Bedeutung von märchen

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Warum Kinder Märchen brauchen

Kinder lieben Märchen und sind fasziniert von der fantastischen Zauberwelt. Märchen sind aber nicht nur unterhaltsam, sondern auch in der Erziehung bedeutend.

Es gibt eine ganze Reihe weiterer Gründe, die für frühes Erzählen und Vermitteln der alten Mythen, Sagen und Legenden, für die fantastische Traumwelt der Märchen sprechen. Und handfeste Argumente dafür liefern, Kindern frühzeitig Märchen vorzulesen bzw. Märchen-Bilderbücher mit ihnen anzuschauen. Einen wichtigen Grund nennt die Pädagogin und professionelle Märchenerzählerin Sabine Lutkat: „Märchen spiegeln das ,zauberhafte‘ Denken wider, das jedem Kind eigen ist – das Kind behilft sich bei Dingen, die es rational nicht erklären kann, mit magischen Vorstellungen.“
Und das Kind findet sich von Anfang an erstaunlich gut zurecht in der Märchenwelt, in der alles möglich scheint, die beseelt und voller Wunder ist. In der sich ein Tisch ganz von selbst deckt, Sterne als Goldstücke vom Himmel fallen und die vom Wolf bereits verschlungene Beute unversehrt wieder zum Vorschein kommt. Märchen sind Magie – und entsprechen genau der kindlichen Fantasie. „Jeder von uns ist ein Königskind und trägt eine unsichtbare Krone. Das Märchen sagt uns: ,Geh, mach dich auf den Weg, du wirst erwartet’“, erklärt Sabine Lutkat die Botschaft, die kleine Kinder zwar nicht so konkret benennen können, gleichwohl aber deutlich spüren. Denn es gehört zur Entwicklung der kindlichen Identität, sich selbst im Mittelpunkt zu sehen. Entsprechend leicht fällt es ihnen, sich in die zauberhaften Abenteurer hinein zuversetzen.

Märchen liefern Kindern Orientierung

Was ist mit den oft drastisch dargestellten Abbildern von Gut und Böse? Werden kleine Kinder nicht abgeschreckt, wenn die Hexe im Ofen verbrennt, der Wolf mit Wackersteinen im Bauch im Brunnen ersäuft und Schneewittchens Stiefmutter in glühenden Schuhen tanzen muss, bis sie tot umfällt?
Vor diesem Hintergrund ist eine gewisse Drastik nur logisch. Totaler Sieg des Guten, totale Niederlage des Bösen. Dieser Gegensatz bietet außerdem eine ganz eindeutige Orientierung – als „Modell für die wichtige Unterscheidung von Gut und Böse“, ergänzt Sabine Lutkat. Dies ist umso wichtiger, weil die Kinderseele „das Böse“ durchaus wahrnimmt: Es zeigt sich in Form von inneren Ängsten, etwa vor dem plötzlichen Verschwinden der Eltern oder dem Auftauchen einer nicht näher definierten „fremden Macht“. Diese Ängste zu überwinden gelingt noch nicht durch logisches Denken oder vernünftige Argumente – wohl aber durch die klare Struktur von Märchen. Hier findet das Übel seine konkrete Darstellung in heimtückischen Hexen und bösen Wölfen, furchtbaren Riesen und gemeinen Zwergen: Darauf können auch schon ganz kleine Kinder diffuse Ängste projizieren – und mit dem „märchenhaften“ Sieg über das Böse auch überwinden.
„Märchen sind Mutmachgeschichten“, fasst Sabine Lutkat zusammen. Der Sieg des Guten bedeutet aber noch viel mehr: Schließlich vermittelt er Zuversicht und Vertrauen in die eigene Stärke, ganz so, wie es die meisten Eltern ganz automatisch tun. Dann erfüllen sie ähnlich wie der Märchenheld ihre Rolle als Identifikationsfigur. Hab keine Angst, vertraue den guten Kräften, die dir nahestehen – und deinen eigenen Fähigkeiten: Das also ist die Botschaft der Helden, etwa des Tapferen Schneiderleins und des Jungen, der auszog, das Fürchten zu lernen – aber auch der Bremer Stadtmusikanten oder des Igels und seiner Frau, die den stolzen Hasen mit List im Wettlauf bezwingen. Wo nötig, gesellen sich die unterschiedlichsten Helfer hinzu, die dem Guten zur Seite stehen und dem kleinen Zuhörer vermitteln: Du bist nicht allein. Da gibt es Tauben, die Aschenputtels Linsen sortieren, die sieben Zwerge, die das ohnmächtige Schneewittchen retten, und den Jäger, der dem bösen Wolf den Bauch aufschlitzt. Starke Bilder, deren Botschaft Kinder schon um das dritte Lebensjahr herum durchaus verstehen können.

Kleine Kinder lernen Abstraktion durch Märchen

Dabei ist es erstaunlich, dass die Kleinen Kinder in diesem Alter sogar schon zu einem bestimmten Maß an Abstraktion fähig sind: So ist jungen Kindern durchaus bewusst, dass der böse Wolf aus dem Märchen keine reale Bedrohung darstellt. „Den gibt’s ja nicht in echt“, sagen sie, wenn man sie danach fragt. So bieten Märchen einerseits den nötigen Abstand, um Unheimliches zu abstrahieren, andererseits für Kinder eine breite Plattform zum Träumen. Dies umso mehr, als in aller Regel Befreiung und Erlösung winken: Dornröschen erwacht in dem Märchen nach 100 Jahren und heiratet ihren Prinzen, das „Hässliche Entlein“ wird zum prächtigen Schwan, der Froschkönig wird nicht etwa an der Wand zerschmettert, sondern verwandelt sich in einen prächtigen Königssohn.
Doch nicht nur das bildhafte Element von Märchen spielt eine große Rolle: Je kleiner die Zuhörer sind, desto mehr lieben sie die Atmosphäre des Vorlesens an sich. Unter einer Decke an Mama, Papa oder Oma gekuschelt auf eine märchenhafte Reise gehen – solche frühkindlichen Erlebnisse stärken das Urvertrauen und bleiben oft ein Leben lang in Erinnerung. Anfangs empfehlen sich jedoch noch nicht die dicken Gebrüder-Grimm-Wälzer, sondern hochwertige Bilderbücher, die die Märchen zusammenfassen und optisch erklären, ohne sie zu verfälschen.

Märchen führen Kinder in die Welt der Literatur ein

So sind Märchen auch der ideale Steigbügelhalter für die frühzeitige Konfrontation kleiner Kinder mit Literatur: Wer von klein auf mit Büchern aufwächst, betrachtet sie als selbstverständlichen Lebensbegleiter, und wem frühzeitig vorgelesen wird, der wird später in aller Regel auch selbst gerne lesen. Dabei erweisen sich gerade Märchenbücher auch als sprachlich besonders geeignet: An die Klarheit des Grimmschen Vokabulars reicht kaum ein Nachfolgewerk heran – weit über die typischen Begrifflichkeiten des Märchens hinaus stehen sie für die Schönheit unserer Muttersprache.
Und die pädagogischen Botschaften? Auch die gibt es, doch sind sie in Märchen eher die Ausnahme und werden gerade von kleineren Kindern noch nicht bewusst aufgenommen und verstanden. Zwar lässt sich etwa aus dem Märchen „Frau Holle“ der Leitsatz „Übernimm Verantwortung“ ableiten, aus dem „König Drosselbart“ etwa „Sei nicht hochmütig“ und aus dem Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ der Rat „Sei nicht gierig“. Doch charakteristisch sind solche Tipps durchs Hintertürchen für Märchen nicht: „Märchen sind nicht moralisch und auch keine konkreten Handlungsanweisungen“, erklärt die Märchenerzählerin Sabine Lutkat, „sie sind vielmehr bildhafte Geschichten für menschliche Erfahrungen.“
Geschichten, die übrigens nicht immer nur vorgelesen werden müssen: Kinder lieben auch das freie Erzählen durch die Eltern. So ist ein Märchen jedes Mal wieder ein klein wenig anders und lässt noch mehr Raum für Fantasie und sprachliche Entdeckungen.

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Die Bedeutung der Märchen im Kindergarten

Inhaltsverzeichnis

1 Begriffsdefinition
1.1 Merkmale der Märchen

2 Alter und Ursprung der Märchen
2.1 Bedeutung der Märchen

3 Die Einteilung der Märchen
3.1 Übergeordnete Einteilung
3.1.1 Das Volksmärchen
3.1.2 Das Kunstmärchen
3.2 Untergeordnete Einteilung der Märchentypen
3.3 Unterscheidung von Volk- und Kunstmärchen
3.4 Bildungsstand der Kinder in Bezug auf Volksmärchen

4 Anwendung der Märchen
4.1 Ursprüngliche Funktion der Märchen
4.2 Bedeutung der Märchen in der heutigen Zeit
4.3 Die Bedeutung der Märchen für Kinder
4.4 Die Arbeit mit Märchen im Kindergarten

5 Bild.- u. Erziehungsziele d. m. Hilfe der Märchen verfolgt werden

6 Durchführung der Projektwoche
6.1 Ideenbörsen anhand von 2 ausgewählten Märchen
6.1.1 Dornröschen
6.1.2 Rotkäppchen

7 Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse und Schlussfolge- rungen aus pädagogischer Sicht bezogen auf das Thema Märchen

8 Einschätzung von betreuten Kindern während meine Praktikums

9 Konzeption
9.1 Vorstellen meiner Praktikumseinrichtung
9.1.1 Rundgang durch die Räumlichkeiten
9.2 Abläufe und Gegebenheiten in unserer Einrichtung
9.3 Öffnungszeiten
9.4 Das Team der Kita
9.5 Ein Erzieher umfasst viele verschiedene Berufe
9.6 Die Arbeit in den Gruppen
9.7 Elternzeit
9.8 Auftrag der Kindertagesstätte
9.9 Pädagogischer Ansatz
9.10 Tagesablaufplan – Kindergarten
9.11 Tagesablaufplan – Krippe

10 Literatur- u. Quellenverzeichnis

1 Begriffsdefinition

Heute wird das Märchen definiert als phantastische Erzählung, in der die Grenzen zur Wirklichkeit; als Erzählung ohne Bindung an individuelle Personen oder an bestimmte Orte aufgehoben sind. Hier wird das Unglaubwürdige und Unwahrscheinliche im Gegensatz zu „Maere“ angesprochen. Sie finden sich zu allen Zeiten und bei allen Völkern dieser Welt. In Deutschland prägten insbesondere die Brüder Grimm den Begriff. Sie haben die Märchen gesammelt und aufgeschrieben.

1.1 Merkmale der Märchen

Ihre Absicht liegt großteils in der Belehrung. Ihre Handlungsstruktur ist in einer Dreigliedrigkeit dargestellt: Ausgangssituation, Handlungsteil, Endsituation. Es gibt immer die gleichen Märchenmotive wie: Armut, Wunsch nach Reichtum, Magie, (Zaubersprüche, verwunschener Prinz, Hexen, Feen, Zwerge, Riesen, magische Zahlen (3,7…), Hilfreiche und feindliche Märchenwesen, Gefahren und Hindernisse, Belohnungen, Sprechende Tiere und Dinge. Bei der Sprache wird man immer wieder eine Formelhaftigkeit vorfinden („Es war einmal„ … „Bis auf den heutigen Tag“) und zu guter Letzt dürfen die Zauberformeln nicht fehlen z.B.: Eingreifen einer höheren Macht.

2 Alter und Ursprung des Märchens

Das Märchen ist eine der ältesten Überlieferungen der Menschheit überhaupt. Viele Märchen entstanden über die Jahrhunderte, wurden weitererzählt und gerieten wieder in Vergessenheit. Märchenerzähler mussten ein gutes Gedächtnis haben. Sie erzählten ihre Märchen viele Male in unterschiedlichster Weise. Märchen sind nie einheitlich; sie haben Charakter. Sie vereinen Menschen eines Kulturkreise. Einem Märchen zuhören, heisst auch Zeit und Werte miteinander teilen. Man nimmt eine gemeinsame Identität an, wenn man gemeinsam um die Ehre des Jünglings bangt. Märchen können wahr werden oder Phantasiebilder sein. Menschen brauchen Märchen, um die alltäglichen Schwierigkeiten zu meistern, um Hoffnung und Glaube zu schöpfen.2

Die ältesten heute bekannten Vorformen des Märchens stammen aus dem Orient. Dies sind zum einen die Etana – Erzählung – entstanden um 2000 v. Chr. – und zum anderen die Gilgames – Epen – entstanden um 1800 v. Chr. Erst durch die berühmteste Märchensammlung der Welt „Kinder – und Hausmärchen“ (1812 – 15) von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm erlangte das Märchen auch im europäischen Raum höchste Popularität. Das Märchen wird allgemein in zwei Hauptgruppen unterschieden, nämlich in das Volksmärchen und in das Kunstmärchen. Die Ursprünge des Märchens liegen im Mythos und im Epos. Das Märchen hat große Ähnlichkeit mit der Sage, zum Teil auch mit der Fabel, der Legende und dem Schwank. Die „modernisierte“ Form des Märchens wird als Sciencefiction und Fantasie bezeichnet.

Das älteste Märchenbuch ist die über 300 Stücke umfassende arabische Sammlung „Tausendundeine Nacht“, die ins 10. Jh. zurückdatiert. Die erste europäische Übersetzung legte der Orientalist Jean – Antoine Galland 1704 bis 1717 vor. Diese französische Version war über hundert Jahre der einzige für den europäischen Leser verfügbare Text. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1823.

2.1 Bedeutung der Märchen

Eine wichtige Rolle spielten die Märchen für die Entwicklung des Nationalbewusstseins und der Nationalliteraturen. Vor allem in der Romantik wurden zahlreiche Sammlungen von Volksmärchen angelegt (hier ragen die Volksmärchen der Deutschen von J.K.A. Musäus aus den Jahren 1782/87 heraus). Die Begründer der Germanistik, Wilhelm und Jakob Grimm, verbanden ihre berühmte Märchensammlung Kinder- und Hausmärchen (1812/15) mit wegweisenden Verfahren der wissenschaftlichen Editionstechnik. Zu erwähnen ist auch Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch von 1845.3

3 Die Einteilung der Märchentypen

3.1 Übergeordnete Einteilung

3.1.1 Volksmärchen

Bei Volksmärchen lässt sich kein bestimmter Urheber feststellen. Die mündliche Weitergabe war für lange Zeit die ausschließliche und ist bis heute die natürliche Form der Überlieferung. Dennoch hat auch die schriftliche Überlieferung seit ihren Anfängen auf die traditionelle mündliche Erzählweise miteingewirkt, fanden doch schon im Mittelalter Märchen Eingang in die Literatur und wurden aus den verschiedensten Gründen schriftlich festgehalten. Mit der Möglichkeit des Drucks in der Neuzeit hat die schriftliche Verbreitung naturgemäß eine größere Position eingenommen. Aufgrund der mündlichen Erzähltradition besitzt das Volksmärchen keine konstante Form. Vielmehr tritt es in zahlreichen und teils sehr unterschiedlichen Varianten auf. Was all diese Varianten aber als solche auszeichnet, ist die Grundstruktur der Erzählung, d. h. Thema und Ablauf der Handlung werden in ihren charakteristischen Zügen beibehalten. Die Abweichungen der Varianten voneinander sind umso größer, je älter und je weiter verbreitet ein Märchen ist. In Deutschland wird mit dem Begriff Märchen in erster Linie die Grimmsche Volksmärchensammlung „Kinder- und Hausmärchen“ (1812) assoziiert, jedoch gibt es noch unzählige andere deutsche Volksmärchen, da die Brüder Grimm nur einen Teil der damaligen Märchen aufzeichnen konnten. In Frankreich wurde die erste Märchensammlung 1697 von Charles Perrault angelegt und der Ausdruck „contes de fée“ (Feengeschichten) geprägt, von dem sich das englische „fairy tales“ ableitet. Das Element des zauber- und fabelhaften tritt hier schon in der Namensgebung zum Vorschein. In jedem Kulturkreis gibt es traditionelle Märchen und Sammler, die sich auf die Jagd nach ihnen gemacht haben. Um nur einige Beispiele anzuführen seien noch die Erzählungen aus 1001 Nacht und Charles Perraults „Histoires ou Contes du temps passé avec des moralités“ erwähnt.

3.1.2 Kunstmärchen

Bei den sog. Kunstmärchen handelt es sich indes um bewusste Schöpfungen von Dichtern und Schriftstellern. Bisweilen greifen sie Motive der Volksmärchentradition auf, meist werden aber neuartige fantastische Wundergeschichten erfunden, die mit dem Volksmärchen aber dennoch durch den Aspekt des Wunderbaren und Unwirklichen verbunden bleiben. Ihr Inhalt wird überwiegend durch die Weltanschauung und die Ideen einer individuellen Person getragen und unterliegt den Einflüssen der Literaturströmungen. In der Romantik erreichte das Kunstmärchen einen frühen Höhepunkt und erhielt entscheidende Impulse für seine weitere Entwicklung. In der Frühromantik lag der Akzent auf sehr künstlichen Schöpfungen, die die Grenzen der herkömmlichen Märchen hinter sich ließen und sich somit dem unbefangenen Märchenleser nicht mehr so leicht erschlossen. Das änderte sich jedoch wieder mit den Dichtern der Spätromantik, die den einfachen Märchenton bevorzugten. Der am meisten gelesene Verfasser von Kunstmärchen im 19. Jahrhundert war Wilhelm Hauff (1802- 1827). Seine Märchenbücher „Die Karawane“, „Der Scheich von Alexandria“ und „Das Wirtshaus im Spessart“ erschienen in drei aufeinanderfolgenden Jahren und spielen, wie die Titel schon verraten, vor unterschiedlichem Hintergrund. Während er in den ersten beiden Bänden die Handlung in den Orient verlegt, dient im letzteren der rauhere Norden als Schauplatz. All seine Märchen kennzeichnet das Abenteuer, was aus seiner eigenen Begeisterung für die Fremde zu erklären ist.

Zu den beliebtesten Märchendichtern zählt der Däne Hans Christian Andersen (1805-1875). Angeregt wurde er durch die Brüder Grimm und die deutschen Kunstmärchen. Zunächst ist in seinen Märchen noch eine deutliche Anlehnung an das Volkstümliche zu erkennen, doch schon bald entwickelte er seinen eigenen, unverwechselbaren Stil. Im Gegensatz zu den Volksmärchen, die grundsätzlich an einem unbestimmten Ort spielen, beschrieb er sorgfältig den Schauplatz seiner Geschichten und achtete auf die Nähe zur kindlichen Weltauffassung. Seine Erzählungen weisen eine einfache und ungekünstelte Sprache auf und wirken durch einen eindringlichen Erzählton. Es ging ihm darum, das Wunderbare in die Wirklichkeit des Alltags hineinzuholen, ohne dass eine Kluft zwischen beidem entsteht, wie es bei den Romantikern oft der Fall war. In Dänemark wie in Deutschland sah man in Andersens Erzählungen in erster Linie Märchen für Kinder. Das allerdings widersprach seinem eigenen Selbstverständnis, denn er selbst verstand sich als Autor für alle Altersklassen.

Im weitesten Sinne zu den Kunstmärchen können auch die in neuerer Zeit entstandenen Fantasy-Geschichten gerechnet werden. Auch die Science-Fiction-Filmreihe „Star Wars“ weist typische charakteristische Merkmale eines Märchens auf, wie z.B. die fehlenden bzw.

äußerst ungenauen Orts- und Zeitangaben („Es war einmal, vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis…“), die Gleichstellung von Adligen und Bürgerlichen oder das Happy End.

3.2 Untergeordnete Einteilung von Märchentypen

Die Märchen wurden über Jahrhunderte hinweg in verschiedene Kategorien eingeteilt. Die heutige Forschung arbeitet mit dem von dem finnischen Märchenforscher Antti Aarne erfundenen Typensystem, welches Märchen wie folgt unterscheidet:4

– Tiermärchen und ihre Untergruppen
– Eigentliche Märchen und ihre Untergruppen
– Zauber- und Wundermärchen
– legendenartige Märchen
– novellenartige Märchen
– Märchen vom dummen Teufel oder Riesen
– Schwänke
– Schildbürgerschwänke
– Schwänke von Ehepaaren
– Schwänke mit männlicher oder weiblicher Hauptperson
– Lügenmärchen

3.3 Unterscheidung von Volks- und Kunstmärchen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten5

3.4 Bildungsstand der Kinder in Bezug auf Volksmärchen

Die Kinder haben einige Erfahrung mit Volksmärchen gemacht. Sie kennen die Märchen „Hänsel und Gretel“, „Frau Holle“, „Der Sterntaler“, „Aschenputtel“, „Schneewittchen“, „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“.

Die Kinder haben schon einmal ein Märchen von Walt Disney „Die 3 kleinen Schweinchen“ dargestellt. Es wurden jedoch nur einzelne Szenen ausgewählt, die einfacher für die Kinder nachzuspielen waren.

Ich habe festgestellt, dass die Kinder Märchen sehr gern hören. Ihre Aufmerksamkeit und Konzentration beim Vorlesen, Erzählen, beim Vortragen von Märchenliedern sowie Handpuppenspielen ist zufriedenstellend. Die Selbstdarstellung ist in den Anfängen vorhanden und muss weiter ausgebaut werden. Die Kinder wissen, dass Märchen nur erfunden und ausgedacht sind.

4 Anwendung der Märchen

4.1 Ursprüngliche Funktion der Märchen

Die Funktion des Märchens hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr von der sozialen zur psychologischen Funktion gewandelt. Eigentlich waren Märchen Geschichten für Erwachsene und nicht, wie heute, fast ausschließlich für Kinder. Aufgrund der nicht vorhandenen Medien war dies die einzige Möglichkeit für die Menschen, sich mit einem wichtigen Thema auseinander zu setzen. Märchen dienten also nicht, wie man annehmen könnte, vorrangig der Unterhaltung – dies war nur zweitrangig-, sondern als Hilfe bei schwierigen Lebenssituationen. So zeigt das Märchen ein Kontrastbild zur wirklichen Welt, indem die verwendete „Seinsollensdichtung“ dem Zuhörer zeigt, wie die Welt eigentlich sein sollte. Aber auch Sozialkritik ist,6 oft für den Empfänger nicht immer direkt erkennbar, versteckt.

1 www.dagmar-erzählt.de am 12.04.2008

2 www.dagmar-erzählt.de vom 12.04.2008

3 www.wikepedia.de vom 20.04.2008

4 www.wikipedia.de vom 20.04.2008 Mitschrift Fach Medien 2. Lehrjahr

5 Mitschrift Fach Medien 2. Lehrjahr

6 www.Gymnasium-Meschede.de vom 21.04.2008

Warum Märchen auch heute für Kinder so wichtig sind

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Märchen machen Mut: Die Struktur der Geschichten ähnelt sich – der Held oder die Heldin kommen in schier aussichtslose Situationen, müssen sich gegen das Böse behaupten und reifen an ihren Aufgaben. Am Ende siegt das Gute. Märchen sagen den Kindern auf diese Weise: Wenn du zupackst, schaffst du es! Dieses Urvertrauen ins Leben brauchen Kinder für eine gesunde Entwicklung.

Märchen spenden Trost: Kinder fühlen sich verstanden, wenn sie die Geschichten von Hänsel und Gretel oder dem Aschenputtel hören. Da ist ja noch einer, der Angst hat, nicht geliebt zu werden. Der sich manchmal schrecklich blöd vorkommt. Der nicht selbstständig werden will. Einer, der wie ich Ärger mit Bruder oder Schwester hat.

Märchen lassen Gefühle zu: Im Märchen sind moralische Zuordnungen eindeutig. Es gibt ganz klar Gut und Böse, Schwarz und Weiß, keine Zwischentöne. Das entspricht der kindlichen Entwicklung, denn auch für ein Kind im Vorschulalter sind Menschen entweder gut oder böse. Wenn es aber in alle Rollen schlüpfen kann, darf es beide Seelenanteile erleben, die guten und die bösen. Es kann das arme Stiefkind sein, aber auch die Prinzessin, die Hexe oder die böse Stiefmutter.

Märchen vermitteln Werte: Der Held oder die Heldin von Märchen beweisen nicht nur Mut. Sie sind auch besonders tugendhaft. Sie sind treu, fleißig, demütig, geduldig, bescheiden, ehrlich – und diese Werte können Kinder gut durch ihr heutiges, ziemlich kompliziertes Leben leiten.

( BM )

«Es war einmal…»: Warum Kinder Märchen brauchen

Fantastische Welten mit sprechenden Tieren, bösen Hexen, schlauen Helden und schönen Prinzessinnen: Dies sind die Zutaten für ein gutes Märchen. Bis heute sind die fabelhaften Erzählungen bekannt. Aber brauchen wir Märchen eigentlich noch?

Rotkäppchen gehört zu den bekanntesten Märchen. (Bild: Myillo, DigitalVision Vectors, Getty Images Plus)

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Von Katharina Kehler

Wer kennt sie nicht, die berühmten Worte „Es war einmal…“, mit denen so viele Märchen eingeleitet werden? Mit gespitzten Ohren und gebannter Miene lauschen wir unglaublichen Geschichten, in denen heldenhafte Taten vollbracht werden, gefährliche Abenteuer locken, Wunder und Zauberei zum Alltag gehören und das Gute meist über das Böse siegt. Märchen ziehen Menschen seit jeher in ihren zauberhaften Bann und werden immer noch gerne gelesen und vorgelesen, obwohl das Repertoire der Kinder- und Jugendliteratur um ein Vielfaches gewachsen ist. Wir lüften das Erfolgsgeheimnis der sagenumwobenen Märchengeschichten.

Die zauberhafte Welt der Märchen

Das Beste am Märchen ist, dass es zeitlos ist, Platz für eigene Fantasien lässt und von jedermann verstanden wird. Das ist möglich, weil Märchen über eine einfache Struktur verfügen, kurz und bündig geschrieben sind und einfach im Gedächtnis bleiben. Sie sind so einprägsam, dass man sie selbst als Erwachsener nicht vergessen hat und sich neu dafür begeistern kann, wenn man sie den eigenen Kindern erzählt oder vorliest. „Oftmals erkennt man später durch seine eigenen Erfahrungen und seinen Wissensschatz neue Seiten an seinem Lieblingsmärchen aus der Kindheit“, sagt Märchenexperte, Buchautor und Pädagoge Dr. Oliver Geister gegenüber der Zeitschrift „Kids und Co“ im Herbst 2012.

Etwa ab dem dritten Lebensjahr fangen Kinder an, sich für Märchen zu interessieren. Dazu muss man wissen, dass kleine Kinder die Welt anders wahrnehmen als Erwachsene. Für Kinder erscheinen, nach der Theorie des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget, die sie umgebenden Gegenstände und Lebewesen beseelt. Kinder lernen erst in der Schule, wie Naturphänomene und technische Abläufe funktionieren. Vorab erklären sie sich die Welt, wie es ihnen gefällt. Im Märchen verhält es sich ähnlich, denn dort können Frösche oder Kater sprechen, Zwerge Gold spinnen und Zauberspiegel die Zukunft voraussagen. „Durch die sprachlichen Bilder in den Märchen fü?hlen sich die Kinder angesprochen und in ihrer Sicht auf die Dinge bestätigt und verstanden“, sagt Geister weiter.

Märchen: Keine Angst vor Wölfen, Hexen und bösen Stiefmüttern

Märchen wie „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“ oder „Hänsel und Gretel“ sind stellenweise recht grausig: Der böse Wolf verschlingt das Grosi und Rotkäppchen, die böse Stiefmutter plant gegen ihre hübsche Stieftochter gleich mehrere Mordkomplotte und eine kannibalistische Hexe will Hänsel und Gretel mästen, um sie später verspeisen zu können.

Im Interview mit „Neue Osnabrücker Zeitung“ Ende November 2012 beleuchtet der Märchenkenner Dr. Oliver Geister zwei Aspekte bezüglich der Grausamkeit in Märchen: Zum einen zeige sie, dass Gewalt und Grausamkeiten auch Teil des wirklichen Lebens sind. Zum anderen würden die Grausamkeiten im Märchen fast nie ausgeschmückt. Und so kommt es, dass Rotkäppchen und das Grosi unversehrt aus dem Bauch des Wolfes vom Jäger befreit werden können. Auch Schneewittchen wird ins Leben zurückgeholt und ihre Stiefmutter hart bestraft. Im Hexenhäuschen wendet sich das Blatt ebenfalls zu Gunsten der Kinder, denn statt ihrer landet die Hexe im Ofen. „Die viel gescholtene Grausamkeit im Märchen scheint uns Erwachsene mehr zu beunruhigen als die Kinder. Sie verstehen die Symbolik: Da wird in „Hänsel und Gretel“ beispielsweise nicht eine lebende Hexe verbrannt, sondern das Böse vernichtet“, erläutert Geister gegenüber taz.de im Oktober 2013.

Figurenspieltherapeutin Brigitte Schäfli bestätigt dies Anfang Januar 2014 gegenüber aargauerzeitung.ch und fügt hinzu: „Kinder können durch Märchen Ängste überwinden, ihr Selbstbewusstsein sowie das Vertrauen ins Leben stärken.“ Kinder verstünden auch die Symbolik der bösen Stiefmutter. Denn durch das Stiefmütterliche erlange der Held den Anreiz, der ihn aus seiner Stagnation führt und so sein Vorankommen fördert. Die Märchenstiefmutter sei für Kinder aber nicht gleichbedeutend mit der realen Stiefmutter, die es heute im Zuge der hohen Scheidungsrate häufig geben kann. Schäfli ist der Ansicht, dass das Erzählen von Märchen heute wichtiger denn je sei. „Viele Kinder sind auf sich selbst gestellt und müssen alleine in die Welt hinausziehen.“ Ein paar starke Vorbilder, wie wir sie im Märchen finden, können da schon unterstützend wirken.

  • 1. Teil „Es war einmal…“: Warum Kinder Märchen brauchen
  • 2. Teil Die Vorbildfunktion der Märchenfiguren

Märchen können Kindern Orientierung geben und Mut machen, denn es gibt Gut und Böse, aber das Gute siegt am Ende immer. Noch dazu sind gute und böse Figuren leicht voneinander zu unterscheiden, sie haben entweder nur gute Eigenschaften und sind noch dazu schön – oder sie haben nur schlechte Eigenschaften und sind hässlich. Natürlich ist das im realen Leben nicht so, das Schwarz-Weiß-Zeichnen der Märchen entspricht aber der kindlichen Vorstellungswelt. Bilder wie z.B. eine brennende Hexe, ein Wolf, dem der Bauch aufgeschnitten wird oder ein Rumpelstilzchen, das sich selbst entzwei reißt, sind keine Schreckensbilder, sondern zeigen, dass das Böse vollständig besiegt wurde.

Vom Märchen zur Realität

Die Erfahrung von Gut und Böse im Märchen beruhigt Kinder. Viele nehmen Schlechtes in der Welt durchaus wahr, können es aber noch nicht in Worte fassen. Märchen sind so klar strukturiert, dass sich auch kleine Kinder orientieren können. Die Figuren werden zur Projektionsfläche für die Ängste der Kinder und somit werden sie greifbar. Wird das Böse besiegt, haben Kinder weniger Angst. Kinder, die mit Märchen aufwachsen, erkennen bald, dass z.B. eine Hexe nicht real ist, möchten aber trotzdem, dass sie als böse Figur besiegt wird. Grausamkeiten im Märchen sind keine wirkliche Gefahr für das Kind und werden auch nicht als solche wahrgenommen.

Die Erfahrungswelt von Kindern ist von Fantasie und Magie geprägt, deswegen fällt es ihnen auch so leicht, sich in ein Märchen hineinzuversetzen. Auch wenn noch nicht alles mit Verstand erklärt werden kann, bieten Märchen eine gute Plattform für kindliche Gefühle.

Eigene Kraft stärken

Das tapfere Schneiderlein besiegt die Riesen, Hänsel und Gretel triumphieren über die Hexe, der Prinz befreit Dornröschen. Kinder lernen, dass das Böse besiegt werden kann und lernen Eigenschaften und Fähigkeiten kennen, die das möglich machen. Außerdem erfahren die kleinen Zuhörer, dass man guten Figuren bzw. Menschen vertrauen kann, z.B. Eltern und Freunden. Kinder lernen durch Märchen auch, an ihre eigene Kraft zu glauben und ihre Ängste zu besiegen. Natürlich passiert dies vorrangig unbewusst.

Lesen – Ein positives Erlebnis

Mindestens genauso wichtig wie der Inhalt des Märchens ist die Situation, in der ein Märchen vorgelesen wird. Kinder genießen die Zeit, die sie mit Mama, Papa, Oma oder Opa verbringen und erinnern sich später an das Kuscheln während des Vorlesens. Somit wird das Thema Literatur schon im Kindesalter positiv belegt. Kinder, die Geschichten vorgelesen bekommen, lesen später meistens selbst gerne.

Märchen für verschiedene Gelegenheiten

Figuren, Schauplatz und Atmosphäre mancher Märchen sind nicht zu jeder Tageszeit für jedes Kind geeignet. Kleine Kinder oder Kinder, die sich nachts leicht ängstigen, werden mit den folgenden Märchentipps sicher gut schlafen können: „Frau Holle“, „Sterntaler“, „Der gestiefelte Kater“, „Der Froschkönig“, „Das hässliche Entlein“, „Die Prinzessin auf der Erbse“ oder „Aschenputtel“. Ich persönlich spreche nach dem Vorlesen noch gerne über das Märchen und frage nach, was dem Kind gefallen hat, was es sich gemerkt hat oder welche Figur ihm am besten gefällt.

Es müssen auch nicht immer Märchen der Brüder Grimm sein! Auch wenn diese bekannt und beliebt sind, gibt es doch zahlreiche Alternativen, die Abwechslung ins Kinderzimmer bringen! Hans Christian Andersen hat wunderschöne Märchen geschrieben, z.B. „Die Schneekönigin“, „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ oder „Die kleine Meerjungfrau“. Auch die Märchen von Ludwig Bechstein (z.B. „Tischlein deck dich“) oder Joseph Jacobs (z.B. „Die drei kleinen Schweinchen“) sind lesenswert.

Unser Sunny-Tipp: Wer einen märchenhaften Ausflug mit der ganzen Familie unternehmen möchte, sollte einmal einen Märchenwanderweg besuchen! Diverse Kindertheater begeistern übrigens auch mit Märchen auf der Bühne.

Kinder brauchen Märchen. Pädagogische Werte der Märchen

1. Einleitung

2. Biografie Bruno Bettelheim

3. Warum brauchen Kinder Märchen?

4. Eigenschaften von Märchen und die damit verbundenen pädagogischen Werte

5. Beispiele
5.1. Hänsel und Gretel
5.2. Rotkäppchen
5.3. Schneewittchen
5.4. Dornröschen
5.5. Aschenputtel

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

8. Anlagen

1. Einleitung

In der heutigen Zeit der Massenmedien, des Internets und des dauernden Fortschritts ist kaum zu glauben, dass es Geschichten gibt die schon seit Jahrhunderten existieren und trotzdem immer wieder weit verbreitet aktuell sind. Die Geschichten von mutigen Prinzen, armen oder traurigen Mädchen, guten Feen, bösen Hexen und vielen anderen Zauberwesen scheinen den Erwachsenen nie aus dem Gedächtnis zu entfallen und auch die Kinder immer wieder zu begeistern. Aufgrund dieser großen Beliebtheit der Märchen möchte ich in dieser Arbeit zum einem die Gründe dafür darstellen und zum anderen vor allem auf die Wirkung, die Märchen auf Kinder haben, eingehen. In diese Betrachtung beziehe ich sowohl pädagogische als auch psychologische Aspekte, welche ich auch anhand einiger bekannter Märchen der Gebrüder Grimm erläutern möchte. Bei dieser Darstellung werde ich mich, neben anderen Texten, vor allem auf das Buch „Kinder brauchen Märchen“ von Bruno Bettelheim beziehen.

2. Biografie Bruno Bettelheim

Bruno Bettelheim wurde am 28. August 1903, als Sohn eines Sägewerkbesitzers, in Wien geboren . Schon mit vierzehn Jahren zeigte er Interesse an der Psychoanalyse und bewegte sich bald im Kreis um Siegmund Freud. 1938 schloss er sein Studium der Philosophie mit einer Arbeit über Immanuel Kant ab. Noch im selben Jahr wurde Bettelheim als Jude in das KZ Dachau und später Buchenwald überführt. Nach zehn Monaten Aufenthalt wurde ihm erlaubt in die USA zu emigrieren. Im Jahr 1944 wurde er Leiter der dortigen „Orthogenic School“ und Assistenzprofessor für Kinder- und Jugendpsychologie, -psychiatrie und -pädagogik, wobei autistische Kinder zu einem seiner Schwerpunkte zählte. Bettelheims Werke zeichnen sich durch ein Plädoyer für Humanität und Verständnis aus. Sein Leben nahm nach einem Schlaganfall 1990 ein Ende. Zu seinem Werken, die er hauptsächlich zur Kindererziehung schrieb, gehören unter anderem „Ein Leben für Kinder“ (1987), „Themen meines Lebens“ (1990) und „Kinder brauchen Märchen“ (1982).

(nach: www.wikipedia.de)

3. Warum brauchen Kinder Märchen?

Bruno Bettelheims Titel lautet „Kinder brauchen Märchen“. Dieser Titel hört sich so selbstverständlich an, deshalb möchte ich als erstes erläutern warum Kinder Märchen brauchen.

Wenn man an Märchen denkt, tauchen alte Kindheitserinnerungen auf und man denkt daran wie es war als man die Märchen vorgelesen bekam. Vor allem ist es das Gefühl der Geborgenheit und der Wärme, die man durch die Eltern oder Großeltern erfahren hat. Für diesen Moment scheint es für das Kind nichts anderes, als denjenigen, der das Märchen vorließt und natürlich den magischen Inhalt des Märchens, zu geben. Ein Kind genießt in diesem Augenblick diese ungeteilte Aufmerksamkeit des Erwachsenen. Vor allem in der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit ist es sehr wichtig, sich Zeit für sein Kind zu nehmen und sich intensiv mit ihm zu beschäftigen. Und das soll nicht heißen, dass der Elternteil, während das Kind spielt, nur daneben sitzt. Diese Zuneigung wird sich sowohl auf das Kind und die Eltern einzeln positiv auswirken als auch auf die Beziehung zwischen den beiden.

Neben dieser familiären und persönlichen Nähe, wirken sich die Märchen in vielerlei Hinsicht positiv auf das Kind aus. Da sie die Kinder so erreichen, dass sie ihnen bei der Bewältigung ihrer Problemlagen Lösungswege aufzeigen können, tragen sie natürlich auch zu der Entwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit bei. Dabei sollen Charaktereigenschaften, wie Fleiß und Faulheit, Schönheit und Hässlichkeit, Neid, Neugier und Hochmut oder Stärke und Schwäche, von den Kinder erkannt und verstanden werden. Abgesehen davon zeigen die Märchen dem Kind sehr offensichtlich, durch die Bestrafung Böser und die Belohnung Guter, was Gerechtigkeit heißt und eher unbewusst wie sie ihr inneres Gefühlschaos ordnen können. Außerdem können sie dem Kind, zum einen durch die strickte Unterscheidung zwischen Gut und Böse und zum anderen durch die Handlungsweise der Helden, eine Vorstellung von Normen und Werten geben. Auf all diese Punkte und auch weitere werde ich im nächsten Punkt tiefer eingehen.

Natürlich haben Märchen auch ein medienpädagogischen Wert, denn die Kinder können mit solchen leichten Geschichten den Umgang mit Literatur üben. So wird eventuell Interesse und Neugier an der Literatur geweckt und somit ein Weg zur späteren Literatur geebnet.

Für ein Kind ist es natürlich auch wichtig wenn es etwas gelesen hat, über das Gelesene mit jemanden zu reden oder eventuell entstandene Unsicherheiten zu klären. Damit wären wir wieder bei Punkt, dass Eltern oder andere Familienmitglieder für das Kind da sein sollten.

4. Eigenschaften von Märchen und damit verbundene pädagogische Werte

Obwohl es die verschiedensten Formen von Literatur für Kinder gibt, sind es die Märchen die den noch unentwickelten Geist der Kinder am meisten ansprechen. Sie behandeln zwar nicht die Probleme, die Kinder in der heutigen Zeit haben können, doch lassen sich Bezüge zu den inneren Konflikten, denen sich Kinder oftmals hilflos ausgesetzt fühlen, ziehen.

Für die Grimmschen Märchen werden vor allem Kinder in dem Alter von vier bis acht Jahren als Adressaten genannt (Geldern-Egmond, 2000, S. 19).

Ein Märchen enthält eine Menge Elemente und Eigenschaften, die sich scheinbar genau an die Entwicklungsstufe der Kinder anlehnen und sie sich auf die Geschichte ohne Probleme einlassen können. Gemeint ist dabei zum einen die einfache Sprache und der Aufbau, was die Märchen so leicht zu lesen und verstehen lässt und zum anderen auch die „Verknüpfung von realen und imaginären Geschehensebenen im Märchen“ (Geldern-Egmond, 2000, S. 19).

Durch diese vor allem sehr einfache und auch bildliche Darstellung lässt das Märchen dem Kind die Freiheit vor sich hin zu träumen und vor allem seine Phantasie anzuregen und diese zu bereichern. Dies wird ihm auch in seinem späteren Leben zugute kommen, denn oftmals genügt ein wenig Kreativität und Phantasie um einen Weg aus einer Problemlage zu finden. Durch die Märchen wird den Kindern auch teilweise ein Handlungsansatz angeboten, dem sie folgen können um bestehende Problemlagen selbständig zu lösen. Dadurch wird zum einem das Autonomiebestreben gefördert und zum anderen wird bei dem Kind der Grundstein zur individuellen Lebensbewältigung gelegt.

Die Figuren in den Märchen werden nie bei einem Namen, wie wir sie üblicherweise kennen, genannt. Sie tragen Namen, die sich eher auf deren Eigenschaften und den Charakter beziehen. So hat Aschenputtel ihren Namen, durch das Schlafen in der Asche erhalten und ein Junge, er in einer Familie als minderbegabt gilt und aus ihrer Sicht nichts zustande bringt, wird meist Dümmling genannt. Anhand dieser einfachen Namen kann sich ein Kind leichter mit den Figuren und deren Lebensweise identifizieren.

Nach der Denkentwicklung von Piaget ist die Welt aus Kinderaugen immer nur schwarz oder weiß, dass heißt Kinder können zwischen zwei extremen, wie gut und böse unterscheiden, finden aber in dieser Entwicklungsphase keinen Mittelweg. In dieser Phase kommen ihnen vor allem die magischen Elemente im Märchen zur Hilfe. Bruno Bettelheim nennt diese Intensität der Gefühle das „innere Chaos“ bei Kindern (Bettelheim, 2003, S. 87).Genauso wird in den Märchen streng das Gute von dem Bösen getrennt, es besteht also eine gewisse Polarisierung (Bettelheim, 2003, S.16). Einige immer wieder auftretenden Figuren, wie die Hexe oder die Stiefmutter, verkörpern in jeden Märchen das Böse. Mit Hilfe dieser Polarisierung kann ein Kind sein inneres Chaos ordnen. Außerdem kann dem Kind, durch die Gewissheit eines guten Ausgangs, eine emotionale Lebenssicherheit vermitteln werden (www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Erziehungsbereiche/s_382.html 10.03.2005).

Märchenerzählen im Kindergarten

Ingeborg Becker-Textor

Wenden wir uns von der volkskundlichen Definition des Märchens der Umgangssprache zu, so begegnen wir einer Reihe von Redewendungen:

  • Erzähl mir keine Märchen
  • Märchen sind für Kinder
  • Märchen haben in unserer Zeit nichts verloren
  • Märchen verwischen die Realität

Wie sieht es nun wirklich aus mit den Märchen für Kinder, insbesondere mit dem Märchenerzählen im Kindergarten?

Man sagt den Märchen nach, sie würden weltfremd machen und seien aus diesem Grunde nicht geeignet für Kinder. Märchen sollten nicht mehr erzählt werden, weil sie zur Aufrechterhaltung längst vergangener Herrschaftsstrukturen beitragen könnten und an längst überfälligen Moralvorstellungen festhalten würden. Für den Erzieher ist nun die Frage: Wie ernst soll er solche Einwände nehmen?

Märchen werden so lange leben, so lange es noch Erzähler gibt, die Zuhörer finden

Wir wissen, daß Märchen in früheren Zeiten nicht zur Unterhaltung dienten. Ebenso kennen wir keine reinen Kindermärchen. Das Märchen, bzw. der Märchenerzähler, wandte sich an den Erwachsenen. Die Märchen trafen den Zuhörer unmittelbar, viele Menschen fühlten sich persönlich angesprochen. Aus der Schilderung der mannigfaltigen und notvollen Kämpfe und deren siegreicher Beendigung erwuchs ihnen Kraft und neue Möglichkeiten, ihre eigenen Lebensschwierigkeiten zu bewältigen. So können wir Märchen als Kunstwerke von zeitloser Gültigkeit bezeichnen, in denen durch die Hilfe von Bildern, Gestalten und Symbolen Lebenserfahrungen zum Ausdruck gebracht werden.

Der Begriff „Märchenerzählen“ weckt bei mir selbst eine Vielfalt von Kindheitserinnerungen und ist verbunden mit ganz bestimmten Rahmenbedingungen: „Meine Mutter erzählte mir täglich Märchen, besonders in den dunklen Wintermonaten. Die Hausarbeit war erledigt, das Abendessen vorbereitet, wir warteten auf die Heimkehr des Vaters von der Arbeit. Wir kuschelten auf dem alten Sofa. ‚Bitte, erzähl mir ein Märchen!‘ Im Raum war es dämmrig, denn wo nur möglich mußte der Strom gespart werden. Und dann begann meine Mutter zu erzählen… ‚Es war einmal…‘ Für mich war und ist Märchenerzählen mit dieser sicheren, heimeligen Atmosphäre verbunden“.

Diese Kindheitserinnerungen waren bei mir nahezu in Vergessenheit geraten. In der praktischen Kindergartenarbeit bildeten sie aber dann mein Rüstzeug für das Erzählen. Dicht gedrängt saßen die Kinder auf dem Bauteppich mit dem Wunsch: „Bitte, erzähle eine Geschichte, ein Märchen“. „Es war einmal…“ Zwischendurch hörte man das tiefe Atmen der Kinder, in Erzählpausen flüsterten sie: „Weiter…“ Wie oft habe ich beobachtet, daß auch die Erwachsenen, die im Raum waren, genauso gespannt zuhörten wie die Kinder.

Märchen werden so lange leben, so lange es Erzähler gibt. Ich möchte dies bewußt noch einmal wiederholen. Zuhörer gibt es immer. Machen Sie den Versuch und erzählen Sie einer Gruppe von Menschen. Sie werden sie alle bald in den Bann des Märchens gezogen haben.

Das Erzählen

Der Erzieher, und damit der Erzähler im Bereich des Kindergartens, erfährt in seiner Ausbildung zu wenig über das Märchen. Meist wird das Märchen nur als Literaturgattung vorgestellt, verschiedene Märchensammlungen betrachtet, einige Märchen gelesen und interpretiert. Über das Erzählen selbst wird wenig Wissen vermittelt.

Erzählen und Vorlesen sind zwei grundsätzlich voneinander zu unterscheidende Begriffe. Vielfach werden sie im Kindergarten gleichgesetzt. „Ich erzähle Euch eine Geschichte“ und dann wird das Buch aufgeklappt. Lassen Sie mich auch hier ein kleines Beispiel aus der Praxis einfügen. „Bei einem Besuch in einen Kindergarten bot ich der sehr überlasteten Erzieherin an, daß ich ihren Kindern eine Geschichte erzählen würde, sie könne inzwischen dringende, notwendige Aufgaben erledigen, so daß wir nach dem Abholen der Kinder Zeit für das geplante Beratungsgespräch hätten. Schon das Sitzen auf dem Bauteppich in der Ecke war für die Kinder eine gänzlich ungewohnte Situation. Und dann, dann hatte ich nicht mal ein Buch! „Da kann man doch nicht erzählen!“ So versuchte ich, den Kindern zu verdeutlichen, daß ich die Geschichte im Kopf hätte und daß es mir sehr wichtig sei, sie beim Erzählen alle anschauen zu können. Sie waren bereit, den Versuch mit mir zu machen. Nach wenigen Minuten schon blickten sie mir ins Gesicht, und ich konnte mich ganz auf die Kinder einstellen. Die Erzieherin saß am Schreibtisch, gearbeitet hat sie nicht, sie hat auch zugehört. Im Beratungsgespräch ging es dann um das Erzählen.

Zurück zum Begriff Erzählen. Ich muß als Erzieher eine Geschichte oder ein Märchen verinnerlicht haben, denn nur dann kann ich es an die Kinder weitergeben und mich zudem noch auf meine Zuhörerschaft einstellen. Das Wichtigste beim Erzählen ist der Blickkontakt. Das gilt nicht nur für den Kindergarten, sondern gleichermaßen für die Schule und die erwachsenen Zuhörer. Aus dem Blickkontakt erhalte ich als Erzähler Rückmeldung und kann mich besser auf die Zuhörer einstellen. Dies kann geschehen durch Veränderung der Stimmlage, aber auch vielleicht dadurch, daß ich das Märchen langsamer vortrage und wichtige Stellen wiederhole. Von den Kindern bekomme ich Signale für notwendige kleine Pausen. Die Kinder können Fragen und Ergänzungen einbringen. Dies führt unweigerlich auch zu „Schwierigkeiten“, da die älteren Kinder gerne weiterhören möchten, die jüngeren Kinder aber lieber fragen wollen.

Erzählen – lernbar?

Erzählen ist ein stückweit sicher lernbar. Die beste Schule hierfür ist die eigene Kindheit, das eigene Erfahrungslernen, selbst erfahren zu haben, was Spannung, Entspannung, Anspannung heißt, selbst verschiedene Erzählweisen erlebt zu haben.

Aber wie kann ich es lernen? Es beginnt mit der Vorbereitung einer Geschichte. „Überlese“ ich sie nur in einem Buch, so nehme ich zwar den Inhalt auf, nicht aber die Dynamik und die feinen Nuancen in der Sprache. Eine erste Übung für das Erzählen ist demnach das laute mehrfache Vorlesen, der Erzieher für sich alleine. Machen Sie eine Tonbandaufnahme, dann können Sie sich selbst besser „hören“.

Eine zweite Anregung: Bleiben Sie in der Sprache der Märchen. Versuchen Sie nicht für alles Erklärungen abzugeben und es in unsere heutige Sprache zu übersetzen. Nur zu schnell verfremden Sie damit das Märchen und es geht „verloren“.

Und ein drittes, versuchen Sie einmal selbst, sich ein Märchen auszudenken. Glauben Sie nicht, daß Sie das nicht könnten. Sie können es! Eine Hilfe kann Ihnen dabei der Geschichtenkasten sein. Sie haben eine Reihe von Kärtchen mit Märchenmotiven gesammelt (vielleicht mit Kindern gemalt). Da gibt es eine Prinzessin, eine Fee, einen Raben, einen Frosch, die Blume, das Pferd, den Zauberer usw. Wenn Sie die Kinder diese Kärtchen malen lassen, so können Sie auch gleich die Interessenspunkte herausfinden, die für die Kinder wichtig sind. Ich erinnere mich an ein Kind, das sich wünschte: „Bitte ein Märchen mit der Prinzessen, dem Raben und dem Zauberwasser“.

Märchenerzählen für Kinder ist deshalb so wichtig, weil die Märchen mit den Grunderfahrungen der Kinder übereinstimmen. Darin liegt auch die heilende Kraft des Märchens, in dem ungeheure Tiefen des menschlichen Lebens aufleuchten.

Welche Märchen für Kinder?

Es fällt mir schwer diese Frage zu beantworten. Charlotte Bühler hat den von der Wissenschaft meist unkritisch angewandten Begriff des „Märchenalters“ geprägt. Kinder zwischen 4 und 5 Jahren lieben Märchen ganz besonders. Das Weltbild der Kinder wird organisiert vom magischen Denken. Im konkreten Bereich sind die Kinder jedoch auch fähig, von Fall zu Fall logisch-kausal zu denken. So fordern sie neben dem Märchen auch realistische Geschichten, Verse, Bilder und „Mischformen“.

Beschäftigt sich das Kind mit dem Märchen, so entwickelt es Interesse für unbekannte Dritte. Der Erzieher fördert diesen Schritt dadurch, daß er Parallelen zum Kind sucht, z.B. „Ein rotes Käppchen, wie du eines hast“. Wir brauchen keine zu große Auswahl von Märchen, denn Kinder hören ein Märchen gerne mehrfach hintereinander. Durch die Wiederholung werden sie nicht gelangweilt, vielmehr heben sie Freude an der Sprache. Je bekannter ihnen ein Märchen ist, desto größer wird ihre Sicherheit. Das scheinbar grausame Märchen ist dem Kind vertraut. Die Spannung löst sich, denn das Kind weiß: Am Ende springt das Rotkäppchen wieder durch den Wald, der Großmutter geht es gut…

Wenn die Kinder wissen, was im Märchen vorkommt, dann wissen sie, wie sich das Problem auflöst. Das gibt ihnen Sicherheit und Ruhe. Der Erzieher darf keinesfalls die spezifischen unbewußten Spannungen und die psychologische Bedeutung der Objekte dem Kind bewußtmachen. Die Reaktionen der Kinder entscheiden, inwieweit Erklärungen zum Märchen nötig sind.

Ebenso wie der primitive Mensch ist das Kind nicht in der Lage, sich Naturerscheinungen und physikalische Phänomene zu erklären. So drängt es in die Richtung magischer Deutungen. Es glaubt an Feen und andere Fabelwesen. Oft denkt es, daß es die Naturkräfte durch Singen oder andere Ritualien beherrschen und bestimmte Ereignisse beeinflussen kann. Wenn Felicitas Betz die Märchen „als Schlüssel zur Welt“ bezeichnet, so liegt es in der Hand des Erziehers, für seine Kinder den richtigen Schlüssel zu finden und damit die richtige Auswahl zu treffen. Als Erzieher müssen wir immer wieder versuchen, das Kind auf seiner Bildebene zu erreichen. Als Erwachsene haben wir damit Schwierigkeiten, weil wir uns der Bilderwelt des Märchens entfremdet haben.

Wenn Sie heute als Erzieher den Kindern Märchen erzählen, so schaffen Sie damit erste Voraussetzungen für ein umfassendes Lebens- und Weltverständnis. Die Förderung des Bildbewußtseins ist beim Kind auch bedeutsam für die religiöse Entwicklung. Viele biblische Schriften werden nicht verstanden, weil Sie die Bilder begreifen und erfassen können. Märchen und biblische Geschichten sprechen die gleichen Bilder in uns an, es gibt also profane und sakrale Urbilder. „Wer also kleine Kinder dahingehend fördern möchte, daß sie für eine Erfahrung von Gott vorbereitet werden, der wird ihr Bildbewußtsein sorgsam pflegen und behüten. Die Märchen werden sich hierbei als sehr wirksame Helfer erweisen“ (Felicitas Betz in „Märchen als Schlüssel zur Welt“).

Und wenn Sie jetzt Märchen erzählen…

  • befassen Sie sich zuerst selbst mit den Bildern im Märchen.
  • umspielen Sie die Bilder mit Ihrer Fantasie: wie sah es aus, das rote Käppchen?
  • überlegen Sie sich, was das ausgewählte Märchen im Kind bewirken kann.
  • freuen Sie sich selbst auf das Erzählen, es wirkt positiv auf die Kinder.
  • machen Sie sich bewußt, daß Sie für die Kinder erzählen, nicht um sich selbst zu produzieren.
  • achten Sie darauf, daß nach dem Märchenerzählen noch Zeit bleibt für eine Ruhepause zur Entspannung (das Märchen ist also kein Lückenfüller vor dem Abholen o.ä.).
  • wecken Sie in Kindern und Eltern die Freude am eigenen Erzählen.

„Ein Kind, dem nie Märchen erzählt worden sind, wird ein Stück Feld in seinem Gemüt behalten, das in späteren Jahren nicht mehr angebaut werden kann“ (Herder).

Autorin

Ingeborg Becker-Textor ist Kindergärtnerin und Hortnerin. Sie studierte Diplom-Sozialpädagogik an der Fachhochschule Würzburg und Diplom-Pädagogik an der Universität Würzburg und hat mehrere Zusatzqualifikationen wie z.B. den Abschluss als Fachlehrerin für Werken und das Montessori-Diplom erworben.
Frau Becker-Textor arbeitete als Kindergartenleiterin in Würzburg, als Regierungsfachberaterin für Kindertageseinrichtungen in Unterfranken, als nebenberufliche Dozentin in der Ausbildung für Kinderpfleger/innen und Erzieher/innen, in der Fortbildung für Erzieher/innen und Fachkräfte in der Jugendhilfe sowie mehr als 20 Jahre lang als Referatsleiterin im Bayer. Sozialministerium (nacheinander in den Bereichen Jugendhilfe, Kindertagesbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit). Im Ministerium war sie auch für zahlreiche Forschungsprojekte auf Landes- und Bundesebene zuständig. Von 2006 bis 2018 leitete sie zusammen mit ihrem Mann das Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF) in Würzburg.
Ingeborg Becker-Textor ist Autorin bzw. Herausgeberin von mehr als 20 Büchern und über 40 Medienpaketen. Sie hat ca. 140 Fachartikel in Zeitschriften, in Sammelbänden und im Internet veröffentlicht.
Homepage: https://www.ipzf.de

Märchenspiele

Märchenhafte Spielvorschläge rund um das Thema Märchen.

Ganz gleichgültig, ob ihr eine Märchen-Party, einen Kindergeburtstag oder eine Faschingsparty plant, diese tollen Märchenspiele solltet ihr auf alle Fälle in die Planung einbeziehen.
Sie sorgen für ein großes Vergnügen bei den Kindern.
Außerdem bringen sie in den Alltag von Kindergarten und Schule viel Abwechslung.

Aschenputtel

Jeweils zwei Spieler treten gegeneinander an. Jeder bekommt 2 leere Getränkeflaschen und eine kleine Schüssel in der getrocknete Erbsen und Linsen gemischt wurden.
Auf das Startsignal beginnen nun beide so schnell als möglich alle Linsen in die eine und alle Erbsen in die andere Flasche zu sortieren.
Wer ist schneller und gewinnt das Spiel.
Ihr könnt natürlich auch mehrere Kinder zeitgleich gegeneinander antreten lassen.

Der grimmige König – Mitmachgeschichte

Ein lustiger Märchenspaß für Klein und Groß.
Die ausführliche Spielbeschreibung findet ihr unter: Der grimmige König – Mitmachgeschichte

Hänsel und Gretel

Alle Spieler sitzen im Kreis.
In der Mitte steht ein Stuhl oder ihr spielt es nahe eines Tisches.
Der Stuhl bzw. Tisch ist das Hexenhaus.
Ein Spieler beginnt das Spiel und spielt die Hexe.
Dazu setzt er sich in das Hexenhaus (unter den Stuhl/ Tisch).
Ein Kind wird wortlos durch deuten des Spielleiters bestimmt, welches nun zum Hexenhaus geht.
Es kratzt/ raschelt am Hexenhaus.
Die Hexe ruft: „Knusper, knusper knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“
Das Kind ruft mit verstellter Stimme: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“
Jetzt muss die Hexe erraten, wer geknuspert hat und den Namen des Kindes nennen.
Danach wird das Kind, das geknuspert hat, die Hexe und es gibt ein neues knusperndes Kind.

Frau Holle

Mit einem Schneeball aus Frau Holles Flocken wird ein Wettpusten veranstaltet.
Das Spiel ist ansonsten unter dem Namen Watte blasen bekannt.
Die ausführliche Spielbeschreibung findet ihr unter: Watte blasen

Da oben auf dem Berge

Ein nettes Spiel um Zwerge und Riesen.
Die ausführliche Spielbeschreibung findet ihr unter:
Da oben auf dem Berge

Der Zauberer

Ein zauberhafter Spielspaß.
Die ausführliche Spielbeschreibung findet ihr unter: Der Zauberer

Schlüsselkönig

Das Spiel vom Schlüsselkönig bei dem schnelle Reaktion gefragt ist.
Die Spielanleitung findet ihr hier: Schlüsselkönig

Königinnenball

Ein Ballspiel für königliche Mitspieler.
Die Spielanleitung findet ihr hier: Königinnenball

Versteinerungstanz

Die tanzenden Märchenfiguren werden auf einmal von der böse Fee versteinert.
Spielt erneut die Musik, erlischt der Zauber.
Die Spielanleitung findet ihr hier: Versteinerungstanz

Dornröschen (ein Märchen-Spiellied)

Den Text zu Spiellied findet ihr unter: Märchenparty

Hänsel und Gretel (ein Märchen-Spiellied)

Den Text zu Spiellied findet ihr unter: Märchenparty

Musik zum Thema Märchen

Steh‘ auf, wenn du auf Zwerge stehst
von 7 Zwerge
Aus dem Album 7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug – Die Zwergensongs

Weitere Tipps

Plant ihr eine Märchenparty, so findet ihr hier ganz viele tolle Ideen, Rezepte, Dekovorschläge, Einladungskarten und vieles mehr: Märchenparty

Märchenparty

Wie Märchen die Entwicklung Ihres Kindes Unterstützen

Das typische „Märchenalter“ beginnt mit etwa drei Jahren. Im Alter von drei bis sechs Jahren sind Kinder ganz einer so genannten magischen Weltsicht verhaftet. Da ein Kind in diesem Alter noch keinen Zugang zur naturwissenschaftlich-technischen Weltsicht der Erwachsenen hat, kann es sich technische oder physikalische Abläufe und auch Naturereignisse nur durch geheimnisvolle, eben magische Kräfte erklären.
Nachdem sich Märchen und Sagen eben dieses magischen Verständnisses bedienen, sind sie für Kindergartenkinder so interessant. Kinder sind jetzt außerdem sehr für biblische Geschichten zu begeistern, sodass auch hierfür das geeignete Alter gekommen ist, sofern Sie eine religiöse Erziehung befürworten.

Märchen für Kinder – überhaupt noch zeitgemäß?

Diese Frage lässt sich ganz eindeutig bejahen!

  • Märchen haben sich über Jahrhunderte hinweg in allen Völkern entwickelt und stellen quasi die gebündelten Erfahrungen der Menschheit in Bezug auf Entwicklungen, Beziehungen und Entscheidungen dar, die das Leben des Einzelnen beeinflussen.
  • Märchen „übersetzen“ wichtige menschliche Lebenssituationen in Symbole und Bilder, deren Bedeutung Kinder im Märchenalter mit feinem Gespür erkennen. Sie verstehen die Botschaft der Märchen ganz intuitiv.
  • Märchen bieten Helden, mit denen sich Kinder identifizieren können. Es ist dabei nicht von Bedeutung, ob es sich um einen Helden oder eine Heldin handelt, da sich Kinder auch gut mit Helden des anderen Geschlechts identifizieren können.

Mein Tipp: Märchen speziell für Mädchen

Speziell für Mädchen ist es aber sinnvoll, Märchen zu erzählen oder vorzulesen, in denen Heldinnen vorkommen und nicht nur schöne Prinzessinnen von tapferen Rittern erlöst werden! Beispiele für Märchen mit Heldinnen sind „Die sieben Raben“ oder „Die sechs Schwäne“ (beide von den Gebrüdern Grimm)

  • Märchen zeigen Lösungsmöglichkeiten für Konfliktsituationen und problematische Entwicklungsschritte auf. Das Kind kann sich so unbewusst mit einer möglichen Lösung auseinander setzen, die ihm in seiner Entwicklung und in der Überwindung so mächtiger Gefühle wie Eifersucht, Angst oder Verlassenheit weiterhilft.
  • Märchen regen die Phantasie an. Dies ist gerade in unserer gefühlsarmen und phantasielosen hochtechnisierten Umgebung von großer Wichtigkeit. Beim Hören von Märchen entstehen aus dem Gehörten Bilder in der kindlichen Phantasie. Dies ist ein unschätzbarer Vorteil gegenüber der Reizüberflutung durch vorgefertigte Fernsehbilder, die überhaupt keinen Platz für Phantasie mehr lassen.
  • Märchen vermitteln traditionelle Werte, die nie ungültig werden. Diese Werte wird das Kind immer an seine eigenen Erfahrungen anpassen, sodass sie stets aktuell bleiben.
  • Selbst die uns Erwachsenen oft antiquiert erscheinende Sprache der Märchen wird von Kindern – zumindest sinngemäß – sehr gut verstanden. Auch fördern neue, unbekannte Wörter die sprachliche Entwicklung.

Sind Märchen grausam und angsteinflößend?

Für Kinder ist das ausgeprägte Schwarz-Weiß-Denken, die klare Unterteilung in Gut und Böse im Märchen von großer Wichtigkeit. Kinder brauchen klare Verhältnisse, damit sie sich orientieren können und um zu unterscheiden, was gut und was schlecht ist. Erst später sind sie in der Lage zu erkennen, dass es verschiedene Möglichkeiten auf der Skala zwischen Gut und Böse gibt.

Erwachsene sind oft über die drakonischen Strafen, die in Märchen verhängt werden, entsetzt. Kindergartenkinder haben hiermit allerdings überhaupt keine Probleme, da sie es nur für gerecht halten, wenn die „Bösen“ hart bestraft werden. Erst durch die Polarisierung von Gut und Böse im Märchen finden Kinder im Vorschulalter zu einem differenzierteren Bild der Gerechtigkeit und plädieren dann auch für mildere Strafen. Im Märchen werden unbewusste Ängste thematisiert, die für alle Kinder zur Entwicklung dazugehören. Trotzdem machen Märchen Ihrem Kind keine Angst, da die dazugehörigen Phantasie-Bilder im Kopf Ihres Kindes ja in geborgener Atmosphäre in Ihrem Beisein beim Erzählen oder Vorlesen entstehen. Märchen verleihen lediglich den Ängsten, mit denen sich das Kind gerade beschäftigt, Gestalt und zeigen Wege auf, wie diese zu bewältigen sind. Nimmt die Angst des Kindes, gefressen zu werden, wie im Märchen „Hänsel und Gretel“ die Gestalt der bösen Hexe an, so kann es sich davon befreien, indem die Hexe im Backofen verbrannt wird.

Wer ist wer im Märchen?

Um Ihnen als Eltern Interpretationshilfen an die Hand zu geben, haben wir die Bedeutung häufig vorkommender Märchenfiguren oder Schauplätze in Tabelle 1 zusammengestellt. Sie sind damit in der Lage, besser zu verstehen, was Ihr Kind ausdrücken möchte oder was es besonders beschäftigt, wenn es über bestimmte Märchenbilder spricht oder diese malt. Märchenfiguren, mit denen sich Ihr Kind identifiziert, spielen oft eine Rolle, die sich Ihr Kind (noch) nicht zutraut. Indem es die Märchenfigur für sich handeln lässt, kann es – ganz in Sicherheit – neue Erfahrungen machen und neue Rollen einüben.

Bitte beachten Sie: Lassen Sie Märchen immer ganz unverfälscht auf Ihr Kind wirken und versuchen Sie niemals, ein Märchen zu interpretieren oder den tieferen Sinn zu erklären.

Entschlüsselung wichitger Märchensymbole

Figur oder Schauplatz im Märchen steht/ stehen für
Held oder Heldin Ihr Kind
Prinz oder Prinzessin Ihr Kind
König und Königin Eltern
Riesen, Drachen (übermächtige) Eltern oder andere Erwachsene
böse Stiefmutter, Hexe oder Zauberer ungeliebte, gefährliche Seite von Eltern oder anderen Erwachsenen
Teufel, graue Männchen, andere dunkle Wesen dunkle Seite des kindlichen Selbst, „innerer Widersacher“
weise Alte, sprechende Tiere und andere helfende Figuren gute oder geliebte Seite des kindlichen Selbst oder der Eltern
Wald Symbol des Unbewussten
Geschichten vermitteln Bedeutung

Wer kennt das nicht? Eine spannende oder lustige Geschichte bleibt uns viel leichter im Gedächtnis als abstrakte Sachtexte, Vokabellisten oder Zahlenreihen. Geschichten wecken Emotionen und liefern den Kontext, der Einzelheiten erst bedeutsam macht. Neurobiologen wie Gerald Hüther betonen immer wieder, wie wichtig Emotionen für das Lernen sind. Denn Kinder lernen vor allem das, was ihnen etwas bedeutet und wofür sie sich begeistern.1 Geschichten können eine Möglichkeit sein, Begeisterung zu wecken. Sie handeln von Menschen (oder Tieren, Fantasiewesen), die wünschen, fühlen, fürchten, Konflikte erleben und eine Entwicklung durchlaufen. Kinder können sich in die Figuren hineinversetzen und deren Erlebnisse miterleben. Gute Geschichten vermitteln das Gefühl, eine ganzheitliche Erfahrung zu durchleben und am Ende etwas gelernt zu haben, über das Leben oder über sich selbst.2 Sie vermitteln Sinn und Bedeutung. Es ist ein Lernen am Beispiel durch Fantasie, Identifikation und emotionale Beteiligung. „Was den Menschen umtreibt, sind nicht Fakten und Daten, sondern Gefühle, Geschichten und vor allem andere Menschen“3, so der Hirnforscher Manfred Spitzer in dem Buch „Lernen“.

Fantasie, Gefühle, Bedeutung (und Sprache): All das steckt in besonderer Weise in Märchen. Obwohl einige schon Jahrhunderte alt sind, bangen Kinder auch heute noch mit Schneewittchen, freuen sich über die List des gestiefelten Katers und atmen auf, wenn am Ende alles gut ausgeht. Was macht Märchen für Kinder und auch für Erwachsene faszinierend?

Märchen liefern fantastische Bildwelten

Einhörner oder Zauberer regen die Fantasie an. Das in der Realität Unmögliche sorgt in Märchen für überraschende Wendungen. Die meisten Kinder (und auch noch viele Jugendliche und Erwachsene) lieben Märchenhaftes und Fantastisches.
Bei jüngeren Kinder kommt es ihrem Verständnis der Wirklichkeit entgegen. Kinder durchlaufen selbst eine magisch-fantastische Entwicklungsphase, die laut Familienberater Jan-Uwe Rogge etwa vom dritten Lebensjahr bis weit in die Grundschulzeit reicht. Hier ergänze das Kind seine eigenen Erfahrungen und sein unvollständiges Wissen mit Fantasie. Das Kind, so Rogge, denke in Bildern und diese imaginären Bilder, ob Monster, Wölfe oder Feen, können genauso wahrhaftig sein wie die Wirklichkeit. In dieser Phase spielen Märchen eine wichtige Rolle4.
Aber auch später hat das Fantastische durch seine Außergewöhnlichkeit einen hohen Unterhaltungswert, wie die Popularität der Fantasy in Literatur, Film, Spielen und Spielzeug lebhaft zeigt.

Märchenhelden

Sie sind schöne Prinzessinnen oder mutige Prinzen (wollen das nicht viele Kinder sein?), aber auch Leute aus dem Volk wie Müller, Fischer und Kinder. Sie können auch Tiere sein, die wie Menschen handeln, wie der gestiefelte Kater. Diese Helden berühren Kinder auch deshalb, weil im Märchen oft die Schwachen und Benachteiligten ihr Glück machen: der jüngste Sohn wird König, die ungeliebte Stieftochter heiratet den Prinzen (Aschenputtel), das arme Waisenkind kommt zu Reichtum (Sterntaler). Welches Kind fühlt sich in seiner Umgebung nicht auch schon einmal schwach? Die Helden der Volksmärchen sind zumeist typisiert und ohne Namen (der „Schneider“, die „Prinzessin“). Jeder von uns könnte sich darin sehen. Vielleicht lässt gerade das Raum für die eigene Fantasie und Kinder können gedanklich leicht in die Rolle der Prinzessin oder des Königssohns schlüpfen. Manche Figuren liefern mit so genannten „sprechenden Namen“ gleich eine Bedeutung mit wie Schneeweißchen (unschuldiges Mädchen) oder Dummling (jüngster Sohn, dem der Vater nichts zutraut, der aber in „Die goldene Gans“ die Prinzessin heiratet).
Die meisten Märchen waren von ihrem Ursprung her Geschichten für Erwachsene. Aber sie bieten Kindern auch deshalb Identifikationspotenzial, weil viele der Heldinnen und Helden an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen und Entwicklungsaufgaben zu meistern haben, denken wir nur an Rapunzel oder Aschenputtel.

Die Heldenreise im Märchen

Das Grundmuster der „Heldenreise“, wie es der Mythenforscher Joseph Campbell oder Christopher Vogler bei Mythen und erfolgreichen Geschichten beschreiben5, lässt sich auch in vielen Märchen erkennen: Ein Ereignis löst die Geschichte und den zentralen Konflikt aus und verändert das Leben der Hauptfigur. Das kann der Tod der Eltern sein (Aschenputtels Mutter stirbt), Vertreibung (Hänsel und Gretel werden im Wald ausgesetzt) oder eine besondere Begegnung (ein Bär klopft an die Tür von Schneeweißchens Haus). Die Hauptfigur muss Herausforderungen oder Gefahren überwinden und sich gegen einen mächtigen, bösen Gegenspieler behaupten. Dabei kann es um Leben und Tod gehen. Doch sie findet auch Helfer, zum Beispiel in Zwergen, Tieren oder Zauberdingen. Es kommt zu Wende- und Höhepunkten. Am Ende hat sie die Aufgabe bewältigt. Und auch der Leser oder Zuhörer hat etwas gelernt. Dieses erzählerische Grundmuster macht Geschichten „rund“ und zu einer zufrieden stellenden Erfahrung.

Konflikte und Gefühlsleben im Märchen

Märchen spielen in einer nicht näher bestimmten vergangenen Zeit, ihre Konflikte und Gefühle rund um Liebe und Hass, Angst und Demütigung, Eitelkeit und Hochmut sind immer gültig. In den übersichtlichen Geschichten können Kinder diese stark ausgelebten Gefühle leicht erkennen, benennen und nachvollziehen. Die Polarisierung von Gut und Böse macht es kleineren Kindern darüber hinaus leicht, zwischen „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden. Dass in unserer komplexen Wirklichkeit nicht alles so einfach ist, muss das Kind mit der Zeit lernen. Das Märchen aber erzeugt seine eigene, einfachere Wirklichkeit.
Nach Auffassung einiger Psychoanalytiker wie Bruno Bettelheim können Märchen Kindern dabei helfen, ihre eigenen Gefühle zu verarbeiten. Sie entsprechen dem Denken und Fühlen der Kinder. Märchen „vermitteln wichtige Botschaften auf bewusster, vorbewusster und unbewusster Ebene entsprechend ihrer jeweiligen Entwicklungsstufe“, schrieb Bruno Bettelheim in „Kinder brauchen Märchen“6. Viele Märchen thematisieren Armut, Ängste, Tod, Leben mit nur einem Elternteil oder als Waise. Aber was immer in der Geschichte zu durchleben ist, meistens führt es zu einem glücklichen Ende. Das Happy End macht Mut/ vermittelt Kindern Zuversicht, denn der Held findet sein Glück, die Peiniger und Bösewichte werden bestraft und eine gefühlte Gerechtigkeit wird hergestellt: Aschenputtel bekommt trotz aller Erniedrigung den Traumprinzen, den Schwestern werden bei den Brüdern Grimm die Augen ausgepickt. In der Version von Charles Perrault verzeiht Aschenputtel den Schwestern! In „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ überlebt der junge Held alle Mordversuche des Königs und folgt ihm auf den Thron, während der alte König für den Rest seines Lebens eine Fähre rudern muss. Das hässliche Entlein, verlacht und ausgestoßen, wandelt sich zum schönen Schwan und findet Anschluss und Bestätigung.

Märchen transportieren verborgene Bedeutungen für Erwachsene

Die meisten Märchen waren ursprünglich Geschichten für Erwachsene. Bevor die Volksmärchen in Büchern festgeschrieben wurden, haben Menschen sie mündlich überliefert – über Jahrhunderte hinweg und in verschiedenen Versionen. Sie müssen also bedeutsam und sinnstiftend gewesen sein – warum hätte man sie sonst erzählen sollen? Unter Erwachsenen dienten Märchen und Mythen auch dazu, „Weisheiten ganzer Generationen verschlüsselt in Bildern und Symbolen weiterzutragen“7. Märchen und Mythen sind laut dem Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung als Träume einer ganzen Kultur zu verstehen und können wie Träume gedeutet werden8. So kann sämtliches im Märchen als Symbol aufgefasst werden: die Figuren (z.B. stehen Gnome für einen Aspekt der Psyche, der Zugang zu tieferem, inneren Wissen hat), Orte (der tiefe See als das Unbewusste), Gegenstände (z. B. goldene Kutsche als goldener Käfig)9. Zahlreiche Märchen sind Entwicklungs-, Liebes- oder Ehegeschichten, die verschlüsselt Weisheiten und Botschaften für Erwachsene in sich tragen. Allerdings können wir sie heute ohne Hilfe kaum noch herauslesen.

Sprache, Formeln und Reime im Märchen

Auch die Volksmärchen sind (wie die Kunstmärchen) Literatur geworden, seitdem Märchensammler wie die Brüder Grimm oder Charles Perrault sie aufgeschrieben haben. In den Grimm’schen Märchen schreitet die Handlung gradlinig und zügig voran. Die Sprache ist zum Beispiel durch Lautmalereien und Vergleiche bildhaft und lebendig. Beim Zuhörer und Leser entsteht sogleich eine Vorstellung im Kopf. Hier ein paar Beispiele:

„Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll.“ (Rumpelstilzchen)

„Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte.“ (Schneewittchen)

„Und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.“ (Das tapfere Schneiderlein)

Der Teufel legte der Großmutter „seinen Kopf in den Schoß und sagte sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte.“ (Der Teufel mit den drei goldenen Haaren)

Zauberformeln und Sprüche entfalten durch Wiederholungen, Rhythmik und Reime eine magische Atmosphäre und prägen sich ein. Nicht umsonst sind manche so bekannt, dass sie in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen sind.

Königin: „Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist die Schönste im ganzen Land?“
Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier. Aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“
Hexe: „Knusper, Knusper Knäuschen – wer knuspert an meinem Häuschen?“
Hänsel und Gretel: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“.

Rumpelstilzchen: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“.

Formeln am Anfang und Ende öffnen und schließen das Tor zur Zauberwelt. Sie können auch als Beschwörungsformeln fungieren, mit denen Kinder ihre Ängste bannen10.

Märchen als Kulturschatz

Märchen gibt es überall in der Welt. C. G. Jung bezeichnete sie als Träume einer ganzen Kultur. In Träumen und Geschichten verarbeiten Menschen ihr Leben, ihre Wünsche, Ängste und Werte, vermitteln Sinn und Bedeutung.
Sämtliche Kinder in der westlichen Welt sind über Jahrzehnte mit Märchen der Brüder Grimm, Perrault, Hauff, Anderson, 1001 Nacht aufgewachsen. Die Grimm‘sche Märchensammlung gilt neben der Lutherbibel als das „bekannteste und weltweit am meisten verbreitete Werk der deutschen Sprache.“11
Wie lebendig und inspirierend Märchen mit ihren Figuren und Themen bis heute sind, zeigt sich auch an den immer neuen Adaptionen, insbesondere auch im Film, mit anderen Sichtweisen und Interpretationen.

Autorin: Natascha Wickerath

Literaturangaben:

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