegen von der spanischen Universität Jaume in Castellón beobachteten für ihre Studie 41 Mütter dabei, wie sie ihren Kindern Bilderbücher vorlasen. Außerdem testeten sie die Empathiefähigkeit der Drei- bis Sechsjährigen. Ein Jahr später machten die Wissenschaftler das gleiche nochmal. Dabei bemerkten sie, dass die Ausdrucksweise der Mutter offenbar einen Einfluss auf die Empathie der Kinder hat. Demnach wirkten sich Verben wie „denken“, „wissen“, „glauben“ oder „erinnern“ positiv aus – je mehr die Mütter davon Gebrauch machten, desto empathischer waren die Kinder ein Jahr später.

Fehlende Mutterliebe führt zu Problemen: Wer als Kind keine Bindung zu seiner Mutter verspürt, leidet darunter oft ein Leben lang – das gilt besonders für Jungen. Zu diesem Ergebnis kam Pasco Fearon, Psychologe an der britischen Universität von Reading, in einer Studie vor einigen Monaten. Er analysierte 69 Untersuchungen mit knapp 6000 Kindern unter zwölf Jahren. Ergebnis: Entwickelt eine Mutter in den ersten Lebensjahren des Sohnes keine sichere Bindung, sind bei ihm spätere Verhaltensprobleme wie Aggressionen oder Feinseligkeiten erheblich wahrscheinlicher.

Töchter profitieren von vertrauensvollen Müttern: Dass Kinder davon profitieren, wenn ihre Eltern ihnen Vertrauen entgegenbringen, erscheint logisch. Doch laut einer Studie von Eirini Flouri von der Universität von London bestimmt das Vertrauen der Mütter sogar den weiteren Lebensweg ihrer Töchter: Je stärker die Mütter von ihren Fähigkeiten überzeugt sind, desto selbstbewusster werden die Kinder. Flouri wertete die Daten einer britischen Langzeitstudie aus. Darin sollten die Mütter 1980 vorhersagen, wann ihr Nachwuchs ihrer Meinung nach mit der Schule fertig sein würden – damals waren die Kinder zehn Jahre alt. Jahrzehnte später analysierten die Wissenschaftler, was aus den Kindern geworden war. Dabei zeigte sich: Je stärker die Mütter an ihre Töchter Kinder geglaubt haben, desto mehr verdienten sie und desto eher hatten sie ihr Leben im Griff. Interessant: Bei Söhnen gab es keinerlei Zusammenhang zwischen der mütterlichen Erwartung und dem späteren Erfolg.

Mütter übernehmen den Erziehungsstil ihrer Mütter: Jonathan Vespa von der Ohio State Universität wertete für seine Studie im Jahr 2009 eine repräsentative Umfrage von 1133 Amerikanern aus, die zwischen 1979 und 1994 regelmäßig befragt wurden. Vespa fand dabei heraus, Frauen offenbar den Erziehungsstil ihrer Mütter übernehmen. Wer als Kind beispielsweise regelmäßig eine Ohrfeige bekommen hatte, machte dies als Mutter mit hoher Wahrscheinlichkeit genau so. Frauen, die als Kind häufig vorgelesen bekamen, machten das später als Mutter genau so. Für Männer fand Vespa einen solchen Zusammenhang nicht.

Menschen bevorzugen Verwandte mütterlicherseits: Der Einfluss unserer Mutter hat offenbar sogar Einfluss auf das Verhältnis zu unseren Verwandten. Joonghwan Jeon und David Buss von der Universität von Texas in Austin befragten in einer Studie (.pdf) im Jahr 2007 190 Personen nach der Beziehung zu ihren Cousins und der Bereitschaft, ihnen in einer lebensbedrohlichen Situation zu helfen. Ergebnis: Die Befragten standen der Familie der Schwester ihrer Mutter emotional am nächsten – und daher waren sie auch eher bereit, ihr Leben zu retten. Jeon und Buss führen dies auf die Evolution zurück – demzufolge ist die Verbindung zur Mutter stets enger als zum Vater und infolgedessen auch zu den Verwandten mütterlicherseits.

Mütter finden Windeln eigener Babys weniger abstoßend: Zugegeben, es gibt angenehmere Gerüche als eine volle Windel. Doch Mütter stört der Geruch nicht – so lange es sich um die Windel des eigenen Kindes handelt. Trevor Case von der australischen Macquarie Universität ließ für seine Studie im Jahr 2006 13 Frauen an den Windeln ihrer eigenen und fremder Kinder riechen – ohne ihnen jedoch zu sagen, von wem die Windeln stammten. Danach sollten die Frauen auf einer Punkteskala angeben, ob sie von dem Geruch angeekelt waren oder ihnen übel wurde. Und siehe da: Die Teilnehmerinnen fanden die vollen Windeln des eigenen Nachwuchses stets weniger abstoßend als den anderer Kinder. Auch dieses Ergebnis erklärt sich evolutionär: Demnach ist es sinnvoll, dass unser Ekel gegenüber nahestehenden Menschen oder Verwandten geringer ist als gegenüber Fremden.

Kinderlose Anwältinnen sind produktiver: Und zum Abschluss noch eine Studie, die ich persönlich für großen Quatsch halte. Jean Wallace und Marisa Young von der Universität von Calgary meinen: Weibliche Angestellte ohne Kinder sind produktiver. Grundlage ihrer Studie im Jahr 2007 waren die Anzahl der Arbeitsstunden, die 670 Anwälte in der kanadischen Provinz Alberta ihren Kunden in Rechnung stellten. Demzufolge sind Anwältinnen ohne Kinder wesentlich produktiver als ihre Kolleginnen mit Kindern, meinen zumindest Wallace und Young. Ich meine: Produktivität ist keine Frage der geleisteten Arbeitsstunden – und in Rechnung gestellte Stunden sind erst kein Indiz dafür.

Jeder von uns kennt so jemanden. Nette, freundliche Menschen, die allseits beliebt sind, viele Freunde haben und in einer glücklichen Beziehung leben. Da diese Menschen nicht dazu neigen, sich selbst all zu sehr in den Vordergrund zu stellen, kommt erst einige Zeit nach dem Kennenlernen zufällig die Rede darauf, wie sie aufgewachsen sind. Und auf einmal kommen wahre Horrorgeschichten ans Licht: Als Kind ungewollt, von der Mutter vernachlässigt, vom Vater geschlagen, ein Elternteil früh verstorben oder nie kennen gelernt, Alkoholprobleme in der Familie und ähnliches. Erstaunt reibt man sich die Augen und fragt sich: Wie hat es dieser Mensch unter diesen Bedingungen geschafft, zu einem für andere so angenehmen Zeitgenossen zu werden? Warum wurde er/sie nicht drogenabhängig, kriminell und langzeitarbeitslos und ist mehrfach geschieden, so wie andere unter vergleichbaren Bedingungen? Was haben diese Überlebenskünstler, was die Gescheiterten nicht haben? Von unserer Gastautorin Eva Neumann.

Die Psychologie kennt viele Antworten auf die Frage, was Menschen psychisch krank und beziehungsunfähig macht. Wenig umstritten war lange Zeit die Annahme, dass ein Kind, das von den Eltern wenig Liebe und Zuwendung bekommen hat, womöglich sogar Vernachlässigung und Misshandlung ausgesetzt war, im späteren Leben Schwierigkeiten in Beziehungen mit anderen haben wird. Wer als Kind nicht geliebt wurde, der kann als Erwachsener weder sich selbst noch andere lieben, das galt quasi als Naturgesetz. Vor allem in populärpsychologischen Veröffentlichungen wird diese These nach wie vor gern verbreitet.

In der wissenschaftlich fundierten Psychologie bekam dieses Bild in den vergangenen Jahren jedoch Risse. Aus der Bindungsforschung liegen mittlerweile mehrere Studien vor, in denen es nicht gelang zu belegen, dass Beziehungsmuster aus der frühen Kindheit im Erwachsenenalter unverändert fortgesetzt werden. In diesem Forschungsansatz wird zwischen sicheren, ängstlichen und vermeidenden Bindungen unterschieden. Sichere Bindungen sind durch Nähe und Vertrauen gekennzeichnet, ängstliche durch unrealistische Ängste in der Beziehung und das Gefühl eigener Minderwertigkeit, und vermeidende durch Kälte und Distanz. Die neueren Studien haben gezeigt, dass Menschen das Bindungsmuster, das in der Kindheit in der Beziehung zu den Eltern gelebt wurde, nicht unbedingt als Erwachsene fortsetzen. Eine sichere Bindung an die Eltern ist zwar eine gute Voraussetzung dafür, im Erwachsenenalter ebenfalls sichere Bindungen an den Partner und an eigene Kinder aufzubauen, und ängstliche und vermeidende Bindungen sind diesbezüglich eher von Nachteil, doch es gibt viele, die das Bindungsmuster der Kindheit im späteren Leben nicht beibehalten. Wer als Kind sicher an die Eltern gebunden war, hat als Erwachsener nicht immer glatt verlaufende, glückliche Partnerschaften, und umgekehrt gelingt es einem Teil derjenigen, deren Bindung an die Eltern ängstlich oder vermeidend war, die schlechten Erfahrungen abzuschütteln und als Erwachsener glückliche Beziehungen aufzubauen.

Faszinierend und rätselhaft sind die zuletzt genannten. Die Bindungsforschung nennt das Muster, das sie als Erwachsene aufweisen, erarbeitet sicher. Die Bezeichnung ist fast selbst erklärend: Diese Menschen haben das Gefühl von Sicherheit in engen Beziehungen nicht von den Eltern vermittelt bekommen, sondern sie haben es sich selbst erarbeitet. Unter denjenigen, die in der Kindheit eine schlechte Beziehung zu den Eltern hatten, sind sie eine Minderheit. Die meisten setzen leider das fort, was sie selbst als Kinder erlebt haben. Dennoch gibt es immer wieder Menschen, die dieses Schicksal durchbrechen, die als Erwachsene die Liebe suchen und finden, die sie als Kinder entbehren mussten. Zwei aktuelle Studien der Bindungsforschung konnten Antworten finden auf die Frage, was diese Menschen dazu befähigt, trotz widriger Bedingungen in der Kindheit zu psychisch gesunden Erwachsenen mit sicheren Bindungen an andere zu werden.

Saunders und ihre Mitautorinnen (2011) beschäftigten sich mit äußeren Faktoren, die zu erarbeiteter Sicherheit führen können. Sie fanden zwei Bedingungen, die im Leben dieser Menschen häufig erfüllt waren: Bei vielen gab es eine so genannte alternative Bindungsfigur. Das heißt, diese Menschen hatten zwar schlechte Beziehungen zu beiden Elternteilen, doch es gab eine andere Person, die dem Kind emotionale Wärme und Geborgenheit vermittelte. Meistens war dies jemand aus der Familie, zum Beispiel die Großmutter; es konnte aber auch eine andere Person sein, mit der das Kind häufig Kontakt hatte, zum Beispiel eine Lehrerin oder ein Trainer. Es scheint so zu sein, dass es für den Erwerb des Gefühls von Sicherheit in engen Beziehungen reicht, wenn eine Person da ist, die dem Kind dieses Gefühl vermittelt, und diese Person muss nicht die Mutter oder der Vater sein.

Eine weitere Bedingung, die im Leben der erarbeitet Sicheren häufig erfüllt war, bestand darin, dass sie sich psychotherapeutische Hilfe gesucht hatten. Die Psychotherapie war besonders wirksam, wenn es sich nicht nur um eine Kurzzeitberatung gehandelt hatte, sondern um eine Behandlung über einen längeren Zeitraum. Auch wenn die Wirksamkeit von Psychotherapie immer wieder kritisch hinterfragt wird: Diese Methode scheint zu wirken, wenn es darum geht, schlechte Erfahrungen mit den Eltern in der Kindheit aufzuarbeiten.

Erarbeitet Sichere heben sich aber nicht nur durch äußere Faktoren von denen ab, die schlechten Kindheitserfahrungen verhaftet bleiben. Sie haben auch eine andere Art des Fühlens und Denkens in engen Beziehungen. Mit inneren Prozessen, die zu erarbeiteter Sicherheit führen können, beschäftigten sich McCarthy und Maughan (2010). Sie stellten fest, dass Menschen, die schlechte Erfahrungen gut verarbeitet haben, in folgender Weise denken und fühlen: Sie erkennen an, dass es die schlechten Erfahrungen gegeben hat, und ordnen diese angemessen ein. Das heißt, sie sind sich darüber im Klaren, dass sie in der Kindheit eine schlechte Beziehung zu den Eltern hatten. Die Erinnerung daran verdrängen sie nicht, sie lassen sich aber auch nicht davon beherrschen. Sie haben im Umgang mit den Erinnerungen sozusagen einen guten Mittelweg gefunden. Sie erkennen weiterhin an, dass die Beziehungserfahrungen der Kindheit zu ihnen gehören, dass sie zu einem Teil ihres Selbst geworden sind. Schließlich haben sie trotz ihrer negativen Erinnerungen ein positives Bild von Beziehungen, das heißt sie halten enge Beziehungen in ihrem Leben für wichtig und glauben daran, dass sie dort Liebe und Geborgenheit finden können.

Die Botschaften der beiden zitierten Studien sind durchweg positiv. Die Befunde zeigen, dass eine schwierige Eltern-Kind-Beziehung nicht unvermeidbar zu Beziehungsstörungen im späteren Leben führen muss. Eine schwierige Kindheit ist kein Fluch, der nicht mehr abgeschüttelt werden kann. Es gibt vielmehr Wege, die zu glücklichen und erfüllten Beziehungen im Erwachsenenleben führen können. Einer dieser Wege besteht darin, Beziehungsangebote von Menschen, die anders als die Eltern zu Wertschätzung bereit und fähig sind, zu nutzen und auf diese Weise korrigierende, ausgleichende Erfahrungen machen zu können. Auch professionelle Hilfe im Rahmen einer Psychotherapie kann helfen. Schließlich ist es wichtig, sich des Gefühls des Ungeliebtseins in der Kindheit bewusst zu sein, dessen Bedeutung für die eigene Entwicklung anzuerkennen, es aber eindeutig der Vergangenheit zuzuordnen und im aktuellen Leben Vertrauen in nahe stehende Menschen zu haben.

Innovativ an den beiden Studien ist, dass nicht mehr das, was krank macht, im Vordergrund steht, sondern es wird aufgezeigt, wie Menschen unter widrigen Bedingungen Widerstandskraft entwickeln. Es gibt sie eben, die Menschen, die es in der Kindheit schwer hatten, aber weit davon entfernt sind, das, was sie selbst als Kinder erlebt haben, als Erwachsene an andere weiterzugeben. Sie sind vielmehr gute Freunde, liebevolle Partner und fürsorgliche Eltern. Sie setzen sich wohltuend von denen ab, die eigenes Fehlverhalten, wie zum Beispiel rücksichtsloses Verhalten dem Partner gegenüber oder Vernachlässigung von Kindern, mit in der Kindheit selbst erlittenen Traumata rechtfertigen wollen. Erarbeitet Sichere zeigen, dass es möglich ist, ungünstige Beziehungsmuster zu durchbrechen und als Erwachsene ein selbst bestimmtes, glückliches Leben zu führen. Schauen wir uns diese Menschen an. Sie sind stille Helden des Alltags. Von ihnen können wir lernen, was unsere Beziehungen glücklich macht.

Literatur:

McCarthy, G. & Maughan, B. (2010). Negative childhood experiences and adult love relationships: The role of internal working models of attachment. Attachment and Human Development, 12, 445-461.

Eine Kindheit ohne Liebe schädigt Körper und Seele

Wenn Kinder die Liebe der Eltern, aus welchen Gründen auch immer, entbehren müssen, kann dies zu traumatischen Erfahrungen führen, da es die Gewissheit der Geborgenheit in der Welt aufs Tiefste erschüttert. Die Beziehung des Selbst zur eigenen Person, zu anderen und zur Welt steht von Grund auf in Frage. Wilhelm Schmid erläutert: „Die fehlende Liebe zum Kind kann zur Folge haben, dass es psychisch und somatisch daran erkrankt. Die fehlende körperliche Nähe und der mangelnde Austausch von Gefühlen und Gedanken beengen die Seele mit Ängsten und beinträchtigen den Körper schwer.“ Der britische Kinderarzt John Bowlby vertritt die These, dass frühe Erfahrungen von Einsamkeit oder Verlust eine lebenslange Empfindlichkeit der neurobiologischen Systeme eines Menschen zur Folge haben kann. Wilhelm Schmid lebt als freier Autor in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt.

Lieblosigkeit in der Kindheit hat gravierende Folgen für das Erwachsenenleben

Hält die Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber ihren Kinder über einen längeren Zeitraum an, wird eine Verwahrlosigkeit des Nachwuchses sehr wahrscheinlich, mit gravierenden Konsequenzen für das spätere Erwachsenenleben. Wilhelm Schmid erklärt: „Verzögerungen in der Entwicklung und Fehlentwicklungen sind in vielen Fällen Beziehungen auszufüllen.

Wilhelm Schmid vermutet, dass fehlende Liebe und die vermisste familiäre Einbindung mit dem Phänomen zunehmender Schwangerschaften bei Teenagern zu tun haben. Doch in den neuen Beziehungen führen Probleme rasch zu Angst und Stress, denn die äußerst zerbrechliche Beziehung zur eigenen Person ist vom Mangel an Wertschätzung durch Andere bedroht. Aggressionen fungieren dann als Selbstschutz und stellen eine verzweifelte Reaktion dar, wenn die Beziehungen, denen das eigene Dasein anvertraut wird, bedroht sind oder verloren gehen.

Der pädagogische Eros ist der Nährboden der Pädophilie

Der Gebrauch von Gewalt gegenüber Kindern kann laut Wilhelm Schmid Ausdruck einer fehlenden Liebe, einer Gleichgültigkeit sein, die es ermöglicht, das wehrlose Kind zum bloßen Objekt zu degradieren und Aggressionen an ihm abzureagieren. Wilhelm Schmid ergänzt: „Vielleicht ist es auch nur dasa Gefühl der Überforderung, das zur Gewalttätigkeit führt.“ Die Gewalt kann seiner Meinung nach darüber hinaus auch der Ausdruck einer fehlgeleiteten Liebe sein, sei es einer sadistischen Liebe, die in der Gewalt ihre Erfüllung findet, oder in einer erloschenen Liebe, die aus irgendwelchen Gründen sich in Hass verwandelt.

Ebenfalls gravierende traumatische Folgen hat die missbräuchliche Liebe zum Kind, mit oder ohne Anwendung von Gewalt. Wilhelm Schmid schreibt: „Beim sexuellen Missbrauch wird aus dem Kind ein gefügiges oder gefügig gemachtes Objekt, mit dem der Täter, der in vielen Fällen aus dem familiären und sozialen Umfeld kommt, leichtes Spiel hat.“ Ausgerechnet der pädagogische Eros, ohne den eine Erziehung von Kindern kaum gelingen kann, ist für Wilhelm Schmid der Nährboden der Pädophilie. Wird der Eros mit körperlicher Erotik verwechselt, ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Von Hans Klumbies

Wenn die Mutterliebe fehlt

Zwei Frauen, die aus der Mutterrolle ausgebrochen sind, reden offen über dieses Tabu, über Schuldgefühle und die Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf. Und ein Sohn sagt, wie es ist, eine so genannte Rabenmutter zu haben.

Annette Schneider hat ihren Sohn nie geliebt. Sie mochte Stefan, mag ihn noch immer. Aber Mutterliebe ist ein Gefühl, das sie nicht kennt. Als Stefan knapp fünf Jahre alt war, hat sie ihn weggegeben. Heute ist ihr Sohn erwachsen, heute will sie ihn schützen. Ihm zuliebe will Annette Schneider anonym bleiben. Ihr Name ist in Wahrheit ein anderer, wie auch die Namen der zweiten Mutter und jenes Sohnes, die hier zu Wort kommen werden.

Wir reden lange am Telefon, und obwohl ihr Tonfall bestimmt klingt und sie schnell spricht, wird deutlich, dass Annette Schneider ihre Geschichte nicht oft erzählt. Sie sucht nach Worten, weicht aus und stellt sich während unseres Gesprächs selbst Fragen. Etwa diese: „Warum hatte ich für Stefan keine Gefühle?“

Mit dem Verstand wusste Annette Schneider schon immer: Das ist mein Sohn. Aber gespürt hat sie es nicht. Stefan war für sie, wie sie sagt, „eine Zwangsbeziehung“. Entsprechend habe sich auch ihr Zusammenleben gestaltet. Solange er bei ihr gewesen ist, habe sie ordentlich für ihn gesorgt. Doch wenn er abends um sechs oder sieben im Bett lag, war sie unendlich erleichtert, dass sie endlich Feierabend hatte. „Wie spielt man mit einem Kind?“, fragt Annette Schneider. Sie wusste es nicht: „Ich sass auf dem Spielplatz und dachte, jetzt muss er spielen. Aber ich mit ihm, das ging nicht.“ Geärgert hat sie sich, wenn Stefan sie Mama nannte, denn sie habe keine Rolle sein wollen, sondern eine eigenständige Person mit einem eigenen Namen.

Annette Schneider war berufstätig und allein erziehend. Sie arbeitete als Lehrerin, später als Therapeutin. Ihr Partner hatte sie bereits vor Stefans Geburt verlassen. Sie fühlte sich isoliert, allein gelassen. „Was tun, wenn das Kind krank ist? Einmal habe ich Stefan mit Windpocken ins Flugzeug gesetzt und zu den deutschen Grosseltern geschickt.“ Annette Schneider wollte sich im Beruf verwirklichen, konzentriert und ausgeruht arbeiten. Sie sah keinen anderen Weg, als Stefan wegzugeben. Weil auch der Vater mit dem Sohn nicht klarkam, lebte Stefan fortan bei den Grosseltern und später im Internat. „Ich glaube nicht, dass er gelitten hat. Es kann schon sein, dass er mich vermisst hat, aber er bekam von den Grosseltern viel Anerkennung“, sagt Annette Schneider. Sie sah ihren Sohn nur noch ein- bis zweimal im Jahr.

Rabenmutter nennt man Frauen wie Annette Schneider, die sich nicht um ihre Kinder kümmern. Im Grunde genommen ist das ein schiefes Bild, denn Raben werden zu Unrecht als schlechte Eltern verschrien. Weil die jungen Vögel ihr Nest verlassen, bevor sie fliegen können, und einige Tage hilfsbedürftig am Boden rumhopsen, entstand der Trugschluss, die Mutter werfe ihre Kinder aus dem Nest. Doch Vogelkundler wissen es besser: Die Jungen gehen von sich aus. Ihre Eltern lassen sie ziehen, beschützen sie aber weiterhin vor Feinden und bringen ihnen Futter – da könnte noch manche Glucke etwas lernen.

Die Rabenmutter ist nicht nur eine verkehrte Ansicht, sondern auch eine relativ neue. Das legt die Soziologin Elisabeth Badinter in ihrem Standardwerk „Die Mutterliebe“ (1980) dar. Sie schreibt, dass im 18. Jahrhundert die Unterbringung von Kindern bei einer Amme oder Pflegefamilie in allen Schichten gang und gäbe war. Die Eltern aus der Unterschicht gaben die Säuglinge weg, damit sie arbeiten konnten. Die reichen Frauen wiederum wollten ihren Busen nicht strapazieren. Pariser Polizeiberichte aus dem Jahr 1780 belegen, dass von 21 000 Kindern nur gerade 2000 nach der Geburt bei den Eltern bleiben durften. Die anderen wurden zu Ammen verfrachtet, die so weit weg von Paris lebten, dass viele Babys bereits auf dem beschwerlichen Transport starben.

Entsprechend hoch war die Kindersterblichkeit im 18. Jahrhundert – was den Aufklärer Jean-Jacques Rousseau entsetzte. Er klagte: „Die Frauen haben aufgehört, Mütter zu sein.“ Rousseau selbst entledigte sich seiner Kinder im Findelhaus, doch den Frauen verordnete er die Mutterliebe. Im Zuge der Industrialisierung entdeckte man allmählich auch den wirtschaftlichen Nutzen der Kinder, denn das Volk sollte arbeiten und sich vermehren. So galt das Muttersein bald nicht mehr als lästige Pflicht, sondern als die edelste Aufgabe des weiblichen Geschlechts.

Heute müssen Mütter ihre Kinder ohne Wenn und Aber lieben. Grenzenlos, auf immer und ewig. Die Liebe, so glaubt man gemeinhin, ist allen Müttern angeboren. Ein natürlicher Instinkt, der, kaum ist der Säugling auf der Welt, unmittelbar einsetzt. Und wenn nicht, dann spinnt sie, die Mutter.

Eine Bekannte erzählte unlängst, dass sie ihr Mädchen, als es noch blutverschmiert, schrumpelig und mit geschlossenen Augen auf ihrem Bauch lag, nicht lieben konnte. Das Kind war ihr fremd, und die Liebe zu ihm habe sich erst allmählich entwickelt, als sie es in den ersten Wochen seines Lebens immer besser kennen lernte. Wieso kann für die Mutterliebe nicht gelten, was wir bei Beziehungen zwischen Mann und Frau kennen und akzeptieren?

Auch die Gefühle von Annette Schneider haben sich verändert. Aber das hat Jahrzehnte gedauert. Heute hat sie ein engeres Verhältnis zu Stefan und sieht ihn mindestens einmal im Monat. Um ihm emotional näher zu kommen, musste sie hart an sich arbeiten. Sie habe eine Therapie gemacht und ihre eigene Kindheit aufgearbeitet. Auch Annette Schneider hat von ihrer Mutter nie Liebe gespürt, ebenso wenig von ihrem alkoholabhängigen und kriegstraumatisierten Vater. Nach aussen machte die Familie einen korrekten Eindruck, doch ihre Beziehungen waren kalt. „Das ist wohl einer der Gründe, weshalb ich gewisse Kompetenzen nicht entwickelt habe und mich nicht auf Stefan einlassen konnte.“

Mutter und Sohn hatten einiges nachzuholen: „Kurz nachdem Stefan die Matur gemacht hatte, sassen wir bei mir daheim auf dem Fussboden und spielten mit kleinen Autos. Ganz kindisch. Da dachte ich: Ach so geht das.“ Die grosse Familienidylle ist daraus aber nicht gewachsen. Annette Schneider hat keine Schuldgefühle. Ein Zusammenleben wäre für beide nicht gut gewesen, ist sie überzeugt. „Aber mein Sohn tut mir Leid. Und meine Mutter. Und ich selber tu mir auch Leid.“

Freundinnen und Kollegen haben damals ihren Entscheid mitgetragen. In den Achtzigerjahren wurde rege über die Mutterrolle diskutiert. Man sprach öffentlich über das Recht auf Abtreibung, die Schattenseiten der Mutterschaft oder ein Leben ohne Kinder. Heute sei es für Frauen viel schwieriger, ambivalente Muttergefühle anzusprechen, ist Annette Schneider überzeugt. „Der gesellschaftliche Druck ist enorm hoch.“

Wie festgefahren die Vorstellungen von Mutterliebe zuweilen sind, musste etwa die Schauspielerin und ehemalige Miss Schweiz Melanie Winiger erfahren. Als sie vor einigen Jahren in der „Schweizer Illustrierten“ bemerkte, manchmal habe sie von ihrem Sohn Noël „die Schnauze voll“, bekam sie eine Menge entrüsteter Briefe und sogar Morddrohungen. Momentan ist die Promi-Rabenmutter Nummer eins das Supermodel Kate Moss. Es kursiert ein Foto, auf dem sie neben ihrer Tochter einen Joint raucht (vielleicht auch nur eine selbst gedrehte Zigarette). „Rabenmutter“ titelte der Boulevard in grossen Lettern. Eine Mutter, die kifft, kann keine gute Mutter sein.

Annette Schneider ist keine Prominente, und dennoch stellt sich die Frage: Wie lebt ihr Sohn mit der Abweisung seiner Mutter? Sie erzählt, dass er einen Doktortitel hat, doch was heisst das schon? Stefan selbst möchte sich nicht äussern, aber dafür treffe ich Lukas Huber. Seine Geschichte gleicht derjenigen von Stefan. Der 42-Jährige weiss nicht, ob seine Mutter ihn je geliebt hat. Als er acht Jahre alt war, lag eines Abends ein Brief auf dem Küchentisch. Die Mutter war weg, hatte ihn und den Vater ohne Vorankündigung verlassen.

Obwohl er acht Jahre lang mit ihr zusammenlebte, hat Lukas Huber kaum Erinnerungen an diese Zeit. Nur so viel: „Sie hat mir zur Fasnacht ein schönes Clownkostüm genäht.“ Und: „Sie war keine böse Frau.“ Alles Übrige ist ausgelöscht. Nicht einmal Fotos besitzt er von seiner Mutter, von der es heisst, dass sie eine aussergewöhnlich attraktive Frau war. Hat er sie nach der Trennung vermisst? „Ich weiss es nicht.“ Er habe einen leeren Blick gehabt, aber nie geweint, erzählte ihm unlängst seine Lieblingstante. Mit ihr und ihren Kindern hat er damals viel Zeit verbracht.

Melancholisch wirkt Lukas Huber heute nicht. Im Gegenteil, er macht einen munteren und spontanen Eindruck, sieht sportlich aus und hat eine interessante Stelle bei einem grossen Medienunternehmen. Obwohl der Inhalt unseres Gesprächs nicht eben lustig ist, amüsieren wir uns. Seine melodiöse Stimme klingt warm, wenn er Dinge sagt wie: „Meine sensible Seite habe ich von meinem Vater.“

Seine Mutter hingegen sei eher unterkühlt. Einige Jahre nach ihrem abrupten Verschwinden, er war schon ein Teenager, hat Lukas Huber sie wieder getroffen. Auch diese Erinnerungen sind blass: Nett sei sie gewesen, grosszügig, aber nicht herzlich. In der Folge besuchte er sie etwa zweimal im Jahr. Er sei nicht ungern zu ihr gefahren, aber besonders gefreut habe er sich auch nicht. Sie habe sich kaum für ihn interessiert: „Ihre erste Frage war nicht ‹Wie gehts dir?, sondern ‹Wie siehst denn du aus?›.“

Als Lukas Huber 22 Jahre alt war, kam es erneut zum Bruch. Er stellte der Mutter seine künftige Frau vor. Die Mutter gab sich derart herablassend, dass er sie daraufhin nicht zur Hochzeit einlud. Ihre Reaktion: „Beleidigte Leberwurst.“ 18 Jahre lang hat sie sich danach nicht mehr gemeldet. Vor zwei Jahren rief sie unverhofft an. Wahrscheinlich weil sie einsam sei, glaubt Lukas Huber. Er sei zu ihr gefahren, aus Anstand, wie er betont: „Ich hege keinen Groll gegen sie, aber sie ist mir gleichgültig.“ Die Mutter habe sich über den Besuch gefreut, sich bei ihm eingehängt, aber ihre Gespräche blieben oberflächlich. „Sie weicht aus, wenn ich sie frage, weshalb sie uns verlassen hat. Sie sagt, es habe sein müssen, es sei nicht anders gegangen.“ Der Vater glaubt zu wissen, weshalb sie es bei ihrer Familie nicht mehr ausgehalten hat: Sie fühlte sich wie in einem goldenen Käfig. Die Tante meint: Es ging ihr zu gut. Nur Lukas Huber versteht noch immer nicht, warum seine Mutter von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war.

Wie fest hat die Abwesenheit der Mutter Lukas Huber geprägt? Er hält kurz inne und sagt, dass er keine eigenen Kinder möchte. „Das könnte mit meiner Biografie zu tun haben. Könnte, muss aber nicht.“

Liebe und Anerkennung hat Lukas Huber von der Mutter kaum bekommen, dafür von anderen Menschen: von seinem Vater, von seiner Lieblingstante – und vor allem von seiner Stiefmutter. Der Vater hat wieder geheiratet. „Mit meiner Stiefmutter habe ich mich vom ersten Augenblick an verstanden. Sie hat ein grosses Herz.“ Lukas Huber ist überzeugt: Für eine innige Beziehung brauche es keine Blutsverwandtschaft.

Jede Mutter kann ersetzt werden. Das schreibt die feministische Schriftstellerin Barbara Sichtermann in ihrem Klassiker „Vorsicht Kind“ (1982). Nimmt man den Fall von Lukas Huber zum Massstab, dann ist an dieser Sichtweise etwas dran. Doch Sichtermann geht noch weiter: Alles, was ein Kind brauche, sei jemand, der bei ihm bleibt und es ernst nimmt. Bloss, wo bleibt da die Liebe? Die drei Menschen, die sich hauptsächlich um Lukas Huber kümmerten, haben ihn nicht nur versorgt, sondern ihn in die Arme genommen. Zärtliche Zuneigung, auch das braucht ein Kind. Auf die Frage, ob sie je mit Stefan geschmust habe, antwortete Annette Schneider: „Na ja, er sass manchmal auf meinem Schoss.“

Ladina Matt ist eine feinfühlige Frau. Doch auch sie ist eine so genannte Rabenmutter. Sie sieht ihre drei Kinder nur noch jedes zweite Wochenende. Sie will sich auf den Beruf konzentrieren. Ich treffe die 37-jährige Frau in einem aufgelösten Zustand, den man ihr aber auf Anhieb nicht ansieht. Sie sitzt aufrecht, die zierlichen Gesichtszüge gesammelt, der weisse Hemdkragen gestärkt. Doch ihre Haut ist bleich und die Stimme dünn, wenn sie sagt: „Es zerreisst mich fast.“

Vor vier Monaten hat Ladina Matt ihre Koffer gepackt und ist ausgezogen. Sie wollte weg von ihrem Mann, den sie schon lange aufgehört hat zu lieben. Auch mit den Kindern hat sie es nicht mehr ausgehalten. „Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam und die Tür öffnete, blieb mir die Luft weg.“

Ladina Matt war in ihrer Familie stets die Ernährerin. Bereits nach der Geburt des ersten Kindes hatte sie ein höheres Pensum und einen höheren Lohn als ihr Mann. Das ging lange gut. Bis vor fünf Jahren, als sie die Chance bekam, sich beruflich weiterzuentwickeln. Da merkte sie, dass sie am liebsten viel mehr arbeiten würde. „Im Beruf war ich glücklicher als in meiner Rolle als Mutter“, sagt sie und lächelt schüchtern. Also hat Ladina Matt im Job Vollgas gegeben. Aber die Rechnung ging längerfristig nicht auf. Ihr Mann half zu wenig im Haushalt, und obwohl er sich gut um die Kinder kümmerte, forderten diese auch von ihrer Mutter viel Aufmerksamkeit. „Ich fühlte mich wie in einem Hamsterrad. Immer am Strampeln, aber nie kommt etwas zurück.“

Ladina Matt und ihr Mann lebten sich auseinander und hatten sich bald nichts mehr zu sagen. Also begann sie abends länger zu arbeiten, oder sie verabredete sich noch mit Freunden. Mit den Kindern war sie häufig am Anschlag. „Ich war müde, zermürbt, aggressiv.“ Sie habe sie angeschrien oder verbal verletzt. Zudem kapselte sich Ladina Matt immer mehr ab. Sie senkt den Kopf, blickt auf ihre hellen Hände und sagt: „Ich ging sogar räumlich auf Distanz. Und ich sprach nur noch wenig mit ihnen.“ Als auch die Gefühle wegblieben, war ihr klar: Sie musste etwas ändern.

Ladina Matt verliess ihren Mann, ihre drei Kinder, die noch im Schulalter sind, ihr Einfamilienhaus, ihr Dorf. Sie suchte sich am Rand von Luzern eine Wohnung und einen Neuanfang. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen, doch besser wurde es auch nicht. Sie kann heute kaum arbeiten. Schuldgefühle lähmen die Mutter. Sie fürchtet, ihre Abwesenheit hinterlasse Narben. „Ich müsste doch, ich müsste doch, ich müsste doch“, mahnt ihr Gewissen. „Ich müsste doch meine Kinder zudecken, wenn sie ins Bett gehen, ich müsste doch da sein, wenn sie morgens aufstehen, ich müsste doch hören, was sie beschäftigt.“

Ladina Matt freut sich, ihre Kinder nach der zweiwöchigen Trennung wieder in die Arme zu schliessen. Aber nach dem Wochenende ist sie auch gern wieder allein: „Sie zehren wahnsinnig an meinen Kräften.“ Wenn sie die Kinder nicht sehe, vermisse sie sie ein wenig, aber nicht fest. Sie sagt: „Noch ist meine Mutterliebe schwächer, als sie sein sollte. Ich hoffe, sie wird wieder so stark, wie sie einst war.“ Es ist scheinbar kein Verlass auf die Mutterliebe. Sie ist wie ein Pendel, das zwar fest verankert ist, aber nach allen Seiten ausschlägt.

Im Grunde genommen weiss Ladina Matt, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind. Da ist der Vater, da sind die Grosseltern, die beide im Dorf wohnen, die Nachbarn, die Bekannten, die Gspänli, die Lehrer. Trotzdem sorgt sie sich, dass ihre Kinder ohne sie nicht glücklich sind. „Schliesslich bin ich die Mutter.“

Die Rolle der Mutter sei vollkommen überbewertet, sagt Daniela Willi, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie: „Das Mutterbild wurde in den vergangenen zwanzig Jahren hochstilisiert, glorifiziert.“ Deshalb seien die heutigen Erwartungen an die Mütter manchmal unrealistisch. Die Pflichten beginnen bereits während der Schwangerschaft. Die angehende Mutter sollte einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen, den Gebärsaal besichtigen und Sachbücher zum Thema lesen. Dabei sei das alles nicht zwingend nötig, sagt Daniela Willi, denn: „Eine Geburt ist kein Event, sondern ein natürlicher Vorgang.“ Sobald das Kind auf der Welt ist, glaubt man zu wissen, dass seine ganze Entwicklung von der Mutter abhängt. Wird es dick, kann es nicht still sitzen, schreibt es schlechte Noten oder kommt es auf die schiefe Bahn, dann hat die Mutter versagt. Der Sündenbock ist gefunden, alle übrigen Faktoren werden ausgeblendet. Daniela Willi wünscht sich mehr Gelassenheit, weniger Druck. Sie sagt: „Eine Mutter ist eine Mutter. Basta.“

Buchtipp
Gaby Gschwend: Mütter ohne Liebe. Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Huber-Verlag, Bern 2009, 120 Seiten, ca. 26 Franken

Kann man ohne Mutterliebe aufwachsen?

Hallo, ich habe eine frage ich mache seit Februar eine Psychotherapie. Meine Therapeutin ist seit August in Elternzeit und ist wieder in der ersten November Woche da. Also wie es in der Überschrift steht meine Mutter kann mir keine Zuwendung und Liebe geben. Sie nimmt mich auch nicht in den Arm oder Sie sagt mir sogar nicht Mals dass Sie mich liebt. Sie hat mich zuletzt an meinem Geburtstag umarmt und das war letztes Jahr im Oktober. Das tut mir so weh und ich muss immer darüber weinen. Immer wenn ich Kinder sehe die von ihren Müttern umarmt werden , werde ich immer traurig , weil meine Mutter mir keine Liebe geben kann. Sie lehnt mich auch ab wenn ich mich zu ihr setze und Sie umarmen möchte. Und möchte das nicht. Gerade das zu schreiben fällt mir schwer ich kann wirklich nicht mehr. Meine Mutter hatte von ihren Eltern auch keine Liebe erfahren und hatte auch Probleme mit ihren Eltern. Ich weiß ,dass das dazu gekommen ist. Aber das ist so schwer wenn eine Kind von der Mutter keine Liebe erfährt und keine Zuwendung bekommt. Aber letztens als ich Abend im Bett lag hatte meine Mutter mich mit der Decke zugedeckt da hatte ich mich so gefreut. Sie macht mir auch Tee oder Sie kümmert sich auch um uns und wenn wir krank sind oder Sie kocht ja auch. Sie ist ja keine Rabenmutter. Doch wenn Sie mich küsst ist spüre ich ,dass Sie mich nicht liebevoll küsst und umarmt ganz kurz. Sie kuschelt sich ÄLiebe kann Sie halt nicht geben. Ich habe auch drei andere Geschwister und sie kriegen auch keine Mutterliebe. Ich weiß dass das meiner Mutter schwer fällt und dass Sie auch nichts machen kann. Doch mein Vater kann Liebe zeigen und umarmt uns immer. In meiner Kindheit hatte ich auch seelische und körperliche Missbrauch erlebt. Meine Therapeutin weiß auch Bescheid. Ich hatte mit ihr darüber gesprochen. Doch wir hatten bis August an ein anderes Thema gearbeitet. Ich Meine Therapeutin hatte mir gesagt: möchten Sie ,dass ich ihnen zeige wie Sie damit umgehen können. Ich wollte das auch Sie hatte mich sogar gefragt wollte ihre Mutter überhaupt auch Kinder. Ich möchte lernen wie man damit umgehen kann. Wenn meine wieder im November Woche da ist möchte ich dann das Thema mit ihr besprechen. Meine Frage ist zu welchen Thema gehört das in der Psychotherapie zu Schmerz oder zu Missbrauch.
Und hat jemand Erfahrungen über das Thema in der Psychotherapie gemacht oder habt ihr Tipps wie ich damit umgehen kann. Ich freue mich auf jede Antwort. Vielen Dank für eure Tipps!

„37 Grad“-Reportage „Nicht ohne meine Mutter“ zeigt drei bewegende Schicksale

„Mutterliebe ist das innige und unzerstörbare Sympathiegefühl einer Mutter zu ihrem Kind (eine Form der Liebe).“ Mit diesem Lexikoneintrag beginnt die ZDF-Sendung „Nicht ohne meine Mutter – Wenn die erste Liebe fehlt“. Nicht jedes Kind erfährt Mutterliebe – wie zum Beispiel die heute 35-jährige Michaela, die von ihrer Mutter misshandelt wurde und bis heute darunter leidet. Mit ihr trafen sich die Reporter der „37 Grad“-Reihe genauso wie mit Nadja und Selina: Drei bewegende Schicksale, die zeigen, was Mutterliebe bedeutet und welche tragischen Folgen es haben kann, wenn sie fehlt.

„37 Grad“: Nadja setzte ihr Kind aus

„Ich habe keine Erklärung dafür“, sagt Nadja (23) über ihre schreckliche Tat: Als sie ihr zweites Kind zu Hause bekam, nabelte sie es ab, wickelte es in ein Handtuch und stellte es in einem Karton hinter einem Stromkasten ab. Es dauerte drei Tage, bis ein Nachbar das erfrorene Kind fand. Kurz darauf ermittelte die Polizei anhand von DNA-Proben die Mutter des toten Kindes. Nadja bekam zehn Jahre Haft wegen Totschlags.

Wie kann es zu so einer Tat kommen? Nadja kann es sich bis heute nicht erklären, was sie am meisten quält: „Ich liebe Kinder eigentlich über alles. Ich verstehe selbst nicht, warum ich es gemacht habe.“ Zur Zeit der Geburt lebte Nadja völlig vereinsamt zusammen mit einem Partner, der sie schlug und ihr drohte, falls sie noch einmal schwanger werden sollte. Als sie dann schließlich tatsächlich ein Kind erwartete, war sie sich Alternativen wie Babyklappe bewusst. Doch mit dem Einsetzen der Wehen setzte Nadjas Verstand aus. Als „emotionalen Ausnahmezustand“ bezeichnen Neurobiologen die Situation nach einer Geburt. Denken und Fühlen seien dabei wie ausgeschaltet – und damit im Fall von Nadja auch jegliche Mutterliebe.

Ein Einzelfall? Keineswegs! Jede Woche wird in Deutschland ein Baby ausgesetzt, so die nüchterne Statistik. Nur etwa die Hälfte aller Säuglinge überlebt eine solche Verzweiflungstat der eigenen Mutter. Nicht jedes Neugeborene wird überhaupt gefunden, weiß die Polizei, und so ist die Dunkelziffer hoch.

Die Geburt kam vollkommen überraschend

Selina (22; Name von der Redaktion geändert) wurde mitten in der Nacht von der Geburt ihrer Tochter überrascht. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste sie nicht, dass sie überhaupt schwanger ist. „Es gibt unbemerkte Schwangerschaften – und gar nicht so selten. Das kommt hier in der Klinik sicher einmal im Monat vor“, erläutert Peter Seiffert, Chefarzt der Kinderklinik des St. Johannes-Hospitals in Duisburg, in deren Babyklappe Selina mit letzter Kraft das Kind nach der Geburt ablegte. Es war etwas zu früh geboren, unprofessionell abgenabelt und unterkühlt, doch es überlebte – dank Babyklappe.

Allerdings schwebte Selina kurz nach der Entbindung selbst in Lebensgefahr. Sie drohte zu verbluten und wurde in das selbe Krankenhaus eingeliefert, in das sie zwei Tage zuvor ihr Kind abgelegt hatte. Schnell vermutete Chefarzt Seiffert, dass Selina womöglich die Mutter des Babys sein könnte und er behielt recht. Nach einigen Gesprächen traf Selina auf ihre kleine Tochter. In diesem Moment fühlte sie zum ersten Mal Mutterliebe: „Als ich die Kleine auf dem Arm hatte, war es vorbei. Da wusste ich, dass sie bleibt!“

Michaela in „37 Grad“: Schläge, Kinderheim, Babystrich

Seiffert weiß: „Mutterliebe ist nicht automatisch da, wenn die Mutter sich vorher nicht auf die Geburt vorbereiten konnte.“ Doch trotz unbemerkter Schwangerschaft und den schwierigen Umständen der Geburt hat sich bei Selina eine tiefe Mutterliebe entwickelt. Eine Liebe, die, wie Experten wissen, Kinder prägt – genauso wie emotionale Kälte, Demütigung und Gewalt, die man in seiner Kindheit durch die Eltern erfährt, einen Menschen meistens ein Leben lang begleiten. Kinder, die so aufwachsen, werden wahrscheinlich immer in einem Angstzustand leben und immer Schwierigkeiten haben, Vertrauen zu anderen aufzubauen. „Wenn meine Mutter mein größter Feind wird, dann ist jeder Mensch mein größter Feind“, erklärt Thomas Litzenburger, Psychotherapeut in Markdorf.

Dieses Schicksal ereilte die heute in Essen lebende Michaela (35). Als Kind wurde sie brutal von ihrer Mutter geschlagen. Misshandlungen, die ihren weiteren Weg vorbestimmen sollten: Nachdem ihr von der eigenen Mutter mit Baseballschläger und Handfeger Finger und Hand gebrochen wurden, wurde das Jugendamt auf den Fall aufmerksam. Michaela kam erst in eine Pflegefamilie und mit elf Jahren in ein Kinderheim. Dort lauerten ihr Zuhälter auf, die sie „anfixten“ und auf den Babystrich schickten. „Ich war eins von den Bahnhofkids“, sagt Michaela fast 20 Jahre später. Auch Drogenprobleme ließen nicht lange auf sich warten. „Warum haben andere Leute Eltern, zu denen sie gehen können? Warum hast du das nicht?“, fragte sie sich damals.

„37 Grad“ zeigt eine Liebe, die ihr Ziel nicht findet

Kaum vorstellbar, doch bis heute hat Michaela den Kontakt zu ihrer Mutter nicht abgebrochen – obwohl gelegentliche Treffen immer im Streit enden. Psychotherapeut Litzenburger liefert eine einfache Erklärung: „Sie hat ja keine andere Mutter.“ Wie jeder andere Mensch sehne sich Michaela nach Mutterliebe – etwas, das sie nie erfahren hat. Stattdessen stößt sie immer wieder auf Ablehnung. Es entstehe dadurch eine Hassliebe, eine Liebe, die ihr Ziel nicht findet.

Unerwartet stimmt Michaelas Mutter im Rahmen der Sendung einem gemeinsamen Gespräch mit ihrer Tochter zu: Doch von Einsicht keine Spur. „Ich war eine Übermutter. Ich war zu ‚begluckend‘, vielleicht war das zu viel“, erklärt Michaelas Mutter was in der Kindheit ihrer Tochter falsch gelaufen sein könnte. Gleichzeitig gibt sie die Schuld weiter: „Michaela war ja selber auch schwierig. Sie hat viel gelogen, ging immer auf Distanz. Das fing an, als sie schon klein war.“ Über Schläge, Misshandlungen und Demütigungen spricht sie nicht. Sie scheinen für sie nie stattgefunden zu haben: Sie könne ihre eigenen Grausamkeiten nur ertragen, wenn sie es zu 100 Prozent verdrängt, vermutet Litzenburger.

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Doch dann kippt die Stimmung. Als die Mutter über die Zeit spricht, in der Michaelas Vater die Familie verließ, ihr Stiefvater zum Alkoholiker wurde, bricht sie in Tränen aus. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal meine Kinder schlage.“ Sie weiß, dass sie sich selbst belügt. „Für einen Fehler kann man ein Leben lang bezahlen“, sagt sie am Ende des Gesprächs, während Michaela weinend den Raum verlässt.

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Jugendliche, die in ihrem Leben keine Liebe erfahren haben – die als Kind nicht geliebt wurden, die ohne Mutterliebe, ohne liebevolles, behütetes Elternhaus aufwachsen mussten, denen man nur mit Kälte und Desinteresse begegnete – sind oft instabile Persönlichkeiten. Leichte Beute für zwielichtige Gestalten, die ihnen Anerkennung und Erfolg versprechen und sie auf die schiefe Bahn bringen. Werden solche jungen Menschen dann straffällig, sprechen Richter oft von einer ungünstigen Sozialprognose: der Weg ins Abseits scheint vorgezeichnet.

Auf geistlichem Gebiet kann man Ähnliches beobachten: Menschen, die sich immer tiefer in Sünde verstricken, weil sie nie die Liebe Gottes erfahren haben. Der Weg ins Abseits, in die Gottferne, in das ewige Getrenntsein von Gott scheint vorgezeichnet. Da beginnt nun unser Auftrag: Im Sünder den zu sehen, der nur sündigt, weil er die Liebe Gottes nicht kennt. Sich ihm zuzuwenden, damit er diese Liebe in seinem Leben erfahren kann. Damit schließlich aus der Erfahrung der Liebe Gottes der Wunsch nach Heil und Erlösung, nach Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde wächst.

Denn eines steht fest: Je stärker die Erfahrung der Liebe Gottes, umso weniger mächtig ist die Neigung zur Sünde.

Impuls aus einem Gottesdienst des Stammapostels (aus: „Unsere Familie“ 03/2018)

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