Das hochsensible kind

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Hochsensibilität ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern eine besonders intensive Wahrnehmungsfähigkeit. Studien zufolge wird diese Fähigkeit von den Eltern oder Großeltern vererbt. Bei hochsensiblen Menschen ist sowohl die seelische, als auch die körperliche Empfindsamkeit deutlich höher als bei anderen. In grauer Vorzeit waren sie zum Beispiel diejenigen, die ihr Volk vor allen anderen vor Gefahr gewarnt haben.

Was bedeutet Hochsensibilität?

Täglich werden wir von unzähligen Reizen überflutet. Gerüche, Geräusche, Berührungen und Bilder stürmen unaufhörlich auf uns ein. Damit das menschliche Gehirn die Fülle an Informationen überhaupt verarbeiten kann, ist es mit einem Filtersystem ausgestattet, welches einen großen Teil der Sinneswahrnehmungen gar nicht erst bis ins Bewusstsein vordringen lässt. Bei hochsensiblen Kindern ist die Filterfunktion, die das Nervensystem vor Überlastung schützt, durchlässiger. Viel mehr Reize dringen ins Bewusstsein, ohne vorher gefiltert oder aussortiert worden zu sein. Diese neuronale Besonderheit bedeutet zwei Dinge: Hochsensible erleben die Welt differenzierter und intensiver, weil ihnen mehr Informationen zur Verfügung stehen. Aber diese Überfüllung an bewusst wahrgenommenen Sinnesreizen kann auch schnell zur Überlastung von Körper und Seele führen.

Wie erkenne ich, ob mein Kind hochsensibel ist?

Hochsensible Kinder sind schneller gestresst und überfordert als andere. Selbst schöne Erlebnisse wie ein Kindergeburtstag oder der Besuch im Zoo, können das betroffene Kind plötzlich überfordern. Sie haben sehr viel feinere Antennen für die Schwingungen in ihrer Umgebung und reagieren ausgeprägter auf schulischen Druck oder Erwartungen von außen als normalsensible Kinder. Hinzu kommt das hochsensible Kinder kleine Perfektionisten sind. Wenn die Reizüberflutung ihnen über den Kopf wächst, suchen sich hochsensible Kinder Rückzugsorte in einer ruhigen Umgebung oder in der Nähe von vertrauten Menschen.

Wie kann ich meinem Kind helfen?

Hochsensibilität ist keine psychische Fehlfunktion und muss deshalb nicht im Sinne einer Krankheit therapiert werden. Wird einem hochsensiblen Kind jedoch die Ausdrucksweise verweigert und das „Andersein“ nicht anerkennt, kann das zu schweren körperlichen Problem führen. Typisch sind Verspannungen, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Infektanfälligkeit, Allergien, Rheuma und Asthma, denn der Körper ist ebenso sensibel wie der Geist.

Leistungsorientierung, Konkurrenzdenken und Teamgeist werden Kindern in unserem gesellschaftlichen Wertesystem schon früh als Norm vermittelt. Doch ein hochsensibles Kind orientiert sich an Werten wie Innerlichkeit, Ausgleich und Gerechtigkeit. Das Schulsystem ist auf logischen und faktischen Inhalten ausgerichtet, Fantasie und Kreativität kommen oft zu kurz. Doch gerade hochsensible Kinder brauchen diese Freiräume, um sich ausdrücken zu können, um nicht das Gefühl zu bekommen „anders“ oder gar „unnormal“ zu sein. Für Eltern ist es wichtig, die Bedürfnisse ihres hochsensiblen Kindes ernst zu nehmen.

Hochsensibilität ist eine Gabe

Wenn das Umfeld, sprich Kita oder Schule, die Bedürfnisse des hochsensiblen Kindes zulassen, ist das Wichtigste geschafft. Denn nur dann können sie das Potenzial, das Hochsensibilität mit sich bringt, auch voll entfalten. Denn hochsensible Kinder haben ein besonderes Feingefühl für die Befindlichkeiten anderer Menschen. Das macht sie zu perfekten Vermittlern, denn Harmonie ist diesen Kindern besonders wichtig. Sie besitzen ein inneres Wertesystem, das viel ausgeprägter ist als bei Gleichaltrigen. Außerdem teilen Hochsensible aufgrund ihres starken Gerechtigkeitsempfindens besonders gerne. Sie sind wissenshungrig und fantasievoll. Sie entwickeln schon früh ein differenziertes sprachliches Ausdrucksvermögen und die Fähigkeit von komplexem Denken.

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Ist Dein Kind hochsensibel?

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NetMoms: Was bedeutet „hochsensibel“?

Petra Neumann: Hochsensibel zu sein ist weder „Trend“, noch „Krankheit“ und somit auch keine „Trendkrankheit“. Hochsensibilität ist eine Veranlagung, die schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der Menschen betrifft.

Sie ist geschlechts- und herkunftsunabhängig und äußert sich in unterschiedlichsten Intensitäten und Bereichen. Während einige HochSensible Personen (HSP) ihre Reizschwelle eher auf akustischer Ebene niedrig angesetzt erleben, kann sich der Wesenszug bei anderen wiederum emotional, sensorisch, organisch, psychisch ausgeprägter zeigen.

Grob kann man die Hochsensibilität so beschreiben, dass die Menschen mehr Reize verarbeiten und herausfiltern, als normal Sensible.

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Woran liegt es, dass jemand hochsensibel ist?

Es wird davon ausgegangen, dass diese neuronale Veranlagung vererbt wird. Auch die These, dass eine Hochsensibilität durch Traumata und oder eine schwierige Kindheit erworben werden kann, ist zu finden.

Letztlich denke ich, können solch schwierige Umstände die Sensibilität insofern verstärken, dass Menschen in gefährlichen oder bedrohlichen Situationen lernen, Gefahren schnell zu erkennen und die Fühler somit feiner werden.

Doch es ist absolut nicht der Fall, dass jeder hochsensible Mensch ein Trauma oder eine schwierige Lebenssituationen hinter sich hat.

Was für Folgen hat die Hochsensibilität für den Betroffenen und seine Umgebung?

Positiv betrachtet ist die Folge für den Betroffenen, dass er das Leben mit all seinen Facetten erkennt, sich an Details, Tiefgang und Intensität erfreut und seine Wesensart gewinnbringend für sich und sein Umfeld einbringen kann. Empathie, Kreativität und die Fähigkeit abzuschätzen, was dem Gegenüber gerade gut tut, sind Merkmale von vielen HSP.

Negativ betrachtet könnte es passieren, dass ein hochsensibles Kind in die Schublade „Angsthase, Heulsuse, Hasenfuß“ gepackt wird. Kinder, die hochsensibel sind, haben mehr zu verarbeiten und kommen häufig schneller an den Punkt der Erschöpfung – sei es körperlich oder psychisch.

Während beim normal sensiblen Kind beispielsweise die Mathearbeit schon belastend wirkt, kommt beim hochsensiblen noch dazu, dass es außerdem die Befindlichkeit der Lehrerin und des Nebensitzers mitaufnimmt, während es die eigene Nervosität in den Griff bekommen muss.

So unterschiedlich die Kinder sind, so unterschiedlich zeigt sich auch deren Überforderung: Die einen werden ruhig und unaufmerksam, andere überdrehen.

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Woran erkenne ich, ob mein Kind hochsensibel ist?

Bereits in der Schwangerschaft können sich erste Anzeichen zeigen. Zum Beispiel wenn das Kind im Mutterleib schreckhaft ist, unruhig wird, wenn die Mutter im Stress ist.

Ist das Kind geboren, so könnte das große Bedürfnis nach Nähe zu vertrauten Personen, im Gegenzug jedoch starkes Fremdeln (selbst bei der Oma oder Tante) in Richtung Hochsensibilität deuten.

Gehäuft hört man von Eltern hochsensibler Kinder, dass die Sprösslinge in Bezug auf Kleidung sehr speziell sind. So juckt und kratzt fast jedes Etikett. Auch Hunger ist nur äußerst schwer zu ertragen, Unbekanntes wird nicht gerne versucht und kleinste Unterschiede sofort erschmeckt. Gleiches gilt für Wärme, Kälte, Helligkeit, Wind, Lautstärke.

Ein wichtiger Hinweis auf Hochsensibilität sind auch altersuntypische tiefe, komplexe Gedankenkonstrukte. Themen wie Tod, Religion, Gerechtigkeit und ähnliches tauchen recht früh auf und werden lange und detailliert durchdacht.

Wie kann ich mein Kind unterstützen, wenn es hochsensibel ist?

Die größtmögliche Unterstützung kann man seinem Kind bieten, indem man ihm von Anfang an das Gefühl vermittelt, dass es richtig ist, wie es ist. Gerade bei Kindern, die recht früh spüren, dass sie „anders“ sind, ist es unheimlich wichtig dieses „Anderssein“ positiv zu belegen. Das bedeutet nicht, dass man dem Kind eine Überheblichkeit in Bezug auf diese „Superfühlkraft“ anerziehen soll. Hochsensibel zu sein bedeutet weder einen Mehr-, noch einen Minderwert.

Keinesfalls plädiere ich für das „Ins kalte Wasser-Werfen“; allerdings auch nicht für das „In Watte-Packen“. Man sollte seinen hochsensiblen Sohn zum Beispiel nicht zwingen zum Fußballtraining zu gehen, ihn vom Sportunterricht in der Schule ausschließen sollte man jedoch ebenso wenig.

Ebenso möchte ich gerne dazu raten, die Gefühls- und Gedankenwelt des Kindes ernst zu nehmen und darauf einzugehen. Ein „Darüber brauchst du in deinem Alter noch nicht nachdenken“ hält niemanden davon ab, es dennoch zu tun. Es ist viel hilfreicher, diese Gedanken gemeinsam zu durchdenken und gegebenenfalls zu entschärfen.

Gibt es Einrichtungen oder spezielle Ärzte, die mich beraten können, wenn mein Kind hochsensibel ist?

Hochsensibilität ist keine Krankheit. Somit gibt es weder Diagnose, noch Therapie. Nichtsdestotrotz gibt es durchaus gute „Werkzeuge“ und Ideen, die kleinen Helden zu stärken.

Der Austausch unter Eltern ist Gold wert. Hierfür bieten sich Gesprächskreise (z. B. der Verein für hochsensible Kinder in Berlin), Foren, Gruppen und Soziale Netzwerke an. Mittlerweile haben sich auch viele Coaches und Berater gefunden, deren Kontaktadressen auch beim Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V. (IFHS) aufgelistet sind.

Doch gerne betone ich noch einmal: Ein Kind, das hochsensibel ist, braucht deshalb keine Therapie oder gesonderte Beratung – solange es keinen Leidensdruck hat. Es braucht Abläufe, Sicherheiten, Verständnis und Liebe, so wie jedes andere Kind auch, nur ist hier die Balance nicht ganz so leicht zu finden. Doch dies ist mit einfühlsamen Eltern sehr gut hinzubekommen.

Petra Neumann ist Mutter zweier Kinder, Heilpraktikerin und Autorin des Buches „Henry mit den Superkräften …- oder warum in jedem Kind ein Held steckt“. Auf ihrer Internetseite high-sensitivity.de findest Du eine Leseprobe und noch mehr Informationen zum Thema „hochsensibel“.
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Hochsensible Kinder – was bei ihnen anders ist, und was sie wirklich brauchen

Hochsensible Kinder – Ein Impuls für Eltern und ehemalige Kinder

Wenn Max sich ungerecht behandelt fühlt, geht er über Tische und Bänke. Seine Wutanfälle in der Schule sind legendär. Eigentlich war Max bis zum Eintritt in die Grundschule ein friedliches Kind, das nie Streit gesucht hat.

Im Gegenteil: Er spielte fast nur alleine und mochte unübersichtliche Kindergruppen gar nicht. Doch in der Schule häuften sich die Probleme. Seine Ausraster und Lernschwierigkeiten gingen so weit, dass er bereits in der Grundschule eine Klasse wiederholen und schließlich die Schule wechseln musste.

Erzieherinnen oder Lehrer, die mit seinen Wutanfällen konfrontiert waren, kamen erst einmal nicht auf die Idee, Max als besonders empfindsam einzustufen. Doch tatsächlich liegt in dieser Veranlagung häufig der Schlüssel zu auffälligem Verhalten.

Woran erkennt man aber die besonders sensible Veranlagung bei einem Kind?

Das typische hochsensible Kind gibt es nicht. Jedoch gibt es bestimmte Merkmale, die auf diese Veranlagung hindeuten:

Die meisten dieser Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit. Auf Ungerechtigkeiten wie z.B. eine Fehlentscheidung des Lehrers reagiert es unter Umständen überdurchschnittlich heftig, auch wenn es selber gar nicht betroffen ist.

Manche dieser Kinder mögen keine Überraschungen, sie fühlen sich in fremder Umgebung nicht wohl, wollen nicht auf Kindergeburtstage oder auf Klassenfahrt gehen.

Viele haben nach einem aufregenden Tag Schwierigkeiten einzuschlafen, brauchen sehr lange, um zur Ruhe zu kommen.

Manche Kinder haben einen gehobenen Wortschatz und sehr feinen Humor. Sie sind einfühlsam und registrieren kleinste Details. Häufig schätzen sie Situationen erst sehr sorgfältig ab und sind vorsichtiger und zurückhaltender als andere Kinder in der gleichen Situation.

Weitere Merkmale können sein:

Leichtes Erschrecken, Empfindlichkeit gegenüber kratzender, schmutziger oder nasser Kleidung, Schmerzempfindlichkeit, das Ablehnen bestimmter Nahrungsmittel, das Bedürfnis nach einer bestimmten Ordnung und starke Geräuschempfindlichkeit.

Diese Eigenschaftensammlung vermittelt vielleicht einen ersten Eindruck. Ich möchte aber betonen, dass wir hier lediglich eine Eigenschaft deines Kindes betrachten.

Zugegeben, eine wichtige. Aber dein Kind hat gleichzeitig viele andere Wesenszüge, die es von anderen hochsensiblen Kindern unterscheidet. Eigenschaften wie Temperament, Intro- oder Extrovertiertheit, Durchhaltevermögen, Anpassungsfähigkeit, Neugier beeinflussen, wie dein Kind mit seiner sensiblen Seite umgeht.

Schauen wir noch einmal auf den Fall von Max:

Er fiel schon als kleines Kind dadurch auf, dass er nie dort spielte, wo andere Kinder waren. Er hockte auf dem Boden zu Füßen seiner Mutter und beschäftigte sich mit dem, was er dort fand: Steine, Stöcke, Tannenzapfen, Sand. Sein Verhalten blieb anders als das seiner Altersgenossen.

Er hatte keinen Spaß an Kindergeburtstagen, verabredete sich wenig und interessierte sich mit zunehmendem Alter weder für Schreiben noch für Rechnen. Dieses Desinteresse hielt an, als er in die Schule kam. Er zeigte kein Interesse am Lehrstoff, machte aber bald durch bemerkenswerte Wutausbrüche auf sich aufmerksam.

Es folgten Gespräche mit Lehrern, Schulleiter, Psychologen und Lerntherapeuten.

Ein Spießrutenlauf durch diagnostische und therapeutische Verfahren

Seine Mutter meinte einmal, Max sei das am meisten getestete Kind der Welt.

Die Ergebnisse waren wenig hilfreich: Vielleicht eine leichte Form von Asperger, evtl. ADHS, leichte Lese- und Rechtschreibschwäche, evtl. auch noch Rechenschwäche, eine nicht allzu hohe Intelligenz.

Alles irgendwie nicht richtig ausgeprägt, und die Mutter war ziemlich ratlos, was denn nun mit ihrem Kind los sei. Die Situation spitzte sich derart zu, dass Max die Schule wechseln musste. Auf der neuen, kleineren Grundschule ging es wesentlich ruhiger zu, und es wurde etwas leichter.

Betrachtet man diesen Jungen nun mit einem Blick, der nicht nur die fehlende Passung zum System Schule wahrnimmt, sowie dem Wissen um Hochsensibilität, fällt folgendes auf:

Max war als Vorschulkind anderen gegenüber nie aggressiv sondern außergewöhnlich freundlich. Bereits als kleiner Knirps fragte er z.B. am Telefon: „Und wie geht es dir?“ Selbst als Floskel ist dies bemerkenswert für ein sechsjähriges Kind, das sonst wenig Kontakt aufnimmt.

Bei der Schatzsuche auf dem Geburtstag seiner Freundin hielt er sich – wie immer – etwas im Hintergrund. Aber jedes Mal, wenn die Suche stockte, hatte er die entscheidende Idee, die die Suche dann wieder voranbrachte. Nicht verwunderlich, dass auch er es war, der den Schatz schließlich entdeckte.

Immer wieder verblüffte Max schon als kleiner Junge seine Mutter mit sehr treffsicheren, geistreichen und teilweise ironischen Bemerkungen. Wie passt das zu einem niedrig getesteten IQ?

Auch seine Wutausbrüche erscheinen in einem völlig anderen Licht, wenn man die Situation genauer betrachtet. Max hat ein extrem feines Gespür für Ungerechtigkeiten. Er kommentierte unfaires Verhalten in seiner knappen, etwas trockenen Art. Und wurde meistens nicht gehört. Oder es wurde ihm nicht geglaubt. Das waren die Punkte, die ihn in Rage brachten.

Irgendwann hatten die anderen Kinder den Mechanismus heraus, und es wurde zum Sport, Max so lange zu reizen, bis er ausflippte – spannend anzusehen für die, die nicht beteiligt waren.

Die Heftigkeit dieser Ausbrüche war so, dass sie in keinem Verhältnis zu den Auslösern zu stehen schienen. Zumindest, solange man sie ohne das Verständnis seiner Persönlichkeit betrachtete. Wutanfälle kennen viele Eltern von ihren hochsensiblen Kindern.

Sie sind meistens ein Zeichen von Überforderung. Zu viele Reize, zu viel zu verarbeiten. Das System schreit Alarm.

Für ein sensibel veranlagtes Kind ist das ganze System Schule eine Herausforderung.

Um deutlich zu machen, wie es einem solchen Kind in der Schule geht, stell dir einmal vor, du solltest mitten auf einer Kirmes eine schwierige Knobelaufgabe lösen, die hohe Konzentration erfordert. Laute Musik, Popcorn-Geruch, Gelächter, Geschrei, blinkende Lichter, Menschen, die dich anrempeln, jemand klaut dir den Stift, und der Prüfer steht mit einer Uhr vor dir und misst die Zeit.

Die Eindrücke, die auf ein sehr sensibles Kind in der Klasse oder im Kindergarten einstürmen, erlebt es ähnlich intensiv, wie ein normal sensibler Mensch das beschriebene Kirmesszenario.

Dass unter diesen Umständen die gewünschten Leistungen schwer fallen, ist nachvollziehbar. Wenn dann vielleicht noch ein unbedachter Spruch hinzukommt wie „Gibt dir doch mal ein bisschen Mühe“, kann der das Fass zum Überlaufen bringen.

Denn, wie schon gesagt, ist der Gerechtigkeitssinn meist sehr stark ausgeprägt. Wenn einem Kind wie Max Unlust oder mangelndes Bemühen unterstellt wird, während es versucht, irgendwie mit der Fülle an Eindrücken klarzukommen, fühlt es sich zu Recht ungerecht behandelt.

Die Reaktion darauf kann der Wutausbruch sein, der die Hilflosigkeit des Kindes sehr deutlich macht. Sie kann sich aber auch als Komplettverweigerung zeigen. Nicht mehr essen, nicht mehr kommunizieren, sich in sich selbst zurückziehen. Manche Kinder bekommen Bauchschmerzen und weigern sich zur Schule zu gehen.

Wenn ein Kind so deutlich signalisiert, dass etwas schief läuft, sind die Eltern gefragt. Ein Segen fürs Kind, wenn sie auf das Thema stoßen und sich informieren.

Das Wichtigste ist, dass das Kind bei seinen Eltern Verständnis findet

Es braucht sie als Schutz, Vermittler, Verbündeten und Mutmacher. Als Mutter oder Vater kennst du dein Kind so gut wie sonst niemand. Wenn du die Hochsensibilität immer besser verstehst, kannst du zusammen mit deinem Kind kreative Wege finden, mit besonderen Situationen gut umzugehen.

Dein Kind braucht dich als Verbündeten. Dann kann es seinen emotionalen Reichtum entwickeln. Und es lernt, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen indem es eine seiner wichtigsten Talente nutzt: seine sehr hohe Sensibilität.

Es geht in der Erziehung eines hochsensiblen Kindes nicht darum, es gegen alle Reize abzuschirmen. Vielmehr ist Fingerspitzengefühl gefragt, um zu schauen, wo ein Kind Schutz braucht oder wo man es motivieren kann, sich mit den Anforderungen auseinanderzusetzen. Die amerikanische Psychologin Elaine Aron, die das Thema als erste untersuchte, sagt:

„Um ein außergewöhnliches Kind großzuziehen, muss man bereit sein, sich auf ein außergewöhnliches Kind einzulassen.“

Und dieses Einlassen gelingt am besten, wenn du selbst im Reinen mit deiner eigenen hochsensiblen Veranlagung bist

Den Text in voller Länge findest du auf meiner Vortrags-CD „Immer auf Empfang – Was ist anders bei hochsensiblen Menschen?“.

Herzlichst

Barbara Grebe

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Hier findest du alle Artikel zum Thema Hochsensibilität von Barbara Grebe:

Ich bin extrem sensibel – wie gehe ich damit um?

Egal ob in der Schule, im Uni-Seminar oder in beruflichen Meetings: Wo viele Menschen aufeinandertreffen, entstehen Energien. Sowohl positive als auch negative. Sensible Menschen nehmen diese Energien stärker wahr und reagieren empfindlicher auf sie als andere. Das ist eine Gabe – kann aber auch zu Belastungen führen. Mit diesem Beitrag möchten wir Ihnen zeigen, wie Sie Hochsensibilität gezielt als Stärke einsetzen und sich vor Überforderungsgefühlen und Reizüberflutung schützen können.

Wodurch äußert sich Hochsensibilität?

Hochsensible Menschen haben extrem feine Antennen. Sie reagieren stärker auf Reize als andere, sowohl auf körperlicher als auch auf sozialer und psychischer Ebene. So sind sie zum Beispiel besonders empfindlich, was Gerüche, Geschmäcker oder Geräusche angeht. Aber auch für Stimmungen in sozialen Situationen – seien es Sympathien oder Disharmonien, Gelassenheit oder Unruhe – sowie für Empfindungen einzelner Personen – von Trauer bis Glück, von Wut bis Sanftmut – sind sie besonders empfänglich. Das geht so weit, dass sie die Empfindungen anderer Menschen internalisieren und sich selbst physisch unwohl fühlen, wenn ihr Gegenüber zum Beispiel unter Schmerzen leidet.

Welche Ursachen hat Hochsensibilität?

Zwar ist Hochsensibilität noch nicht ausreichend erforscht, jedoch gibt es bereits Erkenntnisse über ihre biologischen Hintergründe: Wie die Verhaltensforscherin Birgit Trappmann-Korr mithilfe von Magnetresonanztomographie herausgefunden hat, sind die Bereiche des Gehirns, die Sinnesinformationen verarbeiten, bei hochsensiblen Menschen aktiver als bei anderen. Dadurch kann sich eine Vielzahl unterschiedlicher Reize ungefiltert ihren Weg in das Nervensystem bahnen. Laut dem Psychologenehepaar Elaine und Arthur Aron ist Hochsensibilität keine Krankheit, sondern ein vererbbares Persönlichkeitsmerkmal. Etwa 15-20 Prozent der Menschen sind ihren Forschungsergebnissen zufolge davon betroffen – wobei die Art und Intensität der Sensibilität variieren kann.

Welche Stärken zeichnen extrem sensible Menschen aus?

Hochsensible Menschen verfügen zunächst über ein extrem starkes Einfühlungsvermögen und eine ausgeprägte Intuition. Sie erfassen meist schneller und besser als andere, wie es Menschen geht und was sie bewegt – ohne, dass diese es aussprechen müssen. Ihnen entgeht auch das nicht, was sich unter der Oberfläche abspielt. Andere fühlen sich ohne Worte von ihnen verstanden und erkannt.

Sowohl im Privatleben als auch am Arbeitsplatz treten hochsensible Menschen durch ihre empathische Stärke nicht selten als Vermittler auf. Bei zwischenmenschlichen Themen sind sie oft als Ratgeber gefragt: Durch ihre hohe Beobachtungsgabe verfügen sie meist über eine sehr gute Menschenkenntnis. In Gruppen sind sie zudem oft das ausgleichende Element, da sie es verstehen, für ein angenehmes Klima zu sorgen.

Aufgrund ihrer ausgeprägten Detailwahrnehmung liegt eine weitere Stärke hochsensibler Menschen in ihrer Gewissenhaftigkeit. Sie arbeiten meist besonders überlegt und umsichtig, sodass ihnen nur sehr selten Fehler unterlaufen. Freunde und Arbeitskollegen schätzen an ihnen daher vor allem ihre hohe Zuverlässigkeit.

Durch ihre hohe Empfänglichkeit für unterschiedliche Reize nehmen hochsensible Menschen auch alltägliche Dinge besonders eindringlich wahr. Es braucht daher keine Rauschmittel oder Achterbahnen, um einen „Kick“ zu erleben. Reize aus der Natur, wie intensive Gerüche im Wald oder die Farben einer Blumenwiese, reichen dafür bereits aus.

Auch Emotionalität selbst ist eine große Stärke hochsensibler Menschen. Sie sind dazu in der Lage, derart starke Gefühle zu entwickeln, dass sie viele Momente im Leben deutlich intensiver wahrnehmen können als andere. Beim richtigen Umgang damit können diese Emotionen als wichtige Treiber ihrer Handlungen fungieren und sie bei Entscheidungen unterstützen.

Wann kann Hochsensibilität zur Belastung werden?

Überfüllte Bahnhöfe, laute Konzerte oder hektische Großraumbüros: Überall dort, wo viele Reize gleichzeitig auf sie einwirken, fühlen hochsensible Menschen sich oft nach kurzer Zeit erschöpft und überfordert. Wild durcheinander sprechende Personen, dröhnende Lautsprecheranlagen oder grelle Farben sind nur einige Beispiele solcher Reize. Sie verursachen bei ihnen oft eine Art „Nervenkater“, den sie in Ruhe auskurieren müssen.

Auch auf emotionaler Ebene leiden extrem sensible Menschen oft unter einer besonderen Belastung. Durch ihr ausgeprägtes Einfühlungsvermögen werden die Gefühle, Anforderungen und Probleme anderer Menschen schließlich schnell zu ihren eigenen. Ihre intensive Wahrnehmung kann unter Umständen auch zu Missverständnissen, Überreaktionen oder Fehlinterpretationen führen. Oft wittern hochsensible Menschen selbst kleinste Unstimmigkeiten in der Kommunikation mit anderen, messen beiläufigen Bemerkungen einen überhöhten Wert zu und beziehen Dinge auf sich, die eigentlich nichts mit ihnen zu tun haben. Das kann zum einen großes Konfliktpotenzial schüren, wenn sie sich zum Beispiel angegriffen fühlen und verteidigen wollen. Oder sie fühlen sich abgelehnt und ziehen sich in der Konsequenz mehr und mehr aus sozialen Situationen zurück, um diese Gefühle zu umgehen. Dadurch werden sie unter Umständen schnell zu Einzelgängern oder Außenseitern.

Wer sich seiner Hochsensibilität nicht bewusst ist oder noch nicht weiß, wie sie gezielt gesteuert werden kann, kann somit schnell an seine körperlichen oder psychischen Grenzen stoßen. Daher ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, um mit der sinnbildlichen Reizüberflutung umzugehen.

Was hilft beim Umgang mit Hochsensibilität?

  • Die erste Methode, um Reizüberflutungen vorzubeugen, ist genauso augenscheinlich wie wirksam: Versuchen Sie, Reize zu minimieren. Nutzen Sie beispielsweise Ohrstöpsel, wenn sie in lauten Bussen oder Büroräumen sitzen und suchen Sie, wenn möglich, häufig ruhige Orte auf, an denen Sie durch nichts abgelenkt werden und sich erholen können.
  • Nehmen Sie sich genügend Zeit für die Verarbeitung der vielen Reize. Nach großen Veranstaltungen, Treffen mit vielen Menschen oder anderen reizüberflutenden Situationen sollten Sie regelmäßig Auszeiten einplanen, in denen Sie sich zurückziehen können. Es kann Ihnen auch helfen, Tagebuch zu führen, um Ihre Gedanken zu verschriftlichen und somit noch besser zu reflektieren.
  • Wenn Ihnen eine aufregende Situation bevorsteht, wie beispielsweise eine Präsentation vor einer großen Gruppe, bereiten Sie sich hierauf gut vor und notieren Sie sich vorab, was Sie sagen möchten. Das nimmt Ihnen zumindest in Teilen die Angst, spontan agieren zu müssen oder durch die vielen ungewohnten Reize, die im Rampenlicht auf Sie einwirken, den Faden zu verlieren.
  • Sprechen Sie Ihre Hochsensibilität offen an. Wenn Sie Ihren Freunden oder Arbeitskollegen erklären, was es damit auf sich hat, haben diese eine Chance, Rücksicht zu nehmen und vorsichtiger mit Ihnen zu kommunizieren.
  • Wählen Sie ihr persönliches Umfeld sorgfältig aus. Überlegen Sie sich gut: Was und wer tut Ihnen gut? Mit wem möchten Sie sich umgeben und wer hat vielleicht kein Verständnis für Ihre Sensibilität? Wenn Sie merken, dass Sie sich nach Treffen mit bestimmten Personen immer ausgelaugt fühlen, sollten Sie gegebenenfalls hinterfragen, ob Sie diese nicht lieber meiden oder zumindest reduzieren sollten.
  • Machen Sie sich bewusst, dass nicht jeder so viel wahrnimmt und spürt wie Sie selbst und versuchen Sie, auch Nachsicht für die Andersartigkeit Ihres Umfeldes zu entwickeln.
  • Planen Sie Zeiten ein, in denen Sie sich bewusst nur Dingen widmen, die Ihnen Spaß bereiten und bei denen Sie Ihre feinen Antennen schonen können – getreu dem Motto: Do more of what makes you happy!
  • Lernen Sie, sich emotional abzugrenzen. Versuchen Sie, nicht jede Missstimmung auf sich zu beziehen und vertrauen Sie darauf, dass andere Personen auf Sie zukommen würden, falls Sie ein Problem mit Ihnen hätten. Gehen Sie im Zweifel proaktiv auf Ihre Mitmenschen zu, um Ihre eigene Wahrnehmung mithilfe von direkter Kommunikation zu verifizieren.
  • Stehen Sie zu Ihrer Sensibilität, anstatt sie zu unterdrücken. Lernen Sie, Ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sie offen zu kommunizieren. Dies wird häufig vergessen, hilft Ihnen und Ihrem Umfeld aber enorm weiter. Denn nur so können Sie ein Verständnis für Ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen entwickeln und Missverständnisse vermeiden.

Mit diesen Empfehlungen wird es Ihnen hoffentlich bald leichter fallen, mit Ihrer Empfindsamkeit umzugehen und Sie als Stärke zu nutzen. Wenn Sie sich noch tiefgehender mit Hochsensibilität auseinandersetzen möchten, sind außerdem der Podcast Proud to be Sensibelchen und das Buch Das Drama des begabten Kindes empfehlenswert. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Anhören und Lesen!

Psychologie: Hochsensibilität ist eine unterschätzte Besonderheit

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Bernhard wohnt in Berlin und organisiert eine Selbsthilfegruppe für Hochsensible. Mehr möchte er an dieser Stelle nicht über sich lesen. „Wenn gleich am Anfang das Alter und der Beruf stehen, da geht doch im Kopf sofort eine Schublade auf und wieder zu. Aber der Leser soll diesen Text doch wirklich spüren.“

Manchen sollte das leichterfallen als anderen. Glaubt man der kalifornischen Psychologin Elaine Aron, die das Thema Hochsensibilität in den USA und dann in Deutschland auf die Agenda setzte, nehmen 20 Prozent der Menschheit ihre Umwelt besonders intensiv wahr und denken besonders viel und tiefsinnig darüber nach. Das, so die Theorie, kann mit großen Vor- und Nachteilen einhergehen. Im Extrem mit einem besonders erfüllten, interessanten Leben – oder mit permanenter Reizüberflutung.

Nein, das ist kein Trend

Zu viel Gefühl – bei dem Gedanken fallen einigen Menschen vor allem Witze ein. Erst kürzlich scherzten Kollegen in einer „Welt“-Kolumne darüber, dass Hochsensibilität „eine Seuche“ sei. In der Tat kann man auf die Idee kommen, dass es sich um einen Lifestyle-Trend handelt, der gut zu anderen Phänomenen wie Achtsamkeitsratgebern und Meditationsworkshops passt. Und in unsere Zeit. Im Jahr 2015 werden auch härtere Kaliber von E-Mails, Handygedudel und iPad-Gedaddel derart überfordert, dass sie sich dünnhäutig fühlen wie Elfen.

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Doch tatsächlich nehmen sehr viele Menschen das Thema Hochsensibilität sehr ernst. Volkshochschulen bieten Kurse an mit Titeln wie „Mit Hochsensibilität leben“ (VHS Herrenberg) oder „Hochsensible Kinder erkennen und verstehen“ (VHS Geldern). Auf Webseiten wie www.treffpunkt-hochsensibilität.de diskutieren Menschen Themen wie „Persönlicher Distanzbereich“ oder „Gerüche und Geräusche, die ich liebe“. Und von Kiel bis Freiburg finden sich Dutzende Treffs und Selbsthilfegruppen für hochsensible Personen, kurz HSP.

Gruppen wie die von Bernhard, die sich zwei Mal im Monat im Nachbarschaftszentrum Berlin-Neukölln zusammensetzt. An einem Dienstag im Februar sind sechs Frauen und zwei Männer gekommen, von Anfang 20 bis Mitte 60. Zunächst geht es darum, dass eine Teilnehmerin Veilchengeruch im Raum wahrnimmt, der von den Händen einer anderen Teilnehmerin herüberströmt. Später wird darüber geredet, wie es ist, mehr Ruhe zu brauchen als der Rest der Welt. Und wie erleichternd es war, andere zu finden, denen es auch so geht.

„Auf Partys knallvoll mit Eindrücken“

Eine Woche danach erzählt Bernhard in seiner Wohnung bei offenem Fenster und Verkehrsrauschen: „Ich bin nicht besonders geräusch- oder lichtempfindlich wie manch andere Hochsensible. Aber ich bekomme oft mehr davon mit, was in anderen Menschen vorgeht. Ich habe da besonders viele Tentakel. Ich spüre etwa bei jemandem, der wütend ist, auch die Verletzung, die dahinter liegt.“

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In der Praxis heißt das: „Nach anderthalb, zwei Stunden auf einer Party bin ich knallvoll mit Eindrücken und erschöpft. Wenn ich dann gehe, wundern sich die anderen, die erst richtig aufdrehen.“ In der Praxis heißt das auch: Bernhard ist einer, der zuhören kann und will, der sich ehrenamtlich um andere kümmert. Unter anderen um Obdachlose und einen Mann, der so dick ist, dass er seine Füße nicht selbst pflegen kann.

Der Hochsensible als Hochbegabter

So sehr sich Hochsensible in den Ratgebern erkennen, so wenig setzt sich die Idee im Gesundheitswesen durch, dass manche Patienten empfindlicher sind als andere. „Das ist keine offizielle Diagnose, für uns ist das kein Thema“, heißt es etwa an der Psychologischen Hochschule in Berlin. Dort gibt es allerdings eine „Arbeitsstelle Hochbegabung“, und deren Leiter André Jacob findet klare Worte zur Hochsensibilität: „Für mich ist das ein unterkomplexer, sehr einseitiger Ansatz, der wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht ist“, sagt er. Hochsensibilität und Hochbegabung solle man anders als in der Ratgeberliteratur üblich besser nicht in direkten Zusammenhang bringen.

Es gibt allerdings wissenschaftliche Unterstützung für Elaine Arons Thesen über Hochsensible – wie vom deutschen Biologen Max Wolf, der die Evolution mithilfe von Computersimulationen nachstellt. Demnach ist bei den unterschiedlichsten Tierarten davon auszugehen, dass einige Individuen von Natur aus besonders aufmerksam sind. „Diese Individuen können zum Beispiel Futterquellen entdecken, die anderen entgehen“, erklärt er. Das Verhalten lohne sich dem Modell zufolge aber nur, wenn nicht alle dorthin strömen, sondern nur ein Teil der Population.

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Arons Theorie zufolge bilden die Hochsensiblen seit jeher eine „priesterliche Kaste“, die den Herrschenden und der Gesellschaft als Berater dient. Hochsensible arbeiteten Aron zufolge überdurchschnittlich oft als Schreiber, Historiker, Philosophen, Richter, Künstler, Forscher oder Theologen. Tatsächlich hat Bernhard mal katholische Theologie studiert, haderte aber damit, „dass in der Hierarchie so getan wird, als ob der Heilige Geist von oben nach unten vermittelt werden müsste. Dass er auch unten weht, wird nicht wahrgenommen, weil er da nicht vermutet wird.“

Unerforschtes Gebiet und Hochsensibilität-Tests

HSPs, so heißt es in den Ratgebern, haben generell Probleme mit Ungerechtigkeit und damit, herumkommandiert zu werden. Inzwischen ist Bernhard Laienprediger in einer evangelischen Gemeinde. Auch wenn Bernhard die Kategorie Hochsensibilität wie alle Schubladen suspekt ist, findet er sie nützlich. „Das Konzept hilft mir, mich selbst zu verstehen. Und wenn es eine Pille gegen Hochsensibilität gebe, die meisten Betroffenen würden sie nicht nehmen“, versichert er. Wie Aron betont er, dass es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Persönlichkeitsmerkmal handelt.

Eines, das nicht leicht festzustellen ist. So dürften bei dem wohl populärsten Internettest auf zartbesaitet.net höchstens Staubmilben als unsensibel auffallen. Das kritisiert auch Hochsensiblen-Coach Anne Heintze, bei der immer wieder Leute aufgeregt anrufen: „Ich habe 300 Punkte, ich bin nicht lebensfähig.“ Heintze ist Gründerin einer „OpenMind Akademie“ in Hessen und Autorin des Ratgebers „Außergewöhnlich normal. Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potenzial erkennen und entfalten.“ Heintze sagt von sich, sie habe „mehr dieser besonderen Menschen beraten als jeder andere in Deutschland“.

Dass sie Hochbegabte zusammen mit Hochsensiblen und Hochsensitiven – Personen, mit einem sogenannten sechsten oder siebten Sinn – abhandelt, begründet sie mit ihrer Erfahrung: „Ich weiß, dass das wissenschaftlich nicht belegt ist. Aber von meinen Klienten waren eben viele hochbegabt und hochsensibel oder hochsensitiv zugleich.“ Die unterschiedlichen „Hoch“-Typen verbinde, dass sie sich schon als Kind wie Außerirdische fühlten. „Wenn ein Kind besonders verträumt ist, in einer Fantasie-Welt lebt, bekommt es eins aufs Dach. Insbesondere Neugierde stört den Ablauf im pädagogischen Betrieb, da ist kein Platz für ständige Warum-Fragen.“

Hochsensibilität ist nicht nur hinderlich

Auch Bernhard hat solche Fragen gestellt, wichtige Fragen wie jene, was mit der Giftschlange passiert, wenn sie sich selbst beißt. Professorchen haben sie ihn genannt. Und er hat mit seiner Art genervt, auch später, als er groß war, etwa als er in einem Heim für mehrfach Behinderte Babys wickelte. „Da hat mir eine Kollegin vorgeworfen, sie wickle drei Kinder in der Zeit, in der ich eins schaffe. Aber ich möchte doch in dem Tempo des Kindes mit dem Kind mitschwingen, damit es ein gemeinsames Tun wird. Ich bin doch kein Akkordwickler.“

Hochsensiblen-Coach Anne Heintze hält es für höchste Zeit, dass Betriebe die besonderen Begabungen ihrer Klienten nutzen lernen. „Die Unternehmen erkennen erst ganz langsam, welches Potenzial da schlummert“, sagt Heintze. Sie wünscht sich, dass endlich auch Schulen und Hochschulen in ihren Lehrplänen Erkenntnisse darüber verankern, wie Menschen sich in ihrer Empfindsamkeit unterscheiden.

Mehr zum Thema HochsensibilitätMythos oder WahrheitHochsensible Menschen

Patienten werden falsch therapiert

Bei manchen Psychotherapeuten ist die Idee immerhin angekommen. Wie in Chemnitz bei Sabine Hein, die durch einen französischen Kinofilm auf das Thema stieß. Die Komödie „Die anonymen Romantiker“ handelt von zwei schüchternen Schokoladengourmets, die gemeinsam ihre Ängste meistern. „Danach habe ich mich mit Hochsensiblen beschäftigt und mir wurde klar, dass viele meiner Patienten dazuzählen“, sagt sie. „Und weil das bei manchen Kollegen noch nicht bekannt ist, werden Menschen noch falsch therapiert.“ So sei eine Patientin zu ihr gekommen, die zuvor in einer Tagesklinik wegen Angststörungen behandelt wurde und dort viele Verhaltensvorschriften erhielt. „Die haben sie stark gestresst – und sie damit noch stärker überreizt.“

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Auch wenn manche sich noch hartleibig geben, Deutschland scheint so sensibel für Sensibilität wie seit der Romantik nicht mehr. Ideale Bedingungen für ein privates Outing als empfindsamer Mensch. Und wer jetzt immer noch lacht, der sollte sich noch anhören, was Elaine Aron dazu zu sagen hat: „Gerade bei Männern, die darüber Witze reißen, habe ich öfter festgestellt, dass sie selbst hochsensibel sind.“ Ach so. Bernhard ist übrigens 62 Jahre alt.

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Willkommen bei der Plattform für hochsensible Menschen, kurz „HSP“! Das Kürzel ‚HSP‘ kam ursprünglich aus dem Englischen: „Highly Sensitive Person“; es wurde bereits im Jahr 1996 von der US-amerikanischen Psychologien Dr. Elaine Aron geprägt.

HOCHSENSIBILITÄT beschreibt keine Krankheit oder Makel, sondern einen Wesenszug. (vgl. Temperamentenlehre).

Die Welt braucht Menschen mit feiner Wahrnehmung. Manche von ihnen tun sich schwer, mit ihrer hochsensiblen Anlage im Alltag gut zurechtzukommen. Andere hingegen freuen sich, so feinfühlig zu sein und finden, dass ihnen das in vielen Bereichen hilft und Freude bereitet.
Der Beitrag der Hochsensiblen in der Gesellschaft ist wertvoll und wichtig. Hochsensible sind tendenziell integrativ, kreativ und innovativ, sind überdurchschnittlich an ethischen Fragen interessiert und sind wertvolle Mitglieder in Teams.

  • Seit dem Jahr 2003 beraten, recherchieren und informieren wir über Hochsensibilität. Mehr dazu auf dieser Webseite unter Infos.
  • Bestseller ‚Zart besaitet‘, von Georg Parlow:
    Die ersten vier Kapitel können Sie auf der Webseite des Verlages weiterhin gratis probelesen.
  • Wir sammeln interessante Medienberichte sowie Angebote speziell für Hochsensible und stellen diese nach Möglichkeit hier vor >> News
  • In unserem BLOG finden Sie Beiträge verschiedener Autoren und Autorinnen zu Themen wie Selbsthilfe, Gesundheit, Kinder, … – zum Blog
  • Und es gibt weiterhin den beliebten und natürlich anonymen Test zu Hochsensibilität – incl. automatischer Auswertung >> zum HSP Test <<
  • Gerne helfen wir bei der Gründung von Selbsthilfegruppen und Gesprächsrunden speziell für hochsensible Menschen und fördern Kontakte und Vernetzung – siehe Termine & Treffen.
  • Und auch ein paar persönliche Gedanken über unsere Erfahrungen und Anliegen
  • Diese Webseite will eine Ressource und Hilfe für hochsensible Menschen, sowie für deren Freunde, Familienmitglieder und Kollegen sein. Wir freuen uns über Ihr Feedback!

Häufig gestellte Fragen:

  • Wie sind die Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität, Vulnerabilität (=Verletzlichkeit) und Resilienz (=Widerstandskraft)?
  • Hochsensibel und lärmempfindlich – was tun?
  • Asperger-Autismus und Hochsensibilität – Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
  • Hochsensibel? Oder doch ADHS? Wie kann ich das unterscheiden?
  • Verschiedene Arten von Stress brauchen unterschiedliche Strategien zur Bewältigung. Was hilft wann?
  • Mein Kind ist hochsensibel – wie kann ich sein Wohlbefinden fördern?

. . . Gedanken zu diesen und weiteren Themen finden Sie unter Infos.

Tipp speziell für hochsensible Kinder: Die Kinderbücher „Wie Betty das Wutgewitter bändigt„ und „Wie Betty für Gerechtigkeit sorgt„ Zwei spannende Geschichten über Betty, ein sensibles Mädchen mit starken und heftigen Gefühlen. Frau Kirschbaum gestaltete auch ein einführendes informatives Youtube-Video
„Philipp zähmt den Grübelgeier“ ein feines und humorvolles Buch, von der Künstlerin Magdalene Hanke-Basfeld gestaltet, speziell für die eher introvertierten und tiefsinnigen Kinder.
Die Bücher sind im guten Buchhandel erhältlich sowie versandkostenfrei beim Verlag www.festland-verlag.com

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Hochsensible Kinder verstehen und begleiten

Tipps für den Umgang mit hochsensiblen Kindern

Erst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass es keine Strafe sondern eine besondere Aufgabe ist, ein hochsensibles Kind zu erziehen. Auch wenn es oft schwer ist und man an seine Grenzen gerät, ist es doch wichtig, das Kind so anzunehmen wie es ist. Denn hochsensible Kinder spüren, wenn die Eltern es sich lieber anders wünschen würden.

Das kannst du tun, um deinem Kind zu helfen:

  • Reduziere Reize
    Gerade bei Babys und Kleinkindern ist das enorm wichtig. Schalt also Fernseher und Radio aus. Beschränk die Auswahl auf wenige Spielzeuge und sorg für eine einigermaßen aufgeräumte Wohnung. Schaff Ruheecken, die vielleicht etwas abgedunkelt sind. Reduziere Ausflüge und Besuche soweit, bis es dein Kind nicht mehr überfordert. Natürlich sollest du dich nicht zuhause verkriechen – Stimulation und Förderung sind auch wichtig. Aber als aufmerksame Mutter oder achtsamer Vater wirst du die Grenzen deines Kindes erkennen und danach handeln. Versuch lieber nicht, dein Kind abzuhärten, das kann nach hinten losgehen.
    In der Schule gibt es mittlerweile immer mehr Lehrer, die das Problem erkannt haben und sensible Kinder während des konzentrierten Arbeitens mit Kopfhörern versorgen.
  • Schaff Rituale und feste Abläufe
    Wenn das Zubettgehen jeden Tag anders abläuft, ist das auch ein zusätzlicher Reiz, der dein Kind überfordern kann. Versuch so weit es geht, feste Zeiten und Abläufe zu etablieren, auf die sich dein Kind verlassen kann. Durch die Strukturierung des Alltags findet das Kind einen Rahmen, in dem es sich frei bewegen und wohlfühlen kann, ohne sich ständig aufs Neue entscheiden zu müssen. Eine klare Führung hilft jedem Kind – bei hochsensiblen ist sie besonders wichtig.
  • Sei da
    Dein hochsensibles Kind braucht besonders viel Zuwendung, um mit den Wirren des Lebens besser klarzukommen. Gib ihm Nähe und Geborgenheit und sei für es da, wann immer es das braucht. Tröste statt nur zu beruhigen. Dazu gehört später auch, ihm aktiv zuzuhören, wenn es schon erzählen kann, was es bedrückt. Nimm es ernst in seinem Kummer. Oft reicht es schon, wenn das Kind sieht, dass es verstanden wird. Das funktioniert auch schon im Kleinkindalter, indem die Eltern den jeweiligen Gefühlszustand für das Kind formulieren, z.B. „jetzt ärgerst du dich“ oder „du bist traurig“.
    Wenn das Kind aus einem Wutanfall nicht mehr herausfindet, kannst du es unterstützen, indem du ihm eine Lösung vorgibst.
  • Geh Veränderungen langsam an
    Dein Kind braucht mehr Zeit als andere, um mit Veränderungen klar zu kommen. Das kann die neue Krabbelgruppe sein oder der Eintritt in Kita oder Schule. Wenn es noch klein ist, führe es langsam an die neue Gruppe heran. Lass es so lange es geht auf deinem Schoß sitzen und die neue Welt in seinem eigenem Tempo entdecken. Zwing es auf keinen Fall zu Interaktionen, die es nicht will.
    Steht der Wechsel in eine Betreuungseinrichtung an, vereinbare unbedingt eine langsame, sanfte Eingewöhnung.
    Plane Veränderungen gründlich. Je älter dein Kind wird, desto mehr kann es mit einbezogen werden und sich so darauf einstellen.
  • Setz Grenzen
    Bei aller bedürfnisorientierten Zugewandtheit darfst du aber auch deine eigenen Bedürfnisse nicht komplett vergessen. Wenn du dich wohl fühlst und mit dir im Reinen bist, spürt das auch dein Kind! Du musst dein Kind nicht „überbehüten“, setz ruhig auch einhaltbare Grenzen und bleib konsequent.
  • Besonderheit: hochsensible Eltern
    Sind die Eltern oder zumindest ein Elternteil ebenfalls hochsensibel, fällt ihnen die Abgrenzung vom Kind schwer. Sie sind nicht nur leichter überfordert, sondern fühlen sich besonders in das Kind hinein und verschmelzen sozusagen zu einer Einheit. Dies steht klarer Führung entgegen und kann für das Kind zusätzlich belastend sein. Außerdem ignoriert diese Art der Erziehung die individuellen Fähigkeiten eines Kindes, eigene Wege aus der Krise zu finden. Dein Kind ist eine eigene kleine Persönlichkeit. Wichtig ist es in diesem Fall, sich erst einmal selbst zu erkennen und das eigene Verhalten zu hinterfragen. Schafft man es nicht selbst, anders zu reagieren, kann eine professionelle Begleitung in Betracht gezogen werden.

Hochsensibilität (Teil 2) – hochsensible Kinder

Beitrag von Julia Russau

Dies ist der zweite Teil einer dreiteiligen Reihe über Hochsensibilität. In diesem Beitrag zeigt Julia Russau, wie Eltern erkennen können, ob ihr Kind hochsensibel ist und was es bedeutet, mit einem hochsensiblen Kind zusammenzuleben.

In Teil 1 beschäftigt sie sich mit allgemeinen Aspekten von Hochsensibilität und den Besonderheiten von erwachsenen Hochsensiblen im Berufsleben. In Teil 3 gibt Frau Russau Tipps, die hochsensiblen Menschen (und ihren Angehörigen) nützlich sein können.

Ist mein Kind hochsensibel?

Hochsensible Kinder fallen meist schon im Kleinkindalter auf, z.B. weil sie im Gegensatz zu ihren Altersgenossen deutlich empfindsamer/vorsichtiger, mitunter auch ängstlicher/in-sich-gekehrter, aber auch phantasievoller/begeisterter wirken. Einige hochsensible Kinder benehmen sich wie die „Prinzessin auf der Erbse“. Gerade jüngere Kinder und Teenager neigen dazu „zwei Gesichter“ zu haben – in einem Moment wirken sie ruhig und gelassen, im nächsten Moment schreien, toben und heulen sie vor Zorn und Wut.

Wenn Eltern vermuten, dass ihr Kind hochsensibel ist, hat das meistens zwei Ursachen: entweder die Eltern (oder ein Elternteil) sind selber hochsensibel und denken, dass ihr Kind dieselbe Besonderheit aufweist. Oder – was häufiger vorkommt– das Kind weist Verhaltensweisen auf, bei denen sich Eltern, Erzieher oder Angehörige fragen, was mit dem Kind los ist und was ihm fehlen könnte. Obwohl hochsensible Kinder durch eine Vielzahl an positiven Eigenschaften auffallen können, sind es überwiegend die problematischen oder ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die Eltern zum ersten Mal aufhorchen lassen.

Hochsensibilität lässt sich so erklären: Hochsensible Kinder weisen ein empfindlicheres Nervensystem auf als nicht-hochsensible Kinder. Die Filtersysteme, die einen Menschen normalerweise vor Reizüberflutung schützen, sind bei Hochsensiblen weniger gut ausgeprägt, sodass mehr Informationen ins Bewusstsein gelangen und bearbeitet werden. Gleichzeitig sind hochsensible Kinder in emotionaler und sensorischer Hinsicht stärker erregbar, wodurch sie ein reichhaltigeres, tiefergehendes und bisweilen extremeres Gefühlserleben haben. Hochsensible Kinder sind auf sozialem und emotionalem Gebiet überdurchschnittlich begabt. Interessant ist: Das Nervensystem hochsensibler Menschen stimmt in einigen Punkten mit dem Nervensystem von Menschen mit ADHS oder Autismus überein, auch wenn sich das Verhalten und die Fähigkeiten der betroffenen Kinder sehr voneinander unterscheiden.

Während Menschen mit Autismus z.B. Schwierigkeiten haben, das Verhalten des Gegenübers zu deuten, fällt es Hochsensiblen leicht, andere Menschen einzuschätzen – auch wenn beide mitunter zurückhaltend und introvertiert wirken. Während ADHS-ler Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, können Hochsensible gut in einen Flow geraten und allein für sich sein – auch wenn beide mitunter nicht still sitzen können und leicht überdrehen.

Anhaltspunkte, ob ein Kind hochsensibel ist, oder ob eine andere Ursache hinter dem Verhalten des Kindes steckt, lassen sich am besten ausmachen, wenn man das Kind in seiner alltäglichen Lebenspraxis beobachtet.

Hochsensible Kinder können schon als Babys durch ihr Verhalten auffallen:

  • sie brauchen viel Körperkontakt; wollen getragen werden; können lange nicht alleine schlafen

  • sie schreien viel und ausdauernd; können nicht einfach mal so „weggelegt werden“

  • sie fangen früh an zu interagieren und scheinen die Welt permanent zu beobachten

  • sie können schon früh die Gefühlslagen von Erwachsenen unterscheiden; reagieren entsprechend vielschichtig

  • sie wirken unzufrieden oder bedrückt; gleichzeitig lachen sie viel und herzlich

  • sie fühlen sich am wohlsten in vertrauter Umgebung; sind nicht gerne bei Fremden auf dem Arm

  • sie haben eine frühe und lang anhaltende Fremdelphase

Merkmale von Hochsensibilität bei Kindern sind z.B.:

  • sie reagieren mit lautstarkem Protest auf alltägliche Dinge wie z.B. Haarekämmen, Nägelschneiden oder Duschen, da ihnen diese Dinge Schmerzen bereiten

  • sie sind mäkelig beim Essen; scheuen sich, etwas Neues zu kosten

  • sie bewegen sich vorsichtig, evtl. schleichend oder auf Zehenspitzen

  • sie sprechen früh von „Ich“ und „Du“

  • sie sind keine Gruppenmenschen; knüpfen aber tiefe Freundschaften zu einem oder zwei anderen Kindern

  • sie brauchen viel Zeit um in neuen Umgebungen „warm“ zu werden oder sich an fremde Menschen zu gewöhnen

  • es geht ihnen nahe, wenn andere Kinder ausgeschimpft werden oder sich weh tun

  • sie beobachten, wie Gleichaltrige ein Spielgerät benutzen, bevor sie es selber austesten

  • sie scheuen körperliche Auseinandersetzungen; sie raufen und kämpfen nicht gerne

  • sie haben Angst vor Höhe oder Geschwindigkeit

  • sie wollen schon früh alles alleine machen; sind extrem frustriert, wenn es nicht klappt

  • sie versuchen alles perfekt zu machen; sie akzeptieren bei sich selbst keine Fehler

  • sie interessieren sich für „die Welt“, sind hellhörig für gesellschaftliche, philosophische oder spirituelle Fragestellungen

  • sie versuchen, alles harmonisch zu gestalten; achten darauf, dass es gerecht zugeht und legen Wert darauf, dass Versprechen und Regeln eingehalten werden

  • sie mögen keine Unordnung, auch wenn sie selber Chaos produzieren

  • sie haben eine ausgeprägte Sammelleidenschaft; können nichts wegwerfen

  • sie planen Tage oder Wochen im Voraus und wollen auf „Nummer sicher gehen“; sie mögen keine Überraschungen

  • sie haben extreme Gefühlsausbrüche und Trotzphasen; vermeintliche Kleinigkeiten fühlen sich an wie große Katastrophen

  • sie haben intensive Träume, auch Alpträume; sie sprechen, schwitzen oder wälzen sich im Schlaf

  • sie sind zappelig, unkonzentriert und lassen sich leicht ablenken (z.B. beim Anziehen, Essen); finden sie etwas interessant, tauchen sie ein und geraten leicht in einen Flow

  • sie haben ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis; erinnern sich an Jahre zurückliegende Ereignisse und Details in Gesprächen;

  • sie reden oder singen ohne Pause; müssen sich permanent mitteilen

  • sie haben eine blühende Phantasie; sind äußerst sprachgewandt

  • sie erschrecken leicht; können laute Geräusche, Licht und Stimmengewirr nicht ertragen

  • sie klagen schon als Kind über regelmäßige Kopf- oder Ohrenschmerzen

  • sie haben unruhige, kribbelige Beine und Hände; müssen immer alles anfassen

  • sie fühlen sich unwohl in reizüberfluteten Umgebungen (z.B. beim Einkaufen, im Vergnügungspark, auf Festen); wirken dort abwesend und verloren

Natürlich müssen hochsensible Kinder nicht jedes der o. g. Verhaltensmerkmale aufweisen. Nicht alle hochsensiblen Kinder sind z.B. scheu, wenn sie auf andere Menschen treffen. Genauso können auch hochsensible Kinder viele Freunde haben und in der Kindergruppe beliebte Spielpartner sein.

Berücksichtigt werden sollte: Die Art und Weise wie die Kinder mit ihrer Hochsensibilität umgehen und wie sich ihre Sensibilität auf ihr Verhalten auswirkt, kann durch äußere Faktoren (z.B. die heimische Umgebung, das Verhältnis zu den Eltern, die Erziehungsmethoden oder besondere kindliche Erfahrungen) immens beeinflusst werden. Dies gilt im negativen, wie im positiven Sinne.

Auch wenn ein Kind viele Merkmale von Hochsensibilität aufweist, sollten andere Erklärungsansätze immer mit berücksichtig werden. Klagt ein Kind z.B. über Kopf- oder Ohrenschmerzen, sollte eine körperliche Erkrankung (z.B. Entzündung) medizinisch abgeklärt werden. Hat ein Kind häufig Alpträume oder schläft es unruhig, sollte überlegt werde, ob es vielleicht Erfahrungen gemacht hat, vor denen es sich fürchtet. Traut sich ein Kind nicht, auf andere zuzugehen, kann es sein, dass das Kind einfach ein wenig ängstlicher ist, als andere Kinder. Hat ein Kind heftige Wutausbrüche, ist frech oder reagiert mit Trotz, möchte es vielleicht mehr Aufmerksamkeit bekommen. Damit sich ein Kind optimal entwickeln kann, ist in jedem Fall eine genaue Beobachtung und Diagnose das A und O.

Hochsensible Kinder – ein Wechsel zwischen Extremen

Eben noch war die Welt in Ordnung, im nächsten Moment liegt sie in Scherben. Da hochsensible Kinder mehr Reize aus ihrer Umwelt wahrnehmen und diese gleichzeitig stärker emotional verarbeiten, reichen manchmal schon (vermeintlich) kleine Auslöser, um ihre Welt ins Wanken zu bringen. Dasselbe gilt auch im positiven Fall: Hochsensible Kinder können extrem ausgelassen, humorvoll und nicht zu bremsen sein, sobald sie etwas entdecken, das ihnen Spaß macht oder das ihre Neugierde weckt. Egal, ob ein Kind gerade bitterlich weint oder mit seiner Phantasie die Welt erobern will – für Eltern ist es nicht immer leicht, den verschiedenen Bedürfnissen ihrer Kinder nachzukommen und in „Extremsituationen“ angemessen zu reagieren. Auch wenn hochsensible Kinder einerseits vernünftig und gewissenhaft wirken, können sie andererseits äußerst fordernd und „schwer zu bändigen“ sein.

Trotz dieser Gefühlsvielfalt merken Außenstehende oftmals nichts von der Hochsensibilität der Kinder. Hochsensible Kinder lernen schon früh, in fremden Umgebungen ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. Außerhalb der vertrauten familiären Umgebung neigen sie dazu, überangepasst und extrem introvertiert zu wirken, auch wenn sie eigentlich das Gegenteil davon sind.

Ruhe bewahren und einfühlsam sein

Das erste und beste Mittel, um auf das Verhalten hochsensibler Kinder zu reagieren, ist: selber einfühlsam sein. Hochsensible Kinder merken schnell „wie der Hase läuft“, ob ihre Gefühle und Beobachtungen ernst genommen werden, ob jemand ehrlich zu ihnen ist oder welche Erwartungen an sie gestellt werden. Umgekehrt nehmen sie sich ihre Eindrücke auch außerordentlich zu Herzen und sind gut darin, ihre ganz eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Auch wenn es nicht immer leicht ist: Eltern von hochsensiblen Kindern müssen ganz besonders darauf achten, die Bedürfnisse und Empfindungen ihres Kindes zu berücksichtigen und lernen, angemessen auf diese zu reagieren.

Diese fünf Tipps helfen dabei:

Einfühlsam sein durch gedankliche „Übertreibung“: Schreit ihr Kind beim Haarekämmen, weil es das Gefühl hat, sie rupfen ihm die Haare aus? Versuchen sie, sich die Situation in Gedanken übertrieben auszumalen. Wie würde es sich anfühlen, wenn einem tatsächlich die Haare ausgerissen werden? Vielleicht wirkt eine neue, weichere Bürste Wunder.

Ruhe bewahren und achtsam sein: Verhält sich ihr Kind extrem zurückhaltend, tobt es vor Trauer oder kann es seine Begeisterung nicht zügeln? Versuchen sie nicht, ihr Kind vom Gegenteil zu überzeugen (sehr wahrscheinlich werden sie scheitern). Verurteilen oder drängen sie das Kind nicht, sondern bewahren sie Ruhe und – wichtig – lassen sie das Kind nicht alleine.

Braucht es noch etwas Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen? Warten sie ab und geben sie ihrem Kind diese Zeit. Braucht es Platz, um eine Spielidee zu verwirklichen? Versuchen sie, Angebote in den Alltag einzubinden, durch die sich ihr Kind austoben kann (z.B. viel Bewegung, abwechslungsreiche Spaziergänge, verschiedene Bau- und Bastelmaterialen). Hat ihr Kind einen rasenden Wutanfall? Versuchen sie ruhig zu bleiben und schimpfen sie nicht auf das Kind ein. Wichtig: Sprechen sie in einem ruhigen Tonfall und bleiben sie in der Nähe, um sicher zu gehen, dass ihr Kind keine Grenze überschreitet (z.B. andere hauen, sich selbst verletzen). Ist ihr Kind hoch emotionalisiert und versuchen sie es zu trösten, wird es ihre Zuwendung wahrscheinlich ablehnen, da es diese Nähe im Moment nicht erträgt. Ist die erste Woge vorüber, wird es ihre Nähe und ihren Trost umso mehr brauchen. Zeigen und sagen sie ihrem Kind, dass sie es lieb haben, selbst wenn es von seinem Gefühlschaos überrollt wird.

Auf keinen Fall in Watte packen: Auch wenn ihr Kind sensibel ist, versuchen sie auf keinen Fall, es vor allem und jedem zu schützen. Geben sie ihrem Kind die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln und eigene Wege zu finden, auch wenn nicht immer alles perfekt läuft. Nur, wenn sich ihr Kind selber austesten darf, wird es lernen, sich in der Welt zurecht zu finden, seine Fähigkeiten und Grenzen auszuloten, und eine selbstsichere Persönlichkeit zu entwickeln. Achten sie darauf, dass ihr Kind nicht unter seiner Sensibilität leiden muss – ohne es daran zu hindern, sich zu entfalten und wie ein normales Kind zu leben. Helfen sie ihm, indem sie Lärmquellen abstellen, für eine gesunde Ernährung und ausreichend frische Luft sorgen. Aber denken sie daran: Auch hochsensible Kinder dürfen hinfallen und sich das Knie aufschlagen.

Auf keinen Fall abhärten wollen: Versuchen sie nicht, ihr Kind zu stärken, indem sie es absichtlich Situationen aussetzen, die ihm unbehaglich sind (sie werden das Gegenteil erreichen). Fürchtet sich ihr Kind vor dem großen Schwimmbecken? Spritzen sie es auf keinen Fall nass und vergleichen sie es auch nicht mit anderen Kindern, die weniger ängstlich sind. Versuchen sie herauszufinden, was dem Kind unbehaglich ist und wie sie ihm helfen können, die Situation zu meistern. Gerade hochsensible Kinder neigen dazu, eine unbekannte Situation erst aus sicherem Abstand zu betrachten, bevor sie sich (Schritt für Schritt) entschließen, selber aktiv zu werden.

Im letzten Teil der Reihe gibt J. Russau Tipps, die hochsensiblen Kindern und Erwachsenen (sowie ihren Angehörigen) in Alltag und Berufsleben nützlich sein können.

Wenn 5 Minuten einen Unterschied für den Tagesverlauf machen, du beim Backen nur noch mixen kannst, wenn dein Kind einen Kopfhörer auf hat, wenn ein Spaziergang ein Erlebnis für alle Sinne wird und kalte Finger sein Ende bedeuten – dann ist dein Kind vielleicht Hochsensibel.

Wenn ein Stück Knete, frisch aus der Packung, nicht direkt zum Spielen verwendet werden darf, sondern erst auf Geruch, Konsistenz, Haptik und Aussehen geprüft werden muss, wenn ein zerbrochener Keks ein Tränenmeer hervorruft, wenn zu viele Fragen hintereinander einen Wutanfall auslösen und du deine eigene Einstellung zu Dingen wie Stress, Anspannung, Terminenge grundlegend ändern musst – dann ist dein Kind vermutlich Hochsensibel.

Wenn der Tag zu lang, die Sonne zu hell, der eigene Kopf zu laut und die Welt zu schnell ist – dann ist dein Kind vermutlich Hochsensibel.

Von Hochsensibilität hatte ich bei der Geburt von Bubba Ray noch nie etwas gehört. Und auch die folgenden 1,5 Jahre nicht. Mein Kind war fordernd und irgendwie besonders. Eindrücke und Reize waren für ihn Gift. Oft folgten auf Unternehmungen tagelange Wein- und Schreiattacken, vor allem beim „Cool Down“ am Abend und beim Einschlafen. Er war kein Schreibaby. Anfangs auch kein 24-Stunden-Baby. Er schrie und wenn er das tat, dann wackelten die Wände. Schon immer machte er deutlich was er fühlte. Und nicht nur das – damit hätten wir ihn vielleicht zunächst nur als temperamentvoll eingestuft. Doch bereits als winzigkleines Minibaby machte er auch deutlich, was WIR fühlten. Ich erinnere mich an ein Telefonat mit meiner Mutter, das Baby lag vollkommen entspannt in seiner Wippe und kaute auf seinem Däumchen rum. Er war vielleicht 8 Wochen alt. Meine Mutter erzählte mir etwas, das mich aufbrachte. Ich hob die Stimme, wetterte am Telefon, schrie nicht, wurde aber lauter und regte mich auf. Augenblicklich schrie er. Er wurde unruhig, entzog sich aber meinem Trost.

Zu viel Nähe zu emotional aufgeladenen Personen macht ihn – buchstäblich – wahnsinnig.

Noch heute flüchtet er dann von meinem Arm. Genauso konnte ich nach wenigen Wochen des Zusammenlebens anhand der Reaktion auf seinen Vater, wenn dieser von der Arbeit kam, und anhand seines Verhaltens genau sagen, ob mein Mann einen stressigen Arbeitstag gehabt hatte, den er noch nicht hatte ablegen können, oder nicht. An solchen Tagen musste ich, damit die Nacht nicht völlig gelaufen war, meinen Mann bitten, Abstand zu nehmen, sich eine Pause zu gönnen und erstmal runter zu kommen. Stimmungen übertragen sich extrem auf Bubba Ray, er kann sich ihnen nicht entziehen. Extreme Gefühle spiegelt er in beide Richtungen, fröhlich wie unglücklich, doppelt so heftig wieder.

Nagut. Er war offensichtlich temperamentvoll UND empfindsam. Ich fand ihn toll. Ich liebte ihn. Ich war nicht sauer oder überfordert damit, ihn abends stundenlang durch die Wohnung zu tragen bis er schlief. Er war ein Baby und für mich war selbstverständlich, dass er meine Fürsorge, in welche Richtung auch immer, brauchte.
Doch mit den Monaten tauchten immer mehr „Macken“, wie wir es liebevoll nannten, auf, die in mir ein Gefühl weckten, dass ich nicht mehr los wurde: dieses Kind ist anders. Anders als ich. Anders als sein Vater. Anders als Kinder gleichen Alters.

Bubba Ray lehnte von Anfang an ab. Alles mögliche. Ich bewunderte ihn für seine klare Vision. Er schien genau zu wissen, was er wollte und was nicht. Und wir ließen geschehen und nahmen es hin.

Dieses Kind, so war ich mir von Anfang an ganz sicher, das weiß, welchen Weg es gehen will.

Den müssen wir nur begleiten. Wenn er wieder ablehnte, Dinge nicht essen, nicht probieren, nicht zulassen wollte, fühlte ich mich dennoch manchmal beleidigt. Ich fragte mich, wieso das Kind mich ihm nichts gutes tun ließ und wo denn eigentlich bei jeder Kleinigkeit nun das Problem sei. Ich verstand nicht, wieso er alles selber essen und selber anfassen wollte. Er wählte sein Essen mit Bedacht, nie zu viel, nie zu heiß, nie zu kalt. Er war filigran, vorsichtig und konnte Stunden damit verbringen, alle seine Sinne mit einem einzigen Brokkoliröschen anzusprechen. Er war ein Entdecker – das ist jedes Kind. Keine Frage. Doch gleichermaßen überforderte es ihn schon von Anfang so sehr, wenn etwas nicht war, was er glaubte, das es war. Zum Beispiel: wenn Erdbeeren aus dem Kühlschrank kamen und kalt waren, anstatt Zimmertemperatur zu haben, die er gewohnt war. Es konnte – und kann heute noch – bedeuten, dass er mehrere Tage oder Wochen keine Erdbeeren essen wird, weil ihm der Schreck über die Kälte tief in den Knochen sitzt. Letztens aß er eine Möhre, ein Stück blieb zwischen den Zähnen stecken. Wir putzten es raus, aber ihr wisst, der Druck hält eben noch ein paar Minuten an. Er möchte nun keine rohen Möhren mehr essen, wenn überhaupt müssen sie weich gekocht sein. Gleiches gilt für Lautstärke. Mittlerweile kennt er die Stufen meines Mixers und bittet mich, „nur bis da“ (zeigt zum Beispiel auf die mittlere Stufe) zu stellen. Dann ist es nicht so laut und er kann es ohne Kopfhörer aushalten.

Verflixter Zufall und nix dahinter. Das waren meine ersten Gedanken. Ich kannte ihn gut, wir hatten schon immer ein enges Band.

Interpretiere nicht so viel hinein, dachte ich mir.

Eines Tages las ich in einer Facebook Gruppe von Hochsensibilität und hatte ein Gefühl im Bauch: das muss es sein.
Ich googelte und recherchierte und war nach wenigen Tagen ziemlich sicher, dass mein Kind nicht nur für mich und meinen Mann etwas besonderes war.

Hochsensible Kinder sind ein Segen, ein Geschenk unschätzbaren Wertes. Sie sehen und hören mehr. Sie nehmen mehr wahr und geben mehr weiter. Sie fühlen mehr und lieben intensiver.

Doch: hochsensible Kinder sehen und hören mehr. Sie nehmen mehr wahr und geben mehr weiter. Sie fühlen mehr und lieben intensiver. Fluch und Segen liegen für das Kind sehr nahe beieinander.

Wenn mein Sohn sich heute, mit 28 Monaten, beim Buch-Vorlesen langweilt, weil wir es schon 623 gelesen haben, dann lernt er es auswendig und erzählt es mir beim nächsten Mal. Fehlerfrei. Wenn ich beim Einschlafen abends nicht zum 3. Mal das Lied singen möchte, singt er es sich selber vor. Fehlerfrei.
Wenn er einen Kuchen isst, dann nur, wenn er ihn vorher gerochen, vorsichtig getestet und selbstständig zerteilt hat. Fehlt einer dieser Schritte, werde tendenziell ich das Stück essen und ihm ein neues, unversehrtes geben müssen, denn er kann einfach nicht damit leben, den Geruch der Speise nicht zu kennen, bevor er sie in den Mund steckt.

Er ist gerade mal 2 Jahre alt, doch wenn Leute ihn kennenlernen, sind sie meistens nach kurzer Zeit von ihm und seiner Sprachgewalt entzückt. Sie können Geschichten über ihn kaum fassen, weil man sie von einem Zweijährigen nun mal nicht annehmen würde. Ich nehme es keinem übel, ich selbst bin oft überfordert von seiner Schläue, Aufmerksamkeit und Intensität. Er lebt extrem. Er ist wahnsinnig mutig, traut sich viel, WENN wir ihn begleiten. Ohne uns, seine Säulen, macht er zu. Stagniert. Passt sich dann und wann an. Gleichzeitig muss ich mich selten sorgen, dass er sich wirklich ernsthaft verletzt, denn ein gesundes Bauchgefühl sorgt dafür, dass er viele Dinge auch einfach umgeht. Ihn umgibt eine besondere Aura. Meine Mutter sagt, er betritt einen Raum und „scannt“ ihn und damit hat sie Recht. Mittlerweile weiß ich, dass er nicht nur den Raum und die Möbel darin scannt sondern auch die Stimmungen der Menschen darin. Und meine. Denn ich stehe hinter ihm oder habe ihn auf dem Arm und wenn ich ihm Unsicherheit signalisiere (und das kann schon ein Kuchen auf dem Tisch sein, von dem ich nicht möchte, dass er ihn isst), wird er sich mehr Zeit für den Scan nehmen und herausfinden, was mich bedrückt. Und versuchen, das für sich einzusortieren.

Seit er läuft und spricht und ganze Diskussionen und Konversationen führen kann, verstehe ich ihn besser und lasse ihn gelassener auf die Menschheit los.

Vorher vermutete ich – instinktiv, auch ohne den Begriff zu kennen – hinter jeder Ecke eine potenzielle Gefahr für ihn.

Ein Zuviel an Reizen, Stress, Gefühlen, die er nicht würde bündeln können. Es ist auch der Grund, weshalb ich den Ausdruck „Helikopter-Eltern“ hasse wie die Pest, aber dazu schreibe ich euch noch einen separaten Blogpost 😉

Ich bin froh, nach nunmehr über 2 Jahren mit ihm, dass wir uns für den Weg entschieden haben, den wir gegangen sind und gehen. Er und sein Bruder wachsen geborgen und so gut wir es schaffen ohne Erziehung, die ihn überfordern und einsperren würde, auf. Er braucht klare Rahmen, Abläufe, Strukturen, Dinge und Menschen, die sich nicht verändern. Säulen, sozusagen, an denen er sich ausrichtet, jeden Tag einmal. Die kleinste Unebenheit kann dazu führen, dass er buchstäblich die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sich verkrümeln, einigeln, zuhause verstecken will.

Das hochsensible Kind liest zwischen den Zeilen und das, was es dort nicht heraushört, das liest es aus deinen Gedanken. Du hast praktisch keine Chance, nicht authentisch zu sein, selbst wenn du es versuchen wollen würdest. Unabhängig von der Hochsensibilität meines Kindes lehne ich das Lügen strikt ab – egal ob erwachsen oder Kind. Doch bei einem hochsensiblen Kind kann das Verdrehen von Tatsachen ein Vertrauensbruch sondergleichen bedeuten. Wenn ich meinem Kind sage, wir hätten keine Schokolade mehr, obwohl wir welche haben und ich nur nicht möchte, dass er sie isst, dann wird er das entlarven, früher oder später. Ich lasse sie ihn essen und vertraue. Vertraue auf meine Kochkünste und darauf, dass er trotzdem Gemüse essen wird und vertraue ihm. Vertraue darauf, dass er sich selbst regulieren und einfach aufhören wird, wenn es genug ist. Und es klappt – bisher 😉

Nach 2 Jahren mit meinem Kind habe ich gelernt, ihn jeden Tag neu zu entdecken.

Nur weil Zähneputzen gestern gut funktionierte heißt das nicht, dass es die folgenden 2 Wochen funktioniert. Die Tatsache, dass er nicht völlig allein so putzen kann wie er es will ohne, dass dabei auf lange Sicht seine Zähne kaputt gehen, stresst ihn. Zähneputzen ist ein massiver Eingriff in seine hochsensitive Körperwelt, die er so intensiv wahrnimmt, dass er eben nicht „einfach so“ putzen kann.

Als wir nun also einen „Arbeitstitel“ für seine Besonderheit hatten, begab ich mich auf Recherche. Es gibt ganz wunderbare Literatur zu dem Thema, die ich euch in den nächsten Wochen vorstellen (und übrigens zum Teil auch verlosen) möchte und die mir geholfen hat zu verstehen, welche Gabe er besitzt und welches Geschenk mir mein Universum geschickt hat. Denn Kinder öffnen den weiten Blick, sorgen dafür, dass wir Prioritäten neu sortieren und achtsam mit den großen und kleinen Dingen des Lebens umgehen.

Und mein hochsensibles Kind lehrt mich darüber hinaus, all diese Dinge auch noch mit allen Sinnen zu erfahren.

Und so nehme ich euch mit auf eine Reise in die Welt der Hochsensibilität, die hier auf dem Blog einziehen und uns sicher so schnell nicht mehr verlassen wird.

Habt ihr ein oder mehrere hochsensible Kinder?
Wie nehmt ihr die Hochsensibilität wahr, als Geschenk oder Fluch?
Wie äußern eure Kinder sich und ihre Emotionen, wie schafft ihr, im Alltag auf die Großen und kleinen Macken einzugehen, das Kind nicht zu überfordern?
Wann und wie habt ihr festgestellt, dass euer Kind hochsensibel ist?

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