Babys schreien lassen

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Schlafprobleme: Darf man Babys schreien lassen?

Frau Dr. Ziegler, ist es wirklich nicht schädlich, wenn Eltern ihr Kind bei Schlafproblemen schreien lassen, wie die Ferber-Methode empfiehlt?

Das kommt darauf an. Die Ferber-Methode empfiehlt ja nicht, das Kind in den Keller zu sperren und sich selbst zu überlassen. Natürlich lassen es die Eltern dabei nicht einfach stundenlang schreien. Sie gehen nach ein paar Minuten zu ihm ins Zimmer, nach kurzer Beruhigung wieder raus. Oft schreit das Kind dann aber sofort wieder. Für Eltern ist das meist sehr belastend und für das Kind frustrierend. Deshalb empfehle ich diese Methode nicht. Falls Eltern sich entschließen, ein solches Programm durchzuführen, halte ich begleitend eine allgemeine Schlaf- und Entwicklungsberatung für sehr wichtig.

Warum ist das sinnvoll?

Viele Eltern besitzen zu wenig Wissen über die Schlafentwicklung von Kindern. Sie sollten sich darüber informieren, wie sich der Schlaf in den ersten Lebensjahren entwickelt. Kinder werden – genau wie Erwachsene übrigens – nachts regelmäßig wach. Zum einen ist es normal, dass sie in den ersten Lebensjahren dann die Rückversicherung der Eltern suchen. Kinder mit Schlafstörungen haben andererseits aber keine Strategien, dann wieder einzuschlafen. Sie fordern die Hilfe der Eltern – indem sie schreien. Kinder ohne Schlafstörungen schaffen das alleine.

Bevor das Kind sechs bis acht Monate alt ist – manche Experten sagen sogar, vor dem zwölften Lebensmonat – sollten die Eltern kein Schlaflernprogramm durchführen. Viele Eltern, die in unsere Beratungsstelle kommen, haben die Ferber-Methode schon versucht und es nicht ausgehalten, dass ihr Kind so lange schreit. Sie möchten das nicht mehr machen. Stattdessen wünschen sie sich individuelle Unterstützung, viele haben ganz spezielle Fragen.

Wie gehen Sie in der Münchener Sprechstunde für Schreibabys vor?

Zunächst ist es wichtig, den Schlafbedarf des Kindes zu ermitteln. Denn dieser kann stark variieren. „Wenigschläfer“ brauchen im Alter von zwölf Monaten zum Beispiel insgesamt nur 11 bis 12 Stunden Schlaf, „Vielschläfer“ 14 bis 15 Stunden. Mithilfe eines Schlaftagebuchs zeichnen Eltern zwei Wochen lang den Tag- und Nachtschlaf auf und ermitteln dann den durchschnittlichen Schlafbedarf. Manche Kinder verbringen für ihren Schlafbedarf zum Beispiel zu viel Zeit im Bett, sie können nicht mehr schlafen. Der Schlafrhythmus, vor allem die Dauer des Tagschlafs, muss dann an den gesamten Schlafbedarf des Kindes angepasst werden. Meist bessert sich durch diese Veränderungen bereits die Schlafstörung. Falls nicht, muss in Schritten die Einschlafsituation verändert werden. Auch, wenn das Kind beim nächtlichen Erwachen schreit, ist das letztlich meist eine Wiedereinschlafstörung: Es schafft nicht, alleine in den Schlaf zu finden.

Was hilft dann?

Am besten entwöhnen die Eltern das Kind schrittweise von den Einschlafhilfen. Der erste Schritt ist meistens, Füttern und Schlafen zu trennen. Das Kind soll einschlafen können, ohne an der Brust oder Flasche zu nuckeln. Der zweite Schritt ist, dass die Mutter zwar beim Einschlafen dabei bleibt, aber höchstens noch eine Hand auf die Brust des Babys legt. Als dritten Schritt soll das Kind ohne Körperkontakt einschlafen lernen und schließlich ohne Anwesenheit der Eltern. Die Schritte können auch kleiner sein, je nachdem, wie gut Eltern und Kind mitgehen können. Bei der Ferber-Methode ist das alles zusammen ein sehr großer Schritt, der die Eltern, aber auch das Kind überfordern kann.

Ist Ihre Methode mit weniger Schreien verbunden?

Nicht unbedingt. Es ist wichtig, dass man die Eltern darauf hinweist. Wenn das Kind zum Beispiel gewohnt ist, beim Fläschchen trinken im Arm der Mutter einzuschlafen und sich diese Gewohnheit ändert, weiß es zunächst nicht, wie es einschlafen soll. Dann schreit es. Auch, wenn Eltern plötzlich nicht mehr beim Einschlafen kuscheln, sind Kinder unter Umständen frustriert und weinen.

Aber Eltern fällt es leichter, durchzuhalten, wenn sie beim Kind sein und ihm beistehen können. Denn zum Schlafen lernen brauchen Kinder die Rückversicherung der Eltern, dass sie nicht alleine sind. Und die Eltern brauchen das Zutrauen, dass das Kind es lernen kann. Und natürlich brauchen sie Regeln, an die sie sich halten, zum Beispiel einen klaren Rhythmus. Außerdem ist die therapeutische Begleitung entscheidend. Vor allem bei Kindern mit schweren Schlafstörungen brauchen Eltern und Kind eine gute Betreuung.

Ist die Ferber-Methode also nicht gefährlich?

Wenn die Eltern-Kind-Beziehung stabil ist und man die Ferber-Methode korrekt anwendet, wird das Kind nicht traumatisiert, das hat die Studie gezeigt. Allerdings wurde nur eine kleine Gruppe untersucht. Nach einem Jahr hatten die Kinder eine genauso sichere Bindung zur Mutter wie in der Kontrollgruppe. Was bei der Studie aber sicher eine Rolle spielt ist, dass die Eltern alle eine Schlafberatung bekommen haben.

Wann sollten Eltern die Ferber-Methode nicht durchführen oder abbrechen?

Wenn das Kind stundenlang schreit, ist es wichtig, abzubrechen – ich würde sagen, spätestens nach 60 Minuten. Auch wenn sich die Eltern überfordert und hilflos fühlen oder sogar wütend auf das Kind werden. Oder auch, wenn sich die Schlafprobleme des Kindes nach einigen Tagen nicht deutlich bessern. Denn es können störende Umgebungsfaktoren oder eine Erkrankung des Kindes vorliegen. Deshalb sollten Eltern am besten mit dem Kinderarzt sprechen, bevor sie ein Schlafprogramm durchführen. Ungeeignet und schädlich ist die Methode, wenn die Beziehung zur Mutter oder den Eltern stark belastet oder gestört ist. Oft holen sich Kinder die Nähe, die sie brauchen, dann nämlich in der Nacht. Dann muss unbedingt zunächst in einer Therapie an der Verbesserung der Eltern-Kind-Beziehung gearbeitet werden.

Kinderschlaf: „Kinder alleine schreien lassen? Seltsame Idee“

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Angela Breitkopf, 43, ist Autorin und Journalistin, sie arbeitet unter anderem für den WDR-Hörfunk und Online- und Printmedien. Als sie innerhalb von vier Jahren drei Kinder bekam, wurde der Schlaf von Babys zum Thema für sie. Darüber hat sie nun auch ein Buch geschrieben, mit dem verheißungsvollen Titel „Mama schläft jetzt durch“. Angela Breitkopf ist verheiratet und lebt in Bonn.

Ihre Kinder sind drei, fünf und sieben Jahre alt: Autorin Angela Breitkopf. Sie hat recherchiert, was Kindern beim Ein- und Durchschlafen hilft Quelle: mvgverlag

Die Welt: Frau Breitkopf, wie lange haben Sie vergangene Nacht geschlafen?

Angela Breitkopf: Danke der Nachfrage – ich habe sehr gut geschlafen und keines meiner drei Kinder hat mich geweckt.

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Die Welt: Wie viele Kinder haben Sie, und wo schlafen die?

Breitkopf: Ich habe einen Jungen und zwei Mädchen, drei, fünf und sieben Jahre alt. Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer, sein eigenes Bett, aber manchmal wird gewandert.

Die Welt: Gibt es für junge Eltern etwas Problematischeres als das Thema Schlaf?

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Breitkopf: Ernährung ist sicher auch noch ein Thema, wo Ideologien aufeinander prallen. Aber beim Thema Schlaf liegen die Nerven blank, weil fehlender Schlaf so schnell an die Substanz geht.

Die Welt: Abhilfe versprechen viele Ratgeber, etwa das umstrittene Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Haben Sie das mal probiert?

Breitkopf: Nein. Ich würde meine Kinder nicht alleine schreien lassen. Ich finde schon die Idee seltsam. Mein zweites Kind hat schlechter geschlafen als das erste, und als ich mir dann Hilfe suchte, dachte ich, da muss es doch noch mehr Möglichkeiten geben.

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Die Welt: Das war dann auch der Aufhänger zum Buch – zu recherchieren, was geht?

Breitkopf: Richtig. Und jetzt weiß ich: es gibt zig Sachen die man ausprobieren kann, damit alle besser schlafen, viele Tipps und Tricks, die niemanden weh tun. Man muss kein Kind schreien lassen. Ich denke auch, dass sich das negativ auf die Eltern-Kind-Beziehung auswirkt. Und mal ehrlich, wenn mein Kind schreit, kann ich selbst doch auch nicht schlafen. Wenn also das Ziel des Schreien-Lassens lautet, als Mutter mehr Schlaf zu bekommen, muss ich sagen: Ziel leider verfehlt.

Die Welt: In den USA ist der Ton noch härter, da wird sogar geraten, dass die Tür zum Kinderzimmer abgeschlossen werden soll. Und das bayerische Gesundheitsamt warnte jüngst gar vor dem Gebrauch von Schlafmitteln für kleine Kinder…

Breitkopf: Ja, das habe ich auch gesehen. Komplett absurd! Da müssen Eltern schon sehr verunsichert sein, wenn sie zu so einer Maßnahme greifen. Das finde ich unmenschlich.

Die Welt: Ist Schlafengehen nicht auch eine Machtfrage? Viele Eltern fühlen sich hilflos und wütend, wenn da ein kleiner Mensch ist, der nicht macht, was er soll.

Breitkopf: Ich selbst habe das nicht so empfunden. Aber ich verstehe den Punkt. Kinderlose Erwachsene führen manchmal ein stark kopfbetontes Leben – und Babys ticken halt ganz anders. Deshalb sind manche vom Start in so ein Leben mit Kind regelrecht geschockt. Da prallen Welten aufeinander, Vernunft und Verstand helfen plötzlich nur noch bedingt weiter. Mit Macht hat das aber nichts zu tun. Wer sein Kind liebt und nicht gerade neurotisch ist, der weiß auch, dass einen das Kind nicht tyrannisieren will, wenn es schreit. Vor allem kleine Kinder, Babys, empfinden dann einfach nur in Not.

Die Welt: Wie wichtig sind Prinzipien? Gerade deutsche Eltern scheinen zu glauben, dass es sozusagen charakterformend ist, wenn Kinder dann schlafen gehen, wenn es die Eltern ihnen sagen?

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Breitkopf: Können Sie denn schlafen, wenn man Ihnen sagt, so, jetzt musst Du aber? Eher nicht, oder? Und ja, es kann sein, dass diese Sehnsucht nach Prinzipien typisch deutsch ist. Aber spätestens wenn Eltern mehrere Kinder haben, merken sie schnell, dass andere Faktoren ausschlaggebend sind als nur das starre Einhalten von Regeln.

Das Buch von Angela Breitkopf Quelle: mvgverlag

Die Welt: Was macht den Schlaf von kleinen Kindern denn so besonders fragil?

Breitkopf: Das liegt an der neurobiologischen Entwicklung. Gerade Neugeborene haben ein ganz anderes Schlafmuster. Wenn Eltern das nicht wissen, können gerade in den ersten Wochen Probleme entstehen. Kleine Kinder müssen sich zudem erst an den Tag-Nacht-Rhythmus außerhalb des Mutterleibs gewöhnen. Das dauert seine Zeit. Auch der Anteil an REM-Schlaf ist bei kleinen Kindern höher. Also der Schlaf, der leichter und von Träumen geprägt ist. Und der wiederum ist wichtig für die Ausreifung des Gehirns.

Die Welt: Ab welchem Alter können kleine Kinder frühestens durchschlafen? Und was meint das eigentlich, durchschlafen? Vier, sechs oder acht Stunden am Stück?

Breitkopf: Also bei meinen drei Kindern hat es jedes Mal etwa anderthalb Jahre gedauert, ehe sie halbwegs regelmäßig von acht Uhr abends bis sieben Uhr morgens geschlafen haben. Und diese Beobachtung deckt sich mit meinen Recherchen zum Thema. Mit „Durchschlafen“ meinen Babyexperten wie zum Beispiel Kinderärzte oder Entwicklungspsychologen allerdings etwas anderes. Wenn nämlich ein Baby es schafft, zwei Schlafzyklen (aus Tiefschlaf- und REM-Schlafphase) aneinanderzuhängen, ohne zwischendurch aufzuwachen, dann wird das als „Durchschlafen“ bezeichnet. Zwei Schlafzyklen, das sind etwa vier bis fünf Stunden und das können viele Babys schon nach etwa drei, vier Monaten.

Die Welt: Was ist von Tipps zu halten, das Kind mit viel Brei oder Milch „abzufüllen“?

Breitkopf: Abends noch mal einen ganz dicken Brei, und dann ist Ruhe? Nein, das kann auch deshalb nicht klappen, weil nicht nur das Gehirn kleiner Kinder noch nachreift, sondern auch der Verdauungstrakt. Die Natur sieht es ja nicht zu unrecht vor, dass Babys in den ersten Monaten leichtverdauliche Milch trinken – auch, weil der Magen noch so klein ist.

Die Welt: Warum hören (einige) Männer keine schreienden Kinder?

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Breitkopf: Darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht. Ich habe dann eine Studie gefunden, in der Wissenschaftler gemessen haben, wie lange es dauert, bis eine Mutter aus dem Tiefschlaf erwacht, wenn ihr Baby sich nachts meldet und weint. Das waren etwa 4 Minuten und sechs Sekunden. Und dann wurde gemessen, wie lange es dauert, bis der Vater des gleichen Babys wach wurde. Und das waren dann über 12 Minuten! Die Zahlen kamen mir absurd vor, aber die Studie war seriös. Wie kann das sein? Also, ich weiß es auch nicht. Vielleicht ist es evolutionär bedingt – das müsste dann die nächste Studie klären.

Die Welt: Was also ist die Lösung?

Breitkopf: Paare, die gut eingespielt sind, entwickeln im Lauf der Jahre oft eine gute Routine. Ich glaube übrigens nicht, dass von Anfang an eine gnadenlose 50:50 Aufteilung der Babypflege die Lösung ist. Wichtiger ist, dass eine Aufteilung gefunden wird, die beide Partner als gerecht empfinden. Denkbar ist zum Beispiel, dass ab dem Moment, wo das Kind nicht mehr gestillt wird, der Vater zu vereinbarten Zeiten die Nachtdienste übernimmt.

Die Welt: Unter Müttern ist das Thema Schlaf fast schon Kampffeld. Kaum ein Satz polarisiert ja so wie „Meiner schläft schon durch“.

Breitkopf: Ein paar Glückliche haben diese Situation vielleicht sogar. Ich denke, wenn man sein erstes Kind bekommt, ist man in einer sehr fordernden, komplett neuen Lebenssituation. Da wird man unsicher, und unsichere Menschen krallen sich an die kleinsten Erfolge. Der Familienalltag ist außerdem meistens gerecht: Die, die Glück beim Schlafen hatten, haben dann später vielleicht Pech beim Trockenwerden. Mütter sollten sich gegenseitig unterstützen und nicht bekämpfen. Jede ist mal dran. Mommy Wars sind nicht die Lösung.

Die Welt: Wie eine Gesellschaft mit ihren Babys umgeht, zeigt auch den Zeitgeist, schreiben Sie. Wie also ist unserer?

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Breitkopf: Kinder werden in unserer Gesellschaft immer rarer, und damit auch kostbarer. Stellen Sie sich zum Beispiel ein Einzelkind in einer Patchwork-Situation vor: das hat potentiell vier Eltern und acht Großeltern! Sprich, wahnsinnig viele Erwachsene kümmern sich um wahnsinnig wenige Kinder. Zudem machen sich die Erwachsenen immer mehr Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder und fangen an, sich über die Kinder zu definieren, je nachdem wie gut oder nicht gut die „funktionieren“. Daher kommt diese Unentspanntheit bei Konfliktthemen wie Schlafen, Essen, Lernen, Regeln lernen.

Die Welt: Welche Tipps und Tricks haben Sie entdeckt, um Kinder in den Schlaf zu bringen? Was etwa ist das Wickie-Schlafen?

Breitkopf: Gewonnen habe ich die Erkenntnis in Skandinavien: Kleine Babys schlafen tagsüber besonders gut und lange, wenn sie im Kinderwagen warm eingepackt draußen an der frischen Luft sind. Das geht auch im Winter!

Die Welt: Gut hat mir auch die „Wandermatratze“ gefallen…

Breitkopf: Die funktioniert sowohl für die Mutter, oder das Kind, oder Mutter und Kind gemeinsam. Die Grundidee ist, wenn es ein Problem gibt, kann man sich dank dieser Extra-Matratze, die man ins Kinderzimmer legt, einfach mal zu seinem Kind legen – oder die Matratze gleich neben das Elternbett platzieren, das geht auch.

Rituale und Geborgenheit sind wichtig beim Schlafengehen, schreibt Autorin Angela Breitkopf Quelle: Getty Images

Die Welt: Was halten Sie vom Familienbett? Einige Eltern schwören darauf, andere finden es pädagogisch ganz falsch.

Breitkopf: Ich sehe das pragmatisch. Wenn in einer Familie alle – auch beide Eltern – damit glücklich sind, wunderbar. Ich denke auch nicht, dass das den Kindern schadet, ganz im Gegenteil! Das Familienbett sollte man andererseits aber auch (ähnlich wie das Stillen) nicht zum Dogma erheben. Es wäre schade, wenn Mütter, die lieber alleine schlafen, auf einmal als Rabenmutter dastehen.

Die Welt: Auch eine gute, aber gewöhnungsbedürftige Idee: Einfach mal zeitgleich mit den Kindern um 20 Uhr Schlafen gehen.

Breitkopf: Ja! Dieses Mehr an Schlaf kann ein echter Energiekick sein, eine Chance, um Kraft zu tanken. Gerade, wenn schon mehrere Kinder da sind und man sich mit dem Neugeborenen nicht mehr Mittags hinlegen kann. Was auch dafür spricht: Gerade kleine Kinder hängen gerne vor Mitternacht ein, zwei Schlafphasen aneinander. Da ist es schlau, das selbst auch zu nutzen.

Die Welt: Das waren die Geheimtipps. Was sind die Faustregeln?

Breitkopf: Eine ruhige, reizarme Umgebung. Rituale schaffen, die auf das Zubettgehen vorbereiten. Aber auch wichtig: Sich selbst als Mutter auch Zeit zum Ausruhen einräumen, bzw. klarstellen, das man sich diese Zeit auch nehmen darf. Sich selbst wichtig nehmen.

Die Welt: Wie könnte das konkret aussehen?

Breitkopf: Wenn das Kind endlich schläft, nicht gleich schon wieder andere Pflichten, etwa im Haushalt, erledigen. Lieber sagen: So, nun tue ich etwas für mich – und wenn es eine Folge meiner Lieblingsserie auf Netflix ist, die ich gucke und dabei Eis esse. Irgendetwas, was vielleicht eher sinnlos ist, aber mir gerade gut tut.

Die Welt: Was also sind Ihre Tipps?

Breitkopf: Zusammengefasst lauten meine Ratschläge für Mütter so: Erstens: Mach wenig, halte Rituale möglichst einfach. Zweitens: Mach locker, schraube deine Erwartungen herunter. Drittens: Mach weiter. Gib‘ nicht auf, Dir mehr Schlaf zu wünschen. Das ist mir besonders wichtig. Nicht sagen: Gut, mein Kind schläft offenbar schlecht, ich also auch – und das geht jetzt die nächsten sechs Jahre lang so. Probieren Sie noch etwas Neues aus, Sie sind es sich wert.

Die Welt: Sie raten auch zum Geschwisterkind, gerne auch zu mehreren. Warum?

Breitkopf: Ich kann aus Erfahrung sagen: Der Familienalltag, aber auch das Schlafengehen wurde mit jedem Kind nicht schwerer, sondern leichter. Die Dinge, die kompliziert sind – wie etwa Routinen einführen und durchhalten – werden mit mehreren Kindern eher einfacher. Bei mehreren Kindern müssen Sie auch nicht mehr ständig so konsequent sein. Die Kinder achten nämlich selbst drauf, dass alles seine Ordnung hat.

Angela Breitkopf: „Mama schläft jetzt durch: So überstehen Sie die ersten 500 Nächte mit Baby und bringen es zum Durchschlafen“, MVG Verlag, 16,99 Euro.

Ich habe mein Kind schreien lassen

Dann bekam Janosch eines Tages überraschend Fieber. Er quälte sich sehr und ich gab alles was ich noch hatte, um es ihm zu erleichtern. Nach drei langen Tagen bekam er rote Pünktchen an Bauch und Beinen und ich konnte mir sicher sein, dass wir es mit dem Dreitagefieber zu tun hatten. Über das anschließende Wochenende erholte er sich so gut, dass ich am darauffolgenden Dienstag zur geplanten Impfung ging. Die Spritze hat er genau wie Frida tapfer weggesteckt, doch schon am Abend haben wir ihn nicht wiedererkannt. Er schien so sehr aus dem Gleichgewicht geraten, dass ich mit ihm litt. Was immer es war, es machte ihn so unausgeglichen, wie ich ihn in seinem kurzen Leben noch nicht erlebt hatte. Er überstreckte sich, wenn er müde wurde und schrie sich so sehr in Rage, dass ich ihn manchmal kaum halten konnte. Alfi fand ebenso wenig einen Weg ihm zu helfen. Als Frida dann ebenfalls das Dreitagefieber bekam und den ganzen Tag über quengelig war und viel weinte, geriet ich schlussendlich ins Wanken.

Am schlimmsten waren die Nächte. Stillen half, wenn ich es schaffte ihn wirklich schlafend von der Brust ins Bett zu legen. Das war vielleicht bei 5 Versuchen in dreien der Fall. Die anderen zwei weiteten sich zu ein bis zwei Stunden Tragen, Beruhigen und Singen aus. Ich merkte, dass ich nicht mehr bei jedem Weinen sofort reagierte. Es passierte, dass ich irgendwann bei lautem Weinen ins Kinderzimmer ging, um festzustellen, dass Alfi bereits da war.

Ich erschrak und etwas in mir brach einfach zusammen. Ich habe mein Kind nicht gehört. Ich habe ihn überhört. Ich habe insgeheim aus tiefstem Herzen gehofft, dass er von allein aufhört zu weinen.

Tagsüber wieder auf mich allein gestellt, musste ich mehrfach für ein paar tiefe Atemzüge aus dem Zimmer gehen. Ich schloss die Tür hinter mir und hörte Janosch weinen, der sich nicht mehr mit mir oder durch mich beruhigen ließ. Dann hielt ich mir die Ohren zu und weinte lautlos mit. Ich kauerte vor ihrer Zimmertür und wusste, dass ich versagt hatte. Ich war der tiefen Überzeugung, dass all die anderen Mütter dieser Erde ihr Kind niemals derart weinen und allein lassen würden.

WIE ES IST

Mittlerweile ist sie bei uns eingekehrt. Die Ruhe. Soweit man das bei drei kleinen Kindern behaupten kann. Zum einen, weil wir den Ursachen mit Hilfe auf die Spur kommen und sie beheben konnten. Zum anderen, weil wir es lernen anzunehmen, dass nicht jedes Weinen im Keim erstickt werden kann und wir manchmal am meisten tun, wenn wir da sind und es gelassen nehmen.

Auch andere Mütter haben weinende Kinder. Die Grenze dessen, was wir ertragen und leisten können, ist so individuell wie unser Fingerabdruck. Wir reden in unserer Gesellschaft nur nicht mehr gern über das, was uns betrifft und erschüttert. Auf die Frage wie es uns gehe, antworten wir oft ohne mit der Wimper zu zucken mit „Alles gut.“ Doch das ist es nicht. Und das ist total ok. Selbst und vielleicht gerade als Mutter darf ich mich überfordert fühlen, traurig sein, wütend und auch rat- und hilflos. Und mein Kind darf das ebenso und auch weinen, weil das vielleicht einfach mal raus muss. Die Frage, die sich dann stellt ist nur: Wie gehe ich damit um?

WIE ES SEIN SOLLTE

Bin ich überfordert und sehe mich außer Stande zu helfen, dann brauche ich Hilfe, um selbst wieder helfen zu können. Dass Kinder schreien ist nicht nur auf Grundbedürfnisse zurück zu führen und ebenso wenig ein Verweis auf unzureichende mütterliche Qualitäten. Denn es geht hier nicht um Leistung. Es geht um eine Beziehung, um Gefühle und ganz viel Vertrauen. Es geht darum Dinge zu erkennen und anzunehmen, um dann eine Lösung zu finden.

Es hilft darüber zu sprechen, sich anzuvertrauen, Schwäche zu zeigen und das zurück zu bekommen, was wir unseren Kindern so bereitwillig geben wollen: Verständnis und Liebe. Dazu eignen sich Familie, Freunde, andere Mamas, Nachbarn. Um darüber hinaus die Ursachen für das Schreien zu finden, dass trotzdem du eine gute und bedürfnisorientierte Mama bist, einfach da sein kann, gibt es Anlaufstellen. Einige und sicherlich nicht alle seien hier genannt:

– Schrei-Ambulanzen helfen wohnortnah mit Beratungen

– Schreiberater und Säuglingstherapeuten

– Kinderärzte, Hebammen und Mütterberatungen

Ja, man soll kein Kind rücksichtslos schreien lassen. Denn es geht nicht um Machtdemonstration seitens der Eltern, noch um Manipulation seitens der Kinder. Es geht darum gehört werden zu wollen und zwar auf beiden Seiten.

Darf man sein Baby schreien lassen?

Das Baby schreien lassen oder sofort an Ort und Stelle sein? Was ist besser fürs Kind? Wir haben uns die verschiedenen Ansätze angeschaut und die Studienlage dazu geprüft.

„Du musst nicht sofort aufspringen, wenn sie zu schreien beginnt!“, „Schreien macht die Lunge stärker!“ oder „Du verwöhnst ihn so doch total“ – die meisten Mütter haben solche Sätze wohl schon einmal gehört, wenn es um das Schreienlassen bei Babys geht. Vor allem von älteren Generationen kommt häufig der Ratschlag, Babys auch einfach mal schreien zu lassen, damit sie lernen, sich selbst zu beruhigen. Auch das bei vielen Eltern beliebte Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ lehrt Müttern und Vätern die sogenannte Ferber-Methode, um Kindern das Durchschlafen beizubringen. Auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Stimmen, die sich entschieden dagegen aussprechen, das Baby schreien zu lassen – und auch der mütterliche Instinkt stellt sich meist vehement gegen solch eine Taktik. Was ist nun der richtige Weg? Wir haben uns Studien und Meinungen von Experten angeschaut.

Jedes Kind kann schlafen lernen: Die Ferber-Methode

Die Methode geht auf den amerikanischen Schlafforscher Dr. Richert Ferber zurück. Mitte der 80er Jahre entwickelte der Mediziner einen Plan, nach welchem Kinder das Ein- und Durchschlafen lernen können: Nach einem kleinen Einschlafritual wird das noch wache Kind in sein Bett gelegt und alleine gelassen. Fängt das Kind zu schreien an – was meist der Fall ist – sollen Eltern fünf Minuten warten, bevor sie zu ihrem Kind gehen und es trösten. Dabei darf das Kind allerdings nicht aus dem Bettchen genommen werden. Auch soll das Trösten nur maximal zwei Minuten dauern, bevor die Eltern wieder das Zimmer verlassen. Fängt das Kind wieder zu schreien an, so rät Dr. Ferber den Eltern, erst nach zehn Minuten wieder zu ihrem Kind zu gehen. So werden die Abstände nach und nach auf maximal 30 Minuten gesteigert. Meist soll es nur wenige Tage dauern, bis das Kind so lernt, von alleine einzuschlafen.

Wichtig: Dr. Ferber selbst hat immer wieder darauf hingewiesen, dass sein Programm für gesunde Kinder entwickelt wurde, die älter als ein Jahr sind. Auch soll sein Schlafplan eher ein „Notfallplan“ für verzweifelte Eltern sein als ein Freifahrtschein dafür, sein Kind, wie es früher öfter praktiziert wurde, stundenlang schreien zu lassen. Wenn Eltern diese Methode ausprobieren möchten, sollten sie außerdem bedenken, dass ein Abbrechen der Methode nur in Ausnahmefällen empfohlen wird, da das Kind so das genaue Gegenteil lernen könnte: Wenn ich nur lang genug schreie, bekomme ich, was ich will.

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Schreien lassen bedeutet einen Verlust des Urvertrauens

Für manche Eltern kann die Ferber-Methode die Erlösung von nächtelangen Schreiattacken und Kämpfen um das Zubettgehen sein, trotzdem ist diese Taktik mit Vorsicht zu genießen. Studien und Experten weisen immer wieder darauf hin, dass Schreienlassen nicht die geeignete Methode ist, mit kleinen Schreihälsen umzugehen – vor allem, wenn die Kleinen noch jünger als ein Jahr sind. In diesem Alter kann Schreienlassen fatal sein. Denn warum schreit ein Baby? Weil es einen Grund hat. Und weil es sich nicht anders verständigen kann. Wer das missachtet, riskiert, das Urvertrauen des Babys zu verletzen.

Dass das Trösten das Weinen noch verstärkt, gilt zumindest nicht für ein Baby unter einem Jahr – im Gegenteil. „Weinende Kinder brauchen Trost und sollen ihn auch bekommen“, sagt Hartmut Kasten, Professor für Entwicklungspsychologie und Frühpädagogik.

Der Rat von Experten lautet also: Wenn ein Baby schreit, sollten es Eltern umgehend beruhigen. Florian Heinen, Chef der Abteilung für Neuropädiatrie und kindliche Entwicklung am Haunerschen Kinderspital, erläutert in einem Gespräch mit der Süddeutschen: „Schreien Kinder, ist das ein für Eltern deutlich zu lesendes Signal: Hier braucht es Achtsamkeit, Behutsamkeit und natürliches Interesse – schlicht Liebe.“

Außerdem können Säuglinge noch nicht durchschlafen, ihr Tag-Nacht-Rhythmus ist noch nicht ausreichend entwickelt. Auch reicht die Nahrung in den ersten Wochen nicht für die ganze Nacht. Zudem haben die kleinen Babys noch nicht gelernt, sich selbst zu beruhigen. Den Daumen als Beruhigungsmittel zu benutzen oder sich ins Bett zu kuscheln, müssen sie erst noch lernen – das braucht Zeit und kann durch Aufmerksamkeitsentzug nicht beschleunigt werden.

Wenn ein Baby schreit, aber von seinen Eltern nicht beruhigt wird, steigt sein Stresslevel. Es lernt schnell, auf eine Art Notfallprogramm im Gehirn umzuschalten, das dem Überleben in absoluter Todesbedrohung dient. Das alleingelassene Baby hat also Todesangst. In solch einer Situation kann sich das Gehirn nicht gut entwickeln, das Kind lernt nicht, mit Stress umzugehen.

Zwar zeigt eine australische Studie, die die Ferber-Methode mit anderen Zu-Bett-geh-Ritualen vergleicht, dass Babys, die nach der Ferber-Methode zu Bett gebracht wurden, keinen sofortigen Anstieg des Cortisol-Spiegels vorweisen. Doch über den Tag verteilt, zeigen sich bei den Ferber-Babys signifikante Veränderungen des Cortisol-Spiegels im Blut, wie eine Studie des Department of Child and Adolescent Psychiatry des Sophia Children’s Hospitals in Rotterdam zeigt. Das Stress-System ist also reaktiver – es springt viel schneller an. Das Resultat sind Ängstlichkeit, Aggression oder Verhaltensstörungen.

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Schreien lassen reduziert den Stress für Eltern nur kurzzeitig

Die Studie der australischen Wissenschaftler zeigt außerdem, dass die Anwendung der Ferber-Methode bei Müttern zwar zu einer kurzfristigen Senkung des Stresslevels führt, dieses nach drei Monaten aber auf das vorherige Niveau zurückkehrt. Eltern profitieren also auch nur für eine geringe Zeit vom Ferbern.

Studien, wie die im britischen Magazin „New Scientist“ erschienenen Untersuchungen des Teams um Ian St James-Roberts vom Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität London, zeigen auch, dass Säuglinge, deren Bedürfnisse sofort gestillt werden, insgesamt deutlich weniger schreien als solche, denen die Eltern weniger Zeit widmen.

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Kann man ein Baby verwöhnen?

Viele Eltern haben Angst, ihr Baby zu verwöhnen, indem sie ihm zu viel Aufmerksamkeit schenken. Ist das überhaupt möglich?

Säuglinge kann man nicht verwöhnen …

Im Zusammenhang mit der Schreienlassen-Debatte äußern viele Eltern auch die Angst, ihre Kinder zu sehr zu verwöhnen. Doch auch hier gibt es Entwarnung: Säuglinge und Kinder unter einem Jahr kann man kaum verwöhnen. „Bei den ganz Kleinen stehen körperliche Bedürfnisse im Vordergrund – da ist es nur natürlich, auf sie einzugehen und sie nicht allein zu lassen“, meint die Psychologie-Professorin Sabina Pauen dazu.

Im ersten Lebensjahr stehen vor allem die Versorgung der Grundbedürfnisse und liebevolle Fürsorge im Mittelpunkt, ein Verwöhnen ist hier kaum möglich. Ein Entziehen der Pflege kann dagegen fatal sein. Nähe und Körperkontakt zu einer Bezugsperson ist für Babys eine Art Normalzustand, es kommt praktisch mit dieser Erwartung zur Welt. Spürt es diese Nähe nicht, fehlt ihm Sicherheit. Es weiß nicht einmal mehr, ob seine Eltern überhaupt noch existieren. Nähe gibt dem Baby also Sicherheit. Es knüpft nicht die Verbindung: „Aha, wenn ich schreie, kommt jemand. Also schreie ich einfach ganz viel, damit Mama macht, was ich will.“

Zu viel Zuwendung? Zu viel Liebe? Damit kann man sein Kind gar nicht genug versorgen.

Die Auswirkungen von ständigem Körperkontakt von Kind und Bezugsperson wurden in einer lang angelegten Studie untersucht. Die Wissenschaftler verglichen das sogenannte Känguruhen, also intensiven und ständigen Körperkontakt mit Frühchen, mit traditioneller Versorgung von zu früh geborenen Kindern. Die Studie betrachtete dabei nicht nur die unmittelbaren Effekte des Känguruhens, sondern auch die Auswirkungen im Verlauf von 20 Jahren. Das Ergebnis: Die Frühchen, die das Känguruhen erfahren haben, wiesen 20 Jahre später einen höheren IQ und sogar besser bezahlte Jobs vor als die Kinder der Kontrollgruppe.

Ein „zu viel“ an Fürsorge oder Pflege kann es im ersten Leben des Babys also kaum geben.

… Kleinkinder schon

Wird das Kind allerdings älter, wird das Risiko, dass es verwöhnt werden kann, größer. Das tritt vor allem dann ein, wenn aus Zuwendung Verhätscheln wird. Eltern wollen ihr Kind schützen, das ist normal. Mit der Zeit müssen sie allerdings auch lernen, ihrem Kind mehr Verantwortung zu geben und es einfach mal selbst machen zu lassen. „Schon Babys wollen selbstständig werden. Sie wachsen nicht nur am Behütetsein. Wer seinem Kind zu wenig zutraut, verwöhnt es und hält es in Abhängigkeit,“ erläutert Erziehungswissenschaftler Markus Höffer-Mehlmer.

Viele Eltern verwöhnen ihre Kleinkinder also, ohne es zu merken, indem sie ihnen Aufgaben abnehmen, die die Kleinkinder schon alleine schaffen. „Vergessen Sie Ihren fürsorglichen Service, sonst schaffen Sie damit nicht nur passive und verwöhnte Kinder, sondern fördern ihre Bequemlichkeit und Hilflosigkeit“, schreibt der Sozialpädagoge Peter Angst in seinem Buch „Verwöhnte Kinder fallen nicht vom Himmel“. Man müsse auf die Kräfte der Kinder vertrauen, so der Schweizer. „Sie lernen vorwiegend über das eigene Tun. Wer etwas für Kinder tut, was sie selbst tun können, nimmt ihnen eine wichtige Lernerfahrung.“

Während Neugeborene also von einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch Mama und Papa profitieren – sie sogar brauchen, lernen ältere Kinder mit der Zeit, kleine Verzögerungen auszuhalten und sich ein Weilchen alleine zu beschäftigen. Wichtig ist, dass Eltern ihr Kind auf dessen Weg zu Selbstständigkeit beobachten, die sich ständig verändernden Bedürfnisse und Möglichkeiten ihres Kindes wahrnehmen und danach handeln.

Baby-Liebe
 Kann man Babys schon verwöhnen?

Können wir Babys zu viel Liebe schenken? Können wir Babys schon verwöhnen? „Nein!“ sagt das Gefühl der meisten Mütter. „Ja!“, sagen – meist ältere – Verwandte. Da fallen dann Sätze wie: „Früher haben wir kein solches Tamtam um die Kinder gemacht“ oder „Nimm es nicht ständig hoch, sonst lässt es sich später von dir in die Schule tragen!“ Mütter wollen das Beste für ihr Baby – und schenken ihrem Baby intuitiv ganz viel Liebe. Zu viel Baby-Liebe gibt es laut Experten nicht: „Ein Baby kann man in den ersten drei Monaten nicht verwöhnen. Es braucht Eltern, die sofort und zuverlässig auf sein Schreien reagieren. Das ist die Basis, um vertrauensvoll ins Leben zu starten“, erklärt Professor Manfred Cierpka, Direktor des Heidelberger Instituts für Kooperationsforschung und Familientherapie.

Kinder, deren Eltern sich so verhalten, machen die wichtige Erfahrung: Es gibt einen sicheren Hafen. Wenn ich mich unwohl fühle, kommt mir jemand zu Hilfe. „Verglichen mit nahezu allen Tierkindern kommen Menschenkinder drei Monate zu früh auf die Welt“, sagt Cierpka. Sie atmen zwar schon eigenständig, sind aber noch darauf angewiesen, dass ihr Bedürfnis nach Nahrung, Nähe und Wärme wie im Mutterleib prompt befriedigt wird. Das ändert sich erst mit dem vierten Monat.“

Babys lernen also nur Geduld, wenn zunächst ihre Eltern Geduld mit ihnen haben. Das belegt auch die Erfahrung, die Cierpka in seiner Eltern-Säuglingssprechstunde macht: Schreibabys werden allmählich ruhiger, wenn ihre Eltern stets prompft auf ihre Signale reagieren.

Wenn Eltern ihren Babys und Kleinkindern viel Nähe geben, dann ist oft rasch jemand zur Stelle, der davor warnt, dass das Kleine dadurch „verwöhnt“ werde. So wurde ich einmal von einer Elternzeitschrift gefragt, ob ein Kind verwöhnt werde, wenn es nach Bedarf gestillt werde (und zwar auch nachts!) oder wenn man es häufig ins Tragetuch nimmt. Vor ein paar Jahren sorgte der dreijährige Aram via Times Magazine für Fragen und Verwirrung. Das Titelbild zeigt ihn an der Brust seiner Mutter – Verwöhnung?

Als Antwort darauf hätte ich gerne zu einer Reise eingeladen in Länder, in denen Kinder genau diese „Verwöhnungen“ fraglos, ohne Diskussion und ohne schlechtes Gewissen bekommen. Ich denke da beispielsweise an meine eigenen Reisen nach Afrika und Asien. Da werden die kleinen Menschlein gestillt, sobald sie einen Mucks machen. Wenn sie weinen, ist immer gleich jemand zur Stelle. Sie schlafen nachts an der Seite ihrer Mutter. Und getragen werden sie so ziemlich die ganze Zeit. Das volle Verwöhn-Programm! Und doch fehlt von verwöhnten Kindern jede Spur, im Gegenteil: die Kinder sind relativ früh selbstständig, übernehmen als Jugendliche Aufgaben für die Familie und kommen mit dem Leben gut klar. Trotz der „Verwöhnung“ sind sie in ihrem Lebensumfeld sozial kompetent.

Eine harte Nuss

Tatsächlich hat es das Thema Nähe und „Verwöhnung“ in sich. Denn es hat einen Zwillingsbruder: das Thema Selbstständigkeit nämlich. Hier sitzt den Eltern oft genug die Angst im Nacken: Wie werden Kinder eigentlich selbstständig? Lernen sie das von alleine? Oder muss man das mit ihnen üben? Sind die Kleinen von sich aus motiviert – oder sind sie von Natur aus eher zufrieden, wenn sie gut versorgt im Nest der Eltern hocken? Und kommen erst dann auf Trab, wenn man sie – sanft aber entschlossen – aus dem bequemen Nestchen drängt? So manchem Vögelchen muss ja zum Fliegen ein bisschen nachgeholfen werden…

Und vor allem: WANN tun die Kinder den Schritt in die Selbstständigkeit? Sollten sie nicht auch damit möglichst früh beginnen? Eine populäre Annahme unter Eltern ist ja tatsächlich die: sie könnten ihre Kinder rasch auf den Weg zur Selbstständigkeit bringen, indem sie ihnen schon als Babys beibringen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Selbst einschlafen, sich selbst trösten, wenn sie weinen, früh schon im eigenen Zimmer schlafen – all das sei ein Schritt in die Unabhängigkeit. Das größte Hindernis für die Entwicklung von Autonomie sei schließlich die Verwöhnung – also dass die Kleinen sich daran gewöhnen, alles zu kriegen, was sie fordern.

Und sie fordern ja einiges, in der Tat – insbesondere ganz viel Nähe! Wenn es nach den Kleinen geht würden sie am liebsten

  • … immer gestillt werden, wenn sie hungrig sind (und das passiert manchmal sogar dann, wenn die letzte Mahlzeit vielleicht erst eine oder zwei Stunden zurück liegt)
  • … viel getragen werden
  • … nachts bei ihrer Mutter schlafen
  • … überhaupt viel Nähe und Zuwendung abbekommen!

Das volle Verwöhnprogramm also! Wie sollen die so „nach Wunsch“ versorgten Kleinen denn jemals groß werden!?

Das Nähe-Paradox

Ein Rätsel in der Tat. Evolutionsbiologen nennen es das „Nähe-Paradox“. Die Wissenschaft von der Evolution des Menschen weist tatsächlich auf ein Dilemma. Sie betrachtet ja die menschliche Entwicklung aus Sicht der Menschheitsgeschichte. Sie geht dabei von dem Grundgedanken aus, dass sich Kinder keineswegs willkürlich entwickeln – dass sie vielmehr auch heute noch in ihrer Entwicklung einem Muster folgen, das sich in der Vergangenheit bewährt hat. Tatsächlich hat sich ja auch bei Homo sapiens, wie bei den anderen Lebewesen auch, von Generation zu Generation eine Art Entwicklungsplan eingeschliffen. Dieses Gerüst hat sich als Antwort auf die Herausforderungen gebildet, vor denen die Kinder in der Geschichte immer wieder gestanden sind. Das ist das Prinzip der Evolution.

Tatsächlich mussten die Kinder auf ihrem Weg durch die Menschheitsgeschichte all das perfektionieren, was einem kleinen, unreifen Menschen hilft, ein großer, erfolgreicher Erwachsener zu werden. Sie mussten lernen, wie man die vielen Kurven ins Erwachsenenleben am besten nimmt, eine Kehre nach der nächsten. Die kindliche Entwicklung stellt damit eine Auswahl dessen dar, was früher FUNKTIONIERT hat.Und diese Wurzeln bilden auch heute noch das Fundament des Großwerdens. Kinder brauchen heute das gleiche Maß an Bewegung, um gesund zu bleiben, wie vor Tausenden von Jahren. Sie brauchen dieselben Zutaten, um ihr Urvertrauen auszubilden. Sie bilden ihr „soziales Rückgrat“ nicht anders als Kinder früherer Generationen. Ja, selbst ihre berüchtigten Verhaltensweisen – von der Gemüseverweigerung der Kleinkinder, bis hin zur Trotzphase, ja, zu den Wirren der Pubertät – lassen sich nur verstehen, wenn man die Bedingungen in Rechnung stellt, unter denen Kinder in ihrer evolutionären Vergangenheit groß geworden sind.

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Und diese Bedingungen waren zu 99% der menschlichen Geschichte an das Leben als Jäger und Sammler geknüpft. Bis die Menschen sesshaft wurden (das passierte in Mittel- und Nordeuropa erst vor etwa 4000-7000 Jahren), lebten die Menschen diesen Lebensstil.

Verwöhnung durch Nähe?

Und er hatte einen unverhandelbaren Kern: die Nähe der Eltern zu ihren kleinen Kindern! Das war ihr Ticket zum Überleben, und es war unverhandelbar. Nehmen wir zum Beispiel ihren Schlaf: Ein Kind, das ohne zu zögern alleine unter den viel besungenen Sternlein am Himmel eingeschlafen wäre, wäre spätestens am nächsten Morgen ein totes Baby gewesen. Es wäre von Hyänen verschleppt, von Nagetieren angeknabbert oder bei einem nächtlichen Temperatursturz unterkühlt worden. Bis die Menschen sesshaft waren – die paar Tausend Jahre, die seither vergangen sind, sind im evolutionären Maßstab nur ein Augenblick – war der einzige sichere Schlafplatz für leckere kleine Geschöpfe dicht bei einem vertrauten Erwachsenen.

Auch dass kleine Kinder viel getragen wurden, dass sie häufig, nach Bedarf und lange gestillt wurden – all das war Teil des normalen Aufwachsens unter arttypischen Lebensbedingungen. Ganz einfach: Nähe bedeutete Schutz – und davon konnten Kinder in einer Zeit als noch die wilden Tiere ums Lager schlichen und es noch keine Dreifachglasfenster und Zentralheizungen gab, nicht genug bekommen!

Dass Kinder durch das Gewähren von Nähe verwöhnt oder in ihrer Entwicklung zur Selbstständigkeit behindert würden, ist damit aus Sicht der Evolution nicht plausibel. Unsere Kinder stammen aus einer Welt, in der es lebensgefährlich gewesen wäre, ihnen Nähe vorzuenthalten.

Andere Zeiten – andere Kinder?

Aber ist der Vergleich mit der Vergangenheit überhaupt zulässig? Die Umwelt ist heute garantiert tigerfrei, die Heizung funktioniert, die Eltern sorgen auf moderne Art für den Schutz der Kleinen.

Wenn da nicht die Instinkte der Kinder wären (die ja auch die moderne Säuglingsforschung inzwischen ganz gut beschreiben kann, dazu gleich mehr). Mit denen leben unsere Kinder noch immer in der „vergangenen“ Welt, in der ihr wichtigster Schutz aus der Nähe vertrauter, starker Erwachsener bestand. Dass die Eltern die Webcam über dem Bettchen laufen haben, das spürt ein Baby nicht. Woher soll es denn wissen, dass die Tür sicher verschlossen ist und es Bären nur noch im Zoo gibt? Sicherheit kann das Baby zunächst nur körperlich erfahren, durch Berührungen, Gerüche, durch sinnliche Erfahrungen also. Sein von der Evolution gestricktes Gefühlskleid hat sich durch die Erfindung des Babyphones nicht geändert.

Wer noch zweifelt, mag sich an einen Campingurlaub erinnern. Da raschelt es dort draußen, da streicht vielleicht ein Igel durchs Gebüsch – wirklich ein Igel? In der Ferne hört man Laute, die man sonst nie hört, und wenn es zu tröpfeln beginnt, droht gewiss ein Sturm. Selbst uns Erwachsene treibt es da näher zueinander (dabei wissen wir ja tatsächlich, dass die Geräusche dort draußen von keinem Säbelzahntiger stammen!). In der sichersten aller Welten bekommen selbst wir Großen es mit der Angst zu tun.

Würden wir unseren Säugling da in ein eigenes Zelt legen? Undenkbar! Undenkbar selbst in lauen Nächten, in denen ein Baby nicht gleich erfrieren würde, wenn es sich aus seinem Schlafsack strampelt. Undenkbar erst recht in einer Umwelt, in der draußen ein Wildbach rauscht, Raubtiere nach Beute suchen und in der die Temperatur eben nicht auf die empfohlenen 16–18 Grad einzustellen war.

Nähe stärkt

Dass das evolutionäre Erbe weiter wirkt, zeigt die Wissenschaft. Nach ihren Befunden hilft früher Hautkontakt den Babys bei der Anpassung ihres Stoffwechsels nach der Geburt. Eine Unterzuckerung etwa kommt am Körper der Mutter weitaus seltener vor. Atmung, Kreislauf und Körpertemperatur sind bei Körperkontakt stabiler, und auch das Stillen klappt bei möglichst viel direktem Hautkontakt besser. Von Frühgeborenen ist bekannt, dass sie bei „Känguruh-Pflege“ (bei der das Baby statt im Inkubator zeitweise am Körper der Mutter liegt) schneller wachsen und ein stärkeres Immunsystem entwickeln.

Die Nähe scheint aber nicht nur dem Körper gut zu tun, sondern auch der Seele. Babys, die verlässlich getröstet werden, schreien später eben nicht mehr, sondern weniger als solche, die “warten” mussten. Säuglinge, die regelmäßig am Körper getragen werden, sind ausgeglichener. Sie weinen insgesamt weniger und fühlen sich, wie Tests von Entwicklungspsychologen zeigen, in ihrer Beziehung zu den Eltern sicherer. Und Mütter, die ihre Neugeborenen häufig bei sich haben, leiden seltener an den gefürchteten Wochenbett-Depressionen.

Körperliche Nähe ist also auch heute noch „eingeplant“. Und sie stärkt nicht nur das Baby, sie stärkt auch die Mutter – ein Hinweis darauf, dass das Leben mit einem Säugling kein Tauziehen ist, wie es manchmal dargestellt wird, sondern ein wechselseitiges Geben und Nehmen.

Wie werden Kinder stark und selbstständig?

Aber wie passt das alles zu der wichtigsten Entwicklungsaufgabe der Kinder – nämlich dass sie einmal mit dem Leben klar kommen so wie es ist – widerspenstig, wenig geordnet und hart bisweilen? Steht einem Kind die weiche Behandlung am Lebensanfang da nicht im Wege? Passt da nicht eher, dass wir den Kleinen auch einmal etwas Härte und ein bisschen Frust zumuten? Dass wir ihnen eben nicht ein Paradies anbieten?

Blicken wir noch einmal zurück in die evolutionäre Geschichte. Wir dürfen sicher sein, dass die an viel Nähe gewohnten Babys der Vergangenheit selbstständig wurden – ganz sicher. Die Welt unserer Vorfahren war nicht mit Plüsch ausgelegt. Und sie musste von jeder Generation von Kindern neu bewältigt und “gezähmt” werden. Schon mit drei, vier Jahren mussten sich die Kleinen in der Gruppe der anderen Kinder des Stammes bewähren – Mama war jetzt voll und ganz mit einem Neuankömmling beschäftigt. Das lange Zeit in Nähe umsorgte Kind war jetzt stark auf seine eigenen Kräfte und Möglichkeiten angewiesen.

Wie schaffen die das? In der frühen Kindheit so „zart“ behandelt zu werden, und dann doch selbstständig zu werden? So intensiv umsorgt zu werden, und dann später doch stark und widerstandsfähig zu sein? Diese Frage führt uns weg von allzu einfachen Annahmen. Sie führt uns zum magischen Kern der menschlichen Bindung.

Meine Bücher:

Die Magie des menschlichen Bindungssystems

Denn Kinder, und selbst schon Babys, haben nicht nur ein „Näheprogramm“, das sie beständig zu ihren Versorgern treibt oder sie auf irgendeinem Schoß festklebt – sie haben vielmehr auch ein „Erforschungsprogramm“, von Psychologen oft auch Selbstwirksamkeitstrieb genannt. Dieses Programm treibt Kinder von innen heraus dazu, selbst „wirksam“ zu sein, zu erforschen, die Welt zu begreifen und in sie einzugreifen – und das vom ersten Tag an.

Und wie wird dieses Entdeckungsprogramm aktiviert? Bei dieser Frage landen wir bei einer geradezu magischen Formel: Kinder werden mutig und beherzt, wenn sie sich wohl und sicher fühlen. Von Anfang an. Was macht ein Baby, das sich geborgen fühlt? Wird es mutlos, fordernd oder klebrig? Im Gegenteil – es bekommt Freude an der Entdeckung der Welt, es macht die Augen auf, es tritt mit der Welt in Beziehung. Es bekommt regelrecht Hunger auf Entfaltung…

Eine wirklich magische Formel: ein Kind, das sein Bedürfnis nach Geborgenheit, Schutz und Heimat erfüllt bekommt – bildet genau dadurch das Kapital, das es braucht um wirksam zu werden. Und so in seiner Selbstständigkeit vorwärts zu kommen.

Man kann die geniale Konstruktion des menschlichen Bindungssystems nicht oft genug herausstellen: Autonomie entsteht nicht durch den Entzug von Nähe, nicht durch Forderungen und auch nicht durch Zwang oder Anleitung. Autonomie entsteht, indem Kinder sichere Beziehungen als Sprungbrett nutzen, um mit Freude und Begeisterung die Welt zu entdecken. Bindung macht frei. Wurzeln treiben Flügel, und Flügel brauchen Wurzeln. Anders wäre das Entwicklungsprogramm des extrem versorgungsabhängigen und gleichzeitig extrem lernpflichtigen Menschenkindes gar nicht zu schaffen.

Wir kennen auch die Kehrseite dieses von guten Beziehungen abgesicherten Entdeckerprogramms: Fehlt Kindern die Geborgenheit in verlässlichen Beziehungen, so werden sie mutlos, klammerig und unleidlich. Sie können als Babys ihre Emotionen schlecht regulieren, weinen viel und sind schwer zu trösten. Unsichere Kinder sind angespannt, sie sind gestresst, sie sind wenig lernbereit (ein Tatsache, die sich jede Krippe an die Eingangstür schreiben sollte: gestresste Kinder lernen nicht!).

Schritte in die Selbstständigkeit

Man könnte das Gesagte so zusammnfassen: Kinder setzen Segel für die tägliche Selbstbewährung, wenn sie sich sicher und ermutigt fühlen – wenn sie wissen, dass sie sich auf ihre Bezugspersonen verlassen können und Hilfe bekommen, wenn sie in Not geraten. Wenn sie, so gesprochen, eine Heimat haben. Dann aber gibt es kein Halten: der sichere Hafen wird nun genutzt, um die Welt zu erforschen. Auf diesen Entdeckungsreisen wächst das Kind. Auf diesen Reisen legt es das Fundament seiner Persönlichkeit an. Auf diesen Reisen entwickelt es die Fähigkeit mit sich und den anderen klar zu kommen. Kinder brauchen Grenzen, heißt es oft, und das mag sein, und das echte Leben geizt ja auch nicht mit Hindernissen und mit Grenzen. Aber Kinder brauchen auch das Gegenteil von Grenzen: Sie brauchen Entfaltungsraum, Erforschungsraum – und Eltern, die ihnen den nicht aus Angst, Sorge oder Verzagtheit (oder auch im Namen noch so gut gemeinter „Förderung“) vorenthalten.

Und diese Reisen führen früher oder später auch in die Gruppe der anderen Kinder hinein. Aus Sicht der Evolution nämlich war die Kindergruppe sozusagen der natürliche Hort, nachdem die Kleinen von der Brust und ihren sonstigen Kleinkindprivilegien entwöhnt waren. Dieser Prozess wurde verlässlich im dritten oder vierten Lebensjahr des Kindes durch die sich nun ankündigende Ankunft eines Geschwisterchens in Gang gesetzt – Zeit, das Bindungssystem weiter zu öffnen und zu erweitern…

Und dieses Leben in der spielenden und entdeckenden Kindergruppe steckt den Kindern ja auch heute noch im Mark – an anderen – und gewiss nicht nur gleichaltrigen – Kindern lernen sie, sich auf andere einzustellen, sie lernen, mit der „widerständigen“ Umwelt klar zu kommen, ihre Emotionen zu regeln, sich Ziele zu setzen und diese zu erreichen.

Kindliche Bedürfnisse im Gleichgewicht

Damit schließt sich der Kreis. Aus evolutionärer Sicht bekamen Kinder viel Nähe, viel Beziehung, viel Sicherheit – mehr als wir ihnen heute oft geben wollen. Aber sie bekamen eben auch Gelegenheit zur Selbstfindung – und auch da: viel davon! Und das insbesondere durch die, ja, „Nähe“ zu anderen Kindern, die ja immer auch ihren eigenen Kopf, ihre eigenen Vorstellungen, Ziele und Forderungen in den Ring werfen. Da musste sich ein Kind zurechtfinden, da entwickelte es sein soziales Geschick und die Fähigkeit mit anderen klar zu kommen und zu kooperieren. Da lernte es die „Grenzen“ kennen – Grenzen wie sie das Leben der anderen schreibt, nicht irgendein pädagogischer Ratgeber.

Und damit wäre ich auch bei der Definition des Verwöhnens angekommen, so wie ich es sehe: einem verwöhnten Kind fehlt es an Selbstständigkeit und an Kompetenz im Umgang mit sich selbst und seiner sozialen Welt. Es hat diesen Teil der Entwicklung einfach nicht einüben können – weil ihm Sicherheit und Mut dazu gefehlt haben, oder weil es nicht genug Friheit und Erkundungsraum dazu hatte. Und so bleibt es auf sein vorheriges Ich, sein Säuglings-Ich, festgenagelt.

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Und deshalb läuft die heutige Verwöhn-Diskussion eigentlich ins Leere. Es geht immer nur um die Verkehrsregeln – ob die Kleinen von ihren Großen vielleicht zu viel Nähe bekommen, ob sie vielleicht zu lange gestillt werden, ob wir sie nicht vielleicht ein bisschen „abhärten“ sollten. Ob sie wirklich auch genug „Grenzen“ haben. Immer geht es um die Zutaten, die Regeln, die Grenzen. Es geht viel zu wenig um die Inhalte, die wir leben, um die Beziehung, die wir miteinander haben – ist sie verlässlich, freudvoll und ermutigend? Gibt sie dem Kind die Sicherheit und Heimat, die es braucht, um sich die „Fremde“ vorzunehmen? Um mutig zu erforschen und sich als wirksam zu erleben?

Und wir vergessen fast regelmäßig auch das Leben unter den Kindern selber. Kinder brauchen ihre Erwachsenen um Sicherheit zu haben, um eine Heimat zu haben, und Butterbrote natürlich auch. Aber sie brauchen ihre Erwachsenen nicht als Animierpersonal oder pädagogische Blockwarte, die ihnen ihre Schritte vorgeben oder ihnen ihre Entwicklung aus der Nase ziehen. Kinder brauchen eine KINDHEIT, und keine Reservate, in denen es dann doch nur um die (momentan gefragten) Erwachsenenfunktionen geht. Ab dem späteren Kleinkindalter sind sie startklar um sich sozial zu bewähren und ihre Persönlichkeit zu bilden – im freien Spiel miteinander, in der gemischtaltrigen Gruppe, in der Mitgestaltung des Alltags, bei der Entdeckung der Natur (und nein, da geht es nicht darum, die Frühblüher kennenzulernen oder „Nachhaltigkeit“ einzuüben). Aber gerade bei diesem wichtigsten Bildungsauftrag, dem „Bildungsauftrag Kindheit“ nämlich, heißt es immer öfter: Fehlanzeige. Die Kinder werden weiter von den Erwachsenen versorgt: mit Spielideen, mit pädagogischen Zielen, mit genauen Grenzen und geregelten Tagesplänen. Mit den Schablonen des Erwachsenenlebens eben. Aber wie sollen die Kinder in dieser fremdversorgten „Klein-Kinderrolle“ stark werden und wachsen, wie sollen sie da die Balance finden zwischen dem „Ich“ und dem „Wir“?

Es kommt auf die Beziehungen an

Schwenken wir also zurück zu Aram vom Cover des Times Magazines. Ob er verwöhnt wird? Ich weiß es nicht, dafür kenne ich sein Leben zu wenig. Ich weiß nur das: Wenn er verwöhnt wird, dann nicht dadurch, dass er noch ab und zu an der Brust seiner Mutter trinkt. Diese Erfahrung teilt er mit den meisten Kindern, die bisher auf dieser Erde gelebt haben (bis in die Neuzeit war der Zuschlag aus der Brust auch im Kleinkindalter normal und ist es in vielen Gesellschaften noch heute). Ob Aram verwöhnt wird, entscheidet sich vielmehr an seinem Lebensmodell: Lebt er in funktionierenden Beziehungen? Findet er darin gleichzeitig Sicherheit und Ermutigung? Geben sie ihm Schutz und Anerkennung – und gleichzeitig Raum, Zeit und Gelegenheit, um sich zu bewähren, die Welt zu erspielen, an Herausforderungen zu wachsen?

Denn eines weiß ich mit Sicherheit. Kinder wollen gar nicht verwöhnt werden. Sie wollen groß und kompetent werden. Woher ich das weiß? Weil wir sonst heute nicht hier wären. Hätten die Kinder in ihrer evolutionären Vergangenheit auf Verwöhnung gepocht, dann wären sie irgendwo aus der Kurve des Lebens geflogen. Sie wären nicht unsere Vorfahren geworden. Und wir wären nicht hier, um uns über das Thema Verwöhnen zu streiten.

Die Literaturliste zum Artikel ist hier abrufbar.

Baby schläft nicht: Darf ich mein Kind schreien lassen?

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Dass Babys nicht vom ersten Tag ihrer Geburt an durchschlafen, ist kein Geheimnis. Erst nach etwa zwei bis drei Monaten entwickelt sich bei ihnen langsam der zirkadiane Rhythmus aus regelmäßiger Wachzeit und regelmäßiger Schlafzeit, und nach den ersten sechs Monaten bekommen viele Babys das schon ganz gut hin. Aber längst nicht alle.

Etwa jedes fünfte Baby wacht noch bis zum Ende des ersten Lebensjahre nachts so oft auf, dass seine Eltern verzweifeln, weil sie selbst nicht genug Schlaf bekommen. Soll man das Baby einfach mal weinen lassen? Fragen sich die Eltern mit den müden Augen – und bekommen oft sofort ein schlechtes Gewissen.

Viele haben Bücher gelesen, die sich ausdrücklich dagegen aussprechen. Es würde dem Kind signalisieren, dass auf die Eltern kein Verlass ist, wenn es nach Hilfe ruft, würde unverantwortlichen Stress beim Kind auslösen und seiner Bindung zu den Eltern schaden.

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In anderen Büchern steht, das Baby könne durchaus früh lernen, sich selbst zu beruhigen, und das sei für seine weitere Entwicklung eher förderlich als hinderlich.

Zwei verschiedene Schlaftrainings

Ja, was denn nun? Forscher um Michael Gradisar von der australischen Flinders University wollten den unausgeschlafenen Eltern endlich eine wissenschaftlich fundierte Antwort geben können, von der sie jetzt im Fachjournal „Pediatrics“ berichten.

Warum unser Schlaf am Sonntag immer so unruhig ist

Es gibt jede Menge Ursachen für Schlafstörungen. Millionen Deutsche haben damit zu kämpfen. Besonders in der Nacht von Sonntag auf Montag finden viele Menschen keinen Schlaf. Diese Tricks helfen.

Quelle: Die Welt

Sie teilten 43 Kinder im Alter zwischen 6 und 16 Monaten, deren Eltern massive Schlafprobleme bei den Kindern – und dadurch auch bei sich selbst – angaben, in drei Gruppen ein.

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In der ersten sollten die Eltern nach kurzer Wartezeit zu den Kindern gehen, wenn diese nachts aufwachten, und nur leise und kurz mit ihnen sprechen, sie aber nicht hochnehmen und auch das Licht nicht anmachen. In der zweiten Gruppe sollten die Eltern ihr Baby jeden Tag 15 Minuten später ins Bett bringen als am Tag zuvor, sodass das Kind jeden Tag müder ins Bett geht.

Wer müder ins Bett geht, schläft besser durch, weiß man aus der Schlafforschung. Die dritte war die Kontrollgruppe: Die Eltern bekamen dort nur ein paar grundsätzliche Informationen über den Babyschlaf.

Kein zusätzlicher Stress

Die Forscher analysierten über die Dauer des Trainings von einer Woche den Cortisolwert im Speichel des Babys und auch den der Mutter. Über diesen Wert kann man sehen, wie gestresst sich jemand momentan fühlt.

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Außerdem maßen die Wissenschaftler, wie sicher die Bindung zwischen Mutter und Kind war, und zwar erst ein Jahr nach dem Training.

Das Ergebnis: Beide Schlaftrainings funktionierten. In beiden Fällen reichte die eine Woche aus, damit die Kinder nicht nur seltener aufwachten nachts, sondern auch schneller einschliefen als die Babys in der Kontrollgruppe. Und nach einem Jahr zeigten sich in der Bindung keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen.

Zwar waren in jeder Gruppe nur wenige Kinder, was die Aussagekraft der Studie etwas schwächt, aber eine frühere und groß angelegte Studie 2012 kam zu dem gleichen Ergebnis.

Michael Gradisar empfiehlt übermüdeten Eltern, es einfach mal mit einer der beiden Methoden zu probieren. Dem Kind schade es höchstwahrscheinlich tatsächlich nicht, helfe aber Eltern. Kinder bräuchten am Tag halbwegs ausgeschlafene Eltern, sagt er. Und chronisch Übermüdete werden anderen Studien zufolge häufiger gewalttätig gegenüber ihrem Kind – und entwickeln öfter eine Depression.

Das Baby schreien lassen zum Durchschlafen?

Kontrolliertes Schreien lassen wirkt sich negativ auf die Entwicklung des Kindes aus
In der Erziehungswissenschaft streiten sich die Gelehrten seit Jahren, welcher Weg der Bessere ist, um Kindern ein Durchschlafen zu ermöglichen. Was vor 30 Jahren obsolet war, soll heute wieder stimmen: Babys in der Nacht schreien lassen. Das „kontrollierte Schreien lassen“ von Babys wird von einer Vielzahl von Psychotherapeuten und Psychologen als „veraltet und schädigend“ kritisiert.

„Unser Kind schläft in der Nacht nicht durch und schreit oft“. Diese Erfahrung machen fast alle Eltern in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder. Aufgrund der Gefahr des plötzlichen Kindstods bei Neugeborenen werden nächtliche Unterbrechungen und das Schlafen des Kindes in der Nähe der Eltern als selbstverständlich angesehen. Während die Wissenschaft bei Neugeborenen sich weitestgehend einig ist und niemand von Babys erwartet, dass diese durchschlafen können, sieht es bei Kleinkindern, die den sechsten Lebensmonat überspringen, wieder ganz anders aus.

Babys nicht nie schreien lassen! (Bild: Ramona Heim/fotolia.com)

Babys schlafen nicht durch
Babys können nicht durchschlafen, sie wachen in der Nacht ständig auf. Sie haben noch keine Objektrepräsentanz entwickelt und wissen daher nicht, ob sie selbst (Ich) sind. Je näher das erste Lebensjahr rückt, um so mehr müssen sich die Eltern mit der Frage beschäftigen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um ihr Kind aus dem elterlichen Schlafzimmer zu verbannen. Auch von außen hören Eltern von Verwandten oder Freunden gut gemeinte „Ratschläge“ die oft darin münden, dass Kind ein Schlafverhalten anzutrainieren sei, in dem man das Kind schreien lässt. Manche Eltern fühlen sich bei diesem Gedanken (zurecht) unwohl. Ein Kind, dass weint, einfachen weinen lassen? „Nein“, fühlen viele Eltern.

Kontrolliertes Schreien lassen als Konditionierung
In den letzten Jahren hat sich die Überzeugung erneut durchgesetzt, Babys müssten ab dem sechsten Monat lernen, durchzuschlafen. Damit sie es lernen, müsse man sie hierzu anleiten. Die oft angewendete Durchschlafmethode ist die sogenannte Ferber-Methode. Dabei geht es um das kontrollierte „Schreien lassen“, damit das Kind angeblich lernt, dass in der Nacht keine Mutter oder Vater kommt, um es zu beruhigen. Wurde das durch das Kind internalisiert, lernt es, so die Theorie, durchzuschlafen.

In der Tat hat diese Methode „Erfolg“, denn das Kind resigniert irgendwann und ruft nicht mehr nach seinen Eltern. Tatsächlich schläft das Kind jedoch nicht durch, wie einige neue Studien nun zeigten. In der Realität werden die Kinder in der Nacht genauso oft wach, wie Kinder, die durch ihre Eltern beruhigt werden. „Da sie aber konditioniert wurden, dass auf ihr nächtliches Schreien niemand reagiert, machen sie sich auch nicht mehr bemerkbar.“ (Lüpold, 2009).

Resignation ist kein Durchschlafen
Resignation ist allerdings kein Durchschlafen und aus psychologischer Sicht mindestens bedenklich. Neben dem schlechten Gefühl der Eltern, kann das „Schreien lassen in der Nacht“ zum Teil schwerwiegende psychische Folgen nach sich ziehen. Jüngere Untersuchungen haben nämlich zeigen, wie wichtig auch das Reagieren der Eltern auf das Weinen des Kindes in der Nacht ist (Lüpold, 2009). Vor allem vor dem Hintergrund einer „sicheren Mutter-Kind-Bindung“ und der Schaffung des Urvertrauens beim Kind sei das „Schreien lassen“ in der Nacht für das Kind schädlich.

Ist die Objektpermanenz noch nicht ausreichend entwickelt, glaubt das Kind, wenn keine Reagieren auf das „Rufen durch Weinen“ erfolgt, dass die Eltern verschwunden sind und es nunmehr allein ist. Das Baby hat keine Chance ein Vertrauen zu entwickeln, dass Mutter und Vater da sind, um die Bedürfnisse zu stillen. Lüpold geht davon aus, dass hierdurch die Entwickelung der Bindung zu den Eltern mindestens erschwert, wenn nicht gestört wird.

Durchschlafen mit 12 Monaten?
Wird das Kind ein Jahr alt, versuchen viele Eltern das “Schreien lassen”. Obwohl das Kind nun krabbeln oder gar laufen kann, wäre es eben in jenem Alter geradezu fatal, das Kind schreien zu lassen, weil in diesem Zeitabschnitt besonders ausgeprägte Verlustängste beim Kind vorherrschen. Zusätzlich scheinen negative Folgen für die Entwicklung des späteren Selbstbewusstseins zu resultieren, da sich das Selbstvertrauen aus dem Urvertrauen entwickelt. Demnach ist es für das Kind förderlich, wenn auch Geduld und Fürsorge in der Nacht seitens der Eltern vorhanden sind, bis das Kind selbst zeigt, dass es in der Lage ist, durchzuschlafen.

Kleinkinder überprüfen in der Nacht ihre Sicherheit
Andere Studien zeigten, dass das Schlafverhalten des Kindes sich dem eines Erwachsenen unterscheidet. Säuglinge und Kleinkinder haben einen sehr aktiven Schlaf und zeigen laut Tarullo ein „zerstückeltes Schlafmuster“ mit zahlreichen Übergängen auf. Dieses Wissen nutzt aber nichts, werden viele Eltern beim Lesen des Artikels denken. Denn die allnächtlichen Schlafunterbrechungen sind sehr anstrengend und rauben vielfach die letzte Energie. Jedoch hat das kindliche Schlafmuster einen Sinn und Zweck.

Evolutionsbiologisch prüfen Kinder in der Nacht wenn sie erwachen, ob sie noch in Sicherheit sind und eine ihnen bekannte Bezugsperson in der unmittelbaren Nähe ist. Ist keine Person in der Nähe, wären sie im Sinne der ursprünglichen Natur Gefahren hilflos ausgesetzt. Das nächtliche Aufwachen setzt sich auch im Erwachsenenalter fort, um die Umgebung zu prüfen. Nur dass sich Erwachsene in den meisten Fällen an das Aufwachen am nächsten Morgen nicht mehr erinnern.

Auch lernpsychologisch hat das kindliche Schlafverhalten einen gewichtigen Grund. Hinweise deuten daraufhin, dass das typische Schlafmuster von Kleinkindern das Lernen erleichtert (siehe auch Tarullo et al., 2011). Im ersten Lebensjahr lernen Kinder in einem schnellem Tempo. Die neu gewonnen Erfahrungen müssen sortiert, verarbeitet und gespeichert werden. Entwicklungsstudien zeigen, dass der Schlaf bei der Gedächtniskonsolidierung eine hohe Wertigkeit besitzt. Das was das Kind am Tage gelernt hat, wird im Schlaf abgespeichert. Das Gehirn erfährt im Schlaf auch eine sensorische Stimulation und lernt während des Schlafs weiter.

Wann lernen Kinder das Durchschlafen?
Doch ab wann können Kinder „durchschlafen“? Die meisten Psychologen sehen den Schlaf als eine Art Reifeprozess. Ist das kindliche Gehirn ausgereift, geschieht das Durchschlafen von selbst. Einen genauen Zeitpunkt zu beziffern fällt allerdings schwierig, weil jedes Kind nach eigenem Tempo wächst. Es gibt Kinder, die schlafen bereits mit 15 Monaten durch, andere erst im vierten Lebensjahr.

Aufgrund gestiegener Leistungsansprüche erwartet man von Kindern vor allem in Deutschland, dass diese bereits nach 12 Monaten durchschlafen können. In zahlreichen anderen Ländern, auch in westlich geprägten Ländern, ist das nicht so. Dort gehen Eltern, Psychologen oder Erziehungswissenschaftler eher von einem Alter zwischen 3 und 5 Jahren aus. Beinahe ganz selbstverständlich schlafen Kinder in südlichen Ländern im elterlichen Bett oder mindestens im selben Raum, bis die Kinder selbst im Kinderzimmer schlafen wollen.

Wer von dem weiß, macht sich weniger Druck und kann auch Druck von außen besser argumentativ abwehren. Es kann helfen, die eigene innere Unruhe und auch Müdigkeit gelassener zu betrachten. Um das Einschlafen selbst zu vereinfachen, helfen Rituale.

Rituale zum Einschlafen
Wichtig ist, dass der Zeitpunkt des Zubettgehens möglichst zu festen Zeiten geschieht. Allerdings ist hier entscheidend, die Signale des Kindes richtig zu deuten. Wenn es im Winter früher dunkel wird, sind Kinder meist auch früher müde, als zu hellen Jahreszeiten. Dann kann es hilfreich sein, die Einschlafzeit auch an die Jahreszeiten leicht anzupassen. Vor dem Zubettgehen sollten Abläufe wie Umziehen, Waschen und Windelnwechseln in einer warmen, ruhigen und entspannten Umgebung passieren. Statt zu toben oder Späße zu machen, sollte im Schlafanzug/Babyschlafsack ein gemeinsames Buch angeschaut werden, bevor es ins Bett geht. Dieses Ritual sollte fest installiert sein, damit das Kind weiß, die Schlafenszeit wird nun eingeläutet.

Schläft das Kind dennoch nicht ein, könnten äußere Umstände es daran hindern. Fragen sind: „Ist die Windel nass“, „ist es zu kalt oder warm“, hat das Kind Schnupfen, Husten oder Fieber? Gerade wenn letzteres der Fall ist, benötigen Kinder mehr Aufmerksamkeit und Geborgenheit als sonst. Das Verweilen neben dem Kind, bis es einschläft, ist sinnvoll, um Sicherheit zu signalisieren. Will das Kind toben, soll es wieder in die ursprüngliche Lage zurück gelegt werden. Auch hier ist wichtig, beruhigend zu wirken und nicht zu schimpfen oder zu reden. In vergangenen Zeiten sangen die Eltern ihren Kindern ein „Gute-Nacht-Lied“ vor. Auch das wirkt wahre Wunder. Dabei ist nicht die Textsicherheit wichtig, sondern der einschläfernde monotone Ton. (sb)

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Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

Darf man Babys schreien lassen?

Um die Frage nach dem „Schreien lassen“ zu beantworten, ist es zunächst wichtig zu klären, wovon eigentlich die Rede ist: Ist damit gemeint, dass Eltern ihr Baby in sein Bettchen legen, eine gute Nacht wünschen und dann das Zimmer verlassen und das Baby allein schreien lassen? Oder sprechen wir davon, dass Eltern ihrem Baby beibringen, in seinem Bettchen einzuschlafen und dafür auch sein Schreien in Kauf nehmen, während sie neben dem Bett sitzen und Trost spenden?
Häufig werden diese Vorgehensweisen in einen Topf geworfen – dabei besteht dazwischen ein großer, bedeutender Unterschied. Wenn Babys länger allein weinen müssen, ist das tatsächlich eine Situation, die sie extrem verunsichern und verängstigen kann. Denn Ihr Baby versteht noch nicht, dass Sie nebenan sind und, dass es Sie bald wiedersieht.
Babys haben ein instinktives Bedürfnis nach Schutz durch Erwachsene. Das ist evolutionär bedingt, denn feste, sichere Häuser sind in der Menschheitsgeschichte vergleichsweise jung. Jahrtausendelang war es für ein Baby extrem gefährlich, längere Zeit ohne einen Erwachsenen herumzuliegen, denn es wäre wilden Tieren schutzlos ausgeliefert gewesen. Diese Instinkte prägen uns Menschen noch immer. Deshalb ist es normal, dass Ihr Kleines ungern allein schläft und auch tagsüber möglichst viel in Ihrer Nähe sein möchte.
Dennoch können bestimmte Gewohnheiten auf Dauer zu Problemen führen. So ist es völlig normal, dass Neugeborene häufig an der Brust, der Flasche oder auf dem Arm einschlafen. Wenn diese Hilfen aber in einem Alter von vier bis fünf Monaten noch immer nötig sind und ein Einschlafen im Bettchen nicht möglich ist, erleben Eltern häufig schlaflose Nächte.
Ihr Baby hat sich dann an die Einschlafhilfen gewöhnt und verlangt sie daher auch, wenn es nachts aus dem Leichtschlaf hochschreckt. Dann kann es nötig sein, dem Baby beizubringen, dass es auch ohne diese Hilfsmittel in den Schlaf finden kann.

Das können Sie auf sanfte Weise vermitteln, indem Sie Ihre Unterstützung beim Einschlafen langsam reduzieren: Die Flasche oder Brust gibt es zu einem früheren Zeitpunkt und Sie legen Ihr Baby ruhig und schläfrig, aber noch nicht fest schlafend in sein Bettchen. Dann beruhigen sie es dort weiter.
Und obwohl Sie Schritt für Schritt vorgehen und bei Ihrem Kind bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Ihr Kleines schreit, wenn es in seinem Bettchen einschlafen soll. Denn Babys lieben Gewohnheiten – und wenn sich etwas ändert, dann protestieren sie, indem sie schreien. Das ist verständlich: Ihr Kleines ist verunsichert, doch durch Ihre Nähe und Ihren Trost vermitteln Sie ihm, dass es keine Angst haben muss.
Dennoch wird es vermutlich an den ersten Abenden gegen die neue Einschlafprozedur protestieren, indem es schreit – und in diesem Fall ist das Schreien vollkommen in Ordnung. Ein Baby, das schreit, weil es sich gegen eine Veränderung sträubt, das sich aber von seinen Eltern liebevoll umsorgt und sicher begleitet fühlt, nimmt keinen psychischen Schaden. Im Gegenteil, es lernt, Herausforderungen zu bewältigen und schafft notwendige Veränderungen.
In vielen anderen Bereichen ist uns Eltern völlig klar, dass bestimmte Dinge sein müssen – auch, wenn das Baby schreit. Würden Sie Auto fahren, ohne dass Ihr Baby angeschallt ist – nur, weil es das nicht möchte und schreit, sobald Sie es anschnallen? Würden Sie es, nachdem es sein großes Geschäft gemacht hat, stundenlang in seiner schmutzigen Windel liegen lassen, nur weil es schreit, wenn Sie es wickeln? Würden Sie auf eine notwendige medizinische Behandlung verzichten, weil Ihr Baby sich dagegen wehrt und schreit?
Vermutlich nicht. Stattdessen würden Sie sich (und am besten auch Ihrem Baby) sagen: „Ich weiß, dass das schwierig ist. Aber es muss sein. Gemeinsam schaffen wir das!“
Es ist gut, dass wir als Eltern bereit sind, für unser Kind auf einiges zu verzichten – doch manchmal verkennen wir, wie wichtig Schlaf ist. Ein paar schlaflose Nächte sind im Leben als Eltern normal – doch wenn Sie monatelang deutlich zu wenig Schlaf finden, ist das ein echtes gesundheitliches Risiko. Nicht nur für Sie selbst, auch für Ihr Kind – denn viele Unfälle passieren, weil die Beteiligten erschöpft und übermüdet sind.
Deshalb kann es manchmal nötig sein, das Schreien Ihres Kindes in Kauf zu nehmen, um ihm eine nötige Veränderung beizubringen. Und dann brauchen Sie nicht zu befürchten, Ihrem Kleinen zu schaden, solange Sie bei ihm bleiben und ihm Trost und Sicherheit spenden.
Wichtig ist, selbst möglichst ruhig zu bleiben, damit Ihr Kind spürt, dass alles in Ordnung ist. Atmen Sie tief in Ihren Bauch und lange wieder aus. Und sagen Sie Ihrem Kind: „Ich weiß, das ist neu für dich und schwierig. Es ist okay, wenn du weinst. Du darfst deinen Frust ruhig rauslassen. Ich bleibe bei dir.“ Manchmal brauchen Babys das Schreien, um Anspannung abzubauen und sich zu beruhigen. So, wie es uns Erwachsenen manchmal gut tut, uns „auszuheulen“ oder etwas von der Seele zu reden.
Auch kleinen Ärger im Alltag sollten Sie Ihrem Baby zutrauen, um die Frusttoleranz zu fördern. Natürlich sollten Sie Ihr Baby nie unnötig lange warten lassen, wenn es Hunger, Schmerzen oder eine nasse Windel hat oder sich einsam fühlt. Im Gegenteil, diese Bedürfnisse sollten Sie möglichst direkt erfüllen. Wenn Ihr Baby aber mit einem neuen Spielzeug nicht sofort zurecht kommt und ein wenig jammert, dann warten Sie kurz, bevor Sie eingreifen – vielleicht schafft Ihr Kleines es ja doch noch selbst! Ermutigen Sie es, aber geben Sie ihm die Chance, es noch ein wenig selbst zu probieren.
Und wenn Ihr Baby nachts anfängt zu weinen, müssen Sie nicht sofort aufspringen – warten Sie ruhig eine Minute ab, ob es womöglich nur im Leichtschlaf ist und selbst wieder in den Tiefschlaf findet.

Auch ist es sinnvoll, mit Ihrem Kleinen zu üben, dass es sich für kurze Zeiten selbst beschäftigt. Legen Sie es zum Beispiel auf eine Spieldecke und setzen Sie sich daneben, um Wäsche zusammenzulegen oder etwas zu lesen. Wenn es schon nach wenigen Minuten jammert, versuchen Sie, es zu ermutigen, noch ein wenig zu spielen – zeigen Sie ihm zum Beispiel ein bestimmtes Spielzeug und erklären Sie: „Hier, damit kannst du noch ein wenig spielen. Gleich habe ich Zeit für dich.“ Das klappt nicht immer, aber es ist gut, das immer wieder zu versuchen.
Klar ist und bleibt: Ein Baby, das weint, muss getröstet werden. Manchmal sind aber Veränderungen nötig, gegen die Babys sich wehren, indem sie schreien. Wenn Eltern dann konsequent bleiben, aber ihr Kind mit Liebe und Verständnis begleiten, sind dies keine grausamen Methoden – sondern Herausforderungen, an denen Kinder wachsen können.
Zuletzt überarbeitet: August 2019

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