Imaginärer freund BEI erwachsenen

Da verwundert es wenig, dass diese Figuren oft im Tagebuch auftauchen, das als Person angesprochen wird: „Liebes Tagebuch …“ Die Psychologin Seiffge-Krenke berichtete in einer Untersuchung über die Tagebücher von 94 Jugendlichen, dass knapp die Hälfte der Schreiber mit einem imaginären, überwiegend weiblichen Gefährten lebte. Ein berühmt gewordenes Beispiel ist „Kitty“, die Anne Frank in ihrem Versteck vor den Nazis als enge Freundin erschaffen hat.

Dass imaginäre Begleiter von Jugendlichen aus Not oder Einsamkeit entstehen, ist jedoch nicht der Fall. Die Tagebuchschreiber in Seiffge-Krenkes Studie zeichneten sich durch ausgeprägte Empathie und soziale Kompetenz aus.

Sogar Erwachsene leben mit imaginären Gefährten, was jedoch von der Psychologie noch wenig erforscht wurde. Anders als bei James Stewart in dem Film „Mein Freund Harvey“, im dem ein zwei Meter großer Hase als loyaler Freund fungiert, liegen hier oft einschneidende Gründe vor.

Rückkehr der Partner

So gibt es medizinische Berichte, dass an Psychosen leidende Erwachsene solche Vorstellungen erzeugen, um ihre beengte Welt zu bewältigen. Als pathologisch würde wohl auch das kinderlose Ehepaar in dem Film „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ gelten, das vorgibt, es habe einen Sohn.

Auch kommt es vor, dass Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, den Verstorbenen in Halluzinationen erleben. Das kann im Extrem dazu führen, dass alte Menschen den toten Gefährten dauerhaft in ihr Leben zurückkehren lassen.

So berichtete der kanadische Psychiater Ken Shulman bereits vor mehr als 20 Jahren von drei über 80-jährigen Senioren, deren jahrzehntelange Ehepartner verstorben waren. Obwohl sie um den Verlust wussten, wunderten sie sich keineswegs über die Rückkehr des Gemahls oder der Gemahlin – eine Frau vermied sogar gezielt, das heikle Thema anzusprechen, um die Erscheinung nicht zu verscheuchen. Allerdings waren die Patienten alle bereits leicht senil. „Das waren Tröster und Gesellschafter“, sagt Shulman rückblickend.

Doch warum haben Wissenschaftler dieses Thema so lange gemieden? Es mag daran liegen, dass viele Kinder sich später ihrer imaginären Freunde kaum noch entsinnen. So berichtet Seiffge-Krenke von einem Treffen mit jungen Erwachsenen, die der Psychologin ihre Jahre zuvor verfassten Jugendtagebücher zur Verfügung gestellt hatten.

Als Inge Seiffge-Krenke eine der Frauen fragte, ob sie sich noch an ihre imaginäre Freundin „Kathrin“ erinnere, konnte diese sich außer dem Namen nichts ins Gedächtnis zurückrufen. Dabei hatte sie sich lange und intensiv mit Kathrin auseinandergesetzt. Der Grund dafür könnte sein, dass die Kinder und Jugendlichen stets die volle Kontrolle über ihre Figuren bewahren. Auch wenn sie den imaginären Begleiter nicht mehr brauchen: Dann lassen sie die einstigen Gefährten sterben – oder einfach verblassen.

Fantasiefreunde: Auslöser, Bedeutung, Risiken

Ich sehe was, was du nicht siehst: Wenn Kinder fantastische Freunde erfinden, machen sich Eltern oft Sorgen. Dabei sind die imaginären Begleiter sogar sinnvoll. Ein kleines Mädchen aus Nordrhein-Westfalen hatte gleich zwei davon.

Huks und Keus haben oft was kaputt gemacht. „Die machen nur Blödsinn!“ hat Neele dann geschimpft, die beiden an der Hand genommen und die Treppe zu dem großen Einfamilienhaus hochgezogen. „Das sind zwei ganz ungezogene Jungs.“ Ins Haus durften sie aber nicht. Nicht, weil ihre Mutter das nicht wollte. Neele hat es nicht erlaubt. Außer ihr konnte Huks und Keus ohnehin niemand sehen. Das kleine Mädchen hatte sich die beiden Freunde ausgedacht.

Fantasiefreunde: „Wo kommt das her?“

Neeles Mutter, eine moderne, schlanke Frau mit einer eckigen Brille sitzt an dem breiten Esstisch vor einem Kaffee und erzählt. „Ich habe nie gedacht, dass mein Kind keine Freunde hat und sich deshalb welche ausdenken muss“, sagt Anne Potthast. „Aber ich habe mich schon gefragt, wo das herkommt.“

Diese Sorgen kennt die Kinder- und Jugendpsychologin Katharina Ostermann. „Manchen Eltern sind solche Fantasiegefährten unheimlich. Eigentlich sind sie aber etwas Tolles.“ Denn der Expertin zufolge helfen sie Kindern dabei, ihre Identität zu entwickeln. „Dadurch, dass ein Gegenüber konstruiert wird, werden sich Kinder klarer über sich selbst.“ An einem Fantasiegefährten könnten sie sich spiegeln.

„Immer nur mit Mama spielen war wohl langweilig“

Imaginäre Wegbegleiter können alles sein: Menschen, Tiere oder fantastische Wesen. Oft denken sich Kinder einen Freund aus, manchmal auch jemanden, der vieles kann, was Kinder nicht können – oder einen Mutmacher, sagt Ostermann: „Wenn man ins Krankenhaus muss, war der Fantasiegefährte vielleicht schon da und weiß, wie das ist.“ Für die kleine Neele waren Huks und Keus zwei ordentliche Rabauken, die so manches Mal als Sündenbock herhalten mussten.

Neele ging noch nicht in den Kindergarten und ihr kleiner Bruder Nils war noch nicht auf der Welt, als sie sich die fantastischen Freunde erschuf. Bis zum nächsten Haus war es zudem ganz schön weit. „Immer nur mit Mama spielen war wohl langweilig“, sagt ihre Mutter.

Das sind mögliche Auslöser

Fantasiegefährten tauchten häufig in einem Alter auf, in dem die Vorstellungskraft eine bedeutende Rolle spiele, erklärt Ostermann. Manchmal seien es ganz konkrete Auslöser, die sie ins Leben riefen: die Geburt eines Geschwisterkindes, das die Aufmerksamkeit der Mutter in Anspruch nehme, oder die Trennung der Eltern, durch die der Vater fehle. Dann diene der Gefährte als Stellvertreter oder Bewältigungshilfe.

Bei Neele waren Huks und Keus einfach da. Mit Mutter, Vater und Nils, 17 Monate alt, wohnt das Mädchen im kleinen Lügde im Weserbergland. Neben dem Haus grasen zwei Kühe. Drinnen guckt Neele auf einer breiten Couch umringt von dicken Kissen eine Pippi Langstrumpf-DVD.

„Es sind häufig begabte, fantasievolle, gesunde Kinder, die Fantasiegefährten haben“, sagt Ostermann. „Die meisten können ganz klar erkennen, dass ihre Freunde nicht real sind.“ Mehreren Studien zufolge hat bis zu jedes fünfte Kind irgendwann so etwas wie einen imaginären Freund – in den unterschiedlichsten Formen. „Bei wenigen werden sie aber so prominent, dass sie über längere Zeit ausdifferenzierte Personen sind.“

Auch manche Teenager haben noch Fantasiefreunde

Huks und Keus hatten irgendwann keine Zeit mehr, mit Neele zu spielen – oder Neele mit ihnen. Die Vierjährige mit den kinnlangen blonden Haaren geht jetzt in den Kindergarten. „Viele Fantasiegefährten verschwinden mit Beginn der Schule“, so Ostermann, „auch, weil die soziale Kontrolle durch Gleichaltrige die Kinder daran hindert, das so offen auszuleben.“

Trotzdem gebe es auch Jugendliche, die imaginäre Freunde hätten. „Ein berühmtes Beispiel ist die Kitty, an die Anne Frank in ihrem Tagebuch schreibt.“ Die Mainzer Psychologie-Professorin Inge Seiffge-Krenke, die Tagebuchforschung bei Jugendlichen betrieben hat, ordne das dem Bereich der Fantasiegefährten zu. „Erwachsene nutzen die Fantasiewelt aber viel seltener für sich“, sagt Ostermann.

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Dass sie mal Fantasiegefährten hatten, wissen viele Kinder später von ihren Eltern. „Dann können sie nicht unbedingt unterscheiden: Ist das meine Erinnerung oder weiß ich es nur, weil meine Eltern es mir erzählt haben?“ Das mache die Forschung schwierig – und grenze sie häufig auf die Perspektive der Eltern ein. Irgendwann, nachdem sie weg waren, hat Anne Potthast ihre Tochter noch einmal nach Huks und Keus gefragt. „Aber da kannte sie sie schon gar nicht mehr.“

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Imaginärer Freund

Warum Sie die imaginären Freunde Ihrer Kinder ernst nehmen sollten

Hat das eigene Kind einen imaginären Freund fällt es Erwachsenen oder älteren Geschwistern oft sehr schwer diese Fantasiegestalten ernst zu nehmen.

Das verletzt viele Kinder nicht nur, sondern kann auch zu einem Vertrauensbruch in der Eltern-Kind-Bindung führen.

Imaginärer Freund – Wir zeigen Ihnen wie Sie diese Situation in der Erziehung Ihrer Kinder meistern.

Imaginärer Freund – Fantasiefreunde sind kein Grund nervös zu werden

Fast ein Drittel aller Kinder haben bis zur Einschulung oder auch danach einen imaginären Freund.

Ein Grund hierfür ist das Gehirn von Kindern.

Da die Anzahl an Erinnerungen noch relativ gering ist, verschwimmen in jungen Jahren Realität und Fantasie noch häufig.

Der Fantasie entsprungene Freunde sind jedoch kein Anzeichen für eine verzögert verlaufende Entwicklung oder eine geistige Störung.

Nicht selten haben Sie als Eltern durch das Erzählen von Geschichten oder dem Behandeln des Teddys wie ein Familienmitglied selbst die Basis für diese Fantasiegestalten gelegt.

Meist tauchen diese auf, wenn sich Veränderungen im Leben der Kinder abgespielt haben wie etwa wenn ein Freund mit seinen Eltern wegzieht oder sich ein neues Geschwisterchen ankündigt.

Der Fantasiefreund dient als emotionale Unterstützung die meist verschwindet, wenn sich das Kind mit den neuen Lebensumständen zurechtgefunden hat.

Imaginärer Freund – Unterstützen Sie Ihr Kind auch in dieser Entwicklungsphase

Solange der imaginäre Freund dem Kind keine Angst macht, besteht kein Grund diesen nicht freundlich willkommen zu heißen.

Manchmal genügt es diesen einen Guten Tag oder eine gute Nacht zu wünschen.

Einige Kinder fühlen sich dagegen ernst genommen, wenn der imaginäre Freund auch am Tisch platz nehmen darf.

Mit zunehmendem Alter steigt auch die Fähigkeit der Kinder ihre Gefühle auszudrücken.

Dadurch sinkt die Notwendigkeit Gefühle wie Trauer oder Wut stellvertretend durch einen imaginären Freund auszudrücken.

Imaginärer Freund – Was den Kindern dagegen immer positiv in Erinnerung bleiben wird ist das Sie sie auch in dieser Lebensphase ernst genommen und auch deren Fantasie nicht als pures Hirngespinst behandelt haben.

Das bildet selbst nach vielen Jahren noch die Basis sich auch in der Pubertät oder danach den Eltern anzuvertrauen.

Kinderpsychologie: Imaginäre Freunde bedeuten geistige Gesundheit

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Reiko war nicht gern drinnen. Er trieb sich immer draußen herum, wie dieses Mal, als die Familie auf einen Spielplatz um die Ecke gegangen war. Frederik, noch keine drei Jahre alt, hatte sich auf eine Schaukel gesetzt, seine Mutter wollte mit dem kleineren Bruder auf die zweite, leere Schaukel daneben. „Halt!“, schrie Frederik. „Da sitzt doch schon Reiko!“

Wenn Kinder imaginäre Freunde haben, hielten Experten das früher für eine gefährliche Sache. Der US-amerikanische Psychiater Benjamin Spock etwa, der bis in die 70er-Jahre hinein so gute Dinge tat wie das Werk Sigmund Freuds für die Kindererziehung anwendbar zu machen, hielt sie für ein Zeichen, das dem Kind etwas fehlte, etwa die Fähigkeit, mit anderen Kindern zu spielen. Andere Experten glaubten sogar, unsichtbare Freunde seien ein Vorbote psychischer Störungen.

Einzelkinder haben häufiger imaginäre Freunde

So fristete der imaginäre Freund ein trostloses Dasein und sorgte viele Eltern, bis Marjorie Taylor auftauchte. Die Psychologin von der University of Oregon untersucht seit ihrer ersten Studie im Jahr 1997, was für Kinder eigentlich imaginäre Freunde haben und was der unsichtbare Freund für sie bedeutet.

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Sie fand heraus, dass bei gut 65 Prozent aller Kinder – bevorzugt bei Einzelkindern und älteren Geschwistern – irgendwann einmal ein unsichtbarer Freund auftaucht. Mal für kurze Zeit, mal sogar über Jahre.

Ein wichtiges Kennzeichen ist, dass unsichtbare Freunde oft das gleiche Geschlecht und in etwa das gleiche Alter haben wie das Kind selbst, also gleichberechtigt sind – anders als Plüschtiere oder Puppen, die von Kindern in der Regel eher bemuttert werden oder andersherum von ihnen als Beschützer wahrgenommen werden. Oft treten die unsichtbaren Freunde zum ersten Mal in Übergangssituation auf, etwa wenn ein Geschwisterkind geboren wurde.

Mit Fantasie die eigenen Gefühle regulieren

Das bedeutet aber nicht, dass imaginäre Freunde nur zu Kindern kommen, die einsam sind oder Probleme haben – im Gegenteil. Der Psychologe Jerome Singer von der Yale University fand in Studien heraus, dass diese Kinder insgesamt kreativer und weniger schüchtern sind als andere, höhere soziale Kompetenzen haben und ein besseres Sprachgefühl. Andere Wissenschaftler bestätigten diese Funde.

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Ein unsichtbarer Freund ist also eher ein Indikator dafür, dass ein Kind fantasievoll versucht, die eigenen Gefühle zu regulieren und sich selbst in stressigen Situationen zu beruhigen. Ein imaginärer Freund kann das in diesem Alter wohl besser und zuverlässiger als die realen Freunde im gleichen Alter.

Und es funktioniert: Kinder, die kürzlich sehr negative Erfahrungen gemacht hatten, kamen in einer Untersuchung besser in ihrem Alltag zurecht, wenn sie einen imaginären Freund hatten. Das galt sogar bis ins Erwachsenenalter hinein.

Ein unsichtbarer Freund kann Eltern deshalb viel über die Wünsche oder Ängste ihres Kindes verraten. Frederik zum Beispiel ärgerte wohl einfach, dass seine Mutter mit dem kleinen Bruder schaukelte statt mit ihm. Meist aber war Reiko nicht so nah dran an der Familie. Er wartete lieber draußen im Baumhaus auf Frederik. So lange und geduldig wie vielleicht sonst niemand.

Apropos Gewalt: Sind eigentlich alle imaginären Wesen immer lieb und freundlich?

Nein, gar nicht. Etwa 40 Prozent der unsichtbaren Freunde sind immer lieb, immer bereit mitzuspielen. Fast ein Drittel der unsichtbaren Freunde sind hingegen des öfteren renitent und ungesittet: Sie fluchen, kommandieren herum, geraten in Schwierigkeiten.

Wie interpretieren Sie dieses erfundene Fehlverhalten?

Negative Themen sind für Kinder interessant. Sie wissen, dass man bestraft wird, wenn man ungezogen war. Ihre imaginären Freunde benehmen sich also daneben und müssen bestraft werden. Die Kinder verbannen sie in eine Ecke oder sie schimpfen mit ihnen. Imaginäre Freunde spiegeln immer auch, was ein Kind gerade beschäftigt.

Wie sehen denn typische Fantasiegefährten aus?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Idealtypische Fantasiefreunde gibt es nicht. Ich forsche nun seit über 20 Jahren auf diesem Gebiet. Wenn ich meine Mitarbeiter fragen würde, welche imaginären Freunde sie diese Woche entdeckt haben, wäre darunter mit Sicherheit irgendeine Form oder Art, von der ich noch nie gehört habe. Die Vielfalt ist enorm und erstaunlich: Sie reicht von kleinen Kreaturen, die im Kopf oder Hosensack leben, über kleine weisse Personen, die im Licht leben, bis zu Marsmenschen und allen Arten von Tieren. Sie können riesig sein, 1000 Jahre alt werden oder auch ganz kleine Babys bleiben. Viele Leute sind besorgt, dass die Vorstellungskraft der Kinder aufgrund des gesteigerten Medienkonsums abnimmt. Meine Forschung könnte entwarnen: Die Vielfalt bleibt konstant. Disney-Figuren etwa tauchen nur ganz selten unter den Fantasiegefährten auf. Das ist doch eine sehr interessante Tatsache. Es erstaunt mich immer wieder, was Kinder erfinden. Im Alter zwischen drei und vier sind sie unglaublich kreativ.

In welchem Alter tauchen imaginäre Freunde normalerweise auf?

Schon ab zweieinhalb. Sie sind aber auch bei Siebenjährigen noch weit verbreitet. Und sogar neun Prozent der Zwölfjährigen pflegen immer noch ihre imaginären Freunde.

Wie sollen Eltern diesen unsichtbaren Gespielen des Nachwuchses begegnen? Sollen sie die Kinder ernst nehmen?

„Ernst nehmen“ ist vielleicht kein zutreffender Begriff. „Bewusst darauf reagieren „, trifft es besser. Eltern reagieren höchst unterschiedlich auf die imaginären Freunde ihrer Kinder: Manche sind besorgt, weil diese sich daneben benehmen. Hat das Kind eine imaginäre Mutter, fragen sich die echte Mutter, warum ihr Kind eine imaginäre Mutter braucht. Andere wiederum sind stolz über die Kreativität ihres Kindes: Eines meiner Forschungs-Mädchen hatte eine kleine weisse Katze als Freundin, die im Schnee lebt und antarktisch spricht. Das machte den Eltern richtig Spass. Nicht wenige Eltern allerdings sind besorgt, dass ihr Kind nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann.

Jedes dritte Kind hat einen imaginären Freund

Spiel, das im Kopf stattfindet

„Den imaginären Spielkamerad kann man als Extremform des vorstellenden Spieles sehen“, sagt Hellgard Rauh, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam. Wenn mit knapp drei Jahren Kinder ins soziale Spiel einsteigen, verwandeln sich Plüschtiere, Legomännchen oder auch Autos in lebendige Wesen mit Charakter. Und irgendwann brauchen manche Kinder keine sichtbaren Dinge mehr. „Sie verlagern das Spiel komplett auf die innere Bühne“, sagt Rauh. Es sei jedoch denkbar, dass heutige Kinder oft bereits im Vorschulalter so viele Bilder und Szenen über die Medien vermittelt bekommen, dass sie seltener ihre eigene innere Fantasiewelt entwickeln.

Der Fantasiefreund muss ­dabei nicht immer ein paralleles Ich in Menschenform sein. Marjorie ­Taylor interviewte für ihre Studien 300 Kinder. Deren Gefährten waren Panther, Mäuse, Babys, Riesen oder Geister. Für manche wurde regelmäßig der Essenstisch mitgedeckt. Andere waren jahrelang Familienmitglieder.

Außergewöhnliche Abenteuer mit eingebildetem Spielkamerad

So ein Fantasiefreund ist sehr praktisch. „Ein eingebildeter Spielkamerad kann alles ausprobieren. Er kann gut oder böse sein, sich in gefährliche Situationen begeben und glücklich daraus hervorgehen. Er muss sich nicht an Regeln halten“, erklärt Hellgard Rauh. Und mit so jemandem erlebt man einfach auch Abenteuer, die mit Mama, Papa und normalen Kindern nicht funktionieren. Henri und mein Sohn sind gestern zusammen auf Wildschweinen durch den Wald geritten und haben mit Kanonenkugeln geschossen. Man stelle sich mal Mama auf dem Schwein vor!

Positive Erscheinung in der Entwicklung

Früher hatten Eltern oft Angst, dass ihre Kinder halluzinieren oder eine Schizophrenie entwickeln, wenn sie von ihren Fantasie­freunden erzählten. Doch längst ist klar, dass ein imaginärer Gefährte Teil der normalen Entwicklung und sogar eine positive Erscheinung ist. Deshalb können sich Mama und Papa entspannt zurücklehnen und freuen, wenn der Nachwuchs neue wilde Geschichten erzählt. „Besonders häufig haben Kinder mit viel Fantasie solche Freunde. Sie sind oft intelligent, kreativ und sprachlich sehr weit. Studien zeigen, dass sie sich ausgesprochen gut in andere Menschen hineinversetzen können“, sagt Rauh. Und ganz ehrlich: Ein Verbot würde die gesamte Familie um viel Spaß bringen. Unser Henri scheint übrigens ein echter Klugscheißer zu sein: Einem Hai wachsen ständig neue Zähne? Stimmt nicht, schüttelt das Kind den Kopf. Die fallen einfach aus. Hat Henri gesagt. Aha.

Kinder kommunizieren durch Fantasiefreund

Sollten Eltern lieber ­mitspielen oder den Freund ignorieren? „Heitere Akzeptanz ist der richtige Weg“, sagt Rauh. „Wenn Ihr Kind zu ­Ihnen kommt, spielen Sie mit!“ Marjorie Taylor rät zum genauen Zuhören. Denn manche ­­Kinder nutzen ihre Gefährten auch zur Kommunikation. Sie lassen die unsichtbaren Freunde andere Positionen vertreten oder mal den Sündenbock spielen. Eltern, die genau hinhören, wissen deshalb schnell, dass ihr Kind Angst vor dem Arzt hat, wenn dessen unsichtbarer Freund auf keinen Fall dorthin will. „Sind diese Wesen aber nicht mehr Begleiter oder Spielkameraden mit besonderen Fähigkeiten, sondern hat das Kind vor ihnen Angst und erlebt sie als bedrohlich, dann sollten Eltern professionellen Rat beim Kinderarzt oder der Kinderpsychologin einholen“, sagt Rauh.

Letztens ist Henri gestorben, er war schon uralt, schon 14 Jahre. Zum Glück ist er aber eine halbe Stunde später wieder auferstanden. Jetzt droht uns jedoch neues Ungemach. Henris Freunde sind aufgetaucht – die vier Olafs.

Imaginäre Freunde: Wenn Kinder sich in Fantasie flüchten

Freunde, die gar nicht existieren: Ist es ein Grund zur Sorge, wenn ein Kind einen imaginären Freund hat? Das sagen Experten.

„Und plötzlich gab es Timmy. Timmy war ein Freund meines Sohnes Michael und anfangs dachte ich, die beiden kennen sich aus dem Kindergarten. Doch als ich mich eines Abends auf das Sofa setzen wollte, es aber nicht durfte, weil angeblich Timmy schon dort sitzen würde, hatte ich begriffen: Michi kennt Timmy nicht aus dem Kindergarten, sondern aus seiner eigenen Fantasie. Er hatte sich einen imaginären Freund zugelegt. Und plötzlich war mir die Situation nicht ganz geheuer. Denn Michi sprach ständig von Timmy und den Abenteuern, die sie erlebten. Ich machte mir wirklich Sorgen um meinen Sohn. Mangelte es ihm an Aufmerksamkeit, nun da seine kleine Schwester auf der Welt war? Konnte er mit seinen vier Jahren Fantasie und Realität noch nicht unterscheiden? Fand er zu den anderen Kindern im Kindergarten keinen Anschluss und suchte deshalb Zuflucht in seiner Fantasie? Ich beschloss, den Kinderarzt bei unserem nächsten Besuch darauf anzusprechen …“

Ein imaginärer Freund: Grund zur Sorge?

So wie es Tina mit ihrem Sohn Michael erlebt, geht es vermutlich vielen Eltern, wenn sie entdecken, dass ihr Kind einen ausgedachten Begleiter hat. Experten schätzen, dass etwa ein Drittel aller Kinder einen Fantasiefreund hat – manchmal für längere Zeit, manchmal nur kurz. Manchmal haben sie mehrere Begleiter, manchmal nur einen. Mal sind es Menschen, mal Tiere oder Fabelwesen. Meist haben die unsichtbaren Begleiter aber das gleiche Geschlecht und das gleiche Alter wie das Kind selbst.

Natürlich stellen sich die Eltern allerhand Fragen: Ist der imaginäre Spielgefährte ein Hinweis auf ein Problem ihres Kindes, das ihnen bis jetzt entgangen ist? In der Tat wurde das Auftreten eines Fantasiefreundes bei Kindern früher oft als ungesundes Zeichen angesehen, das auf Missstände hinweisen könnte.

Mittlerweile sind die meisten Psychologen und Kinderärzte aber genau der gegenteiligen Meinung. So kam der Psychologe Jerome Singer von der Yale University zu dem Ergebnis, dass Kinder mit imaginären Freunden insgesamt bessere soziale Kompetenzen haben und kreativer und weniger schüchtern sind als andere Kinder. Auch sei ihr Sprachgefühl besser entwickelt als das von Gleichaltrigen. Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Vorstandsmitglied der Sektion Klinische Psychologie des BDP, fasst das Thema so zusammen: „Fantasie setzt Intelligenz voraus.“ Ein imaginärer Freund sei also nichts Schlechtes, sondern sogar etwas Wünschenswertes und ein Ausdruck von Kreativität und Verstand.

Entwicklung & Erziehung

Kinder und Freundschaft

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Warum erscheint der Fantasiefreund?

Welche Bedeutung hat der ausgedachte Gefährte also, wenn er nicht unbedingt für Vernachlässigung und Einsamkeit stehen muss? Im Alter von drei bis fünf Jahren denken sich Kinder am häufigsten einen Fantasiefreund aus. Das macht auch Sinn, denn zu dieser Zeit entwickelt sich das Sozialverhalten von Kindern besonders stark. Sie lernen neue Umgebungen, wie den Kindergarten, kennen und knüpfen erste richtige Freundschaften.

Kinder nutzen ihren imaginären Freund also dazu, neue Eindrücke und Erfahrungen zu verarbeiten. Ihr Fantasiefreund hilft ihnen dabei, die eigenen Gefühle zu verstehen und zu regulieren. So kann der imaginäre Freund ein Begleiter für Situationen sein, die dem Kind Angst machen. Er kann es an lästige Pflichten erinnern. Oder er kann einfach ein Spielgefährte sein, der dem Kind als gleichberechtigter Partner gegenübersteht – und nicht, wie Kuscheltiere, eher untergeordnet ist und vom Kind bemuttert werden muss.

So zeigen Untersuchungen, dass Kinder, die eine negative Erfahrung gemacht haben, im Alltag besser zu Recht kommen, wenn sie einen Fantasiefreund hatten. Das gilt sogar noch bis ins Erwachsenenalter hinein. So sieht das auch Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz: „Ein Fantasiefreund kann für Kinder ein Mittel sein, ihre Kreativität zu äußern und sie so als Mittel zur Kommunikation oder Problemlösung zu verwenden.“ Mithilfe ihres imaginären Freundes können Kinder so Problemlösungsstrategien erlernen. Sie können ihren Begleiter also als Klangbühne benutzen, die es ihnen erleichtert, eine Situation zu analysieren und eine Lösung dafür zu finden.

Der imaginäre Freund als Sprachrohr und Verbündeter

Kinder nutzen ihren ausgedachten Freund auch als Unterstützung. Ihr Freund kann Wünsche und Bedürfnisse äußern, die das Kind nicht kann. „Timmy mag aber keine Erbsen“ oder „Timmy geht immer eine Stunde später ins Bett und findet es doof, dass ich jetzt schon schlafen gehen muss.“ Dipl.-Psych. Ralph Schliewenz bezeichnet den Fantasiefreund deswegen auch als „Ersatzobjekt, mit dessen Hilfe Wünsche und Bedürfnisse befriedigt werden können.“ Durch ihren imaginären Freund können Kinder so beispielsweise Dinge äußern, von denen sie befürchten, dass sie den Eltern nicht passen. Denn die Akzeptanz von den Eltern ist für Kinder in diesem Alter besonders wichtig. Sie möchten das Gleichgewicht nicht zerstören und lassen deswegen ihren unsichtbaren Begleiter sprechen.

Wie sollen Eltern mit dem imaginären Freund umgehen?

Eltern wie Tina fragen sich natürlich, wie sie mit dem Fantasiefreund umgehen sollen. „Ich war mir nicht sicher, ob ich so tun sollte, als würde ich Timmy auch sehen oder ob ich das Thema eher ignorieren sollte. Unser Kinderarzt hat mir dann geraten, den unsichtbaren Besucher einfach als Gast zu betrachten, der immer kommt, wenn mein Sohn ihn braucht“, beschreibt Tina ihren Umgang mit dem Fantasiefreund. Und das ist auch, was Experten wie Ralph Schliewenz raten: Akzeptiere den neuen Freund deines Kindes. Beziehe ihn ruhig in Spiele mit ein oder decke den Tisch für eine Person mehr.

Hat der unsichtbare Kerl aber zum Beispiel Extrawünsche beim Essen, dann kannst du deinem Kind ruhig sagen, dass auch sein Freund sich an die Hausregeln halten muss. Und: Höre zu. Lasse dir von deinem Kind erzählen, wer sein neuer Freund ist, was er mag und nicht mag. Das kann dir viel darüber sagen, was dein Kind denkt und fühlt. Denn durch den imaginären Freund kann ein Kind seine Gefühle und Sorgen kommunizieren, über die es sich sonst nicht zu sprechen traut.

Meistens verschwindet der Fantasiefreund von alleine wieder, wenn das Kind gelernt hat, alleine mit seinen Gefühlen und Eindrücken umzugehen.

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Wann Eltern aufmerksam werden sollen

Ein imaginärer Freund ist also in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge. Aufmerksam sollten Eltern jedoch werden, wenn sich das Verhalten des Kindes plötzlich ändert. Es sich beispielsweise zurückzieht oder auf einmal aggressiv wird. Auch wenn Eltern das Gefühl haben, dass ihr Kind keine Kontrolle über seine Fantasien hat, sollten sie genau hinschauen. Schlägt dein Kind beispielsweise Einladungen von Gleichaltrigen aus, um mit seinem Fantasiefreund Zeit zu verbringen, bewegt sich die Imagination des Kindes vielleicht in eine nicht so gute Richtung. In solchen Fällen sollten Eltern regulierend – aber nicht wertend – eingreifen. Schlage deinem Kind zum Beispiel vor, den Fantasiefreund bei der nächsten Einladung einfach mit zu nehmen. Hast du das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, kannst du dich auch immer von deinem Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen beraten lassen.

Weshalb imaginäre Freunde unseren Kindern guttun

Ihr Kind hat einen imaginären Freund? Das ist kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil: Kinderpsychologin Ina Blanc erklärt im Interview, weshalb unsichtbare Freunde gut für Kinder sind und wie Eltern reagieren können.

Kindern tut es gut, in ihre eigene Fantasiewelt abzutauchen. Bild: Ina Blanc

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Von Eva Mell

Das Wichtigste in Kürze:

  • Es ist normal, wenn imaginäre Freunde einen Menschen bis zum Ende der Teenager-Zeit oder bis zum Anfang des Erwachsenenalters begleiten.
  • Personen, die als Kind imaginäre Freunde hatten, sind oft besonders kreativ.
  • Erfundene Freunde sind für Kinder eine Möglichkeit, Probleme zu bewältigen.

Ina Blanc, immer wieder kommt es vor, dass Kinder Freunde haben, die nur in ihrer Fantasie existieren, sogenannte imaginäre Freunde. Was genau macht so einen erfundenen Freund aus?

Ein imaginärer Freund kann zum Beispiel ein Stofftier sein, das animiert wird. Das heisst, das Kind tut so, als sei der Teddy oder der Hase eine echte Person. Die erfundenen Freunde können aber auch unsichtbar sein. Ein weiteres Beispiel für einen imaginären Freund ist, dass man sich beim Tagebuchschreiben an jemanden richtet. Das hat zum Beispiel Anne Frank getan, die in ihrem Tagebuch die Einträge mit „Liebe Kitty“ begann.

Wie viele Kinder haben solche imaginären Freunde?

Es gibt verschiedene Studien dazu, die Unterschiedliches aussagen. Eine Studie, die ich kenne, sagt, 18 bis 30 Prozent der Kinder unter 7 Jahren hatten schon einmal solch einen Freund. Eine andere Studie spricht sogar von bis zu 65 Prozent der Kinder. Meistens verschwinden die imaginären Freunde übrigens spätestens am Ende der Teenager Zeit oder im frühen Erwachsenenalter.

Warum haben Kinder solche Freunde? Aus Einsamkeit? Oder vielleicht, weil sie besonders kreativ und fantasievoll sind?

Beides spielt eine Rolle. Einerseits bieten erfundene Freunde die Gelegenheit zum Rollenspiel. Man kann in einem sicheren Umfeld verschiedene Rollen oder Coping-Strategien ausprobieren. Man kann zum Beispiel auch mal ganz böse sein und mit diesem imaginären Freund schimpfen. Das Kind erschafft sich voller Kreativität seine eigene Welt. Es kann sein, dass es das aus Langeweile oder Einsamkeit tut, es muss aber nicht sein, denn Spiel mit imaginären Freunden ist oft einfach Teil einer gesunden Entwicklung.

Gibt es Umstände, die das Erscheinen solcher erfundenen Freunde begünstigen?

Man hat tatsächlich beobachtet, dass Kinder eher imaginäre Freunde haben, wenn sie mit Umbrüchen, wie Entwicklungsschritten konfrontiert sind, wenn sie Angst haben oder mit Mobbing umgehen müssen. Kinder können auch schwierige Situationen im Spiel mit imaginären Freunden besser verarbeiten. Wenn das Kind gewisse Situationen nachspielt, geht es ihm aber auch einfach darum, im Spiel die Kontrolle zu behalten und neue Verhaltensweisen im sicheren Umfeld zu erproben.

Also muss ich mir Gedanken machen, dass mein Kind Probleme verarbeiten muss, wenn es einen imaginären Freund hat?

Das kommt auf das Umfeld und das übrige Verhalten des Kindes an. Wenn ein Kind sich allgemein gut entwickelt und unauffällig ist und auch richtige Freundschaften mit anderen Kindern hat, müssen Eltern in der Regel nicht besorgt sein. Studien zeigen sogar, dass Kinder, die imaginäre Freunde gehabt haben, als Erwachsene eher kreativ und sozial kompetent sind. Sie verfügen oft über eine ausgeprägte Resilienz, haben gute sprachliche Fertigkeiten und besonders viele soziale Aktivitäten mit Freunden oder Familie. Man kann aber nicht sagen, Kinder haben diese Fertigkeiten, weil sie erfundene Freunde haben, sondern es tritt einfach dieser Zusammenhang auf.

Das heisst: Imaginäre Freunde sind kein Grund zur Sorge, sondern sogar positiv?

Imaginäre Freunde sind eine Art Fantasiespiel. Spielen allgemein ist sehr gesund für Kinder, da sie sich ihren eigenen Zeit-Raum schaffen, natürlich unter dem Vorbehalt, dass sie zwischen Wirklichkeit und Vorstellung unterscheiden können. Dass sie das nicht tun, ist aber sehr selten und dann handelt es sich eigentlich nicht mehr um imaginäre Freunde. Man muss aber natürlich immer das Spiel mit imaginären Freunden im ganzen Kontext des Kindes betrachten.

Sie arbeiten regelmässig mit klinischer Hypnose, um Kindern bei Problemen zu helfen. Ist der Umgang mit einem erfundenen Freund so etwas wie Selbsthypnose, mit der sich die Kinder selber helfen?

Absolut. Ein Kind merkt ja sehr schnell, dass es der Aussenwelt gewissermassen ausgeliefert ist. Oft können Kinder ja sehr viel weniger verändern als Erwachsene. Aber was man immer verändern kann, ist das innere Empfinden.

Wie denn?

Indem man Fantasiebilder erzeugt. Man ist absolut frei etwas zu erschaffen, womit man sich wohlfühlt, egal was aussen herum passiert. Kinder, die die Fähigkeit haben, in ihre eigene Welt abzutauchen, ertragen negative Erlebnisse und sogar Traumata viel besser, solange sie die beiden Welten unterscheiden können.

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind einen erfundenen Freund erwähnt?

Eltern können ganz unbesorgt sein. Ich würde aber nicht zu viele Fragen über den imaginären Freund stellen. Das ist die Intimsphäre des Kindes.

Und wenn der imaginäre Freund für Ärger sorgt? Wenn das Kind etwa sagt, er sei es gewesen, der etwas kaputt gemacht hat?

Wenn das Kind zum Beispiel sagt, „Der Teddy hat die Vase kaputt gemacht“, können Eltern antworten: „Es ist nicht so wichtig, wer sie kaputt gemacht hat, es muss jetzt aber aufgeräumt werden.“ Man sollte die Aussage des Kindes nicht total in Frage stellen, aber einfach deutlich machen, dass das Kind die Konsequenzen tragen muss.

Die meisten Eltern wünschen sich für ihre Kinder einen großen Freundeskreis und viele Spielgefährten. Gemeinsame Ausflüge auf den Spielplatz oder Treffen am Nachmittag ‒ das gemeinsame Spiel nimmt im Leben von Kindern einen wichtigen Platz ein. Beim Spielen verarbeiten die Kinder ihre alltäglichen Erlebnisse und setzen ihre kreativen Ideen um. Die gemeinsame Zeit mit Gleichaltrigen ist für Kinder wichtig, da sie so ihr Sozialverhalten ausbilden und stärken. Nicht zuletzt machen sie durch die Interaktion mit anderen Kindern Erfahrungen mit Erfolg und Misserfolg und lernen dabei, sich anzupassen. Obwohl sie viele Spielkameraden haben und Zeit mit Eltern und Verwandten verbringen, entwickeln manche Kinder die Vorstellung von einem Freund, der nur in ihren Gedanken existiert.

Eltern ist dieses Verhalten häufig fremd und sie fragen sich, ob mit ihrem Kind vielleicht etwas nicht stimmt. Eines gleich vorweg: Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, wenn ein imaginärer Freund einen festen Platz im Leben Ihres Kindes hat. In der Psychologie gilt es seit Langem als veraltet, einen imaginären Freund als problematisch anzusehen. Vielmehr ist er ein Ausdruck kindlicher Kreativität und Fantasie. Sie sollten Ihrem Kind daher nicht zu verstehen geben, es sei falsch oder „böse“, mit dem unsichtbaren Freund zu kommunizieren. Kinder haben sonst das Gefühl, sich ihren Eltern nicht öffnen zu können und verschließen sich vor der Umwelt. Stattdessen sollten Sie versuchen, zu verstehen, warum sich Ihr Kind einen imaginären Freund erschafft. Man kann zwischen drei unterschiedlichen Typen von imaginären Freunden unterscheiden: der Spielgefährte, der Verbündete und der Beschützer.

Imaginärer Freund: Welche Bedeutung hat er?

Im Alter von drei bis fünf Jahren bilden Kinder ihr Sozialverhalten besonders stark aus und schließen erste richtige Freundschaften. Dies ist die Zeit, in der Kinder sich am häufigsten einen unsichtbaren Freund ausdenken. Auf viele Eltern wirkt die Selbstverständlichkeit, mit der ihr Kind das unsichtbare Wesen, dem sie häufig einen Namen geben, in den Alltag einbezieht, befremdlich. Hier einige Beispiele: „Setz dich da nicht hin, Papa, da sitzt Nico schon“; „Nico möchte auch essen“ oder „Nico und ich möchten noch nicht schlafen gehen“.

Auch wenn Sie den imaginären Freund nicht sehen können: Für das Kind ist er wirklich da, deshalb ist es auch vollkommen normal, mit ihm zu interagieren. Kinder grenzen sich im Spiel mit ihrem imaginären Freund von der Außenwelt ab und verarbeiten so die Eindrücke und Erlebnisse des Tages. Sie benötigen diese Zeit, um ihre Emotionen und Gedanken zu ordnen. Vor allem Einzelkindern hilft ein imaginärer Freund dabei, sich über ihre Erlebnisse auszutauschen.

Zudem kann ein imaginärer Freund ein Verbündeter sein. Sollen sie zum Beispiel ins Bett gehen oder ihr Gemüse aufessen, nutzen Kinder den erdachten Freund als Unterstützung: „Nico möchte dies und das auch nicht“ oder „Nico findet das aber auch doof“. Durch den Einsatz eines Verbündeten versuchen sie, ihren Wünschen mehr Gewicht zu verleihen. Ein imaginärer Freund kann auch die Funktion des Beschützers übernehmen. Insbesondere Kinder mit älteren Geschwistern wünschen sich manchmal einen gleichaltrigen Kameraden, der ihnen beisteht, wenn sie von den Geschwistern geärgert werden.

Wie sollten sich Eltern verhalten?

Für Eltern ist es nicht immer einfach, einen imaginären Freund zu akzeptieren. Machen Sie jedoch nicht den Fehler, das Kind nicht ernst zu nehmen. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über den unsichtbaren Begleiter und lassen Sie sich mehr von dem Freund erzählen. Die Akzeptanz der Eltern und der Verwandten ist für Kinder in diesem Alter von großer Bedeutung. Situationen, in denen „Nico“ mit am Tisch sitzen soll oder auch beim Fernsehen dabei ist, sollten Eltern ebenfalls mit Gelassenheit angehen. Bieten Sie dem imaginären Freund einen Teller an oder fragen Sie das Kind, was der Freund essen möchte.

Meistens verschwindet ein imaginärer Freund von ganz allein, wenn das Kind gelernt hat, mit seinen Emotionen und Gedanken umzugehen. Sollten sich Kinder aber immer mehr zurückziehen und sich ganz bewusst für längere Zeit von der Außenwelt abwenden, können Sie sich vom Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen beraten lassen.

Betrachten Sie einen imaginären Freund als Zeichen dafür, dass Ihr Kind eine ausgeprägte Fantasie hat und sich selbstständig Möglichkeiten sucht, um Geschehnisse besser verarbeiten zu können. Gehen Sie auf die Bedürfnisse des Kindes ein und belächeln Sie sie nicht. Am einfachsten ist es für Eltern, den imaginären Freund als einen lieben Gast zu behandeln; er bleibt eine Weile in der Familie und geht dann von allein wieder.

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