Homeschooling in deutschland

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Homeschooling und Freilernen: Eltern gegen Schulpflicht

„Der 29. August 2013, als morgens um zehn nach acht 40 Behördenvertreter vor der Tür standen, das war für uns der schrecklichste Tag“, sagt Dirk Wunderlich. Polizei und Jugendamt holten die vier Kinder aus der Familie und brachten sie in ein Heim. Aus den Akten erfuhren die Eltern, berichtet der Vater der DW, dass die Behörde Gefahr im Verzug angab, weil er Nachbarn ein Jahr zuvor gesagt haben sollte, dass er seine Kinder lieber töten, als zur Schule schicken wollte. „So ein Käse“, sagt Wunderlich: „Das muss man sich mal vorstellen!“ Er nennt die Vorwürfe „konstruiert“, um im Eilverfahren die Kinder aus der Familie zu nehmen und so die Schulpflicht durchzusetzen.

Drei Wochen später kamen die Kinder zurück zu den Eltern. Ihr Leistungsstand war vergleichbar mit Gleichaltrigen. Die Familie hatte sie mithilfe einer christlichen Fernschule unterrichtet. Die Eltern hatten noch kein volles Sorgerecht, man habe ihnen verboten, nach Frankreich auszureisen, sagt Wunderlich. Dort ist Homeschooling ebenso zugelassen wie in angelsächsischen und anderen Ländern: Eltern können ihre Kinder – unter bestimmten Auflagen und Kontrollen – zu Hause unterrichten.

Pflichtprogramm: Ab etwa sechs Jahren gilt für Kinder in Deutschland die Schulpflicht – Details regeln die Bundesländer

Unter Druck stimmten die Wunderlichs schließlich dem Schulbesuch in Hessen zu. Dass aber die Behörden damals so massiv in ihre Elternrechte eingriffen, dagegen haben sie geklagt vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Der hatte 2006 schon einmal festgestellt, dass die deutsche Schulpflicht mit dem Europäischen Recht vereinbar sei. Der UN-Sonderberichterstatter Vernor Munoz mahnte im selben Jahr: „Die Förderung und Entwicklung eines Systems von öffentlicher, staatlich finanzierter Bildung sollte nicht die Unterdrückung von Bildungsformen zur Folge haben, die keine Anwesenheit in einer Schule erfordern.“

Bei Verletzung der Schulpflicht: Bußgelder und Haftstrafen

In ganz Deutschland müssen seit 1919 alle Kinder und Jugendlichen eine Schule besuchen. In den meisten Bundesländern ist die Schulpflicht in der Landesverfassung festgeschrieben. „Eine generelle Befreiung von der Schulpflicht aus pädagogischen oder religiösen Gründen ist nicht zulässig“, teilte die Kultusministerkonferenz (KMK) der DW mit. Die Schulpflicht schränke die Grundrechte der Eltern und Schüler „nicht in unzulässiger Weise“ ein. Ausnahmen gibt es nur bei schweren Erkrankungen, Kindern von Diplomaten oder Schaustellern.

Die Verletzung der Schulpflicht gilt in den meisten Bundesländern als Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld geahndet wird. In Hessen können Haftstrafen bis zu sechs Monaten verhängt werden. Deutsche Behörden und Gerichte betonen, dass die Schulpflicht dazu diene, allen die demokratischen Werte des Grundgesetzes zu vermitteln. Sie sorge dafür, dass sich niemand in Parallelgesellschaften absondere oder dem Dialog mit Andersdenkenden verschließe. Dirk Wunderlich weist den Verdacht der Abschottung zurück: Kinder von Heimschuleltern seien oft in Vereinen aktiv, seine Kinder seien im ganzen Ort und darüber hinaus mit unterschiedlichsten Menschen vernetzt, dafür habe er dem Familiengericht viele Zeugen präsentiert.

Was haben Eltern gegen den Schulbesuch?

Dirk und Petra Wunderlich sind Gärtner, haben Abitur, sind beide zur Schule gegangen – „gar nicht mal ungern“, sagt Dirk Wunderlich. Heute aber könnten die Lehrer den Stoff gar nicht mehr in der Schule vermitteln, die Kinder müssten das meiste außerhalb der Schule leisten, sagen die Wunderlichs, außerdem wollten sie eng als Familie zusammenleben: „Man lernt am besten im Familienverband – alles, was man zum Leben braucht.“ Sie hätten immer angeboten, sich von Jugend- und Schulamt jederzeit kontrollieren zu lassen.

Audio anhören 07:51

Fragen an Dirk Wunderlich: Warum sollten Ihre Kinder nicht zur Schule gehen? (MP3)

Ihre Kinder gingen nur ein dreiviertel Jahr zur Schule. „Sie hatten Kopfschmerzen von diesem Krach und haben so viele Hausaufgaben aufgehabt, dass nichts mehr vom Tag übrig blieb“, erinnert sich Dirk Wunderlich, „ein verlorenes Jahr für uns alle“. Danach blieben die Kinder zuhause, heute ist nur noch die jüngste Tochter schulpflichtig.

Die Entscheidung aus Straßburg, sagt Dirk Wunderlich, habe für seine Familie keine praktischen Auswirkungen, ihr drohe von den Behörden „keine Gefahr“ mehr. Ein weiteres Signal aus Straßburg an deutsche Schulbehörden, dass sie alles richtig machten, fände er traurig: „Bedauerlich ist es für die anderen Eltern in Deutschland, die ihre Kinder selbst unterrichten.“

Homeschooling, Unschooling, Freilerner

Wie viele Eltern sind betroffen? „Schätzungen gehen von bundesweit zwischen 500 und 1000 Fällen von Homeschooling aus“, schreibt die KMK: „Es gibt aber keine verlässlichen Zahlen.“ Nicht alle Eltern, die ihre Kinder zuhause lernen lassen, nennen das Homeschooling. Einigen geht es um „Unschooling“, keine Beschulung. So sehe das die wachsende Bewegung der „Freilerner“, sagt Thomas Stein (alle Namen geändert), Vater von drei Söhnen. Zusammen mit anderen Eltern wollten die Steins eine Reformschule gründen, die ganz an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet ist, doch das scheiterte.

Nach dem Aufstehen Schach statt Schule: Jakob und Anton Stein (Namen geändert) lernen ohne Lehrplan

Weil er die Kinder ganz im eigenen Rhythmus lernen lassen will, begleitet der Freiberufler jetzt Jakob (11), Anton (9) und Max (5) zuhause. Er arbeitet am frühen Morgen. Sie müssen nicht um sechs aus dem Bett, die Jungen lesen, sehen Dokumentationen, spielen, recherchieren über Polarexpeditionen oder das Weltall und reden sehr viel miteinander, berichtet der Vater. Er räumt ein: „Das ist wahnsinnig anstrengend. Man streitet sich auch oft.“ Wie genau sie die Schulpflicht umgehen, will er nicht sagen. Grundsätzlich sind Kinder in Deutschland nicht mehr schulpflichtig, wenn sie mehr als 50 Prozent des Jahres im Ausland leben.

„Schulpflicht schützt nicht vor Extremismus“

Die Steins hätten sich viele Gedanken gemacht, ob sie ihre Kinder mit der Entscheidung zu Außenseitern machten, erinnert sich Thomas Stein. Über Fußball- und andere Vereine und Kurse hätten beide vielfältige Kontakte und seien auch oft bei Freunden. Die Schule ist in seinen Augen nicht der „melting pot“, in dem sich alle Gruppen und Schichten mischten. Wenn diese Mischung das Kriterium sei: „Dann müsste ich jede Menge katholischer Internate sofort verbieten, weil es da einfach nicht passiert.“

Familie Stein (Name geändert) auf Bildungstour: Mit den Eltern ins Museum statt in den Schulunterricht

Zur Frage der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden und demokratischer Kultur entgegnet er, trotz der Schulpflicht gebe es weiter Misshandlungen, Nazi-Familien und sonstige Extremisten: „Wenn man in Studien Deutschland vergleicht mit England, USA oder Frankreich bei der Verbreitung von Vorurteilen und ähnlichem, sind die in all diesen Gesellschaften mehr oder weniger gleich verteilt.“ Das Freilernen sei sicher nicht für jedes Kind und jede Familie ein gutes Modell und umgekehrt würden auch Menschen durch die Schule traumatisiert. Eine befreundete Hauptschullehrerin habe berichtet: „Ich mache Elendsverwaltung, die lernen nichts bei mir. Ich bin froh, wenn die ruhig sind.“

„Das Recht, ohne Schule ein normales Kind zu sein“

Ihren Kindern wollen die Steins die Grundlagen mitgeben, das Handwerkszeug, mit dem sie sich die Welt erschließen können, sagt Stein. Durch das Internet sei Wissen keine Mangelware mehr. Wenn die Kinder später Schulabschlüsse machen wollten, könnten sie das in allen Bundesländern tun. Erfahrungen anderer Freilerner zeigten, dass Kinder das schaffen, wenn sie es wirklich wollten. „Aber vielleicht bin ich, wenn die 16 sind, auch nicht mehr so entspannt“, überlegt er.

In Deutschland verboten: Die Kinder der Familie Stein (Name geändert) lernen nicht in der Schule, sondern zuhause

Und wenn seine Söhne doch mal in die Schule wollen? „Dann gehen sie da hin, unbedingt!“ Er wünsche sich ein offenes System, wo Schüler wählen, wo sie hingehen, und Lehrer mit mehr Freiheit und weniger Zwang ihre Schüler besser begeistern könnten. Thomas Stein will Schulen nicht abschaffen, auch die Freunde der Kinder seien „super Kinder“: „Es geht einfach um das Recht, auch ohne Schule ein ganz normales Kind sein zu dürfen in Deutschland.“ Das könne nicht in Europa entschieden werden, „das muss man in Deutschland lösen“.

Schulgegner aus Hessen sind mit ihrer Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gescheitert. Die Eltern hatten ihre Kinder zu Hause unterrichtet und sich der Schulpflicht widersetzt. Daraufhin waren die Kinder von der Polizei abgeholt und sogar zwischenzeitlich von ihren Eltern getrennt worden. Die Straßburger Richter hielten nun fest, dass mit dem teilweisen Sorgerechtsentzug zwar das in Recht der Eltern eingegriffen worden sei, die Gründe dafür seien aber „relevant und ausreichend“.

Der Hintergrund: In Deutschland gilt seit genau hundert Jahren die Schulpflicht. Das bedeutet, jedes Kind zwischen 6 und 15 Jahren muss eine Schule besuchen, entweder eine öffentliche oder eine staatlich genehmigte private Ersatzschule. Eine generelle Befreiung von der Schulpflicht aus pädagogischen oder religiösen Gründen ist nicht zulässig.

Der Rechtsanwalt Andreas Vogt hatte die Eltern in Deutschland bis einschließlich zum Bundesverfassungsgericht vertreten. Der Streit um das nicht erlaubte Homeschooling ist einer der Tätigkeitsschwerpunkte des im nordhessischen Eschwege niedergelassenen Anwalts. Sollte es ein Menschenrecht sein, seine Kinder zu Hause unterrichten zu dürfen?

ZEIT ONLINE: Die Familie, über deren Individualbeschwerde der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte heute entschieden hat, wollte ihre Kinder nicht zur Schule schicken. Warum?

Vogt: Die Eltern berufen sich auf ihr natürliches Elternrecht. Sie sind davon überzeugt, dass ihre Kinder besser lernen, wenn sie keine Schule besuchen. Auch aufgrund ihrer eigenen Schulerfahrungen halten sie nichts von der unbedingten Pflicht zum Schulbesuch. Das Oberlandesgericht Frankfurt am Main stellte bei seinem Beschluss im August 2014 auch fest, dass der Bildungszustand der Kinder keineswegs besorgniserregend und ihre Sozialkompetenz mitnichten eingeschränkt ist.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie: Ist es ein Menschenrecht, seine Kinder zu Hause zu unterrichten?

Vogt: Definitiv. Dieser Bildungsweg ist fast überall auf der Welt möglich, auch in westlichen Ländern. So rigide und repressiv wie Deutschland agiert in Europa kein anderer Staat.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet der Ausgang des Urteils für deutsche Schulgegner?

Vogt: Die Entscheidung des Gerichtshofs ist natürlich erst einmal enttäuschend. Jetzt muss das Urteil gründlich analysiert werden. Aber die Eltern haben ja bereits angekündigt, in Berufung zu gehen. Es ging in Straßburg um Ereignisse aus dem Jahr 2013. In demselben Fall haben die Eltern bereits 2014 ja die elterliche Sorge komplett zurückerhalten. Und so ist es auch in der Regel in den Fällen, die ich seither vertreten habe.

ZEIT ONLINE: Was genau meint man eigentlich mit Homeschooling?

VOGT: Der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin versteht unter Homeschooling die systematisch geplante Organisation von Unterricht und Erziehung für schulpflichtige Kinder und Jugendliche. Es verlangt, dass es spezifisches Lehr- und Lernmaterial gibt und dass das häusliche Umfeld den regulären Schulunterricht teilweise oder ganz ersetzt. Aber nicht jeder, der seine Kinder „schulbesuchsfrei“ lernen lässt, praktiziert Homeschooling. Daneben gibt es auch die Bewegung der sogenannten Freilerner, die eher die subjektiven Bedürfnisse und den natürlichen Lerndrang des Kindes befördern. Die Erfahrung zeigt, dass solch ein alternativer Bildungsweg durchaus zielführend beschritten werden kann.

ZEIT ONLINE: Welche der Gruppen überwiegt?

Vogt: Ich würde sagen, in Deutschland überwiegt tendenziell ein Freilernen, aber das mag eine selektive Wahrnehmung sein. In der Praxis kommt es ohnehin regelmäßig zu Mischformen. Gewiss gibt es auf der einen Seite konservative Religiöse, auf der anderen Seite emphatische Kinderrechtler. Insgesamt aber ist die Bewegung sehr heterogen und nach meiner Erfahrung längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Soziologe Thomas Spiegler zum Beispiel weist darauf hin, dass es neben der Kritik am wenig selbstbestimmten, unflexiblen Lernen in der Schule vor allem drei Punkte sind, die immer wieder sichtbar werden: Werte, Wissen und Wohlergehen.

ZEIT ONLINE: Was denken die Kinder dieser Eltern, die Sie vertreten? Vermissen nicht manche die Schule?

Vogt: Nein. Sehr oft ist die Ablehnung des Schulbesuchs gerade Ausdruck des Willens des betroffenen jungen Menschen. Es sind also nicht die Eltern, die davon überzeugt sind, dass die Kinder besser zu Hause bleiben, sondern die Kinder selber. Sie fühlen sich unwohl in der Schule, sie bekommen Bauch- oder Kopfschmerzen, sie wollen nicht mehr an diesen Ort gezwungen werden. Viele Betroffene mit Schulerfahrung erkennen, dass es ihnen schulbesuchsfrei besser geht, gerade auch beim Lernen.

ZEIT ONLINE: Wie viele Familien stellen sich gegen die Schulpflicht? Die Kultusministerkonferenz schätzt, dass es um 500 bis 1.000 Kinder geht.

Vogt: Es dürften deutlich mehr sein.

ZEIT ONLINE: Die Schule ist doch so viel mehr als nur ein Ort, an dem Mathe, Bio oder Englisch gelehrt und gelernt werden. Hier werden soziale Kontakte geknüpft, Freundschaften geschlossen, Kompetenzen erlernt im Umgang mit Menschen, die einem nicht ähnlich sind und die man sich nicht ausgesucht hat. Verliert sich das nicht, wenn man nur seine eigenen Kinder am Küchentisch unterrichtet?

Vogt: Diese Kinder sind ja nur aus der Schule, aber nicht aus der Welt. Soziale Kompetenzen können sehr wohl auch außerhalb eines Schulgebäudes erlernt werden, zum Beispiel in Sportvereinen und Orchestern oder bei den Pfadfindern.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich auf Fälle spezialisiert, in denen Eltern ihre Kinder von der Schulpflicht befreien lassen wollen. Was fasziniert Sie als Anwalt daran?

Vogt: Ich bin zu dem Thema vor elf Jahren eher zufällig gekommen und ich gebe zu, auch ich hatte zunächst meine habituell bedingten Vorurteile. Doch je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, je mehr betroffene Familien ich kennenlernte, desto mehr habe ich verstanden, dass diese Absolutheit der Schulpflicht ernsthaft zu hinterfragen ist. In Deutschland wird das ganze familiäre Leben durch den Käfig der Schulpflicht determiniert. Diese Ausweglosigkeit ist eine nicht gerechtfertigte Freiheitsverkürzung. Schließlich geht es um die Verteidigung eines klassisch liberalen Anliegens und des Subsidiaritätsprinzips.

ZEIT ONLINE: Inwieweit spielt der Umgang zwischen Lehrern und Schülern und Schülern untereinander auch eine Rolle? Zum Beispiel Fälle von Diskriminierung oder Mobbing?

Vogt: In manchen Fällen gibt das den Ausschlag. Mitunter fühlen sich Schüler durch Mitschüler oder Lehrer herabgesetzt und damit beginnt die Ablehnung der Schule.

ZEIT ONLINE: Sind Sie also ein Gegner der Schulpflicht?

Vogt: Selbstverständlich hat der Staat ein Wächteramt, aufgrund dessen er einzugreifen hat, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Die Erziehung der Jugend hingegen zählt meines Erachtens nicht zum Staatsbegriff. Übrigens plädiere ich nicht für die Abschaffung der Schulpflicht, wohl aber behaupte und verteidige ich den sich meines Erachtens aus der freiheitlichen Rechtsordnung ergebenden Anspruch auf regulierte Freigabe von schulbesuchsfreiem Lernen.

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Homeschooling als pädagogisches Modell ist in Deutschland ein kontroverses Thema. Es bedeutet, dass einige Familien ihre Kinder gerne zuhause bilden möchten. Dabei stoßen sie teilweise auf vehementen Widerstand seitens der Politik. Zum Start der Homeschooling-Serie wird die Frage gestellt: Was für Argumente gibt es für und gegen das Homeschooling?

Hintergrund: In Deutschland gilt die Schulpflicht

Deutschland gehört in der Europäischen Union zu einem der wenigen Länder, in denen die allgemeine Bildungspflicht in einer Schulpflicht spezifiziert ist. Das bedeutet, dass alle gemeldeten Kinder eine Schule besuchen müssen. Homeschooling ist nicht erlaubt. Einige Eltern wehren sich gegen diese Art der staatlichen Einflussnahme. Sie befürchten eine Einschränkung der freien Entwicklung und Lernfreude ihres Kindes. Teilweise sprechen auch religiöse oder ethische Gründe gegen den Besuch einer Schuleinrichtung. Auf der anderen Seite befürchten Gegner des Homeschoolings die Förderung einer Parallelgesellschaft, in der die Kinder isoliert werden.

Gerichtliche Entscheidungen zur Schulpflicht in Deutschland

Immer wieder kommt es zu gerichtlichen Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit Homeschooling. Generell gilt, eine Ausnahme von der Ausbildung in der Schule ist nur in streng geregelten Sonderfällen möglich, z.B. bei einer Krankheit, die den Schulbesuch unmöglich macht. So mussten Eltern im Jahr 2009 in Bremen dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts folgen. Auch wenn sie der Meinung sind, dass ihre Kinder sich in der Schule nicht wohlfühlen und sie zuhause besser unterrichtet werden können, müssen die Eltern ihre Kinder in die Schule schicken.

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2011 wies der Europäische Gerichtshof die gemeinschaftliche Klage von fünf deutschen Baptisten-Familien ab. Sie wollten ihre Kinder nicht zum Sexualkunde-Unterricht in die Schule schicken, worauf ein Bußgeld gegen sie verhängt wurde. Die Familien waren der Meinung, dass der Unterricht mit den religiösen Wertvorstellungen nicht übereinstimmt und damit das Recht auf freie Religionsausübung einschränkt. Zahlen mussten sie dennoch.

Aktuelle Entscheidungen

Mitglieder der christlichen Sekte „Zwölf Stämme“ erhielten 2006 die Zustimmung zur Errichtung einer privaten Ergänzungschule, die unter strengen Auflagen und nach Lehrplan 32 Kinder unterrichten durfte. Davon ausgenommen waren die Fächer Religion und Sexualkunde. 2013 wurde die Genehmigung entzogen, da die Behörden feststellten, dass es keine geeigneten Lehrer mehr für die Schule gab. Es wurde berichtet, dass die Eltern ihre Kinder nun selbst unterrichteten. Im September 2013 wurden dann 40 Kinder aus den Familien geholt und dem Jugendamt übergeben. Unter anderem gab es Vorwürfe, die Eltern hätten ihre Kinder geschlagen. Nach einem Bericht Ende April 2015 erhielten ehemalige Mitglieder ihre Kinder wieder, nachdem sie ausgestiegen waren.

In anderen deutschsprachigen Ländern sieht es anders aus

In Österreich gibt es eine Unterrichtspflicht. Homeschooling ist also möglich, wenn die Kinder offiziell dafür angemeldet sind. Zum Ende des Schuljahres legen die Schulkinder externe Prüfungen (Externistenprüfungen) ab. Bestehen sie diese nicht, müssen sie im folgenden Schuljahr eine staatliche Schule besuchen. Außerdem müssen sie zu Beginn des Schuljahres in der Schule in der Nähe ihres Wohnortes persönlich vorstellig werden. In Österreich werden derzeit rund 2000 Kinder zuhause unterrichtet.

In der Schweiz können Lehrerinnen und Lehrer Hausbesuche durchführen. Sie müssen dafür je nach Region mit oder ohne Lehrdiplom ausgezeichnet sein. Der Unterricht orientiert sich am staatlichen Bildungsplan.

Begriffsüberblick: Homeschooling, Hausunterricht, Freilernen, Unschooling, Deschooling

Es gibt neben dem international bekannten Begriff „Homeschooling“ weitere Ausdrücke, die in eine ähnliche Richtung gehen. Die wichtigsten sind „Hausunterricht“, „Freilernen“, „Unschooling“ und „Deschooling“. Der klassische Hausunterricht meint die pädagogische Betreuung der Kinder durch Lehrerinnen und Lehrer, die ins Haus kommen oder pädagogisch gebildete Eltern. Freilerner verfolgen einen eher philosophischen Ansatz, nachdem Kinder nicht zum Lernen eines bestimmten Stoffes gezwungen und nicht von Erwachsenen beurteilt werden sollen. Unschooling entspricht diesem Prinzip weitestgehend und ist die englische Bezeichnung dafür. Deschooling als Konzept versucht, diese klassischen Strukturen und Mechanismen der Schule durch ein „Verlernen“ aufzubrechen. Ein weiteres Konzept ist das selbstbestimmte Lernen, das sowohl als Hausunterricht als auch in Kombination mit einem Schulbesuch erfolgen kann. Dieses Konzept weist individuelle Charakteristiken auf.

Expertenstimmen zum Homeschooling

Herr Prof. Volker Ladenthin, Professor für Bildungswissenschaften der Universität Bonn und Ulrich Pfaff, Berichterstatter der Kultusministerkonferenz für Schulrecht, haben die Frage beantwortet:
„Ist Homeschooling eine sinnvolle Alternative zum klassischen Schulunterricht?“

Prof. Volker Ladenthin, Professor für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft der Universität Bonn:

„Was geschieht mit Eltern, die ihren Kindern mit eigener Hilfe eine optimale, passende Bildung zukommen lassen möchten? Müsste der Staat diese Eltern nicht unterstützen, weil diese Eltern den Staat entlasten? Das häufigste Argument ist, dass Kinder frühzeitig Gemeinschafts- erfahrungen machen müssten: Was wohl die 500.000 schulischen Mobbingopfer zu diesem Argument sagen? Ein selbstsicherer Staat braucht seine Bürger nicht zum Glück zwingen. Er stellt Möglichkeiten bereit, hilft denen, die sich allein nicht helfen können und vertraut jenen, die nachweisen, dass sie etwas gut können oder gar besser als er.“

Ulrich Pfaff, Berichterstatter der Kultusministerkonferenz (KMK) für Schulrecht:

„Ein Kind kann vielleicht auch durch Homeschooling schulisches Wissen erwerben. Was ihm aber entgeht, sind eine qualifizierte Schulbildung und soziale Koedukation (Gemeinschaftserziehung) in der Schule, wie sie in einem Land wie unserem unverzichtbar sind. Eltern, die ihr Kind zuhause unterrichten wollen, gehören meist kleinen religiösen oder weltanschaulichen Gruppen an. Der Staat schützt solche Lebensweisen auch bis zu einem gewissen Maße. Er darf aber verlangen, dass die Kinder in der Schule jungen Menschen anderer Prägung begegnen. Nur so kann gegenseitiger Respekt wachsen.“

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Ihr besucht eine ganz normale Realschule oder ein Gymnasium? Vielleicht haben eure Eltern für euch auch eine Schule eines privaten Trägers ausgewählt. Die meisten Eltern wollen, dass sich ihr Kind in der Schule wohlfühlt und entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert wird. Die Eltern, die nicht in erster Linie auf Leistungsdruck setzen, sondern mehr auf Individualität und das soziale Miteinander achten, entscheiden sich oft für eine alternative Schulform. Interessiert ihr euch dafür, welche alternativen Schulformen es gibt, und denkt ihr daran, eventuell selbst eine alternative Schulform zu wählen? Erfahrt hier, welche Möglichkeiten es gibt und was die Besonderheiten sind.

Alternative Schulformen im Überblick

Zu starr, zu stark auf Leistung getrimmt, nicht individuell genug und zu konservativ: Das sind Argumente vieler Eltern, um für ihr Kind eine alternative Schulform auszuwählen. Die meisten denken dabei an eine Waldorf- oder eine Montessori-Schule. Es gibt jedoch noch mehr alternative Möglichkeiten. Alle diese alternativen Schulen folgen dem deutschen Grundkonzept, doch steht die Selbstbestimmung der Schüler mehr im Vordergrund. Die Schulen können sich in freier oder in staatlicher Trägerschaft befinden. Es gibt Grundschulen, doch gibt es viele alternative Schulen auch als weiterführende Schulen. In Deutschland können diese alternativen Schulformen gewählt werden:

  • Waldorfschule
  • Montessorischule
  • Freinetschule
  • Jenaplan-Schule
  • Club-of-Rome-Schule
  • Demokratische Schule
  • Daltonplan-Schule
  • Mehlhornschule

Darüber hinaus gibt es noch einige weitere alternative Schulen, die in Deutschland jedoch so selten sind, dass sie nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Waldorf-Schule – keine Zensuren und kein Sitzenbleiben

Die Waldorfschulen sind wahrscheinlich die bekannteste alternative Schulform und werden nach ihrem Begründer auch Rudolf-Steiner-Schulen genannt. Prinzip der Waldorfschulen ist die Entwicklung praktischer, künstlerischer, kreativer und sozialer Fähigkeiten. Als Leitsatz gilt: „Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen.“ Auf Noten wird verzichtet, keiner bleibt sitzen. Von der ersten Klasse an besuchen Schüler die Waldorfschule 12 Jahre lang. Der Abschluss ist nicht staatlich anerkannt. Waldorf-Schüler können nach der 12. Klasse vor einem externen Prüfer einen Real- oder Hauptschulabschluss erhalten. Wer das Abitur machen möchte, muss noch ein Jahr länger die Schulbank drücken. Die Waldorfschule setzt auf das Engagement der Eltern und eignet sich für Kinder, die sensibel sind und unter dem Leistungsdruck an anderen Schulen leiden.

Waldorf war gestern: Freinet- oder Jenaplan-Schulen als Alternative / Foto: court-prather / unsplash

Montessori-Schule – selbstbestimmtes Lernen fördern

Die italienische Ärztin Maria Montessori entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts den pädagogischen Ansatz für diese alternative Schulform. Nach dem Leitsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ gilt es, das selbstständige Handeln und Entscheiden von Kindern zu fördern. Im Vordergrund steht der kindliche Forschungsdrang. Schüler können entscheiden, welches Thema sie wie lange und in welchem Umfang behandeln wollen. Neben Freiarbeit und Projektarbeit findet Gruppenarbeit in gemischten Altersgruppen statt. In der Montessori-Schule können Kinder spielerisch lernen. Neben Grund- und Förderschulen gibt es weiterführende Schulen, sodass Schüler jeden Abschluss erwerben können. Der Wechsel zu Realschule oder Gymnasium ist mit einer Aufnahmeprüfung möglich.

Freinetschule – Individualität der Kinder fördern

In der Freinetschule bilden Schüler und Lehrer einen Klassenrat, um gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Im Mittelpunkt steht die kritische Auseinandersetzung der Kinder mit ihrer Umwelt. In persönlichen Arbeitsplänen müssen Schüler festlegen, was sie in der nächsten Zeit lernen möchten. In der wöchentlichen Klassenversammlung wird festgestellt, ob der Arbeitsplan eingehalten wurde. Die individuelle Förderung der Schüler basiert auf den Grundsätzen der Persönlichkeitsentfaltung, Umweltbewusstsein, Selbstverantwortung und Zusammenarbeit. Schüler sammeln praktische Erfahrungen im Alltag und bei Erkundungen. Da es sich um Grundschulen handelt, erhalten die Kinder eine Empfehlung für eine weiterführende Schule. Noten bekommen die Schüler nur vor dem Schulwechsel.

Jenaplan-Schule – die Schule wird zur Lebensstätte

Auf der Basis der vier Säulen Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier soll die Schule zur Lebensstätte werden. Diese alternative Schulform vermittelt den Pflichtlehrstoff im Kursunterricht. Im Stammunterricht, zu dem Schüler aus drei Klassenstufen zusammenkommen, werden die Inhalte des Kursunterrichts vertieft. In Gesprächskreisen diskutieren die Schüler Probleme und treffen demokratische Entscheidungen. Das Gemeinschaftsgefühl spielt eine wichtige Rolle und wird durch gemeinsames Frühstück, Mittagessen und wöchentliche Feste vertieft. Bei den Festen können gemeinsame Projekte vorgestellt und prämiert werden. Diese alternative Schulform vergibt bis zur 7. Klasse keine Noten. Kinder, die sich an staatlichen Schulen nicht wohlfühlen, aber mit dem Unterrichtsstoff keine Probleme haben, sind mit der Jenaplan-Schule angesprochen. Die Schüler können jeden Schulabschluss erwerben.

Club-of-Rome-Schule – Fokus auf nachhaltige Zukunft der Menschheit

Diese alternative Schulform setzt sich für die nachhaltige Zukunft der Menschheit ein. Wichtige Themen sind die nachhaltige Entwicklung und der Schutz der Ökosysteme. Ganzheitliche Bildungskonzepte und das Lernen über den Schulhorizont hinaus spielen eine wichtige Rolle. Kinder sollen mit ihren Stärken und Schwächen gefördert und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Zum ganzheitlichen Konzept gehören Teamarbeit, Lernlabore, Respekt, Selbstverantwortung, musikalische Förderung und viel Bewegung. Deutschlandweit gibt es 15 solcher Schulen. Es gibt Gemeinschaftsschulen, Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien, sodass jeder Abschluss möglich ist. Diese alternative Schulform eignet sich für Schüler, die an staatlichen Schulen gut zurechtkommen, aber nachhaltige Erfahrungen sammeln wollen.

Waldorf-Schule – keine Zensuren und kein Sitzenbleiben / Foto: priscilla du preez / unsplash

Demokratische Schule – Mitbestimmung der Kinder gefördert

Diese alternative Schulform ist dadurch gekennzeichnet, dass es keinen festen Lehrplan gibt und die Schüler ihren Tagesablauf nach ihren Interessen gestalten können. Die Schüler können verschiedene Projekte, Kurse und Aktivitäten wählen und auch außerschulische Lernorte besuchen. Das selbstbestimmte Lernen mit ganzem Herzen, ohne Druck, ist gefragt. So chaotisch das erscheinen mag, so strukturiert ist es. Lehrer und Schüler haben in einer wöchentlichen Schulversammlung gleiches Stimmrecht und treffen gemeinsame Entscheidungen. Ziel der demokratischen Schule ist ein mittlerer Schulabschluss, für den die Schüler auf eine externe Prüfung vorbereitet werden. Wer aufs Gymnasium gehen und das Abitur machen möchte, muss diese Prüfung gut bestehen. Diese alternative Schulform ist nicht auf Noten und Abschlüsse fokussiert. Sie eignet sich für alle Kinder, doch haben einige Eltern Schwierigkeiten mit der Akzeptanz des selbstbestimmten Konzepts.

Daltonplan-Schule – besser lernen durch selber machen

Selbstständigkeit steht in der Daltonplan-Schule im Vordergrund. Das Konzept für diese alternative Schulform stammt von Helen Parkhurst, die Anfang des 20. Jahrhunderts eng mit Maria Montessori zusammenarbeitete. Kinder bekommen Zeit zur freien Gestaltung eingeräumt. Sie bekommen zu Beginn eines jeden Schuljahres ein Arbeitspaket, das sie eigenständig in wöchentlichen Schritten bis zum Schuljahresende abarbeiten müssen. Noten bekommen die Kinder auf der Grundlage der Ergebnisse ihrer schriftlichen Arbeit. Die Lehrer stehen den Kindern als Lernhelfer zur Verfügung. In Deutschland gibt es noch keine reinen Daltonplan-Schulen. Das Konzept wird jedoch von einigen Regelschulen angewendet. Da diese Schulen stark auf schriftliches Arbeiten fokussiert sind, müssen Kinder über viel Selbstdisziplin verfügen.

Mehlhornschule – Kreativität ist gefragt

Das Konzept für diese alternative Schulform ist noch recht neu, denn die erste Schule wurde erst 1997 von Hans-Georg und Gerlinde Mehlhorn gegründet. Auf der Grundlage der drei Säulen Begabung, Intelligenz und Persönlichkeit wird diese alternative Schulform auch als BIP-Kreativitätsschule bezeichnet. Ab der ersten Klasse müssen Kinder außerhalb der Schule ein Musikinstrument spielen lernen. Zusätzlich zum staatlichen Lehrplan stehen die Fächer

  • Englisch
  • zwei weitere Fremdsprachen, davon eine nichteuropäische
  • Schach
  • Informatik
  • sprachliches Gestalten
  • darstellendes Spiel
  • musikalisches Gestalten
  • bildkünstlerisches Gestalten
  • Tanz/Bewegung

auf dem Stundenplan. Es gibt ab dem ersten Schuljahr Noten. Ist eine Note schlechter als 2, erhalten die Kinder Fördermaßnahmen. Es handelt sich um Ganztagsschulen. Der angestrebte Schulabschluss ist das Abitur. Diese alternative Schulform eignet sich nur für wissbegierige und ausdauernde Kinder mit der entsprechenden Begabung.

Fazit: Eine Vielzahl an Alternativen

Ihr seht, dass es zahlreiche alternative Schulformen gibt und dass es für Eltern und Kinder schwierig sein könnte, die richtige alternative Schulform auszuwählen. Bei den meisten Alternativen steht die Selbstständigkeit, die Selbstbestimmung und die individuelle Förderung im Mittelpunkt. Viele Schulen sprechen die Kinder an, die sich in den Regelschulen nicht wohlfühlen.

Alternativen zur Schule

Zurzeit entsprechen der Teilzeitunterricht, die Industrielehre und die Lehre im Mittelstand den gesetzlichen Bestimmungen zur Erfüllung der Teilzeitschulpflicht unter 18 Jahren. Der Fortbildungsunterricht („Abendschule“) oder der Fernunterricht erfüllen diese Bestimmungen allerdings nicht. Was sind denn nun die Alternativen für einen Jugendlichen unter 18 Jahren, der den Vollzeitunterricht nicht mehr besuchen möchte?
Die Lehre im Mittelstand
Hierbei handelt es sich um eine „duale“ Ausbildung. Der praktische Teil der Ausbildung findet in einem kleinen oder mittleren Unternehmen (KMU) statt. Der theoretische Unterricht wird in einem Zentrum für Aus- und Weiterbildung des Mittelstandes (ZAWM) erteilt. Das Ziel dieser Ausbildung ist, einen handwerklichen oder kaufmännischen Beruf zu erlernen und diesen dann anschließend als Selbstständiger oder Arbeiter auszuüben (z.B. Florist/in, Friseur/in, Einzelhandel, Maurer/in,…). Der künftige Lehrling muss bis zum 31. Dezember des Jahres, in dem er die Lehre beginnt, das 15. Lebensjahr vollendet haben und mindestens die ersten beiden Sekundarschuljahre besucht haben, ohne diese notwendigerweise bestanden zu haben. Die Dauer der Ausbildung beträgt im Allgemeinen drei Jahre.
In der Deutschsprachigen Gemeinschaft müssen die Lehrverträge zwischen dem 1. Juli und dem 1. Oktober abgeschlossen werden. Der Unterricht im ZAWM beginnt im September. Nach bestandener Abschlussprüfung erhält der Lehrling einen Gesellenbrief, der die Teilnahme an der Meisterausbildung berechtigt und den Zugang zu einigen Beschäftigungen in öffentlicher Funktion öffnet.

  • Weitere Infos zur Lehre im Mittelstand

Die Industrielehre
Die industrielle Lehre vermittelt die beruflichen Kenntnisse, um einer entlohnten Tätigkeit als Angestellter oder Arbeiter nachzugehen. Sei basiert auf einer theoretischen Ausbildung, die in einem Zentrum für Teilzeitunterricht erteilt wird, während die praktische Ausbildung in einem Unternehmen erfolgt. In der Deutschsprachigen Gemeinschaft bietet das Kabelwerk die Möglichkeit, eine Industrielehre zu absolvieren. Die Dauer der Industrielehre beträgt hier zwei Jahre. Der Jugendliche muss zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses zwischen 16 und 18 Jahren alt sein. Am Ende der Lehre erhält er eine Bescheinigung über seine beruflichen Fähigkeiten und seine theoretischen Kenntnisse. Diese Bescheinigung hat zwar nicht den Wert eines Diploms. Sie kann jedoch bei der Suche nach einem Arbeitsplatz sehr nützlich sein.
Der Teilzeitunterricht
Der Teilzeitunterricht ist, wie der Name schon sagt, ein Unterricht mit einem reduzierten Stundenplan. Er bietet sowohl eine allgemeine Ausbildung als auch eine Vorbereitung auf das Ausüben des Berufes.
Der Teilzeitunterricht wird ebenfalls in einem Zentrum für Teilzeitunterricht erteilt. Parallel zum Unterricht kann der Jugendliche (dies ist jedoch keine Pflicht) einen meist nicht bezahlten Praktikumsvertrag oder einen Teilzeitvertrag (dies ist jedoch selten der Fall) bei einem Arbeitgeber abschließen.
In der Deutschsprachigen Gemeinschaft sieht die Praxis so aus, dass diese Verträge mit Arbeitgebern, in schulinternen Betrieben oder in den verschiedenen Sozialprojekten in Zusammenarbeit mit dem FOREM abgeschlossen werden. Der Teilzeitschüler kann eine Industrielehre absolvieren, wie bereits erklärt. Ebenso wie bei der mittelständischen Lehre muss der Schüler 15 Jahre alt sein und die ersten beiden Jahre des Sekundarunterrichts besucht haben. Im Prinzip muss die Einschreibung bis zum 31. Januar des Schuljahres erfolgt sein, praktisch ist es jedoch meistens möglich, sich auch noch nach diesem Datum einzuschreiben.
Das Zentrum für Teilzeitunterricht kann dem Schüler nach erfolgreicher Prüfung vor einer externen Jury und bei regelmäßiger Teilnahme am Unterricht einen Befähigungsnachweis ausstellen, der mit dem Abschluss des 4. Jahres in der berufsbildenden Abteilung gleichzusetzen ist.

  • Weitere Infos zum Teilzeitunterricht
  • Broschüre „Ausbildung für Schüler und Jugendliche in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens“ (Arbeitsamt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens 2019)

Homeschooling: Gründe, Rechtslage, alternative Schulen

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Auf Jonas’ Stundenplan steht heute Bogenbauen. Er lernt, welches Holz sich am besten eignet, wie stark die Sehnen gespannt sein müssen, damit die Pfeile besonders gut fliegen. Danach ist Programmieren angesagt.

Jonas geht nicht zur Schule. Seine Eltern, Freunde und Bekannte unterrichten ihn – im Rechnen, Lesen und Schreiben und allem, was ihn interessiert. „Ich wollte die Verantwortung für die Bildung meines Kindes nicht abgeben“, sagt Jonas’ Mutter Iris über die Entscheidung, ihren Sohn von der Schule zu nehmen.

Sie hat die Lehrpläne der Schulen studiert, Schulbücher und Aufgaben ausgesucht und mit ihrem Sohn durchgenommen. Später kamen andere Interessen dazu: Musik, Sport, Handwerkliches. „Wir haben viel ausprobiert“, sagt Iris. Der Unterricht zu Hause richtete sich nach den Bedürfnissen des Jungen.

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Iris und Jonas heißen eigentlich anders. Denn, dass Jonas seit seinem zehnten Lebensjahr nicht mehr die Schule besucht hat, verstößt gegen das Gesetz. In Deutschland herrscht Schulpflicht. Wer seine Kinder von der regulären Schule abmeldet, muss mit Strafverfolgung, hohen Bußgeldern und im schlimmsten Fall mit dem Entzug des Sorgerechts rechnen.

Homeschooling: Fast keine Ausnahmegenehmigungen

Während in einigen Bundesländern ein Verstoß gegen die Schulpflicht als Ordnungswidrigkeit betrachtet wird, wird beispielsweise in Hessen der ausschließliche Unterricht zu Hause schärfer geahndet.

Ausnahmegenehmigungen gibt es etwa für Kinder, die dauerhaft krank sind und nicht am Unterricht teilnehmen können. Oder für Eltern, die aus beruflichen Gründen unterwegs sind und ihre Kinder nicht an einem Ort in die Schule schicken können. Dazu zählt etwa der Nachwuchs von Schaustellern und Zirkusleuten.

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In den meisten europäischen Ländern gibt es keine Schulpflicht, wie sie in Deutschland herrscht. Meist handelt es sich dort um eine Bildungs- oder Unterrichtspflicht bis zu einem bestimmten Alter der Kinder. Wo die Kinder unterrichtet werden, ist nicht ausschlaggebend.

„Man lässt dem Kind die Möglichkeit, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die es auch wirklich interessieren“, heißt es aus der Freilerner Solidargemeinschaft. Der Verein bringt Eltern und Kinder mit anderen Freilernern zusammen, informiert über verschiedene Lernkonzepte.

Kinder leiden unter Druck in der Schule

Warum Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schicken, hat ganz unterschiedliche Gründe. Manche Kinder kommen mit dem Druck im Unterricht nicht klar. Andere finden neben dem strikten Pensum und dem durchgetakteten Schulalltag keine Zeit mehr für die Dinge, die sie wirklich interessieren. In der Schule sei kein Platz für die individuellen Bedürfnisse der Kinder. Stress, Hektik, Druck hemmten viele Kinder in ihrer Entwicklung.

„Ich melde mich fast gar nicht in der ersten Stunde“

Pünktlich um 8 Uhr beginnt die erste Schulstunde. Viel zu früh, finden nicht nur die Kinder, sondern auch Mediziner und Politiker. Sie fordern, den Unterrichtsbeginn nach hinten zu schieben.

Quelle: N24

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So unterschiedlich die Freilerner-Familien sind, so verschieden sind ihre Lernkonzepte. Manche Eltern richten sich genau nach den Lehrplänen der Kultusministerien in den Bundesländern. Wieder andere lassen den Kindern mehr Freiraum für Sport, Musik, Kunst und Handwerk.

Einige schließen sich zusammen, andere mischen Gemeinschafts- und Einzelunterricht. Den Schritt zum alleinigen Hausunterricht – und damit in die Illegalität – wagen in Deutschland nur wenige.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund 1000 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden. In vielen Fällen wandern die Familien ins Ausland aus oder sie ziehen sich zurück, um nicht belangt zu werden.

Jonas’ Mutter Iris hat ihre Entscheidung nie verheimlicht, sondern gegenüber Lehrern und Schulleitung offengelegt. Ihr Fall wurde letztlich nicht weiter verfolgt. Warum, kann sie nicht sagen.

Natürlich hat auch sie sich in den ersten Jahren viele Gedanken über die möglichen Folgen gemacht. Doch für sie war die Entscheidung gegen die Schule und für die Bedürfnisse ihres Sohnes richtig. Auch wenn Iris selbst zurückstecken musste. Ein Vollzeitjob und Hausunterricht lassen sich nur schwer vereinbaren.

Kindliche Entwicklung – Mit Konflikten umgehen lernen

Übervolle Klassen, überforderte Lehrer, mehr Leistung in weniger Zeit: Die Gründe, warum Eltern das reguläre Schulsystem zunehmend frustriert, sind vielfältig. Das vermehrte Interesse am Unterricht außerhalb der Schule hält Ilka Hoffmann, Schulexpertin bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), dennoch für problematisch.

Zwar hat auch sie Verständnis für die Sorgen der Eltern, die fürchten ihre Kinder würden an einer öffentlichen Schule nicht entsprechend ihrer Bedürfnisse betreut. Aber dies ist für sie kein Grund, gegen die Schulpflicht zu verstoßen. Sie sieht besonders den fehlenden Klassenverband kritisch.

Das ist die beste Schule Deutschlands

Was macht eigentlich eine gute Schule aus? Eine Jury hat jetzt den Deutschen Schulpreis 2015 verliehen – an die beste Schule Deutschlands. Wem die 100.000 Euro Preisgeld winken und warum, erfahren Sie hier.

Quelle: N24

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In der Schule wird gestritten, sich geärgert, aber auch zusammen gelacht. An kaum einem anderen Ort werden Kinder so intensiv mit Konflikten konfrontiert und sind gefordert, Toleranz zu lernen.

„Die Schule ist für Kinder und Jugendliche mehr als eine Lernanstalt“, sagt Hoffmann. „Sie ist auch ein sozialer Erfahrungsraum, der die Möglichkeit bietet, mit Gleichaltrigen aus verschiedenen sozialen Hintergründen und Kulturen zusammenzukommen.“

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In der Schule setzen Kinder sich zudem zum ersten Mal mit gesellschaftlichen Anforderungen auseinander. „Dadurch, dass sie mit verschiedenen Meinungen und Erfahrungen konfrontiert werden, können sie ihren eigenen Weg finden“, sagt Hoffmann.

Viele Eltern haben religiöse Gründe

Größte Sorgen bereiten der Schulexpertin vor allem die Eltern, die aus religiösen Gründen, ihre Kinder von der Schule nehmen. „Man muss sich fragen, warum Eltern ihre Kinder von der Schule fernhalten“, sagt Hoffmann. „Die Eltern fürchten, dass sich die Kinder durch Einflüsse von außen von den religiösen oder weltanschaulichen Ansichten der Eltern entfernen.“

Hoffmann zufolge gibt es längst ausreichend Alternativen zur staatlichen Schule. Dazu gehören nicht nur die Privatschulen von kirchlichen Trägern, mit Waldorf- oder Montessori-Konzept, mehrsprachige und internationale Einrichtungen, sondern auch die Freien Schulen.

Von der Waldorf- bis zur Montessori-Pädagogik

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Waldorfschulen: Hier sind rhythmische Übungen (Eurythmie), Ökolandbau oder Theaterspielen fester Bestandteil im Stundenplan. Noten gibt es erst, wenn das Abitur oder andere staatli…che Abschlüsse anstehen. Quelle: picture alliance / JOKER

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Montessori-Pädagidik: Der traditionelle Klassenverband wird hier aufgehoben. Die Lehrer ermuntern zum freien Arbeiten. In Deutschland gibt es rund 200 weiterführende Montessori-Sch…ulen. Quelle: picture alliance / JOKER

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Freie Alternativschulen: In Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Frankfurt steigt die Zahl der freien alternativen Schulen stetig an. Die Gründer sind häufig Lehrer, die der staatl…ichen Schule frustriert den Rücken gekehrt haben. Quelle: picture-alliance / ZB

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Internationale Schulen: Das Konzept Fremdsprachen in allen Bereichen anzuwenden, lockt Eltern, die einen Job im Ausland planen oder ihre Kinder auf eine internationale Karriere vor…bereiten wollen. An den meisten bilingualen Schulen ist Englisch der Schwerpunkt. Quelle: picture alliance / Bildagentur-o

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Konfessionelle Schulen: Bundesweit gibt es mehr als 1000 evangelische Schulen, rund 900 sind katholisch. Den Religionsunterricht zu besuchen ist an diesen Schulen verbindlich. Quelle: picture alliance / dpa

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Internate: Eltern, die die Interessen ihrer Kinder besonders fördern möchten, sollten ein Internat in ihre Liste der weiterführenden Schulen aufnehmen. Auch bei akuten Lernprobleme…n sind diese Schulen könnten diese Schulen Sinn machen. Quelle: picture alliance / Markus C. Hur

Viele wurden von Lehrern oder Eltern gegründet, die sich bereits im Kinderladen oder in Elterninitiativen engagiert haben. „Eltern machen sich heute mehr Gedanken um die Schulzeit ihrer Kinder“, sagt Tilmann Kern, Geschäftsführer des Bundesverbands der Freien Alternativschulen.

Sie bevorzugen kleine Klassen und Schulkonzepte, die sich stärker an den Bedürfnissen ihrer Kinder orientieren. „Hier gibt es kein Lernen im Gleichschritt“, kommentiert Kern.

Auch bei den Alternativschulen gibt es die verschiedensten Konzepte. Alle setzen sie auf demokratischere Strukturen in der Schule und wollen den Kindern ermöglichen, ihre Zeit in der Schule selbst zu bestimmen.

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Meist gibt es pro Jahrgang nur eine Klasse, zwischen 60 und 100 Schüler werden unterrichtet. Bis die ersten Schüler tatsächlich unterrichtet werden können, vergeht meist viel Zeit. Allein Entwicklung und Genehmigung des Konzepts brauchen ein bis zwei Jahre.

Großer Bedarf an Alternativen zu staatlichen Schulen

Eine der größten Hürden ist die Finanzierung. Je nach Bundesland gibt es eine Wartefrist von bis zu fünf Jahren, bis Zuschüsse vom Land für die Schule fließen. Viele Gründer verzweifeln an der Suche nach dem passenden Gebäude und den richtigen Pädagogen. Wer in der Alternativschule unterrichten will, braucht die Offenheit für alternative Bildungskonzepte.

Der Bedarf ist da, Ideen für Schulkonzepte auch. Verbände sind sich daher einig, dass die Förderung der freien Schulen ausgebaut werden muss. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Unterstützung, sondern auch darum, Hürden bei der Gründung neuer Schulen abzubauen. Für so manche Freilerner-Familie wäre eine eigene Schule die Alternative, nicht gegen Gesetze verstoßen zu müssen.

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Freilerner Jonas ist inzwischen 16 Jahre alt. Erst vor Kurzem hat er den Realschulabschluss gemacht. Als Externer mit einer Sondererlaubnis. Große Probleme haben ihm die Prüfungen nicht gemacht. Ganz im Gegenteil.

Jetzt will er das Abitur in Angriff nehmen. Aber nicht mehr als Freilerner, sondern dieses Mal an einer regulären Schule. Mutter Iris hat ihre Entscheidung nie bereut. „Wir konnten viel mehr Zeit miteinander verbringen, als es anderen Eltern mit ihren Kindern möglich ist. Das hat unser Verhältnis bis heute verbessert.“

Homeschooling in den USAGemüsebeet statt Schulbank

Von Sonja Beeker

Podcast abonnieren Beim Homeschooling findet der Biologieunterricht im eigenen Garten start (imago stock&people)

Wer sein Kind in Deutschland nicht in die Schule schickt, sondern zuhause unterrichtet, macht sich strafbar. In den USA hingegen ist „Homeschooling“ legal: Rund drei Prozent der Amerikaner unterrichten zuhause. Was sind das für Leute und welche Gründe haben sie? Sonja Beeker hat nachgefragt.

Bei Schweinbraten vom selbstgezüchteten Schwein und einem Auflauf mit Gemüse aus dem eigen Garten sitzt Familie Gonsalves mit Freunden abends zusammen und führt eine angeheizte Debatte über „Star Wars“. In einem sind sich Sohn Atticus, Mutter Julia und Vater Joe jedoch einig, die Original Trilogie war besser. Während sich Julia und Atticus um den Nachtisch kümmern, gibt Joe den Gästen eine kleine Tour durchs Haus, das er und seine Frau gebaut haben: off the grid, ohne Anschluss ans öffentliche Strom- und Wassernetz. Das Highlight steckt in den Wänden, verrät Joe:

„Wenn Du hier hin schaust, so sieht das Innere unserer Wände aus. Stroh. Ich hab alles hier selber gemacht. Ich hab‘ mir einen Bagger gemietet, das Fundament ausgegraben. A-L-L-E-S.“

Selbst ist der Mann – auch beim Unterricht

Joe ist ein DIY-Typ, also „Do It Yourself“. Da wundert es dann auch kaum, dass er und Julia auch die Schulbildung der drei Söhne Forrest, Zephrien und Atticus in die eigenen Hände nehmen wollten:

„Der Gedanke meinen fünfjährigen Sohn in den Schulbus zu setzten und zum Abschied zu winken, das fühlte sich schrecklich an. Als würd ich ihn aussetzen. Und die Sachen, die man in der Grundschule lernt, Schreiben und Rechnen, das haben wir uns zugetraut.“

In den USA gibt es zwei Millionen Homeschoolschüler. Jeder Staat hat dabei seine eigenen Gesetzesvorgaben. Meist werden Unterrichtsinterhalte vorgegeben, nicht aber die Art, wie diese vermittelt werden. „Sitzenbleiben“ können Schüler in den USA nicht. In einigen Staaten müssen Homeschool-Schüler eine jährliche Prüfung ablegen. In anderen Staaten reicht eine schriftliche Bewertung der Eltern.

„Nach den ersten Jahren wollte ich Forrest nicht mehr in die Schule schicken“, sagt Mutter Julia. „Ich dachte, dass er ein Außenseiter werden würde, wir, die komische Familie ohne fließend Wasser und Strom. Wir hatten wirklich ein ganzes Jahr lang keinen Strom!“

Viele Kinder verschweigen das Homeschooling

Und doch ist allen drei Söhnen ihr Anderssein bewusst. Wenn möglich, verschweigen sie, dass sie bis zur Highschool von ihren Eltern unterrichtet wurden. So richtig verstehen kann Julia das nicht:

„Sie sind nicht wirklich stolz auf ihren Hausunterricht. Ich glaub, da steckt Angst hinter von anderen bewertet zu werden. Dabei denk ich, dass es einige Leute gibt, die das richtig cool fänden.“

Atticus ist der jüngste der drei Söhne. Er ist inzwischen 17 und wohnt als einziger noch zu Hause. Das erste Jahr an der öffentlichen Highschool nach 14 Jahren Hausunterricht war schrecklich, sagt er:

„Ich hab‘ mich total anstrengt, wollte keine Wissenslücke haben, so dass die anderen mich für einen Streber hielten. Ich war ganz schüchtern und reserviert. Die anderen fanden mich komisch. Im Jahr drauf war das dann nicht mehr so.“

Der Ausflug wird zur Lerneinheit

Auf einem Biobauernhof in Atticus Nachbarschaft lebt seit einigen Wochen der 13-Jährige Tyler. Er hat es andersherum gemacht. Er ist erst den normalen Schulweg gegangen, bis er es an seiner alten Schule in New York nicht mehr aushielt.

Seit einem Jahr unterrichtet Tylers Mutter Tammy ihn und seine drei Geschwister von zu Hause. „Zu Hause“ kann dabei überall sein. Derzeit reist die kleine Familie durch die USA und zieht von einem Biobauernhof zum Nächsten, wo sie gegen ein paar Stunden Arbeit Unterkunft und Verpflegung bekommen. Steht der amerikanische Bürgerkrieg auf dem selbst gestalteten Stundenplan, dann fahren sie an die Orte, wo sich die Geschichte abgespielt hat. Strandbesuche werden zu Geologie- und Biologielehreinheiten genutzt.

„Homeschooling ist praxisorientiert“, sagt Tyler. „Möchte ich lieber stundenlang am Schreibtisch sitzen oder die Welt bereisen und so lernen?“

Die Entscheidung fiel, als auch Tylers Schwester in der Schule nicht mehr zurechtkam, erinnert sich seine Mutter Tammy:

„Meine Tochter hatte Schwierigkeiten Lesen zu lernen. Ich hab mich dann nach der Schule noch mal mit ihr hingesetzt, aber dafür war kaum noch Zeit, weil die Kinder so lange in der Schule waren. Und dann muss ich noch mal ran, um ihr das beizubringen, was sie eigentlich in der Schule lernen sollte.“

Nicht jede Unterrichtsstunde ist ein Abenteuer

Wer seine Kinder selbst unterrichten möchte, sollte sich das vorher allerdings gut überlegen, warnt Joe. Denn nicht jede Unterrichtsstunde ist ein gelungenes Abenteuer. Und Homeschooling kostet vor allem eines: viel Zeit! Für den 44 Jährigen waren allerdings gerade die Freiheit und Flexibilität das Reizvolle am Hausunterricht.

„Mir ging’s eigentlich immer und mit allem darum, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu wollen. Wenn es schief läuft, dann war es meine Schuld und wenn es gut geht, dann weil ich es richtig gemacht hab… Ich möchte unabhängig sein.“

Vom Wasserwerk, vom Stromnetz und vom Schulsystem.

Hausunterricht

Anspruch auf Hausunterricht haben Schülerinnen und Schüler, die wegen einer Krankheit länger als sechs Wochen ihre Schule nicht besuchen können. Auch Schülerinnen und Schüler, die wegen einer lange andauernden Erkrankung den Unterricht ihrer Schule an mindestens einem Tag in der Woche langfristig und regelmäßig versäumen müssen, haben Anspruch auf Hausunterricht. Ebenso können schwangere Schülerinnen vor und nach der Geburt in den Fristen entsprechend dem Mutterschutzgesetz Hausunterricht erhalten bzw. auch während der Schwangerschaft, soweit sie nach ärztlicher Bescheinigung die Schule nicht besuchen können.

Eltern können unter Beifügung eines ärztlichen Gutachtens Hausunterricht bei der bisher besuchten Schule beantragen. Das Schulamt entscheidet über diesen Antrag und den Umfang des Hausunterrichts und bestimmt in der Regel die bisher besuchte Schule zur Erteilung des Hausunterrichts.

Für den Hausunterricht kommt die Lehrerin oder der Lehrer zur kranken Schülerin oder zum kranken Schüler nach Hause und erteilt dort den Unterricht nach den Bestimmungen der §§ 43 bis 46 der Ausbildungsordnung sonderpädagogische Förderung (AO-SF). Der Unterricht richtet sich nach den Vorgaben für den Unterricht der Stammschule. In der Regel beschränkt er sich auf die Fächer, die in der Schule mit mindestens drei Wochenstunden unterrichtet werden (Kernfächer) oder ein Fach einer Prüfung sind.

Am Ende eines Schuljahres und bei Beendigung des Hausunterrichts erstellen die Lehrerinnen und Lehrer, die den Hausunterricht erteilt haben, eine zusammenfassende Beurteilung über den Bildungsstand und die Leistungsfähigkeit der Schülerin oder des Schülers. Kehren die Schülerinnen und Schüler in die bisher besuchte Schule zurück, so nehmen sie in der Regel probeweise bis zum nächsten Zeugnistermin am Unterricht der Jahrgangsstufe teil, nach deren Anforderungen sie oder er im Hausunterricht zuletzt unterrichtet worden ist. Nach der Probezeit entscheidet die Versetzungskonferenz, ob die Schülerin oder der Schüler erfolgreich in der Klasse mitarbeiten kann.

Deutschland lässt »Homeschooling« keine Chance

Aktuell für Aufsehen sorgt der Fall der Familie Wunderlich aus Hessen. Die Eltern wollen ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sondern selber erziehen und bilden. Das hatte zu einem Rechtsstreit mit den Behörden geführt. Denn in Deutschland gilt Schulpflicht. Das wird sehr ernst genommen.

Weil die Familie Wunderlich sich weigerte, wurden ihr zeitweise die Kinder zwangsweise entzogen. Polizei und Jugendamt waren mit einem Großaufgebot vorgerrückt, um ihnen die Kinder zu nehmen. Drei Wochen waren ihre Kinder in staatlicher Obhut. Die Wunderlichs nahmen daraufhin den Rechtsweg durch die Instanzen. Jetzt hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass der zeitweise Kindesentzug rechtens war .

Die Wunderlichs sind keineswegs Bildungsgegner. Im Gegenteil. Der Hausunterricht wurde gewissenhaft durchgezogen. Sie waren sogar bereit, ihre Bildungs- und Erziehungstätigkeit von der Schulbehörde überwachen zu lassen. Ihnen ist jedoch ein christlicher Bildungshintergrund wichtig, der in staatlichen Schulen vernachlässigt werde. Doch das reichte dem Jugendamt und den Schulbehörden nicht.

Die wenigen Wochen, die die Kinder der Wunderlichs in der Schule verbringen mussten, taten ihnen nach Selbstauskunft nicht gut. Sie litten unter dem Lärm, der Aggressivität auf dem Schulhof und klagten über die Sinnlosigkeit von so manchem Schulstoff.

Immerhin ist jetzt ein öffentlicher Diskurs angestoßen, ob Schulpflicht wirklich immer und überall die beste Lösung sei .

Andere Länder haben eine kluge Zwischenlösung gefunden (z.B. in den USA, Australien, Frankreich). Dort gibt es zwar keine Schulpflicht, aber eine Bildungspflicht. Diese besagt, dass Kinder auf ein bestimmtes Bildungsniveau gebracht werden müssen, das sich nachweisen lässt. Aber es bleibt den Eltern unter bestimmten Umständen frei, diesen Weg durch familiären Hausunterricht („Homeschooling“) oder engagierte Hauslehrer zu bewältigen.

Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit den strengsten Schulfplichtregeln.

Bayern 2 – Zündfunk

Die Stauffers haben fünf Kinder. Sie leben im Mittleren Westen, in Cincinnati Ohio. Myka, die Mutter, unterrichtet vier der fünf Kinder zuhause. Homeschooling heißt das. So wie die Stauffers machen es viele in den USA. Geschätzt werden zwei Millionen Kinder zuhause unterrichtet. Das ist Teil einer Philosophie, die sich freie Schulwahl nennt. Dadurch können Eltern selbst entscheiden, wie und wo ihre Kinder lernen.

Homeschooling ist in Deutschland verboten

In Amerika war Homeschooling nicht immer legal, erst seit 1993 ist es in allen Bundesstaaten erlaubt. In Deutschland ist Homeschooling verboten – und das seit 1919. Hans Brügelmann, ein ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität, führt zwei Gründe an, warum der deutsche Gesetzgeber es nicht erlaubt, Kinder zuhause zu schulen. Erstens, sagt er, war es schwer, Kinder aus ärmeren Schichten überhaupt zu unterrichten. Die Bauern hätten ihre Kinder gerne auf dem Feld mit eingespannt. Das habe dazu geführt, „dass die Kinder nur sehr unregelmäßig zur Schule gegangen sind.“

Protest für Homeschooling in Deutschland

Die Schulpflicht habe also dafür gesorgt, dass Kinder keine Jobs übernehmen müssen, um die Familie über Wasser zu halten. Ein zweiter Grund, so Brügelmann, war der Wunsch, zumindest in den Klassen das Schichtsystem aufzubrechen. Und zu mixen.

„Die höheren Schichten, die Adligen, das Großbürgertum, haben sich sozusagen die Bildung für ihre Kinder erkauft, indem sie Unterricht durch Hauslehrer für ihre Kinder besorgt haben“, sagt Brügelmann. Die Weimarer Verfassung hätte aber die Vorstellung vertreten, dass alle Kinder aus allen Schichten in der Schule zusammenkommen.

Homeschooling – ist das wirklich so schlimm?

Aber das ist lange her. Der Anwalt Mike Donelly findet: Deutsche Familien, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, werden zu hart bestraft. Vor allem die schweren Geldstrafen und die Drohung, ihnen die Kinder wegzunehmen. „Sie schicken sogar Polizisten zu ihnen nach Hause, die die Kinder in die Schule bringen. Das macht Kindern wie Eltern großen Druck“, sagt er.

Mike Donnelly ist leitender Anwalt bei der Homeschool Legal Defense Association. Eine Anwaltskanzlei, die Homeschooling-Familien vertritt. Obwohl die Kanzlei in den USA ansässig ist, vertritt sie auch mehrere deutsche Familien. Manche sind so verzweifelt, dass sie in den USA Asyl beantragen.

„Ich finde es befremdlich, dass ein Land wie Deutschland das nicht erlaubt.“

Mike Donnelly

Mike Donnelly stört vor allem, dass die Freiheit eingeschränkt wird. Obwohl sie doch zu den Grundrechten gehöre. Aber er versteht auch die Einwände der deutschen Richter. Etwa, dass Kinder im Umgang mit anderen Kindern Toleranz und soziales Verhalten lernen. Dennoch sagt er auch, das gelte im gleichen Maß für Kinder, die zuhause unterrichtet würden. Denn es gäbe die Homeschooling Bewegung in ganz vielen Ländern, sagt Donnelly. Australien, Kanada, USA, Mexiko, Russland, Großbritannien oder Frankreich. „Da muss Deutschland nur hinschauen, um zu sehen, dass diese Kinder ebenfalls tolerant sind. Dass aus ihnen ganz normale Bürger werden.“

Der Fall Wunderlich

Donnelly vertritt auch eine Homeschooling-Familie, die noch in Deutschland lebt. Dirk Wunderlich, sagt, seine Frau und er hätten sich aus mehreren Gründen dafür entschieden, ihre Kinder zuhause zu unterrichten. Zum einen will er nicht, dass sie vom Staat indoktriniert würden.

Ein Argument, das in Deutschland auch Reichsbürger oder Sekten anführen. Aber Wunderlich sagt, es gibt auch noch andere Motive. „Natürlich wollen wir Zeit mit unseren Kindern verbringen. Schule ist etwas völlig Künstliches, unnormal“, sagt Wunderlich. Jahrtausende hätte die Wissensvermittlung vertikal stattgefunden, von den Eltern zu den Kindern, auch von den Großeltern zu den Enkeln.

Die Familie Wunderlich

Im Jahr 2006 mussten die Wunderlichs mehrere Hundert Euro Strafe zahlen. Die Familie zog dann nach Frankreich, wo Homeschooling legal ist. Aber die Eltern haben dort keine feste Arbeit gefunden und sind deshalb nach Deutschland zurückgekehrt.

Kurz darauf kam die Polizei zu den Wunderlichs nach Hause und hat die vier Kinder in ihre Obhut genommen. Dirk Wunderlich sagt, die Familie hätte einer Supervision zugestimmt, aber die Behörden hätten sich darauf nicht eingelassen.

„In Deutschland will man einfach nicht an dieser Schulpflicht rütteln und ist einfach nicht kompromissbereit“, sagt der Familienvater. Seine Kinder seien deshalb auf dem Altar der Staatsräson geopfert worden. Die Wunderlichs wollen trotzdem in Deutschland bleiben, und haben sich entschieden, ihren Fall vor Gericht zu bringen. Donnellys Kanzlei hat den Fall übernommen. Das Urteil ist wohl ein Kompromiss. Die Familie argumentierte, die Kinder seien ihnen gesetzeswidrig entzogen worden. Das haben die Richter anders gesehen. Aber die Wunderlichs bekommen ihre Kinder wieder zurück. Das Gericht sah auch, dass den Kindern durch das Homeschooling kein Schaden zugefügt worden sei. Aber Homeschooling bleibt in Deutschland illegal.

Mike Donnelly hofft, dass sich das irgendwann ändern wird. Auch wenn es dann noch Einschränkungen geben wird. Für ihn ist Homeschooling „ein Menschenrecht“. Er sagt: „Familien sollten die Wahl haben und selbst entscheiden, wie ihre Kinder unterrichtet werden“.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Journalistenaustauschprogramms „Nahaufnahme“ des Goethe-Instituts und des Deutschlandjahrs USA unter dem Motto „Wunderbar Together“. Die US-amerikanische Journalistin Martha Dalton von WABE (NPR) hat uns einen Monat in der Zündfunk-Redaktion besucht, während unser Kollege Malcolm Ohanwe einen Monat in Atlanta von WABE (NPR) verbringen wird. Weitere Informationen zur Nahaufnahme finden Sie unter www.goethe.de/nahaufnahme und unter #GoetheCloseUp sowie #WunderbarTogether.“

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