Das 2 kind

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Das erste Jahr mit zwei Kindern – ein Lernprozess

Wie schon beim ersten Kind kann man sich auch auf die Geburt des zweiten Babys gut vorbereiten – und wird dann doch von den Veränderungen überrollt. Man denkt, man wisse ja, was einen erwartet, aber das ist eben nur die Theorie. Wie sich das Leben mit zwei Kindern anfühlt, kann man im Vorfeld kaum richtig einschätzen.

Keine ruhige Minute

Eine der wichtigsten Veränderungen im neuen Leben mit zwei Kindern: zwei Kinder lasten zwei Eltern voll aus. Es gibt kaum mehr die Möglichkeit, dass sich die Eltern abwechseln, um dem anderen eine kurze Auszeit zu gönnen. Und das zehrt auf Dauer sehr an der Kraft und den Nerven.

Anfangs ist häufig das ältere Kind das anstrengendere

Jedes Elternteil weiß, was mit einem Neugeborenen auf einen zukommt. Gerade am Anfang ist jedoch oft das ältere Geschwisterchen das Kind, das am meisten Aufmerksamkeit fordert. Es war es bisher nicht gewohnt, seine Position im Zentrum der Familie zu teilen oder gar an zweiter Stelle zu stehen. Daher fordert es in vielen Momenten ausgerechnet von dem Elternteil, das gerade mit dem Baby beschäftigt ist – häufig der Mutter – Aufmerksamkeit und ist beleidigt, wenn es die nicht bekommt. Das ältere Kind muss lernen, dass es nun nicht mehr alleine der Mittelpunkt des Familienlebens ist. Hier müssen die jungen Eltern darauf achten, dem großen Geschwisterchen genügend Aufmerksamkeit zu geben, damit sich bei ihm aus dem ersten Frust nicht eine handfeste Eifersucht auf das Baby entwickelt.

Schlafmangel wie beim ersten Baby

Als ob dieses Hin- und Hergerissen-sein zwischen den beiden Kindern für die Eltern nicht schon Stress genug ist findet das Ganze unter erheblichem Schlafmangel statt – und zwar in der Regel noch massiver als beim ersten Kind. Denn nun kommt noch ein aufgekratztes Kleinkind dazu, das nachts selbst häufig durch das Baby geweckt wird und aufgrund dessen übermüdet ist.

Man kann es nicht allen recht machen

So sehr man sich bemüht – mit zwei Kindern kann man es nicht immer allen recht machen. Nicht immer kann man die Wünsche oder Forderungen des großen Kindes und des Babys gleichzeitig befriedigen. Aus diesem Grund sind Tränen unvermeidlich – bei den Kindern und nicht selten auch bei den Eltern, die diese Situation selbst frustriert.

Kind Nummer zwei stellt eine echte Belastung für die Partnerschaft dar

Es gibt Studien, die herausgefunden haben, dass das zweite Kind und der Stress, den diese neue Situation mit sich bringt, einer der häufigsten Trennungsgründe für Paare ist. Wer schon einmal in dieser Situation war versteht zumindest warum das so ist: zwei Kinder, die Aufmerksamkeit suchen, die Lautstärke, der Schlafmangel, die Wohnung, die noch einmal kleiner geworden ist, kaum eine ruhige Minute und erst recht keine für Zeit mit dem Partner oder der Partnerin. Waren mit nur einem Baby noch recht entspannte Ausflüge zum Ausgleich möglich – das Baby schlief ja häufig – wird man nun vom großen Kind in Beschlag genommen. Wir können daher jedem Paar, das sich durch das zweite Kind extrem gestresst fühlt, raten, sich Unterstützung zu suchen – durch die Großeltern, Bekannte oder Babysitter. Diese können zumindest das große Kind hin und wieder übernehmen.

Die Liebe zu Kind Nummer zwei kommt – oder ist von Anfang an da

Trotz des fast durchgängig hohen Stresslevels gibt es auch sehr viele schöne Situationen für junge Zwei-Kind-Eltern. Da ist zunächst einmal das Baby, das einem durch seine bloße Anwesenheit viel Freude macht. Viele Eltern – speziell Väter – fragen sich vor der Geburt, ob sie Kind Nummer zwei ebenso sehr lieben können wie sein großes Geschwisterchen. Für fast alle beantwortet sich diese Frage sehr schnell. Oft schon, wenn sie das Neugeborene das erste Mal im Arm halten – mit einem eindeutigen „JA“!

Es ist auch nicht sicher, dass Kind Nummer eins das „Lieblingskind“ bleibt. In jedem Fall sollten Eltern genau darauf achten, dass sie beiden Kindern – wenn irgend möglich – die Aufmerksamkeit schenken, die diese brauchen.

Neue Rollen für alle – aber das muss kein Problem sein

Mit einem neuen Mitglied muss sich die Familie erst einmal wieder neu ordnen, das ist ganz selbstverständlich. Aber mit etwas Glück fügt sich das Baby leicht in das Familienleben ein und beobachtet aufmerksam, was um es herum passiert. Besonders fasziniert sind Baby in der Regel vom großen Bruder oder der großen Schwester. Mit etwas Glück – und genügend Aufmerksamkeit seitens der Eltern – wird die Liebe von dem oder der „Großen“ in vollem Maße erwidert. Die Liebesbekundungen der Kinder untereinander lassen den jungen Eltern dann regelmäßig das Herz aufgehen.

Bei Kind Nummer zwei sind Eltern entspannter

Wenn nicht die zusätzlichen Herausforderungen mit dem „großen Kind“ hinzukämen wäre das zweite Kind für viele Eltern ein Kinderspiel. Man kennt die Abläufe mit dem Baby ja und lässt sich so leicht nicht mehr aus der Ruhe bringen, da man viele Krisen schon zuvor einmal durchlebt hat. Das Kleine hat Fieber? Nun ja, das kommt vor … warten wir mal, wie es sich entwickelt, anstatt sofort zum Arzt zu rennen.

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Alles eine Phase – auch der zusätzliche Stress mit dem zweiten Kind

Wie immer mit Kindern ist – zum Glück – alles nur eine Phase. Im größten Stress sollte man sich das vor Augen halten: es wird irgendwann besser – oder zumindest anders. Irgendwann wird die Zeit kommen, wo die beiden Kinder miteinander spielen können und die Eltern dann auch mehr Freiräume haben.

Die Zeit dahin ist aber in der Regel hart – und das selbst dann, wenn Kind Nummer zwei selbst unproblematisch ist. Wir wünschen allen jungen Zwei-Kinder-Eltern die Kraft, die sie brauchen.

Zum Schluss noch ein paar kurze Tipps für „frische“ Zwei-Kind-Eltern:

  • Einer der Punkte, der mit Kind Nummer zwei schwieriger wird, ist ganz eindeutig die Logistik – wie komme ich mit zwei Kindern zu Punkt Y? Zwei Kinderwägen zu schieben geht kaum und ein dritter Arm wächst einem auch nicht, so gut man ihn auch brauchen könnte. Hier hilft in vielen Fällen eine Trage für das Baby.
  • Mit zwei Kindern wird die Wohnung in der Regel noch ein gutes Stück schmutziger als bisher werden – und man selbst auch. Besser, man bereitet sich geistig schon einmal darauf vor …
  • Lassen Sie sich helfen – von Verwandten, Freunden, Nachbarn oder Bekannten aus dem Elternnetzwerk. Gerade bei zwei Kindern kommen häufig Situationen, in denen man hin und wieder jemanden braucht, der einfach kurz mal nach dem älteren Kind schaut. Vielleicht bringen ja auch die ersten Play-Dates des großen Kindes Entlastung.
  • Versuchen Sie, auch in stressigen Situationen cool zu bleiben und unterstützen Sie sich mit Ihrer Partnerin bzw. Ihrem Partner gegenseitig. Man mag es kaum glauben, aber dies ist nun noch wichtiger als nach dem ersten Baby.

Familienleben
 Zwei Kinder unter zwei

4. Entwickle eine Zu-Bett-Bring-Strategie
Zwei kleine Kindern sollen ins Bett: jeden Abend eine Herausforderung. Eins ist müde und will schlafen, das andere nicht. Das große Kind möchte kuschelnd mit Mama seine Gute-Nacht-Geschichte hören, das Kleine quengelt und will rumgetragen werden. So kommt keiner zur Ruhe.
Wenn möglich, hol Dir Hilfe. Papa kommt zu spät von der Arbeit? Dann kann vielleicht eine liebe Nachbarin oder Freundin aushelfen und das Kleine im Kinderwagen schieben, während Du das Größere in Ruhe bettfertig machst. Wenn Du auf Dich alleine gestellt bist, versuche das Kleine zu stillen, während Du die Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Mit etwas Glück schlafen beide dabei ein. Klappt nicht immer. Leg das Kleine aber erst in sein Bettchen, wenn Du relativ sicher bist, dass es tief schläft. Sonst schreit es sein großes Geschwisterchen gleich wieder wach. Bis beide endlich schlafen, bleibt Dir wohl nichts anderes übrig, als dabei zu bleiben.
5. Passt Euer Einschlafritual noch?
Versuch Euer bisheriges Einschlafritual so anzupassen, dass es für beide Kinder stimmig ist. Vielleicht singst Du zuerst mit dem größeren Kind zusammen am Babybett. Danach liest Du mit großem Kind auf dem Schoß die Gute-Nacht-Geschichte vor dem Babybett vor. Wie Du das am besten gestaltest, hängt von den Charakteren und Schlaftypen Deiner Kinder ab. Mit etwas Gewöhnung akzeptieren beide Kinder, dass Mama mal am einen und mal am anderen Bett steht und kuschelt, bevor sie aus dem Kinderzimmer geht.
6. Das läuft jetzt leichter
Der Vorteil bei zwei Kindern ist, dass nun keines mehr alleine schlafen muss. Erfahrungsgemäß geht daher der Wechsel ins Kinderzimmer beim Zweiten viel reibungsloser.
7. No-Go für Spätheimkommer
Die Gute-Nacht-Geschichte ist grad zu Ende, da kommt Papa heim und will noch mal mit beiden Kindern ordentlich kuscheln. Die Sehnsucht von Papa ist total verständlich, aber das wirft Euch jetzt um eine Stunde zurück. Denn die Kinder drehen noch mal richtig auf, wenn der lang ersehnte Papa plötzlich noch eine Runde Toben anbietet. Entweder schafft es Papa, eine halbe Stunde früher heim zu kommen und übernimmt die Gute-Nacht-Geschichte. Oder der Gute-Nacht-Kuss muss warten, bis beide Kinder tief schlafen. Am Wochenende dann aber umso wichtiger, dass Papa das Zu-Bett-Bringen übernimmt.

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Alltag mit zwei Kindern – alles anstrengend?

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Nun bin ich ein halbes Jahr Zweifachmama und wurde u. a. durch Mama on the rocks angeregt, über die Zeit mit zwei Kindern nachzudenken. Ist der Alltag mit zwei Kindern wirklich anstrengender? Was ändert sich mit zwei Kindern? Fragen über Fragen…

Inhaltsverzeichnis

Baby 2.0 ist ein Einsteigerbaby

Anfänglich stellten wir uns auf stundenweises Herumtragen des Frischlings in unserer langen Wohnung vor, kannten wir ja vom ersten Kind. Aber nichts. Kein Bauchweh, keine Koliken, juchu! Natürlich schrie er mit seinem zarten Stimmchen nach Milch oder sagte muuääh, wenn er sich wehtat. Dennoch waren die ersten Monate im Vergleich zum großen Sohn ein Spaziergang. Vielleicht sprechen auch die glücklichmachenden Stillhormone aus mir – ich kann mich über mangelnden Schlaf nicht beklagen. Man darf mir gratulieren (und bitte nicht meinen Mann fragen, hüstel).

Leichter Altersabstand – 4 Jahre

Bei uns ist der Altersabstand entscheidend. Die beiden Kinder liegen vier Jahre auseinander, was mir unglaublich hilft. Freunde von uns waren von dem Abstand nicht begeistert, ich bin bis jetzt überaus zufrieden. Mein Großer versteht, wann er warten muss, er hilft mir vereinzelt auch mal bei der Babypflege, er akzeptiert, dass ich immer das Baby am Rockzipfel habe. Bücher vorlesen, geht jedoch auch mit Baby an der Brust sehr gut.

Dass er dennoch eine Auszeit vom Baby braucht, kann er schon selbst äußern. Er bekommt keinen Bockanfall, den wir nicht nachvollziehen können, weil z. B. das Baby erst gefüttert werden und er warten muss. Wir können alles verbal klären. Trotzdem gewährend wir ihm Exklusivzeit, die wir auch so nennen: „Wollen wir ein Mama-Sohn-Spiel spielen, ohne Baby?“. Er freut sich darüber.

Ich erwähnte bereits, dass noch nicht die große Geschwisterliebe ausgebrochen ist. Kommt hoffentlich noch, wenn auch jungsifiziert. Kuscheln und Händchenhalten erwarte ich vom großen Sohn (leider) nicht. Er kuschelt nur, wenn er das Bedürfnis hat, sonst blockt er ab. Verständlich, will ich ja auch nicht dauernd.

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Vorteile von zwei Kindern

Wären nicht etliche andere Geschwisterkinder in der Kita vor Baby 2.0 zur Welt gekommen, hätten wir auch den Platz in der Kita von Sohn 1.0 zum ersten Geburtstag gehabt. Dies konnte uns jedoch nicht garantiert werden, sodass wir anfänglich zu einer Tagesmama wechseln. Das ist also ein theoretisch Vorteil, den wir später in Anspruch nehmen dürfen. Die Kita ist nämlich super!

In meiner Fantasie spielen die beiden Kinder irgendwann (wenn auch nur kurz?) harmonisch miteinander, während ich durch meine Zeitschriften blättere. Klingt zu gut? Wird schon. Schon jetzt klappt das in Ansätzen für ein paar Minuten. Natürlich erwarte ich auch den befürchteten Streit um das Spielzeug. Da sich beide vorerst ein Zimmer teilen werden, wird das Mein und Dein vielleicht sowieso nicht so deutlich abgegrenzt. Ich bin gespannt, wie sich das Spielverhalten entwickelt. Wenn wir ehrlich sind, sind die Kinder meist im Wohnzimmer – da wo wir auch sind.

Übrigens fragte ich gerade den Mann, welche Vorteile zwei Kinder hätten. Er meinte, es gibt keine. So viel dazu. Kinder brauchen immer Aufmerksamkeit.

Nachteile von zwei Kindern

Das Abschieben beider Kinder zu Oma und Opa ist erschwert. Durch das Stillen ist das demnächst zwar nicht geplant, aber schnell mal beide Kinder abgeben, ist vermutlich nicht mehr, sagen jedenfalls besagte Freunde.

Persönliches Contra: Wenn alles im alten Keller verschimmelt, hilft das Aufheben der Kinderkleidung auch nichts. Kinderwagen, Babyschale und ein paar Kleidungsgrößen sind neben diversen anderen Dingen mit zartem, schädlichem Flaum bezogen worden. Für uns hieß das, alles neu kaufen.

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Kinder sind schön aber stressig

Wir sind beide gefordert. Während in der Ein-Kind-Zeit einer von uns meist Freizeit hatte, müssen wir nun beide ran. Einer betuddelt Baby, der andere den Großen, der sehr viel Erzählbedarf hat. Wir haben noch Hoffnung, dass sich das auch bald in den Abendstunden legt. Der große Sohn schläft gegen 20 Uhr, Baby bald vielleicht auch – bis zum Morgen? Freizeit!

Freizeit ist im Moment unser kostbarstes Gut. Wir planen schon während der Wachphasen, was wir in den Abendstunden machen. Bei mir sind das meist Zocken, Bloggen und SEO und beim Mann Programmieren oder Spielen. Im Anschluss treffen wir uns auf der Couch zum Schauen einer Serie. Die Zeit zum nächsten Schrei ist sehr kurz.

Ich fürchte, dass die richtig stressige Zeit noch kommen wird. Für mich beginnt sie um den 1. Geburtstag, wenn Kinder entdecken, dass man auch bockig sein kann. Bis dahin genieße ich mein meist glückliches Baby und den großen Bruder, der ihn immer zum Lachen bewegt. <3

Baby-Update: Wir bekommen es drittes Kind!

So wenig Freizeit mit Kindern wir auch haben, dennoch entschlossen wir uns, ein drittes Kind zu bekommen. <3 So anstrengend kann der Alltag mit zwei Kindern nicht sein, oder? 😉 Mit sechs und zwei Jahren haben sich meine Jungs aber auch super entwickelt. Sie spielen miteinander, sogar Karten- und Brettspiele und manchmal klappt das ganz harmonisch. Das ist der Teil, auf den wir immer gewartet haben. Das harmonische Familienleben beginnt. Zumindest bis Baby 3.0 die Welt wieder auf den Kopf steht. Doch dazu bald mehr. Mit der Einschulung kam jedoch ein weiteres Problem: die Morgenroutine mit den Kindern hat sich verändert. Der Große Sohn muss nun pünktlich in der Schule sein. Mit dem Baby dürfte das nochmal anstrengend werden.

Der Morgen beginnt für Stefanie Fröhlich ohne große Eile. Denn ihre Tochter Bettina (beide Namen geändert) ist schon 15 Jahre alt. Sie steht alleine auf, macht sich ihr Frühstück und auch nach der Schule braucht sie keine Betreuung mehr. „Wir sind mittlerweile wie zwei beste Freundinnen – das ist die schönste Zeit des Mutterseins“, sagt Stefanie Fröhlich. Kein Stress mehr, keine Erziehungskonflikte – und vor allem muss sie kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Vollzeit arbeiten geht.

Fröhlich ist Cutterin für verschiedene Fernsehsender – und wenn die 45-Jährige zur Arbeit geht, kommt sie erst zehn Stunden später zurück. Ein zweites Kind hätte sie sich niemals vorstellen können. Das ständige Organisieren einer Nachmittagsbetreuung. Und was, wenn das Kind mal krank ist? „Dem hätte ich nicht noch ein zweites Mal gerecht werden können“, sagt sie. Ohnehin trennte sie sich nach einigen Jahren von dem Vater ihrer Tochter.

Frauen wie Stefanie Fröhlich gibt es viele, sie wollen arbeiten, unabhängig von einem Partner sein und haben sich deshalb für nur ein Kind entschieden. Mittlerweile wächst in Deutschland jedes vierte Kind ohne Geschwister auf, in Berlin ist es sogar jedes dritte. 57 Prozent der Berliner Familien sind laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Ein-Kind-Familien. Und nur in 11 Prozent der Familien leben drei oder mehr minderjährige Kinder.

Die meisten Frauen wünschen sich mehr Kinder

Doch ist das tatsächlich für die Mehrheit der Familien das angestrebte Ideal? Nein. Betrachtet man die Statistiken, kann man davon ausgehen, dass die Ein-Kind-Familie nicht die ursprünglich gewünschte Lebenskonstellation der meisten Eltern ist. „Nur wenige Frauen und Männer wünschen sich, dass es bei einem Kind bleibt, die meisten wollen eigentlich zwei Kinder“, sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB).

Fragt man Frauen zwischen 20 und 39 , wie viele Kinder sie sich wünschen, möchten die meisten von ihnen (53 Prozent) zwei Kinder haben. Gerade einmal elf Prozent der Frauen geben an, dass sie exakt ein einziges Kind möchten. Und immerhin 25 Prozent der Frauen würden sich sogar für drei oder mehr Kinder entscheiden, ginge es alleine nach ihren Wunschvorstellungen.

In der Realität sieht das allerdings ganz anders aus. „Der Kinderwunsch ist wesentlich höher als die tatsächliche Geburtenzahl“, sagt Familienforscher Bujard. So haben bundesweit betrachtet 25 Prozent der Frauen nur ein Kind – in Berlin sind es sogar 32 Prozent der Frauen. „Mehr als die Hälfte der Frauen mit einem Kind hatte eigentlich andere Pläne“, sagt Bujard. Doch woran liegt es, dass Wunschvorstellung und gelebte Wirklichkeit so weit auseinanderklaffen? Eltern in Berlin und anderswo in Deutschland sich immer häufiger gegen ein zweites oder gar drittes Kind entscheiden?

Auch ein Rennen gegen die Zeit

Auch Monika Deich (Name geändert) ist eine Mutter aus Berlin mit nur einem Kind. Sie lebt nicht wie Stefanie Fröhlich in Trennung von ihrem Partner, sondern sie und ihr Freund hätten gern noch ein zweites Kind. Doch Deich ist bereits 40 Jahre alt. Mit dem Schwangerwerden klappt es nicht so recht. „Ich befürchte, ich habe zu lange gewartet“, sagt die Journalistin. „Wenn eine Frau mit 35 Jahren das erste Kind bekommt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es bei dem Versuch für ein zweites Kind nicht mehr funktioniert“, sagt Bujard.

Ab Mitte 30 lässt die Fruchtbarkeit nach. Das wissen eigentlich die meisten Frauen. Der Wissenschaftler hält es allerdings für fatal, wenn Frauen lesen, dass zum Beispiel eine Janet Jackson noch mit 50 ein Baby bekommen kann. „So etwas ist die absolute Ausnahme und weckt falsche Hoffnungen“, sagt er. Auch die Reproduktionsmedizin hat ihre Grenzen. Und Eizellenspenden, mit denen sich viele prominente Hollywood-Frauen im Großmutteralter ihren Kinderwunsch erfüllen, sind in Deutschland verboten.

„Wenn eine Frau zwei Kinder auf natürlichem Weg haben möchte und mit 34 Jahren beginnt, hat sie eine statistische Chance von 75 Prozent, dass es auch tatsächlich klappt“, sagt Bujard. Für eine höhere Chance müsste sie früher anfangen. „Die Wahrscheinlichkeit erhöht sich auf 90 Prozent für Frauen, die mit 27 Jahren versuchen, den Kinderwunsch umzusetzen“.

Selbst wenn Monika Deich diese Statistik mit 27 Jahren gekannt hätte, wäre ihre Situation heute nicht anders. „Ich habe lange nicht den passenden Partner gefunden und wollte keine alleinerziehende Mutter sein“, sagt sie. Mit 33 traf sie dann den richtigen Mann, mit 36 bekamen sie ihren Sohn und erst mit 39 fühlte sie sich bereit für ein zweites Kind. „Ich fand es superanstrengend mit einem Kind und wusste nicht, wie ich zwei kleinen Kindern gerecht werden sollte“. Auch aus beruflichen Gründen wollte sie sie nicht sofort an die erste Elternzeit eine zweite direkt anschließen.

Auch Trennungen spielen eine Rolle

Das Alter der Frauen ist allerdings auch nur einer von vielen Gründen, weshalb Paare den Schritt zu einem zweiten Kind nicht wagen. Auch Beziehungsprobleme und nicht zuletzt Trennungen spielen laut Familienforscher Bujard eine wesentliche Rolle. Mehr als jede dritte Ehe wird in Deutschland geschieden. Und auch wenn viele Paare trotz Streitigkeiten dem Nachwuchs zuliebe länger zusammenbleiben, sind Kinder teilweise auch die Ursache, weshalb Beziehungen auseinandergehen. Die meisten Scheidungen von jungen Paaren erfolgen drei bis vier Jahre nach der Geburt des ersten Kindes, besonders häufig findet die Trennung schon vor dem ersten Geburtstag des Kindes statt.

„Viele Eltern sind von den Anforderungen überrascht, die die Geburt und die Betreuung eines Kindes mit sich bringt“, sagt Bujard. Und eine Studie des Max- Planck-Instituts für demografische Forschung zeigt: Je unzufriedener Eltern mit ihrem Leben unmittelbar nach der Geburt des ersten Kindes sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie noch ein zweites Kind bekommen. Und Kinder bringen anfangs eben nicht nur Glück. So gaben 70 Prozent der Studienteilnehmer an, im ersten Jahr ihrer Elternschaft unzufriedener gewesen zu sein als in den Jahren davor. Und von den Eltern, die einen besonders großen Glücksverlust erlitten hatten, bekamen nur die allerwenigsten ein weiteres Kind.

Und das Geld natürlich ebenso

Nicht selten entscheidet aber auch die finanzielle Situation darüber, wie viele Kinder in einer Familie auf die Welt kommen. Mit jedem Kind steigt die Gefahr, in die Armut abzurutschen. Mit drei Kindern liegt die Armutsgefährdungsquote bei 25 Prozent, mit zwei Kindern bei 11 Prozent. Höhere Risiken für Altersarmut gehen damit einher. Auch Paare, die in die Erziehungs- und Familienberatung der Caritas kommen, würden genau abwägen, ob sie sich den Wunsch für ein weiteres Kind wirklich erfüllen können und das auch möchten, erzählt Bernhard Huf, Leiter der Beratungsstellen bei der Caritas in Berlin.

„Zukunftssorgen und Existenzängste spielen dabei eine besonders große Rolle“, sagt Huf. Manche Paare seien auf zwei volle Einkommen angewiesen und könnten es sich schlicht nicht leisten, dass entweder die Mutter oder der Vater noch einmal für ein Jahr zu Hause bleibt – und das trotz Elterngeld. Manchmal seien die Sorgen existenziell, manchmal ginge es auch nur darum, den gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten. „Kindererziehung frisst Zeit und Ressourcen und darunter leiden auch die Beziehungen“, sagt Huf. Viele Eltern seien hin- und hergerissen: Sie müssen Geld verdienen, im Beruf Leistung zeigen, dann am Abend noch den Familienpapa oder die Mama geben und gleichzeitig die Liebesbeziehung zum Partner pflegen. „Das halten viele auf Dauer nicht durch“.

Zu hohe Ansprüche an sich selbst

Er beobachte aber auch, dass manche Eltern sich unnötig unter Druck setzen, weil sie zu hohe Anforderungen an sich selbst, aber auch an ihre Kinder stellen. „Sie möchten sie bestmöglich fördern, mit musikalischen und sportlichen Angeboten“. Aus einem gewöhnlichen Kindergeburtstag werde heute ein großes Event. Und auch von den Schulen werde viel mehr als früher verlangt. „So viel Aufmerksamkeit lässt sich vielleicht noch mit einem Kind vereinbaren, bei einem weiteren oder gar mehreren Kindern wäre der gleiche Aufwand für viele Eltern nicht mehr zu schaffen“, prognostiziert Huf.

Und Christine Schirmer von der Beratungsstelle von Pro-Familia sagt: „Die finanzielle Situation ist einer der Hauptgründe, weshalb Eltern damit hadern, ob sie noch ein weiteres Kind bekommen oder nicht“. In ihrer Beratung für werdende Eltern begegnet sie immer wieder Frauen, die sich gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden würden, hätten sie eine gesicherte Arbeitsstelle – oder zumindest eine stabile Paarbeziehung. „Wer von vornherein weiß, dass er wahrscheinlich in einigen Jahren alleinerziehend sein wird, entscheidet sich im Zweifel gegen ein Kind“, sagt Schirmer.

Jeder wisse schließlich, welches Armutsrisiko damit verbunden sei. Hinzu kommt das Thema bezahlbarer Wohnraum. „Wenn künftige Eltern merken, dass sie mit ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung bald nicht mehr zurechtkommen, sich aber keine größere Wohnung mehr leisten können, dann beeinflusst auch das die Entscheidung über einen weiteren Kinderwunsch“, sagt Schirmer. Nicht zuletzt macht die Pro-Familia-Beraterin die prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt für die geringe Geburtenrate mitverantwortlich. „Viele Frauen haben nur einen befristeten Vertrag, wenn sie das erste Mal schwanger werden – und der wird dann häufig nach der Elternzeit nicht mehr verlängert.“

Und dann wird die Arbeit wieder wichtiger – trotzdem: Kinder bringen Glück

Ist das Kind etwas größer, freuten sich die Frauen, wenn sie endlich wieder in den Job zurückgefunden haben und zögerten die Entscheidung für ein weiteres Kind lieber hinaus. Die gleichen Probleme haben aber auch die Väter – wie die Sozialpädagogin in ihren Beratungsgesprächen häufig feststellen muss. Die offiziellen Zahlen geben ihren Beobachtungen recht. Laut dem Statistischen Bundesamt hat sich der Anteil der befristeten Arbeitsverträge der 25- bis 34- Jährigen in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt, von 8,5 auf 17,9 Prozent.

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So viele Argumente gegen mehrere Kinder – und doch zeigt die bereits zitierte Studie des Max-Planck-Instituts: Zumindest langfristig betrachtet, wirken sich mehrere Kinder eher positiv auf das Lebensglück von Eltern aus. Bernhard Huf von der Caritas macht den Eltern, die sich den Schritt zum zweiten Kind nicht trauen, zusätzlich Mut: „Das Leben von Eltern wird leichter, wenn zwei oder drei Kinder in der Familie leben.“ Dann verteilt sich seiner Ansicht nach die Aufmerksamkeit besser, die ständige Eins-zu-Eins-Betreuung entfällt, die Geschwister beschäftigten sich gegenseitig.

Einzelkinder: Wie bitte, Sie haben nur ein Kind?!

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Will man Einzelkind-Eltern einen Stich ins Herz versetzen, lässt man sie eine Folge der Serie „Die Waltons“ schauen. Spätestens, wenn John-Boy seinen jüngeren Geschwistern Elizabeth, Mary-Ellen, Jim-Bob, Jason, Erin oder Ben am Ende liebevoll gute Nacht wünscht, werden die meisten von ihnen unterschwellig ein schlechtes Gewissen haben. Dann klingt das „einzeln“ in Einzelkind plötzlich nach einsam.

Und das schlechte Image, das an den geschwisterlosen Kleinen haftet wie Karamellbonbons an Milchzähnen, schießt ihnen in den Kopf: Werden Einzelkinder wirklich zu Egoisten und Eigenbrötlern? Sind sie asozial, herrschsüchtig, altklug, konfliktscheu und zum sozialen Miteinander weitgehend unfähig? So das Klischee.

Allein schon um sich später nichts vorwerfen lassen zu müssen, bekommen manche Eltern ein zweites Kind. Gleichzeitig leisten sie so natürlich auch noch ihren Teil im Kampf gegen den demografischen Wandel, die Vergreisung Deutschlands – bei dem jeder noch so leichte Anstieg der Geburtenrate (statistisch gesehen bringt jede Frau im Laufe ihres Lebens 1,4 Kinder zur Welt) in den Medien frenetisch gefeiert wird.

Keines der gängigen Vorurteile über Einzelkinder stimmt

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„Es gibt Sozialphilosophen, die befürchten den Untergang der Menschheit, weil es bald nur noch Egomanen ohne Geschwister geben wird, die keine Solidarität mehr kennen, keine Hilfsbereitschaft“, ärgert sich der Münchner Entwicklungspsychologe und Familienforscher Hartmut Kasten.

Dabei hätten Studien längst belegt, dass keines der gängigen Vorurteile auch nur ansatzweise zu halten sei. „Trotzdem bekommen wir diese Klischees nicht aus unseren Köpfen“, so Kasten. Seit 25 Jahren kämpfe er gegen sie an wie Don Quijote gegen Windmühlenflügel.

Doch woher kommt dann überhaupt der schlechte Ruf? Aus der Vergangenheit. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in der deutschen Durchschnittsfamilie fünf Kinder, vor Beginn des Zweiten Weltkrieges immerhin noch drei. Einzelkinder waren damals also eine Rarität – und in der Regel Resultat einer schwierigen Familiensituation.

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Die Einzelkämpfer waren Waisen, Halbwaisen oder hatten eine kränkliche Mutter, die zum Beglucken neigte. Aus einer Trennungsfamilie zu stammen oder vielleicht sogar unehelich geboren zu sein (damals noch undenkbar!) machte sie bereits zu Außenseitern – sie wuchsen meist isoliert auf und entwickelten tatsächlich oft soziale Defizite.

Die Zahl der Ein-Kind-Familien bleibt konstant

Heute lebt jedes vierte Kind allein zu Hause. Und auch wenn die Wahrnehmung der Sozialphilosophen eine andere zu sein scheint: Die Zahl der Ein-Kind-Familien ist in den vergangenen 15 Jahren relativ konstant geblieben. Nur die Gründe für die Geschwisterlosigkeit haben sich geändert.

Neben Trennung, der häufigsten Ursache, und dem unerfüllten zweiten Kinderwunsch, treffen Frauen den richtigen Partner heute oftmals erst kurz vor Ablauf ihrer biologischen Uhr, so dass gerade noch Zeit für einen Nachkommen bleibt – und immer mehr Eltern entscheiden sich ganz offensiv für das Minimalziel ein Kind.

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Vielleicht, weil die Mutter schneller zurück in den Job will und eine weitere Elternzeit und doppelt so viele Krankheitsfälle, Läuseausbrüche, durchwachte Nächte der Karriere eher abträglich sind.

Oder weil die bei der ersten Schwangerschaft noch hochmotivierten neuen Väter inzwischen wissen, dass sie in der Nacht vor einem wichtigen Termin doch lieber aufs Sofa flüchten statt ans Kinderbettchen zu eilen. Häufig sind auch finanzielle Gründe ausschlaggebend. Manch einer stellt einfach fest: Zu dritt sind wir glücklich genug.

Bei den Eltern von Wunscheinzelkindern ist der Rechtfertigungsdruck hoch – vor sich selbst, aber auch vor dem Nachbarn, der im Vorbeigehen fragt: „Na, wann bekommt der Kleine einen Spielkameraden?“ oder die Bekannte, die vermutet: „Ist das Zweite unterwegs?“ – und dabei auf den Bauchansatz starrt, der noch vom ersten Kind stammt.

Mitunter werden Einzelkinder über den Klee gelobt

Die Schweizer Wissenschaftsjournalistin Brigitte Blöchlinger war bei der Geburt ihrer Tochter bereits 41 Jahre alt, plante kein zweites Kind und wollte sich quasi absichern, dass das völlig in Ordnung sei.

„Der subtile Zwang, zwei Kinder zu haben, ist stark. Viele Paare lassen sich davon beeinflussen und möchten vor allem deshalb ein zweites Kind, weil sie befürchten, eines allein könnte Schaden nehmen“, erklärt Brigitte Blöchlinger. Also recherchierte sie sich durch alle Studien und schrieb das Buch „Lob des Einzelkindes“.

Denn in den Untersuchungen, so stellte Blöchlinger fest, wird der geschwisterlose Nachwuchs fast schon über den grünen Klee gelobt. Wer ohne Brüder und Schwestern aufwächst, lerne besser auf andere zuzugehen und zu kooperieren, heißt es da zum Beispiel.

Einzelkinder sind häufig extrovertierter und sozial kompetenter, weil sie sonst schnell allein im Sandkasten sitzen müssten. Und da sie ihre Sozialkontakte nicht wie in Großfamilien frei Haus geliefert bekommen, pflegen sie ihre Freundschaften zudem meist intensiver.

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Und auch das ihnen vorgeworfene „Nichtteilenkönnen“ stimmt nicht. Im Gegenteil. Weil Einzelkindern das Gerangel um Liebe, Zuneigung oder das letzte Fischstäbchen auf dem Teller fremd ist, geben sie gern ab. Und wer als Einzelkind schon einmal am Abendbrottisch einer Großfamilie saß, wird sich gewundert haben, mit welch harten Bandagen dort gekämpft wird.

Unter Geschwistern geht es rauer zu

Die konzentrierte Aufmerksamkeit der Eltern und deren Erwartungshaltung, die sich auf ein einziges Kind richtet, macht sie zudem oft etwas besser in der Schule, später erfolgreicher im Beruf. Bereits 1968 titelte die „New York Times“: „Jeder Astronaut ein Einzelkind.“ Gemeint war das dreiköpfige Apollo-8-Besatzungsteam, von dem einer, William Alison Anders, im Artikel zitiert wird: „Ich wäre heute bestimmt nicht da, wo ich heute stehe, wenn ich kein Einzelkind wäre.“

Auch Schauspielerin Natalie Portman ist sich sicher: „Wenn ich Brüder oder Schwestern hätte, dann wäre ich nie Schauspielerin geworden. Meine Mutter hat mich zu jedem Vorsprechen und zu jeder Schauspielklasse begleitet. Mit mehreren Kindern wäre das nicht möglich gewesen.“

Auf der anderen Seite sind Geschwisterkinder natürlich nicht so harmoniesüchtig wie die Waltons. Bei den Bergmans herrschte zum Beispiel sicherlich ein raueres Klima. Zumindest sagte Ingmar Bergman über die Geburt seiner kleinen Schwester: „Eine fette, missgestaltete Person spielte plötzlich die Hauptrolle. Ich werde aus dem Bett meiner Mutter vertrieben, mein Vater strahlt angesichts des brüllenden Bündels.“ Der Regisseur war das zweite von insgesamt drei Kindern.

In der Regel wird unter Brüdern und Schwestern gepetzt, gehauen und gestritten, so heftig und unerbitterlich, wie man es sich bei keinem Freund trauen würde. Geschwister zwischen drei und sieben Jahren geraten im Schnitt 3,5 Mal pro Stunde aneinander. Sind die Kinder zwischen zwei und vier Jahren alt, bricht sogar alle zehn Minuten ein Streit aus. Selbst die Frage danach, wer welche Strohhalmfarbe bekommt, kann in einer Keilerei enden.

Einzelkinder sind nachgiebig und konfliktscheu

Einzelkinder müssen sich darum nicht prügeln. Wollen sie Rot, bekommen sie Rot. Das Resultat: Weil sie seltener streiten, haben sie in der Regel ein schlechteres Durchsetzungsvermögen als Geschwister. Sie agieren besonders nachgiebig und häufig sind sie konfliktscheu. Auch Ellenbogenmentalität liegt ihnen weniger.

Und wo wir bei den wenigen negativen Ergebnissen von Einzelkind-Studien sind: Laut einer Untersuchung der Uni Göteborg haben geschwisterlose Kinder ein 50 Prozent höheres Risiko für Übergewicht, weil sie mehr Zeit allein herumlümmeln. Aber dem können die Eltern gezielt entgegensteuern.

Genau wie bei ein paar anderen Besonderheiten, die Einzelkindeltern berücksichtigen sollten: „Sie müssen zum Beispiel noch genauer darauf achten, dass sie ihren Nachwuchs nicht zum Gehilfen bei der Erfüllung eigener Wünsche machen“, so Hartmut Kasten.

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Wenn das einzige Kind nicht studieren will, dann gibt es eben keinen Akademiker in der Kleinstfamilie. Vorsicht ist auch geboten, wenn Eltern sich besonders große Sorgen um den einzigen Sprössling machen. Diese Ängstlichkeit kann sich auf das Kind übertragen.

Entscheidend für alle Kinder: soziale Kontakte

Das Wichtigste aber ist, dass Kinder andere Kinder brauchen – und das müssen keine Geschwister sein. „Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 30 Jahren so entwickelt, dass sie dem Einzelkind dabei in die Hände spielt“, sagt Brigitte Blöchlinger. „Die Fremdbetreuung hat zugenommen, die Kleinen bekommen in der Kita bereits früh viele Kontakte zu Gleichaltrigen.

Außerdem wird ihre Freizeit heute überwiegend von den Eltern organisiert und beim Hin-und-her zwischen Pekip, Krabbelgruppe, musikalische Früherziehung und Sportverein ist es fast unmöglich, das Kind von anderen Kindern fernzuhalten.

Wie beruhigend: Einzelkinder werden wegen ihrer Geschwisterlosigkeit wohl kaum einen bleibenden Schaden davontragen. Genauso wie ein zweites, drittes, viertes Kind nicht davor schützt, dass das erste vielleicht ein asozialer, herrschsüchtiger, altkluger, konfliktscheuer Egoist wird. Das hat man als Eltern dann aber selbst zu verantworten.

Einzelkind
 Braucht ein Kind Geschwister?

Im Jahr 2007 bekam die Durchschnitts-Deutsche 1,37 Kinder. Und darunter viele auf eigenen Wunsch genau eines, bei dem es bleiben soll. Dafür gibt es gute Argumente: Mit einem Kind gelingt es leichter, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Und dass beide Elternteile früh wieder berufstätig sind und Erziehung wie Haushalt gleichberechtigt aufteilen, ist Einzelkind-Eltern laut Umfragen wichtiger als Eltern mehrerer Kinder. So gehen 68 Prozent der Mütter von Einzelkindern schon vor dem dritten Geburtstag des Kindes wieder zurück in den Job – von den Mehrfachmüttern nur 43 Prozent.

Eltern mit einem Kind haben mehr Zeit als Paar, gehen häufiger aus oder treffen Freunde. Trotzdem bleibt ihnen mehr Exklusivzeit für ihr Kind als Eltern, die sich zwischen Geschwistern manchmal fast zerreißen müssen.

Einige Mütter geben auf die Frage nach dem Grund für die Drei-Personen-Familie auch unverhohlen zu, dass sie sich Schwangerschaft, Geburt und Babyzeit rosiger vorgestellt hatten und dass sie das, was sie in der Wirklichkeit erwartet hat, nicht noch mal brauchen.

Ein Drittel aller befragten deutschen Einzelkind-Mütter gab außerdem in einer Studie an, dass sie selbst gern weniger oder keine Geschwister gehabt hätten, da es ihnen aufgrund der Brüder und Schwestern an Aufmerksamkeit und Liebe der Eltern gemangelt habe.

Schließlich gibt es auch Eltern, die ohne tiefer liegende Gründe mit ihrem Kind einfach glücklich sind und keinen Wunsch nach einem zweiten verspüren.

Im Wochenbett mit dem zweiten Kind
 Und plötzlich war meine Kleine meine Große!

Und dann kam die Zeit, wo mein Mann wieder arbeiten ging und ich Rixa nachmittags selber aus der Kita abholte. Vier Wochen da komplett raus gewesen zu sein, das war komisch. Ich hatte meinen Mann ständig gefragt: „Und? Gibt’s was Neues?“ Mal konnte er was erzählen, aber oft eben auch nicht. Und ich hatte trotzdem das Gefühl, gar nicht mehr richtig an dem Leben vom Rixa teilzunehmen. Von daher war es gut, wieder täglich in der Kita zu sein und zu merken: Es gibt wirklich nichts Neues zu erzählen.
Dafür war das Timing für Bela und mich eine Herausforderung. Irgendwie hat uns der Zeitpunkt des Abholens fast jeden Tag wieder überrascht. Ich trug immer noch den Schlafanzug oder die Jogginghose: ausgeh-unfein sozusagen. Vorher noch mal schnell stillen und Windeln wechseln und dann mit Sack und Karre los. Der Spiegel in unserem Haus-Aufzug hat mich so manches Mal vor Peinlichkeit gerettet. Immerhin war Winter, so dass ich mit einer Wollmütze das Haarchaos erst mal verdecken konnte. Da ich in meine Jeanshose sowieso noch nicht wieder reinpasste, war die Jogginghose mein neues Markenzeichen.
Mit etwas Glück schlief Bela schon auf dem Weg in die Kita ein. Das gab mir Zeit, Rixa beim Anziehen zu helfen, mal die Windel noch schnell zu wechseln, bis Bela wieder aufwachte, weil der Kinderwagen sich ja nicht mehr bewegte. Hat oft geklappt, aber manchmal eben auch nicht. Dann hieß es mit vorgeschnalltem Baby in die Knie gehen und Schuhe anfriemeln und trotzdem die Geduld behalten, wenn Rixa die fünfte Runde mit Freunden in der Kita-Halle drehte oder gerade einen Trotzanfall in der Garderobe hinlegte. Schafft man alles, aber es kostet einfach UNGLAUBLICH viel Kraft. Und natürlich versucht man, die ganze Zeit völlig souverän dabei rüber zu kommen vor den anderen Eltern und Erziehern. Haben ja andere Mütter auch geschafft, ohne vor Erschöpfung rumzuschreien oder einfach nur zu heulen.
Da der Altersabstand bei unseren Kindern so gering war, musste bald eine Geschwisterkarre her. Wenn da erst mal wieder alles drin angeschnallt war, gab mir das Ruhe und Sicherheit. Aber mit einem Geschwisterwagen durch den öffentlichen Nahverkehr ist auch kein Spaß. Treppen runter tragen hilft dir kaum noch einer, wenn da zwei Möpse in der Karre sitzen. Wir sind dann einfach viel spazieren gegangen. Rixa konnte von ihrem Tag erzählen und Bela schlief die nächste Runde an der frischen Luft.

Beim zweiten Mal ist alles leichter

Die erste Geburt – Ich war dabei.
Es dauerte die ganze Nacht. Ich habe sie leiden sehen. Ich habe sie schreien hören. Ich habe sie erleichtert gesehen. Ein Kind war unterwegs. Unterwegs zu uns. Wir haben überlegt, gezweifelt, diskutiert. Wir haben uns gefreut. Wir wussten nicht, was kommt. Wir haben uns vorbereitet. Auf eine Hausgeburt. Doch bekommen hat sie das Kind. Ich war nur dabei. Ich konnte nicht viel tun. Nur dabei sein. Aber Dabeisein ist nicht alles. Es erfasste nur sie. Existentiell. Ich hatte Angst – um sie – um das Kind. Nur die Hebamme konnte wirklich helfen. Ich war nur dabei. Aber ich habe Hoffnung, Vorfreude, das letzte Aufbäumen und selige Erschöpfung mit durchlebt. Es begann am frühen Abend. Erst kamen die Wehen gut in Gang, waren laut Hebamme auch produktiv.
Dann ging irgendwann nichts mehr vorwärts. Die Wehen wurden schwächer. Sie sollte aus dem Bett, sich bewegen. Das war kaum möglich. Irgendwann kamen die Wehen zurück. Endlich ging es weiter. Es war schon weit nach Mitternacht, als die Hebamme den Frauenarzt rief. Sie durfte nicht nähen, falls es zu einem Dammriss kommen würde. Als der Arzt kam, waren die Wehen schwächer geworden, genauso wie sie, kaum mehr ansprechbar, in den Wehenpausen apathisch. Der Arzt trampelte auf die Matratze und presste mit aller Kraft sein Knie gegen ihren Bauch. Sie schrie. Wimmerte. Nichts bewegte sich. Was tun? Die Hebamme setzte ihr ein Ultimatum: „Wenn bis 5 Uhr nichts geschieht, müssen wir ins Krankenhaus!“ Sie nahm alle Kraft zusammen. Bloß nicht ins Krankenhaus! Bei der Vorstellung, die Treppe hinab und ins Auto einsteigen zu müssen, schüttelte sie sich.
Dann ging es plötzlich ganz schnell. Es war zehn nach fünf, als das Kind geboren wurde. Draußen zwitscherten die Vögel. Die Hebamme legte ihr das Neugeborene auf den Bauch. Beide waren völlig erschöpft. Regungslos. Die Hebamme forderte mich auf, meine Tochter zu berühren. Ich näherte mich vorsichtig. Als sich das Neugeborene auf einmal bewegte, meinte ich einen Augenblick, ein Monster zu berühren, so unglaublich fühlte sich das an. Fremd. Fast gespenstisch. Da wurde mir klar: neues Leben ist aus ihrem Bauch heraus gekommen. Es bewegt sich. Von selbst. Ein Lebewesen. Ein Mensch wie du und ich. Ein Mensch wie sie und ich.
Ein Wunder – und ich war dabei. Danke.

Wenn Hebammen Kinder kriegen: Antonia (2. Geburt)

Antonia ist 33 Jahre und mittlerweile Mutter von drei Kindern. Aktuell ist sie in Elternzeit, betreut aber sonst in ihrer Hebammenpraxis in Süddeutschland Frauen vor und nach der Geburt. Sie hat in dieser Reihe schon von ihrer ersten, sehr langen und anstrengenden Geburt berichtet. Ihre zweite Tochter hat es dann so eilig gehabt, dass das Auto zum Geburtsort wurde.

Marie ist mein zweites Kind. Nachdem Amélie Eineinhalb wurde, kam der Wunsch nach einem zweiten Kind auf und ich wurde unproblematisch im dritten Zyklus schwanger. Die Schwangerschaft war – im Gegensatz zur ersten – nicht ganz leicht. Ich litt sehr lange unter extremer Übelkeit, habe bis zur 25. SSW mehrmals täglich gebrochen. Danach noch täglich beim Zähneputzen bis zum bitteren Ende. Zusätzlich hatte sich ein Halswirbel verschoben, was zunächst niemand erkannt hatte. Dadurch plagten mich von der 13. bis zur 23. SSW chronische Kopfschmerzen. Aber ab der 25. Woche ging es mir gut und ich habe die Schwangerschaft genossen.

Nachdem die Geburt von Amélie für mich ziemlich schwierig war – wenn auch aus medizinischer Sicht nicht besonders auffällig – und weil sie direkt nach der Geburt ins Perinatalzentrum verlegt werden musste (wegen akuter Zyanose, SauerstoffsSättigung war bei 59%), wo sie dann eine Woche lang mit Lungenentzündung lag, wollte mein Mann Michael diesmal keine Hausgeburt mehr probieren. Und ich konnte ihn sogar verstehen. Das nächste Kinderkrankenhaus ist 25 Minuten von uns entfernt. Das ist in einem Notfall doch sehr, sehr weit. Ich allerdings konnte mir nicht vorstellen, mich noch einmal der Maschinerie des Kreißsaals zu unterwerfen.

Lieber die Zähne zusammengebissen

Außerdem war ich wild entschlossen, es dieses Mal „allein“ zu packen. Als Alternative gab es da nur ein Geburtshaus in 70 Kilometer Entfernung. Wir schauten es uns an und schon bei der Besichtigung war uns beiden klar: das passt! Ich hätte bei der Geburt die Betreuung von wunderbaren Hebammen-Kolleginnen, wenige hundert Meter entfernt war eine große Klinik mit Geburtenstation und eine Kinderklinik für den Notfall. Die Begleitung in der Schwangerschaft übernahmen ab der 13. SSW die Geburtshaus-Kolleginnen. Ich bin im Nachhinein unendlich dankbar, dass diese Betreuung neben der rein „messbaren“ Schwangerenvorsorge auch zu großen Teilen aus Zuhören bestand. So konnte ich so oft ich wollte, immer und immer wieder über die erste Geburt und über den Tod meiner Mutter drei Monate danach sprechen.

Der Entbindungstermin fiel übrigens in die Woche vor dem zweiten Todestag meiner Mutter und für mich war diese Schwangerschaft von Anfang an ein Geschenk und ein Zeichen von meiner Mutter. Das war ein sehr schönes Gefühl. Aufgrund der extrem langen Geburtsdauer beim ersten Mal (über 24 Stunden), rechnete ich wieder mit einer sehr langen Geburt. Aber ich wusste: Nachdem ich mich so durch die erste Geburt durchgekämpft hatte, schaffe ich jetzt alles!

Insgeheim hatte ich immer gehofft, dass das Kind sich am Todestag meiner Mutter auf den Weg machen würde. Weil ich es – wie gesagt- als Geschenk meiner Mutter begriffen habe. Als der Todestag gekommen war, tat sich: Nix. Gar nix. Ich war vier Tage über dem errechneten Termin und vormittags in unserer Praxis zum CTG gewesen. Seit drei Tagen hatte ich einen schlimmer werdenden Nierenstau, wegen dem man sicher im Krankenhaus die Geburt eingeleitet hätte. Aber ich wollte nicht. Da hab ich lieber die Zähne zusammengebissen, obwohl es immer schmerzhafter wurde.

Alles noch ganz am Beginn, alle Zeit der Welt

Nach dem CTG bin ich so richtig frustriert Heim gefahren, ich hatte mir den Tag doch so perfekt eingebildet. Nun war es schon Mittag und noch keine Wehe in Sicht. Nicht mal Mini-Kontraktiönchen. Beleidigt und schmollend hab ich mich daheim ins Bett gelegt, um einen Mittagsschlaf zu machen. In Seitenlage und mit Wärmflasche tat auch die Niere nicht so weh. Amélie war am Nachmittag sowieso mit ihrer Oma unterwegs, da konnte ich mich in Ruhe meinem Grant hingeben.

Um etwa 15 Uhr bin ich aufgewacht von – tadaaaaaaa!!!!! – einer leichten Wehe! Ich habe noch eine halbe Stunde im Bett gewartet und dann war mir klar: Jetzt geht’s langsam los! Die Wehen waren weder besonders schmerzhaft noch regelmäßig, aber dennoch wollte ich gleich ins Geburtshaus aufbrechen. Lieber dort nochmal ein paar Stunden spazieren gehen oder in der Badewanne plätschern, als mit starken Wehen eine Stunde Auto zu fahren. Ich hab also angerufen, um Bescheid zu geben, dass wir nun losfahren würden und mich sehr gefreut, zu hören, dass Hebamme Katharina da sein würde.

Michael wollte vorher noch schnell zur Post ins Nachbardorf fahren. Fand ich doof, hab‘s nicht erlaubt. Ich wollte los. Vorm Losgehen hab ich auf dem Klo noch schnell nach dem Muttermund getastet: der war weich und der Gebärmutterhals noch ziemlich lang, für einen Finger durchgehend geöffnet. Alles noch ganz am Beginn, alle Zeit der Welt. Bei der Abfahrt war es etwa 16 Uhr. Michael ist gefahren, ich saß mit Sitzheizung auf dem Beifahrersitz und wir haben Musik gehört. Es war natürlich inzwischen Freitagabendverkehr und recht viel los.

„Das halte ich nie zehn Stunden lang aus!“

Das linke Bein stand auf der Mittelkonsole, das rechte hab ich ab und an vorne aufs Handschuhfach gestellt. Ging alles super. Die Kontraktionen waren leicht. Ich hoffte auf eine MM-Eröffnung von zwei bis drei Zentimetern bei der Ankunft im Geburtshaus. Wir haben nochmal die möglichen Namen durchgesprochen. Zwischendrin musste ich nun doch schon leicht die zunehmenden Wehen veratmen. Aber es war echt alles total harmlos. Da ich immer ziemlich starke Regelschmerzen hatte und vor allem die Wehen bei der ersten Geburt schon sehr früh HÖLLISCH weh getan haben, hab ich das alles gut weggesteckt und das auch nicht wirklich für Eröffnungswehen gehalten.

In der Stadt auf dem Ring war stockender Verkehr. Das fand ich dann schon nichtmehr so prickelnd. Ich musste ziemlich dringend aufs Klo, eigentlich war es auch nicht mehr so weit bis zum Geburtshaus, etwa zehn Minuten bei normalem Tempo. Aber wir kamen nicht gut vorwärts.
Auf einmal musste ich weinen. Meine Mutter hat mir so sehr gefehlt!!!! Da sind wir grade über eine Brücke gefahren. Am Ende der Brücke hat sich alles schlagartig geändert: Ich hatte eine Wehe, dass ich dachte, jetzt wird meine Becken gesprengt. Ich hatte das Gefühl, als würde der Beckenring zerbersten und habe geschrien wie am Spieß. Einfach nur laut wie ein wildes Tier. Ich hab mich etwas geschämt vor Michael, konnte aber nicht anders. Dann war die Wehe vorbei und ich hab immer noch geschrien, obwohl der Schmerz deutlich nachgelassen hat. Ich habe wüst geschimpft. „Das halte ich nie zehn Stunden lang aus!“ – „Was für eine Scheißidee ins Geburtshaus zu fahren!“ – „Ich will ne PDA, sofort!“ – „Nein, einen Kaiserschnitt!“

Ich dachte in dem Moment, dass jetzt die Eröffnungswehen richtig losgehen und dass ich das wirklich nicht aushalten werde. Ich habe nicht gecheckt, was da gerade los war. Da kam die nächste Wehe. Waren die Schmerzen vorher schlimm, so dachte ich diesmal, jetzt ist‘s vorbei mit mir. Da stimmt was nicht, da läuft was falsch. In dem Moment, als ich grade dachte, ich halte es keine Sekunde länger aus, ist die Fruchtblase gesprungen. Wobei gesprungen nicht das richtige Wort ist. Sie ist explodiert. Ich meine, mich zu erinnern, dass es wirklich wie eine Wasserbombe geknallt hat. Aber vielleicht habe ich mir das auch nur vor Schreck eingebildet. Erstmal war ich erleichtert, weil die Schmerzen nach dem Blasensprung schlagartig besser wurden. Ich hab kapiert, dass das die Fruchtblase war, die da vorher mit aller Macht den Beckenboden auseinander gedehnt hat und war erleichtert ob dieser Erkenntnis.

„DAS KIND KOMMT! JETZT!!!!!“

Irgendwie hab ich mich aus meiner durchnässten Hose rausgewurschtelt. Michael ist gefahren, so schnell der Verkehr es zuließ. Er hat mir furchtbar leid getan, aber ich konnte wirklich nicht aus meiner Haut. Aber er blieb gelassen und hat mir ganz offensichtlich vertraut. Ich habe nach dem Kopf getastet, der aber noch ganz weit oben über dem Beckeneingang war. „Los fahr weiter“, hab ich zu ihm gesagt, „das schaffen wir noch!“ Es waren noch so etwa fünf Kilometer bis zum Geburtshaus.
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In der nächsten Wehe waren die Schmerzen wieder genauso schlimm und da ist der Groschen bei mir endlich gefallen „DAS KIND KOMMT! JETZT!!!!!“, hab ich gebrüllt und Michael ist in eine Einfahrt abgebogen – auf Kilometern die einzige an der vierspurigen Straße! Ich hab mich auf dem Beifahrersitz in den Kniestand gehievt und die Kopfstütze umklammert. Mein Hebammenhirn ist angesprungen, während der Rest meines Körpers völlig von der Urgewalt der Geburt mitgerissen wurde. Das Hirn hat gesagt: „Antonia, Knie weiter auseinander! Einmal mitschieben, dann ist es gleich geschafft! Nicht so schreien, atmen!“

Das hab ich dann auch brav gemacht. Michael kam grade ums Auto gerannt und hat die Tür aufgerissen, als schon der Kopf geboren wurde. Die Hebamme in mir hat ihn fachmännisch (und leider ziemlich unwirsch) aufgefordert: „Finger weg, nicht hinfassen!“ Aber da kam das Kind auch einfach schon ganz hinterher und wurde von seinem Vater sehr ruhig und besonnen aufgefangen. Überhaupt war Michael die ganze Zeit die Ruhe selbst, einfach unglaublich! Ich war fix und fertig. Hab mich wieder umgedreht, mich hingesetzt und das klitzekleine, knallrote, pausbäckige Baby auf meinen Bauchnabel gelegt. Weiter rauf ging nicht, die NS war so kurz. Das Baby hat geatmet und sah frisch aus. Das habe ich zu meiner Beruhigung wahrgenommen, obwohl ich sonst völlig überwältigt war.

Von der Geburt völlig überrumpelt

Michael und ich haben uns kurz umarmt und geküsst und uns staunend angeschaut, eine Decke über mich und das Baby gelegt, dann ist er wieder eingestiegen, hat im Geburtshaus angerufen und Katharina Bescheid gesagt, dass sie bitte mit warmen Handtüchern draußen warten solle, weil das Baby schon geboren sei. Es war ja schließlich November und echt frisch draußen. Die restliche Strecke zum Geburtshaus ist er dann gefahren wie eine gesengte Sau – ein Zeichen, dass er doch auch ganz schön mitgenommen war, trotz aller äußeren Ruhe.

Als wir dort angekommen waren, hat Katharina schon gewartet, Michael hat mir aus dem Auto geholfen. Ich habe so sehr gezittert und geschlottert am ganzen Körper, dass ich kaum gehen konnte. Mit nackigem Popo und das Kind in Handtüchern vorm Bauchnabel haltend bin ich über den Bürgersteig ins Geburtshaus und dort in den ersten Stock gewackelt. Ich hab mich ins Bett gelegt und immer noch gezittert. Als die Plazenta etwa eine halbe Stunde später geboren war, bin ich ganz schnell unter die Dusche, Michael hat das kleine Baby auf seinem Bauch gehabt in der Zeit.

Nach der Dusche ging es mir wieder besser und ich bekam dann erst überhaupt Lust nachzusehen, ob es ein Bub oder ein Mädchen war. Es war ein recht kräftiges, verknittertes, rotes Mädchen mit vielen, wunderschönen schwarzen Haaren. Unsere Marie! Ich war von der Geburt völlig überrumpelt, weil ich mit ALLEM gerechnet hatte, aber nicht mit einer unkomplizierten schnellen Geburt. Sicher ging es auch nur deshalb so einfach, weil ich mit den Eröffnungswehen so entspannt umgegangen bin. Ich habe sie einfach nicht für solche gehalten und deshalb auch nicht ernst genommen. Unsere zweite Tochter wurde also doch noch, blitzschnell und unkompliziert, am zweiten Todestag meiner Mutter gegen 17.20 Uhr geboren. Ich weiß, dass viele nicht verstehen, dass mir das so wichtig ist. Aber durch dieses wunderbare Geburtserlebnis wurde ich mit zwei schweren Erfahrungen versöhnt: Die erste Geburt war hart, ich hatte es nicht aus eigener Kraft geschafft, meine Tochter zu gebären. Das war für mich sehr schwer zu verkraften, war und bin ich doch als Hebamme davon überzeugt, dass JEDE Frau gebären kann. Und ich bin dem Tod meiner Mutter nicht mehr „gram“. Ich habe verstanden, dass das Leben trotzdem schön ist, auch wenn sie mir schrecklich fehlt und dass sie mir vor allem noch ganz, ganz nah ist. Immer.

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