Belohnungssystem für kinder


Wenn wir als Mamas für jeden Satz, den wir in selber Wortfolge mehr als einmal sagen müssen Punkte bekommen würden, wäre unser Punktekonto ganz sicher suuuuper voll! Wenn wir uns von diesen Punkten Schuhe kaufen dürften, würde ich diese gewissen Sätze mit größter Freude gerne noch 10 mal wiederholen. So ist es aber leider nicht! Keine Schuhe, höchstens schlechte Laune und tiefe Stirnfalten!

Ich meine diese gewissen Sätze, die wir alle gefühlte hundert mal in der Woche sagen,
Sätze wie : „Schatz, komm jetzt bitte Zähneputzen“ & „Schatz, trödel nicht so, wir müssen los, zieh jetzt bitte die Schuhe an“….

Sätze, die viel Kraft kosten – und zwar beide Seiten – und die den Ton und die Stimmung in der Familie auf Dauer tatsächlich vergiften können, weil sie uns so viel Kraft kosten.

Was dann folgt, kennen wir alle.

Irgendwann platzt einem die Hutschnur und man rennt keifend durch die Wohnung, was – auf kurze Sicht gesehen – in diesem Moment noch helfen mag. Zum einen, weil die Schuhe endlich angezogen werden, zum anderen, weil man sich Luft gemacht hat.

Auf lange Sicht gesehen, ist es auf keinen Fall eine gute Lösung, sondern eher eine emotionale Tortour, die weder nachhaltig ist, noch irgendeinen dauerhaften Mehrwert hat.
Schreien hat keinen Mehrwert!
Durch das heutige Rumgekeife wird die Situation am nächsten Morgen sicher nicht besser laufen, und auch der erste Schreck, mit dem die Kinder auf den lauten Ton reagiert haben, nimmt irgendwann ab und lässt die Kleinen nur abstumpfen.
Ganz zu schweigen von dem Gefühl der Enttäuschung, die es in uns allen hinterlässt.
All die Dinge, die an diesem Tag schon so toll gelaufen waren und die glücklichen Momente, die dieser Tag ganz sicher auch für uns hatte, verpuffen nach so einer Schreiepisode im Nichts, und hinterlassen in uns das Gefühl, das dieser Tag ein kompletter Reinfall war.

Ich wollte das so nicht mehr und unbedingt raus aus dieser immer wiederkehrenden Schreifalle.

Wir brauchten ganz dringend eine Veränderung, und so machte ich mich daran, erst einmal all die Dinge, die nicht so gut liefen aufzuschreiben.

All diese Punkte habe ich in eine Liste gepackt und daraus dann dieses Belohnungssystem für Kinder entwickelt. Unsere Liste ist in zehn Unterthemen aufgeteilt und hat eine Laufzeit von 10 Tagen. In wie viele Unterpunkte man diese Listen aufteilt, kann ganz individuell auf die Situation und auch das Alter der Kinder angepasst werden, ebenso wie die Laufzeit. Ich nehme immer mal wieder Punkte, die irgendwann von alleine laufen raus oder füge neue hinzu. Wichtig ist nur, dass ganz deutlich ist, was sich hinter jedem Punkt verbirgt, und was unsere tatsächlichen Erwartungen sind. Nur so können die Kinder es auch verstehen und annehmen.

Bei Diskussionen zu diesem Thema höre ich oft den Satz :“ Ich belohne meine Kinder doch nicht dafür, dass sie alltägliche Dinge gut machen. Nachher machen die gar nichts mehr ohne Belohnung“.

Meine Erfahrung ist eine ganz andere.

Es geht bei dieser Art von Bonussystem weniger um die materielle Belohnung ( die gibt’s als Anreiz in kleiner Form natürlich on top), als viel mehr um die Möglichkeit, einen gemeinsam Wege zu finden und die Kinder für diese Alltagssituationen zu sensibilisieren.
Ich belohne mein Kind nicht dafür, dass es zum Zähneputzen kommt, sondern dafür, dass es die Situation durch sein Verhalten für alle angenehmer macht. Dafür, dass mein Kind es schafft, seine Bedürfnisse und seinen Plan, den es für diesem Moment hatte in den Hintergrund zu stellen und dadurch den Tagesablauf entspannt. Die Prioritäten von uns Erwachsenen und die unserer Kinder liegen oft Lichtjahre voneinander entfernt und da ist es schon mal ein Lob wert, wenn die Kleinen es schaffen, die von uns vorgegebenen Abläufe ständig zu akzeptieren.

Wenn ich mich Abends mit jedem Kind einzeln hinsetzte und die Liste durchgehe und ankreuze, dann lobe ich die Dinge, die an diesem Tag gut funktioniert haben über den grünen Klee. Das Lob, welches mich ja nicht einen Penny kostet, ist unterm Strich die größte Belohnung, die ich meinen Kindern nur zukommen lassen kann. Das Anerkennen ihrer Leistung, und das Hervorheben von guten Taten beflügelt sie und macht sie vor allem stolz. Ein gutes Gefühl merkt man sich und wenn sich die Situation am nächsten Tag wiederholt, stehen die Chancen gut, dass sie sich an das gute Gefühl und das Lob erinnern und es wieder gut läuft.
Manche Dinge, die nicht so gut laufen, lasse ich am Tag seit dem manchmal unkommentiert, um sie am Abend dann in Ruhe zu besprechen. Abends habe ich die Zeit, mir noch mal die Sicht meines Kindes anzuhören und diese ohne Stress und Zeitdruck gemeinsam zu besprechen. Ganz frei von den Emotionen und der Hektik, in der Dinge eben manchmal nicht gut laufen.
Im Nachhinein glaube ich sogar, dass wir einige unserer Wünsche und Erwartungen womöglich gar nicht deutlich genug vermittelt hatten. Erst das tägliche gemeinsame Benennen und Reflektieren dieser Alltagssituationen hat unseren Kindern verdeutlicht, warum ihre Kooperation so wichtig ist. Und das Lob sich besser anfühlt als Ärger, wissen schon die Kleinsten!

Unsere Liste sieht so aus: ( zugegeben, bei dieser hatte Leo echt ’nen Lauf, die sieht bei weitem nicht immer so gut aus! 🙂 )


Zu Beginn darf sich jedes Kind etwas Kleines wünschen. Mal ist das ein besonderer Eisbecher, mal ein bestimmtes Obst nur für sich allein, oder ein kleines Event. Je nach dem, was passt…

Die Symbole stehen für :

  • Zähneputzen am Morgen
  • Schuhe und Jacke anziehen und losgehen
  • der ( hoffentlich ) gute Ton
  • Aufforderung und Bitten von uns nachkommen
  • Verhalten gegenüber den Geschwistern
  • Verhalten bei Tisch
  • Aufräumen
  • Ehrlichkeit
  • Anziehsachen wegräumen
  • Zähneputzen&Co am Abend

Dann haben wir noch das Symbol mit dem Würfel, das sind Zusatzpunkte, die man sich erarbeiten kann.

Daumen hoch ist ein Bonuspunkt, der für besonders tolles Verhalten vergeben wird.

Ihr seht, bei jedem einzelnen Punkt ist ganz viel Spielraum für Lob- und darum geht es bei diesem Belohnungssystem vor allem!
Es gibt so viele tolle Situation – besonders unterhalb von Geschwistern – die man als Eltern am Rande mitbekommt, aber aus verschiedensten Gründen in diesem Moment nicht beloben kann. Wenn die Kinder dann am Abend sehen, dass man wohl gemerkt hat, dass sie einem Geschwisterkind den Vortritt an der Schaukel gelassen haben, oder ihm gut zugesprochen haben, dann erfüllt sie das mit Stolz und Freude.

Neulich kam Lil heulend auf dem Spielplatz zu mir und beschwerte sich darüber, dass Leo mit ihrem Ball spielen würde. Sie war eigentlich längst schaukeln und brauchte ihn gar nicht mehr, aber es war ihr Lieblingsball und dazu noch ein nagelneuer! Sie jetzt davon zu überzeugen, ihren Bruder damit spielen zu lassen, hätte womöglich in weiteren Tränen und irgendwann fehlenden Nerven bei mir geführt. Ich habe sie auf den Schoss genommen und mein Bonuspunktass aus dem Ärmel gezaubert. Ich sagte: “ Hey, ich weiss, dass du den Ball ganz neu hast, und es dir wirklich nicht leicht fällt, jetzt schon jemand anderen damit spielen zu lassen, aber vielleicht kann der Leo ja mal fünf Minütchen damit spielen, und du trägst dir für dieses tolle Verhalten nachher einen dicken fetten Bonuspunkt ein“.
Schwupps, Problem beseitigt. Der Ball war vergessen, Lil war glücklich und flitzte wieder zur Schaukel ( Leo blieb unbeteiligter Weise ebenfalls glücklich ) und mir blieb eine nervenaufreibende Situation erspart. Darum geht’s schliesslich auch!

Bei unserer derzeitigen Liste haben wir 10 Themenpunkte. Können am Abend 8 angekreuzt werden,gibt es für diesen Tag ein Lachgesicht 🙂 . Sind es weniger gibt es ein Miesepetergesicht 🙁 .

Das Geschenk gibt es, wenn am Ende mindestens 8 Lachgesichter grinsen.

Nun gibt es natürlich dennoch diese Tage, an denen manche Dinge nicht so gut laufen, eben weil man auch mal einen schlechten Tag hat – vor allem am Morgen! Meistens reicht es, wenn ich dann sage: „Komm, ich will’s jetzt nicht noch fünf mal sagen, wäre doch echt ärgerlich, wenn dich das jetzt deinen Punkt für das und das kosten würde…, na los, den Punkt holen wir uns!“ Der Satz „Punkte kosten“ motiviert dann doch und wenn man sich den Punkt „gemeinsam holt“, verbindet es und erzeugt gleichzeitig ein ganz tolles
Wir-Gefühl.
Wenn es dazu kommt, dass man auf Grund der schlechten Laune am Morgen schon 3 Punkte vergeigt hat, der Rest des Tages aber ganz toll war, dann gibt es bei uns noch die Möglichkeit der Würfelpunkte.
Ich weiss, jetzt scheint es kompliziert zu werden, ist es aber nicht. Würfelpunkte sind ebenfalls Bonuspunkte, die man durch kleine Zusatzarbeiten bekommen kann. Zu Beispiel das CD-Regal vom Staub befreien, Müll rausbringen oder die Kinderbücher im Regal flott ordnen. Nichts großes, aber eben schon ein bisschen „good will“ zeigen.

Die Liste für unser Belohnungssystem habe ich in blanko hier hinterlegt: Punkteliste

Die einzelnen Symbole zum Einfügen in eine eigene Tabelle könnt Ihr sehr gerne hier Tabellenzeichen runterladen.

Für unsere Familie ist durch das „Belohnungssystem für Kinder“ vieles entspannter geworden, und wir feiern jede fertige Liste als wäre es der Pokal vom Endspiel!

In diesem Sinne also: ANPFIFF!

Belohnungstafeln, mit Smileys, traurigen Gesichtern und schwarzen Wolken. Oder der Pointy zum Eingeben von Punkten, wenn Kinder brav waren oder anständig gegessen haben, Daumen hoch und Daumen runter Symbole, Punktekarten?
Soll man Kinder für bestimmtes Verhalten belohnen?
Wenn ja warum, was bringt’s und was sollte man beachten?
Ich versuch meine Meinung dazu mal so ein bisschen zu erläutern.
Also.

Es gibt durchaus manchmal Situationen, in denen man eine zusätzliche Motivation gut gebrauchen kann. Das geht uns Erwachsenen nicht anders als Kindern. Wir bekommen diese in Form von Cumulus Punkten, Super Bonus-xy Rabatten, wir genehmigen uns einen Kaffee, ein Schoggistängeli, kaufen uns etwas Schönes und wenn wir Glück haben und einen netten Chef, gibt’s vielleicht mal eine kleine Auszeichnung als Mitarbeiter des Monats oder noch besser ein bisschen Kohle in Form einer Bonuszahlung.
Wenn wir das bekommen, dann nicht weil wir brav und artig waren, sondern weil wir unsere Arbeit gut gemacht haben.

Kindern einen Anreiz, eine Motivation zu geben ist also nicht grundsätzlich verwerflich. Die Frage ist einfach, wie oft wir das machen, in welchen Situationen und WIE?
Oft braucht es gar keinen Punkteplan, sondern einfach nur unsere Aufmerksamkeit. Eine nette Geste, ein Lachen, Zuzwinkern, Daumen hoch oder eine Anerkennung in Form von einem guten Feedback.

Trotzdem kann, (muss aber nicht), eine Punktekarte manchmal eingesetzt werden. Besonders in Situationen, in denen Kinder keine Lust haben, die Aufgabe wirklich sehr doof und wenig attraktiv ist, kann das manchmal helfen.
Bevor man sich aber auf eine Punktekarte stürzt, finde ich folgende Überlegungen wichtig:

1. Warum klappt es nicht?
Mit den Kindern einmal in Ruhe zusammen sitzen und das besprechen. Sagt ihnen, was euch stört und dann diskutiert zusammen, welche Möglicheiten gibt es denn? Was brauchen die Kids, damit sie sich an die Regeln halten können? Oft reicht es schon, wenn man diese Abmachungen genau definiert UND aufschreibt.
Versucht positiv zu formulieren. Also „Wir sprechen in anständigem Ton miteinander“ und nicht: „Wir brüllen nicht herum“. Ihr könnt diese Regeln mit Bildern, Fotos oder Zeichnungen ergänzen, damit sie auch alle verstehen.
Wenn die Kids schon etwas älter sind kann es helfen, die Abmachungen von allen unterschreiben zu lassen. Hängt diese Regeln dann als eine Art „Reminder“ gut sichtbar auf.
Wenn sie z.B am Schrank beim Eingang hängen, dann erinnern sich die Kids meistens von alleine daran und es braucht gar kein „Belohnungssystem“ mehr.

2. Für welches Verhalten?
Punkte, Kleber oder Smileys fürs brav sein, gehorchen, fürs lieb sein mit dem Bruder oder der Schwester, finde ich persönlich sehr schwierig. Was heisst denn bitte schön „brav sein“ genau?
Wann ist das Kind dann noch lieb und wann kann man sagen: „Du hast jetzt gut auf die Mama gehört?“
Hmm, sehr schwierig und das zu beurteilen ist auch abhängig von der eigenen Tagesform. Es ist auch äusserst frustrierend, wenn ein Kind am Anfang eben oft frech oder ungehorsam ist und es jedes Mal für dieses Verhalten einen Sticker bekommt. (Halt eben einen mit einem bösen Gesicht). Dann ist unter Umständen am Abend die halbe Tafel voll mit fiesen oder traurig guckenden Smileys. Nicht grad sehr aufbauend.
Deshalb finde ich persönlich: Belohnungssysteme um gutes Verhalten zu belohnen sind nicht brauchbar.
Wenn Punktekarte, dann nur für Verhalten, bei denen man ganz klar sagen kann:
Erfüllt oder nicht erfüllt.
Also z.B für Hausarbeiten/Ämtli, für Jacke aufhängen, Hände waschen, Kaninchen füttern, am Tisch sitzen bleiben usw.

3. Nicht nur das Verhalten belohnen, sondern auch schon die Anstrengung
Wenn man Kinder für ein bestimmtes Verhalten motivieren will, dann ist es wichtig, dass man am Anfang ein ganz leichtes Ziel setzt. Man kann auch schon den Versuch belohnen, auch wenn es vielleicht noch nicht ganz geklappt hat.

4. Nur EIN Verhalten auswählen
Punktesysteme werden schnell unübersichtlich, wenn man verschiedene Verhalten mit Punkten oder Stickers belohnt. Es wird zu kompliziert, Kinder wissen dann oft gar nicht mehr, ob und warum sie jetzt einen Punkt verdient haben und auch die Eltern verlieren die Übersicht.
Also nicht wie bei Pointy fürs: Zähne putzen, fürs lesen, staubsaugen, Kleider versorgen, nicht aggressiv sein, das sind einfach zu viele Anforderungen und Punkte auf einmal.
Wenn ihr so was in Betracht zieht, dann nehmt nur ein Verhalten und besprecht das vorgängig mit den Kindern. Wichtig ist, dass sie da mit einbezogen werden, dass sie selber Ideen einbringen dürfen und wissen, wofür es wann einen Kleber gibt.

5. Vorher die Belohnung festlegen
Es muss nicht immer ein teures Barbie oder ein Feuerwehrauto sein. Gute Belohnungen sind z.B: Familienausflüge, ins Schwimmbad gehen, schlitteln, einen Kuchen backen, eine Massage, sich von Mama die Nägel lackieren lassen, eine DVD anschauen, ein Spiel spielen, länger aufbleiben, das Lieblingsmenü wählen usw.
Bewährt hat sich auch, wenn man kleine „Zwischenschritte“ macht. Also z.B, nach dem 1. Mal, wenn etwas geklappt hat einen kleinen Kleber oder ein Bildchen, dann nach dem 3., dem 5., dem 7. dem 10. und dann die „Belohnung“ nach dem 15. Mal.
Es ist wichtig, dass am Anfang das Ziel sehr leicht ist, sonst verlieren die Kinder schon zu Beginn die Motivation.

6. Lasst euch etwas einfallen
Wenn ihr euch dafür entscheidet, so eine Punktekarte zu machen, dann lasst euch etwas einfallen. Sie darf ruhig fantasievoll, witzig, toll gestaltet sein. Nehmt ein Sujet, welches eure Kids gerne haben. Das kann ein Bauernhof sein, ein Piratenschiff, ein Prinzessinnenschloss, ein Schneemann, SpongeBobs Unterwasserwelt usw.
Die Punktekarte könnt ihr ganz farbig gestalten, ihr könnt basteln, zeichnen, ausdrucken, kleben. Je nachdem wie talentiert ihr im Basteln halt seid.
Für alle Bastelmuffel findet ihr hier auch eine Sgubi Punktekarte als Vorlage.

7. Konsequenzen
Belohungssysteme funktioneren als „Bestärkung“.
Es geht nicht darum, dem Kind die „Verfehlungen“ aufzuzeigen. Deshalb gehören böse Gesichter, Blitze, schwarze Wolken usw. nicht auf Punktekarten. Wenn es mal nicht geklappt hat, dann gibt es einfach keinen Kleber. Das ist für Kinder oft schon schlimm genug und das braucht nicht noch ein weinendes Gesicht auf der Tafel und kein Dessert und ein TV Verbot und eine Predigt von Mama oder Papa. Auch KEINE Kleber wegnehmen, die man bereits verdient hat. Verdient ist verdient.

Wenn ihr die Punktekarte mindestens zwei bis drei Wochen angewendet habt, dann klappt das mit den Schuhen versorgen, dem Hände waschen und den Ämtli meistens wirklich sehr gut. Man kann die Punktekarte dann langsam „ausschleichen“. Will heissen, es gibt nicht mehr so oft einen Kleber und man lässt ihn dann plötzlich einfach ganz weg.

Ich kann gut verstehen, wenn es Leute gibt, die mit Punktekarten und Belohnungssystemen nichts anfangen können. Es ist auch nicht die Idee, dass man immer ständig und für jedes Verhalten einen solchen „Plan“ einsetzt. Wenn man andere Wege und Möglichkeiten findet, dann ist das immer besser.
Die Frage ist einfach nur: Was steht dem gegenüber?
Oft ist es leider so, dass sich viele in einer „Negativspirale“ befinden. Dass sie dafür einfach ständig nur schimpfen und drohen, laut werden und mit den Kindern streiten. In solchen Fällen ist eine kleine Motivation in Form eines solchen Belohnungssystems sicherlich immer noch besser, als eben immer im Konflikt zu sein und seine Kinder dauernd anzumotzen und zu sie zu bestrafen.

Wer sich das alles noch in Ruhe anschauen möchte. Der klickt hier auf den Link. Dort findet ihr das Video zum Thema „Punktekarten“, mit ein paar konkreten Beispielen“, welches ist vor einiger Zeit mal gemacht habe.

Kinder motivieren

Viele Eltern versuchen ihre Kinder durch Belohnungen zu motivieren und erhoffen sich, dass die Noten ihrer Kinder durch Geld und Geschenke für gute Zeugnisse besser werden. Nicht wenige lernen in Erziehungskursen, dass sich das Verhalten der Kinder durch Belohnungssysteme, bei denen sich die Kinder Punkte verdienen können, sehr effektiv beeinflussen lässt. Es stellt sich jedoch die Frage: Ist das wirklich sinnvoll?

Darauf eine Antwort zu geben ist gar nicht so einfach – und ein simples ja oder nein wäre falsch.

Müsste ich eine kurze Antwort geben, würde ich sagen:

Seien Sie mit materiellen Belohnungen äusserst vorsichtig und setzen Sie sie nur dann ein, wenn nichts anderes funktioniert.

Ich wäre aufgrund der folgenden Punkte so sparsam damit:

Belohnungen lassen sich nur schwer wieder entziehen

In den letzten Jahren haben mir unzählige Eltern berichtet, dass sie in Erziehungstrainings gelernt haben, Belohnungssysteme einzusetzen, um bei ihren Kindern erwünschtes Veralten zu fördern.

Bei diesen Systemen (wir Psychologen bezeichnen sie als Token Economy) können die Kinder Punkte sammeln und gegen Belohnungen eintauschen, wenn sie sich so verhalten, wie sich die Eltern dies wünschen. Wie das genau geht und welche Erfahrung die meisten Eltern damit machen, zeigt das folgende Beispiel:

Simon und seine Mutter erstellen einen Punkteplan

Immer wieder gibt es bei Lichtsteiners Streit, wenn es um das Thema Lernen und Hausaufgaben geht. Simons Mutter hat sich in einem Erziehungstraining Rat geholt und erfahren, dass ein Punkteplan helfen könnte.

Zusammen mit Simon erstellt die Mutter solch einen Plan. Simon erhält 2 Punkte, wenn er die Hausaufgaben sofort nach der Schule und ohne Ermahnung erledigt. Er bekommt einen Punkt, wenn ihn seine Mutter daran erinnern muss und er sie danach ohne Streit erledigt. Zusätzlich kann sich Simon pro Tag einen Punkt verdienen, wenn er 10 Minuten freiwillig liest.

Simon erhält jeweils sofort nach den Hausaufgaben bzw. nach dem Lesen eine Murmel (= ein Punkt). Diese kann er sammeln und später gegen eine Belohnung eintauschen. Als Belohnungen wurden vereinbart:

Zoo-Besuch: 12 Punkte
Kino: 8 Punkte
DVD ausleihen: 4 Punkte

Simons Mutter ist begeistert: Simon erledigt doch tatsächlich problemlos seine Hausaufgaben und liest sogar zusätzlich! Der Zoo-Besuch, den sich Simon als erste Belohnung ausgesucht hat, ist ein Spass für die ganze Familie. Die nächsten Wochen verhält es sich genau gleich. Simon liest, macht Hausaufgaben und geht zweimal ins Kino und leiht sich DVDs aus. Nach der fünften Woche ist er allerdings etwas weniger begeistert. Er will nicht schon wieder in den Zoo und die meisten Filme, die ihn interessiert haben, hat er gesehen. Die Belohnungen haben sich abgenutzt – es müssen neue her. Zum Beispiel:

Besuch des Alpamare: 12 Punkte
Schlittschuh-Laufen: 6 Punkte

Simon gefällt das Belohnungssystem sehr. Seine Mutter merkt, dass er auch bei anderen Dingen (Geschirr spülen, mit dem Hund spazieren gehen) immer öfter fragt: Was kriege ich dafür?

Ihr selbst wird es langsam zu viel. Das ständige Verteilen der Punkte, das Eintauschen, das Verwalten des Systems – langsam kommt sich Simons Mutter vor wie eine Buchhalterin. Gleichzeitig merkt sie: „Wenn ich das System jetzt wieder wegnehme, geht die Motivation völlig flöten!“ Und blöderweise ist das Erziehungstraining schon zu Ende – man hat ihr lediglich beigebracht, wie man das System einsetzt, aber nicht, wie man es wieder ausblendet!

Das grösste Problem bei diesen Systemen ist (und das hat Simons Mutter gut erkannt): Wenn man für ein bestimmtes Verhalten eine Belohnung gibt und sie dann wieder entzieht, kommt dies einer Bestrafung gleich. Stellen Sie sich vor, Sie würden freiwillige Arbeit für einen gemeinnützigen Verein leisten und plötzlich wird beschlossen, Sie dafür mit Fr.30.- pro Stunde zu entlöhnen. Nach einem Jahr muss der Verein feststellen, dass er mehr Geld ausgibt als einnimmt – und Ihr Lohn wird wieder gestrichen. Es kann gut sein, dass Sie die Arbeit, die Sie zuvor noch freiwillig und unentgeltlich erledigt haben, nun nicht mehr machen möchten. Auf dieselbe Weise gewöhnen wir uns sehr schnell an eine Gehaltserhöhung. Aber wehe, man würde diese wieder rückgängig machen!

Belohnungen wirken nicht, wenn Kinder nicht an sich glauben

Manche Eltern sind überrascht, dass sich ihre Kinder nicht anstrengen, obwohl sie ihnen einen heiss ersehnten Wunsch erfüllen würden, wenn sie im Zeugnis einen bestimmten Notendurchschnitt erreichen.

Woran könnte dies liegen?

Vielleicht daran, dass den Motivationsproblemen eine ganz andere Ursache zu Grunde liegt..

Immer wenn wir etwas erreichen möchten, stellen wir uns – unbewusst – drei Fragen:

  1. Muss ich dafür etwas tun?
  2. Traue ich mir das zu? Kann ich das lernen?
  3. Ist es mir wichtig?

Motiviert sind wir nur dann, wenn wir auf alle drei Fragen mit Ja antworten können. Strengt sich ein Kind in der Schule nicht an, könnte dies somit unterschiedliche Ursachen haben.

Vielleicht liegt es an Frage 1: Ist das Kind sehr begabt, hat es vielleicht gelernt, dass es auch ohne Anstrengung zu guten Noten kommt. Wozu soll es also lernen?

Vielleicht liegt es aber auch an Frage 2: Das Kind hat die Erfahrung gemacht, dass es schon öfters auf Prüfungen gelernt hat und dennoch nicht zu einem guten Resultat kam. Es sieht immer weniger einen Zusammenhang zwischen seinen Anstrengungen und den Noten. Warum soll es also lernen, wenn es sich dadurch seiner Meinung nach nicht verbessert?

Vielleicht liegt es auch an Frage 3: Dem Kind sind gute Noten einfach nicht wichtig.

Wann würde die Belohnung etwas nützen? Eigentlich nur im dritten Fall. Würden wir in einer Klasse Geld für gute Noten verteilen, würden die Besten dadurch nicht mehr lernen – sie wissen, dass sie das Geld sowieso erhalten. Kinder, die Schwierigkeiten haben und keinen Zusammenhang zwischen ihren Anstregungen und den Noten sehen (und sich zum Beispiel sagen: „Das kann ich eh nicht!“) würden durch das Belohnungssystem nur zusätzlich frustriert (Was? Jetzt bekommen die guten Schüler nicht nur gute Noten, sondern auch noch Geld und ich gehe doppelt leer aus?). Motiviert würden lediglich die Schüler, die noch nicht gut sind, aber genau wissen, dass sie sich durch zusätzliche Anstrengung schnell verbessern können. Und auch bei diesen stellt sich die Frage: Ist es mir das wert? Will ich nicht doch lieber heute einen freien Nachmittag als in einem halben Jahr vielleicht ein Fahrrad? Die Belohnung, die wir sicher und heute erhalten ist nämlich sehr viel attraktiver als die Belohnung, die wir vielleicht irgendwann in einem halben Jahr erhalten.

Schauen wir uns ganz kurz die häufigsten Probleme an, die auftauchen können, wenn wir Belohnungen einsetzen:

Die häufigsten Probleme, die bei Belohnungen auftreten

Wir gewöhnen uns an Belohnungen

Wir haben die Tendenz, uns an Belohnungen zu gewöhnen. Dies kann dazu führen, dass die Belohnungen immer grösser werden müssen, um die Kinder weiter zu motivieren.

Belohnungen können die intrinsische Motivation reduzieren

Machen wir etwas gerne und freiwillig und werden dann dafür materiell belohnt, kann es sein, dass die innere (intrinsische Motivation) sinkt. Fällt dann die Belohnung weg, sinkt die Motivation unter das ursprüngliche Niveau.

Belohnungen sind oft nicht wirksam

Belohnungen bewirken oft wenig, weil sie zum Beispiel:

  • zeitlich zu weit weg sind (das Fahrrad am Ende des Schuljahres)
  • unerreichbar scheinen (das Geld für die guten Noten für einen Schüler, der nicht an sich und seine Fertigkeiten glaubt)
  • für das Kind weniger attraktiv sind als gedacht
  • vom Kind als Manipulations-Versuch wahrgenommen werden

Belohnungen können die Einstellung des Kindes negativ beeinflussen

Wie bei Simon in unserem Beispiel kommt es oft vor, dass sich Kinder schnell daran gewöhnen, zusätzlich motiviert zu werden. Sie sehen dann beispielsweise die Hausaufgaben nicht mehr als ihre Pflicht, sondern als etwas, das sie nur tun, wenn sie entsprechend dafür „bezahlt“ werden. Bald macht sich eine „Was bekomme ich dafür“-Haltung breit.

Belohnungen können aber – sparsam und richtig eingesetzt – durchaus sinnvoll sein.

Sinnvoll eingesetzt können Belohnungen wirksam sein

Belohnungen können Sinn ergeben, wenn wir darauf achten, dass sie:

  • sparsam eingesetzt werden
  • einfach zu vergeben sind (nicht nach komplizierten Punkteplänen)
  • nur für zusätzlichen Aufwand vergeben werden (z.B. eine Zusatzaufgabe) und nicht für die Pflichten (z.B. die Hausaufgaben)
  • sofort auf das erwünschte Verhalten erfolgen
  • für das Kind wirklich attraktiv sind
  • einfach wieder entfernt werden können

Das klingt kompliziert. Die folgenden beiden Beispiele zeigen jedoch, wie das funktionieren kann:

Florian hat Mühe mit der Rechtschreibung

Florian müsste unbedingt mehr Übungen zur Gross- und Kleinschreibung machen. Mit seinen Eltern hat er abgemacht, an drei Tagen pro Woche ein zusätzliches Übungsblatt zu diesem Thema zu lösen. Da Florian abends immer etwas länger aufbleiben möchte, haben ihm seine Eltern angeboten, dass er an den Tagen, an denen er übt, 15 Minuten länger aufbleiben darf. Auf diese Weise erhält Florian die Zeit zurück, die er tagsüber in die Übung investiert hat.

Selina sollte über die Ferien lesen

Selinas Lehrerin meinte im Elterngespräch, dass Selina aufgrund ihres langsamen Lesetempos auch während der Ferien ein wenig lesen sollte. Da sich Selina seit längerem eine Legoburg wünschte, beschloss der Vater, ihr diese zu kaufen. Er vereinbarte mit Selina, dass diese an den Wochentagen jeweils 15 Minuten mit ihm lesen würde. Da die Sommerferien 5 Wochen dauerten, teilte der Vater die Legosteine durch 25 und gab Selina jeweils gleich nach dem Lesen die nächsten 3 bis 4 Legosteine. Nach und nach entstand auf diese Weise nach dem Lesen die Legoburg, die Selina Besuchern jeweils stolz als ihre Leseburg vorstellte.

Der Vater achtete jedoch darauf, dass Selina verstand, dass sie diese Belohnung nur während der Ferien und nur für das zusätzliche Üben erhielt. Gleichzeitig legte er Wert darauf, dass die Leseübungen durch eine Lesekerze (die nur während des gemeinsamen Lesens angezündet wurde), abwechselndes Lesen, ein spannendes Buch und regelmässiges Lob für kleine Fortschritte so angenehm waren, dass Selina diese nach den Ferien freiwillig fortführen wollte (sie hatte nämlich auch gemerkt, dass sie diese Zeit, in der sie ihren Vater ganz für sich alleine hatte, sehr genoss 😉

Auf diese Weise konnte die materielle Belohnung nach und nach durch andere Belohnungen in Form von Anerkennung, gemeinsamer Zeit und Freude über Fortschritte abgelöst werden.

Hinweis: Mehr zum Thema Motivation erfahren Sie im Buch „Mit Kindern lernen“ sowie in unserem kostenlosen Online-Kurs „Mit Kindern lernen“.

Autorenteam

Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Beide verbindet die große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern und für die Entwicklung neuer Projekte. Das Experten-Team bietet Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen rund um das Thema „Lernen“ an.

Belohnungssysteme: So motivieren sie Kinder

Vielleicht möchtest du ein Sternchensystem ausprobieren, damit dein Kind aufs Töpfchen geht, sich besser benimmt, bei den Mahlzeiten mehr isst oder bessere Schulnoten bekommt. Doch hier können Smileys und Co. wenig helfen, sagen Experten. Wann ein Kind zuverlässig sauber ist, hängt zum Beispiel sehr von der Reife bestimmter Hirnareale ab. „Soll das Kind aber lernen, regelmäßig nach dem Toilettengang zu spülen und sich dann die Hände zu waschen, könnten Belohnungen greifen“, erklärt Sonderpädagogin Seide.

Bei problematischen Essern sind Sternchen ebenfalls ungeeignet. Denn werden sie fürs Essen extra belohnt, verlieren sie noch mehr das Gefühl dafür, dass Essen etwas Selbstverständliches und Genussvolles ist. Auch in Sachen Schulnoten ist Zurückhaltung angesagt: Schlechte Noten beruhen oft auf Verstehensproblemen, und auch die Aussicht auf Belohnung macht knifflige Aufgaben nicht einfacher. Hier ist konkrete Hilfe wichtiger.

Hilft Sternchensystem gegen schlechtes Benehmen?

Wenn ein Kind sich schlecht benimmt, müssen Eltern gut abwägen, ob ein Punktesystem geeignet ist. „Haut, kratzt oder spuckt es zum Beispiel, ist es sinnlos, dieses Verhalten durch Belohnungen verändern zu wollen. Denn es ist nur ein Symptom dafür, dass es ein tiefergehendes Problem hat“, betont Seide. „Es fühlt sich vielleicht ungeliebt, hat zu wenig Aufmerksamkeit der Eltern, oder wird im Kindergarten geärgert.“ Manipuliere man mithilfe von Belohnungen an dem Symptom herum, könne es zwar vorübergehend verschwinden. „Das Kind wird aber wieder damit anfangen, um auf seine Not aufmerksam zu machen.“

Anders kann die Sache liegen, wenn Sohn oder Tochter vielleicht im Unterricht viel hineinreden oder gern mit den Tischnachbarn schwätzen: Wenn Lehrer und Eltern hier keine tiefer gehenden Ursachen vermuten, können Sternchen manchmal unterstützen: Für jeden einigermaßen störungsfreien Vormittag gibt es von der Lehrerin einen Aufkleber, und für zehn davon eine Belohnung von den Eltern.

Bei Schlafproblemen sind Belohnungen fast immer ungeeignet. „Schreit ein Kind abends beim Einschlafen nach den Eltern, oder kommt in der Nacht regelmäßig ins Elternbett, dann liegt das daran, dass es Angst hat, bzw. sein Bindungsverhalten aktiviert wurde“, erklärt Erziehungsexpertin Seide. Wolle man hier mit einem Belohnungssystem gegensteuern, komme beim Kind die Aussage an: „Wenn du deine Angst nicht mehr verbalisierst, bekommst du ein Geschenk.“

Kinder sind leicht zu manipulieren. Es scheint eine Methode in der Erziehung zu geben, die fast alle Probleme löst. Zumindest die Probleme der Eltern, wenn wir ganz genau sind. Und gelegentlich nutzt diese Methode wohl jeder Elternteil mal für seinen Vorteil aus. Warum? Weil man Kinder dazu bringt beinahe alles zu tun, was man von ihnen möchte. Man nennt es „positives Verstärken“.

Was hier so nett und freundlich klingt, ist aber eine Irreführung: Mit dem positiven Verstärken verstärkt man nicht das Verhalten des Kindes per se, sondern nur das Verhalten, das einem auch gefällt. Sagt das Kind „Bitte“ und „Danke“, wird diese Leistung mit einem „Super, gut gemacht“ verstärkt und das Kind merkt was? Ah, meine Eltern freuen sich. Ein bestärkendes und positives Lob tut auch gut – kritisch wird es bei den „Belohnungssystemen“, wie etwa beim Sauberwerden. Aber auch bei vielen anderen Themen wie einer gesunden Jause, das Zimmer aufräumen, an Regeln halten etc. kommt es zum Einsatz. Mithilfe von Sternchen oder anderen Aufklebern soll ein gewünschtes Verhalten beim Kind erzielt werden – die Belohnungen sollen motivierend wirken. Verstärkt man nur das gewünschte Verhalten, schwächt man das Kind in der Wahrnehmung seiner Bedürfnisse. Es wird sich so verhalten, wie es die Eltern wünschen, um positives Feedback zu erhalten – die eigenen Bedürfnisse und Wünsche werden dabei Schritt für Schritt ausgeblendet.

Dieses Verstärkerprinzip geht auf den Behaviorismus zurück und die Annahme, dass das Lernen bei Menschen genauso funktioniert wie bei Ratten im Versuchslabor. Doch das Loben ist nicht der einzige Punkt, der kritisch zu bedenken ist.

Belohnungsplan und Token-Systeme

Um dem Kind sein Verhalten zu veranschaulichen, führen viele Eltern einen Belohnungsplan in die Familie ein – ein Erziehungsmittel, das uns sehr vertraut scheint und sich auch deshalb nicht falsch anfühlt. Wenn selbst in Kindergärten und Schulen diese Pläne aufhängen können sie ja nicht so falsch sein. Es funktioniert so: Für jedes Mal aufs Klo gehen, die Wäsche wegräumen oder sonst einem Verhalten, das man bei seinem Kind gerne sehen würde, bekommt es eine Belohnung, etwa einen Stern, ein Herzchen oder sonst was. Hat es eine bestimmte Anzahl gesammelt, kann es diese gegen etwas eintauschen. Dieses System klingt recht harmlos – zumindest auf den ersten Blick.

Ist es aber nicht: Hinter diesem Prinzip steckt das „Token-System“ – ein Verfahren aus der Verhaltenstherapie, das auf der operanten Konditionierung beruht. Das bedeutet nicht mehr, als dass ein gewünschtes Verhalten durch Einsatz systemischer Anreize erzielt werden soll. Wer genug Tokens, also Herzchen, Sternchen oder Smiley gesammelt hat, kann diese gegen einen primären Verstärker, ein neues Spiel, einen Ausflug oder eine Süßigkeit, eintauschen. Und wenn das immer noch harmlos klingt, dann sollte es spätestens jetzt bedenklich werden: Diese Token-Systeme wurden früher in psychiatrischen Kliniken oder Heimen eingesetzt. Die ersten Aufzeichnungen von Ayllon und Azrin behandeln das Token-System mit schizophrenen Langzeitpatienten. Nicht mit Kleinkindern im Trotzalter und im familiären Kontext. Und dennoch werden sie hier verwendet.

Darum sind Belohnungssysteme problematisch

Sie haben nur einen Haken: Belohnungssysteme funktionieren nicht, wenn ein Kind noch nicht bereit ist, das gewünschte Verhalten zu zeigen. Ein Kind, das noch nicht bereit ist sauber zu werden, wird an dem Token-System scheitern und sein Scheitern anschaulich vor Augen geführt bekommen. Es sieht jeden Tag, dass es keinen Sticker bekommen hat, weil es nicht rechtzeitig aufs Töpfchen ging – weil es noch gar nicht so weit ist. Ein Kind im Trotzalter wird wegen einem Sternchen nicht weniger Trotzanfälle haben, weil es sich noch gar nicht unter Kontrolle hat. Stattdessen sinkt sein Selbstwertgefühl, weil es glaubt, es stimmt etwas nicht mit ihm. Bzw. die Eltern glauben, sie müssten an ihrem Kind etwas verbessern. Nicht immer eignen sich Token-Systeme, um das gewünschte Verhalten zu erzielen. Als Feedback für die Eltern (wie oft etwa das Bett nachts trocken blieb) oder als Steigerung des Selbstwertgefühls für die Kinder kann es positiv sein. Die Strafe, nicht belohnt zu werden ist nur eines von Problemen, die Belohnungssysteme mit sich bringen. Hat es die Aufgabe nicht zur Zufriedenheit der Erwachsenen erfüllt, bleibt die Belohnung aus – aber ist das wirklich fair? Hat das Kind überhaupt die Chance bekommen mitzubestimmen oder muss den Zielen der Erwachsenen entsprechen? Und klar, welches Kind für die Belohung nicht wollen? Ihnen vorzuwerfen, sie würden sich nicht an die Abmachungen halten, die ihnen die Erwachsenen vorgegeben haben, halte ich für sehr unfair.

Ein weiteres Probem ist, dass dem Kind mit einem Belohnungssystem die Chance genommen wird, eigene Problemlösungen zu üben. Die Eltern lösen den Konflikt für ihr Kind, indem sie ein erwünschtes Verhalten vorgeben und steuern so das Verhalten des Kindes von außen. Vielleicht hätte das Kind ja eine eigene Ideen gehabt, wenn es die Chance bekommen hätte.

Dem Kind wird auch die Erfahrung genommen, den innewohnenden Lohn einer Aufgabe zu schätzen: Sammelt es für das aufgeräumte Zimmer 10 Sticker, darf es sich ein Geschenk aussuchen, ein Eis essen oder sonst was. Das Kind lernt jedoch nicht aus einer intrinsischen inneren Motivation das Zimmer aufzuräumen, sondern nur wegen der Belohnung. Es wird ihm nicht zugetraut zu erfahren, dass die innere Belohnung ausreicht, um auch weiterhin das Zimmer aufzuräumen. Das Erfolgserlebnis es alleine geschafft zu haben und die Vorteile eines aufgeräumten Zimmers werden ihm verwehrt.

Und es gibt noch ein „Problem“: Diese Systeme vermitteln Kindern die Botschaft, sie könnten die Aufgabe gar nicht von sich aus erfüllen, wenn sie dafür nicht belohnt werden. Versteckt erfahren die Kinder jedoch auch, dass es sich bei der belohnten Aufgabe um etwas Unangenehmes handeln muss, denn sie bekommen auch keine Belohnung wenn sie ein Eis essen.

Menschliche Beziehungen sind komplex

Die bestechend einfachen Methoden sind immer mit einem kritischen Auge zu betrachten: Die menschlichen Beziehungen und die Grundannahme, dass Kinder Beziehungen brauchen und kooperieren wollen sind doch ein wenig komplexer als das Leben der Ratten. Auch wenn ich deren Existenz nicht abwerten möchte. Doch alles, was wissenschaftlich belegbar ist, ist einfacher zu erklären als eine Gefühlsebene, die dann gerne als „esoterisch“ abgestempelt wird. Schauen wir uns ein Beispiel an:

Ein Kind, das sich in den Schlaf schreit, wird zwar irgendwann einschlafen, es hat aber nicht unbedingt schlafen gelernt. Sondern es hat auch gelernt, dass es alleine gelassen wird. Klar wird die Statistik irgendwann zu dem Ergebnis kommen, dass Kinder, die man schreien lässt, damit aufhören und (ein-)schlafen. Kinder, auf deren Schreien reagiert wird, werden wieder schreien. Soll daraus die Schlussfolgerung sein, dass es besser ist sein Kind schreien zu lassen? Nein. Dagegen sprechen sich viele Experten dezidiert aus – Schreien lassen tut dem Kind nicht gut. Und es gibt genügend Gründe, die gegen diese Methode sprechen, die jedoch wissenschaftlich nur schwer messbar sind. Das ist jetzt nur ein Beispiel von vielen.

Wenn also das Ignorieren oder Bestrafen von schlechtem Verhalten dazu führt, dass das Kind damit aufhört, dann wäre ja der Umkehrschluss, dass positives und gewünschtes Verhalten durch Belohnungen verstärkt wird, oder? Im Prinzip ja, wir können unsere Kinder so erziehen und es wird Wirkung zeigen. Aber haben wir nicht höhere Ansprüche an die Erziehung als angepasste Kinder? Wollen wir unabhängige, ferie Menschen oder sollen Kinder einmal in der Gesellschaft funktionieren?

Beziehung ist das Zauberwort

Wir sind überzeugt, alle Eltern wollen das Beste für ihre Kinder und geben auch ihr Bestes, was ihnen möglich ist und was sie für richtig halten. Es ist wichtig, dass wir von Anfang an feinfühlig und liebevoll mit unseren Kindern umgehen und sie liebevoll begleiten, wenn wir wollen, dass unsere Kinder eigenständige und selbstbewusste Erwachsene werden. Dann müssen wir in die Beziehung zu ihnen investieren statt in das Aufstellen eines strikten Regelwerkes. Ziele wie ein Leben ohne Druck und ohne Angst, von Menschen umgeben, die ihnen gut tun, erreicht man nicht durch „Härte“, sondern durch Empathie und Einfühlung. Kinder brauchen eine sichere Bindung, die wie ein starkes Band zwischen ihnen und ihren Eltern verläuft. Jedes Baby geht eine Bindung ein, das ist ein reiner Überlebenstrieb – wie gut sich diese Bindung jedoch entwickelt, hängt davon ab, wie die Interaktion stattfindet. Bei einer sicheren Bindung kann das Kind nicht nur seine Bedürfnisse äußern, sondern erfährt auch die entsprechende prompte Reaktion darauf.

Belohnungssysteme schaffen eine Distanz zu unseren Kindern. Je mehr diese Methoden zum Einsatz kommen, desto mehr wird das Kind von der Bewertung von außen abhängig werden und den Kontakt zu sich verlieren. Eltern tun ihrem Kind damit nichts Gutes, wenn sie ihm eine Belohnung für ein gewünschtes Verhalten in Aussicht stellen. Die Gründe dafür haben wir oben schon erläutert. Es gibt doch den schönen Spruch, dass es egal ist, wie wir unsere Kinder erziehen, sie machen uns ohnehin alles nach.

  • Nehmen wir unsere Kinder in den Arm und trösten wir sie.
  • Hören wir auf sie zu bewerten, zu formen oder zu optimieren.
  • Treten wir mit ihnen in Beziehung, bleiben wir mit ihnen in Kontakt und geben wir ihnen die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen.
  • Bleiben wir authentisch, empathisch und wohlwollend.
  • Nehmen wir unsere Kinder an wie sie sind.
  • Lieben wir unsere Kinder bedingungslos.
  • Akzeptieren wir ein Nein und lassen wir sie Selbstwirksamkeit spüren.
  • Geben wir unseren Kindern keinen Weg X vor, sondern begleiten wir sie auf ihrem individuellen Weg und lassen wir uns auf sie ein.

Begegnen wir unseren Kindern auf diese Weise, dann geben wir ihnen, was sie brauchen: Liebe, fernab von Erwartungen, Vertrauen und Unterstützung.

Alternativen zu Belohnungssystemen

Kinder brauchen Beziehungen, echte Beziehungen. Sie brauchen Menschen, die sich auf sie einlassen, sie verstehen und ihnen vertrauen. Kinder brauchen Liebe, Zuwendung, echte Verbundenheit und das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. All das bekommen sie im Zusammenleben mit Menschen, die sich ihnen öffnen, sie annehmen und sie begleiten und ihnen keinen bestimmten Weg vorgeben. Dann braucht es auch keine Belohnungssysteme, denn sie lernen vom Leben in der Gemeinschaft. Sie nehmen sich die Erwachsenen als Vorbilder und schauen, wie diese sich verhalten. Nur so können sie spüren, was für sie gut ist, was ihnen gut tut und welche Stärken sie haben. So lernen sie, sich über ihre eigenen Errungenschaften zu freuen, statt von dem Urteil anderer abhängig zu sein.

Quellen:
Alfie Kohn: Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und BestrafungAlfie Kohn: Der Mythos des verwöhnten Kindes: Erziehungslügen unter die Lupe genommenJesper Juul: Dein kompetentes Kind: Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze FamilieThomas Gordon: Familienkonferenz: Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und KindCarlos Dr. González: In Liebe wachsen: Liebevolle Erziehung für glückliche Familien

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