Babys mit schnuller

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Stillen – “Abspeisen” oder stärkendes Band?

Wird durch Stillen nur der Wunsch nach Nahrung und Sättigung befriedigt oder kann Stillen mehr? Nähe geben, Sicherheit vermitteln, Bindung stärken, dem Säugling signalisieren, dass auf seine Bedürfnisse eingegangen wird? Etwa die Hälfte aller Mund-Brust-Kontakte dient der Beruhigung. Das Stillen erleichtert den Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen Mutter und Kind, der ersten Beziehung, die das Kind eingeht. Diese erste Erfahrung nimmt Einfluss darauf, wie gut das Kind später im Leben Beziehungen eingehen und gestalten kann. Wenn die Mutter nach Bedarf stillt, ist ein erster Schritt für die Befriedigung der Bedürfnisse des Säuglings getan. Hier legen sowohl Mutter als auch Säugling den Bedarf fest, was eine gute Interaktion der beiden Beziehungspartner voraussetzt. Die Mutter bemerkt bald unterschiedliche Stillanlässe und reagiert differenziert, so dass sie dem Säugling hilft, einen Unterschied zwischen Hunger oder Aufregung wahrzunehmen.

Es ist wichtig, ein Kind sicher und dadurch stark zu machen. Es muss bereits im Säuglingsalter merken, dass es auf seine Bezugspersonen Einfluss nehmen, seine Umgebung mitgestalten kann, sich eben nicht ohnmächtig und ausgeliefert erlebt. Es muss die Erfahrung machen, dass es sein Befinden und seine Bedürfnisse äußern kann, dass diese verstanden und adäquat beantwortet werden. Denn nur dann kann es auch echte Befriedigungen erleben, eben keine Wohl-oder-übel-Ersatzbefriedigung, die angenommen werden muss, weil Besseres nicht kommt oder gar unbekannt ist.

Zusammenhänge wie diese lassen sich am besten mit einem Beispiel erklären:

Das Stillen, genauer noch das durch das Stillen unterstützte Beziehungsgeschehen zwischen Mutter und Kind, verdient in diesem Zusammenhang größte Aufmerksamkeit. Was muss in einem Säugling vorgehen, der bei jedem Schreien die Brust in den Mund gesteckt bekommt, mit der Aufforderung “trink” , um wieder still zu werden, auch wenn er mit seinem Schrei etwas ganz anderes melden und verändern wollte als Hunger und Magenfüllmenge, nämlich z. B. Einsamkeit, Zuwendungsdefizit, Lust sich zu unterhalten oder zu spielen, Unmut, Langeweile oder gar Angst? Deshalb ist die Frage, wie auf Gefühlsäußerungen von Säuglingen reagiert wird, so wichtig. Mit Aufmerksamkeit und differenzierter Zuwendung, je nach Schreigrund, oder immer mit Stillen, gedacht als Nahrungsangebot?

Um es vorweg zunehmen: durch diese Pauschalantwort kann gelernt werden, generell alle negativ besetzten Gefühlszustände mit Nahrungsaufnahme zu beantworten, weil andere Strategien, mit negativen Gefühlen umzugehen, nicht zur Verfügung stehen. Ein Lernprozess also, der dringend vermieden werden sollte.

Doch etwa die Hälfte aller Mund-Brust-Kontakte dient nicht der Nahrungsaufnahme, sondern der Beruhigung. Hier handelt es sich um eine angeborene, biologisch bedingte orale Beruhigungsmöglichkeit höchster Priorität.

Stillen

Es scheint sich also zu lohnen, das Stillen näher anzuschauen. Das Stillen ist die naturgemäße Ernährung eines Säuglings:

  • es steigert seine Abwehrkräfte,
  • ist eine anerkannte Vorbeugung gegen Allergien,
  • die Muttermilch ist in bezug auf Energie- und Nährstoffbedarf optimal zusammengesetzt
  • und direkt an die Nieren- und Darmfunktion eines Säuglings angepasst.

Das Stillen ist ein geeigneter Startimpuls zum Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen Mutter und Kind, da diese spezielle und einzigartige Art der Interaktion die Beziehungsaufnahme zwischen beiden erleichtert.

Selbstverständlich kann auch ein mit der Flasche genährtes Kind eine gute Bindung zu seiner Mutter aufbauen, genauso wie zu seinem Vater, dem die Starthilfe Stillen ja nie zur Verfügung steht. Hier kommt der Beziehungsaufbau ohne die erleichternden Voraussetzungen der Still-Interaktion zustande. Das emotionale Band zwischen Kind und Mutter ist die erste Beziehung, auf die ein Kind sich einlässt. Bei einem gestillten Kind sind auch die Erfahrungen beim Stillen daran beteiligt, Qualitätsstandards im Beziehungsgeschehen aufzustellen, mit denen alle späteren Beziehungen verglichen werden. Diese Erfahrungsbilanz entscheidet mit, wie leicht es einem Kind im weiteren Leben fallen wird, Beziehungen einzugehen und diese auch nach seinen Vorstellungen und Bedürfnissen mit zu gestalten.

So wichtige Aspekte wie gegenseitiges Kennenlernen, sich aufeinander abstimmen, Versuche gegenseitiger Einflussnahme und hierbei die Erfahrung, wirksam oder hilflos zu sein, spielen beim Stillen eine große Rolle und heben seine Bedeutung außerhalb des Bereichs der Nahrungsaufnahme nochmals deutlich hervor. Mit der Abkehr vom “Füttern nach Plan” und der erfreulich häufigen Hinwendung zum “Füttern nach Bedarf” , also auf Verlangen des Säuglings, war ein erster großer Schritt getan, der dem Aspekt Beziehungsgeschehen beim Stillen entgegen kam.

Das Nahrungsverlangen eines Kindes ist individuell sehr verschieden und hängt außerdem von der Milchproduktion der Mutter, Menge und Beschaffenheit der Milch betreffend, ab, die ebenfalls unterschiedlich ist.

Die tägliche Trinkmenge ist jedoch unabhängig vom Körpergewicht des Babys, sie steht in Beziehung zur individuellen Verdauung, der Stoffwechselrate und dem jeweiligen Wachstumstempo. Ein erzwungener Stundenplan von außen führt lediglich zu einem massiven Widerstand beim Baby. Das von außen gesteuerte Nahrungsangebot kann so z. B. zu einem Zeitpunkt erfolgen, an dem das Kind noch keinen Hunger hat oder sich bereits über den größten Hunger hinweggeschrieen hat.

Mit dem “Füttern nach Bedarf” ist eine weit günstigere Regelung für Mutter und Kind gefunden worden. Die Mütter müssen sich nicht mehr nach schematischen Vorgaben bei der Ernährung ihres Kindes richten und das Geschrei aushalten, bis die Uhr die nächste Mahlzeit erlaubt. Und der Säugling muss nicht mehr seine ganze Kraft aufbieten, um gegen den für ihn unverständlichen Nahrungsaufschub anzuschreien, um schließlich festzustellen, dass seine Bedürfnisse nur mit großer Anstrengung oder gar nicht befriedigt werden. Hier entsteht ein Gefühl der eigenen Machtlosigkeit verbunden mit physiologischem Unwohlsein, eine höchst unbefriedigende Situation.

Den Bedarf beim “Füttern nach Bedarf” legen jedoch mindestens zwei Personen fest: Die Mutter und das Kind. Das Baby signalisiert durch Schmatzen, suchende Bewegungen mit dem Kopf, Hungerlaute und notfalls Schreien seinen Appetit. Hält man ihm einen Finger oder ähnliches hin, beginnt es sofort daran zu saugen, wenn er hungrig ist. Aber es ist letztendlich die Mutter, die die kindlichen Signale interpretiert und entscheidet, ob sie bereit dazu ist, das Baby an ihre Brust zu lassen oder ihm eine Flasche zu machen.

Wie frei der Zugang des Kindes zur mütterlichen Brust ist, hängt von kulturellen Gewohnheiten, ideologischen Vorstellungen, Erziehungsleitsätzen und der Toleranz der Mutter gegenüber dem kindlichen Anspruch einer fast pausenlosen Verfügbarkeit über sie ab. Über all diese Punkte lohnen sich intensive Diskussionen auf der Basis neuer Forschungserkenntnisse.

Der Stillverlauf wird aber noch durch einen anderen wichtigen Aspekt bestimmt: die Interaktionsfähigkeit der zwei Beziehungspartner. Was Eltern-Kind-Interaktionen zu besonders guten Eltern-Kind-Interaktionen macht, weiß man heute genau. Der Zauberschlüssel, um die kindliche Interaktionsfähigkeit zu starten und Missverständnisse im Kommunikationsverlauf gering zu halten, ist bekannt: Es ist die einfühlsame, passende, für die jeweilige erwachsene Person typische, also immer etwa gleichartige und prompte Antwortreaktion auf kindliche Verhaltenssignale. Der Sender, das Kind, richtet seine weiteren Mitteilungen an der Antwortqualität seines Empfängers, der Mutter oder des Vaters aus. Eine gelungene Interaktion zwischen Eltern und Säugling ist dadurch gekennzeichnet, dass die elterlichen Verhaltensweisen

  • zeitlich auf die des Säuglings bezogen sind,also “passen” und nicht endlos auf sich warten lassen. Eine schnelle Antwort macht das Baby zufrieden, denn sie erlöst es aus Unwohlsein oder Unsicherheit
  • zuverlässig erfolgen, so dass das Kind sich darauf verlassen kann, dass eine Reaktion kommen und zudem noch, wie diese vermutlich aussehen wird. Bald kann das Kind die Antworten treffsicher der Mutter oder dem Vater zuordnen, der Wiedererkennungswert erleichtert den Umgang mit verschiedenen Ansprechpartnern und macht die Unterhaltung spannender. Der Aspekt “soziale Erfahrung” kommt hinzu
  • auf den Entwicklungsstand des Kindes und sein momentanes Befinden abgestimmt sind, somit dem Alter des Kindes entsprechen, wie auch Zeiten der Hochform oder Momente des Unwohlseins oder gar besonderer Unruhe bei der Antwortwahl berücksichtigen. Hier spielt sich auch das Erkennen der wirklichen Bedürfnisse und ihrer “wirklichen” Befriedigung ab.

Eine hohe Antwortbereitschaft, haben Eltern, die wenig Zeit zwischen den kindlichen Signalen und ihren Reaktionen darauf vergehen lassen. Nicht nur anwesende, sondern ansprechbare, berührbare Eltern sind gefragt. Nur wenn kindliche Aktion und elterliche Reaktion zeitlich direkt aufeinander folgen, mit übrigens höchstens 200 – 800 Millisekunden Abstand dazwischen, kann das Kind beide Verhalten als zusammengehörig wahrnehmen. Und nur dann wird es sein gezeigtes Verhalten als beantwortet empfinden. Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass engagierte, nicht zu sehr belastete Eltern mit ihren Reaktionen intuitiv tatsächlich das optimale Zeitfenster einhalten, das dem Säugling eine positiv verbuchte Wahrnehmung ermöglicht.

Keine Angst, Sie müssen jetzt nicht mit der Stoppuhr neben Ihrem Kind stehen und – auf die Plätze, fertig, los! – lächeln, sprechen oder streicheln. Sie brauchen gar nicht darüber nachzudenken, das würde alles sogar ins Stocken bringen. Es ist beruhigend zu wissen, dass es Ihnen sehr oft gelingt, die äußerst kurze Reaktionszeit während des Interaktionspingpongs einzuhalten, automatisch, auf Ihr Kind abgestimmt, da hat unsere Biologie vorgesorgt.

Leider kann es dennoch immer wieder zu Pannen kommen. Zu viel Einsamkeit, körperliche und psychische Überlastung, aus der eigenen Kindheit mitgeschleppte und immer noch auf Emotionen und Reaktionen einflussnehmende Angstgespenster können die intuitiven Fähigkeiten der Eltern behindern oder völlig blockieren. Die Aktionen und Bemühungen der Kinder, einen Kontakt anzubahnen, gehen ins Leere. Unter diesen Umständen verlernen Kinder ihre angeborenen Fähigkeiten zum gelungenen Dialog. Man kann nur hoffen, dass bevor dies passiert, genügend Ansprech- und Gefühlspartner für Mutter und Kind zur Verfügung stehen und ein soziales Netz die beiden “Interaktionspartner in Gefahr” auffangen kann. Oft braucht es dann auch professionelle Hilfe um nachzuholen, was die Natur beim ersten Anlauf allein nicht bewirken konnte.

Im Normalfall stößt ein Kind bei seinen Dialogversuchen auf die passende Resonanz seitens seiner Eltern. Bereits mit wenigen Wochen kann ein Säugling so eine Verbindung zwischen seinem Verhalten und den spannungsmildernden, beruhigenden Verhaltensweisen der Bezugspersonen herstellen. Wir dürfen sicher sein, dass genau diese Erfahrung unheimlich wichtig ist, zeigt sie doch nun zum ersten Mal dem Baby, und das in unterschiedlichen Situationen immer wieder, dass es selbst, so klein es ist, einen Effekt erzielen kann, sich also nicht ohnmächtig und hilflos erleben muss.

Untersuchungen zeigen, dass ein Drittel aller Interaktionen zwischen Mutter und Kind bereits sofort optimal koordiniert ablaufen, also auf Anhieb passen. Der Sender erreicht mit seiner Botschaft den Empfänger. Eigentlich genug Grund für beide Seiten stolz zu sein und Vertrauen zu sich selbst zu haben. Die Sensation geht aber noch weiter: 70% aller nicht sofort passenden Interaktionen, also 70% aller sich ereignenden Missverständnisse werden innerhalb von 2 Sekunden repariert, passend gemacht. Dass ein Drittel aller “Gespräche” zwischen Mutter und Kind sofort harmonisch koordiniert sind, ist toll, doch langfristig mindestens genauso bedeutungsvoll für die Erfahrung des Kindes sind die vielen schnurstracks nachgebesserten Interaktionen. Die elterlichen Bemühungen zeigen ihm, wie wichtig es seiner Mutter, seinem Vater, ist, es richtig zu verstehen. Diese Szenen melden ihm aber auch zurück, dass es durchaus über Fähigkeiten, sich klar auszudrücken, verfügt und es aktiv daran beteiligt ist, seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen. Es ist mit Sicherheit ein gutes Gefühl, Spannungs- und Interaktionsregulierung als Ergebnis eigener Bemühungen zu erleben.

Schaut man Eltern und Kind bei ihren Interaktionen etwas länger zu, bemerkt man plötzlich, dass auch Eltern häufig dazu neigen, kindliche Verhaltensäußerungen nachzuahmen. Wie ein “biologischer Spiegel” formen die Eltern den Gesichtsausdruck, den das Baby gerade macht nach, das Lächeln, den Schmollmund, das Gähnen, immer unterstützt durch eine passende Gestik oder Lautäußerung, meist begleitet durch einen erklärenden Kommentar. Nicht selten übertreiben Eltern dabei ein bisschen, wiederholen die Sequenz immer wieder und machen unerwartet kleine Abwandlungen, die das Kind zum erneuten Nachmachen und zur Korrektur der bisherigen Mimik reizen.

Wir wissen heute: Eltern tragen durch das Widerspiegeln kindlicher Verhaltensäußerungen auch zur Entwicklung der kindlichen Selbstwahrnehmung bei: Sie ermöglichen dem Kind, in ihrem Gesicht sich selbst zu erblicken. Das heißt, ein anderer Mensch stellt mir seine Wahrnehmung und seine Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung, um dadurch ein Bild von mir selbst zu bekommen. Deckt sich dieses rückgemeldete Bild mit meinen Empfindungen?

Es braucht keineswegs alles optimal zu laufen, aber beide “Gesprächspartner” müssen dennoch insgesamt eine stimmige gegenseitige Bezogenheit erleben. Was heißt das? Die Spiegelung des Kindes durch die Mutter darf nicht zu weit vom kindlichen Selbsterleben abweichen. Sonst entstehen zwei unterschiedliche Versionen der Realität, die an der Echtheit der eigenen Gefühle zweifeln lassen. Kann ich mir und meinen Empfindungen denn vertrauen?

Prompt, zuverlässig und angemessen zu reagieren, haben wir bereits als ausschlaggebend für jede Interaktion kennen gelernt. Der Erwachsene muss bereit sein, das subjektive innere Erleben des Kindes zu teilen. Ungeheuer wichtig ist auch, das Wahrgenommene sprachlich zu bestätigen. Hierzu sind ausreichend gute Abstimmungsprozesse nötig, die eine gemeinsam gelebte Wirklichkeit entstehen lassen.

“Jetzt ist unsere Stefanie aber müde!”

“Warum musst Du Dich denn so aufregen?”

“Das ist toll, das macht Dir Spaß!”

“Nein, das findet Mama nicht gut!”

“O, nein, das ist doch kein Grund um Angst zu haben, schau, die Mama ist doch schon da!”

In welchen Dialogen erfährt das Kind am meisten über sich?

  • bei echten Spiegelungen,
  • wenn Gefühle und Wahrnehmungen des Kindes einfühlsam erfasst und sprachlich passend bestätigt werden,
  • wenn das ganze Repertoire von Erfahrungen und Emotionen ins zwischenmenschliche Erleben eingeschlossen wird. Es darf alles angesprochen werden, nichts wird ausgeklammert,
  • also in einer stimmig erlebten Beziehungsrealität.

Das ist ein günstiger Moment, nochmals auf das Beruhigungssaugen zurückzukommen. Eine für kindliche Signale sensible Mutter nimmt die Erregung des Kindes wahr und kann sie bald von Hunger unterscheiden. Vielleicht hat sie bereits die Auslösesituation für Weinen und Unruhe erkannt und legt das Kind nun zur Beruhigung an. Ist das Baby zum Trost und zum Erregungsabbau an der Brust, verhält sich die Mutter ganz speziell, sie spricht mit besänftigender Stimme, streichelt das Kind, hält ein Händchen, manche Mutter bewegt in dieser Situation ihren Oberkörper beim Stillen leicht rhythmisch hin und her. Ganz anders, als wenn eine Mutter ein hungriges Kind anlegt: nach Einnahme einer möglichst optimalen Stillposition, verhält diese sich ruhig, spricht wenig, streichelt und tätschelt nicht, um die Saugphasen nicht zu stören. In den kurzen Saugpausen, die zwischen dem intensiven Trinken liegen, suchen Mutter und Kind Blickkontakt, die Mutter spricht das Kind kurz an, streichelt es mitunter, aber nur bis das Kind wieder zu trinken beginnt, dann ist wieder Ruhe.

Das unterschiedliche mütterliche Verhalten bei der Nahrungsgabe und beim Beruhigen, erleichtert es dem Kind, auch zwischen seinen beiden unterschiedlichen Empfindungen Hunger und Aufregung zu unterscheiden. Ist anfangs die orale Befriedigung ausschlaggebend, den Erregungspegel zu dämpfen, so nehmen im Laufe der Zeit die das Anlegen begleitenden Beruhigungsmaßnahmen wie Sprechen, Streicheln, auf dem Arm gewiegt werden immer mehr an Bedeutung zu, bis sie das Trostsaugen vollständig ersetzen. So ist gewährleistet, dass die kindlichen Bedürfnisse alters- und situationsgemäß befriedigt werden.

“Nuckelflasche “- harmlos oder gefährlich?

Der Weg zur Befriedigung und ihr Ergebnis müssen stimmen, damit sie echt befriedigend ist, das heißt in der Lage, Bedürfnisse bedürfnisgerecht zu stillen. Eine Nahrungsgabe ist ein beliebter Versuch, unterschiedliche Bedürfnisse mit einer einzigen Sorte Befriedigungsangebot zu beantworten. Dass hier letztendlich unbefriedigend, höchstwahrscheinlich sogar gefährlich gearbeitet wird, muss erst verstanden werden.

Ein Beispiel: Beim Stadtbummel fallen viele Kinder im Alter zwischen 2 und 4 Jahren auf, die eine Flasche mit sich tragen. Sie haben” heiße “Techniken entwickelt, sie in allen Lebenslagen zu halten, um sie ja nicht zu verlieren. Beim Gehen, beide Hände voll, gelingt es ihnen, sie im Mund zu halten, mitunter sogar dabei zu sprechen. Die Flasche ist ihr ständiger Begleiter. Ab und zu dient sie dazu, mit einem kräftigen Schluck den Durst zu stillen, meist aber ist sie in völlig anderen Funktionen im Einsatz.

Dieser Dauernuckel ist in Verruf geraten. Zahnärzte warnen seit langem vor massivem Kariesbefall, besonders wenn Säfte oder gesüßte Tees in der Flasche sind. Doch auch bei Mineralwasser geben sie keine Entwarnung, da das Dauernuckeln am Tag oder in der Nacht die Speichelzusammensetzung verändert, was den Zahnschmelz für Bakterien angreifbarer macht. Kieferorthopäden befürchten zu Recht bei einem Nuckelflaschendauereinsatz Kieferdeformationen und veränderte Zahnstellungen, die aufwendige Korrekturen nötig machen werden.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich auch die Suchtprävention mit den Nuckelflaschen. Wo setzen die Bedenken der Spezialisten an und wie begründen sie diese? Da gilt es zuerst die Frage zu klären, wie die Flasche in den Mund kam und zum Dauernuckel wurde. Ein Säugling bekommt die Brust oder Flasche, wenn er schreit, weil er hungrig oder unruhig ist. Wir nähren und beruhigen das Kind dadurch, wir” stillen “es. Es gelingt recht leicht, ein Kind mit Brust oder Flasche zufrieden zu stellen, zumindest ruhig zu stellen. Wie wichtig es für ein Kind ist, zu lernen zwischen Hunger und Erregung zu unterscheiden, wissen wir inzwischen. Der enge Kontakt beim Brustgeben erleichtert die Differenzierung, die leichte Handhabung der Flasche verleitet dazu, auf den Unterschied nicht mehr zu achten.

Für die Eltern wird das Kind mit Flasche pflegeleichter als ohne. Sie stellt recht zuverlässig das Schreien und Weinen ab, erspart lange Auseinandersetzungen und macht Aktionen, Besichtigungen, ausgedehnte Stadtgänge, endlose Einkaufsbummel etc., möglich, die ohne Flasche nicht möglich gewesen wären. Sie verleitet aber auch dazu, nicht mehr genau hinzuhören. Sie erlaubt Unaufmerksamkeit gegenüber kindlichen Signalen, denn das Ergebnis ist in den meisten Fällen einfach Ruhe. Somit besteht auch keine Notwendigkeit mehr, sich genauer nach Bedürfnissen und Wünschen zu erkundigen.

Die Flasche scheint anfangs auch für das Kind von Vorteil zu sein. Es beruhigt sich und muss offensichtlich nicht mehr nach etwas anderem suchen. Doch hat es tatsächlich das bekommen, was es wollte und brauchte?

Das Kind macht die Erfahrung, unangenehme Gefühle, Unruhe und Erregung gehen mit der Flasche weg. Sie hilft mir über schwierige Zeiten hinweg. Ich muss gar nichts tun, nur Flasche trinken. Etwas läuft mir die Kehle hinunter und schon wird es mir besser, ich werde wieder ruhiger. Zu welchem Zeitpunkt, in welchem Alter dieses Kind das erste Mal versteht, dass die Flasche nur ein Tröster, aber keine echte Lösung ist, wissen wir nicht genau, zumal es hierbei von Kind zu Kind erhebliche Unterschiede geben wird. Aber irgendwann wird es merken, dass sich an den Ursachen für sein Unwohlsein (falls es nicht Durst oder Hunger war) nichts geändert hat, kein primärer Wunsch durch die Flasche in Erfüllung ging. Das ist desillusionierend und entmutigend. Denn womöglich hat das Kind bis dahin schon oft feststellen müssen, dass es nicht in der Lage ist, am Unwohlsein selbst etwas zu verändern oder mitteilen zu können, was ihm wirklich fehlt, um auf diesem Weg an der Lösung beteiligt zu sein. Bis dahin kann es auch schon verinnerlicht haben, dass die orale Befriedigung unangefochten die Bedürfnisbefriedigung Nummer eins darstellt, bei Problemen zu essen oder zu trinken immer das Richtige ist. Spätestens jetzt befürchten Suchtspezialisten, dass Eß- und emotionale Wünsche nur noch schwer zu trennen sind.

Ein Einschub: Der Schnuller nimmt in diesem Gefüge zwar einen harmloseren, jedoch auch nicht ungefährlichen Platz ein; er bietet zwar dem falschen Lernprozess keine” Nahrung “, doch sollte auch er in den Kleinstkindjahren geeigneteren und vielseitigeren Strategien zur Eigenberuhigung Platz machen.

Bleiben wir bei der so wichtigen Flasche. Sie hat über diesen erlernten Weg (Unwohlsein – Flasche – Unwohlsein vergessen) eine gewaltige Bedeutung erhalten, deshalb ist es auch so schwer, sie wieder los zu werden. Den Eltern geht mit ihr ein schneller Allroundhelfer verloren, den Kindern noch viel mehr.

Anfangs sind ihnen die elterlichen Versuche, sie” von der Flasche zu bekommen “, keineswegs einsichtig. Hatten sie früher geschrien und waren unruhig, war ihnen die Flasche mit den Worten:” Sei lieb, trink ein bisschen aus der Flasche “in den Mund gesteckt worden. Nuckelten sie dann, jetzt wieder ruhig, hieß es:” So ist es lieb “. Von einem Tag auf den anderen sind sie jetzt angeblich unter völlig neuen Voraussetzungen lieb, nämlich dann, wenn sie die Flasche hergeben und auf sie verzichten. Das ist schwer zu verstehen. Was kann die Lücke füllen, die die Flasche hinterlässt? Oder was bekommt eine Chance, wenn die Flasche ihren eroberten Platz räumen muss?

Die Mutter schiebt Nick durch die Stadt. Er liegt zusammengesunken im Wagen und weint vor sich hin:” Flasche, Flasche, meine Flasche “. Ein Gläschen Apfelsaft hat er erst vor kurzem getrunken. Aber er bettelt weiter nach der Flasche.” Schatz, ich glaub gar nicht, dass Du noch Durst hast, Du bist unheimlich müde und um uns herum ist alles so laut und unruhig. Jetzt fahren wir zu einem ruhigen Plätzchen. Ich setze mich neben den Buggy, streichle Dein Ärmchen und Du schläfst ein bisschen. Danach geht es Dir wieder besser und wir können vielleicht noch eine kleine Einkaufsrunde drehen. Sonst besorge ich den Rest, wenn Du morgen bei Oma spielst. “In einer ruhigeren Nebenstraße fallen Nick bereits die Augen zu. Als Mama in einem kleinen Passagencafé einen Espresso trinkt und sich ausruht, schläft Nick fest und entspannt.

Moritz ist mit Papa einkaufen im Supermarkt. Er sitzt erst wenige Minuten im Kindersitz des Einkaufswagens, wo er auch noch einige Zeit sitzen bleiben soll, da fängt er an zu wimmern.” Trinki, Trinki! “Der Vater betrachtet seinen Sohn und streichelt ihm die Wange.” Ist Dir vielleicht langweilig? Findest Du es doof, nichts machen zu können? Ich habe eine Idee. “Moritz schaut Papa mit erwartungsvollen Augen an. Dieser kramt in seiner Hosentasche und findet ein kleines Auto. Schnell schiebt er Moritz in die Obst- und Gemüseabteilung und reißt eine Plastiktüte von der Rolle. Das Auto wandert in die Tüte, dann das kleine Päckchen in Moritz Hand. Dieser ist begeistert und beginnt zu spielen. Der Einkauf und zwei Stimmungen sind gerettet.

Bedürfnisse ernst nehmen statt Ersatzbefriedigung

Aufmerksamkeit ist gefragt, besser hinsehen, genauer hinhören. Sich reindenken ins Kind, keine böse Absicht ins Quengeln hineininterpretieren. Das bedeutet aber auch, sich mit den kindlichen Bedürfnissen und Ansprüchen auseinander zusetzen, sie in die Planung des Tagesablaufs einzubeziehen. Zugegebenermaßen erscheint die Flaschenlösung zuerst einmal viel einfacher, bedeutend praktischer. Doch die Flasche ist eine Ruhigstell-Lösung, keine echte Lösung. Da sind weiterhin meine Bedürfnisse, da sind weiterhin deine Bedürfnisse, die nicht immer zueinander passen, da muss es Konflikte geben, die nicht immer dadurch gelöst werden können, dass einer mundtot gemacht und zeitweilig in eine Dämmerwelt versetzt wird, in der seine wirklichen Bedürfnisse verschluckt werden.

Dieser Punkt hat viel mit Ernstnehmen zu tun. Wer bei Entscheidungen berücksichtigt wird, am Lösungsprozess beteiligt wird, kann auch bald von sich aus aktiv werden. Es ist ein gutes Gefühl zu spüren, dass sich jemand dafür interessiert, was in mir vorgeht, was ich wirklich will und brauche. Und ich bekomme Hilfe bei der Suche, Mama und ich sind meinem echten Bedürfnis auf der Spur. Nach ein paar Mal weiß ich selbst, was es ist und bald kann ich es dann auch sagen. Dann wird es viel leichter, eine gute Lösung zu finden.

Ich weiß dann:

  • etwas bedrückt mich,
  • ich bin müde,
  • ich habe keine Lust,
  • mir ist langweilig,
  • alles ist zu viel
  • oder ich habe tatsächlich Durst
  • oder – auch das ist erlaubt – ich muss jetzt einfach mal ein bisschen weinen oder schreien, danach geht es dann wieder besser.

Diese Zusammenhänge und Konsequenzen erfährt ein Kind bereits in der Stillzeit. Ist Stillen mit der unausgesprochenen Aufforderung” Trink “eine Pauschalantwort auf nahezu jede kindliche Lautäußerung, dann wird hier jemandem der Mund gestopft ohne Angebot einer Alternative. Die Folgen dieses” Abspeisens “werden mit der sich entwickelnden Gewohnheit” bei Stress essen “in Verbindung gebracht, um durch die sich beruhigend auswirkenden physiologischen Folgen der Nahrungsaufnahme kurzfristig negative Gefühle wie Einsamkeit, Frustration und Langeweile” wegzuzaubern “. Lernt man beim Stillen, in Mamas Arm werde ich ruhig und kann einschlafen oder wieder genussvoll aktiv werden, reichen bald Beruhigungen ohne Brust-Mund-Kontakt und unterstützen so den Weg der kindlichen Selbstregulation.

Wird das Befinden eines Kindes an Hand seiner Signale richtig eingeschätzt, sich darum bemüht, sie immer enger einzukreisen, und so auf verschiedene Schreianlässe höchst unterschiedlich mit Blicken, Worten und Taten reagiert, erfährt und verinnerlicht das Kind, dass mit unterschiedlichen Befindlichkeiten sehr unterschiedlich umgegangen werden muss, um sie treffend, befriedigend regulieren zu können. Zuerst ist es wichtig, seine Bedürfnisse geregelt zu bekommen, denn dann erlebt man sich selbstwirksam, und schon steht der nächste Schritt an, die Vorbereitung der Selbstregulation, die ein Kind sich zu stark erleben lässt, um bei der ersten Hürde schwach zu werden. Jede mit Bravour genommene Hürde macht die Stärke stabiler und weitere Hürden überwindbar. Genau diese Prozesse steuert zeitgemäße Suchtprävention an.

Literatur

  • Haug-Schnabel, G., Schmid-Steinbrunner, B. (2000) Suchtprävention im Kindergarten. So helfen Sie Kindern stark zu werden. Freiburg, Herder.
  • Haug-Schnabel, G., Schmid-Steinbrunner, B. (2002) Wie man Kinder stark macht. So können Sie Ihr Kind erfolgreich schützen – vor der Flucht in Angst, Gewalt und Sucht. Ratingen, Oberstebrink Verlag.
  • Bensel, J. (2003) Was sagt mir mein Baby, wenn es schreit? Wie Sie Ihr Kind auch ohne Worte verstehen und beruhigen können. Ratingen, Oberstebrink Verlag.

Quelle

Weitere Beiträge der Autorin hier in unserem Familienhandbuch

  • Die Entwicklung der Kontrolle über Blase und Darm
  • Sucht kommt von Suchen
  • Ein Forscher steckt in jedem Kind
  • Körperbewusstsein fördern – Selbstbewußtsein stärken

Autorin

  • PD Dr. rer. nat. Gabriele Haug-Schnabel, Humanethologin, Leiterin der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM), Privatdozentin an der Universität Freiburg, Beteiligung an interdisziplinären Forschungsprojekten zur Beobachtung und Analyse kindlichen Verhaltens.
  • Autorin von Rundfunksendungen, zahlreicher Fachbücher zum kindlichen Verhalten, Referentin in Aus- und Fortbildungseinrichtungen für Erzieher, Pädiater, Kinder- und Jugendpsychiater, klinische Verhaltenstherapeuten und Sozialpädagogen.
  • Angebote der FVM
    Die FVM ist eine private Forschungsgesellschaft, die praxisrelevante Problemstellungen der menschlichen Verhaltensentwicklung unter psychobiologischen Gesichtspunkten bearbeitet und Lösungsansätze erprobt.
    Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden im Auftrag von Universitäten, Wohlfahrtsverbänden, Ausbildungsinstituten, staatlichen Einrichtungen sowie Wirtschaftsunternehmen in Form von Gutachten, Projektplanungen und -begleitungen, Multiplikatorfortbildungen, Medieninformationen und Publikationen anwendungsbereit zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus wird eine Spezialberatung für Entwicklungs- und Erziehungsfragen angeboten.

Kontakt

Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Gabriele Haug-Schnabel
Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM)
Obere Dorfstr. 7
79400 Kandern

Es gibt mittlerweile eine riesige Auswahl an verschiedenen Schnullern. Verschiedene Marken machen es den Eltern schwer zu entscheiden, welcher Schnuller für das Kind richtig ist. Schon bei der Anschaffung eines Schnullers gibt es viel wissenswertes.

Nach den ersten 6 Lebensmonaten wird bereits von den meisten Herstellern ein größerer Schnuller angeboten. Wichtig ist, dass ihr individuell entscheidet, wann ihr die Schnullergröße wechselt. Grundsätzlich ist aber anzumerken, dass Babys mit einem kleinen Mund den größeren Schnuller weniger gut akzeptieren als Babys mit einem großen Mund.

Schnullergrößen zu wechseln ist wichtig!

Da der Kiefer unterschiedlich schnell größer wird, sind die Monatsangaben der Schnullerhersteller nicht für jedes Kind maßgebend. Es bestehen sogar Gefahren, wenn ihr die Schnullergröße nicht rechtzeitig wechselt:

  • Euer Baby kann sich den kompletten Schnuller in den Mund stecken und daran ersticken
  • Beim plötzlichen Erschrecken kann ein kleiner Schnuller auch verschluckt werden

Die richtige Schnullergröße zu verwenden ist also durchaus wichtig. Eine Gefahr, dass sich der Kiefer verformt weil euer Baby den geliebten Schnuller zu viel trägt, ist immer gegeben. Wann ihr den Schnuller abgewöhnt, ist euch überlassen. Je früher desto besser. Leider ist das nicht immer so einfach. Viele Kinder nehmen zum Ersatz für den Schnuller ein Tuch in den Mund oder tendieren dann zum Daumen. Den Daumen ab zu gewöhnen wird dann wirklich schwer.

Tipp

Wenn ihr die Schnullergröße wechselt und dabei auf die Monatsangaben des Herstellers achtet, habt am Anfang immer noch einen von der kleineren Größe zur Hand. Eine sichere Angabe, dass ein Schnuller zu groß ist wenn der weiche Teil beim Saugen nicht ganz im Mund verschwindet. Seht ihr noch etwas von dem Silikon- oder Latexhals ist der Schnuller zu groß.

Probiert nie nachts einen neuen Schnuller aus. Es ist wichtig das Verhalten eures kleinen Schatzes genau im Auge zu behalten. Ein größerer Schnuller kann auch animieren darauf herum zu beißen. Beim Zahnen kann dieser schnell kaputt gehen und im Babyschlaf zum Ersticken führen.

Es gibt Schnuller die den Kiefer eher verformen als andere

Alle Schnullertypen, die von einer Seite anders geformt sind als von der anderen sind nicht zu empfehlen. Gute Schnuller erkennt ihr daran, dass sie immer gleich aussehen, egal wie herum sie sich diesen in den Mund stecken.

Jetzt die nächsten Themen rund um den Babyschnuller lesen:

Schnuller: Ja oder nein, welcher und wie lange?

Schnuller sind ziemlich umstritten, aber die meisten Eltern benutzen sie. Was sind die Vor- und Nachteile der Beruhigungssauger, wann sollte man sie dem Kind abgewöhnen und welche Form ist am besten, um Kieferfehlstellungen zu vermeiden?

Der Schnuller dient dazu, das Saugbedürfnis von Säuglingen und Kleinkindern zu befriedigen. Schnuller sind in Europa mindestens schon seit dem Mittelalter bekannt, wie bildliche Darstellungen zeigen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein wurden sie als nützlich angesehen, dann gab es eine Anti-Schuller-Bewegung. Heutzutage gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, ob Schnuller schädlich sind oder nicht. Fakt ist allerdings, dass in westlichen Ländern 75 bis 85 Prozent der Kinder einen Schnuller benutzen.

Vorteile von Schnullern

Schuller haben einige Vorteile: Sie dienen als Einschlafhilfe und als Tröster, zudem kann Nuckeln Schmerzen lindern. Deshalb geben Eltern ihrem Kind häufig einen Nuckel, wenn sie unter Koliken leiden oder sich nicht anders trösten lassen. Für Frühgeborene kann das Saugen am Schuller sehr hilfreich sein. Studien haben herausgefunden, dass Frühchen auf diese Weise schneller mit der Flasche gefüttert werden können und die Nahrung nicht mehr über eine Sonde bekommen müssen, bei ihnen kann der Beruhigungssauger als den Krankenhausaufenthalt verkürzen. Es gibt auch Studien, die Hinweise darauf geben, dass ein Schnuller helfen kann, das Risiko für den Plötzlichen Kindstod zu senken, allerdings ist dies noch nicht zweifelsfrei belegt.

Nachteile der Nuckel

Dem gegenüber stehen die Risiken, die mit dem Schnuller einhergehen. Ein Schnuller von Anfang an kann das Stillen behindern. Empfehlungen lauten deshalb, seinem Baby zumindest in den ersten vier bis sechs Lebenswochen keinen Schnuller zu geben – so lange, bis Mutter und Kind sich an das Stillen gewöhnt haben und der Stillvorgang etabliert ist.

Zudem gibt es einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen anhaltendem Schnullergebrauch und dem Auftreten von Mittelohrentzündungen. Man vermutet, dass Schnullernuckeln eine Infektion begünstigt, die vom Mund in die Eustachische Röhre (das ist die Verbindung zwischen Mittelohr und Nasen-Rachen-Raum, auch Ohrtrompete genannt) wandert. Schnuller erhöhen außerdem das Risiko von Infekten mit Folgen wie Erbrechen, Fieber, Durchfall und Koliken.

Dazu kommt, dass der Dauergebrauch von Schuller und auch ständiges Daumenlutschen der Kiefer- und Zahnentwicklung schaden, vor allem dann, wenn die Milchzähne ausfallen und die bleibenden Zähne kommen und das Kind immer noch Trost beim Nuckeln sucht. Der lutschoffene Biss tritt am häufigsten und ehesten auf. Dabei klaffen die Schneidezähne auseinander und stehen vor. Normale Zischlaute sind nicht mehr möglich, das Kind lispelt. Die Zungenspitze legt sich zwischen die Schneidezähne. Kommen nun noch Zungenfehlfunktionen hinzu, ist eine Selbstheilung nahezu ausgeschlossen. Dann kann nur noch ein Kieferorthopäde und Logopäde mit einer langwierigen und oft als lästig empfundenen Behandlung helfen.

Und außerdem behindert der Gebrauch eines Schullers die Sprachentwicklung. Mit Schnuller im Mund kann das Baby nicht Brabbeln und es kann sich schlechter unterhalten – dies sind aber wichtige Entwicklungsschritte beim Spracherwerb.

Je seltener und kürzer, desto besser

Alles in allem überwiegen die Nachteile, deshalb ist es (außer bei Frühgeborenen) am besten, wenn das Kind keinen Schuller hat. Ein Schnuller als Trostspender ist aber in jedem Fall dem Daumennuckeln oder der Nuckelflasche vorzuziehen.

Wenn es doch einen braucht bzw. bekommt, sollte man einige Punkte beachten. Je länger das Kind am Schnuller nuckelt, desto größer ist der negative Einfluss. Deshalb sollte man den Schnuller nie anbieten, sondern ihn dem Kind nur dann geben, wenn es ausdrücklich danach verlangt. Am besten ist es, ein quengelndes oder weinendes Kind durch körperliche Nähe zu beruhigen und mögliche Ursachen für das Unwohlsein zu beseitigen und nur wenn alles nichts hilft, den Schnuller zu geben. Der Schnuller sollte auch nachts möglichst aus dem Mund genommen werden.

Und man sollte ihn rechtzeitig abgewöhnen. Experten sind der Meinung, dass ein Kind spätestens bis zum 2. Lebensjahr, jedoch allerspätestens mit 3 Jahren keinen Schnuller mehr nehmen sollte, da dann alle Milchzähne da und lang genug sind, um Kräften eine Angriffsfläche zu bieten.

Welche Schnullerform verursacht die geringsten Schäden?

Es werden drei Formen des Mundteils (Sauger) unterschieden: die runde Kirschform, die vorne abgeschrägte, der Mundhöhle angepasste Gaumenform sowie der Stufensauger, der unter dem Namen Dentinox vertrieben wird. Zudem werden Schnuller in drei Größen angeboten, Experten wie Rolf-Werner Brockhaus oder Mathilde Furtenbach raten dazu, immer bei der kleinsten Schnullergröße zu bleiben, denn je größer der Sauger ist, desto dicker ist auch der Schaft und desto größer ist die Gefahr einer Anomalie im Kiefer. Vor allem von Größe 3 wird abgeraten.

Viele Hersteller werben damit, dass ihre Schnuller kiefergerecht oder zahnfreundlich sind. Unabhängige wissenschaftliche Studien gibt es allerdings nur wenige. Eine hat ein Zahnärzteam um Stefan Zimmer an der Universität Witten/Herdecke gemacht und in der Zeitschrift Petiatric Dentistry (Jan/Feb 2011) veröffentlicht. Dabei wurden drei Gruppen von Kindern verglichen: Eine benutze einen normalen Schnuller von der Firma Nuk, eine einen Dentistar und die dritte Gruppe war schnullerlos. Von insgesamt 121 Kindern, die über 26 Monate hinweg untersucht wurden, zeigten 38 Prozent der „Normalschnuller-Kinder“ einen offenen Biss, bei denen, die einen Stufenschnuller verwendeten, waren es nur 5 Prozent. Und bei den Kindern ohne Schnuller gab es überhaupt keine Zahn- oder Kieferfehlentwicklungen.

Unabhängig von diesen Ergebnissen, die für den Dentistar*sprechen, der auch mit dem Zahnmännchen der Aktion zahnfreundlich e.V. ausgezeichnet wurde, sagt Mathilde Furtenbach, Logopädin aus Innsbruck, die schon viele Jahre am Thema Schuller arbeitet, dass man auf folgende Merkmale eines Schnullers achten sollte:

– niedriger, d.h. flacher Schnullerschaft
– möglichst flaches, kleines, querovales Lutschteil
– möglichst flexibles und bewegliches Lutschteil
– möglichst geringes Gewicht des Schnullers und keine Schnullerkette, denn die erhöht das Gewicht zusätzlich

Neben den zu großen Lutschteilen ist ein dicker Schaft, das ist die Verbindung zwischen Lutschteil und Lippenschild, Verursacher von Anomalien wie lutschoffenem Biss und/oder Kreuzbiss, sagt auch der Zahnarzt Rolf-Werner Brockhaus, der sich seit vielen Jahren mit Schnullern beschäftigt und den Dentistar entwickelt hat. Die Zähne wachsen quasi krumm um den Schaft herum. Neben dem Stufenschnuller von Dentinox empfiehlt Brockhaus den Nuk GeniusGr. 2 in Latex.

Der Schild des Schnullers sollte vom Durchmesser her so groß sein, dass das Baby es nicht schafft, ihn ganz in den Mund zu nehmen. Wichtig ist auch, dass der Schild Löcher hat, die verhindern, dass sich der Schnuller zu sehr festsaugt. Wenn die Haut um die Lippen herum durch den Speichel gereizt ist, hilft vielleicht ein Schnuller, der ein extra luftiges Schild hat wie beispielsweise der Mam Air.

Latex oder Silikon: Das Material ist Geschmackssache

Die modernen Schnuller bestehen entweder aus Silikon oder aus Naturkautschuk (Latex). Latex ist ein Naturprodukt, hat eine gelblich-bräunliche Färbung und riecht häufig mehr oder weniger stark nach Gummi. Latex verfomt sich leichter, es ist elastischer als Silikon, kann sich aber verfärben. Durch Sonneneinstrahlung und häufiges Auskochen wird der Latexsauger schneller porös. Dafür ist er sehr reißfest, Kinder können ihn mit ihren spitzen Zähnchen nicht so leicht zerbeißen. Zu bedenken ist aber, dass immer mehr Menschen eine Latexallergie entwickeln.

Silikon ist durchsichtig und geschmacksneutral und bleibt auch bei hohen Temperaturen formstabil. Das heute verwendete Silikon erreicht in Reiß- und Zugtests nahezu identische Werte wie Latex. Kein Vergleich mehr mit Silikonen früherer Generationen, aus denen Kinder mit ihren Zähnen Stücke herausbeißen konnten und Saugteile verschluckten, sodass es zu tragischen Unglücksfällen kam. Wenn sich ein Riss gebildet hat, reißt es allerdings sehr schnell ein, so dass der Schnuller dann sofort ausgetauscht werden muss. Stiftung Ökotest hat in einigen Silikonschnullern die PAK-Verbindung Naphthalin gefunden, die als krebserregend gilt. Man vermutet, dass diese etwa durch die Druckertinte des Beipackzettels oder Verpackungen aus Recyclingkarton in das Material gelangen.

Beide Materialien haben also Vor- und Nachteile und meist entscheidet das Kind, welchen Schnuller es akzeptiert und welchen nicht.

Weitergehende Informationen zum Thema Schnuller findet Ihr hier:
Beruhigungssauger.de
Empfehlungen von Mathilde Furtenbach

Foto: Mamaclever

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Schnullergrößen – passgenau durch die ersten Lebensjahre

Modelle – je nach Entwicklungsstufe

Größe eins, zwei oder schon drei? Von 0 bis 2 Monate oder doch lieber gleich von 0 bis 6? Mit dieser und anderen Fragen werden Eltern spätestens dann konfrontiert, wenn sie sich zu Hause auf ihren anstehenden Nachwuchs vorbereiten. Die Größenangaben von Schnullern sind dabei so vielfältig wie die Schnuller selbst. Bislang gibt es leider auch noch keine wissenschaftlich einheitliche Meinung darüber, welche Größenklassen es schlussendlich geben sollte und spezielle Sonderformen machen die Entscheidung auch nicht einfacher.

Dennoch ist es wichtig, dass dein Baby einen passenden Schnuller hat. Ist er zu klein, droht die Gefahr des Verschluckens, zum Beispiel wenn es vor etwas erschrickt. Ist er zu groß (besonders wenn dein Kind schon Zähne hat), kann das Mundstück abgebissen und ebenso verschluckt werden.

Wir haben uns deshalb einmal in die Welt der Schnuller begeben, um dir einen Überblick zu verschaffen.

Der gängige Schnuller – meist Kirschkern- oder Tropfenform

Schnuller bestehen zumeist aus Silikon, Latex bzw. Kautschuk. Du erkennst die letzten beiden am ehesten an der leicht bräunlichen Färbung. Allerdings treten bei diesen Materialien häufiger Allergien auf – sollte das der Fall sein, greife am besten zum Silikon-Sauger.

Die meisten empfohlenen Schnuller haben dann entweder eine runde Kirschkernform, die der mütterlichen Brust nachempfunden ist oder eine kiefergerechte, orthopädische Tropfenform. Laut Experten macht es keinen großen Unterschied, wofür du dich entscheidest. Es gibt auch keine Studien, die belegen, dass sich die eine Form besser eignet, als die andere – nur, dass sich Schnuller mit einem besonders dünnen Hals positiver auf die Kieferentwicklung auswirken. Am besten ist es also, du überlässt hier die Wahl deinem Bauchgefühl oder – wenn möglich – gleich deinem Sprössling selbst.

Schnullergrößen – Stufenmodell vs. Hersteller

Bei den Schnullergrößen wird es dann schon komplizierter. Es gibt im Großen und Ganzen zwei mögliche Varianten der Größeneinteilung von Schnullern: Nach einem dreiteiligen Stufenmodell und nach dem Alter des Kindes. Manche Hersteller nutzen nur eine Bezeichnung davon, andere gleich beide.

Das Stufenmodell ist mit drei gängigen Hauptgrößen schnell erklärt:

  • Größe 1: für Babys von Geburt bis 6 Monate
  • Größe 2: 6 bis 18 Monate
  • Größe 3: ab 18 Monaten

Bei den Produkten kommt es hier aber häufig zu Altersabweichungen. Das siehst du gut an vier größten Herstellern:

Hersteller/Ungefähre Größenentsprechung Größe 1 (bei manchen auch Größe 0) Größe 2 Größe 3
0 – 2 Monate 6 – 18 Monate 18+ Monate
  • 0 – 3+ Monate (Fingerschnuller/Soothie)
  • Parallel: 0 – 2 Monate (Mini)
  • 0 – 18 Monate (Klassik)
  • Parallel: 0 – 18 Monate (ultra air)
18+ Monate
0 – 2 Monate 6 – 14 Monate 14+ Monate
0 – 2 Monate 6+ Monate 16+ Monate

Eine Auflistung aller Hersteller würde hier den Rahmen sprengen. Wir wollen uns stattdessen an den drei vorab genannten Hauptgrößen orientieren und kurz auf die Besonderheiten der jeweiligen Stufen eingehen.

Größe 1 – auch für Frühchen

Viele Hersteller nutzen hier die Alterseinteilung 0 – 6 Monate. Diese Schnuller unterscheiden sich in der Form nicht von ihren Brüdern der Größen 2 und 3, sind nur eben etwas kleiner. Gerade in der ersten Zeit muss sich der Stillprozess allerdings noch einpegeln, deshalb raten Ärzte eher davon ab, zu frühzeitig schon mit dem Schnuller zu starten. Berate dich also am besten vorab mit deinem Arzt, ob der Gebrauch in den ersten Wochen bei dir schon ratsam und notwendig ist.

Manche Hersteller wie Philips Avent bieten für die ersten zwei bis drei Monate übrigens auch spezielle Schnuller an, die eine fingergroße Öffnung an der Vorderseite besitzen. Dadurch spürt das Kind beim Saugen gleichzeitig den Finger des Elternteils. Diese Schnuller werden besonders bei Frühchen verwendet und wirken nicht nur bindungsfördernd, sondern auch stillunterstützend.

Größe 2 – klassische Schnullerformen

Für diese Kategorie gibt es hauptsächlich die klassischen Varianten und Schnuller-Formen vom 6. bis 18. Monat. In dem Zeitraum wachsen auch die ersten Zähne, deshalb setzen manche Hersteller auf spezielle Formen, die die Kieferentwicklung fördern. Diese Schnuller haben insgesamt häufig plattere Mundstücke, insbesondere Hälse, um mehr Raum für Zähne und Zunge zu lassen.

Wenn du deinem Liebling zu früh einen zu großen Schnuller gibst, kann es passieren, dass er oder sie das Mundstück abbeißt und verschluckt. Es ist also besondere Wachsamkeit geboten und der Schnuller sollte nie nachts gewechselt werden.

Und zu guter Letzt: Obwohl leuchtende Schnuller oder witzige Formen häufig zum Einsatz kommen, achte bitte darauf, dass das Schnuller-Schild trotz allem nicht die Nase deines Kindes berührt und es weiterhin gut Luft bekommt.

Größe 3 – auch als Entwöhnungsschnuller

Diese Kategorie umfasst die größten Schnuller. Da die Schnuller-Schildchen bei dieser Variante auch größer werden, empfiehlt es sich, auf möglichst große Luftlöcher darin zu achten – sonst schwitzt die Haut darunter, die Benutzung wird schnell unangenehm und Keime können sich ansiedeln.

Laut Kieferorthopäden sollten Kinder zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr dann auch so langsam auf den Schnuller verzichten, um Fehlstellungen der Zähne zu vermeiden. Aus diesem Grund gibt es von manchen Herstellern für Kinder ab 24 Monaten auch den Schnuller zum Entwöhnen. Der klassische Unterschied ist, dass das Mundstück hier nicht hinter, sondern vor den Zähnen liegt und nicht mehr klassisch daran gesaugt werden kann. Wie so etwas aussieht, siehst du hier: https://dentistar.eu/index.php?p=138&l=1

Die richtige Entscheidung treffen – genau beobachten

Du siehst, es ist oftmals eine kleine Wissenschaft, bei der Vielzahl der unterschiedlichen Modelle und Größensysteme den richtigen Schnuller zu finden. Denn zusätzlich dazu entwickelt sich ja auch kein Kind wie das andere. Nicht jeder Kiefer wächst mit der gleichen Geschwindigkeit, manche Münder sind kleiner als andere, manche Zähne kommen später. Umso wichtiger ist es, mit gesundem mütterlichen und väterlichen Menschenverstand vorzugehen.

Am besten orientierst du dich daher erst mal grob an den Herstellergrößen und hast immer frühzeitig den nächstgrößeren Schnuller parat, denn ein zu später Wechsel kann auch Folgen haben. Wenn dein Kind zum Beispiel zu lange einen zu kleinen Schnuller nimmt, kann es ihn irgendwann komplett in den Mund stecken oder vor Schreck verschlucken.

Bei der Frage der Größe kannst du dich grob an folgenden Richtlinien orientieren:

  • Beginne immer mit der kleinstmöglichen Größe und wechsle dann auf eine größere, wenn dein Kind mit dem kleineren Schnuller nicht mehr zurechtkommt.
  • Das Schild darf nicht so klein sein, dass es ganz in den Mund genommen werden kann. Dann muss die nächste Größe her.
  • Das Schnuller-Schild darf die Nase nicht berühren.
  • Du erkennst, dass ein Schnuller noch zu groß ist daran, dass der weiche Teil nicht ganz im Mund verschwindet. Wenn noch etwas vom Hals des Mundstücks sichtbar ist, bleibe noch bei der kleineren Größe.
  • Und ein letztes, untrügliches Signal für einen zu großen Schnuller ist natürlich, dass dein Kind ihn noch verweigert.

Du kannst auch immer mal wieder überprüfen, ob die nächste Größe schon passt. Es empfiehlt sich aber, immer noch eine kleinere Größe vor Ort zur Hand zu haben, falls es dafür doch noch etwas Zeit braucht.

Tausche den Schnuller auch größenunabhängig alle zwei bis drei Monate aus. Bei Latex spätestens, wenn es sich verfärbt, verformt oder anfängt zu kleben. Silikon-Schnuller sofort, wenn du Gebrauchsspuren, Risse oder Löcher entdeckst.

Zusammenfassung und Tipps – der Instinkt zählt

Jetzt hast du die Qual der Wahl. Um sie dir noch etwas zu erleichtern, hier zu guter Letzt noch ein paar Tipps. Ein guter, passender Schnuller …

  • … hat ein Mundstück, dessen Hals nicht aus dem Mund hervorschaut.
  • … berührt nicht die Nase des Kindes.
  • … hat Luftlöcher am Schild und lässt die Haut darunter atmen.
  • … ist groß genug, um nicht komplett in den Mund genommen zu werden.
  • … ist kiefernorthopädisch ausgerichtet.
  • … ist besonders robust.
  • … kann ein leuchtendes Design haben zum besseren Wiederfinden in der Nacht.

Wofür du dich letztendlich auch entscheidest: Sei wachsam, aber versuche nichts zu erzwingen. Dein Bauchgefühl und die oben genannten Tipps sind gute Indikatoren für einen Wechsel. Dein Sprössling wird dir aber ohnehin signalisieren, womit er sich wohlfühlt und welche Schnuller (noch) nicht passen. Wir wünschen euch auf jeden Fall alles Gute und viel Spaß beim Ausprobieren.

Fragen an die Hebamme: Gibt es eine Saugverwirrung?

Der Begriff Saugverwirrung begleitet mich schon mein ganzes Hebammenleben lang. Bereits als Hebammenschülerin war es eine Aufgabe auf der Wochenbettstation, jegliche Form von künstlichen Saugern aus Proben- und Werbepäckchen zu verbannen, die Frauen nach der Geburt bekamen. Neben anderen Stillproblemen wie einer unzureichenden Milchbildung aufgrund zu langer Stillpausen droht nämlich immer die Gefahr, dass der Einsatz von Gummisaugern und ähnlichem dazu führt, dass das Neugeborene nicht mehr adäquat an der Brust trinkt.

Aber gibt es das saugverwirrte Baby tatsächlich? Oder ist das nur eine Erfindung von übereifrigen Stillberaterinnen?
Schließlich erhalten doch noch immer viele Kinder bereits in den ersten Tagen einen Schnuller. Und sie gedeihen trotzdem bestens an der Brust der Mutter, die problemlos und ohne Schmerzen stillt. Ja, tatsächlich ist es auch aus meiner Beobachtung heraus der größere Teil der Kinder, der problemlos den Wechsel von der Brust zum künstlichen Sauger und umgekehrt schafft. Aber so wie jede Hebamme und Stillberaterin kenne ich auch die Fälle, in denen das nicht so unkompliziert klappt.

Das Praxisbuch: Besondere Stillsituationen etwa nennt den Anteil von Neugeborenen mit einer Saugverwirrung bei rund 20 Prozent. Das heißt, dass diese Kinder Schwierigkeiten entwickeln, richtig an der Brust zu trinken, wenn ihnen in den ersten Tagen ein Schnuller oder Flaschensauger angeboten wird. Auch das Saugen auf dem Finger eines Elternteils oder des Pflegepersonals (das sogenannte Fingerfeeding) kann Probleme machen. Gleiches gilt für die Verwendung eines Stillhütchens.

Stillen kann sich trotz Saugverwirrung wieder einspielen

Die Mutter merkt es meist daran, dass das Stillen plötzlich schmerzhafter wird, weil das Kind die Brustwarze nicht mehr richtig erfasst. Auch hektisches An- und Abdocken oder klickende bzw. schmatzende Geräusche beim Trinken können auf eine Saugverwirrung hinweisen. Ebenso wie sichtbare Einziehungen an den Wangen beim Stillen. Manche Kinder verweigern die Brust auch komplett. Das ist für die Mütter eine besonders schlimme Situation, weil sie sich oft von ihrem Baby abgelehnt fühlen. Das allerdings „bestreikt“ ja gar nicht sie, sondern „nur“ die Brust.

Durch das ineffektive Saugen kann natürlich auch das Gedeihen des Kindes negativ verändert sein. All das kann passieren, wird aber beim größten Teil der Kinder nicht vorkommen, auch wenn sie in den ersten Tagen einen künstlichen Sauger erhalten. Aber die Babys sind nun mal nicht mit einem „Ich habe ein Saugverwirrungsrisiko“-Sticker beklebt. So wird zum besseren Gelingen des Stillens allen Müttern von künstlichen Saugern abgeraten.

In den meisten Fällen, die ich erlebt habe, hat sich das Stillen trotz Saugverwirrung zwar wieder gut eingespielt. Aber es war nicht selten ein stressiger und mühsamer Weg, der viel von den Müttern abverlangt hat.

In den ersten Wochen besser auf künstliche Sauger verzichten

In einem Fall etwa haben wir es leider auch mit größter Mühe nicht mehr geschafft, dass das Baby jemals wieder an der Brust getrunken hat. Die Mutter hatte den künstlichen Sauger nur kurze Zeit eingesetzt. Aber dies führte dazu, dass das Kind einfach nicht mehr an der Brust trank.

In ganz seltenen Fällen kann sich eine Saugverwirrung auch schon während der Schwangerschaft entwickeln. Nämlich dann, wenn das Kind im Bauch sehr häufig auf seinen Fingern oder der eigenen Lippe gesaugt hat. Diese Kinder haben dann von Geburt an große Probleme, korrekt an der Brust zu saugen. Aber bitte jetzt keine Sorge bekommen, wenn ihr im Ultraschall das Baby mit dem Daumen im Mund seht. Die „intrauterine Saugverwirrung“ ist wirklich eine sehr große Ausnahme.

Die beste Prophylaxe gegen eine Saugverwirrung ist also tatsächlich, in den ersten Tagen und Wochen komplett auf künstliche Sauger zu verzichten. Wenn dies nicht so gehandhabt wird und Stillprobleme nach dem Kunstsaugergebrauch auftreten, ist die Hilfe der Hebamme oder einer Stillberaterin sinnvoll. Neben dem Absetzen des „Verursachers“ ist eine konkrete Unterstützung beim Anlegen enorm wichtig. Und dazu natürlich immer wieder die Beruhigung der Mutter.

Gute Stillberatung ist eine wichtige Unterstützung

Eventuell muss auch eine Phase des Stillstreiks mittels Abpumpen und der Anwendung einer nicht verwirrenden alternativen Fütterungsmethode überbrückt werden. Oder es wird eine direkte Zufütterung an der Brust etwa mit einem Brusternährungsset nötig, weil sich das Baby durch die ineffektive Saugtechnik zunächst nicht genug Muttermilch direkt aus der Brust holt. Wie klein oder groß die aus einer Saugverwirrung resultierenden Probleme auch sein mögen, eine gute Stillberatung ist in dieser Zeit eine wichtige Unterstützung.

In seltenen Fällen habe ich das Auftreten einer Saugverwirrung auch bei Babys erlebt, die schon viele Wochen oder gar Monate problemlos und routiniert an der Brust getrunken haben. Hier haben sich die Mütter meist gemeldet, weil sie plötzlich Schmerzen an den Brustwarzen beim Stillen hatten. Wenn dies im zeitlichen Zusammenhang mit dem Einsatz eines Schnuller zu bringen ist und andere Ursachen ausgeschlossen sind, liegt auch hier meist eine klassische Saugverwirrung vor. Die lässt aber in der Regel schnell wieder beheben.

Darum ist es gut, wenn Mütter auch lange nach dem Wochenbett noch die Option haben, ihre Hebamme bei Still- oder Ernährungsschwierigkeiten kontaktieren zu können. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen hierbei die Kosten für bis zu acht Beratungen bis zum Ende der Stillzeit. Wann immer das auch sein mag.

Nach der Geburt

Stillkinder dürfen niemals ein Fläschchen bekommen

Sehr viel spricht dafür, dass Muttermilch für das Kind besser ist als Flaschennahrung. Stillen sollte nach Möglichkeit immer die erst Wahl sein. Dennoch wird diese Erkenntnis mitunter absurd weit getrieben. Mütter hören immer noch den Rat, dass sie nie eine Stillmahlzeit ausfallen lassen dürfen. Denn, so wird kolportiert, hat das Kind nur einmal Kontakt mit dem Flaschenschnuller gehabt, werde es von „einer Saugverwirrung“ ergriffen, von der es sich nicht mehr erhole. Es verschmähe dann die mütterliche Brust für immer oder aber die Brust stelle sofort ihre Produktion ein.

Ungünstig kann das Abwechseln von Flasche und Brust jedoch nur in den ersten Tagen sein, wenn die Milchbildung der Mutter noch nicht richtig in Gang gekommen und das Kind mit dem Saugen noch nicht vertraut ist. Sobald sich das Stillen eingespielt hat, können Eltern durchaus ab und zu einmal auf das Fläschchen zurückgreifen – am besten mit abgepumpter Milch.

Es kann allerdings sein, dass das Baby die Flasche nicht akzeptiert. Dann müssen Mütter warten, bis das Kind erste Breikost mag. (Mehr zu den Entwicklungsschritten des Babys erfahren Sie in unserem interaktiven Kalender).

Wie erkenne ich die Anzeichen einer Saugverwirrung und was kann ich dagegen tun?

Die Saugverwirrung kann sowohl durch frühzeitige Flaschenfütterung als auch durch die Benutzung von Saughütchen oder Beruhigungssaugern ausgelöst werden © Happy monkey – Fotolia.com

Ein häufiges Stillproblem zu Beginn der Stillzeit ist bei vielen Babys die Saugverwirrung. 10 – 20 % der Neugeborenen entwickeln eine Saugverwirrung, wenn sie neben der Brust noch Tee oder Milch aus einer Flasche mit Sauger trinken – oder wenn sie einen Schnuller bekommen. Das Risiko einer Saugverwirrung ist besonders in den ersten 4 – 6 Wochen am größten, danach kann ein Baby mit gutem Saug- und Trinkverhalten eine Flasche bekommen.

1. Was ist eine Saugverwirrung?

Bei einer Saugverwirrung haben die Kinder Schwierigkeiten, an der Brust richtig zu saugen, wenn ihnen in den ersten Tagen verschiedene Saugmöglichkeiten angeboten werden bzw. wenn hin und her gewechselt wird (Stillhütchen, Flaschensauger, Beruhigungssauger etc.).

Weiterhin gibt es aber auch eine angeborene Form, wenn das Baby bereits häufig an seinen Fingern oder an der Zunge oder Lippe gesaugt hat.

2. Was sind die Ursachen für Saugverwirrung?

Die Saugverwirrung kann sowohl durch frühzeitige Flaschenfütterung als auch durch die Benutzung von Saughütchen oder Beruhigungssaugern ausgelöst werden.

3. Wie erkenne ich eine Saugverwirrung?

Die folgenden Anzeichen und Symptome können auf eine Saugverwirrung hinweisen, vor allem, wenn das Baby oft mit verschiedenen Saugmöglichkeiten konfrontiert wird.

  • Das Baby verweigert das Trinken an der Brust, Stillstreik und verzweifeltes Weinen

  • Ansaugen und gleich wieder Loslassen der Brust mit oder ohne Weinen

  • Dauerhafte Unruhe beim Stillen sowie Wegstoßen der Brust

  • Das Kind verliert nach dem Andocken die Brustwarze immer wieder

  • Viel Nuckeln/ineffektives Saugen

  • Grübchen und Einziehungen an den Wangen

  • Geräusche wie Klicken, Schnalzen und Schmatzen

  • Nicht ausreichende Entleerung oder Stimulation der Brust.

4. Wie unterscheidet sich „Brusttrinken“ von „Schnullern“?

„Brusttrinken“ und „Schnullern“ sind zwei komplett unterschiedliche Techniken und erfordern die Koordination verschiedener Bewegungen und Muskeln.

Das Saugverhalten an der Flasche ist vollkommen anderes als an der Brust: Der Mund ist nicht so weit geöffnet, die Zunge muss keine peristaltische Bewegung durchführen, sondern nur gegen den harten Gaumen drücken, um an die Flüssigkeit zu gelangen. Weiterhin wird im Mund ein starkes Vakuum aufgebaut, ähnlich wie beim Saugen an einem Strohhalm, die Wangen sind auch eingezogen. Hat der Sauger ein großes Loch, muss sich das Kind kaum anstrengen, um satt zu werden.

Aus diesem Grund geraten manche Babys durcheinander, wenn beides zeitgleich angeboten wird. In diesen Fällen spricht man von einer sog. Saugverwirrung. Diese kommt zwar nicht bei allen Stillkindern vor, denen ein Schnuller angeboten wird, aber wenn das Problem auftritt, wird es schwer, die Kleinen wieder an die Brust zu gewöhnen.

5. Tipps gegen Saugverwirrung

In den ersten Lebenstagen und -wochen ist ein gestilltes Kind noch damit beschäftigt, das Saugen und Trinken an der Brust richtig zu lernen.

Da niemand zu Beginn der Stillzeit weiß, welches Baby gefährdet ist, sollten gestillte Babys, wenn zugefüttert werden muss, nicht mit der Flasche gefüttert werden.

Darüber hinaus empfehlen Hebammen und Ärzte, dass Babys in den ersten Tagen und Wochen keinen Schnuller bekommen sollten, damit die Kleinen zunächst problemlos das Brusttrinken erlernen und sich das Stillen eingespielt hat.

6. Wie erkenne ich, ob mein Baby beim Stillen richtig trinkt?

  • Das Kind macht erkennbare Saug- und Schluckbewegungen und bewegt die gesamte Muskulatur vom Kiefer bis zum Ohr.

  • Sie hören deutlich, wie das Kind schluckt

  • Die Nase befindet sich ganz dicht an der Brust und seine Lippen sind nach außen gestülpt.

  • Ihre Brüste fühlen sich nach dem Stillen etwas weicher an als vorher.

Wichtig: Das Brusttrinken bzw. das Stillen sollte nicht schmerzhaft sein!

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Quellen: Dora, Schweitzer (2009): Stillen. TRIAS Verlag Stuttgart. Geist, Christine & Harder, Ulrike & Stiefel, Andrea (2013): Hebammenkunde. Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf. MVS Verlag Stuttgart. Harder, Ulrike & Friedrich, Jule (2014): Wochenbettbetreuung in der Klinik und zu Hause. Hippokrates Verlag. Laue, Birgit (2012): 300 Fragen zum Baby. GU Verlag.

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