Geburt nach kaiserschnitt

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„Hinter Hecken hocken heimlich Helfer“ – so sollte der Stabreim auf das „Freebirthing“ lauten. Das mehr als 20 Millionen Mal auf Youtube angeklickte Video einer Schwangeren, die auf einer Matte in seichtem ­Gewässer ihr Kind allein zur Welt bringt, hat vor kurzem den TV-Sender Lifetime dazu inspiriert, demnächst die Doku-Serie „Born in the Wild“ aufzulegen.

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Ganz so wild, wie kritische Geburtshelfer bereits befürchten, wird es jedoch wohl nicht werden. Denn Sanitäter, so die beruhigend beschwichtigende Antwort des Senders, sind nur einen Sprung entfernt. Unsichtbar zwar für den Zuschauer, aber doch nah genug, um sofort unterstützend einzugreifen.

Tod im Kindbett: einst häufigste Todesursache
bei Frauen

Damit ist in der angekündigten Doku alles beisammen, was die Debatte um das „richtige“ Gebären derzeit an Scheinheiligkeit zu bieten hat: Eine toughe Mutter, die wahlweise vor Wald-, Wiese- oder Wasserkulisse ihr Kind demonstrativ ­autark zur Welt bringt. Das Misstrauen ­gegenüber den Urinstinkten ist zwar da, wird aber wohlweislich versteckt. Niemand soll bitte irritiert werden von den Gefahren, die genauso verborgen auf der Lauer liegen wie die Helfer mit ihren Infusionen, Zangen, Scheren und Atem­masken. Und deshalb wird das keine ­Dokumentation, sondern eine manipulierte Botschaft an die Schwangeren dieser Welt: Geht doch – frau muss nur wollen. Doch was dann da demnächst gesendet wird, ist die Ausnahme. Denn die Regel ist eine normale Geburt gerade nicht. Lediglich sieben Prozent aller Geburten gehen ohne jeglichen Eingriff vonstatten, so eine Klage vom Bund Deutscher Hebammen. Die Hebamme Susanne Steppat resümiert für das Jahr 2011: „Jede fünfte Geburt wurde eingeleitet, jede dritte durch einen Wehentropf beeinflusst, jede vierte Frau erhielt eine PDA, jede dritte einen Kaiserschnitt, jede vierte eine Episiotomie.“

Es ist eine Mär, dass alles ganz anders sein könnte, wenn man der Schwangeren nur Zeit, der Natur nur ihren Lauf ließe. Nicht zufällig war der Tod im Kindbett einst die häufigste Todesursache bei weiblichen Menschen. Klassisches Beispiel: die verzögerte Geburt. Es geht nicht vorwärts, der Muttermund öffnet sich nicht. Eine solche Konstellation ist bei Erstgebärenden der Hauptgrund – in 40 Prozent der Fälle – für einen Kaiserschnitt. Über viele Stunden hinweg kommen und gehen die Wehen, kräftezehrend für Mutter und Kind, unbefriedigend für die Hebamme. Die Verfechter einer natürlichen Geburt plädieren fürs Weitermachen, natürlich, möchte man sagen. Wer mit einem „Bitte geben Sie nicht zu früh auf, Sie schaffen das!“ die Schwangere zum Durchhalten motivieren will, hat bereits sprachlich den Grundstein dafür gelegt, dass sie sich ­später als Versagerin fühlen muss. Der Kaiserschnitt als Trostpreis, das große Los ziehen andere.

Wirklich? Durchhalteparolen sind mitnichten ein guter Rat, wie jüngste Forschungsergebnisse aus Europas erstem Centre for Better Births lehren, eröffnet 2013 an der Universität Liverpool. Vor allem die Arbeiten der Physiologin Sarah Arrowsmith machen klar, warum die ­Beschaffenheit der glatten Gebärmutter-Muskelzellen den Geburtsverlauf mitdiktieren. Diese Zellen sind letztlich für die Kontraktionskraft und damit für den Erfolg der Wehen verantwortlich. Arrowsmith zeigt, dass die Muskelzellen individuell höchst unterschiedlich auf Wehenmittel wie Oxytocin ansprechen. Aus diesem Grund haben zum Beispiel Diabetikerinnen, übergewichtige Frauen und jene, die nicht zum errechneten Termin mit den Wehen loslegen können, schwache Wehen. Es nützt nichts, so das Fazit aus Liverpool, die Dosis der Wehenmittel zu erhöhen, denn die Myozyten der Gebärmutter reagieren bei diesen Frauen darauf nicht so, wie das die Zellen derjenigen tun, bei denen die Geburt lehrbuchmäßig läuft.

Kaiserschnitt
als Trostpreis,
das große Los
ziehen andere

Was sagt uns das? Frauen können den Geburtsverlauf willentlich kaum beeinflussen. Nicht die Bereitschaft der Schwangeren, alles (eben nicht) in ihrer Macht Stehende zu tun, ist für den Verlauf entscheidend, sondern auch die molekularbiologische Ausstattung ihrer ­Gebärmutter. Da die meisten Geburten gerade nicht standardisiert unproblematisch, sondern unwägbar und mit vielen Interventionen ablaufen, steht zu vermuten, dass auch manch andere Frau, der man es von außen nicht ansieht, mit irgendeinem Handicap in die Geburt geht. So wird es vermutlich nicht einfach werden, wenn schon die eigene Mutter schwere Geburten durchzustehen hatte. Statt am guten Willen der Frauen zu zweifeln und ihnen auch noch Schuldgefühle zu vermitteln, wäre man vielleicht besser beraten, intensiv wie – jetzt endlich – in Liverpool nach möglichen Erklärungen zu fahnden. Aber die Geburt, ein zentrales Ereignis nicht nur in einem Frauenleben, ist ein Stiefkind medizinischer Forschung. Sie gilt als unattraktiv für ambitionierte Ärztinnen und erhielt bereits vor vielen Jahren den „hölzernen Löffel“ als Symbol für das wissenschaftlich rückständigste Fach der Medizin.

Wäre das anders, hätten wir uns schon längst von den gängigen Durchhalteparolen im Kreißsaal verabschiedet. Es wird nämlich dadurch nichts besser. Im Gegenteil: Der Schaden am Beckenboden wird nachweislich nur größer. Hans Peter Dietz, Professor an der Universität Sydney und Urogynäkologe an der Frauen­klinik in Penrith, beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Geburtsschäden am weiblichen Beckenboden und damit, wie man sie verhindern oder lindern kann. Seine zahlreichen Studien mittels akribischer Ultraschalluntersuchungen haben zutage gefördert, welcher Zerreißprobe der wichtigste Beckenbodenmuskel, der Levator ani, unter der Geburt ausgesetzt ist. Verletzungen nach vaginalen Geburten sind bei 15 bis 40 Prozent der Frauen am Beckenboden nachweisbar – und: Sie sind umso eher zu befürchten, je länger eine Geburt dauert.

Nun lautet ein gängiger Vorwurf, viel zu viele Geburten würden viel zu früh per Kaiserschnitt beendet. Wäre aber die Vermeidung größerer Beckenbodenschäden nicht Grund genug, bei verzögertem ­Geburtsverlauf eher nicht zu lange zu ­zögern? Dem stimmt Dietz auf Nachfrage zu und übt außerdem Kritik an der aktuellen Forderung, die Kaiserschnittraten auf Teufel komm raus zu senken: „Die Trends sind überall dieselben: Erstge­bärende werden immer älter und über­gewichtiger, und Alter und Body-Mass-Index sind weitgehend für den Anstieg der Kaiserschnittrate verantwortlich“, klagt der Experte. „Wir sollen weniger Kaiserschnitte machen, weil das politisch gewollt ist, und das in einer Bevölkerung, die mehr und mehr Kaiserschnitte braucht. Das Resultat sind längere Geburten, mehr Zangen, mehr beschädigte Kinder und mehr Beckenbodenschäden. Wenn die Leute nur wüssten, worauf sie sich einlassen und wie viel Schaden angerichtet wird, wäre vieles anders.“

Zu den oft verleugneten Verletzungen gehören bei etwa einem Drittel der natürlichen Geburten auch Dammrisse. Das sind Einrisse in der Scheidenschleimhaut, im Beckenboden zwischen Scheide und After bis hin zum Schließmuskel am Darm- ausgang. Die australische Hebamme Elaine Greene schämt sich inzwischen dafür, früher „natürliche“ Geburten propagiert zu haben, wie sie in ihrem Beitrag in einem Gesundheits-Blog einräumt. Bekehrt wurde sie durch ihre Arbeit in einer Frauenarztpraxis, wo sie Abstriche zur Krebsfrüherkennung macht und so täglich den kaputten Geburtskanal von ­Müttern vor Augen hat. Sie schreibt: „Ich sehe immer mehr Frauen, junge und alte, die so gravierende Beckenbodenschäden haben, dass sie wegen Harn- und Stuhlinkontinenz ständig Windeln tragen. Wir verherrlichen die natürliche Geburt, die schlimme und dauerhafte Defekte hinterlässt. Der soziale Druck, natürlich zu gebären, ist immens.“

So immens, dass sich trotz der erkennbaren Risiken einer natürlichen Geburt nur wenige trauen, offen von vorneherein den Wunsch nach einem Kaiserschnitt auszusprechen. Solche Frauen haben eine denkbar schlechte Presse, sie sind Memmenmütter, Angstneurotikerinnen, „too posh to push“ (zu fein zum Pressen). Wie die Aburteilung wirkt, lässt sich in einschlägigen Internetforen nachlesen. Dort berichten Schwangere, wie sie in Geburtskliniken regelrecht genötigt werden, ihren Kaiserschnittwunsch zu begründen. Sie sehen sich oft in der Rolle der Bittstellerin und werden abgekanzelt mit Sätzen wie „Wenn man Angst hat, sollte man vielleicht gar nicht erst schwanger werden.“

Wenige trauen sich, den Wunsch nach einem Kaiser- schnitt aus- zusprechen

Da hilft es auch nicht, immer wieder klar zu stellen, dass nach Abwägung aller bekannten mütterlichen und kindlichen ­Risiken der Kaiserschnitt als sicherer gelten darf als die natürliche Geburt. So lautet ­jedenfalls das Fazit einer Konferenz an der Harvard Universität in Boston zum Thema „Wunschkaiserschnitt“ aus dem Jahr 2013.

Dass sich diese Erkenntnis nicht durchsetzt, ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass immer noch und wider besseres Wissen Wunschkaiserschnitt und Notkaiserschnitt in einen Topf geworfen werden. Wenn eine natürliche Geburt aus dem Ruder läuft, die Mutter am Ende ihrer Kräfte und das Kind gefährdet ist, ist der Kaiserschnitt eine Notlösung, war aber eben nicht die erste Wahl. Sind nun die damit einhergehenden Komplikationen dem Kaiserschnitt anzulasten oder dem Versuch, eine natürliche Geburt zu erzwingen? Ungleich besser sieht es jedoch unter den optimalen Bedingungen eines geplanten Eingriffs aus. Wie wenig indes differenziert wird, lässt sich u.a an der mantrahaft wiederholten Warnung ­erkennen, ein Kaiserschnitt erhöhe das Risiko für die Mutter, ein Blutgerinnsel zu entwickeln. Dazu sollte man wissen, dass solche Thrombosen vermeidbar sind, nur tut man dafür zu wenig: So wurde mehrfach nachgewiesen, dass die Thromboseprophylaxe nach Kaiserschnitt massiv vernachlässigt wird. In bis zu 75 Prozent fehlt es an jedweden vorbeugenden Maßnahmen – etwa Bewegungsübungen; werden gerinnungshemmende Medikamente gegeben, sind sie oft zu niedrig dosiert. Obwohl es also nachweislich an unzureichender Betreuung liegt, lastet man dies dem Kaiserschnitt an. Doch nicht der Kaiserschnitt ist zweitklassig, sondern die Behandlung der Kaiserschnittmütter.

Der zweite – letztlich entscheidende – Grund, warum der Wunsch nach einem Kaiserschnitt so schlecht beleumundet ist, ist ein ideologischer. Denn diese Mütter tun etwas Unerhörtes: Sie verweigern sich dem Lackmustest Geburt. Nirgends zeigt sich nämlich angeblich besser, was eine Frau ausmacht, als darin, wie sie eine ­Geburt durchsteht, insbesondere in der Art und Weise, wie sie die Schmerzen ­bewältigt.

Aus der Publikation über die ländliche Gebärkultur der Magdeburger Historikerin Eva Labouvie wissen wir, dass der ­Geburtsschmerz schon immer „eines der äußeren Signien für den fehlenden Blick ins Leibesinnere“ war. Der Geburtsschmerz galt als ultimative Bewährungsprobe für den Charakter einer Frau. Denn die Geburt kombiniert „Schmerz und ­Eigenverschulden“, wie Labouvie eindrucksvoll herausarbeitet. So gab es „richtige“ und „falsche“ Schmerzen.

Übermäßiger Schmerz galt als Zeichen für Liederlichkeit oder Fehlverhalten in der Schwangerschaft, ein zu wenig war ebenfalls verdächtig. Denn eine solche Mutter konnte ihr Kind nicht richtig lieben, die als schmerzlos geschilderten Geburten von Kindsmörderinnen treiben diesen Topos auf die Spitze. Das liegt auf einer Linie mit dem Verdikt von Papst Pius XII aus der Mitte des letzten Jahrhunderts über die Bindung einer Mutter an ihr Kind: „Sie liebt es umso mehr, je mehr Schmerz es sie gekostet hat.“

Wer allein auf weiter Flur steht sind Kaiser- schnittmütter

Klar, dass diejenigen, die sich dieser ­Nagelprobe eines Frauenlebens verweigern, gleichzeitig jenen, die bisher die Deutungshoheit über das „richtige“ Gebären innehatten, ihre Macht entziehen. Deshalb werden sie abgestraft. Diese Schwangeren müssen mutig sein, müssen sie sich doch gegen jahrhundertealte ­Deutungen wehren, die dem Kaiserschnitt die Schattenseite des Gebärens ­reserviert hatten.

Die Geburt des Antichristen per Kaiserschnitt war im Mittelalter ein beliebtes Bildmotiv, Teufelszeug also. Kaiserschnittkinder, die früher nur aus einer toten Mutter geschnitten werden konnten, hießen obornin, Ungeborene. Und der englische Ausdruck „not of woman born“ für ein Kaiserschnittkind besagt noch heute, dass eine solche Mutter eigentlich nicht geboren hat. Das lässt begreifen, dass nicht die Freebirther sind, die ohne Unterstützung bleiben. Wer wirklich allein auf weiter Flur steht und tough sein muss, sind die Kaiserschnittmütter.

Ist eine natürliche Entbindung nach Kaiserschnitt noch möglich?

Viele Mütter, die per Kaiserschnitt entbunden wurden, wünschen sich für ein weiteres Kind eine natürliche Geburt, fürchten jedoch Komplikationen. Das sagt ein Gynäkologe dazu.

Rund ein Drittel der Babys in Deutschland kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber nicht immer medizinisch notwendig. Unbestritten ist, dass der Kaiserschnitt Leben rettet und die Geburtshilfe sicherer und planbarer gemacht hat.

Natürliche Geburt ist nach Kaiserschnitt nicht ausgeschlossen

Frauen, die nach einem Kaiserschnitt erneut schwanger werden, und diesmal auf natürliche Weise gebären wollen, fürchten vor allem das erhöhte Risiko, dass dabei die Gebärmutter reißt (Uterusruptur). Lange galt daher die Aussage: einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt.

„Das stimmt so schon lange nicht mehr“, sagt Sven Kehl, Oberarzt der Frauenklinik im Universitätsklinikum Erlangen. „War die vorangegangene Geburt ein Kaiserschnitt, ist etwa bei zehn Prozent dieser Frauen erneut ein Kaiserschnitt (Re-Sectio) nötig – zum Beispiel, wenn das Baby in Querlage im Bauch liegt.“

Was für eine natürliche Entbindung spricht

Wie viele Frauen nach einem Kaiserschnitt eine natürliche Geburt anstreben, lässt sich nicht beziffern, da es zwischen den einzelnen Kliniken und den verschiedenen Klinikgrößen erhebliche Unterschiede gibt. „In unserer Klinik wagen rund 62 Prozent der Kaiserschnitt-Mütter einen zweiten beziehungsweise dritten Versuch“, sagt Kehl.

Für eine natürliche Geburt sprechen seiner Meinung nach folgende Gründe:

  • Wahrscheinlichkeit für eine Spontangeburt ist hoch
  • das Risiko für Plazentastörungen in weiteren Schwangerschaften wird nicht erhöht
  • langfristig gesehen, profitiert das Kind
  • Entbindung in einer Klinik mit guter Struktur (ständige Verfügbarkeit und Durchführbarkeit einer Notsectio)

So groß ist das Risiko einer Uterusruptur

Die Gefahr ist die Uterusruptur. Bei Frauen ohne Voroperation und Narbe reißt die Gebärmutter laut der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) bei 0,5 bis zwei von 10.000 Geburten vor – das ist extrem selten.

„Nach einer Sectio steigt die Wahrscheinlichkeit auf rund 75 von 10.000 Geburten. Sie liegt mit circa 0,75 also immer noch unter einem Prozent“, erklärt Kehl. Das Risiko könne sich aber weiter erhöhen, wenn der letzte Kaiserschnitt noch nicht lange zurück liege oder die Geburt durch Medikamente eingeleitet werde.

„Das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung – Misoprostol, ein synthetisches Prostaglandin-E1-Analogon – darf nach deshalb Kaiserschnitt nicht verwendet werden, da hier das Risiko für eine Ruptur zu hoch ist“, erklärt Kehl. Generell würden natürliche Geburten nach vorherigem Kaiserschnitt grundsätzlich engmaschiger überwacht.

Wenn die Gebärmutter reißt

Tritt der gefürchtete Ernstfall, ein Gebärmutterriss, tatsächlich ein, ist schnelles Handeln gefragt, um das Leben von Mutter und Kind nicht in Gefahr zu bringen.

Gynäkologe Kehl sagt dazu: „Wenn eine Uterusruptur (meist während der Austreibungsperiode) vermutet wird, findet ein (Not)-Kaiserschnitt statt. Die Gebärmutter wird danach wieder vernäht. Nur bei starken, nicht stillbaren Blutungen muss eine Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) erfolgen.“

Kaiserschnittnarbe messen

Seit einiger Zeit wird untersucht, ob es sinnvoll ist, die Kaiserschnittnarbe vor einer vaginalen Entbindung zu messen, um so Rückschlüsse auf die Sicherheit zu gewinnen. „Die Daten dazu sind noch nicht ausreichend“, meint Kehl. „Es wird in den internationalen Leitlinien daher aktuell nicht empfohlen.“ Das größte Problem dabei sein, dass ein echter Grenzwert nicht definiert werden könne.

Frauen, die sich nach einem Kaiserschnitt eine natürliche Geburt wünschen, sollten dies mit ihrem Arzt besprechen, rät Kehl. Ein einheitliches, standardisiertes Vorgehen gibt es nicht, jeder Fall muss individuell betrachtet werden. Die Chancen für eine Spontangeburt stehen aber prinzipiell gut.

  • Operationssaal statt Kreißsaal: Das Saarland führt die Kaiserschnitt-Statistik an
  • Die Geburt durch Operation: Zehn gute Gründe für den Kaiserschnitt
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  • Kind windet sich aus dem Bauch: Wie “natürlich“ kann ein Kaiserschnitt sein?
  • Kaiserschnitt: Zwei Frauen berichten

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WEITERFÜHRENDES

Ute Taschner

Die deutliche Zunahme der Kaiserschnittentbindungen in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass der häufigste Grund für einen Kaiserschnitt mittlerweile die Diagnose „Zustand nach Kaiserschnitt“ geworden ist. Unsere Autorin erläutert, warum bei der nächsten Entbindung in vielen Fällen auch eine normale Geburt möglich ist.

In Deutschland kommen immer mehr Kinder durch einen Kaiserschnitt zur Welt. Im Jahr 2012 waren es knapp ein Drittel aller Geburten. Dabei ist die Zahl der Geburten, bei denen es zu einer erheblichen Gefährdung für Mutter oder Kind kommt und die deshalb einen Kaiserschnitt erfordern, gleich geblieben. Verändert hat sich hingegen die Anzahl der sogenannten relativen Kaiserschnittindikationen, bei denen ein Ermessensspielraum besteht. Hier fällen Ärzte immer öfter die Entscheidung für den Kaiserschnitt. Nicht-medizinische Gründe wie etwa die bessere Planbarkeit von Kaiserschnittgeburten oder auch haftungsrechtliche Erwägungen, die durch die Strukturen im heutigen Gesundheitswesen bedingt sind, gewinnen dabei zunehmend an Einfluss1.
Hinzu kommt: Kaiserschnitte reproduzieren sich selbst. Wird ein Kind mithilfe des Skalpells geboren, kommt das Nächste in 74 Prozent der Fälle ebenfalls per Kaiserschnitt zur Welt. Damit ist die Diagnose „Zustand nach Kaiserschnitt“ zum häufigsten Grund für Kaiserschnitte geworden, obwohl das Dogma „Einmal Kaiserschnitt – immer Kaiserschnitt“ aus wissenschaftlicher Sicht inzwischen als überholt gilt. Eine Ursache für diese ungünstige Entwicklung scheint zu sein, dass Mütter und Mediziner die tatsächlichen Risiken von Geburten nach Kaiserschnitten häufig überschätzen. So tritt das gefürchtete Ein- oder Aufreißen der alten Narbe an der Gebärmutter während der Wehen mit einer Häufigkeit von 0,2 bis 0,5% sehr selten ein. Auf der anderen Seite wird zumeist vernachlässigt, dass auch der wiederholte Kaiserschnitt für Mutter und Kind mit Risiken verbunden sein kann. So steigt das Risiko für sogenannte Einnistungsstörungen der Plazenta, die mit lebensbedrohlichen Blutungen bei der Mutter und dem Verlust der Gebärmutter einhergehen können, mit jedem erneuten Kaiserschnitt an.

Gesundheitliche Nachteile

Trotz der deutlichen Zunahme der Schnittentbindungen von etwa 20% im Jahr 2000 auf knapp 32% im Jahr 2012 hat sich das klinische Ergebnis für Mutter und Kind in diesem Zeitraum nicht weiter verbessert2. Im Gegenteil weisen immer mehr Studien auf gesundheitliche Nachteile hin, wenn Kaiserschnitte ohne eindeutige medizinische Indikation erfolgen3.
Auch die psychischen Auswirkungen der Schnittentbindung wurden untersucht. Dabei konnte etwa festgestellt werden, dass zwar postpartale Depressionen nicht häufiger vorkommen, als nach vaginalen Klinikentbindungen. Mütter, die ihre Kinder durch Kaiserschnitte geboren haben, sind jedoch öfter unzufrieden mit dem Geburtserlebnis als Mütter nach natürlichen Geburten4. Einige äußern das Gefühl, „versagt“ oder „etwas verpasst“ zu haben, „keine gute Mutter zu sein“ oder sie fühlen sich körperlich und seelisch verletzt5. Andere kämpfen über viele Jahre hinweg mit ihren Geburtserlebnissen.
Nicht nur deshalb wünschen sich viele Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, beim nächsten Kind eine natürliche Geburt. Auch aus medizinischer Sicht sprechen etwa die schnellere Erholung der Mutter nach der Geburt und geringere Risiken für mögliche Folgeschwangerschaften dafür, diese Frauen zu einer natürlichen Geburt zu ermutigen. Doch wie kann die Begleitung aussehen und welche Bedürfnisse haben Mütter, die bereits einen oder mehrere Kaiserschnitte erlebt haben?

Die Begleitung nach Kaiserschnitt

Welche Begleitung Frauen nach Kaiserschnitt(en) konkret benötigen, hängt unter anderem davon ab, wie sie den operativen Eingriff erlebt haben und ob sie sich ein weiteres Kind wünschen. Zunächst ist es wichtig, die Geburt mit dem Arzt und/oder der Hebamme zu reflektieren. So können offene Fragen beantwortet, mögliche Irrtümer ausgeräumt und die Ereignisse während der Geburt besser eingeordnet werden. Dieses Gesprächsbedürfnis kann übrigens auch erst Monate oder sogar Jahre nach der Geburt auftauchen.
Mütter, die nach einer Geburt traurig, verunsichert oder verletzt sind, brauchen einen geschützten Raum, in dem sie über ihre Erlebnisse sprechen können. Nicht selten ist auch eine therapeutische Begleitung hilfreich. Unbewältigte traumatische Geburten wirken sich sonst unter Umständen auf die Beziehung zum Kind, die Partnerschaft, den Alltag oder die nächste Schwangerschaft aus6.
Als erster Schritt zur Selbsthilfe können Frauen auch dazu ermutigt werden, einen Bericht über die Geburt zu schreiben oder sich in Kaiserschnittgruppen mit anderen Müttern auszutauschen. Für den Fall, dass eine weitere Schwangerschaft angestrebt wird, sollte im Vorfeld gemeinsam mit Arzt und/oder Hebamme der gewünschte Geburtsmodus diskutiert und entsprechend vorbereitet werden.

Möglichkeiten und Wünsche in Einklang bringen

Viele Mütter fragen sich nach einem Kaiserschnitt: „Kann ich das nächste Kind normal bekommen?“ Dies sollte in einem ausführlichen Gespräch zwischen Mutter, Arzt oder Hebamme erörtert werden. Es gilt hier, gemeinsam die medizinischen Möglichkeiten mit den Wünschen und Vorstellungen in Einklang zu bringen. Dazu sollte unbedingt eine Kopie des OP-Berichtes und vielleicht auch des Geburtsjournals vorliegen. Vor allem der OP-Bericht ist für die Beratung der Mutter unerlässlich, denn er enthält Informationen über die Gründe für den vorherigen Kaiserschnitt und über die Schnittführung an der Gebärmutter. In seltenen Fällen ist diese nicht mit einer natürlichen Geburt vereinbar, weil das Risiko für eine Narbenruptur zu hoch wäre.
Erfolgte der Kaiserschnitt sekundär, also nach dem Beginn der Geburt, so kann das Geburtsjournal wichtige Hinweise darauf geben, wie es zur Indikationsstellung für den Kaiserschnitt kam. Oftmals zeigt sich dabei, dass der vorherige Kaiserschnitt das Ergebnis einer sogenannten Interventionskaskade war. Das bedeutet, dass ein zunächst harmlos erscheinender medizinischer Eingriff im Verlauf der Geburt weitere Eingriffe nach sich zieht und schlussendlich zu einem Kaiserschnitt führt.
Manche Ärzte raten aus Sorge vor Komplikationen recht schnell zum erneuten Kaiserschnitt. Doch in vielen Situationen ist eine vaginale Geburt möglich, etwa bei Zwillingen, Beckenendlage oder auch nach mehr als einem vorherigen Kaiserschnitt7. Aus diesem Grund sollten Mütter, die sich eine natürliche Geburt wünschen aber die Empfehlung zum wiederholten Kaiserschnitt erhalten, unbedingt eine Zweitmeinung einholen.

Mütter auf die Geburt vorbereiten

Eine Geburt nach Kaiserschnitt braucht etwas mehr Vorbereitung als eine „normale“ Geburt. Wo Strukturen und Rahmenbedingungen in der heutigen Geburtshilfe Kaiserschnitte begünstigen, ist es die Aufgabe von Müttern sowie ihren Ärzten und Hebammen, selbst Strukturen zu schaffen, die natürliche Geburten fördern.
Einige Mütter, die ihre Erfahrungen für das Buch „Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt“ aufgeschrieben haben, wählten den Ort der nächsten Geburt und ihre Hebamme besonders sorgfältig aus. Vor allem achteten diese Frauen darauf, sich während der Geburt sicher und geborgen zu fühlen. Wichtige Kriterien bei der Auswahl der Klinik sind eine möglichst niedrige Kaiserschnittrate und ob Frauen nach einem Kaiserschnitt dort gut beraten, ihre Wünsche und Bedürfnisse respektiert werden.
Bei der Wahl der Hebamme fragten die Frauen nach Erfahrungen mit Geburten nach Kaiserschnitt(en) und ob die Hebamme eine 1:1-Betreuung während Wehen und Geburt gewährleisten kann – falls auch die Begleitung der Geburt durch sie geplant ist. Die meisten dieser Frauen waren später mit ihrer Geburt zufrieden, selbst dann, wenn es wieder zum Kaiserschnitt kam.

Mentale Vorbereitung

Äußere Strukturen sind nur die eine Seite der Medaille. Auch teils wenig fassbare Aspekte, wie Körpergefühl, Selbstvertrauen und Zuversicht, spielen eine wichtige Rolle. Manche Mütter trauen sich, besonders dann, wenn der Kaiserschnitt wegen eines Geburtsstillstandes erfolgte, die nächste Geburt nicht zu. Kam es im Vorfeld des Kaiserschnitts zu einer Notsituation, besteht häufig die Angst, dies könne sich wiederholen. Es ist wichtig, solche Ängste ernst zu nehmen und gemeinsam mit der Mutter Strategien zu entwickeln, mit diesen Ängsten umzugehen. Viele Frauen, die nach Kaiserschnitt(en) natürlich geboren haben, können bestätigen, dass die mentale Vorbereitung auf die Geburt für sie entscheidend war. Diese Vorbereitung zielt unter anderem darauf ab, den Geburtsschmerz als physiologisch und für die Geburt notwendig annehmen zu können sowie ein gestecktes Ziel nicht vorschnell aufzugeben. Leichter Ausdauersport, Techniken wie Hypnose oder Yoga können dabei helfen. Kann eine Frau die Signale ihres Körpers interpretieren, so wird sie auch während der Geburt selbstbewusster mit den Herausforderungen umgehen können, die möglicherweise auf sie zukommen.

Doch wieder ein Kaiserschnitt

Auch die beste Vorbereitung kann eine natürliche Geburt nicht garantieren. Manchmal wird der erneute Kaiserschnitt von der Mutter, trotz gegenteiligem Vorsatz, selbst gewünscht und manchmal erfordern neu aufgetretene medizinische Gründe eine operative Geburt. Mütter sollten deshalb, auch dann, wenn eine natürliche Geburt geplant ist, einen alternativen Geburtsplan für den Fall eines Kaiserschnittes haben.
Die Auswahl der „richtigen“ Klinik spielt auch in diesem Fall eine große Rolle. Sind gewisse Standards bereits etabliert, erleichtert dies Müttern und ihren Kindern den Start. Wird im Falle eines Kaiserschnittes das Bonding im OP-Saal ermöglicht? Werden Mütter beim Stillen unterstützt? Wird beim geplanten Kaiserschnitt in der Regel der Wehenbeginn abgewartet, weil die Kinder dadurch nicht unter Anpassungsstörungen leiden? Gerade die Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt sollte dringend vermieden werden, außer medizinische Gründe erfordern dies zwingend. Denn Mütter leiden zumeist sehr darunter und dies kann sich auf die Bindung zum Kind sowie den Stillbeginn auswirken.
Die Rate wiederholter Kaiserschnitte von 74% in Deutschland ist im europäischen Vergleich besonders hoch. Es muss erforscht werden, was Frauen in Deutschland davon abhält, nach einem Kaiserschnitt eine natürliche Geburt zu wählen und erfolgreich umzusetzen8. In einem weiteren Schritt gilt es Standards zu etablieren, damit Frauen eine evidenzbasierte Begleitung erhalten. Dabei dürfen die individuellen Bedürfnisse der Frau­en nicht vergessen werden. Die hier vorgestellten Schritte können ein erster Beitrag dazu sein.

Auf http://www.kaiserschnitt-netzwerk.de finden GeburtshelferInnen und Mütter, die sich näher mit ihrem Kaiserschnitt-Erlebnis beschäftigen möchten, nützliche Adressen.

Literatur

1 Faktencheck Kaiserschnitt: Bertelsmann Stiftung 2012.
2 Ebd.
3 Taschner, Scheck: Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt, edition riedenburg 2012.
4 DiMatteo, Morton, Lepper, Damush, Carney, Pearson, Kahn: Cesarean childbirth and psychosocial outcomes, a meta-analysis. Health Psychol, Jul 1996, 15(4), p. 303–14.
5 Clement: Psychological aspects of caesarean section. Best Pract Res, Clin Obstet
Gynaecol, Feb 2001, 15(1), p. 109–26.
6 Elmir, Schied, Wilkes, Jackson: Women‘s perceptions and experiences of a traumatic birth: a meta-ethnography, Journal of advanced Nursing 66, 2010, p. 2142–2153.
7 Tahseen, Griffiths: Vaginal birth after two caesarean sections (VBAC-2). A systematic review with meta-analysis of success rate and adverse outcomes of VBAC-2 versus VBAC-1 and repeat (third) caesarean sec-tions. BJOG, Jan 2010, 117(1), p. 5–19.
8 OptiBirth 2013: http://www.optibirth.eu/optibirth

Vaginalgeburt nach einem Kaiserschnitt (VBAC)

Was bedeutet VBAC?

VBAC (gesprochen vi-back) ist englisch und steht für „vaginal birth after caesarean section“ (Vaginalgeburt nach einem Kaiserschnitt). Dieser Ausdruck wird benutzt, wenn eine Frau ihr Baby vaginal zur Welt bringt, nachdem sie mindestens ein Baby durch einen Kaiserschnitt geboren hat.

Wie unterscheidet sich eine VBAC von einer normalen Geburt?

Der Hauptunterschied besteht darin, dass die Geburt intensiver überwacht wird. Ihnen wird vielleicht ein ständiger elektronischer Herzton- und Wehenschreiber empfohlen. Dies ermöglicht es, den Herzschlag Ihres Babys und Ihre Wehen die ganze Zeit zu messen.
Viele Frauen haben eine erfolgreiche VBAC ohne jegliche Komplikationen. Es besteht jedoch ein kleines Risiko, dass die Narbe von dem vorangegangenen Kaiserschnitt reißen kann. Dies wird Uterusruptur (Gebärmutterriss, siehe unten) genannt.
Solch eine Ruptur betrifft nur eine von 200 Frauen, die eine VBAC anstreben. Obwohl das Risiko klein ist, passt das medizinische Team genau auf. Wenn der Herzschlag Ihres Babys nicht richtig klingt, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass es ein Problem mit Ihrer Narbe gibt.
Während einer VBAC können Sie eine Epiduralanästhesie (RCOG 2007: 9; RCOG 2008) zur Schmerzlinderung bekommen, wenn Sie das wünschen. Einige Krankenhäuser unterstützen Sie vielleicht dabei, ein Gebärbecken zu benutzen, damit Sie leichter mit den Wehen fertigwerden.

Das geht allerdings meist nur, wenn Ihre Entbindungsklinik mit Geräten ausgestattet ist, die eine kontinuierliche Überwachung auch in der Badewanne ermöglichen.

Was ist die Alternative zu einer VBAC?

Die andere Möglichkeit nach einem Kaiserschnitt ist ein geplanter zweiter Kaiserschnitt. Dies wird gewöhnlich für sieben Tage vor Ihrem Fälligkeitsdatum vorgesehen, wenn Ihr Baby aus medizinischen Gründen nicht früher geboren werden muss. Im Großen und Ganzen sind erneute Kaiserschnitte und VBAC sichere Möglichkeiten für Sie, Ihr Baby auf die Welt zu bringen (RCOG 2008).
Sie haben reichlich Zeit, um über die Risiken und die Vorzüge beider Möglichkeiten nachzudenken. Sprechen Sie mit Ihrem Geburtshelfer über die vorherige Geburt oder Geburten. Dies wird Ihnen helfen, die Entscheidung zu fällen, wie Sie dieses Mal Ihr Baby gebären wollen. Es wird Ihnen empfohlen, sich zu entscheiden, wenn Sie in der 36. Woche schwanger sind (RCOG 2007:3).

Welches sind die Vorteile einer VBAC?

Der größte Vorteil ist, dass Sie eine Vaginalgeburt haben und die Risiken eines Kaiserschnitts vermeiden. Sie haben viel weniger Schmerzen nach der Geburt und der Krankenhausaufenthalt ist kürzer (RCOG 2008).
Ihr Baby hat wahrscheinlich weniger Atemschwierigkeiten nach der Geburt, obwohl ohnehin nur einige wenige Babys dieses Problem haben (RCOG 2007:6). Wenn Sie enttäuscht waren, dass Ihr letztes Baby durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen ist, könnte eine Vaginalgeburt für Sie ein Erfolgserlebnis sein. Und wenn Sie eine erfolgreiche VBAC hatten, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass es beim nächsten Mal wieder klappt (RCOG 2007:3).

Welches sind die Nachteile einer VBAC?

Die Nachteile einer VBAC sind im Allgemeinen die gleichen wie bei jeder Vaginalgeburt. Kurzfristig können folgende auftreten:

  • Schmerz von kleinen Hautblutungen und Nähten in dem Bereich zwischen Ihrer Vagina und dem Damm (Perineum).
  • Inkontinenz in der Zeit, in der der Bereich um Ihre Vagina sich erholt.

Langfristig könnte sich leicht das Risiko erhöhen, dass sich Ihre Gebärmutter etwas absenkt (Descensus) (NCCWCH 2004). Aber andere Faktoren tragen in späteren Jahren auch zum Descensus bei. Diese Faktoren sind:

  • Die Art von Vaginalgeburt oder Geburten, die Sie hatten
  • die Anzahl der Babys, die Sie hatten
  • ob Ihre Mutter oder Schwester Descensus hatten
  • ob Sie übergewichtig sind
  • ob Sie oft Verstopfung haben (Doshani et al 2007)

Eine Schwangerschaft an sich kann Ihren Beckenboden schwächen (NCCWCH 2004). Dies kann zu Problemen wie Inkontinenz in späteren Jahren führen. Deshalb müssen Sie auf jeden Fall Ihre Beckenbodenübungen machen!

Was muss ich noch wissen?

Alle Geburten sind unkalkulierbar. Es ist immer möglich, dass Sie Ihre Absicht einer VBAC aufgeben müssen. Aber: Bei 75 Prozent aller Frauen, die sich für eine Vaginalgeburt nach einem Kaiserschnitt entscheiden, klappt das auch. Nehmen Sie sich die Zeit, Ihre Gefühle über die Geburt zu erkunden. Glauben Sie, dass Sie einen fehlgeschlagenen Versuch einer VBAC nicht ertragen können, oder glauben Sie, dass Sie es wenigstens versuchen sollten? Dies ist in erster Linie eine individuelle Entscheidung. Sie kann schwierig sein, deshalb sollten Sie darüber mit Ihrer Hebamme, Ihrem Arzt und Ihren Angehörigen sprechen.

Wie hoch sind meine Chancen auf eine VBAC?

Ihre Chancen auf eine Vaginalgeburt sind wahrscheinlich gut. Aber das hängt davon ab, warum Sie vorher einen Kaiserschnitt brauchten und wie Ihre jetzige Schwangerschaft verläuft.
War ein Kaiserschnitt nötig aufgrund eines permanenten Problems, wie zum Beispiel ein schmales Becken, dann wird wieder ein Kaiserschnitt nötig sein. Hatten Sie einen Kaiserschnitt aufgrund eines einzelnen Problems in Ihrer Schwangerschaft, weil Ihr Baby sich in der Steißlage befand oder Sie eine tief liegende Plazenta hatten, dann steht diesmal Ihre Chance auf eine VBAC nicht schlecht.
Es ist vielleicht hilfreich, sich die Zahlen anzusehen. Ihre Chancen auf eine erfolgreiche VBAC liegen:

  • Zwischen 87 und 90 Prozent, wenn Sie in der Vergangenheit mindestens eine Vaginalgeburt hatten, besonders wenn es eine VBAC (RCOG 2007:3; RCOG 2008) war.
  • Zwischen 72 und 76 Prozent, wenn Sie vorher einen Kaiserschnitt hatten.
  • Bei etwa 68 Prozent, wenn Sie zwei Kaiserschnitte hatten.

Die Erfolgsraten einer VBAC sind geringer wenn:

  • bei Ihnen die Geburt eingeleitet wird, besonders bei Prostaglandinen (NCCWCH 2008:36). Dies sind hormonähnliche Substanzen, die die Stimulierung von Kontraktionen unterstützen. Eine Induktion belastet Ihre Narbe stärker und macht eine Uterusruptur um drei oder vier Mal wahrscheinlicher als wenn die Wehen auf natürliche Weise beginnen (RCOG 2007:10).
  • Sie nur mit Kaiserschnitt geboren haben.
  • Sie früher einen Kaiserschnitt hatten, weil Ihr Baby während der Geburt steckengeblieben ist.
  • Sie übergewichtig sind mit einem Body-Mass-Index von mehr als 30 vor der Schwangerschaft (RCOG 2007:3; RCOG 2008).

Wenn all diese vier Faktoren bei Ihnen zutreffen, dann reduziert sich Ihre Chance einer VBAC auf 40 Prozent (RCOG 2007:3). Ein nochmaliger Kaiserschnitt könnte auch sicherer als eine VBAC sein, wenn Sie ein großes Baby erwarten.

Kann ich eine VBAC zu Hause haben?

Eine Hausgeburt ist immer eine Möglichkeit, wenn Sie die Hoffnung auf eine Vaginalgeburt haben. Jedoch sieht es in der Praxis so aus, dass Ärzte und Hebammen nicht glücklich darüber sein werden, wenn Sie einen Entbindungsversuch zu Hause vornehmen wollen, hauptsächlich wegen des kleinen Risikos einer Uterusruptur.
Wenn Sie eine VBAC in einem Krankenhaus haben, können Sie sofort behandelt werden, wenn das Schlimmste passiert, wenn zum Beispiel Ihre Narbe reißt. Tatsächlich ist eine Uterusruptur ein absoluter Notfall, den das Kind vielleicht nicht überlebt, aber auch die Mutter hat ein erhöhtes Risiko, daran zu sterben. Bei einer Hausgeburt stehen die Chancen also wirklich ganz schlecht, sollte es tatsächlich zu einer Ruptur kommen.
Wenn Sie Ihr Baby zu Hause zur Welt bringen wollen, wird es sich lohnen, wenn Sie sich mit einer der örtlichen Hausgeburtshebammen in Verbindung setzen. Ihre Hebamme kann Ihnen einen Namen nennen. Eine erfahrene Hebamme wird mit Ihnen über alle Möglichkeiten sprechen. Sie hilft Ihnen auch dabei, die sicherste Betreuung für Sie und Ihr Baby zu planen.
Sie könnten auch eine unabhängige Hebamme engagieren, aber Sie müssen ihre Dienste bezahlen. Ein bundesweites Gesamtverzeichnis freiberuflicher Hebammen finden Sie unter Hebammensuche.de.

Kernaussagen

Ob Sie eine VBAC haben oder nicht, kann eine schwierige Entscheidung sein. Deshalb sind hier noch einmal die wichtigsten Punkte:

  • Wenn Sie eine VBAC wünschen, sollte Ihr Arzt/Ihre Ärztin Ihre Wahl unterstützen. Sie sollten jedoch auch vollständig über die Vor- und Nachteile informiert sein.
  • VBAC bringt ein kleines Risiko einer Uterusruptur mit sich.
  • Wenn Ihr Arzt oder Ihre Hebamme Ihren Wunsch nach einer VBAC nicht unterstützen, sollten Sie Kontakt zu den örtlichen Hebammen aufnehmen, um mit ihnen Ihren Fall zu besprechen oder Sie überlegen, ob Sie eine unabhängige Hebamme engagieren.

Was ist ein Uterus-Riss oder eine Uterusruptur?

Wenn Sie gerne nach einem Kaiserschnitt eine vaginale Geburt haben möchten, wird Sie der Entbindungsarzt auch über das Risiko einer sogenannten Uterusruptur aufklären. In sehr seltenen Fällen kann die Kaiserschnittnarbe während der Schwangerschaft nachgeben und ein Riss in der Gebärmutter entstehen, genau an der Stelle, wo die Kaiserschnittnarbe liegt.
Das kann schon vor der Geburt während der Schwangerschaft passieren, aber auch gerade durch die Geburtswehen verursacht werden, weil die Kaiserschnittnarbe durch die Wehen mechanisch besonders belastet wird. Dies kommt glücklicherweise aber sehr selten vor und je länger der Kaiserschnitt zurückliegt, umso seltener kommt es zu dieser Uterusruptur.
So selten er also ist, kann ein Uterus-Riss lebensbedrohlich für Mutter und Kind sein. Studien haben gezeigt, dass die Rate der Uterus-Risse bei Frauen, die eine Vaginalgeburt nach einem vorherigen Kaiserschnitt hatten, bei 0,9 bis 0,8 Prozent liegt. Es ist in der Tat so selten, dass in einer 2004 im British Medical Journal veröffentlichen Studie kalkuliert wurde, dass die Ärzte 370 Wiederholungskaiserschnitte durchführen müssten, um einen Uterus-Riss zu verhindern. Trotzdem sollten sich alle Frauen nach einem Kaiserschnitt ein Jahr Zeit lassen, bevor sie erneut schwanger werden.
Eine Uterusruptur ist für Mutter und Kind sehr gefährlich. Die Mutter kann sehr stark aus der Gebärmutter bluten und es kann zu einer vorzeitigen Lösung des Mutterkuchens kommen. Dadurch ist auch das Baby gefährdet. Aus diesem Grund sollten Frauen, die nach einem Kaiserschnitt ihr nächstes Baby vaginal zur Welt bringen möchten, immer in einer Klinik entbinden.
Dort können die Ärzte und Hebammen bei Anzeichen für eine Uterusruptur schnell einen Kaiserschnitt durchführen und Mutter und Kind dadurch vor Schäden bewahren.
Unter einer Dehiszenz der Kaiserschnittnarbe versteht man ein Auseinanderweichen der Kaiserschnittnarbe in der Haut. Hierbei handelt es sich nur um ein kosmetisches Problem.
Ihr Risiko eines Uterus-Risses steigt an, wenn:

  • Sie eine vertikale oder klassische Narbe haben, jedoch sind heute horizontale Narben die Regel
  • Wenn man Ihnen Prostaglandine zur Weheneinleitung gegeben hat. Das Risiko eines Uterus-Risses steigt dadurch an.

Was ist ein Entbindungsversuch?

Als „Entbindungsversuch“ wird von den Ärzten die Entbindung nach einem vorherigen Kaiserschnitt bezeichnet.
Bietet eine Entbindungsstation VBAC an, sollte sie in der Lage sein, die Herztöne des Fötus elektronisch überwachen zu können und für die Durchführung eines Notkaiserschnitts vollständig ausgerüstet zu sein. Auch sollte sie eine Verbindung zu dem Bluttransfusionsservice haben.
Wenn Sie eine VBAC in Betracht ziehen, sollten Sie darüber nachdenken, wo Sie Ihr Baby bekommen möchten. Sehen Sie sich die Entbindungsstationen in Ihrer Nähe an, um zu sehen, wie diese über VBAC denken und inwieweit Sie Unterstützung bekommen. Jede Frau wird individuell beraten und kann sich vor jeder Geburt neu entscheiden.
Viele Frauen haben nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt auf ganz normalem Wege ihr Kind bekommen, weil sie motiviert waren und sich kontinuierlich begleiten ließen.

Quellen

Doshani A, Teo REC, Mayne CJ, et al. 2007. Uterine prolapse. BMJ 335(7624): 819–823
NCCWCH. 2004. National Collaborating Centre for Women’s and Children’s Health. Caesarean section Clinical Guideline.
RCOG. 2007. Royal College of Obstetricians and Gynaecologists. Birth after previous caesarean birth. Green-Top Guideline, 45. London: RCOG press. www.rcog.org.uk
RCOG. 2008. Royal College of Obstetricians and Gynaecologists. Birth after a previous caesarean: information for you. www.rcog.org.uk

Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt

(Werbung / Affiliate-Link) Ich habe hier schon häufiger zum Thema Kaiserschnitt geschrieben und dabei auch gerne ein Buch empfohlen, dass sich mit der Folgegeburt nach einem erlebten Kaiserschnitt beschäftigt. Die Zeiten, in denen es hieß „Einmal Kaiserschnitt – immer Kaiserschnitt“ sind zum Glück vorbei. Doch trotzdem fühlen sich viele Frauen nicht umfassend genug informiert darüber, wie sie ihre nächste Geburt selbstbestimmt planen können.

Ute Taschner hat genau zu diesem Thema zusammen mit Kathrin Schreck das Buch Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt verfasst. Die Autorinnen haben nach jeweils zwei Kaiserschnitten beim dritten Kind natürliche Geburten erlebt. Das Buch vereint persönliche Beweggründe, medizinisches Fachwissen und Erfahrungsberichte von Müttern.

Mittlerweile ist Ute Taschner Mutter von vier Kindern. Ihre ersten beiden Kinder kamen durch einen Kaiserschnitt auf die Welt, die anderen beiden auf natürlichem Wege. Die 42-Jährige hat Medizin studiert und die Facharztausbildung im Fach Gynäkologie und Geburtshilfe begonnnen. Außerdem ist sie Still- und Lakationsberaterin IBCLC. Ich freue mich sehr über den nun folgenden Gastbeitrag von Ute Taschner mit wertvollen Anregungen, wie sich Mütter auf die nächste Geburt nach einem Kaiserschnitt vorbereiten können.

Geburt nach zwei Kaiserschnitten

Nie hätte ich geglaubt, dass mir das passieren würde: Statt der ersehnten Hausgeburt finde ich mich mit einer schmerzenden Narbe auf dem Bauch und ohne Kind in einem Krankenhausbett wieder. Mein kleiner Sohn liegt im Babyzimmer, weit weg von mir. Und während ich das aufschreibe, erinnere ich mich lebhaft daran, wie unendlich schockiert ich damals vor mehr als 16 Jahren über die gerade zurückliegende Geburt war.

Beim nächsten Kind sollte alles anders werden. Bloß keinen Kaiserschnitt mehr! Ich meldete mich im Geburtshaus an und ließ mich von einer Hebamme durch die Schwangerschaft begleiten. Doch kurz vor dem errechneten Termin teilte mir die Hebamme mit, sie hätten im Geburtshaus entschieden, dort keine Mütter mehr nach vorherigem Kaiserschnitt zu begleiten. Die Kliniken, die nun zur Auswahl standen, sagten mir überhaupt nicht zu und ich bekam Angst. Da ich bei einem erneuten Kaiserschnitt wenigstens wusste, was auf mich zukommen würde, entschloss ich mich beim zweiten Kind zu einem geplanten Kaiserschnitt. Der verlief problemlos und ich erfuhr, wie wunderbar eine bindungsförderndes Umfeld nach einem Kaiserschnitt sein kann. Dies hatte ich nach dem ersten Kaiserschnitt anders erlebt.

Noch ehe ich zum dritten mal schwanger wurde, reifte in mir der Wunsch, das nächste Baby auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen. Ich begann, so viele Informationen wie möglich zu sammeln und kontaktierte Kliniken, Hebammen und Ärzte. Zwar gilt das Dogma „Einmal Kaiserschnitt – immer Kaiserschnitt“ nicht mehr, jedoch standen nach zwei Kaiserschnitten die meisten Geburtshelfer meinem Vorhaben skeptisch gegenüber. Einige lehnten die Begleitung einer natürliche Geburt nach zwei Kaiserschnitten rundweg ab. Aber ich lernte auch Frauen kennen, die es trotzdem geschafft hatten. Und ich suchte und fand Hebammen und Ärzte, die mich in meinem Vorhaben bestärkten und ermutigten.

In den vielen Gesprächen, die ich mit anderen Müttern, Ärzten und Hebammen führte, standen die folgenden Fragen im Mittelpunkt: Wie kann eine natürliche Geburt nach einem oder mehreren Kaiserschnitt(en) gelingen? Welche Risiken gibt es und wie bereitet man sich am besten vor?

Rückblickend zeigte sich, dass meine Vorbereitung aus drei einfachen Schritten bestand. Ich habe die vorherigen Geburten verarbeitet und mit meiner Hebamme besprochen. Ich habe während der Schwangerschaft die medizinischen Möglichkeiten mit meiner Hebamme und meiner Ärztin ausgelotet. Ich habe mich gründlich auf die nächste Geburt vorbereitet. Diese Vorbereitung umfasste die bestmögliche Organisation der Geburt selbst, die körperliche und vor allem die mentale Vorbereitung.

Schritt 1: Über die Geburt sprechen

Besonders nach einem Kaiserschnitt lohnt es sich, mit dem beteiligten Arzt oder der Hebamme ins Gespräch zu kommen. Bei dieser Gelegenheit kann man offene Fragen stellen und damit Ereignisse, die während der Geburt eingetreten sind, besser einordnen oder verarbeiten. Es hilft, wenn dazu die Dokumentation des Geburtsverlaufes und der OP-Bericht vorliegen. Diese Unterlagen kann man normalerweise problemlos in der Geburtsklinik anfordern. Manchmal reicht das jedoch nicht. Falls sich eine Mutter nach der Geburt dauerhaft traurig oder verunsichert fühlt, oder wenn sie seelische oder körperliche Verletzungen oder beides erlebt hat, kann eine professionelle, therapeutische Begleitung notwendig sein. Nützliche Adressen und Ansprechpartner unterschiedlicher Berufsgruppen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz finden sich auf den Webseiten kaiserschnittnetzwerk.de und kaiserschnittstelle.de.

Besteht keine Möglichkeit, mit einer Fachperson über die zurückliegende Geburt zu sprechen, kann man als ersten Schritt zur Selbsthilfe einen ausführlichen, persönlichen Bericht über die Geburt schreiben oder sich in Kaiserschnittgruppen oder Internetforen mit anderen Müttern austauschen. Doch hier ist Vorsicht geboten, in manchen Foren herrscht ein rauer Umgangston.

Schritt 2: Medizinische Möglichkeiten ausloten

Viele Frauen glauben, die Risiken für eine vaginale Geburt nach einem früheren Kaiserschnitt seien hoch. Doch dies ist nur selten der Fall. Dennoch sollte man sich während der nächsten Schwangerschaft rechtzeitig über sein individuelles Risiko informieren und die Geburt in Absprache mit Arzt und Hebamme entsprechend planen. Da die Planung davon abhängt, weshalb und auf welche Weise der erste Kaiserschnitt erfolgte, benötigt man für das Gespräch unbedingt eine Kopie des OP-Berichtes.

Generell gilt: War ein dauerhaft bestehendes Problem der Grund für den ersten Kaiserschnitt, wird auch bei nachfolgenden Geburten ein Kaiserschnitt unumgänglich sein. Ein Beispiel hierfür ist die starke Verengung des mütterlichen Beckens, die heutzutage jedoch extrem selten vorkommt. Wurde der Kaiserschnitt durchgeführt, weil der Arzt eine kindliche Gefährdung während des Geburtsvorganges befürchtete, bestehen zumeist gute Chancen auf eine natürliche Geburt beim nächsten Kind. Obwohl manche Ärzte aus Sorge vor Komplikationen recht schnell zum erneuten Kaiserschnitt raten, ist in folgenden Situationen oft eine vaginale Geburt möglich:
• bei Zwillingen
• wenn das Baby in Beckenendlage liegt
• bei einem Zustand nach Kaiserschnitt wegen Geburtsstillstandes
• wenn ein großes Kind vermutet wird

Deuten individuelle Umstände auf höhere Risiken hin, kann auch ein wiederholter Kaiserschnitt das Mittel der Wahl sein. Wer den Empfehlungen seines Arztes oder seiner Hebamme nicht folgen möchte, kann eine Zweitmeinung einholen. Ein besonderer Risikofaktor stellt die Uterusruptur dar. Sie ist selbst nach vorherigem Kaiserschnitt ein seltenes Ereignis. Wissenschaftler kommen in ihren Berechnungen zu dem Ergebnis, dass zwischen zwei bis fünf von 1000 Frauen nach einem Kaiserschnitt von dieser Komplikation betroffen sind. Ein natürlicher Geburtsbeginn und der Verzicht auf wehenverstärkende Mittel während der Geburt vermindern die Wahrscheinlichkeit.

Schritt 3: Vorbereitung auf eine natürliche Geburt nach Kaiserschnitt

Eine Geburt nach Kaiserschnitt braucht etwas mehr Vorbereitung, als eine „normale“ Geburt, denn die Strukturen der heutigen Geburtshilfe begünstigen Kaiserschnitte. Deshalb ist es wichtig, für die nächste Geburt hilfreiche Rahmenbedingungen zu schaffen. Idealerweise unterstützen Arzt oder Hebamme das Vorhaben. Sollte dies nicht der Fall sein, kann man einen Wechsel erwägen.

Der Geburtsort hat großen Einfluss auf das Gelingen einer natürlichen Geburt nach Kaiserschnitt. Vor allem sicher und geborgen sollte man sich dort fühlen. Es ist wichtig, dass an diesem Ort die eigenen Wünsche und Bedürfnisse respektiert werden. Bei der Wahl der Klinik sollte man auf eine möglichst niedrige Rate an Kaiserschnitten und sonstigen Eingriffen in den physiologischen Ablauf der Geburt achten. Dazu gehören auch Routinemaßnahmen wie Geburtseinleitungsversuche oder das Anlegen eines Dauer-CTG.

Es gilt zudem, Vertrauen in die eigene Gebärfähigkeit zu gewinnen. Denn nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch ein gutes Körpergefühl, Selbstvertrauen und Zuversicht spielen für das Gelingen der Geburt eine wichtige Rolle. So bestätigen viele Frauen, die nach Kaiserschnitt(en) natürlich geboren haben, dass die mentale Geburtsvorbereitung für sie sehr wichtig war. Dazu kann man sich die Geburt mit Hilfe innerer Bilder ausmalen. Manchen Frauen helfen leichter Ausdauersport, Entspannungstechniken oder Yoga, um das Körpergefühl zu verbessern und damit genauer auf die Signale des Körpers zu achten. So kann man während der Geburt selbstbewusster mit den Herausforderungen umgehen, die es zu meistern gilt.

Einige Frauen trauen sich die nächste Geburt nicht zu, weil der vorherige Kaiserschnitt wegen eines Geburtsstillstandes erfolgte. Andere befürchten, es könnte im Verlauf der Geburt zu einer Notsituation kommen. Diese Ängste und Sorgen sind ganz normal. Im Gespräch mit dem Arzt oder der Hebamme kann gemeinsam überlegt werden, welche Handlungsoptionen in derartigen Fällen bestehen. Auch die beste Vorbereitung kann eine natürliche Geburt allerdings nicht garantieren. Vielleicht passiert es sogar, dass sich eine Frau trotz gegenteiligem Vorsatz plötzlich selbst einen erneuten Kaiserschnitt wünscht. Entweder, weil sie in das vertraute Muster zurück möchte, oder weil sie selbst, ohne dass es bereits objektive Anzeichen dafür gibt, eine Gefahr für das Kind oder sich spürt.

Manchmal erfordern neu aufgetretene medizinische Umstände eine operative Geburt. Deshalb sollte man einen alternativen Geburtsplan für den Fall eines Kaiserschnittes bereithalten. Folgende Standards in der Klinik der Wahl können Mutter und Kind im Falle eines wiederholten Kaiserschnittes den Start erleichtern:
• im Falle eines Kaiserschnittes wird das Bonding im OP-Saal ermöglicht
• es gibt kompetente Unterstützung beim Stillen und dem Umgang mit dem Baby
• beim geplanten Kaiserschnitt warten die Ärzte in der Regel den Beginn der Wehen ab, weil die Babys sonst häufiger unter Anpassungsstörungen, wie Atemnot leiden
• eine Trennung von Mutter und Kind wird konsequent vermieden

Fazit:
Eine gute Vorbereitung kann eine natürliche Geburt nicht garantieren, aber die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. Es lohnt sich, bereits zu Beginn der Schwangerschaft Geburtshelfer und Hebammen zu suchen, die den Wunsch nach einer natürlichen Geburt unterstützen. Wenn man so viele Informationen wie möglich zusammen trägt, steigen die Chancen auf eine natürliche Geburt. Unter guten Voraussetzungen liegen diese mit über 75 Prozent ziemlich hoch.

Literatur: Meine Wunschgeburt – Selbstbestimmt gebären nach Kaiserschnitt, Ute Taschner, Kathrin Scheck, edition riedenburg 2012

Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt? Ganz bestimmt nicht! In vielen Kliniken wird Frauen – nach vorangegangenem Kaiserschnitt – zur Wahl gestellt, ob sie es diesmal spontan versuchen wollen, oder von vornherein einen Kaiserschnitt bevorzugen. Aber nach zwei Kaiserschnitten sieht das meistens schon ganz anders aus. Da wird doch eher davon ausgegangen, dass nun gleich eine Schnittentbindung (Sectio) geplant wird. Aber möglich, wenn auch selten, ist es auch spontan. Eine dieser Ausnahmen ist Marleen. Ihren Geburtsbericht hat sie mir zur Verfügung gestellt.

Marleen ist Mutter von drei Kindern. Die ersten Beiden kamen per Kaiserschnitt zur Welt. Bei der Geburt der einen Tochter kam es nach dem Setzen der PDA zum Geburtsstillstand, was sehr schade ist, denn der Muttermund war bereits nach zwei Stunden vollständig eröffnet. Während ihrer zweiten Schwangerschaft lagerte sie 20 kg Wasser ein und ihr wurde gesagt, dass sie es gar nicht erst spontan versuchen bräuchte – dass bringe eh nichts. Auch das ist wirklich schade, denn ohne Wehen lässt sich schwerlich voraussagen, wie sich ein Muttermund wohl unter der Geburt verhalten wird. Damals traute sie sich nicht zu widersprechen und willigte dem geplanten Kaiserschnitt ein.

Nach den Geburten freute sie sich zwar über zwei gesunde Mädchen, jedoch blickte sie wehmütig zurück: Ihr fehlten die Geburtserlebnisse, das Ankommen und Beschnuppern. Bei der zweiten Geburt bekam sie ihre Tochter sogar schon gebadet und angezogen überreicht. Das machte sie richtig wütend. Der Anfang fehlte ihr.
Sie fühlte sich, wie sie sagt, nicht als vollwertige Frau; nicht „in der Lage“ auf natürlichem Weg ein Kind zu gebären.

Drei Jahre später war Marleen erneut schwanger. Leider war es jedoch eine Eileiterschwangerschaft. Es folgten drei weitere Fehlgeburten und danach hatte sie mit dem Kinderthema eigentlich abgeschlossen. Aber das Schicksal hielt noch etwas für sie bereit…
Hier kommt der Bericht von Marleens dritter Geburt, die, entgegen allen Wetten, eine Spontangeburt werden sollte. Sehr spontan, wie ihr gleich lesen werdet. Das Ganze ist, wie immer, mit kleinen Anmerkungen von mir in lila versehen.

Schwanger und voller Zuversicht

Im Dezember wurde ich schwanger. Wir erfuhren es zu Weihnachten. Es war mir sofort klar, dass ich mir zeitnah eine Hebamme suche und die Ärzte nur das Nötigste machen lasse.
Mein erster Termin führte mich jedoch zur Frauenärztin. Dort sah ich sofort, dass alles richtig saß – am richtigen Platz.
Meine Beleghebamme lernte ich dann auch recht schnell kennen. Ich begrüßte sie mit den Worten: „Hallo ich bin Marleen und ich bekomme dieses Kind spontan!“ Sie hörte sich meine Vorgeschichte an. Die Gründe für die vorrangegangen Kaiserschnitte erzählte ich Ihr und sie meinte darauf: „Wir versuchen es einfach!“
Ja, ich wollte es probieren. Wenn es nicht klappen würde, wäre für mich der Kaiserschnitt völlig ok gewesen. Ich wollte ja nicht die Gesundheit meines Babys riskieren. Aber ich wollte es versuchen.

Risiken überall

Meine Frauenärztin empfand ich als sehr anstrengend. Sie war sehr genau und über alles immer sehr besorgt. Ja, ich war eine Risikoschwangere, aber nicht schwer krank.

Durch mehrere Fehlgeburten zählt man automatisch als Risikoschwangere. Allerdings sollte man versuchen, nach besonderer Vorsicht in der ersten Zeit, dann auch etwas Ruhe rein zu bringen. Denn jede Schwangerschaft ist anders und schließlich hatte Marleen ja nicht nur mehrere Fehlgeburten, sondern auch zwei gesunde Kinder bekommen. Ihr Körper hat also schon bewiesen, dass er eine Schwangerschaft ganz wunderbar meistern kann.
Auch eine vorausgegangene Sectio ist ein Grund für die Risikoeinstufung. Jedoch wird das erst im späteren Schwangerschaftsverlauf und unter der Geburt wichtig. Eine wichtige Aufgabe von Geburtshelfern ist es, der Frau Vertrauen und Sicherheit zu geben und nicht Panik zu schüren. Die nützt nämlich niemandem.

Deja vu

Aber in der 23. SSW wurde eine Zervixinsuffizienz festgestellt. Mich beunruhigte es nur ein wenig. Ich kannte das alles schon von der ersten Schwangerschaft und meine erste Tochter kam am ET.

Eine Zervixinsuffizienz bedeutet, dass der Halteapparat der Gebärmutter nicht so gut funktioniert, wie gewünscht. Der Gebärmutterhals verkürzt sich und es kann passieren, dass sich der Muttermund frühzeitig etwas öffnet. Schlimmstenfalls kann es dadurch zu einer Fehl- oder Frühgeburt kommen. Meistens steckt dann eine Infektion dahinter.

Ich ließ mich aber einweisen und bekam Lungenreifespritzen. Ich war im ständigen Kontakt mit meiner Hebamme.

Lungenreife bedeutet, dass die Mutter über zwei Tage hinweg eine Cortisonspritze verabreicht bekommt. Dies bewirkt, dass die Lunge des Babys – im Falle einer Frühgeburt – bereits in der Lage ist, sich zu entfalten. Gleichzeitig sollte sich die Mutter möglichst schonen, um genau diese Frühgeburt zu verhindern.

Dort wurde ich auch ständig vaginal untersucht, was mich wirklich nervte. Jeder maß etwas anderes. Ehrlich gesagt war es mir auch nicht so wichtig, ob 1,6 oder 1,9 cm. Naja, so genau weiß ich es auch nicht mehr.

Man sollte bei einer Zervixinsuffizienz möglichst selten untersuchen, da man mit dem Ultraschall eher noch Keime, die ja natürlicherweise in der Scheide vorhanden sind, in Richtung Muttermund schiebt. Und die ständige, mechanische Manipulation trägt auch nicht gerade zur Verbesserung der Situation bei.

Gegenwind

Natürlich war jedes Mal die Empörung groß, wenn ich sagte, dass ich dieses Kind spontan auf die Welt bringen werde. Dann kam immer: „Denken sie daran, dass ihre Narbe unter den Wehen aufreißen kann!“ (Uterusruptur) Die Wahrscheinlichkeit sei um 10% erhöht. Ich hatte andere, mehrere ärztliche Studien gelesen. Dort lag das Risiko bei 2%. Naja und immer wieder von allen ÄrztInnen die emotionale Erpressung: „Dann sterben Ihr Kind und Sie!“

Wie bitte?

Meine Frauenärztin war auch ganz erbost und meinte: „Nein Frau C., sie werden nicht spontan entbinden. In welches Krankenhaus gehen sie denn? Das macht doch niemand mit! Ich schicke sie jetzt in die Klinik. Sie müssen mal ruhig gestellt werden.“ Ich sollte ihrer Ansicht nach nur liegen. Ich dachte nur, mich stellt hier gar keiner ruhig. Ich bin eine erwachsene Frau!
Das Ende vom Lied war, dass sie mich – nachdem sie mich dreimal wöchentlich inklusive vaginalem Ultraschall sehen wollte – dann ab der 30. SSW gar nicht mehr sah! Ich ging nur noch zu meiner Hebamme!

Das wird ein Kaiserschnitt!

Bei dem Vorgespräch in der Klinik saß ich alleine beim Chefarzt. Meine Hebamme, die eigentlich mitkommen wollte, musste wegen einer Geburt spontan absagen. Er: „So Frau C., erstens: Aufgrund ihrer Adipositas passt ihr Kind eh nicht durch den Geburtskanal. Das sehe ich sofort! Das ist auch der Grund für die Kaiserschnitte und zweitens wird die Gebärmutterwand zu dünn sein und reißen!“ Obwohl ich recht selbstbewusst in das Gespräch reingegangen war, hatte ich auf einmal einen Termin zum geplanten Kaiserschnitt. Zwei Wochen vor ET sollte dieser stattfinden.

Ich rief gleich darauf meine Hebamme weinend an und meinte, ich bekomme jetzt doch einen Kaiserschnitt. Sie kam zu mir nach Hause und bat mich vorher noch, dass mein Mann dabei sein sollte. Sie fragte zuerst, was ich denn will, und dann, was mein Mann denn will. Wir besprachen alle Risiken und Situationen, die entstehen könnten.

Wahrscheinlich ungefähr so: Entweder, alles läuft ganz optimal, oder es gibt eben eine großzügige Kaiserschnittindikation. Das heißt, wenn es Probleme gibt, wird nicht lange gefackelt. Es besteht ein gewisses Ruptur-Risiko (also dass die Gebärmutter reißt), daher sollten verstärkende Maßnahmen, wie z.B. ein Wehentropf, möglichst nicht zum Einsatz kommen. Bei Wehen sollte die Klinik frühzeitig aufgesucht werden und nicht, wie in einer unbelasteten Schwangerschaft, ein großer Teil der Wehenarbeit zu Hause geleistet werden…

Eine Portion Chuzpe

Meine Hebamme holte sich in der Klinik das OK zur Geburt von einem der Oberärzte, dem sie meinen Fall schilderte. Dass der Chefarzt schon „nein“ gesagt hatte, erwähnte sie in dem Gespräch wohl nicht. Dank meiner wunderbaren Hebamme würde ich nun doch den Versuch wagen, spontan zu entbinden!

Es geht los! Geht es los?

Etwa 20 Tage vor ET hatte ich die ersten leichten Vorwehen. An dem Tag hatte ich auch leichte Blutungen. Meine Hebamme kam kurz darauf und stellte fest, dass der Muttermund 2-3 cm geöffnet war. Ich konnte beim Ertasten die Fruchtblase und das Köpfchen deutlich spüren.

Wenn der Muttermund sich zu öffnen beginnt, kann es immer zu einer ganz leichten Blutung kommen. Wir nennen sie Zeichnungsblutung. Sie markiert oft, aber nicht immer, den Geburtsbeginn.

Ab da an hatte ich jede Nacht vier Stunden lang Wehen, die veratmet werden mussten, leider alle fünf Minuten kamen und auch in der Badewanne nicht verschwanden. Sie hörten dann allerdings auch immer wieder von alleine auf.

Viele Frauen haben diese Fehlalarme. Das kann, wenn es häufiger vorkommt, sehr zermürbend sein.
Mit dem homöopathischen Mittel Caulophyllum habe ich in solchen Fällen ziemlich gute Erfahrungen gemacht, denn es hilft dabei, wie die Wanne eigentlich auch, mehr Klarheit in die Wehentätigkeit zu bringen. Bei Wehen, die sich wie Regelschmerzen anfühlen, wirkt das homöopathische Kombinations-Arzneimittel Spascupreel gut. Oder, ganz schulmedizinisch: Buscupan. (Alle Mittel sind natürlich nur in Absprache mit der Hebamme oder dem Gyn. anzuwenden.)

Sehr frustrierend kann ich euch sagen. Meine Laune war dementsprechend. Meine Familie hatte ganz schön unter mir zu leiden.
Sieben Tage vor ET machten wir nochmal einen kleinen Familienausflug. Dabei hatte ich mal wieder meine üblichen Vorwehen, die ich – wie gewohnt – schön veratmete.
Abends machten wir uns noch einen Kinoabend. Dabei immer ein leichtes Ziehen. Wir gingen dann alle schon um zehn ins Bett. Ich war ziemlich erschlagen von dem Tag!

Baby statt Blasenentzündung

Ab ein Uhr nachts wurde ich stündlich wach, weil ich Pipi musste. Dass fühlte sich irgendwie komisch an und ich dachte noch: „Och kacke, jetzt bekomme ich noch eine Blasenentzündung!“
Um vier Uhr tastete ich mal wieder meinen Muttermund, was ich seit zwei Wochen täglich machte, in der Hoffnung, der Muttermund würde sich weiter öffnen. Bis dahin hatte ich immer drei Zentimeter und eine kleine, sich darein-wölbende Fruchtblase gespürt. Diesmal bekam ich einen ganz schönen Schrecken: Ich spürte quasi nur noch Fruchtblase!

Der Muttermund war also schon sehr weit eröffnet!

Den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, kam die erste Wehe. Bei der wusste ich sofort: Jetzt wird es ernst!
Ich weckte meinen Mann und sagte nur: „Ruf meine Mutter und die Hebamme an!“ Ich konnte das nicht mehr tun, da die Wehen plötzlich ohne Pause kamen. Ich jaulte das ganze Haus zusammen, in der Hoffnung, den Schmerz noch verarbeiten zu können.
Meine Hebamme war circa zehn Minuten später da! Sie ging mit mir nach oben, untersuchte mich, und machte mir etwas Angst: Sie wirkte nervös…
Sie sagte nur: „Marleen, ich muss dir eine Spritze geben, weil – wenn du keine Risikogeburt wärst – würdest du jetzt gleich dein Baby zu Hause bekommen! Dein Muttermund steht jetzt bei sieben Zentimetern. Wir packen dich jetzt ins Auto und dann los.“

Sie hat wohl ein Wehen-hemmendes Mittel gegeben, um den Weg in die Klinik zu überbrücken.
Die Nervosität kam sicher durch die ungewöhnlich schnelle Eröffnungsperiode.

Wir haben dann eben noch meiner Tocher Nora Bescheid gesagt, die wach geworden war, dass die Oma unterwegs ist und sie sich keine Sorgen machen muss. Sie hat uns dann noch Schnittchen geschmiert….

Wie süß und gedankenvoll von einem neunjährigen Mädchen!

Mit Vollgas in die Klinik

Ich kann euch sagen, die Spritze war für den A… . Ich hatte immer noch Wehen. Ich schrie im Auto immer wieder: „Wir schaffen das nicht, wir schaffen das nicht!“ Circa 15 km Weg lagen vor uns. Gut, dass es Sonntagmorgens war und die Landstraße leer. Ich glaube, so schnell sind wir die Strecke noch nie gefahren und eine rote Ampel musste auch dran glauben!
Mein Mann hielt direkt vor dem Eingang, die Hebamme kam angerannt und wir beide dann ab zum Kreissaal. Dort angekommen, zog sie mir die Klamotten runter und ich ab aufs Bett. Boah war ich erleichtert, dort zu sein!

Sie kommt!

Kurz darauf sprengte die Hebamme meine Fruchtblase, um eine Sonde zu setzen, damit gewährleistet war, dass es Anneli gut geht!

Man macht das, wenn die externe CTG-Aufzeichnung nicht funktioniert, es aber wichtig ist, schnell zu wissen, ob es dem Kind gut geht.

Ich rief immer nur: „Ich schaff das hier nicht! Ich halte die Schmerzen nicht aus!“ Ich wollte das Lachgas haben. Das bekam ich auch. Tolles Zeug kann ich euch sagen. Es nimmt die Spitzen der Wehen! Es entspannt, macht einen aber nicht Gaga.
Kurz darauf merkte ich den Druck nach unten und das Verlangen mit zu schieben. Dann sollte ich mich auch schon auf den Rücken legen und nach zwei Presswehen war Anneli geboren.

Wow! Das war aber echt schnell!
Die Rückenlage kann ich mir nicht erklären. Hier hätte es, meiner Meinung nach, auch jede andere Position sein dürfen. Aber ich war ja nicht dabei…

Da lag sie nun auf meinen Bauch. Dieses wunderbare kleine Wesen, was neun Monate in mir gewachsen war. Es war so ein toller Moment sie zu riechen und zu spüren. Und ja, der Schmerz war sofort vergessen. Es war ein wenig so, als wenn die Zeit in Zeitlupe läuft und man in diesem Moment alles aufsaugt. Ich konnte sie beim Angekommen beobachten!
Vor allem das hatte ich bei den beiden Kaiserschnitten vermisst. Da waren sie schon durch so viele Hände gegangen. Meine Mittlere war ja sogar schon angezogen, als sie mir übergeben wurde. Es hört sich komisch an, aber meine dritte Tochter, war mein erstes Kind, das ich geboren hatte.

Traumgeburt

Ich bin meiner Hebamme so dankbar, dass ich diese für mich wunderbare Traumgeburt erleben durfte. Dieses Erlebnis gibt mir so viel Kraft daran zu glauben, dass man vieles Schaffen kann, wenn man es will.
Ach ja und mein Mann war die ganze Zeit ganz wunderbar. Er hat mir Mut gemacht, mich unterstützt und immer daran geglaubt, dass ich die richtige Entscheidung treffe, wie unser Kind auf die Welt kommt! Dafür liebe ich ihn umso mehr.
Warum es bei mir so schnell ging? Ich denke, das liegt bei uns in der Familie. Meine Mutter und meine Schwester haben ähnlich schnell entbunden. Bei meiner ersten Tochter ist der Geburtsstillstand aufgrund der PDA aufgetreten. Aber auch dort hatte sich mein Muttermund innerhalb von nur zwei Stunden komplett eröffnet.

Meine alte Frauenärztin – sie bekam ja automatisch den Geburtsbericht zugeschickt – beschwerte sich noch persönlich im Krankenhaus darüber, dass sie die Spontangeburt zugelassen zu haben. Es wäre unverantwortlich.

Verletzter Stolz? Eine Gratulation an die Klinik für die gute Geburtsleitung wär vielleicht angebrachter gewesen. Von einer Beglückwünschung der Mutter mal ganz zu schweigen.

Herzlichen Glückwunsch!

Ich hole das jetzt hier mal nach: Marleen, Respekt! Das hast du, gegen all die Widerstände, wirklich großartig gemeistert!

Eine Spontangeburt nach vorausgegangenem Kaiserschnitt – oder auch VBAC (Vaginal Birth after Ceasarien Section) ist schon etwas Besonderes. Daher werden sich vielleicht einige der Leserinnen hier nun fragen:

„Geht das immer?“

Nun ja: Erst einmal kommt es darauf an, aus welchem Grund die erste Sectio gemacht wurde und ob dieser Grund erneut besteht. Dann kommt es auch sehr darauf an, was die Mutter selbst möchte. Wenn z.B. die erste Geburt, die in einem Kaiserschnitt endete, sehr traumatisch erlebt wurde, kann es sein, dass sie sich eine heilende, schöne Vaginalgeburt wünscht. Aber genauso kann es sein, dass sie sagt: Wenn die Gefahr besteht, dass es wieder so schrecklich wird, dann nehme ich lieber gleich einen geplanten, geordneten Kaiserschnitt.
Natürlich wurde Marleen zu Recht als Risikokandidatin gehandelt. Denn, wie schon im Text erklärt, ist das Risiko für eine Ruptur unter der Geburt erhöht. Die Gebärmutter hat ja eine Narbe, und die kann unter Wehen natürlich eine Schwachstelle sein. Insofern ist hier eine sorgfältige Beobachtung der Frau nötig. Es gibt aber meistens Anzeichen, die solch ein Ereignis ankündigen. Daher halte ich eine intensive Betreuung (am Besten 1:1) und die Möglichkeit, auf Anzeichen schnell zu reagieren, für essentielle Voraussetzungen für eine VBAC.
Marleen hatte, durch die kontinuierliche Betreuung ihrer erfahrenen Beleghebamme bis in die in Klinik hinein, also die besten Voraussetzungen für eine gute, sichere Geburt.

Wie weit würdet ihr für eure Traumgeburt gehen? Was würde euch bei der Entscheidungsfindung am meisten helfen? Oder habt ihr sogar schon ähnliche Erfahrungen wie Marleen gemacht?

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Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt – geht das?

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Die Kaiserschnittrate liegt in Österreich bei knapp 29% und ist weltweit die häufigste Operation. Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, empfehlt eine Kaiserschnittrate von 15%. Österreich liegt somit weit über dieser Vorgabe. Verschiedene absolute medizinische Gründe lassen Ärzte einen Kaiserschnitt machen, wie zum Beispiel eine Querlage des Kindes oder die Lage der Plazenta vor dem Gebärmutterhals (plazenta praevia). Dennoch wird die Mehrzahl der Schnittentbindungen nicht aus absoluten, sondern aus relativen Indikatoren gemacht. Ein vorrangehender Kaiserschnitt gilt als einer dieser relativen Gründe, aus denen oft bei der nächsten Geburt WIEDER ein Kaiserschnitt gemacht wird.

VBAC = Vaginal Birth after Cesarean

Trotzdem wünschen sich viele Frauen, gerade nach einem Kaiserschnitt, ihr nächstes Kind auf natürlichem Wege auf die Welt zu bringen. So auch Sabine, Mutter von zwei Buben. Ihre erste Geburt war ein Kaiserschnitt, welcher sie noch Jahre danach zum Grübeln und Nachdenken gebracht hat. Als sie wieder schwanger wurde, war für sie klar, dass sie wieder eine natürliche Spontangeburt anstrebt und sich dementsprechend darauf vorbereitet. Ihr zweiter Sohn kam dann auch vaginal zur Welt (VBAC = Vaginal Birth after Cesarean). Wie die Einstimmung auf die zweite Geburt, die Erfahrung mit Krankenhaus und Hebammen und die Geburt selber waren, verrät sie uns in einem Interview. Ihre Geschichte soll Frauen stark machen, die sich nach einem Kaiserschnitt von Herzen wünschen natürlich zu entbinden und diesbezüglich Sorgen, Ängste oder Bedenken haben.

Sabine von Sabsalla

Erfahrungen mit VBAC

  • Herzlichen Glückwunsch erstmal. Du hast dein 2. Baby bekommen. Wie war die Geburt in 3 Worten?

Vielen Dank für die Glückwünsche. Ich freue mich, dass wir dieses Interview führen. In 3 Worten war die Geburt: Anstrengend. Intensiv. Wundervoll.

  • Die Geburt deines ersten Sohnes war ein Kaiserschnitt, die zweite nun eine Vaginalgeburt (VBAC). Wie bist du das ganze Thema VBAC angegangen bzw. war für dich von Anfang an klar, dass du eine natürliche Geburt versuchen willst?

Es war für mich von Anfang an klar, dass ich WIEDER eine vaginale Geburt versuchen möchte. Ich wollte das schon beim ersten Mal. Hat aber leider nicht funktioniert. Aus medizinischen Gründen, die für mich aber ok waren und jetzt beim zweiten Mal wollte ich, wenn alles passt, wieder versuchen vaginal zu entbinden, egal ob ich vorher einen Kaiserschnitt hatte oder nicht. Ich bin aber etwas vorsichtiger an das Thema herangegangen, habe mir ein Buch darüber gekauft ( „Meine Wunschgeburt.“ Von Ute Taschner und Kathrin Scheck.), wo ganz genau beschrieben wird, wie hoch eigentlich die Risiken sind nach einem Kaiserschnitt vaginal zu entbinden, worauf man achten sollte, Geburtsgeschichten sind glaube ich auch drin und das hat mich nur noch bestärkt es vaginal zu versuchen, weil es gar nicht so viel gefährlicher ist vaginal zu entbinden, wenn man vorher einen Kaiserschnitt hatte. Und so war das. Ich habe mir also das Buch gekauft, habe mich viel informiert und bin somit gestärkt wieder in das Thema reingegangen, um wieder eine Vaginalgeburt zu versuchen. Und diesmal hats funktioniert!

  • Gibt es viele Hebammen, die VBACs begleiten?

Ich glaube schon, dass es viele Hebammen gibt, die eine Vaginalgeburt nach Kaiserschnitt begleiten. Aber NUR im Krankenhaus. Es gibt nur ganz wenige, die eine Hausgeburt nach einem Kaiserschnitt begleiten. Weil es einfach nicht sehr gerne gesehen wird. Ich glaube nicht, dass es schwierig ist eine Hebamme zu finden, die eine VBAC im Spital begleitet.

  • Wie ist das Krankenhaus mit deinem Vorhaben umgegangen? Ist es tatsächlich viel risikoreicher vaginal zu entbinden nach einem Kaiserschnitt?

Für mich persönlich ist und war es das nicht, aber die genauen Zahlen stehen in dem oben genannten Buch drin. Letztlich geht es hauptsächlich um die Sorge, dass eine Uterusruptur (Riss der Gebärmutter) durch die Anstrengung bei der Geburt passieren könnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert ist laut Statistiken, nach einem Kaiserschnitt höher als nach einer Vaginalgeburt, das stimmt. ABER nicht viel. Ja es klingt natürlich „schlimm“, wenn man hört, dass das Risiko doppelt so hoch ist nach einem Kaiserschnitt. Wenn man aber von einer 1%igen Wahrscheinlichkeit ausgeht und bei Vaginalgeburten von 0,5% ist das wieder nicht so viel 😊. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden, ob es sich richtig anfühlt oder eher Angst macht. Im Krankenhaus musste ich vor der Geburt einen Revers unterschreiben, dass ich mir der Risiken bewusst und trotzdem einverstanden bin. Das Krankenhaus hat auch klargestellt, dass sie nicht so lange zuwarten, wenn irgendetwas sein sollte, schneller ein Kaiserschnitt gemacht wird, als wenn ich vorher keinen Kaiserschnitt gehabt hätte. Dadurch, dass ich mit einer sehr erfahrenen Hebamme ins Krankenhaus gegangen bin, die auch das volle Vertrauen der dortigen Ärzteschaft hat, habe ich mich autonom gefühlt und nichts von irgendeiner Panik mitbekommen. Ich, mein Partner und die Hebamme waren auch die gesamte Geburt alleine und es war währenddessen nie ein Arzt anwesend. Die Hebamme hat dafür gesorgt, dass wir uns gut aufgehoben fühlen.

  • Hattest du Angst vor einer Uterus-Ruptur? Und: empfindest du die Einstellung der Ärztinnen/Spitäler übertrieben?

Ich persönlich hatte so gut wie keine Angst vor einer Uterus-Ruptur, weil die Chancen dafür wirklich nicht viel höher sind, als wie nach einer Vaginalgeburt. Wenn man vaginal entbindet, macht man sich über dieses Risiko ja so gut wie keine Sorgen. Daher habe ich mir auch keine gemacht. Bei mir waren es andere Gründe, warum ich mich mit eigener Hebamme und im Krankenhaus am besten gefühlt habe. Wir haben vorher auch eine Hebamme kennen gelernt, die eine Hausgeburt begleitet hätte. Das hat dann aber für uns nicht perfekt gepasst. Wir wollten lieber ambulant zur Geburt ins Spital mit eigener Hebamme und danach zu Hause betreut werden. Ich glaube, Ärzte sehen jeden Tag sehr viele Komplikationen im Krankenhaus und was alles passieren kann. Deshalb verstehe ich ihre Angst. Im Krankenhaus wird ja prinzipiell viel schneller interveniert als bei einer Hausgeburt. Spitäler müssen halt abgesichert sein, WENN etwas passiert. Da geht es sehr viel um Ab- und Versicherung gegen Klagen. Übertrieben finde ich es nicht. Es stört mich auch nicht, dass ich einen Revers unterschreiben muss, aber natürlich ist das für viele Frauen eine große Verunsicherung. Das finde ich schade. Dass viele Frauen und vor allem auch deren Männer, dadurch entmutigt werden es vaginal zu versuchen, obwohl sie den großen Wunsch hätten. Weil vor jeder Operation im Krankenhaus muss ich ja auch etwas unterschreiben.

  • Wie war die erste im Vergleich zur 2. Geburt?

Die Geburt an sich beim ersten Mal lässt sich sehr schwer vergleichen, weil alles sehr schnell ging. Ich hatte einen Blasensprung mit grünlichem Fruchtwasser. Dann wurde ich ins Krankenhaus gebracht und da das Fruchtwasser schlecht aussah und es eine Beckenendlage war, haben Arzt und Hebamme entschieden, dass wir zum Wohl des Kindes einen Kaiserschnitt machen. Es ging Schlag auf Schlag. Blasensprung. Wehen. Rettung. Fruchtwasser. Kaiserschnitt. Und das Kind war da. Es war einfach überfordernd, weil es so schnell ging. Den Kaiserschnitt an sich fand ich nicht sehr schlimm, weil ich mich vorher schon damit auseinandergesetzt habe, weil es eben bei Beckenendlage öfter in einem Kaiserschnitt enden kann. Bei der zweiten Geburt, meiner natürlichen Geburt, war es dann umso länger 😊. Aber insgesamt schöner. Es ist wirklich ganz schwierig zu vergleichen. Ob man im OP liegt und das Kind herausgeschnitten wird. Ich habe mein erstes Kind auch nicht gleich bei mir gehabt und ihn erst sehr spät bekommen. Und bei der natürlichen Geburt war es ganz anders. Ich habe halt alles selber gemacht. Der Körper konnte ganz natürlich arbeiten. Aber ich glaube auch, dass ein Kaiserschnitt sehr schön gestaltet werden kann, wenn die Umstände passen. Ich finde es gut, dass Frauen selber entscheiden können, ob sie vaginal entbinden oder einen Kaiserschnitt machen wollen.

  • Was würdest du einer Schwangeren raten, die es gerne nach einem vorausgegangenen Kaiserschnitt versuchen möchte vaginal zu entbinden?

Ich würde einer Schwangeren raten, dass wenn sie es wirklich möchte, sie sich nicht entmutigen lässt und dass sie sich am besten eine eigene Hebamme sucht. Nicht dass jeder eine eigene Hebamme braucht. Aber es hilft schon, dass die Hebamme einen fachkundig und emotional während der gesamten Schwangerschaft, Geburt und danach betreut. Sie gibt einem auch Sicherheit. Ich weiß nicht, ob ich die natürliche Geburt nach dem Kaiserschnitt ohne meine Hebamme geschafft hätte. Deswegen würde ich eine eigene Hebamme empfehlen. Ansonsten kann man sich im Internet gut informieren und das erwähnte Buch ist auch toll. Vor allem auch wenn die eigenen Ängste und Bedenken doch recht groß sind. Da kann man nachlesen, dass es eigentlich nicht so „gefährlich“ ist nach einem Kaiserschnitt vaginal zu entbinden. Es ist auch wichtig, sich das richtige Krankenhaus zu suchen. Und vor allem auch Gespräche mit Personen zu meiden, die einen das Thema VBAC betreffend runterziehen, sondern eher mit Menschen umgeben, die einen bestärken. Also: gutes Krankenhaus, gute Hebamme, sich gut informieren und bestärken. Ob es dann klappt oder nicht, weiß man im Vorhinein eh nicht, daher kann man es auf jeden Fall mal probieren 😊. Bei mir hat es geklappt und ich kann es nur empfehlen!

Im Detail

Natürliche Geburt nach Kaiserschnitt

25.04.2013 | Pressemitteilungen 2013

Ultraschall hilft, Chance einer erfolgreichen vaginalen Geburt zu bemessen und Risiken zu senken

Ein Kaiserschnitt erhöht das Risiko für die Frau, dass bei der Geburt eines weiteren Kindes die Gebärmutter reißt. Viele Geburtshelfer raten deshalb bei einer erneuten Schwangerschaft wieder zu einem Kaiserschnitt. Wünscht sich eine Frau dennoch eine natürliche Geburt, kann eine Ultraschalluntersuchung bei der Entscheidung helfen. Darauf deutet eine aktuelle Studie hin. Indem der Arzt die Kaiserschnittnarbe per Vaginal-Ultraschall untersucht, kann er genauer einschätzen, ob eine Frau natürlich entbinden könnte oder nicht. Dies teilt die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM) mit.

„Ein Riss der Gebärmutter ist zwar insgesamt selten, allerdings ist die „Uterusruptur“ eine zu Recht gefürchtete Komplikation, die die Gesundheit von Mutter und Kind bedroht“, erklärt DEGUM-Experte Professor Dr. Ulrich Gembruch, Leiter der Abteilung für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Ohne Voroperation und Narbe reißt die Gebärmutter während der Geburt extrem selten: Dies kommt bei 0,5 bis 2 von 10 000 Geburten vor. Ein vorhergehender Kaiserschnitt steigert die Häufigkeit auf 75 von 10 000 Geburten. „Wenn die Geburt eingeleitet werden muss und Wehen verstärkende Medikamente zum Einsatz kommen, steigt das Risiko nochmals auf 1 bis 4 Prozent“, so Gembruch.

„Aufgabe des Arztes ist es, eine Mutter, die sich eine natürliche Geburt wünscht, über die Risiken zu informieren“, erklärt der Experte. „Die Entscheidung liegt bei den Eltern“. Eine bisher selten genutzte Möglichkeit, das individuelle Risiko abzuschätzen, ist die Vaginal-Sonografie. Bei dieser Untersuchung, die auch im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge erfolgt, wird ein kleiner Schallkopf vorsichtig in die Scheide eingeführt. Durch die Nähe zur Gebärmutter kann der untersuchende Arzt bei den meisten Schwangeren die vom Kaiserschnitt herrührende Narbe sehen.

Wissenschaftler aus England und Belgien berichten nun in einer Online-Vorabveröffentlichung im Fachmagazin „Ultrasound in Obstetrics & Gynecology“, dass der Arzt an der Stärke der Muskelschicht im Bereich der Narbe bereits zwischen der 19ten und 22sten Schwangerschaftswoche erkennen kann, ob die Gebärmutter den Belastungen einer natürlichen Geburt standhalten kann. „Damit wird eine recht gute Risikoabschätzung möglich“, erklärt Gembruch. „Wenn die Muskelwand stark genug ist und im Verlauf der Schwangerschaft nicht wesentlich abnimmt, kann selbst bei einer größeren Narbe eine vaginale Entbindung versucht werden“, so der Experte.

Für ihre Arbeit zogen die Wissenschaftler Daten von 131 Frauen heran, die im Vorfeld ein Mal per Kaiserschnitt entbunden hatten. Von ihnen konnten 74 erfolgreich vaginal entbinden. Die übrigen Frauen bekamen ihr Kind letztlich per Kaiserschnitt: Die Gründe hierfür waren in über 80 Prozent der Fälle entweder ein Geburtsstillstand, eine Geburt, die sich zu lange – über 18 Stunden – hinzog, oder eine bedrohliche Situation für das Kind. Bei zwei der Frauen riss während der Entbindung die Gebärmutter. „Beiden Frauen wäre heute aufgrund der Befunde in der Vaginal-Sonografie von einer vaginalen Entbindung abgeraten worden“, sagt Professor Gembruch.

Natürlich gelte es, bei der Beratung auch andere individuelle Begebenheiten zu berücksichtigen. „Frühere Studien haben gezeigt, dass neben einer bereits erfolgten vaginalen Geburt die Gründe für den Kaiserschnitt und der zeitliche Abstand zu diesem die wichtigsten Faktoren sind, anhand derer die Chancen für das Gelingen einer vaginalen Geburt bemessen werden können“, erklärt Gembruch. Nach einem geplanten Kaiserschnitt, etwa aufgrund einer Beckenendlage des Kindes, stehen die Chancen demnach deutlich besser, als wenn der Kaiserschnitt nach einem Geburtsstillstand vorgenommen wurde. Außerdem sinkt das Risiko mit der Zeit, die seit dem Kaiserschnitt vergangen ist. Mehrere Kaiserschnitte wiederum erhöhen es.

Frauenärzte können die Ultraschalluntersuchung der Kaiserschnittnarbe unter anderem im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge zwischen der 19ten und 22sten Schwangerschaftswoche durchführen. „Die Ergebnisse und damit die Sicherheit der Vorhersage sind in hohem Maße von der Einhaltung standardisierter Untersuchungsbedingungen und der Erfahrung der Ärzte abhängig“, betont DEGUM-Vorstandsmitglied Professor Dr. Annegret Geipel. Über eine Suchmaschine auf der Homepage der DEGUM finden Schwangere qualifizierte, DEGUM-zertifizierte Frauenärzte in ihrer Nähe: www.degum.de.

Im Internet:
Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)
www.degum.de

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)bietet ein Forum für den wissenschaftlichen und praktischen Erfahrungsaustausch auf dem Gebiet des medizinischen Ultraschalls. Sie vereint mehr als 9000 Ärzte verschiedener Fachgebiete, medizinische Assistenten, Naturwissenschaftler und Techniker. Ultraschalldiagnostik ist heute das am häufigsten eingesetzte bildgebende Verfahren in der Medizin. Ultraschallanwendern bescheinigt die DEGUM eine entsprechende Qualifikation mit einem Zertifikat der Stufen 1 bis 3. Der Arbeitskreis Notfallsonografie wurde 2010 gegründet, um neue Ultraschalltechniken in die klinische Akutmedizin einzubeziehen.

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