Eltern und kind

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Wie verändert ein Kind die Beziehung? Umfrage über Sex und Attraktivität

Ein Kind, zwei Kinder, vielleicht noch ein drittes – und was macht das mit der Beziehung der Eltern? Quelle: Getty Images/Maskot

Man kann es sich nicht vorstellen, das Leben mit einem Kind, wenn man selbst noch keines hat. „Ein Kind fährt so krass rein“, so formulierte das kürzlich ein junger Vater in einem Interview auf ICONIST. Es ging ihm nicht um Windeln und Milch, nicht um die ganz praktischen Herausforderungen des Alltags, die man auf einmal abarbeiten muss. Er sprach davon, nun emotionaler zu sein, von einer Flamme, die wieder brennt.

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Jetzt bitte nicht entnervt mit dem Kopf schütteln. Ja, das klingt cheesy! Aber wenn es doch stimmt, vielleicht? Und ein Baby wieder mehr Raum für Gefühle, Zuneigung, für So-schön-Weiches (schon wieder cheesy, sorry) öffnet? Der Antwort auf diese Frage zumindest nähern kann man sich mit den Ergebnissen einer Umfrage unter 400 Eltern, Frauen wie Männern, die die Online-Datingplattform Elitepartner durchgeführt hat. Demnach wird wirklich so vieles besser und tiefer, wenn ein Kind in die Beziehung zwischen zwei Menschen kommt: die emotionale Verbundenheit mit dem Partner, die Intensität der Beziehung, die Qualität der Gespräche. Während Zweifel an der Beziehung abnehmen.

Quelle: Infografik WELT

Offenbar mögen sich Eltern nach einer Geburt also lieber als vorher. Von innen – und von außen. Knapp 70 Prozent aller Umfrageteilnehmer sagen, dass sie ihren Partner nun attraktiver finden. Was vielleicht das erstaunlichste Ergebnis der Umfrage ist, weil man doch schon beim Wort „Kind“ an Spucke auf allen Kleidungsstücken und runde Bäuche (keine Zeit mehr für Sport) denken muss – und der Partner, genauso bespuckt und rund, all das sieht und dabei aber denkt oder sagt: „Für mich wirst du immer schöner, Schatz.“

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Okay, so richtig auf das Sexleben scheint das nicht abzustrahlen. Denn das verschlechtert sich laut rund 66 Prozent der befragten Eltern. Hat aber vielleicht einfach damit zu tun, dass man eben häufig nicht nur für Sport keine Zeit mehr findet, sondern auch für vieles andere, was man kinderlos noch ausgiebig getan hat: Sex, Bücher lesen, solche Dinge. Dass die Umfrageteilnehmer Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren haben, ist womöglich keine gute Werbung fürs Kinderkriegen: Wenn der Sex auch sechs Jahre nach einer Geburt noch mies ist, wird er dann jemals wieder besser?

Die Geburtenrate steigt, die Scheidungsrate sinktNeue Lust auf Familie

Aber solche Überlegungen führen zu weit und sowieso in eine andere Richtung. Lieber sollte man sich auf das Positive konzentrieren. Darauf, dass Kinder Menschen offenbar wieder aufnahmefähiger machen für das, was an der Welt toll ist – der eigene Partner zum Beispiel, mit dem gerade ein neues Leben erschaffen hat (cheeesy, geht doch bei dem Thema gar nicht anders!).

Und wem das als Beweis für die Flamme, von der der junge Vater oben gesprochen hat, noch nicht reicht, der muss sich nur eine einzige Zahl aus der Umfrage ansehen: 76,1 Prozent. So viele der befragten Eltern gaben an, dass sich mit dem Nachwuchs selbst die eine Beziehung in ihrem Leben verbessert hat, die doch oft als besonders problematisch beschrieben wird – die zu den Schwiegereltern.

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Sehr interessant ist übrigens dieser Instagram-Post von Wimbledon-Sieger Novak Djokovic. Er schreibt, mit seinem Sohn habe sich sein Leben nicht verändert, aber entwickelt – zu etwas „noch Schönerem“:

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Beziehung: So bleiben Eltern ein Liebespaar

Paare unterschätzen Aufgabe in der Regel

„Das erste Jahr mit Kind ist ­eine extrem schwierige Zeit“, sagt auch Barbara Reichle, ehemalige Profes­sorin für Entwicklungspsychologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. „Das ganze Leben wird auf den Kopf gestellt. Man ist nicht mehr selbstbestimmt, sondern fremdgesteuert. Vieles ist unbekannt, eine Planung anfangs kaum möglich. Die unterschiedlichen Bedürfnisse von drei Menschen müssen unter einen Hut gebracht werden.“ Da bleiben Probleme nicht aus. Für vieles gilt nicht länger das Lustprinzip, ­­etliche Auf­gaben müssen einfach erledigt werden – auch solche, die un­­attraktiv sind, nicht bezahlt oder belohnt werden. „Die zentrale Frage ist: Wer muss wann was wie oft und wie viel tun? Die Umverteilung von Prioritäten und Pflichten und die Koordination des veränderten Alltags stellen hohe Anforderungen an Paare“, weiß die Expertin aus ­ihrer langjährigen Forschung zu dem Thema. Dabei hat sie immer wieder festgestellt: Beide Partner unterschätzen vorab deutlich, wie viel Kraft und Zeit ein ­Baby erfordert. Und fast jeder erwartet vom anderen mehr, als dieser zunächst selbst zu leisten bereit ist.

Aufgaben gerecht teilen vermeidet Streit

Damit die Familiengründung nicht im Dauerstreit endet, sollte deshalb frühzeitig über die Aufteilung des Zeitkuchens mitein­ander verhandelt werden: Arbeit, Haushalt, Kinderbetreuung, Hobbys, Zeit zu zweit, schlafen. Manches muss notgedrungen erst einmal zusammengestrichen oder auf später vertagt werden. Wichtig ist, dass beide konstruktiv nach Lösungen und einem gerechten Ausgleich suchen. Reichles Tipp: Jeder Partner sollte seine eigene Zeit und die des anderen in Stücke eines Kuchens einteilen. Dann wird verglichen und versucht, gemeinsam eine Regelung zu finden.

Viele rutschen zurück in klassische Rollen

Ein entscheidender Punkt ­dabei: über die Rollen­verteilung sprechen. Bis zur Geburt des ers­ten Kindes sind meist beide Partner voll berufstätig. Jetzt gilt es zu entscheiden: Wer bleibt wann wie lange zu Hause und kümmert sich um den Nachwuchs? Zwar nahmen laut dem Väterreport des Familienministeriums im Jahr 2015 rund 35 Prozent der Neu-Väter Elternzeit, 58 Prozent von ihnen aber nur die Minimaldauer von zwei Monaten. Experten beob­achten nach wie vor ein Zurückrutschen in die klassischen Rollen, sobald Kinder kommen: Papa verdient das Geld, Mama kümmert sich um Baby und Haushalt, Karriereknick inklusive – oft sogar, wenn sie beruflich erfolgreicher war als ihr Partner. „Viele Frauen fühlen sich kompetenter in Sachen Haushalt und Kindererziehung. Und die Männer geben gern die Verantwortung ab, aus Bequemlichkeit und Unsicherheit. So, wie Frauen gern die Verantwortung für die Steuererklärung oder die Auto­­inspektion abgeben“, sagt Psychologin Reichle. „Jeder hat seinen Zuständigkeitsbereich, in den der andere nicht hineinfunkt.“ Sind sich beide einig und wirklich zufrieden mit dieser Lösung, birgt dieses Modell das geringste Konfliktpotenzial.

Gleichberechtigtes Modell birgt Konfliktpotenzial

Streben die Partner jedoch eher eine egalitäre Verteilung der Familienaufgaben an, können Abwasch und Babybrei schnell zum Zank­apfel werden. Pickt sich einer nur die „Rosinen“ heraus, hängt bald der Haussegen schief. Auch wenn das Belastungspendel eindeutig in eine Richtung ausschlägt, macht sich Frust breit. Oder wenn einer bei Beruf und persönlichen Bedürfnissen stärker zurück­stecken muss, als ihm lieb ist.

Andererseits halten Mütter, die meinen, ­in allem kompetenter zu sein, und extrem ­hohe Standards in Sachen Kinderbetreuung, Sauberkeit und Ernährung aufstellen, willige Väter oft auf Abstand zum Kind. Besser ­wäre es aber, offen zu bleiben, dem Partner etwas zuzutrauen und die Entlas­tung, die dadurch möglich wird, zu genießen. Und statt sich schmollend zurückzuziehen und vor den Computer zu setzen, wenn etwas nicht gut läuft, sollten Paare lieber im Gespräch bleiben. Und mitein­ander darüber reden, was ihnen wichtig ist, und gemeinsam planen, wie und wann sich die Umsetzung organisieren lässt.

Konflikte konstruktiv lösen schützt die Beziehung

Dazu gehört auch, sich einzugestehen, dass etwas nicht in Ordnung war, und sich beim anderen zu entschuldigen oder ihm zu verzeihen. Sonst hat die junge ­Familie keine guten Ausssichten. Auch wenn alte Konflikte neu aufbrechen, die Partner Streitigkeiten aggressiv austragen oder jede Aus­­einandersetzung vermeiden, wird es schwierig. „Im ersten Jahr wird der Samen für spätere Trennungen gelegt“, hat Barbara Reichle festgestellt. „Wer in dieser Zeit nicht lernt, konstruktiv miteinander umzugehen und den Alltag zu bewältigen, riskiert die Beziehung.“ Spätestens, wenn ständiges Streiten wegen Nichtigkeiten, Vor­würfe und ein respektloser Umgang zu Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und Rückzug führen, sollten Paare diese Signale ernst nehmen und professionelle Hilfe suchen.

Ein glückliches Kind braucht glückliche Eltern

Besser ist jedoch, sie lassen es erst gar nicht so weit kommen. „­Junge Eltern sollten deshalb über allen Pflichten die Paarliebe nicht vergessen. Das Kind sollte nicht zum absoluten Lebensmittelpunkt werden“, meint Paarberater Mary. „Ihm wird es nur gut gehen, wenn es den Eltern gut geht – auch als Liebespaar.“ Wichtig sei es deshalb, Zeit zu zweit zu verbringen und sich einander zuzuwenden. Schlafmangel und Erschöpfung werden zwar zumindest anfangs zu einer Flaute im Bett führen. Ein Spaziergang, ein Bad oder ein Abend zusammen auf dem ­Sofa schenken aber auch neue Energie. Regelmäßig ­einen Babysitter zu engagieren und als Paar etwas zu unternehmen, hält die Liebe ebenfalls frisch: Ob Tanzkurs, Sport oder Kino – gemeinsame Aktivitäten schweißen zusammen und beleben die Beziehung.

Letztendlich sind viel Geduld, Gelassenheit und Toleranz nötig, bis sich das Familienleben eingespielt hat. Auch wenn viele oft kurz davor sind – Paare trennen sich nach dem Übergang zur ­Elternschaft nicht häufiger als in anderen Lebensphasen. Entscheidend sind der Zustand der Beziehung vor der Geburt und die Konflikt­fähigkeit der Partner. War die Beziehung stabil und nicht durch größere Konflikte belastet, so Barbara Reichle, werden junge Eltern auch das erste Jahr danach gut meistern.

Partnerschaft: Wichtige Regeln für eine glückliche Beziehung mit Kind

Wie sehr die Geburt eines Kindes die Partnerschaft verändert, kann man sich kaum vorstellen, bevor man es nicht am eigenen Leib erfahren hat. Gerade beim ersten Kind gerät der Alltag oft gehörig aus den Fugen. Jetzt ist es besonders wichtig, dass Sie und Ihr Partner den „Draht“ zueinander nicht verlieren.

Schweigen ist Gold – aber nicht in der Beziehung!

Nur wenn Sie wissen, was den anderen bewegt, wie er sich fühlt und wovon er enttäuscht ist, haben Sie die Möglichkeit, ihn zu verstehen und im besten Fall an einer belastenden Situation etwas zu ändern. Gerade weil der Alltag so auf den Kopf gestellt wird, sind gemeinsame Gespräche in jungen Familien ein wichtiger „Beziehungskitt“. Vermeiden Sie gegenseitige Vorwürfe, sondern sprechen Sie offen über Ihre Bedürfnisse. Bemühen Sie sich, bei Problemen Kompromisse zu finden, die für beide Partner akzeptabel sind. Nehmen Sie dabei Rücksicht aufeinander. Versuchen Sie, immer das Positive im Blick zu behalten. Wer nur die Defizite und Fehler sieht, ist dem Partner gegenüber oft ungerecht.

Mein Tipp:

Wollen Sie Ihrem Partner sagen, dass sein Verhalten Sie verletzt, sollten Sie das nicht mit Vorwürfen wie „Nie machst du …“ oder „Warum musst du immer …?“ tun. Das löst nur eine Verteidigungshaltung aus. Beschreiben Sie besser Ihre Gefühle: „Ich fühle mich …, wenn du …“

Die 9 wichtigsten Regeln für eine glückliche Beziehung mit Kind

  1. Nehmen Sie alle Unterstützung an, die Sie bekommen können! Als Mutter müssen Sie sich nicht rund um die Uhr immer selbst um Ihr Baby kümmern. Ihr Schatz ist auch bei Oma oder einem zuverlässigen Babysitter zumindest stundenweise gut aufgehoben. Sie müssen nicht alles alleine schaffen, sondern dürfen sich helfen lassen! Vielleicht durch eine Freundin, die einige Einkäufe für Sie erledigt, oder im Haushalt durch eine Putzhilfe, wenn finanziell möglich.
  2. Jeder hat kleine Auszeiten nötig. Auch Mütter brauchen regelmäßig freie Zeit für sich, z. B. um Freundinnen zu treffen oder Sport zu machen. Leisten Sie sich ein- bis zweimal pro Monat einen Babysitter, damit Sie gemeinsam mit Ihrem Partner ungestört etwas unternehmen können, oder geben Sie sich gegenseitig „babyfrei“, um einem Hobby nachzugehen.
  3. Verabschieden Sie sich vom Perfektionismus. Ihr Haushalt kann nicht mehr so perfekt laufen wie früher, und auch ausgefeilte Terminpläne werfen kleine Kinder mit schöner Regelmäßigkeit über den Haufen. Akzeptieren Sie, dass Bügelwäsche liegen bleibt oder die Fenster nicht mehr so glänzen. Bitte Sie Ihren Partner um Mithilfe (siehe 5.).
  4. Liebe Väter, ran ans Baby! Auch wenn Männer manchmal glauben, mit den ganz Kleinen noch nichts anfangen zu können, sollten Sie sich gleich nach der Geburt ums Baby kümmern. Die Bindung wird gerade in der ersten Zeit aufgebaut, und nicht selten verpassen Väter den geeigneten Zeitpunkt. Entwickeln Sie eine eigenständige Beziehung zum Baby, und verbringen Sie Zeit mit ihm allein (Zeit, die Ihre Partnerin für sich selbst nutzen kann!). Sie könnten beispielsweise jeden Abend Ihr Kleines baden und ins Bett bringen.
  5. Gute Absprachen sind wichtig. Legen Sie genau fest, wer wofür zuständig ist. Vermeiden Sie eine einseitige Rollenaufteilung. Versuchen Sie, insbesondere die Hausarbeit gerechter zu verteilen. Akzeptieren Sie, dass Sie beide einen stressigen Tag gehabt haben. Deshalb sollten Väter trotz Vollzeitjob versuchen, ihre Partnerin (die einen 24-Stunden-Job hat!) nach Kräften im Haushalt und bei der Versorgung des Kindes zu entlasten. Äußern Sie Wünsche und sagen Sie Danke für die Aufgaben, die Ihr Partner erfüllt (auch wenn Sie sie für selbstverständlich halten). Ziehen Sie ab und zu Bilanz, ob die Aufteilung noch den Erfordernissen entspricht.
  6. Sehen Sie den anderen positiv. Sie beide müssen erst in Ihre neue Rolle als Mutter oder Vater hineinwachsen. Unterstützen Sie sich gegenseitig dabei, und geben Sie sich positives Feedback.
  7. Lernen Sie, richtig zu streiten. In einer Familie wird es immer wieder Konflikte geben. Meinungsverschiedenheiten und Streit lassen sich somit nicht vermeiden. Halten Sie sich an die wichtigsten Streitregeln: ausreden lassen, neutrale Begriffe für Konfliktthemen finden, die Sicht des anderen hören, um sich in ihn hineinversetzen zu können.
  8. Lassen Sie liebevolle Gesten im Alltag nicht einschlafen. Der Kuss zum Abschied, Arm in Arm spazieren gehen – diese kleinen Berührungen schaffen Nähe und Vertrautheit. Auf dieser Basis fällt es leichter, auf den Anderen Rücksicht zu nehmen. So können sich beide nach der Geburt gemeinsam auch wieder liebevoll an den Sex herantasten.
  9. Scheuen Sie sich nicht, bei anhaltenden Problemen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Mit Kind werden manche Beziehungsprobleme, die man vorher überspielen oder kompensieren konnte, oft unausweichlich und müssen gelöst werden. Eine vertrauliche und kostenfreie Beratung erhalten Sie z. B. in allen Familienberatungsstellen

Mein Tipp:

Bitte schreiben Sie Ihrem Partner nicht vor, wie er mit dem Baby umzugehen hat. Lassen Sie ihn selbst seine Erfahrungen machen. Ständige Kontrolle und das Gefühl, es niemals „richtig“ machen zu können, verleidet vielen Vätern die Beschäftigung mit dem Kind.

Elbkinder Vereinigung Hamburger Kitas

Eltern-Kind-Zentren

Zu vielen Kitas der Elbkinder gehört auch ein ‚Eltern-Kind-Zentrum‘. Das sind Treffpunkte für Eltern mit kleinen oder auch etwas größeren Kindern, die noch nicht regelmäßig an einer Kita betreut werden. Man braucht hier also keinen Kita-Gutschein, sondern kann einfach vorbeikommen! Der Eintritt ist frei!

Man kann im Eltern-Kind-Zentrum z.B. andere junge Eltern treffen, bei einer Tasse Kaffee Erfahrungen austauschen und klönen oder auch mittags zusammen kochen. In jedem Eltern-Kind-Zentrum stehen immer erfahrene Pädagoginnen zur Verfügung, bei denen man sich Rat in Erziehungsfragen holen kann: Mein Baby krabbelt noch nicht –wann muss es das eigentlich können? Darf das Baby mit im Elternbett schlafen? Und wann fange ich an, feste Nahrung zuzufüttern?

Jedes Eltern-Kind-Zentrum hat eigene Öffnungszeiten und arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen: Das kann die Hebamme oder Heilpraktikerin aus der Nachbarschaft oder der Sportverein sein, bei dem Eltern und Kinder gemeinsame Baby-Schwimm-Kurse machen können. Manche Eltern-Kind-Zentren bieten auch Deutsch-Kurse an.

Das Angebot unserer Eltern-Kind-Zentren ist also bunt und vielfältig! Außerdem gibt es dort für Kinder und Eltern ein preiswertes Mittagessen.

Im Kita-Finder finden Sie die Eltern-Kind-Zentren der Elbkinder – vielleicht liegt eines auch in Ihrer Nähe. Dieses Logo zeigt Ihnen, dass die Kita ein Eltern-Kind-Zentrum hat:

Eltern-Kind-Zentrum

Schauen Sie gerne einmal vorbei – wir freuen uns auf Ihr Kind und Sie!

Familie bewusst wahrnehmen: Eltern und Kinder – Den lebenslangen Bund auf beiden Seiten positiv gestalten

Herkunft prägt. Das weiß so ziemlich jedes Kind – und jeder Erwachsener, denn jeder hat das als Kind mitgemacht. Eltern sind identitätsstiftend und wegweisend, sie schenken ihren Nachkommen das Leben und führen sie danach in dieses hinein. Was zunächst ein Beschützen ist, wird später ein Betreuen und schließlich nur noch Begleitung – denn die Beziehung zu den Eltern verändert sich im Leben.

Das ist nicht immer positiv: Viele Familien leben sich während ihres Lebens auseinander. Scheidung? Unverständliche Entscheidungen? Die Liste der Gründe für einen Bruch in der Beziehung ist lang. Fakt ist aber, dass niemand diese Trennung gern durchmacht. Es mag zu Beginn gut tun und eine Erleichterung sein, für eine Zeit lang getrennte Wege zu gehen, dann aber wird es weh tun – und irgendwann kommt das drängende Gefühl, zurück zu gehen.

Das Band, das vielleicht zu einem dünnen Nylon-Faden geworden ist, hängt eben doch noch irgendwo an beiden Enden fest.

Aber dazu muss es nicht kommen. Denn alle Parteien können diese Beziehung mitgestalten. Väter, Mütter, Söhne, Töchter – alle tragen etwas zum Gelingen der Beziehung bei. Und auch wenn einer Fehler macht, können die anderen aktiv daran arbeiten, diesen aus der Welt zu schaffen – das tut Not. Denn Familie wird man nicht los. Ein Dossier über positive Bindungen und das Verzeihen.

Wurzeln und Flügel: Warum die Familie so prägend ist

Wohl keine Beziehung ist so prägend für das Leben, wie die zu den Eltern. Keine Beziehung wirkt sich so stark auf unser Leben und Handeln aus, wie die, die Mutter und Vater zu uns unterhalten haben. Und keine Beziehung lässt sich so schwer beenden.

Die Rede ist von den Eltern, der Abstammung, den Wurzeln, die zu einem großen Teil bestimmen, wer wir sind. Die Forschung streitet sich immer wieder darüber, ob es Genetik oder gelerntes Verhalten ist, was uns primär prägt. Mal steht das eine im Vordergrund, mal wird gar davon gesprochen, dass gemachte Erfahrungen in die DNA übergehen und so zwangsläufig die Kinder prägen – eine logische Konsequenz, denkt man an Darwinismus und die natürliche Weiterentwicklung einzelner Spezies.

Allerdings kann nicht eine gesamte Persönlichkeit auf dem DNA-Strang wiedergegeben sein. Dafür reicht schon ein Gedankenexperiment: Welches Verhalten der eigenen Eltern hat dich so sehr gestört, dass du es auf keinen Fall annehmen wolltest? Denn auch abseits von Traumata entwickelt sich der Mensch der Umwelt entsprechend.

Besonders in der Pubertät wird die eigene Identität nach dem Konzept von Vorbildern und Spiegelbildern geformt – sie suchen sich dabei Vorbilder, die sie nachahmen. Zeitgleich wird Verhalten aber auch umgekehrt, das vorher Ablehnung erfahren hat. Beides führt zum Ausprobieren. Wie diese Versuche von der Umwelt aufgenommen und verarbeitet werden, lenkt die Identität wiederum in eine gewisse Richtung.

Identitätskonzepte und die Rolle der Herkunft

Letztendlich ist es also nicht die reine Genmischung, die bestimmt wer wir werden. Dabei wären beispielsweise Adoptivkinder zu nennen, die oftmals in ganz anderen Familien aufwachsen und dennoch das gelernte Verhalten später anwenden und dadurch nicht zwangsläufig zu einem Abbild ihrer biologischen Eltern werden.

Besonders Humor, Essverhalten, soziale und politische Haltungen sowie die Neigung zu körperlicher Aggressivität werden nachweislich durch die Erziehung beziehungsweise die Erfahrungen in der Familie geprägt. Das lässt sich an Adoptivkindern zeigen, die zusammen mit Kindern der Pflegefamilie aufwachsen – diese entwickeln sich optisch zwar ihren biologischen Eltern entsprechend, entwickeln sich sonst aber dem gelernten Verhalten entsprechend.

Ob als Säugling, Kleinkind oder Jugendlicher – jede Erfahrung kann dabei prägend sein, die Persönlichkeit unterliegt einer ständigen Entwicklung. Besonders einschneidend wirken schwere Traumata, abgesehen davon ist es aber in erster Linie das Umfeld, dass gewisse Persönlichkeitsmerkmale – wie den Humor und das Verständnis dafür, was witzig ist – formt.

Dieses wirkt auch später noch auf die eigene Entwicklung ein. Freunde, Partner oder auch die Familie können auch im späteren Leben noch persönlichkeitsverändernd sein. Der Charakter ist dann allerdings recht gefestigt, entsprechend selten ist ein Umschwung im höheren Alter. Die Möglichkeit besteht aber, auch wenn Erwachsene so wie Kinder schon sich ihr Umfeld selbst aussuchen. Nicht umsonst heißt es: „Freunde sind selbstgewählte Familie.“

Kinder auf den Weg ins Leben begleiten

Auch früh wählt das Kind schon selbst, in welche Richtung es sich begibt. Dabei greift es vor allem Angebote auf, die von den Eltern gemacht werden. Das reicht weit: Mögliche Hobbies, soziale Kontakte, sportliche Aktivitäten und auch die bereits erwähnten Essensvorlieben ergeben sich daraus, was zuhause angeboten wird.

Zwischen Ablehnen und Annehmen kann das Kind selbst entscheiden, dafür reicht der Wille bereits. Dennoch: Ein möglichst breites Angebot kann auch zu vielfältig ausgebildeten Interessen führen.

© jbrown – Fotolia.de

Die Eltern können also doch nicht so stark lenken, wie vielleicht angenommen. Natürlich wirkt auch die Erziehung darauf ein, aber auch da hat das Kind immer die Wahl, etwas zu spiegeln statt anzunehmen. Eine autoritäre Mutter mit einem schwierigen Kind wird sich vermutlich zu einem aggressiv-autoritären Erziehungsstil verleiten lassen.

Ein einfaches Kind würde sich beugen und sich leiten lassen, das schwierige Kind hingegen kann sich dazu entscheiden, genau dieses Verhalten auch so auszuleben – so werden Kinder auf dem Weg ins Leben tatsächlich von allem um sie herum geprägt und von den Eltern ins Leben begleitet. Der Rest ist Entscheidungssache.

Grundsteine der Beziehung legen

Während Verhalten und Vorlieben also nur aus Angeboten entstehen, hat die Beziehung zwischen Eltern und Kindern einen ganz anderen Einfluss auf das weitere Leben. Diese ist nämlich Grundstein jeder Beziehung, die das Kind später eingehen kann. Die emotionale Entwicklung beginnt schon im Mutterleib, danach wird diese unmittelbar ausgebaut. Eine stabile Bindung zwischen Eltern und Kind sowie eine stabile Beziehung zwischen den Eltern legen den Grundstein für eine solide Beziehungsfähigkeit.

Dazu gehören sowohl Vertrauen, als auch der ständige Dialog und die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten. Während Erwachsene darüber bewusst nachdenken, übernehmen Kinder diese Fähigkeit von ihren Eltern ganz unbewusst. Zu kommunizieren und auch im Streit noch das Gefühl zu haben, geborgen zu sein und liebgehabt zu werden – all das sind Dinge, die für eine positive emotionale Entwicklung notwendig sind und sich – wenn sie unerfüllt bleiben – in einer negativen Art, Bindungen anzugehen, niederschlagen können.

Eltern sein: Kinder erziehen und ziehen lassen

Das bedeutet:

  1. Eltern können ihren Kindern nur Angebote machen – ob sie diese annehmen bestimmen sie selbst
  2. Kinder haben schon früh einen eigenen Willen und gestalten ihre Umwelt nach ihren Vorlieben durch Annehmen und Ablehnen
  3. Die emotionale Entwicklung beginnt bereits im Mutterleib
  4. Der Grundstein jeder folgenden Beziehung ist eine positive emotionale Entwicklung, gestützt durch die Eltern

Die Eltern haben also einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes, wenn sie auch nicht für jedes Detail verantwortlich ist. Der Genpool spielt eine Rolle, genauso aber auch das Interesse des Kindes, das gewissermaßen im Innern vorprogrammiert ist.

Wie Eltern sich als Eltern geben und verhalten formt aber dennoch den Weg ins Leben für die Nachkommenschaft. Das Problem: Ein Paar, das ein Kind bekommt, ist nicht automatisch das perfekte Elternpaar. Es ist eine Entwicklung, ein Prozess. Eltern können viel falsch machen – aber das ist ja auch gut so, Eltern und Kinder müssen schließlich erst zusammen wachsen, sich gegenseitig kennen lernen. Und lernen, im richtigen Augenblick loszulassen, was vielen ganz besonders schwer fällt.

Es kommt noch erschwerend hinzu, dass ein Kind je nach Lebensphase etwas anderes braucht. Schon im ersten Lebensjahr sorgen die diversen Wachstumsschübe für eine kurzfristige Verhaltensänderung und für eine Rückkehr zu abgelegten Verhaltensweisen und Abhängigkeitsstrukturen.

So sind diese „Sprünge“ in der Entwicklung zu Beginn häufig ängstigend für ein Kind. Eine Mutter, die darauf nicht mit Verständnis reagiert, sondern aus Angst, das Kind können einen Rückschritt machen, das Bedürfnis nach mehr Aufmerksamkeit negiert, sorgt dafür, dass das Kind sich alleine seiner Angst hingeben muss.

Eltern sein ist schwer – und die Unterscheidung, wann Bedürfnisse angenommen, wann zu Erziehungszwecken negiert und wann ein sich selbst überlassen notwendig ist, ist gar nicht so leicht. Das erleben Eltern weit über das Säuglingsalter hinaus – auch erwachsene Kinder machen schließlich in den Augen der Eltern Fehler, die nicht immer einfach hinzunehmen sind.

Ein Gang durchs ganze Leben: Vom Kind zum Erwachsenen

Der Weg bis zum erwachsenen Kind ist also gesäumt von unterschiedlichsten Entwicklungsphasen und Bedürfnissen. Eine Pauschalisierung dieser ist nicht möglich. Zu unterschiedlich sind Kinder, zu anders die verschiedenen Persönlichkeiten. Ein Patentrezept gibt es schlichtweg nicht.

Das heißt jedoch nicht, dass keine Möglichkeit besteht, den Bund zwischen Eltern und Kindern in jedem Alter positiv zu gestalten. Denn selbst in der Pubertät, die wohl schwierigste Phase für beide Seiten, die Loslösung von den Eltern und Suche der eigenen Identität bedeutet, können Gemeinsamkeiten die Familie zusammen halten und die Beziehung zwischen Mama und Kind oder Papa und Kind bereichern.

Diese Gemeinsamkeiten entstammen zumeist der Lebenswelt der Kinder. Beginnt also ein Mädchen schon früh Interesse an Pferden zu entwickeln und Reitstunden zu nehmen, kann sich ein Elternteil anschließen und das Hobby mit dem Kind zusammen erlernen. Diese Gemeinsamkeiten können so lange erhalten bleiben, wie beide daran Spaß haben und keiner sich distanzieren will.

Dabei ist nicht mal die Mutter immer zwangsläufig Identifikationsobjekt für ein Mädchen. Auch der Vater kann zum Vorbild werden und bei der Identitätssuche unbewusst assistieren. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Wendung zur „Dad-Fashion“, die vor allem bei Teenagern und jungen Erwachsenen umgreift.

Das Aufgreifen der männlichen Kleidungsweise hat dabei sowohl was mit Abgrenzung der Mutter gegenüber als auch der Annäherung an das Identifikationsobjekt zu tun. Das muss nicht analysiert werden oder in irgendeiner Form gezielt gelenkt werden – stattdessen ist es eine Möglichkeit, sich einfach einzuklinken und als Vater mal mit der Tochter einkaufen zu gehen oder ihr den eigenen Kleiderschrank zu öffnen.

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Wird die eigene Lieblingscap hergegeben, damit die Tochter damit glänzen kann, ist das ein großer Vertrauens- und Liebesbeweis – etwas, das gerade in der Pubertät dringend nötig ist. Das kann selbstgemachte Grenzen überwinden und wieder einen Zugang liefern, der vielleicht vorher verloren schien.

Diese Chancen immer wieder zu nutzen und den Kontakt zu vertiefen, zu akzeptieren dass die Beziehung sich wandelt und nicht immer die gleiche bleibt – das müssen Eltern sowohl in der Beziehung mit dem Partner als auch mit dem Kind erlernen.

Loslassen: Lernen und Machen

Dazu gehört vor allem: Loslassen. Denn der kleine Mensch, der zu Beginn noch volle Aufmerksamkeit braucht, den Schutz der Eltern und deren Urteils- und Entscheidungsvermögen benötigt, um sich gefahrlos durch die Welt zu bewegen, wächst zum eigenständigen Individuum heran.

Das bedeutet sowohl, dass das Kind eigene Entscheidungen trifft als auch eigene Fehler machen muss. Denn Eltern können ihre Nachkommenschaft nicht vor allem schützen.

Das fängt schon im Kleinkindalter an, wenn die Eltern genau sehen, dass die aktuelle Position unter dem Tisch garantiert für eine Beule sorgen wird. Oder wenn sie befürchten, dass der Stuhl umfällt, an dem sich das Kleine gerade hochzieht. Wer jetzt hinläuft und dem Kleinkind die Erfahrung nimmt, da die Beule oder die Schmerzen beim Umfallen dem Kind nicht zugemutet werden können, nimmt auch den wichtigen Lerneffekt raus: „An Dingen über mir kann ich mich stoßen“ oder „ich muss den Stuhl anders greifen, damit ich mein Körpergewicht hochwuchten kann“.

Hier loszulassen und dem Kind die eigenen Erfahrungen zuzutrauen – das ist essentiell und wichtig für die Entwicklung. Denn wenn es dann gut geht und der Stuhl nicht umfällt, der Arm nicht abrutscht oder der Kopf beim Rausrobben nicht am Tischbein landet, ist das Erfolgserlebnis umso größer.

So lernen Eltern, loszulassen. Dieser Lernprozess hat viel mit der eigenen Ängstlichkeit zu tun. Und oft auch mit einer bewussten Entscheidung. Häufig wissen sie, das Loslassen angebracht wäre, tun es aber nicht. Manchmal hilft dann nur noch: Eben einfach doch machen. Weil es sein muss und weil eine Beziehung sich nur durch Loslassen weiterentwickeln kann, wie auch in der Liebe.

Eigenständigkeit akzeptieren

Mit steigendem Alter kommt dann auch mehr Eigenständigkeit, so dass Eltern ohnehin loslassen müssen. Ein Kind trifft spätestens als junger Erwachsener ganz eigene Entscheidungen. Die Eltern können da zwar noch beratend zur Seite stehen und auch mal eine Meinung äußern, aber die kategorische Ablehnung einer Entscheidung oder gar des gesamten Lebenswandels des Kindes führt zu einer starken Belastung der Beziehung, früher oder später vielleicht gar zum Bruch innerhalb der Familie – keine erstrebenswerte Situation, für keine der beiden Seiten.

Deshalb tut es schlicht und einfach Not zu akzeptieren, dass Kinder irgendwann ihre eigenen Entscheidungen treffen. Als Eltern wird man nicht glücklich wenn man das nicht hinnehmen kann – das Kind leidet ebenfalls darunter. Dieses zu akzeptieren wie es ist und einfach anzunehmen, dass auch ungern gesehene Seiten zum eigenen Kind gehören, ist Ausdruck der bedingungslosen Elternliebe: Das Kernstück einer Eltern-Kind-Beziehung.

Kind sein: Bewusst sein und handeln

Tatsächlich gehören aber mehrere dazu, diese Beziehung auszuformen. Mutter, Vater und auch das Kind höchst selbst trägt dazu bei, wie sich die Familiensituation gestaltet. Als Kleinkind und bis zum Jugendalter wird es das nicht bewusst wahrnehmen. Aber alle großen Kinder – und letztendlich bleibt jeder von uns das Kind unserer Eltern, auch wenn diese irgendwann nicht mehr sind – können sich ihre Rolle bewusst machen.

Eltern-Kind-Beziehung, das ist keine Einbahnstraße – es ist auch eine Kind-Eltern-Beziehung, die sich mit den Lebensjahren wandelt. Die ersten 20 Jahre nimmt ein Kind in der Regel mehr als es gibt.

Mit 30 Jahren oder manchmal auch schon früher ist dann ein Wendepunkt zu erkennen: Die beiden „Parteien“ finden sich nun auf einem ähnlichen Level im Leben wieder, das Kind kann genau so viel geben wie es nimmt. Und dann, mit ca. 40 Jahren, wendet sich das Blatt erneut und die Eltern stützen sich mehr auf die Kinder als zuvor.

Die Eltern bewusst wahrnehmen

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Diese Phasen gliedern gewissermaßen die Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern. Wie auch bei der Kindererziehung selbst hat jede Phase ihre eigene Besonderheit, der Tribut gezollt werden will.

Gerade wenn die Eltern also beginnen, sich mehr auf die Kinder zu stützen und die familiäre Hilfe vermehrt in Anspruch nehmen, müssen Kinder sich bewusst machen, dass sie jetzt eine tragende Rolle einnehmen. Die Eltern werden gewissermaßen „alt“. Allerdings sind sie dadurch keine alten Leute per se. Stattdessen sind es immer noch die eigenen Eltern mit ihren Eigenheiten und persönlichen Eigenschaften.

Das kann kräftezehrend sein, denn was einen an den eigenen Eltern nervt, sind häufig ungeliebte Eigenschaften, die wir selbst übernommen haben. Wie diese es auch im eigenen Kleinkindalter gemacht haben, geht es aber jetzt darum, die Bedürfnisse anzunehmen und zu erfüllen – denn auch im Alter werden noch Phasen der inneren Entwicklung durchgemacht.

Die Eltern als Person bewusst wahrzunehmen – mit Stärken und Schwächen – und das in der Pubertät entidealisierte Bild heranzuziehen, hilft damit bewusst umzugehen.

Das ist übrigens nicht nur im Alter so. Auch schon vorher, wenn Eltern sich gegen eigene Entscheidungen oder gar den Lebenswandel auflehnen, hilft es, die Eltern bewusst wahrzunehmen. Wie weit ist die emotionale Entwicklung meiner Mutter fortgeschritten? Gab es in ihrer Familie vielleicht auch immer wieder Ablehnung statt offener Kommunikation? Ist sie überhaupt fähig dazu, anders zu reagieren?

Die Antworten auf diese Fragen helfen, in Streitsituationen ruhig zu bleiben und das Problem von den emotionalen Faktoren zu lösen – loslassen ist auch hier ein wichtiger Schritt zum Frieden mit sich selbst und den Eltern.

Das innere Kind: Der Quälgeist in uns

Auch als Erwachsener bleibt man immer Kind. Das „innere Kind“ ist ein Konzept der ungelösten Konflikte aus der Kindheit, die uns immer wieder im Wege stehen.

Bei jeder sozialen Interaktion im Alltag sind wir schließlich von unseren frühen Kindheitserfahrungen geprägt, ganz besonders auf der emotionalen Ebene. Immer wenn eine Situation auftritt, die einer unangenehmen Erfahrung aus der Kindheit ähnelt, reagiert das innere Kind statt der erwachsene Verstand – und du bist unfähig, die emotionale von der rationalen Reaktion zu trennen.

Gerade im Umgang mit den eigenen Eltern mischt sich das innere Kind immer wieder ungefragt ein – denn schließlich entstammt es dieser Beziehung. Das innere Kind wird in der Kindheit geprägt, wo die eigene Lebensfähigkeit von der Fürsorge der Eltern abhängig war. Treffen nun die prägenden Charaktere wieder aufeinander, kommt es häufig vor, dass dem inneren Kind bekannte Situationen auftreten. Das Ergebnis: Eine emotionale Überreaktion.

Diesen Quälgeist abzustellen funktioniert allerdings nicht. Denn das innere Kind ist auch immer mit kindlicher Freude verbunden, der Freude an den kleinen Dingen – etwas, das wohl niemand in seinem Leben missen will. Aber es hilft, sich des inneren Kindes bewusst zu sein und die Auslöser zu kennen, die es dazu bringt, sich trotzig mit den Fäusten trommelnd auf den Boden zu werfen.

Denn wer diese kennt, kann mit Achtsamkeit an sie heran treten und eben doch rational reagieren, das innere Kind mit der inneren Stimme besänftigen und so wie ein Erwachsener agieren – eine Fähigkeit, die gerade im Umgang mit den Eltern hilfreich ist.

Teil des Ganzen sein: Die eigene Rolle finden und annehmen

Eine Familie, das sind Eltern und ihre Kinder. Jeder pflegt untereinander verschiedene Beziehungen in diesem Gefüge. Allen voran natürlich die Eltern, die überhaupt den Grundstein für die Familie gelegt haben. Auch das Kind zum Vater, zur Mutter und zu den eventuellen Geschwistern. Es handelt sich also um ein komplexes Beziehungsgefüge.

Jeder hat darin seinen Platz. Das Herzstück nimmt häufig die Mutter ein, während der Vater sich über alles stellt und beschützend seine Hand über die Familie hält. Je größer die Kinder werden, desto deutlicher zeichnet sich auch ihre Rolle darin ab: Manche sind für die Auflockerung zuständig, für das Leben und die Freude. Andere sind die Bedenkenträger, die entschleunigen können. Andere wiederum können die Treiber sein, die immer wieder dafür sorgen, dass die Familie zusammen kommt, was gerade mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird.

So wie also jeder seinen Teil abdeckt und bewusst, vielleicht aber auch unbewusst seine Rolle einnimmt, bleiben gewisse Dinge auch immer ungewollt an einem hängen. Der Treiber beispielsweise ist unglücklich darüber, dass niemand sonst mal etwas initiiert und das immer die eigene Initiative gefragt ist, bevor mal eine Familienunternehmung zu Stande kommt.

Allerdings sind auch die Kehrseiten der zu den Rollen gehörenden Medaillen zu sehen – man könnte also sagen, in einem Beziehungsgefüge gibt es immer spezifische Aufgaben, die von ein und derselben Person ausgeführt werden „müssen“. Statt darauf genervt zu reagieren, ist es besser, diese anzunehmen und sich vielleicht einmal in die anderen hineinzuversetzen: Denn vielleicht ist auch der auflockernde Part genervt von der sonst eher trüben Stimmung.

Aber erst wenn jeder seine Rolle kennt und annimmt, funktioniert dieses Gefüge „Familie“ auf Dauer richtig gut.

Fehlbarkeit erleben, Verzeihen lernen

Dennoch kommt es immer wieder zu Konflikten. Die können einer Überreaktion des inneren Kindes entspringen, einer ablehnenden Haltung der Eltern gegenüber einer spezifischen Handlung oder eines Lebensbereiches. Oder aber es sind schlicht mehrere starke Charaktere, die in der Familie immer wieder aufeinander treffen.

© Victoria M – Fotolia.de

Egal woher der Konflikt rührt: Jeder ist fehlbar, was es anzunehmen gilt. Sowie sich selbst verzeihen zu einem glücklicheren Leben führt, gehört das auch in der Familie dazu. Dabei sind oft mehr Emotionen in der Situation verhaftet als in einer ähnlichen mit Freunden.

Aber: Eltern werden nicht als Eltern geboren. Sie sind wie jeder andere Mensch fehlbar. Das als Kind zu erleben – auch als erwachsenes – tut weh. Aber ein Bruch in der Familie tut häufig noch viel mehr weh. Und wenn nicht von Beginn an, weil da erstmal diese große Erleichterung ist, dann doch irgendwann.

Deswegen ist eines in der Familie essentiell: Verzeihen lernen und die Eltern als fehlbare Menschen annehmen, so wie sie sind.

Bewusst gestalten, loslassen, akzeptieren und verzeihen: Ein lebenslanger Prozess

Eltern wird man nicht los. Umgekehrt werden Eltern ihr Kind nie los. Es handelt sich um die vielleicht wichtigste Bindung im Leben, die sich immer wieder wandelt. Die lebenslange Verbundenheit kann sich je nach Genen, gelerntem Verhalten und emotionaler Reife der einzelnen Beteiligten schwierig oder einfach gestalten.

Definitiv aber wandelt sie sich ständig. Es ist ein stetiger Prozess des Annehmens und des Loslassens und des Bewusstmachens: Wir sind alle nur Menschen, die fehlbar sind, denen verziehen werden muss.

Das müssen wir sowohl bei uns selbst lernen, als auch bei anderen – gerade innerhalb der Familie mag das schwierig sein, denn das innere Kind funkt gerade in dieser Konstellation immer wieder dazwischen. Wenn aber ein Bewusstsein dafür besteht, das jeder einzelne mit seinen eigenen „Dämonen“ zu kämpfen hat und auch nicht aus seiner Haut kann – inklusive einem selbst – dann wird das einfacher.

Eine gute Grundlage, um den lebenslangen Bund zwischen Eltern und Kind von beiden Seiten bewusst und mit positiven Gefühlen zu gestalten. Denn Familie ist immer da – ein Leben lang.

Gesundheit und Glück, danach strebt jeder. evidero gibt dir täglich neue Inspirationen, wie du ein bewussteres, gesünderes und glücklicheres Leben führen kannst.

Gemeinsam stark: Worauf es in der Eltern-Kind-Beziehung ankommt

Damit Kinder emotional gefestigt und kompetent ihren Lebensweg beschreiten können, bedarf es einer positiven erzieherischen Grundhaltung. Ein Praxis-Ratgeber in neun Kapiteln, der klar macht, worauf es in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern wirklich ankommt.

Gelassen, konsequent, liebevoll – so wollen Eltern sein. Ebenso klar ist, dass das inmitten von Trotzanfällen und Hausaufgabenchaos manchmal richtig schwerfällt. Doch daran festzuhalten, ist wichtig. Denn: Eine positive Grundhaltung ist das Kernstück jeder guten Erziehung. Was die Beziehung zwischen Eltern und Kinder sonst noch zu ihrem Gelingen braucht, lässt sich in diesen neun Punkten zusammenfassen:

I. Liebe und Bindung

Die intensive, liebevolle Beziehung zu den Eltern steht an erster Stelle. Das bedeutet nicht, dass man rund um die Uhr verfügbar sein muss. Auch wenn Kleinkinder das fordern, müssen Eltern ein für alle verträgliches Maß finden. Wird das Bedürfnis nach Nähe ausreichend gestillt, entsteht eine stabile seelische Verbindung. Sie wirkt wie ein elastisches Seil, an dem sich Kinder in den ersten Jahren festhalten. Je sicherer sie sich dabei fühlen, umso selbstbewusster werden sie ihre ersten, zweiten und viele weiteren Schritte in die Welt wagen.

Damit das Band hält, sollten Eltern immer auch für sich sorgen. Das bedeutet, die eigenen Grenzen zu kennen und zu reflektieren. Yoga, Radfahren oder Joggen helfen dabei, die innere Balance zu halten. Manche Mütter und Väter setzen auch auf Exklusivzeiten, zum Beispiel einen Abend zu zweit, einen Nachmittag nur mit einem Kind oder ein paar Stunden, die jeder für sich allein verbringen kann. Die wichtige Botschaft, die immer beim Kind ankommen sollte, lautet: „Schön, dass es dich gibt!“

II. Einfühlsamkeit und Geduld

Hat man sich erst mal darauf eingelassen, kann schon das gemeinsame Beobachten von Tieren oder Schaufelbaggern zu einem intensiven Gemeinschaftserlebnis werden. Nach aktuellen Statistiken des Bundesfamilienministeriums sind immer mehr Eltern dazu bereit, viel Zeit ins Familienleben zu investieren. Gut so! Denn es braucht viele Gelegenheiten, um sich in die Gedanken und Gefühle der Kinder hineinzuversetzen und sie in ihrem Erleben zu begleiten. Indem sich Eltern in die Bedürfnisse ihrer Kinder einfühlen, zeigen sie ihnen gleichzeitig, wie man sich verhalten muss, um andere zu verstehen.
Kinder können das erst, wenn sie mit etwa drei Jahren beginnen, sich als eigenständige Wesen zu erleben. Sobald sie diesen Punkt erreicht haben, wollen sie aber auch selbst bestimmen. Wenn sie sich dann übergangen oder irgendwie ohnmächtig fühlen, kann das heftige Trotzstürme auslösen. Kinder leiden unter solchen Attacken am meisten, weshalb es auch keinen Sinn ergibt, sie dafür auszuschimpfen. Lieber solche Ereignisse in Worte fassen und formulieren, was da gefühlsmäßig los war – und den kleinen Wüterich verständnisvoll in den Arm nehmen.

Aber ich will!!!

Trotzphase: Trotz lass nach!

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III. Konsequenz und Klarheit

Bei älteren Kindern kann das Autonomiebedürfnis auch zu einer Art Sendepause führen. So wie beim sechsjährigen Tobias. Dessen Mutter, Christine Wellmann, erzählt: „Tobi kam von der Schule nach Hause, hat Jacke und Tasche in die Ecke gepfeffert und ist anschließend in sein Zimmer gerannt.“ Ihre Aufforderung, die Sachen ordentlich zu versorgen, habe er einfach ignoriert. Daraufhin sei ihr regelmäßig der Kragen geplatzt. Sie habe geschrien, sich immer mehr aufgeregt. Und jetzt? „Ruhe. Ich habe in einem Workshop gelernt, dass Kinder einen gar nicht wahrnehmen, wenn sie einen nicht sehen. Stattdessen war Tobias ratzfatz in seine Spielwelt abtaucht.“ Was sie gelernt habe, sein eigentlich ganz einfach: „Hingehen, Blickkontakt suchen, klare Anweisungen geben.“ Seither, so die Mutter, habe sich das Familienklima spürbar entspannt.
Allzu leicht passiert es in solchen Situationen, dass Eltern zu viel reden. Erziehungsberater Hans Berwanger nennt das „erklärungsterroristische Ausfälle“. Man will nicht strafen, stattdessen sagt man: „Guck mal, was ich alles für dich mache, da kannst du mir doch auch mal einen Gefallen tun.“ Über die Wirkungslosigkeit solcher Ansprachen wundert sich Berwanger nicht: „Das Akzeptieren von Regeln, Pflichten oder Grenzen ist ja kein Problem des Verstehens, sondern eins von Lust und Unlust – also muss man anders vorgehen.“

Kleinkind

Kinder brauchen klare Worte

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IV. Orientierung und Sicherheit

Der Erziehungsexperte hebt eine Elternfrage hervor, die ihm häufig gestellt wird: „Warum nur ist unser Kind so unzufrieden und ungezogen, obwohl wir ihm fast alles erlauben?“ Er antworte dann immer: „Genau darum!“ Denn: Kinder, die Orientierung vermissen, fühlen sich verunsichert und bindungslos. Sie werden, so Michael Berwanger, die Eltern so lange herausfordern, bis diese endlich die Stärke aufbringen, Regeln und Grenzen nicht nur auszusprechen, sondern auch durchzusetzen.
Ein echter Knackpunkt! Leider merken Kinder sofort, wenn Eltern nicht wissen, wie sie sich in einer bestimmten Situationen verhalten sollen – und spiegeln ihre Version dieses Gefühls wider. Wenn sie dann im Unterricht übermütig werden und herumjohlen oder anfangen, ihren Eltern auf der Nase herumzutanzen, zeigt das nichts anderes, als dass sie sich nach Klarheit sehnen. Je schneller Eltern das kapieren, um so eher kehrt Ruhe ein.

V. Freiheit und Vertrauen

Damit Kinder sich entfalten können, brauchen sie Freiräume. Tanja Pütz, Professorin für Erziehung und Bildung im Kindesalter an der Fachhochschule Kiel, sieht im Gewähren von Freiheit sogar einen wesentlichen Aspekt der Persönlichkeitsbildung: „Ob zu Hause, in der Kita oder in der Schule – Kinder brauchen Wahlmöglichkeiten, und damit die Chance, ihren Bildungsweg mitzugestalten. Sie sollten merken, dass sie etwas bewirken können, indem sie auswählen. Das stärkt das Selbstbild und das Selbstbewusstsein.“
Elterliches Zutrauen in die Fähigkeiten ihres Kindes beflügelt dieses und initiiert weitere Entwicklungsschritte. Fehlt das Vertrauen, bleiben die Kinder fast zwangsläufig hinter ihren Möglichkeiten zurück. Das zeigt etwa das Beispiel der fünfjährigen Rebekka: Als die Kinder ihrer Gruppe bei einem Kita-Ausflug einfach über einen kleinen Bach sprangen, blieb sie stehen. Als die Erzieherin nach dem Warum fragte, antwortete Rebekka leise: „Ich kann das nicht.“ Es stellte sich heraus, dass ihre Mutter bei ähnlichen Gelegenheiten gewarnt hatte: „Kind, das kannst du noch nicht!“ So schlägt gut gemeinter Schutz in Angst und Mutlosigkeit um.

Ist unsere Familie ein gutes Team?

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Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter, welche vier Dinge ebenfalls wichtig sind für eine gute Eltern-Kind-Beziehung.

Starke Eltern, starke Kinder

Kinder brauchen beides: Wurzeln und Flügel. Was für die Eltern-Kind-Beziehung außerdem wichtig ist.

VI. Teilhabe und Ermutigung

Indes: Hinfallen muss sein – denn nur so lernt man das Aufstehen! Sobald Kinder spüren, dass sie ernst genommen werden, sind sie auch ernsthaft. Dann denken sie nach, treffen Entscheidungen – und sind stolz wie Bolle, wenn ihre Stimme gehört oder ihre Idee umgesetzt wird. Die Erfahrung, etwas bewirken zu können, unterfüttert ein positives Selbstbild. Dass Kinder ihren eigenen Kopf haben und oftmals nicht so reagieren, wie wir Erwachsenen es gerne hätten, müssen wir aushalten. Der Lohn: Kinder, die Freiräume haben und nutzen, sind meist auch kooperativer und sozialer eingestellt. Wer bevormundet und gegängelt wird, verweigert sich eher. Und das oft nur, um sich ein letztes Quäntchen Autonomie zu erhalten.
Aus einem von Wissenschaftlern begleiteten Spielprojekt an Wiener Grundschulen weiß man, dass freies Spielen nicht nur das Selbstvertrauen und die Selbstachtung von Kindern fördert, sondern auch deren kognitive Entwicklung begünstigt. Noch in der neunten Klasse waren die an dem Projekt beteiligten Kinder sprachlich versierter, sozial kompetenter und kreativer als ihre weniger autonom aufgewachsenen Mitschüler.

VII. Selbstverständnis und Identität

Um die Förderung von Selbstverständnis und Identität geht es auch dem jüngst von der Stiftung Bildung Gesellschaft ausgezeichneten Grundschulprojekt „…, ganz schön stark!!“ Schon seit 2001 stärkt ein Expertenteam des Instituts für Gesundheitsförderung und Pädagogische Psychologie über Rollenspiele, Bewegungsübungen und Fantasiereisen die Persönlichkeitsentwicklung und die sozialen Kompetenzen der Kinder an rund 80 Bremer Grundschulen. Bei einem dieser Spiele schlüpft Trainerin Tanja Wilkens in die Rolle eines Monsters, das die Mädchen und Jungen bekämpfen sollen. Natürlich geht es dann richtig wild und laut zu – was im Sinne einer bewussten Selbst- und Fremdwahrnehmung durchaus erwünscht ist.

VIII. Selbstreflexion und Selbstbewusstsein

Tanja Wilkens nennt einen weiteren Grund für solche Spiele: „Für uns ist es ganz wichtig, zu unterstreichen, dass es keine ‚schlechten‘ Gefühle gibt. In Kitas und Schulen ist es oft so, dass Aggression und Wut weggedrückt werden. Dabei sollten Kinder wissen: ,Wut haben ist okay!‘. Entscheidend ist, wie ich damit umgehe. Wenn ich wütend bin, kann ich eben nicht herumlaufen und dem Nächstbesten eine reinhauen … Man tut es oft schnell ab, wenn ein Kind sich aufregt oder Angst hat. Aber eigentlich muss man genau dann sehr gut zuhören.“Nur so, meint Tanja Wilkens, erfahren die Erwachsenen, welche Themen oder Probleme die Kinder gerade beschäftigen. Die Kinder wiederum erleben durch diese Spiele und nachfolgende Gespräche, wie man auch unangenehme und vermeintlich übermächtige Gefühle erkennen und in Worte fassen kann. Damit verlieren beängstigende Emotionen ihre Macht und Kinder lernen, sie zu kontrollieren.

IX. Starke Eltern

Nicht zuletzt brauchen Kinder Vorbilder – und die dürfen ruhig auch mal unsicher sein. Wenn Eltern zugeben, dass sie einen Fehler gemacht haben oder nicht mehr weiterwissen, kann das ein Zeichen von Stärke und Offenheit sein. Wichtig ist letztlich, dass Kinder das beruhigende Gefühl haben: Mama und Papa regeln das – nicht indem sie sich gegen Widrigkeiten panzern, sondern indem sie aktiv an sich und den Problemen arbeiten.
Mit solchen Eltern können Kinder durchstarten – und entwickeln dann genau die Stärke, die sie brauchen, um in unserer immer komplexer werdenden Welt nicht die Orientierung zu verlieren.

Buchtipps zum Thema

• Die Eltern-Schule. Kinder stark fürs Leben machen von Andrea Bischoff / Hans Berwanger, erschienen bei Piper – 14 elementare Lektionen in Sachen kompetenter Erziehung.
• Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie von Jesper Juul, erschienen bei Beltz – Das neue Buch des „Familienflüsterers“ handelt von einem zeitgemäßen Autoritätsverständnis
• Starke Kinder. Gezielt und fantasievoll: Methoden für selbstbewusste und ausgeglichene Kinder von Ingeborg Saval, erschienen beiThieme – Jede Menge Ratschläge, Geschichten und Zaubersprüche.
(von Sylvia Meise / erschienen in der familie&co 08/2016)

Eltern-Kind-Beziehung – Beziehung und Liebe | beratung-therapie.de

Beziehung und Liebe “ Eltern-Kind-Beziehung

Eltern-Kind-Beziehung

Die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit

Menschen unterliegen einem ständigen Veränderungsprozess, der vor allem in den frühen Lebensabschnitten durch Wachstum, Reifung und Differenzierung gekennzeichnet ist. Später ist es wichtig, die in der Kindheit aufgebaute Struktur der Persönlichkeit zu erhalten und zu stabilisieren. Das Individuum steht in einer Wechselbeziehung zu seiner Umwelt, d.h. mit den Menschen und Dingen, die für den Menschen Bedeutung haben. Diese Wechselbeziehung spielt eine zentrale Rolle bei dieser Entwicklung. Jede Entwicklungsphase des Kindes hat ihren eigenen Wert und ihre eigene Bedeutung für die Entwicklung, und alle Entwicklungsstufen hinterlassen im Menschen eine Erinnerungsspur. Sie bleiben als Möglichkeiten des Erlebens und Funktionierens erhalten und können in bestimmten Situationen wiederbelebt werden. So können Erfahrungen und Erlebensweisen wieder auftauchen, die dem bewussten Gedächtnis entfallen oder nie in ihm gespeichert wurden. Für das psychoanalytische Konzept ist es wichtig zu erfahren, was in den früheren Lebensabschnitten erlebt wurde, denn diese Erfahrungen werden als Untergrund des späteren Fühlens und Denkens angesehen. Es gibt in der kindlichen Entwicklung zahlreiche Störungsmöglichkeiten und Fehlentwicklungen, die eine Anlage für eine spätere Symptombildung abgeben können. Dass gerade den früheren Lebensjahren so große Bedeutung zukommt liegt an der Tatsache, dass Störfaktoren in diesen Phasen auf reifende Funktionen treffen, d.h. Funktionen, die das Kind in diesen Phasen lernen muss. Aus diesem Grund ist die Beziehung zu den Eltern so wichtig, da sie die Bezugspersonen des Kindes sind, von dem das Kind abhängig ist und von denen es alle wichtigen Funktionen lernen soll. Können die Eltern das Kind nicht ausreichend lieben und unterstützen und ihm keine verlässliche Beziehung bieten, kann es zu gravierenden Störungen in der kindlichen Entwicklung kommen.

Das erste Vierteljahr: Grundlagen des Kommunikationssystems

a) Körperliche Entwicklung

Um zu überleben, ist das Neugeborene davon abhängig, dass seine körperlichen Bedürfnisse, wie Nahrung, Wärme, Hautpflege, Reizzufuhr bzw. Reizschutz, von einer Betreuungsperson verlässlich zur Kenntnis genommen und befriedigt werden. Die Motorik ist noch völlig ungerichtet, und die optische und akustische Wahrnehmung muss erst noch entwickelt werden.

b) Psychische Entwicklung

Die Gefühle des Säuglings sind körpernah und schwanken zwischen den Polen schläfrigen Wohlbehagens und wacher Aufmerksamkeit. Es wird davon ausgegangen, dass das Kind noch kein erlebendes Ich hat und dementsprechend auch noch keine Unterscheidung zwischen der eigenen Person und anderen Menschen und Dingen kennt. Neuere Forschungsansätze weichen hiervon zum Teil ab und gehen davon aus, dass das Kind bereits in diesem Alter in der Lage ist, Differenzierungen vorzunehmen (der „intelligente Säugling“). Im wesentlichen ändert dies aber nichts an der Tatsache, dass der Säugling auf die Unterstützungsfunktionen seiner Umwelt angewiesen ist, um seine psychische Entwicklung positiv vorantreiben zu können.

c) Soziale Entwicklung

Da das Neugeborene vollständig darauf angewiesen ist, von den Erwachsenen versorgt zu werden und die Erwachsenen einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit darauf richten müssen, diese Versorgungsaufgaben zu erfüllen, entsteht eine höchst spezifische Beziehungsform. Es ist eine extrem asymmetrische Beziehung, da der eine ganz für den anderen da sein muss, ohne dass dies umgekehrt möglich ist.

Die Beziehung beschränkt sich nicht auf die körperliche Versorgung. Das Kind hat von Geburt an eine besondere Aufmerksamkeit für bewegliche Dinge (besonders das menschliche Gesicht), und der Säugling aktiviert beim Erwachsenen angeborene Verhaltensmuster, die Aufmerksamkeit, Fürsorglichkeit und Behutsamkeit und spezielle Sequenzen des Kontaktverhaltens beinhalten.

„Die angeborene Aufmerksamkeit des Säuglings für das lebendige menschliche Gesicht, seine prinzipielle neugierige Ausrichtung auf etwas, das nach und nach als das andere, das Draußen, das Nicht-Ich erfahren wird, lässt sich als Intentionalität beschreiben. Diese heranreifende, sich entfaltende Funktion der Intentionalität stellt die Grundlage für den Aufbau des Kommunikations-Systems dar, für den Austausch von Signalen zwischen einem allmählich erwachenden Subjekt und einem interessanten Draußen, das zunächst noch keine personale Kontur besitzt, sondern größtenteils atmosphärisch, medial erscheint“ (Rudolf, 1996, S. 28).

d) Mögliche Störungen und ihre Folgen

Das Kind ist in dieser Entwicklungsphase ganz besonders auf die verlässliche Versorgung durch die Erwachsenen angewiesen, auf Angebot von Nahrung, Haut- und Blickkontakt, ausreichende Reizzufuhr und Schutz vor Reizüberflutung. Daher spielt die so genannte „Passung“ zwischen Kind und Beziehungsperson in dieser Phase eine wichtige Rolle.

In den frühen Lebensabschnitten entwickeln sich Kernbereiche der Persönlichkeit, vor allem eine allgemeine emotionale Aufmerksamkeit für die Welt und die Menschen, die so genannte Intentionalität (s.o.), und es entwickelt sich ein grundsätzliches Wissen darüber, dass eine kommunikative Brücke zu anderen Menschen möglich ist. Diese frühen Erfahrungen des Sicht-Aufeinander-Einstellens (Synchronisierung) werden als beruhigend erlebt. „Wenn aufgrund früher Einschränkungen diese banale Zuversicht nicht entwickelt werden konnte, wenn bei mangelnder emotionaler Verfügbarkeit der erwachsenen Bezugsperson und bei fehlender Erfahrung der Synchronisierung der frühe emotionale Kern der Persönlichkeit labialisiert bleibt, dann besteht die Gefahr, dass der spätere Erwachsene in bestimmten Belastungssituationen das Erleben hat, den Bezug zur Welt und damit auch zu sich selbst zu verlieren; er verliert die Überzeugung eines körperlichen und psychischen Ich ebenso wie die Evidenz einer wirklichen Welt, was als Weltuntergangsgefühl und Selbstverlusterleben panische Angst auslösen kann“ (Rudolf, 1996, S. 29). Diese Gefühle werden durch spezifische Abwehrformen vermieden. Nach psychoanalytischer Sicht hat der Ausbruch psychotischer oder psychosomatischer Symptome damit zu tun, dass diese Abwehr zusammenbricht.

Das erste Lebensjahr: Aufbau des Bindungssystems

a) Körperliche Entwicklung

Am Ende des ersten Vierteljahres wächst das Interesse des Kindes an der Umwelt und seine Fähigkeit, sich mit ihr zu beschäftigen, von Tag zu Tag. Es bildet sich die Fähigkeit heraus, die Aufmerksamkeit aktiv auf etwas Bestimmtes auszurichten, und das Kind beginnt, seine motorischen Fähigkeiten zu entwickeln.

b) Psychische Entwicklung

Diese aktive Bezogenheit der Wahrnehmung und des Handelns auf andere Menschen begründet nach und nach die Erfahrung der eigenen Person (der Ich-haftigkeit). Das Kind lernt durch die Beschäftigung mit anderen Menschen und Dingen, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden. „Indem es selber handelt, seine Handlungen initiiert und kontrolliert, mehr und mehr Kompetenzen erwirbt und dabei sichtlich Funktionslust erlebt, wird es zunehmend zu einer psychischen Einheit mit einem „Ich“ als Kern und abgegrenzt vom unbelebten und personalen Nicht-Ich“ (Rudolf, 1996, S. 30). Innerhalb dieser sich zunehmend differenzierenden Welt der Personen heben sich wichtige heraus, indem sie mit positiven Gefühle belegt werden. In der zweiten Jahreshälfte kann das Kind die wichtigste Beziehungsperson identifizieren. Die so genannte „Acht-Monats-Angst“ zeigt die ängstliche Reaktion des Kindes unvertrauten Personen gegenüber (und somit auch die Fähigkeit zu unterscheiden).

Die Gefühle des Säuglings zentrieren sich zwischen dem Gefühl der Zufriedenheit und dem der Unlust. Gefühle der Unlust können durch Hunger, Durst, Wärme, Kälte, zu wenig oder zu viel Reizzufuhr oder aus körperlichen Beschwerden verursacht werden. Für das Ausmaß und die Intensität der Unlust (natürlich auch der Zufriedenheit, die nur durch eine liebevolle und verlässliche Versorgung gewährleistet ist) ist zu einem großen Teil die Fähigkeit der Bezugsperson, diese Unlustgefühle aufzufangen, verantwortlich. Größere Mengen an Unlust und die damit verbundene körperliche und gefühlsmäßige Erregung kann das Kind nicht ohne die Hilfe der Bezugsperson verarbeiten.

c) Soziale Entwicklung

Hier geht es nun darum, dass in den ersten Lebenswochen entstandene Beziehungssystem auszubauen. Am Ende dieser Entwicklung soll die Bindung zwischen den Beziehungspartnern stehen. Diese Bindung soll ein verlässliches soziales System bilden, in dem einer das Bild des anderen verlässlich verinnerlicht hat und nun die Nähe und den Kontakt herstellen und beibehalten will. Im Rahmen der asymmetrischen Beziehung ist der Erwachsene derjenige, der dem Kind unterstützend zur Verfügung steht. Das Kind ist abhängig, und die Entfernung der versorgenden Beziehungsperson löst bei ihm starke Angst aus. Das Kind sucht von Anfang an eine Bezugsperson und ist sozial aktiv. Es ist das Kind selbst, das durch sein Verhalten die Erwachsenen dazu bringt, mit ihm in Beziehung zu treten. An dieser Beziehung lernt und übt das Kind menschliche Bezogenheit.

Ab dem 7.-9. Monat ist die Fähigkeit, sich aufeinander einzustellen so weit fortgeschritten, dass das Kind und seine Beziehungsperson gemeinsame Handlungsabsichten, Ziele der Aufmerksamkeit und aufeinander abgestimmte Gefühlszustände ausbilden können.

Die sich entwickelnde Beziehung zwischen der Bezugsperson und dem Kind ist individuell und ganz persönlich. Das Kind braucht die Sicherheit, diese Beziehung sowohl herstellen, als auch regulieren zu können. Diese Sicherheit bedeutet für das Kind Vertrauen darin, dass diese Person ihm verlässlich zugewandt ist, und sie ist notwendig dafür, dass das Kind Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, erhält. „So lernt das Kind in der frühen Beziehung zugleich sich selbst über den anderen kennen und lieben. Es lernt, vereinfacht gesagt, wie man Beziehungen herstellt, wie man sie reguliert und ob man sich prinzipiell auf sie verlassen kann. So erwächst aus dem ständigen Gebrauch des frühen Kommunikationssystems die Zuversicht, darin verstanden und angenommen zu werden, selber „richtig“ zu sein und das richtige Gegenüber zu haben.

Wichtig ist, dass die frühe Bezugsperson „gut genug“ ist (Winnicott ). Dazu müssen die Bedürftigkeit des Kindes und die Verfügbarkeit des Erwachsenen so zueinander passen, dass die unvermeidlichen Frustrationen und Enttäuschungen in ihrer Intensität und Dauer für das Kind ertragbar bleiben“ (Rudolf, 1996, S. 31).

d) Störungsmöglichkeiten und die Folgen

Hier geht es um Risikofaktoren für mögliche Fehlentwicklungen. Ob das einzelne Kind eine Belastungssituation aktuell aushalten oder auch später ausgleichen kann, oder ob es zu einer Entwicklungsstörung kommt, hängt von vielen Einflüssen ab. Hier wird nur beschrieben, welche psychischen und sozialen Fähigkeiten durch welche Einflüsse möglicherweise gestört werden können.

Die vorrangigen Entwicklungsschritte der ersten Monate sind die Aktivierung des Kommunikationssystems und darauf folgend die Einübung der Kommunikation zwischen Kind und Erwachsenen und der Aufbau des emotionalen Bindungssystems. In diese Systeme eingebettet sind alle Erfahrungen der Bedürftigkeit und Bedürfnisbefriedigung, dem Erleben von Sicherheit, Geborgenheit, körperlichem Wohlbehagen, der allmählichen Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich, das Wieder erkennen und die gefühlsmäßige Bindung an wichtige Personen (Aufbau von inneren Bildern der Personen, die bei Abwesenheit reproduziert werden können), die frühen Formen von Vertrauen in sich selbst und andere Menschen und die Zuversicht, dass bei Unlust entstehende Spannung aufgefangen und beendet werden kann.

Es gibt zahlreiche Dinge, die dazu beitragen, dass das Kind und der Erwachsene nicht gut genug zueinander passen und sich nicht auf ein System von Kommunikation und gefühlsmäßiger Bindung einlassen können; dass das Kind anhaltenden und intensiven Gefühlen der Unlust ausgesetzt ist und seine Bemühungen um Kontakt nicht zu vorhersehbar ablaufenden Interaktionen führen.

Auf der Seite des Erwachsenen können die Gründe beispielsweise in psychischer Belastung, sozialen Notlagen, körperlichen Krankheiten oder ökonomischen Schwierigkeiten zu suchen sein, die es erschweren oder unmöglich machen, sich der verlässlichen Versorgung des Kleinkindes zuzuwenden.

Sind die Störungen in dem Zueinanderpassen zwischen Kind und Bezugsperson lang anhaltend und von höherem Schweregrad, ist es dem Kind erschwert, die Fähigkeiten, die es für funktionierende menschliche Beziehungen benötigt zu erlernen. Folge kann sein, dass die emotionale Verständigung des Kindes und später auch des Erwachsenen unsicher bleibt und die Kontaktaufnahme, sowie die Fähigkeit, verlässliche Bindungen aufzubauen, erschwert ist. „Das Kind und der Erwachsene bleibt unsicher, ob er sich und die anderen richtig versteht, ob er auf sich und die anderen vertrauen kann. Die Fremdheit sich selbst gegenüber betrifft auch den eigenen Körper; an die Stelle des sicheren Wohlbefindens in der eigenen Körperlichkeit tritt die hypochondrische Sorge um einen als unvertraut und gefährdet erlebten Körper“ (Rudolf, 1996, S. 32). Zur Kategorisierung solcher Störungen lassen sich unterschiedliche Typen ableiten. Hier seien nur zwei kurz beschrieben:

1. Schizoider Störungstypus: Hier steht der Zweifel am eigenen Ich, die Fremdheit des eigenen Körpers und der eigenen Person , die Unsicherheit der Kommunikation und der Bindung im Vordergrund. Folgen davon sind die Vermeidung von Nähe zu anderen Menschen und eine Tendenz, sich durch Selbstliebe zu stabilisieren.

2. Depressiver Störungstypus: Hier ist weniger die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, gestört, sondern die Zuversicht, dass aufgebaute Beziehungen zuverlässig sind. In einer Phase, in der die Bedürftigkeit des Kleinkindes sehr groß ist, hinterlässt die Erfahrung der Unbeständigkeit oder des Verlustes der wichtigen Bezugspersonen tiefe Gefühle des verzweifelten Verlassenseins. Hauptsächlich bedeutet das, dass das Kind seinen Unlustgefühlen ausgeliefert ist. Es geht also um zwei Mangelerfahrungen: Zum einen um die fehlende Befriedigung von Bedürfnissen und Wünschen und zum anderen um die fehlende Entlastung von unangenehmen Gefühlen.

Zweites und drittes Lebensjahr: Aufbau des Autonomiesystems

a) Körperliche Entwicklung

Zu der sich entwickelnden Bewegungs- und Handlungsmotorik, sowie der willentlichen Steuerung des Bewegungssystems kommt nun die Fähigkeit zu laufen, was den Aktions- und Erfahrungsradius enorm erweitert. Die Verbesserung der Motorik und die willentliche Steuerung der Handlungen und Bewegungen ermöglichen dem Kind, seine Welt spielerisch zu erforschen. Die Entwicklung erstreckt sich auch auf die Sprachmotorik. Es entsteht die Sprache der Worte.

b) Psychische Entwicklung

Der wachsenden Kompetenz der Handlungs- und Sprachmotorik, der Fähigkeit etwas zu tun oder es zu lassen, entspricht die zunehmende gesicherte Erfahrung von der eigenen Person, die plant, handelt und darüber spricht. Das Auftauchen des Wortes „Ich“ im Sprachschatz des Kindes kennzeichnet diesen Schritt.

Neben der Steuerung der Motorik ist der steuernde Umgang mit der Gefühlswelt eine weitere wichtige reifende Funktion dieses Entwicklungsabschnittes.

Die Differenzierung zwischen der eigenen Person und den anderen Menschen wird vollständig abgeschlossen. Der Ich-Pol des Erlebens und der Gegen-Pol der erfahrenden anderen Menschen steht einander klar abgegrenzt gegenüber. Nach und nach schafft sich das Kind Vorstellungen seiner selbst (Selbstbild) und beginnt auch mit dessen bewusster Bewertung (Selbstwert).

Die Sprache bringt die Welt nun in ein System, in dem eine bestimmte logische und sprachliche Ordnung herrscht. Sie belegt Menschen, Dinge und Vorgänge nun mit Namen und Begriffen.

Zu Beginn bestätigen die Eltern die Entwicklungsschritte des Kindes freudig, bis es zu ersten Interessenunterschieden kommt. „Die Explorationslust des Kindes, sein Bedürfnis an die Dinge heranzugehen (ad-gredi), sie in Besitz zu nehmen, zu erforschen, mit ihnen spielerisch umzugehen, bedeutet aus der Sicht des Erwachsenen nicht selten, dass die Dinge beschädigt und beschmutzt oder für ihn unbrauchbar gemacht werden. Hier setzt mit Macht die „Sozialisation“ ein, insofern als sich die Eltern in ihren Erziehungsbemühungen auf das für sie geltende Normensystem berufen“ (Rudolf, 1996, S. 35).

Das Kind bildet ein Normen- und Wertesystem, das für ihn handlungsleitend wird. Dieses System beinhaltet verinnerlichte Verhaltensvorschriften mit ihren sozialen Konsequenzen. Neben dieser Struktur, die in der Psychoanalyse auch das Über-Ich genannt wird, entsteht auch eine Struktur des so genannten Ich-Ideals, die die eigenen Wunschvorstellungen und die vermuteten Erwartungen, die andere an einen stellen, verbindet.

c) Soziale Entwicklung

Die neu gewonnene Beweglichkeit des Kindes erlaubt es ihm, sich dem Erwachsenen anzunähern oder sich von ihm abzugrenzen. Es ist ihm möglich, Nähe und Intimität oder auch Distanz zu anderen Personen zu schaffen. Nun ist auch die Neugier auf alles Fremde zunehmend wichtig, gegenüber der früheren Tendenz, bei der vertrauten Person Sicherheit und Geborgenheit zu suchen. Die wichtige reifende Funktion in diesem Entwicklungsabschnitt ist die Autonomie der eigenen Person. Diese kann nur reifen, wenn die Bezugsperson dem Kind ausreichend Sicherheit und Verlässlichkeit der Beziehung bieten konnte. Das Kind kann nun je nach Bedürfnis variieren zwischen dem Wunsch, Neues zu entdecken und dadurch Erregung zu erfahren, oder ob es dem älteren Wunsch nachgibt, Sicherheit im Vertrauten zu suchen. „Nähe und Distanz, Sicherheit und Erregung, liebevolle Annäherung und wütender Angriff, festhalten und loslassen, eigenwillige Selbstbestimmtheit und regressives Schutzsuchen wechseln einander ab und stehen stets nahe beieinander. Das Umgehenlernen mit diesen Polaritäten gehört zu den wichtigen Reifungsschritten dieses Abschnitts“ (Rudolf, 1996, S. 35).

Darüber hinaus probt das Kind in spielerischer Identifikation unterschiedliche soziale Rollen und verankert diese in seinem inneren Bild von sich selbst.

d) Mögliche Störungen und ihre Folgen

In diesem Abschnitt der Entwicklung bildet sich der Mensch mit seinen Fähigkeiten zu wollen, zu planen, zu handeln, zu sprechen und zu denken. Er entwickelt sich dahin, von seiner Abhängigkeit in die Selbständigkeit zu gelangen und viele Gefühlserlebnisse und soziale Erfahrungen zu sammeln. „Alle diese Bereiche entfalten sich individuell, wobei insbesondere angeborene Bereitschaften als Material des Ich eine wichtige Rolle spielen. Sie werden geformt durch die jeweiligen Lebensbedingungen, durch die Wertnormen, den Erziehungsstil und den allgemeinen Lebensstil der Familie und der größeren sozialen Gemeinschaft. Der eigene Stil beginnt sich in der Auseinandersetzung mit diesen Vorbildern zu gestalten. Sozioökonomische Bedingungen, Familiengröße, Position in der Geschwisterreihe, die psychische und körperliche Verfassung der Familienangehörigen bilden den begrenzenden Rahmen, zugleich aber auch den Stimulus für eigene Entwicklungsmöglichkeiten“ (Rudolf, 1996, S. 36).

Es gibt drei Gruppen von krankmachenden Einflüssen in dieser Entwicklungsphase:

  1. Der Schritt in die Autonomie und das interessierte Zugehen auf die Welt wird durch eine familiäre Atmosphäre der Ängstlichkeit verhindert. Die Erwachsenen wollen das Kind vor der gefährlichen Welt draußen schützen. Sicher ist die Welt der Familie drinnen. Durch solch ein Verhalten bleibt die Autonomie des Kindes und später des Erwachsenen eingeschränkt und unsicher und eine ängstliche Grundhaltung mit Selbstwertzweifeln und besonderer Beachtung der nahen Bezugsperson kann daraus resultieren. Diese Ängstlichkeit kann aber auch von dem Kind ausgehen, wenn es spürt, dass Spannungen den Familienverband aufzulösen drohen. Das hindert das Kind daran, sich der Außenwelt zuzuwenden. Es klammert sich an seine Eltern.
  2. Noch schwerwiegendere Folgen hat es, wenn die Erwachsenen dem Kind gegenüber zwiespältige oder ablehnende Einstellungen entgegenbringen und sie alles was mit seinem Erkundungsdrang und seiner Funktionslust zu tun hat, nicht beachten, ablehnen oder moralisch verurteilen. Im Extremfall werden alle Unternehmungen des Kindes durch Strafe oder körperliche Gewalt unterbunden. Durch solch ein Verhalten fühlt sich das Kind in seiner Person entwertet. Nach außen hin wird das Kind angepasst, doch innen lebt die aggressive Dynamik vorwiegend in Form von Selbsthass, Selbstablehnung und Selbstverachtung weiter. Ist der Druck auf das Selbst des Kindes mehr durch enge Moral und zwanghafte Regeln bestimmt, beeinträchtigt eine solche Haltung meist viele Entwicklungslinien dieses Abschnittes. Beispielsweise muss in einer zwanghaft-ordentlichen Familie alles Laute, Chaotische, Aggressive und Gefühlsstarke unterbunden werden. Das Kind hat nicht die Möglichkeit, sich an seiner Umwelt auszuprobieren, um seinen eigenen Stil zu finden. Die verinnerlichten zwanghaften Verhaltensregeln leiten sein Denken und Verhalten.
  3. In dieser Entwicklungsphase ist es auch schwierig für das Kind, wenn es keinen festen Rahmen findet. Im einfacheren Fall entwickelt sich das Kind zu einem Familientyrann, der es gewohnt ist, dass niemand sich seinem Willen entgegenstellt. Beim Eintritt in die Schule und in jede Form sozialen Lebens drohen ihm dann große Anpassungsschwierigkeiten. „…es handelt sich dabei im Wesentlichen um einen Mangel an sozialer Verbindlichkeit und sozialer Verbundenheit, aus dem heraus der einzelne seine Interessen so gut verfolgt, wie er eben kann, weil keine Gewähr besteht, dass andere sein Interessen mit berücksichtigen“ (Rudolf, 1996, S. 37).

Drittes bis sechstes Lebensjahr: Aufbau der psychosexuellen und sozialen Identität

a) Körperliche Entwicklung

In dieser Entwicklungsphase gibt es keine grundsätzlich neuen körperlichen Entwicklungen. Körperliche Größe, Kraft und Geschicklichkeit entwickeln sich kontinuierlich weiter. Die Körpermotorik kann kontrolliert werden, und das Kind ist schließlich imstande, seinen Bewegungsdrang für bestimmte Zeit zu bremsen, was eine notwendige Voraussetzung für den Schulbesuch ist.

b) Psychische Entwicklung

Das Kind hat nun gelernt, seine Person, die bestimmte Absichten hat, von außen zu betrachten und hat daraus ein Bewusstsein der eigenen Person erworben. Dieses Bewusstsein ist Teil der immer differenzierteren Erfahrung und gedanklichen Auseinandersetzung mit der Welt. Es kommt in Berührung mit den großen Themen Liebe, Sexualität, Geburt und Tod. Das Kind erfährt die Bedeutung von Zeit, und so erfährt es Grenzen und spürt die Begrenztheit. Das Thema der Begrenzung erstreckt sich auch auf die Geschlechtlichkeit. Jeder ist nur einem Geschlecht zugehörig und muss auf interessante Eigenschaften des Gegengeschlechts verzichten. Die sexuelle Identität wird nun als eindeutig erlebt, sowie die Zugehörigkeit zu der eigenen Generation. Diese Vorgänge lassen sich alle unter den Begriff der Realitätsprüfung fassen. Für das Kind gelten nun auch die Prinzipien der Logik, nach denen Erwachsene ihre Welt strukturieren.

Der spielerische Umgang mit dem Leben weicht immer mehr dem „Ernst des Lebens“. Zwangsläufig wird es auch mit Gefühlen des Einsamseins und der Angst vor dem was kommen mag, konfrontiert.

c) Soziale Entwicklung

Das Kind markiert für sich einen festen Punkt in seinem sozialen System. Von diesem Punkt aus definiert das Kind seine Beziehungen zu anderen. Das Kind wird sich mindestens zum Teil seiner Stellung im sozialen System der Familie bewusst, und in der Generationenfolge erfährt es eine bestimmte Rollenzuschreibung, die auch mit bestimmten Pflichten verbunden ist. Unbewusste Phantasien der Erwachsenen, unerledigte Konflikte mit den eigenen Eltern oder Geschwistern, die auf das eigene Kind übertragen werden, spielen dabei oft eine große Rolle.

Durch Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil wird gelernt, wie man als Mädchen/ Frau oder als Junge/ Mann sein, erleben und sich verhalten kann, was insbesondere für das Lernen des Umgangs mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil gilt.

„Zweifellos liefern die unbewussten Erinnerungsspuren dieser frühen Identifizierungen und Bindungen das Grundgerüst aller späteren Beziehungen, sie bedeuten in jedem Fall eine Einübung in menschliche Bindungen, die von Leidenschaft und Begehren getragen sind“ (Rudolf, 1996, S. 40).

Die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern hat erotische Anklänge, doch wurden die Bedeutung für die normale Entwicklung des Kindes von der früheren Psychoanalyse überschätzt. In einer Eltern-Kind-Beziehung, in der eine spürbare Sexualisierung vorliegt, ist dies meist bereits Ausdruck einer neurotisch gestörten Konstellation.

d) Mögliche Störungen und die Folgen

In dieser Phase der kindlichen Entwicklung formt sich die geschlechtliche und soziale Identität. Diese Identität entwickelt sich im Kontext des Beziehungsgeflechts der Familie, wodurch vielfältige Störungen einzelner wichtiger Personen und die Beziehungen untereinander die Entwicklung der Identität des Kindes behindern können.

Es geht immer darum, dass das Kind in seiner eindeutigen geschlechtlichen Identifizierung und der gleichzeitigen Bindung an seine Eltern beeinträchtigt ist. Das passiert dann, wenn dem Kind von einem Elternteil kein Interesse oder verdeckte oder offene Ablehnung entgegengebracht wird. Es kann aber auch sein, dass dem Kind eine herausragend wichtige Beziehung angeboten wird.

Es ist problematisch, wenn die elterlichen Beziehungsangebote die Forderung miteinschließen, dass das Kind so zu sein hat, wie sie es gerne hätten. Ihre Aufforderung, dass Kind solle eine andere Rolle spielen, als die von seinem biologischen Geschlecht vorgegebene, kann nicht nur als Belastung und als Druck von dem Kind empfunden werden, sondern auch als ein verführerisches Angebot, in eine andere Rolle zu schlüpfen (z. B. das Kind fühlt sich aufgewertet, da es in die Rolle des Partnerersatzes schlüpft). Das Kind genießt das erworbene Ansehen, weiß aber eigentlich, dass diese Rolle falsch ist. Hinter dem Stolz steht die Scham, eine falsche Rolle zu spielen und spielen zu müssen, da man mit seiner wahren Persönlichkeit nicht gemocht wird.

Wichtige Folgeerscheinungen für die Persönlichkeit kann also die Tendenz zur Selbstaufwertung (narzisstischer Anspruch) und zur Rivalität sein, einhergehend mit Selbstzweifeln und tiefen Zweifeln an der eigenen Liebenswertheit. Darüber hinaus besteht Verwirrung über die Beschaffenheit der wirklichen Persönlichkeit und der eigenen Gefühle.

Außerdem erschwert die dauernde Bindung an ein Elternteil (wobei das andere abgewertet wird) später den harmonischen Umgang mit beiden Geschlechtern und einer erotischen Beziehung zu einem potentiellen Partner.

Unter der Voraussetzung, dass das Kind eine Rolle zu spielen hat, eine unsichere Geschlechtsidentität hat und eine anhaltende Beziehung zu einem idealisierten oder enttäuschendem Elternteil, werden sich später als Erwachsener wahrscheinlich auch Einschränkungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit einstellen.

Familiale Lebensformen im Wandel

Partner- und Eltern-Kind-Beziehung in der DDR und nach der Wende

Seit der Wende zeichnet sich in Ostdeutschland eine zunehmende Emotionalisierung von Partnerschaft und Familie ab. Ehe und Familie haben als Orte von Intimität und Emotionalität an Bedeutung gewonnen.

Private Beziehungen in der DDR

Bisher ist nicht hinreichend untersucht worden, welchen Sinn die Menschen in der DDR mit ihrer Partnerbeziehung und Elternschaft verbanden und inwieweit in der DDR von einer „Intensivierung nach innen“ (René König) ausgegangen werden kann. In der Literatur werden dazu zwei Positionen vertreten: die Rückzugsthese von Jutta Gysi und die Instrumentalisierungsthese von Norbert Schneider. Gysis These besagt, dass die im Vergleich zur alten Bundesrepublik stärkere staatliche Durchdringung des privaten Lebensbereichs in der DDR zu wachsender Distanzierung von den politischen Werten und schließlich zu einem Rückzug ins Private geführt hätte. Entsprechend sei die Familie zum Synonym für Privatheit und „eine Art Gegenwelt zur Gesellschaft“ geworden – mit der Folge einer starken Emotionalisierung der privaten Beziehungen.

Dagegen vertritt Norbert Schneider die Ansicht, dass die Familie in der DDR „nicht der abgeschottete und durchprivatisierte Lebensbereich (war, d. Verf.), in dem sich die Menschen individuell entfalten konnten, nicht der Rückzugsraum, mit hoch emotionalisierten Beziehungen, und nicht die … Gegenwelt zur Gesellschaft, sondern eine von strukturellen Rahmenbedingungen und staatlichen Einflussversuchen in erheblichem Umfang durchdrungene und nicht selten von ihren Mitgliedern instrumentalisierte Lebenssphäre“. Die Familie hätte zunehmend den Charakter einer „Versorgungs- und Erledigungsgemeinschaft“ angenommen, in der emotionale Ansprüche zu kurz gekommen und Beziehungen vor allem wegen ihres instrumentellen Nutzens gepflegt und aufrechterhalten worden seien.

Beide Thesen scheinen mir übertrieben. Weder war die Familie eine Art Sozialidylle, noch lassen sich die privaten Lebensformen auf „Erledigungsgemeinschaften“ reduzieren. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Entfaltung eines „Familiensinns“ (Philippe Ariès) – d.h. einer gefühlsbetonten, auf die Persönlichkeit des Partners bzw. des Kindes bezogenen Beziehungsstruktur – unter den spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der DDR weniger stark ausgeprägt war: Private Beziehungen hatten in der DDR eine andere Bedeutung bzw. emotionale Qualität als in der Bundesrepublik. Die Ergebnisse meiner Untersuchungen sprechen dafür, dass die Intimisierung und Emotionalisierung der partnerschaftlichen und familialen Binnenstruktur in der DDR Grenzen unterlag und sich Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen durch einen im Vergleich zur Bundesrepublik höheren Grad der Versachlichung auszeichneten.
Zur Funktionsentlastung von Ehe und Familie

Die Versachlichung der privaten Beziehungen wurde in der DDR dadurch befördert, dass sich Ehe und Familie mehr oder weniger alle Aufgabenbereiche mit anderen Institutionen teilten. Durch das dichte Netz staatlicher Kindereinrichtungen war die DDR-Familie von Sozialisationsaufgaben teilweise entlastet. Wegen der umfassenderen Einbindung der Menschen in die Kinder-, Jugend-, Arbeits-, Haus- und Nachbarschaftskollektive spielte sie auch für die Freizeitgestaltung des Einzelnen nicht die Rolle wie in der alten Bundesrepublik. Die DDR-Familie war darüber hinaus stärker von bestimmten hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, wie etwa der des regelmäßigen Kochens, enthoben. Männer und Frauen wurden werktags in Betriebskantinen und Kinder in Kindergärten und Schulhorten beköstigt. Auf Grund der nahezu vollständigen Erwerbstätigkeit der Frauen hatte die Ehe ihre ökonomische Versorgungsfunktion zu Teilen eingebüßt.

Durch die Funktionsentlastung waren alltägliche innerfamiliäre Aktivitäten, die zugleich wichtige Bindungselemente zwischen den Familienmitgliedern darstellen, eingeschränkt. Zugleich führte die umfassende außerhäusliche Eingebundenheit aller Familienmitglieder zusammen mit der aufwendigeren Alltagsorganisation dazu, dass wenig Zeit für die Pflege der Partner- und Eltern-Kind-Beziehung blieb. Infolgedessen waren die ökonomische und emotionale Abhängigkeit der Familienmitglieder untereinander nicht so stark; entsprechend schwächer war auch die Ausprägung der Familie als emotionale „Wir-Gruppe“. Ein Indiz dafür ist die stärkere Sachbezogenheit der Eltern-Kind-Beziehung. Dies lässt sich daran ablesen, dass die Erziehung der Kinder in der DDR weniger Raum für kindspezifische Bedürfnisse bot. Erziehung war stärker auf Gehorsam, Disziplin, Gefühlsunterdrückung, auf frühes Sauberkeitstraining und eine optimale Anpassung der Kinder an den stärker reglementierten elterlichen Lebensvollzug gerichtet. Sie sollten möglichst frühzeitig selbstständig werden, zu Hause tüchtig mithelfen, in das Erwerbssystem eintreten und ökonomisch unabhängig werden.

Auch die weitgehend nüchternen Schilderungen der Geburt („Angst, kann ich nicht sagen, dass ich die hatte. Ich mein‘, irgendwie musste es ja wieder raus, irgendwie war’s egal. Hauptsache es geht vorbei“), die sich deutlich von den emotional aufgeladenen Erzählungen der jüngeren Elterngeneration in der alten Bundesrepublik abheben, sind ein Indiz dafür, dass die Emotionalisierung der Eltern-Kind-Beziehung in der DDR nicht so stark ausgeprägt war wie in den alten Bundesländern. Zwar gab es dort in den letzten Jahren auch Geburts-Ratgeber und so genannte rooming-ins. Aber die Entbindungssituationen präsentierten sich insgesamt viel „technischer“ als in den westlichen Bundesländern. „Das Emotionale, das Weiche ist irgendwo in dem ganzen System verloren gegangen“, so eine DDR-Gynäkologin.

Die Annahme einer stärkeren Versachlichung der Mutter-Kind-Beziehung wird auch dadurch gestützt, dass Mütter ihre Kinder schon sehr früh außerhäuslich betreuen ließen, um einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Gleichwohl berichten etliche der weiblichen Befragten rückblickend, dass sie gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbracht hätten: „Eine Zeitlang war das schlimm. Als meine Tochter zur Krippe kam, hat sie immer bitterlich geweint, sie wollte nicht in die Krippe. Also, da ist mir das so zu Bewusstsein gekommen. Ich denke: Mensch, warum machst du das jetzt? Es würde doch ausreichen, wenn wir mit weniger Geld auskommen, und ich bleibe lieber bei dem Kind zu Hause. (…) Denn für ein Kind mit einem Jahr ist das eine Strafe, in eine Krippe zu kommen. Ich meine, sie hat es da gut gehabt. Aber es fehlt die Mutter. Also das fand ich damals nicht schön. Aber es gab ja nichts anderes, man musste Geld verdienen“ (Verkäuferin, 96/97).

Das vorstehende Beispiel verdeutlicht, wie eingeschränkt der Spielraum für das Ausleben von Gefühlen zwischen Mutter und Kind war. Sachliche Notwendigkeiten ließen Fragen nach den emotionalen Befindlichkeiten in den Hintergrund treten, wobei nicht behauptet werden soll, dass es in der DDR keine emotionalisierten Partner- und Eltern-Kind-Beziehungen gegeben habe. Allerdings waren die Möglichkeiten der Menschen, ihre Gefühlswelt zu erfahren und zu entwickeln, eingeschränkt. Die Ansprüche an die emotionalen Fähigkeiten der (Ehe-)Partner und Eltern-Kind-Beziehung mussten so austariert werden, dass sie mit den sonstigen Anforderungen vereinbar waren.
Die Bedeutung von Arbeits- und Nachbarschaftskollektiven

Die Entfaltung von Emotionalität war in der DDR keine exklusive Aufgabe der Institutionen Ehe und Familie. Emotionale Bedürfnisse wurden auch im Erwerbsleben erfüllt; die Arbeitskollektive waren eine Art zweites Zuhause. Die sozialen Kontakte zu ArbeitskollegInnen waren in der DDR so eng, dass für viele Befragte – vor allem Frauen in eher niedrigen beruflichen Positionen – das Kollektiv als Synonym für Geborgenheit und soziale Eingebundenheit galt. In den Interviews kommt das in Äußerungen wie „Wir waren eine große Familie“ zum Ausdruck. Solidarität charakterisierte auch die Nachbarschaftskollektive, die in der Mangelgesellschaft den Charakter von Notgemeinschaften hatten und ebenfalls ein Gefühl von Geborgenheit vermittelten. So war es z.B. nach Aussage einer Angestellten durchaus üblich, dass „die Kinder in irgendeiner Familie was zu essen kriegten und mitgeduscht wurden, wenn die Mutter spät von der Arbeit nach Hause kam“ (96/97). Dies zeigt, dass in der DDR die emotionale Grenzziehung zwischen Familienangehörigen und familienfremden Personen viel schwächer ausgeprägt war als in der alten Bundesrepublik. Die Existenz anderer Bezugspersonen relativierte die emotionale Verbundenheit der (Ehe-)Partner sowie der Eltern mit den Kindern.
Die Bedeutung der Wohnbedingungen

Die Entfaltung einer gefühlsbetonten Beziehung zwischen den Familienmitgliedern ist nicht zuletzt auch an Wohnbedingungen geknüpft. Schutz vor äußeren Witterungseinflüssen wie Nässe und Kälte sowie ein gewisses Maß an familiärer Abgeschiedenheit gegenüber familienfremden Personen, z.B. Nachbarn, müssen gegeben sein. Damit sich eine gefühlsbetonte Partner- bzw. Eltern-Kind-Beziehung entwickeln kann, muss die Wohnung zudem individuelle Freiräume und eine vor Außenwahrnehmungen geschützte persönliche, eheliche und familiäre Intimsphäre ermöglichen.

In der DDR entsprachen längst nicht alle Wohnungen diesen Maßstäben. Das galt insbesondere für Wohnungen in den vielfach vernachlässigten Altbauten. Diese wiesen neben gravierenden Ausstattungsmängeln (keine Bäder, Außentoilette, Ofenheizung), schwerwiegende bauliche Mängel auf. Eine Befragte, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in einer Altbauwohnung lebte, schildert durchaus typisch, dass „das Dach undicht“ und die Wohnung „ständig feucht“ war. „Die Wohnung, die wir bezogen haben, war vorher zwei Jahre lang gesperrt, weil es durchregnete, und dann sagte die Hausmannsfrau: ‚Da stellen wir immer große Wannen hin, vielleicht geht es‘ “ (96/97). Aber auch viele der in den achtziger Jahren unter den Bedingungen der angespannten Wirtschaftslage erbauten Neubauwohnungen wiesen bereits bei Bezug erhebliche Mängel auf (undichte Fenster, nicht funktionierende Heizungen etc.). Angesichts der teilweise verheerenden Wohnbedingungen wird verständlich, warum sich häusliche Gemütlichkeit in der DDR nur eingeschränkt entfalten konnte. Wer als Vollerwerbstätiger im Winter „Kohlen schleppen“ und sich gleichzeitig darum kümmern muss, „dass das Dach dicht ist und dass die Heizung läuft“, dem bleibt nur wenig Muße für die „Kultivierung familialer Intimität“.

Auch in den besser ausgestatteten Neubauwohnungen der dicht besiedelten Plattenbaugebiete ließ sich eine abgeschirmte eheliche und familiäre Privatsphäre nur schwer herstellen. Hinzu kam das Ausmaß an gegenseitiger Kontrolle. Durch die hellhörigen Plattenbauten und die Dichte der Wohnbebauung, die seit den achtziger Jahren infolge der angespannten Finanzlage noch zunahm, konnte man sogar die Gespräche seiner Nachbarn mitverfolgen: „Die Plattenbauten waren so dünn gebaut, wenn Sie da einen Kochtopf gegen die Wand gehalten haben, konnte man alles mithören“, so die Frau eines ehemaligen Bauingenieurs.

Eine zusätzliche Barriere bei der Ausprägung emotionaler Beziehungen waren die beengten Wohnverhältnisse, die kaum individuelle Rückzugsmöglichkeiten boten. Weil man sich in den oft engen Wohnungen nicht ungehindert bewegen bzw. darin gar nicht „richtig wohnen“‚ konnte, waren Spannungen vorprogrammiert: „Wenn sie nach Hause kommen und die Tür nicht richtig aufkriegen, weil die Schuhe da stehen, und sie wissen nicht, wohin damit, und sie im Flur selber so wenig Platz haben, dass zwei nicht aneinander vorbeikommen, oder aber wenn sie im Bad sind, der eine will raus, der andere rein, dann müssen sie den wirklich erst rauslassen, damit der andere rein kann. Das führt zwangsläufig zu Konflikten, das lässt sich gar nicht vermeiden. Je nachdem, wie man mit dem Nervenkostüm bestellt ist. Meine Frau ist da im Unterschied zu mir aktiver. Sie zeigt deutlich, dass ihr was missfällt. Es sind Spannungen da, weil wir uns gegenseitig auf den Geist gehen, obwohl wir uns ja nicht feindlich sind in dem Sinne, aber einfach durch die Enge, wo will man denn auch groß hin? Ich kann doch nicht jedes Mal in den Keller gehen, wenn ich was machen will“ (Ingenieur, 96/97).

Um ständige Streitigkeiten zu vermeiden und einen einigermaßen reibungslosen Tagesablauf zu garantieren, waren die Menschen vielfach gezwungen, ihre privaten Beziehungen stärker zu versachlichen, d.h. sich zu disziplinieren und Gefühle zurückzunehmen. Auch die eheliche und familiäre Intimität konnte nur unter höchst eingeschränkten Bedingungen gelebt werden. Auf Grund der Wohnungsknappheit mussten viele Paare noch als Verheiratete und manchmal sogar noch als junge Familie mit Kind für mehrere Jahre in einer Wohnung mit den (Schwieger-)Eltern zusammenleben; die räumlichen Voraussetzungen für eine Privatsphäre fehlten häufig gänzlich. Ein Schlosser schildert, wie er nach der Heirat mit seiner Frau zusammen mit der Großmutter in deren Neubauwohnung wohnte: „Die Stube haben wir gemeinsam genutzt und Oma hatte das Schlafzimmer und wir hatten das Kinderzimmer“ (96/97). Die Beschränkungen der ehelichen Intimität lassen sich auch daran ermessen, dass in der DDR Schlaf- und Wohnzimmer häufig als Allzweckräume für verschiedene Tätigkeiten dienten und vielfach „Durchgangszimmer“ waren: „Alle drei Kinder mussten, wenn sie ins Bad wollten, durch unser Schlafzimmer. Da ging kein Weg dran vorbei.“

Wie eingeschränkt die Intimsphäre war und wie stark Scham- und Peinlichkeitsreaktionen zurückgenommen werden mussten, wird auch daran erkennbar, dass insbesondere in den Altbauwohnungen nicht einmal die Toilette ein letzter, intimer Zufluchtsort war. Die Sanitäranlagen befanden sich hier zumeist auf dem gemeinsamen Flur oder auf der halben Treppe; man musste sich Toilette und Dusche mit anderen familienfremden Personen teilen. 1971 hatten in der DDR 61 Prozent der Wohnungen und 1989 noch 24 Prozent kein Innen-WC.

Die skizzenhafte Schilderung der Rahmenbedingungen zeigt, wie löchrig die familiäre und persönliche Privatsphäre in der DDR war und verdeutlicht, dass der Ausprägung eines emotionalisierten ehelichen und familiären Binnenklimas große Hürden entgegenstanden.

Die schwierige Mutter-Kind-Beziehung

„Der beste Freund des Mannes ist seine Mutter.“ Ein gewisser Norman Bates sagt diesen Satz in Hitchcocks „Psycho“ zu einer Frau, die er später unter der Dusche tötet. Seine Mutter ist da allerdings schon nicht mehr am Leben, ermordet vom schizophrenen Muttersohn.

Nun ist das bloß ein schockierender Film, doch dieses düstere Drama verdeutlicht zugespitzt, was viele wissen: Die Mutter-Kind-Beziehung verläuft auch im richtigen Leben keinesfalls immer in endlos-liebevoller Harmonie. Mehr noch: Sie ist oft problembelastet und zwiespältig. Eine schwierige Liebe, und dabei so tief und existenziell. Das alles drückt sich aus in zwei Worten, die Kinder – egal ob 15 oder 50 Jahre alt – ihren Müttern gelegentlich entgegenseufzen: Mensch, Mutter. . . !

Distanz in der Mutter-Kind-Beziehung

Aber woher kommt diese Ambivalenz? „Die Beziehung zur Mutter ist zunächst einmal die überlebenswichtigste überhaupt“, sagt der Hamburger Psychologe Michael Thiel. Wobei Wissenschaftler von einer Bindung sprechen, also einem genetisch vorgeprägten Verhalten, das neben Nahrung vor allem Schutz und Beruhigung bei der Mutter einfordert. „Um nun aber ein sozial eigenständiges Lebewesen zu werden“, sagt Thiel, „muss sich das Kind von der Mutter distanzieren, sie kritisch beäugen.“ Daraus entstehe der Konflikt zwischen Nähe und Trennung. Während pubertäre Kinder oft unbedingt anders werden wollen als die Mutter, machen erwachsene sie für eigene Versäumnisse und Fehler verantwortlich, stellen sich quasi einen Persilschein fürs Leben aus. Nebst dem Vorwurf: Was wäre aus mir geworden, wenn Du anders gewesen wärst?

Mädchen und Jungen haben eine unterschiedliche Beziehung zur Mutter und lösen sich indes in unterschiedlicher Weise. „Die Mutter-Tochter-Bindung ist eine ganz spezielle, weil die Mutter als Rollenmodell dient, etwa bei der Partnerwahl“, berichtet Michael Thiel aus seiner Praxis. Für den Sohn passe diese Vorlage weniger, er gehe raus in die Welt, löse sich auf dem Weg zum ganzen Mann leichter. Thiel: „Das Band zwischen Mutter und Tochter bleibt enger.“ Frauen sind empathischer, besitzen ein größeres Gefühlszentrum im Gehirn als Männer. Weswegen die Kindbeziehung zum Vater eher affektiv, stärker von sozialer Kompetenz gekennzeichnet ist.

Entscheidend aber für Kinder in der Beziehung zur Mutter ist die Qualität der Bindung. Bindungsforscher wie die Engländer John Bowlby und Mary Ainsworth differenzieren sicher (Stresspegel sinkt bei Körperkontakt), ambivalent-unsicher (Mutter als Stressquelle oder Stressabbauerin?) und unsicher-vermeidend (Mutter selbst wird als Stressquelle erlebt) gebundene Kinder. Das erste Lebensjahr, darin sind sich Experten einig, ist dafür prägend. Wobei sich auch Schwangerschaftseinflüsse (Ablehnung, Alkohol) auswirken. „Zwei fremde Wesen müssen sich kennenlernen und ein Team bilden“, erklärt Thiel den Prozess der wachsenden Mutter-Kind-Beziehung. Mütter könnten Kindsignale falsch verstehen, mit dem Temperament überfordert sein und Hilfe ablehnen. Unsicher gebundene Kinder mögen später keine Nähe, schaffen es selten in eine vertrauensvolle Beziehung, sind schnell aufgebracht. Weitere Folgen von Bindungsstörungen: Selbstverletzung und Kriminalität.

Barrieren in der Mutter-Kind-Beziehung aufgebaut

Der Nationalsozialismus hat gar die Bindungs-Zerstörung herbeigeführt, und zwar ganz bewusst. „Dort war die elitäre, stahlharte Mutter gefordert. Wegnahme der Kinder nach der Geburt, Streicheln, Sprechen, Kontakt unerwünscht. Es wurden regelrechte Sprachbarrieren aufgebaut“, sagt Sozialarbeiterin Sigrid Chamberlain, die darüber in ihrem Buch „Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ schreibt. Allein das Wort „Mama“ war verboten, es gab nur „Mutter“, für Babys unaussprechlich. „Deutsche Nachkriegsmütter haben diese Techniken weitergegeben“, sagt Chamberlain. Auffassungen wie „eine Tracht Prügel hat noch nie geschadet“ seien ja noch aktuell.

Und wie lösen Kinder ihr „Mutterproblem“, damit es nicht das eigene Leben überschattet? „Sie sollten sie nicht verherrlichen, sie aber auch nicht verdammen. Sondern fragen: Wozu war sie wirklich in der Lage?“, sagt Thiel. „Kinder sollten verzeihen. Das bedeutet nicht gutheißen, sondern verstehen und akzeptieren.“ Tagebuch und Briefe schreiben, meint der Psychologe, könnte der Mutter-Kind-Beziehung helfen (siehe Briefe unten). Das alles erscheint sehr schwer, aber es geht kaum anders. Denn unsere Mutter werden wir niemals los.

Zwei Briefe an die Mutter

Liebe Mutti,

wir haben uns lange nicht gesehen, aber Du hast ja sicher genug zu tun mit meiner Schwester und den beiden Enkeln. Ja, ich bewundere Deine Kraft, die Hingabe, mit der Du die Kindheit von Lydia und David bewachst. Du wirst wohl immer die selbstlose Krankenschwester bleiben mit dem großen Herzen und den geschickten Händen. Hoffentlich vergisst Du darüber Deinen eigenen Geburtstag nicht, am Montag wirst Du 70.

Du fehlst mir. Ich weiß es nicht mehr, aber Du hast mir wohl schon gefehlt, als Du mich vor ungefähr 50 Jahren in einer sozialistischen Wochenkrippe abgegeben hast und ich nur am Wochenende nach Hause durfte. Du hast in der DDR nicht anders gekonnt. Und es nicht besser gewusst, als Du manchmal den Kinderwagen auf den Hof geschoben hast, wenn ich nach Dir schrie, weil Deine Mutter meinte, der Junge braucht das und kriegt auf diese Weise starke Lungen.

Heute weiß ich auch, dass Du immer das Allerbeste gegeben hast. Wundenheilerin warst fürs gebrochene Herz und aufgeschlagene Knie und eine rund um die Uhr geöffnete Tankstelle für die Seele. Und na klar, ich weiß, dass ich durch Dich am Leben bin. Auch wenn es nicht immer gut war mit uns und auch wenn es nicht immer gut war mit den Frauen, die nach Dir kamen in meinem Leben. Ich war zornig und ungerecht zu Dir das letzte Mal, das tut mir leid. Vielleicht kann ich Dich auch nicht so zurücklieben wie Du mich liebst, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, Dir falsche Erziehung vorzuwerfen. Wer weiß.

Und obwohl ich längst abgenabelt bin: Ich werde immer sehr an Dir hängen. Dein Torsten

Liebe Mama,

ein Muttertag hat etwas mit Liebe, Lob, roten Rosen und Pralinen zu tun. Nicht mit Kritik. Doch dieser Brief brennt mir auf der Seele. Gerade haben wir Deinen 83. Geburtstag gefeiert. Du bist eine kleine gebrechliche alte Frau, doch Deine Macht über mich ist erstaunlich groß.

Manchmal fühle ich mich sehr wohl in Deiner Gegenwart. In unserem Übermut und Gelächter liegt eine sehr große Innigkeit und Nähe. Wir sehen uns ähnlich. Doch ein falsches Wort von Dir kann mich in Abgründe stoßen, aus denen ich tagelang nicht herauskomme. Dann weiß ich: Ich habe es bis heute nicht geschafft, mich abzunabeln. „Wie siehst Du denn wieder aus?“ oder „Aus Dir wird wohl nie was!“ sagst Du. Leider unbedacht. Patsch! Das sitzt wie ein Klaps auf den Po. In solchen Augenblicken werde ich – die fast 50-jährige Frau – zu einer Fünfjährigen. Habe ich je Deinen Ansprüchen genügt? Niemals! Immer hatte ich nach Deiner Meinung den falschen Beruf, den falschen Mann und das falsche Leben. Ich hatte den Eindruck, Du hättest gern eine andere Tochter gehabt. Eine zum Vorzeigen, zum Angeben. Was für eine Kränkung!

Immer hast Du Dich nur um Dich selbst gedreht. Die Verdienste Deiner Kinder hast Du Dir wie ein Collier um den Hals gelegt. So war es mit den zwei Doktortiteln von Paul und dem großen Haus, das Jan sich leisten konnte. Ich, Dein jüngstes Kind, konnte auf dieser Ebene nicht mithalten.

Nicht einmal Enkel habe ich Dir geschenkt. Und häufig habe ich den Verdacht, dass mir dafür Deine Liebe fehlte. Deine Gudrun

Eltern-Kind-Beziehung und seine Bedeutung

Eine starke, Sicherheit vermittelnde Eltern-Kind-Beziehung hat große Bedeutung für die psychische Widerstandskraft gegenüber Belastungen im weiteren Leben.

Bindung ist ein spezifisches emotionales Band, das Personen über Zeit und Raum miteinander verbindet. Man kann an mehr als eine Person gebunden sein, aber nicht an viele. Eine gute und sichere Eltern-Kind-Beziehung im frühkindlichen Alter ist eine Basis für eine größere psychische Widerstandskraft gegenüber verschiedener Belastungen. Wie man später selbst zwischenmenschliche Beziehungen führt, beruht aber stark auf frühen eigenen Erfahrungen.

Eltern-Kinder-Beziehung durch emotionale Zuwendung und adäquate Reizzufuhr nach der Geburt stärken

In den 1980er Jahren haben Hirnforscher festgestellt, dass Babys mit einem hohen Satz an Spiegelneuronen ausgestattet, auf die Welt kommen. Die Spiegel-Nervenzellen („mirror neurons“) wurden von Giacomo Rizzolatti bei Versuchen mit Schimpansen entdeckt. Die Spiegelneuronen feuern sogar nur beim reinen Beobachten einer Handlung, ohne sie selbst auszuführen.

Die neurobiologische Grundausstattung an Nervenzellen ist zum Zeitpunkt der Geburt fast vollständig vorhanden. Im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft beginnt bereits der Aufbau an dementsprechenden Vernetzungen. In den letzten Schwangerschaftsmonaten sieht man bei Untersuchungen eine explosionsartige Vermehrung von Synapsen. Durch emotionale Zuwendung und adäquate Reizzufuhr nach der Geburt verknüpfen sich diese Neuronen und ohne gehen sie verloren (use it or loose it).

Der Säugling ist aufgrund der Spiegelneuronen in der Lage, die von der Bindungsperson zugespielten Signale zurückzuspielen. Das ist das Geheimnis der frühen Mutter (Vater)-Kind-Kommunikation und Basis für die Ausbildung von Empathie. Die Hormonausschüttung vom „Kuschelhormon“ Oxytocin unterstützt den Bindungsaufbau und die Stresshormone Adrenalin, Kortisol und Noradrenalin gefährden die Bindungsbereitschaft. In diesem Zusammenhang ist bekannt, dass diese emotionale Zuwendung keinesfalls ein allgemein vererbter Muttertrieb ist, sondern auf eigenen Erfahrungen in der Säuglingszeit basiert, die in Nervenzell-Netzwerken abgespeichert sind. Das bedeutet natürlich auch, dass eigene gute oder schlechte Bindungserfahrungen über Generationen weitergegeben werden!

Babys kommen also mit einem angeborenen Bindungsbedürfnis auf die Welt, welches von den Bezugspersonen gestillt werden muss. Emotionale Zuwendung ist für Kinder überlebensnotwendig und genauso wichtig wie Nahrung, Schlaf und Luft. Die Bindung an die bemutternde Person entwickelt sich bereits in der Schwangerschaft. Schon im Mutterleib spürt das Kind, ob es willkommen ist!

Eine Bindungsperson bietet Schutz und Sicherheit und ist nicht beliebig ausstauschbar. Sie ist für das Kind „der sichere emotionale Hafen“. Durch Angst und Trennung wird das Bindungssystem aktiviert und durch körperliche Nähe und Zuwendung der Bindungsperson wird es wieder beruhigt. Das Bindungsbedürfnis steht im Wechsel mit dem Erkundungsbedürfnis. Nur wenn das Bindungsbedürfnis beruhigt ist, kann das Kleinkind die Umwelt erkunden und lernen. Bindungssichere Kinder gelten allgemein als interessierter. Bei den Bindungspersonen gibt es auch eine Hierarchie, man spricht von der primären und sekundären Bindungsperson.

Blut ist nicht dicker als Wasser

Die Pflegeperson mit der größten Feinfühligkeit in der Interaktion wird die Hauptbindungsperson. Bei großem Schmerz, Angst oder Trauer wird das Kleinkind eindringlich auf die primäre Bindungsperson bestehen. Emotionale Bindung entsteht aber nicht durch genetische Verwandtschaft und das Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ stimmt diesbezüglich nicht. Auch Adoptiv- oder Pflegeeltern können starke Bindungspersonen für das Kind sein. Entscheidend ist die Feinfühligkeit und dass die Signale des Kindes wahrgenommen, richtig interpretiert und darauf angemessen reagiert wird und dass die Bindungsperson emotional verfügbar und zuverlässig ist.

Welche Bindungsqualitäten es gibt

In der Bindungsforschung nach John Bowlby, dem Begründer der Bindungstherorie (forschte in den 1960er Jahren) spricht man von sicherer Bindung (ca. 55 – 60%) und unsicherer Bindung, die wiederum in unsicher-vermeidend (ca. 15 – 20%) und unsicher-ambivalent (ca. 5 – 10%) eingeteilt wird. Eine desorganisierte Bindung (ca. 5 – 10%) ist bereits eine beginnende Psychopathologie, und bei einer Bindungsstörung (ca. 3 – 5%) handelt es sich bereits um eine manifeste frühe Psychopathologie.

Der „Fremde-Situations-Test“ wurde 1970 von Mary Ainsworth, einer Mitarbeiterin von John Bowlby, entwickelt. Es handelt sich dabei um ein entwicklungspsychologisches Experiment, das die Beziehung zwischen Kind und Bindungsperson zeigen soll. Dieses Testverfahren hat heute noch seine Gültigkeit, um die Bindungsqualität zu messen. Der Fremde-Situations-Test wird mit Kindern im Alter von etwa 12 bis 24 Monaten in einem fremden Raum mit interessanten Spielsachen durchgeführt.

Die Bindungsperson ist zuerst alleine mit dem Kind, dann kommt eine fremde Person hinzu, die mit dem Kind Kontakt aufnimmt. In einem genau vorbestimmten Zeitraum verlässt die Mutter oder der Vater den Raum und das Kind bleibt mit der fremden Person zurück. Es wird mit Videoüberwachung beobachtet wie das Kind auf das Weggehen der Bindungsperson und auf die Tröstungsversuche der fremden Person reagiert. Dann bleibt das Kind sogar für kurze Zeit alleine in dem fremden Raum. Die Reaktion darauf und die Wiedervereinigung mit der Bindungsperson sagen viel über die Bindungsqualität aus.

Eltern-Kind-Beziehung bietet Schutz bei späteren psychischen Belastungen

Eine sichere frühe Eltern-Kind-Beziehung bietet Schutz bei späteren psychischen Belastungen und eine unsichere Bindung bedeutet ein Risiko für die Entwicklung von psychischen Auffälligkeiten.

Sicher gebundene Menschen sind in der Lage sich bei Problemen Hilfe zu holen, haben mehr gemeinschaftliches Verhalten, Empathie, mehr zwischenmenschliche Beziehungen, sind kreativer, flexibler und ausdauernder. Außerdem sind ihre Gedächtnisleistungen besser als bei unsicher gebundenen Menschen.

Das Ziel aller Eltern müsste also sein, dass ihre Kinder eine sichere Bindung an sie entwickeln. Es wurde allerdings auch festgestellt, dass die Qualität einer Eltern-Kind-Beziehung und einer Sicherheit bietenden Bindung sehr stark, bis zu 70%, weiter vererbt wird. Wer selbst sicher gebunden ist, kann dieses Muster einer starken Eltern-Kind-Beziehung auch viel leichter an seine Kinder weiter geben.

Es ist die Frage aller Fragen: „Was mache ich eigentlich falsch?“ – na, wann hast du sie dir zuletzt gestellt? Letzte Woche, gestern oder vielleicht sogar erst vor fünf Minuten? Wann auch immer es gewesen sein mag, schätzen wir an dieser Stelle, dass sie dir definitiv bei dem letzten Wutanfall des Nachwuchs‘ in den Sinn kam. Denn in genau dieser Situation geraten wir Mamas alle (!) an unsere Grenzen. Und das nicht zuletzt deswegen, weil der Sprössling interessanterweise ausschließlich in unserer Nähe Verhaltensweisen an den Tag legt, die er bei anderen nicht einmal ansatzweise zeigt – obwohl wir nichts, aber auch gar nichts anders machen.

Unter uns: Wir müssen in diesen Momenten auch gar nichts anders machen. Im Gegenteil ist jeder Mama-Only-Ausraster sogar ein Beweis dafür, dass einiges richtig gelaufen ist. Das zeigen jedenfalls die folgenden drei Erklärungen …

1. Grund, warum sich Kinder bei Müttern anders verhalten: Sie haben den Raum, Erlebnisse zu verarbeiten.

Selbst uns Erwachsenen fällt es schwer, die Erlebnisse des Alltags zu verarbeiten. Wie muss es da erst einem Kind gehen? Eben! Dennoch wird bereits von den kleinsten Erdenbürgern erwartet, dass sie funktionieren und sich an die Regeln des Zusammenlebens halten. Das sind große Anforderungen, die den Kindern viel abverlangen. Die Folge? Lies mehr dazu unter Punkt zwei …

2. Grund, warum sich Kinder bei Müttern anders verhalten: Bei Mama können sie Wut und Frust abladen – zumindest glauben sie das.

Kinder müssen erst lernen, mit Wut und Frust umzugehen. Es ist ein unangenehmes Gefühl, das auch im fortgeschrittenen Alter zu schaffen macht. Bei Kindern dauert es also einige Jahre, bis sie gelernt haben, mit negativen Empfindungen umzugehen. Ein trotziges Kind möchte dich also nicht ärgern, sondern verarbeitet schlichtweg Emotionen, wie unter anderem die Website „gofeminin.de“ berichtet. Bedingt durch die enge Mutter-Kind-Beziehung bist du diejenige, die das ausbaden darf. Auch wenn es schwerfällt: Versteh es als etwas Positives – und als Kompliment an dich.

Wenn du wissen möchtest, was dein Kind wann denkt, lies diesen Artikel: 3 Dinge, die genau jetzt im Gehirn deines Kindes passieren.

Hintergrund

Kinder-Entwicklung 3 Dinge, die genau jetzt im Gehirn deines Kindes passieren Sie können noch nicht perfekt sprechen, haben längst nicht alles von der Welt gesehen und dennoch sind uns unsere Kinder weit voraus: Denn tatsächlich passiert in genau diesem Moment so viel im Gehirn eurer Babys und Kleinkinder, dass es euch garantiert die Sprache verschlägt – wetten …!?

3. Grund, warum sich Kinder bei Müttern anders verhalten: Mama ist der „sichere Hafen“.

Maximale Sicherheit und Geborgenheit gibt’s eben nur bei Mama. Und wo lässt sich besser Energie tanken, als in vertrauter Umgebung, also besagtem sicheren Hafen? Nur hier können Kinder ihre Emotionen und Gefühle herauslassen – und zwar ohne Angst haben zu müssen, nicht mehr gemocht oder geliebt zu werden. Ein Wutanfall ist somit vor allem eines: ein großer Vertrauensbeweis. Er zeigt, dass du die wichtigste Bezugsperson für dein Kind bist.

Was ist die beste Reaktion auf einen Wutanfall beim Kind?

Begib dich auf dieselbe Augenhöhe und zeige so Verständnis, volle Aufmerksamkeit, Empathie. Denn eines steht fest: Ebenso aggressiv auf einen Wutanfall zu reagieren, bringt niemanden weiter – es reicht, wenn einer von euch gerade die Nerven verliert, nicht wahr?!

Übrigens: Welche Sätze wir niemals zu unseren Kindern sagen sollten, siehst du in folgendem Video …

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