Baby erziehen ab wann

Konsequente Erziehung: Mehr Mut zum Nein

Das Thema Grenzen, Regeln und Konsequenzen ist ein „Dauerbrenner“ in der Erziehung. Viele Eltern schlagen sich heute mit der Frage herum, wie nachgiebig sie sein dürfen oder wie streng und konsequent sie sein müssen. Einerseits wollen sie so gut wie möglich auf ihr Kind eingehen, andrerseits aber auch keinen kleinen „Tyrannen“, mit dem ihnen heute schon auf Buchtiteln gedroht wird, heranziehen. Mit der Erziehung ist es wie mit einem Zug, der auf Schienen fährt. Die eine Schiene ist die Liebe, also fürsorgliches Wohlwollen, die andere sind die Grenzen, die das Zusammenleben regeln. Jeder Zug braucht beide Schienen: Hat er nur eine, kann er nicht fahren. Auch hat die eine Schiene nichts mit der anderen zu tun: Eltern, die Grenzen setzen, lieben ihre Kind nicht mehr und nicht weniger als Eltern, die es nicht tun.

Konsequente Erziehung gibt Ihrem Kind Sicherheit

Schon Babys prägen sich erste Regeln oder Zusammenhänge ein. Auch wenn sie noch nicht wissen, was die Eltern von ihnen erwarten, können sie sich deren Reaktionen merken. So wissen sie bald, dass Schlafenszeit ist, wenn Mama oder Papa ihnen den Schlafsack angezogen und sie nach einem Schlaflied oder einem Kuss ins Bettchen gelegt haben. Die Kleinsten lernen Regeln am leichtesten durch Regelmäßigkeit. Es ist gut, wenn Mama und Papa berechenbar sind und dass es fürs Spielen, Essen und Schlafen feste Zeiten gibt. Im Kleinkindalter müssen Eltern konsequenter sein, da Kinder nun intensiv auszuloten beginnen, wo die Grenzen liegen. Wenn Sie jetzt klar, konsequent und bestimmt auftreten, geben Sie Ihrem Kind Sicherheit und Orientierung. Ohne feste Grenzen, deren Einhaltung Sie konsequent durchsetzen, herrscht Unsicherheit. Ein anstrengender Zustand für Sie und auch für Ihr Kind, weil es ständig austesten muss, wie weit es gehen kann.

Kindererziehung: Unterscheiden Sie zwischen Wünschen und Bedürfnissen

Ihr Kind hat ganz fundamentale Bedürfnisse nach Nähe, Sicherheit, Fürsorge, Nahrung, Kleidung und Schlaf, die Sie als Eltern befriedigen müssen, damit es gesund aufwachsen kann. Darüber hinaus haben Kinder viele Wünsche, die einer momentanen Laune entspringen. Kinder kennen zunächst noch keinen Unterschied zwischen dem, was sie wirklich brauchen, und dem, worauf sie gerade Lust haben. Umso mehr müssen Sie als Eltern sich dieses Unterschieds bewusst sein! Natürlich braucht Ihr Kind täglich ausgewogene Mahlzeiten, aber es „braucht“ weder Pommes noch Ketchup. Sie können ihm diese also guten Gewissens abschlagen, wenn Sie aus Gründen einer gesunden Ernährung darauf verzichten wollen. Ihr Kind wird deshalb keinen Schaden nehmen, auch wenn es momentan vielleicht schmollt, weil „alle anderen das auch essen dürfen“. Sie können Ihr Kind nicht verwöhnen, indem Sie ihm „zu viel“ von dem geben, was es wirklich braucht, sprich: einfühlsam auf seine Bedürfnisse eingehen. Verwöhnte Kinder sind Kinder, die kein Nein akzeptieren können. Kinder, die erwarten, dass ihre unmittelbaren Wünsche jederzeit sofort erfüllt werden. Kinder, die fordernd und anstrengend sind. Doch so entwickeln sich nur Kinder, die zu viel vom Verkehrten bekommen – und das oft genug aus falschen Gründen. Das Verzwickte ist, dass Kinder sich oft ihrer eigentlichen Bedürfnisse nicht bewusst sind, aber fast immer genau wissen, wozu sie gerade Lust haben. Helfen Sie Ihrem Kind, indem Sie nicht fragen „Worauf hast du Lust?“ oder „Was willst du?“, sondern „Was brauchst du jetzt (von mir)?“

Mein Erziehungstipp

Wenn alle Bedürfnisse Ihres Kindes befriedigt sind, dürfen Sie ihm auch einige seiner Wünsche erfüllen. Wenn Ihr Kind das bekommt, worauf es gerade Lust hat, wird es keinen Schaden daran nehmen, so lange Sie dadurch nicht versuchen, Konflikten aus dem Weg zu gehen, sich beliebt zu machen oder eigene Bedürfnisse und Grenzen zu unterdrücken.

Konsequente Erziehung: Auch Eltern dürfen „Nein, ich will nicht!“ sagen

Gerade einfühlsame Eltern, die auf die Bedürfnisse ihres Kindes Rücksicht nehmen, vergessen manchmal ihre eigenen Bedürfnisse nach Ruhe, Erholung oder Ordnung. Sie gestehen ihrem Kind in der Trotzphase selbstverständlich sein „Nein, ich will nicht!“ zu, vergessen es aber manchmal auch selbst zu sagen. Bitte denken Sie daran: Nur Eltern, die gut für sich selber sorgen, können auf Dauer auch gut für ihre Kinder sorgen!

Muss jedes Nein begründet werden?

Wenn Sie Ihrem Kind einen Wunsch abschlagen oder auf der Einhaltung einer Regel bestehen, ist es günstig, Ihrem Kind kurz zu begründen, warum Sie das tun. Es macht natürlich keinen Sinn, es jedes Mal wieder lang und breit zu erklären, denn dann würde Ihr Kind bald gelangweilt weghören. Manchmal gibt es aber auch Entscheidungen aus dem Bauch heraus, die Sie auf die Schnelle gar nicht begründen können oder für deren Begründung Sie zu weit ausholen müssten. Dann dürfen Sie als Begründung durchaus auch „Weil ich das jetzt so will!“ sagen. In den allermeisten Fällen wird Ihr Kind diese „Erklärung“ problemlos akzeptieren. Schließlich kennt Ihr Kind das von sich selbst, dass es etwas möchte oder nicht möchte, es aber nicht begründen kann.

Erziehung: Wie Eltern ihre Kinder zu Tyrannen machen

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Und dann hat es geknallt. Nie wird Susanne Matthis* den Blick ihres Sohnes vergessen, ihre Scham, als er mit roter Wange zur Tür rannte. „Ich komm’ nie mehr zurück!“, brüllte er, während sie versuchte, ihn einzuholen. Wenn die 49-jährige Zahntechnikerin aus einer norddeutschen Kleinstadt von dem Familienfest vor einem Jahr erzählt, bekommt sie noch immer feuchte Augen.

Oskar, damals elf, hatte sich schon den ganzen Tag danebenbenommen. Erst gab er der Gastgeberin nur widerwillig die Hand, dann spielte er während einer Rede demonstrativ mit dem Smartphone. Immer wieder bat die Mutter ihn freundlich flüsternd, doch wenigstens den Ton abzustellen. Oskar rief stattdessen „ihhh Rosenkohl!“, als das Hauptgericht serviert wurde. Da machte sie ihrem Ärger Luft, ihrer Wut auf den Sohn, dessen Launen sie schon lange nicht mehr ertragen konnte. Sie weiß, dass es nicht richtig war, zuzuschlagen. „Ich hätte schon viel früher die Bremse ziehen müssen“, sagt sie heute.

Hin- und hergerissen zwischen Betreuen und Überbehüten

Matthis ging es wie vielen anderen Müttern und Vätern, die am Ende ihrer Kräfte sind, die die Nerven verlieren, unverhältnismäßig reagieren. Ihre Kinder kennen keine Grenzen mehr, und sie als Eltern wissen nicht, wie sie den tobenden Nachwuchs wieder einfangen sollen. Familienberatungsstellen können sich vor Anfragen kaum retten. Wer bei Amazon unter dem Stichwort „Erziehung“ sucht, bekommt knapp 82.000 Buchvorschläge. Eltern sind hin- und hergerissen zwischen den zahllosen Vorstellungen, wie sie erziehen sollen, unsicher, wie sie die Balance halten zwischen Fördern und Überfordern, zwischen Betreuen und Überbehüten.

Wie amerikanische Eltern ihre Kinder überwachen

Kinder, die allein auf der Straße spielen oder Streifzüge durch den Wald unternehmen – in den USA gibt es das kaum noch. Aus Angst überwachen Eltern ihre Kinder pausenlos. Das hat dramatische Folgen.

Quelle: Die Welt

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Auch Pädagogen klagen, dass es schwieriger wird, den richtigen Umgang mit den Schülern zu finden. Eine kürzlich im Auftrag der DAK vom Forsa-Institut durchgeführte Umfrage unter 500 Lehrerinnen und Lehrern kommt zu dem Ergebnis, dass die körperlichen und seelischen Probleme deutscher Grundschüler deutlich zugenommen haben. Neben motorischen Schwächen, Verzögerung der Sprachentwicklung und Übergewicht nannten die Lehrer Konzentrationsschwierigkeiten und sozial auffälliges Verhalten.

Woran liegt das? Sind die Kinder zu renitent oder die Erwachsenen zu schwach? Inzwischen mehren sich die Stimmen, die den Eltern Versagen vorwerfen. In Zeiten fordernder Karrieren, komplizierter Patchworkstrukturen und liberaler Lebensideale fehlten Kraft und Mut für eine Erziehung mit klaren Ansagen. Gerade die, die zu Hause nur Harmonie wollten, bekommen die Quittung – in Gestalt eines quengelnden, tobsüchtigen Kindes, das mit lieben Worten nicht mehr zu erreichen ist.

Wächst eine Generation von Narzissten heran?

Die Wiener Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger stellt in ihrem neuen Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“ eine düstere Prognose auf. Sie erlebe eine dramatische Zunahme von Verhaltensstörungen, Lustlosigkeit und Leistungsverweigerung. Eine Generation von Narzissten wachse da heran, jenseits von Zucht und Ordnung und weit davon entfernt, die Probleme der Zukunft lösen zu können. Auf die Jugend von heute, so ihre Prophezeiung, können wir nicht zählen.

Der Erziehungsvertrag hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten deutlich verändert Anzeige

Neben Gesprächen mit Lehrern und Eltern verarbeitet die Psychologin Erfahrungen aus ihrer Praxis. Eine Galerie von Extremfällen: Sie reichen vom verwöhnten Jungschnösel, der alkoholisiert mit dem elterlichen Range Rover einen immensen Sachschaden anrichtet, sich aber unschuldig fühlt, bis zu einer Neunjährigen, die vor dem Schlafengehen noch gestillt werden muss.

Die Beispiele sind dramatisch, die Ursachen ihrer Ansicht nach eindeutig: Eltern erfüllen ihren Erziehungsauftrag nicht mehr. Einerseits geben sie jedem Wunsch nach Konsumgütern nach, überschütten Kinder mit teurem Spielzeug, erziehen sie zu Materialisten und vernachlässigen, worauf es wirklich ankommt: auf Werte wie Teilen, Rücksicht, Respekt. Andererseits setzen sie viel zu wenig Grenzen.

„Der Erziehungsvertrag“, sagt Leibovici-Mühlberger, „hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten deutlich verändert.“ Die moderne Familie sei ein um das Kind kreisender Kosmos. Kinder sollen sich ungehemmt entfalten können, gelte heute als Ideal. Sie müssten deshalb nicht lernen, sich zu beschränken, sich an die Bedürfnisse anderer anzupassen. Und sie könnten sich darauf verlassen, dass die Erwachsenen ihnen immer zur Seite stehen. Auf die viel beschriebenen „Helikopter-Eltern“ folgen die „Tyrannenkinder“.

Ist Selbstvertrauen das Wichtigste, was es zu lernen gibt?

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Ihre Mütter und Väter wollen es anders machen als die Elterngenerationen vor ihnen. Sie sind verständnisvoll, demokratisch. Das Generationenbarometer, das das Allensbacher Institut für das Forum „Familie stark machen“ erstellt hat, verdeutlicht das. So nennen knapp 90 Prozent der befragten Eltern mit Kindern unter 16 Jahren Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen als wichtige Erziehungsziele. 70 Prozent sagen, dass ihre Kinder lernen sollten, sich nicht so leicht unterkriegen zu lassen.

Sich in eine bestimmte Ordnung einzufügen ist nur noch für 38 Prozent der Befragten ein Erziehungsziel. Kaum verwunderlich, dass Kinder immer selbstbewusster werden, dass Lehrer und Erzieher auf starke Persönlichkeiten stoßen und Eltern es immer schwerer haben, sich durchzusetzen. Die Vorstellung, dass Kinder kaum etwas Wichtigeres lernen müssen als Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft, hat eben auch ihre Kehrseite. Sie schürt die Angst, durch Grenzensetzen zu schaden. Und deshalb versuchen es viele Eltern gar nicht erst.

Sich in eine bestimmte Ordnung einzufügen ist nur noch für 38 Prozent der Befragten ein Erziehungsziel

Manchmal ist es auch übertriebene Sorge, die Erziehung erschwert. Vor allem bei Eltern, die erst spät ein Kind bekommen haben. Susanne Matthis war 37, als sie endlich schwanger wurde. Sie und ihr drei Jahre älterer Mann Torsten hatten so lange gewartet. Doch schon in der Schwangerschaft war die Furcht, dass etwas schiefgehen könnte, größer als die Freude. Und so blieb es.

„Es war immer krampfig“, sagt Susanne, die nach ihrem Ausraster auf dem Fest eine Familienberatung aufgesucht hat. Da war so vieles, was sie und ihr Mann durchaus ahnten: Dass es nicht förderlich war, wenn sie ihrem Kind jedes Hindernis aus dem Weg räumten, dass sie in Panik verfielen, wenn Oskar mit fünf Jahren auf einen Baum klettern wollte oder als Zehnjähriger mit Freunden ins Freibad.

Was bei „Tyrannenkind“ Oskar schieflief

„Wir wussten, dass etwas schiefgelaufen ist“, sagt die Mutter, „aber erst die Therapeutin hat uns wirklich die Augen geöffnet.“ Für die Hilflosigkeit, die sie ihm antrainierten. Und dafür, dass sein tyrannisches Verhalten die Antwort auf ihre Vorstellung von einer schönen Kindheit war.

Oskar wurde verwöhnt. Es machte sie glücklich, als er sich über das Fahrrad mit dem Tigerentenmuster freute, sie gaben nach, als der Vierjährige nur wenige Tage später ein ferngesteuertes Auto haben wollte. Es dauerte nicht lange, bis er anfing, den Eltern das Leben zur Hölle zu machen, wenn er nicht bekam, was er wollte.

„Unsere Therapeutin brachte es ziemlich krass auf den Punkt. Sie nannte Oskar ein Opfer unserer falsch verstandenen Liebe.“

Er schrie und weinte – bis sie irgendwann so genervt waren, dass sie ihm die verlangte Schokolade kauften oder erlaubten, noch länger fernzusehen. Die als Gegenleistung abgerungenen Versprechen – „dafür gibt es morgen aber nichts Süßes!“ – hätten sie sich sparen können. Oskar hatte gelernt, dass er sie nur lange genug terrorisieren musste, bis passierte, was er wollte. „Unsere Therapeutin brachte es ziemlich krass auf den Punkt“, sagt Matthis. „Sie nannte Oskar ein Opfer unserer falsch verstandenen Liebe.“

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Seit dieser Erkenntnis arbeiten sie und ihr Mann daran, viel öfter Nein zu sagen. Leicht falle es ihnen nicht, aber die Erfahrung, dass sich Oskar nach einiger Zeit auch wieder beruhige und er tatsächlich umgänglicher werde, helfe ihnen, konsequent zu bleiben.

„Eltern müssen Leitwölfe sein“, sagt Jesper Juul

Für den dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautor zahlreicher Erziehungsbücher Jesper Juul ist Neinsagen ein Liebesdienst. Eltern, die so gut wie nie Nein sagten oder erst Nein und dann doch Ja, nähmen dem Kind die Möglichkeit, Empathie zu entwickeln, die Grenzen des Gegenübers zu akzeptieren.

Sagten Eltern Ja, obwohl sie Nein meinten, hinterlasse das bei dem Kind das Gefühl, belogen worden zu sein. Berechenbar zu sein, sei wichtiger, als es zufriedenzustellen. Wie sonst soll es sich auf die vielen Neins vorbereiten, die es in seinem Leben noch zu hören bekommen wird? Von Kindern, die nicht mit ihm spielen wollen, von Lehrern, die mit seiner Leistung nicht zufrieden sind, von der ersten Liebe, die seine Gefühle nicht erwidert?

Kinder und Heranwachsende wünschen sich von ihren Eltern mehr Klarheit und weniger Kumpelhaftigkeit

Juul fordert eine zeitgemäße Autorität. „Eltern müssen Leitwölfe sein“, schreibt er in seinem neuen Ratgeber zu „liebevoller Führung in der Familie“. Er beobachtet, dass Eltern sich immer weniger trauen, diese Führung zu übernehmen, weil sie Angst davor haben, sich unbeliebt zu machen – oder weil sie zu bequemlich sind. Juul warnt davor, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Das verunsichere die Kinder. Je klarer etwa am Morgen die Strukturen und Regeln seien, wenn es darum gehe, sich für den Weg in den Kindergarten fertig zu machen, umso geringer sei die Gefahr, dass Konflikte entstünden. Mangelnde Führung fördere Frustrationen ebenso wie tyrannisches Verhalten.

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Wie sehr sich Kinder selbst nach Regeln sehnen, zeigt die Studie des Kölner Rheingold-Instituts, das im vergangenen Jahr im Auftrag des „Sterns“ Mädchen und Jungen zwischen acht und 15 Jahren zu ihren Lebenswelten befragt hat. Demnach wünschen sich Kinder und Heranwachsende von ihren Eltern mehr Klarheit und weniger Kumpelhaftigkeit. Feste Uhrzeiten, verbindliche Ansagen, Werte, nach denen sie sich richten können. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ihre von der Arbeit geschafften Eltern häufig als launisch empfinden, schwankend zwischen zu streng und zu nachgiebig.

„Mein Kind ist so wütend. Was kann ich tun?“

Wie kann das im Alltag funktionieren, Regeln durchzusetzen, ohne in alte autoritäre Muster zu verfallen? „Eltern sollen nicht einfach nur die Bestimmerrolle einnehmen“, sagt der Berliner Familientherapeut Mathias Thimm von der „Familienwerkstatt familylab“, die im ganzen Land Seminare anbietet. Eine häufige Frage, mit der Eltern zu ihm kämen, sei: „Mein Kind ist so wütend. Was kann ich tun?“ Thimm fragt dann zurück, welche Funktion die Wut haben könnte. „Manches Kind weiß, es muss nur schreien und bekommt alles, was es will. In der Wut kann aber auch Frustration stecken. Wenn ich zum Beispiel ständig übersehen werde, kann sich das in Wut äußern.“

Ich merke, du willst das nicht, ich kann deine Wut verstehen. Und trotzdem entscheide ich jetzt so

Um das herauszufinden, müssten Eltern bewusster mit ihren Kindern reden. Wenn etwa der Sohn wiederholt die Hausaufgaben nicht macht, neigten die meisten zu Vorwürfen: „Schon wieder nicht! Immer bist du so unzuverlässig!“ In diesem Fall, sagt Thimm, sei damit zu rechnen, dass er wütend wird. Sie könnten aber auch ruhig fragen: „Was ist das Problem? Wie stellst du dir vor, wie es morgen in der Schule ist? Brauchst du Unterstützung?“ Dann werde er wahrscheinlich nicht aggressiv reagieren, weil er sich ernst genommen fühlt.

„Kindern geht es immer am besten, wenn ich authentisch bin“, sagt Eva Hentschel, Familientherapeutin aus Kleinmachnow bei Berlin. Die wichtigste Voraussetzung für eine gesunde Führung sei, dass Eltern erst mal auf sich selbst achteten. Nur dann hätten sie auch die Kraft für eine besonnene Erziehung. „Wichtig ist, wie man über Probleme redet. Nicht manipulativ, nach dem Motto: ,Dann geht es Mami besser‘, sondern ganz klar: ,Ich will das jetzt so und so. Ich merke, du willst das nicht, ich kann deine Wut verstehen. Und trotzdem entscheide ich jetzt so.‘“

Bei Matthis brachte die Feuerwehr den Umschwung

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Mehr Verantwortung übernehmen heißt auch für Juul vor allem Entscheidungen treffen für die Kinder, die noch nicht den Überblick besitzen, um zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen, nicht fähig sind, vorauszudenken. Erwachsene müssten ihnen diese Kompetenzen erst einmal vorleben.

Dass es im Umgang mit den Kindern wieder viel stärker darum gehen muss, auf sich und seine Intuition zu hören, sich unabhängig von Schuldgefühlen zu machen und dem Druck, perfekte Eltern zu sein, das hat auch Susanne Matthis inzwischen gelernt. Sie und ihr Mann haben sich zu einem Schritt entschieden, von dem sie glauben, dass er der ganzen Familie guttut und Oskar bei der Jugendfeuerwehr angemeldet. Er ist jetzt ein halbes Jahr dabei. Ein Musterknabe ist er nicht geworden. Aber er ist viel ausgeglichener.

Als Matthis mal zu einer Übung ging, um zu schauen, was die da so machen, war sie über den rauen Ton erstaunt, in dem ein Älterer den Kleinen Kommandos erteilte. Ob der nicht ein bisschen barsch zu ihnen sei, hat sie ihren Sohn hinterher gefragt. „Nö“, habe Oskar gesagt und gelacht, „ich finde den cool.“

* Name von der Redaktion geändert

Vor zwei Wochen habe ich mich in meinem Blog dem Wort „Nein“ gewidmet. Ein starkes Wort, welches wir im Alltag mit Kleinkindern oft – manchmal zu oft – benutzen. Dabei ist in den Leserkommentaren die Feststellung aufgetaucht, dass Kinder sehr schnell die Bedeutung des „Neins“ für sich entdecken, aber auf unsere „Neins“ nicht hören. Dieser Punkt hat zwei wichtige Aspekte: 1. Wie oft hören wir auf die „Neins“ unserer Kinder? 2. Wie oft brauchen wir das Wort im Alltag?

Wenn wir als Eltern möchten, dass unser „Nein“ respektiert wird, dann ist es wichtig, das auch vorzuleben. Will heissen: wenn das Kind mal Nein sagt, müssen wir das ebenfalls akzeptieren. Zugegeben, das ist nicht immer möglich. Wenn ich aber z.B. am Morgen das kleine Leben wickeln möchte, sie noch partout keine Lust dazu hat und laut „Nein“ sagt, dann kann und muss ich das im Alltag respektieren. Natürlich, wenn wir los müssen und die Zeit drängt, dann muss es jetzt einfach sein. Wenn aber keine Eile ist, dann kann ich gut auch mal warten, bis sie bereit dazu ist (bevor die Windel überläuft…).

Wenn ich also möchte, dass meine Kinder meine Regeln akzeptieren, muss ich ihnen auch die Möglichkeit geben, in ihrem kindlichen Mikrokosmos eigene Regeln aufzustellen. Und ich sollte diese – im Rahmen meiner Verantwortung für das Kind – befolgen. Wie soll ein Kind sonst lernen, dass ein „Nein“ respektiert werden soll, wenn wir Eltern immer aufgrund unserer körperlichen und rationalen Überlegenheit seine Grenzen überschreiten? Kinder lernen ja grösstenteils durch Nachahmung.

Der zweite Aspekt zielt darauf, wie oft wir im Alltag das „Nein“ gebrauchen. Wenn wir das N-Wort sehr häufig sagen, nutzt es sich ab. Die kindliche Sprache ist vor allem im zweiten Lebensjahr noch rudimentär entwickelt. Sie filtert wichtige Wörter heraus und überhört dabei unwichtige. Wird das „Nein“ sehr oft gebraucht, verliert es an Signalwirkung und wird vom Hirn – unabsichtlich – überhört.

Genau dieser Punkt ist auch wichtig für den Gebrauch des Wortes „nicht“. Bis ungefähr zum zweiten Geburtstag filtert das Hirn nur starke Wörter – das sind vor allem Verben und Substantive – heraus, da es in seiner Rechenleistung noch nicht so weit ist wie wir grossen Denker. Wenn ich also zu unserer Tochter sage, „steh nicht auf dem Bobbycar auf!“, hört sie, „steh Bobbycar!“. Ihr könnt euch vorstellen, was sie tut.

Weil mir das jetzt bewusst ist, versuche ich, Anweisungen so viel wie möglich positiv zu formulieren. Also: „Bleib auf dem Bobbycar sitzen!“ Zugegeben, ich scheitere noch oft, denn dieses „nicht“ hat sich in unserem Sprachgebrauch ziemlich etabliert. Im Zweifelsfall rufe ich einfach „Stopp!“ und überlege kurz, wie ich das jetzt sagen könnte. Je öfter man es versucht, desto einfallsreicher wird man im Formulieren. Das Ganze hat zudem einen weiteren Pluspunkt: die positive Formulierung wirkt nicht wie ein Verbot. Ein psychologischer Vorteil, der nicht ganz unwichtig ist.

Wann beginnt Erziehung? Dem Baby erste Grenzen setzen

Babys wollen ihre Umwelt entdecken und möglichst viel ausprobieren. Und als Eltern solltet ihr den Freiraum dafür lassen. Doch nicht alles geht und darf. Wann und wie du deinem Baby erste Grenzen setzen kannst und Tipps zur sanften Erziehung.

Nach dem Stolz und der Freude über die ersten gekrabbelten Meter des Babys folgt bei vielen Eltern die Erkenntnis: Als das Kleine noch nicht mobil war, war das Beaufsichtigen ein bisschen leichter. Denn jetzt erreicht ihr Kleines zuvor Unerreichbares: Treppenabsätze, Blumentöpfe, Elektrogeräte, Tischdeckenzipfel – eben alles, was Mamas und Papas nervöses Herzklopfen bereitet, wenn der Spross in dessen Nähe kommt. Und spätestens jetzt fragen sich die meisten Eltern:

Ab wann kann man das Baby erziehen?

Im ersten halben Lebensjahr ist es noch nicht möglich, ein Baby zu erziehen, übrigens ebenso wenig wie es zu „verziehen“. Denn in diesem jungen Alter kann dein Baby entwicklungsbedingt noch gar nicht unterscheiden, was richtig und falsch ist oder was ja und nein bedeuten. Es kann bisher lediglich auf seine Bedürfnisse aufmerksam machen und ist darauf angewiesen, dass ihr als Eltern diese befriedigen. Mach dir also keine Sorgen, dass du dein Kind zu sehr verwöhnst, weil du es nicht lange schreien lassen möchtest. Im Gegenteil, das schnelle Reagieren auf seine Signale stärkt das Urvertrauen und schafft eine sichere Bindung. Gib deinem Kind im ersten Halbjahr also ruhig so viel Aufmerksamkeit, Zuwendung, Nähe und Körperkontakt, wie es einfordert.
Erst in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres entwickeln Babys allmählich einen eigenen Willen und lernen, dass sie durch bestimmtes Verhalten konkrete Reaktionen provozieren können: „Intentional cry“ nennen es die Wissenschaftler beispielsweise, wenn Babys beginnen, durch zielgerichtetes Schreien die Handlungen der Eltern beeinflussen zu wollen. Frühestens jetzt wird ein Erziehen des Babys möglich: Wenn es seine Handlungen bewusst steuert, um damit etwas zu erreichen, müssen Eltern ihm beibringen, dass nicht immer alles nach seinem kleinen Köpfchen gehen kann.

Jetzt ist es an der Zeit dem Baby erste Grenzen zu setzen

Gegen Ende des 1. Lebensjahres kannst du von deinem Baby schon ein bisschen Geduld einfordern. Du musst nicht gleich springen, wenn es etwas von dir möchte, es kann jetzt durchaus mal kurz warten. In der Regel lernen Eltern schnell, ob wirklich etwas ist oder ob ihr Baby nur jammert, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen oder etwas einzufordern. Dieses Quengeln darfst du nun auch mal ohne schlechtes Gewissen ignorieren.

Und wie sieht es mit Verboten aus? Die ersten Verbote kannst du nun auch aussprechen, aber gehe davon aus, dass diese noch nicht gleich fruchten. Die Wörter „Ja“ und „Nein“ bekommen für Babys erst gegen Ende des ersten Lebensjahres überhaupt eine Bedeutung. Und bis sie anfangen, den Sinn von Regeln und Verboten zu erfassen, dauert es dann noch mindestens ein weiteres Jahr.

Nein, Baby!

Wie einem Baby ab dem zweiten Lebenshalbjahr also ein „Nein“ am eindringlichsten vermitteln? Wenn du deinem Krabbelkind etwas verbieten möchten, dann sag mit ernstem Gesicht „Nein!“ und nimm ihm den Gegenstand weg bzw. trage dein Kind aus der „Gefahrenzone“. Eventuell kannst du dein Verbot noch kurz begründen. Am besten lenkst du dein Baby dann direkt mit etwas anderem ab. Das ist im Krabbelalter die effektivste Lösung. Ansonsten solltest du noch die folgenden Dinge beachten:

  • Weniger ist mehr: Ein „Nein“ wirkt eindrucksvoller, wenn es nicht so oft ausgesprochen wird. Lass dich nicht dazu hinreißen, es ständig zu wiederholen. Nutze es wirklich nur als Verbotswort, insbesondere dann, wenn es dem Schutz des Kindes dient, also bei gefährlichen Gegenständen und Situationen.
  • Tonlage und Mimik nutzen: Bleib unbedingt konsequent. Ein „Nein“ ist ein ernstgemeintes Verbot, was sich auch in deiner Stimmlage und in der Mimik zeigen sollte. Vermeide es „Nein“ im Spaß zu sagen, womöglich noch während du lachst. Dann verliert das Verbotswort an Bedeutung.
  • Die Gunst der Stunde: Verlass dich nicht darauf, dass sich dein Baby bzw. Kleinkind an Verbote hält, selbst wenn es diese offenbar verstanden hat. In einem unbeobachteten Moment kann die Neugier ganz schnell die Oberhand gewinnen.
  • Lob wirkt besser als Strafe: Strafen bringen nichts, denn dein Baby kann Strafen noch nicht mit dem Fehlverhalten in Verbindung bringen. Besser als Strafen bei ungewünschtem Verhalten wirken Lob und liebevolle Zuwendung bei gewünschtem Verhalten.
  • Vorbild sein: Sei ein Vorbild! Babys lernen durch Nachahmung. Lebe deinem Kind also vor, was du von ihm wünschst, insbesondere im Umgang mit anderen Menschen.

Das Wichtigste dabei ist: Bleib konsequent. Und unterstütz ein „Nein“ immer auch mit ernstem Gesicht und entsprechender Mimik und Gestik. So wird dein Baby schnell lernen, dass du es mit dem Verbot ernst meinst.

10 Mythen der Babyerziehung

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Wiederholungen machen Verbote für Babys verständlich

Aber selbst wenn Babys klar wird, was mit „Nein“ gemeint ist, heißt das nicht, dass sie sich auch daran halten. „Vor allem selbstbewusste Kinder haben oft viel Ausdauer und überprüfen immer wieder, was möglich ist und was nicht“, sagt Diplom-Familienberaterin Christine Kügerl. Dabei gehen stets prüfende Blicke zu Mama oder Papa. Es könnte ja sein, dass das Verbot heute nicht gilt.

„Es braucht viele Wiederholungen, bis ein Verbot selbstverständlich eingehalten wird“, so Kügerl. Dazu komme, dass Babys Erlaubnis und Verbot mit der jeweiligen Person verbinden, die sie ausspricht. Wenn bei Mama etwas verboten ist, heißt das für Babys nicht automatisch, dass es bei Papa ebenso ist. Bei Oma könnte sowieso alles anders sein, und wenn man ganz allein im Zimmer ist, erst recht. „Es dauert sehr lange, bis Kinder Regeln so verinnerlicht haben, dass sie sich auch daran halten, wenn niemand aufpasst“, sagt Kügerl.

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Können Babys schon trotzig sein?

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Lieber wenige Regeln, dafür Konsequenz

Sich ständig zu wiederholen, ist ermüdend. Außerdem wäre es falsch, das Baby in seinem Entdeckerdrang mit einem Netz aus Verboten einzuengen. „Daher ist es für alle besser, wenn es in der Kleinkinderzeit nur einige wenige und wirklich notwendige Regeln gibt“, empfiehlt Kügerl. Eltern sollten sich daher genau überlegen, welche Regeln ihnen so wichtig sind, dass sie diese mit ihren Kindern trainieren wollen. Und wo sie bereit sind, Abstriche zu machen.

Während es bei einigen Dingen keine Diskussion geben sollte, zum Beispiel bei allem, was für das Baby gefährlich sein könnte, ist es bei anderen Situationen leichter, einen Kompromiss zu finden. So ist es für die meisten Eltern kein Drama, wenn ihr Kind an der alten Stereoanlage herumspielt oder der Küchentisch einige Kratzer mehr bekommt. Sorge einfach dafür, dass die Wohnung bzw. der erkrabbelbare Bereich deines Babys kindersicher sind, damit es sich bei seinen Erkundungstouren nicht verletzen kann.
Wichtig bei allen Kompromissen ist, dass alle Erwachsenen und großen Geschwister bereit sind, sie als Familienregeln zu akzeptieren. Denn Kindern fällt es leichter, sich innerhalb eines festen Regelgerüsts zu orientieren. Liebevoll gesetzte Grenzen geben Sicherheit.

Grenzen setzen
 Wie viel Nein muss sein?

Vieles deutet darauf hin, dass „Folgen“ ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist. In feinfühligen Familien scheint jedes Familienmitglied zu berücksichtigen, was der andere mag und was er nicht mag. „Oft genügt es schon, dass die Mutter ihre Stirn in Falten legt – und ihr Kind lässt die Finger vom Blumentopf“, sagt Karin Grossmann. „Denn es weiß, dass die Mutter beim Füttern auch seine Mimik richtig deutet und ihm nicht noch einen Löffel mit Brei in den Mund schiebt, wenn es schon längst satt ist.“

Fassen wir zusammen: Kinder lernen offenbar nicht durch besonders häufiges Nein-Training, auf ihre Eltern zu hören, sondern durch das Gegenteil – durch eine Beschränkung von Verboten auf das nötige Maß (das Mütter und Väter an schlechten Tagen und bei akuter Verzweiflung auch deutlich überschreiten können, ohne dass dem Nachwuchs Schaden droht).

Keine Angst, Sie brauchen dafür keine Gehirnwäsche: Auch künftig müssen Sie nicht finden, dass Kieselsteine in Briefkästen gehören und Fernbedienungen Spielzeug sind. Aber vielleicht können Sie öfter über kleine Sünden hinwegsehen – oder, siehe Kasten, sogar vorbeugen.

Was hilft bei der Nein-Diät?

  • Wer Konflikte meidet, tut sich leichter. Mit einer abwaschbaren Decke unterm Kinderstuhl regt man sich über Möhrenpanscher weniger auf. Stereoanlage, CDs und andere teure, zerbrechliche Dinge gehören außer Baby-Reichweite.
  • Versuchen Sie, unerwünschtes Verhalten so oft wie möglich zu übergehen, positives dagegen zu loben.
  • Wenn es gar nicht ohne Verbot geht, ist es gut, das Nein mit einem Ausweg zu verbinden. Greifen Sie die Intention Ihres Kindes auf – und richten sie auf einen anderen Gegenstand. Beispiel: Ihr Zweijähriger versucht, am Regal hochzuklettern. Sie können sich jetzt auf einen 20-minütigen Kampf einlassen. Besser, Sie drehen zwei stabile Stühle auf den Kopf und überraschen Ihr Kind mit diesem Krabbel-Parcours.
  • Ein Nein wirkt am besten, wenn Sie ruhig, aber eindringlich mit Ihrem Kind sprechen – und ihm dabei fest in die Augen schauen. Lange Erklärungen sollte man sich schenken.
  • Christa Meves, 81 Jahre alt, ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin zahlreicher Bücher zu Erziehung und Partnerschaft. Darin betonte sie immer wieder die Bedeutung der ersten Lebensjahre für die seelische Entwicklung von Kindern. Ihre Bücher wurden sechs Millionen Mal verkauft; noch immer geht sie auf Vortragsreisen. Ihr ist daran gelegen, den Status von „Nur-Müttern“ finanziell und ideologisch zu verbessern und die häusliche Betreuung von Kleinkindern gegenüber der institutionellen Betreuung nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen.

    Frau Meves, warum können Mütter Ihrer Ansicht nach kleine Kinder besser betreuen als Väter?

    Die Hirnforschung unterstützt unsere Erfahrung, dass Frauen aufmerksamer sind gegenüber den Bedürfnissen des Kindes. Hellhörigkeit, Empathie und Empfindsamkeit sind bei ihnen stärker ausgeprägt als bei Männern. Frauen sprechen mehr mit Babies und Kleinkindern. Sie haben ein besseres Sensorium für die Zärtlichkeit, die Kinder brauchen.

    Neuerdings wurde herausgefunden, dass der individuelle Geschmack des Fruchtwassers dem der Muttermilch ähnelt. Dadurch spürt das Baby: „Hier bin ich richtig.“ Mütter legen intuitiv ihr weinendes Kind an ihre linke Seite, damit es den Herzschlag spüren kann. Diesen Rhythmus kennt es bereits aus dem Mutterleib.

    Es gibt ja heute auch sehr liebevolle Väter. Warum sollte der Vater nicht eine mindestens ebenso wichtige Bezugsperson sein wie die Mutter?

    Je älter die Kinder werden, desto wichtiger werden die Väter für sie. Er ist ein weiterer Ansprechpartner von allergrößtem Wert. Junge Männer, die Väter werden, machen in ihrer Entwicklung einen riesigen Sprung: Auf einmal werden sie verantwortungsvolle Erwachsene.

    Heute wünschen sich nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft 86 Prozent der Frauen mit Kindern unter drei Jahren, dass beide Partner in irgendeiner Weise erwerbstätig sind, aber nur 23 Prozent der Familien gelingt es, diesen Wunsch zu verwirklichen. Was soll daran falsch sein?

    Bei der Mehrzahl der Mütter ist das sicher nicht ihr eigenes Bedürfnis. In vielen Familien wird das Geld knapp; das nimmt den Frauen die Freiheit der Entscheidung. Ältere Frauen hängen mehr an ihrem Beruf als jüngere Frauen. Es ist ein erheblicher Negativfaktor, dass Ausbildung und Studium so lange dauern.

    Die Fähigkeit, ein seelisch gesunder Mensch zu sein, der auch Krisen standhält, sowie die Intelligenz – dafür wird die Grundlage in den ersten drei Jahren gelegt. Wir müssen der berechtigten Angst der Mütter – wenn ich einmal aus dem Beruf bin, komme ich nicht wieder rein – wirksam begegnen. Wenn diese Erkenntnisse in der Familienpolitik Platz fänden, wären wir ein Stück weiter.

    Aber Kinder entwickeln nicht automatisch seelische Störungen, wenn sie im Alter von einem Jahr an 20 oder 30 Stunden in der Woche fremdbetreut sind. Dann müssten fast alle Franzosen seelisch krank sein.

    In der früheren Sowjetunion konnte man sehen, dass 70 Jahre Krippenerziehung ein Volk zerstören. Nach sechs Wochen gingen dort die Frauen wieder in die Produktion, und wir haben dort so viele Alkoholiker wie nirgendwo sonst.

    Die Franzosen ziehen sich eine Zweiklassengesellschaft heran: Die Familien, die es sich leisten können, betreuen ihre Kinder zu Hause, die anderen müssen in die Krippen. Gebildete Französinnen haben ihre wirklich guten Ersatzmütter, an die sich die Kinder binden – das ist wie bei den Ammen früher im Adel. Die Unterprivilegierten werden eines Tages aus berechtigtem Neid dagegen rebellieren.

    Wie lange sollte denn eine Mutter ausschließlich für ihre Kinder da sein?

    Ich habe das etwa zehn Jahre lang gemacht, und meine beiden Töchter auch, ohne dass ich ihnen dazu geraten hätte. Wir hatten ein Drei-Phasen-Modell: Studium, Kinder, dann der Beruf. Fremdbetreuung schadet den Kindern nicht, sobald sie verstehen, dass Mama wiederkommt, im Allgemeinen ist das vom dritten Lebensjahr an der Fall.

    Meine Kinder waren nicht im Kindergarten, meine Enkel auch nicht. Kinder, die sich in einer großen Kindergartengruppe zurechtfinden müssen, lernen nicht automatisch soziale Kompetenz, sie lernen erst mal, Ellbogen zu gebrauchen.

    Wie sieht Ihrer Ansicht nach eine gute Fremdbetreuung aus?

    Unsere Vorgabe aus der Natur heißt: Zunächst duale Bindung, angereichert durch einen kleinen Kreis von Menschen in großer Konstanz. Also möglichst nah am Modell der Familie – wenige Kinder und eine feste Bezugsperson. Für kleinere Kinder ist sicher die Tagesmutter besser als eine wechselnde Erzieherinnencrew.

    Eigentlich müsste es doch unserer Gesellschaft blendend gehen: Es gibt in Westdeutschland für weniger als fünf Prozent der Kinder unter drei Jahren Plätze in Kindergärten; die Mehrheit der Drei- bis Sechsjährigen kommt mittags nach Hause.

    Nein, es kann unserer Gesellschaft überhaupt nicht blendend gehen, weil die natürlichen Entfaltungsbedingungen des Kindes nicht hinreichend beachtet werden. Und den Familien geht es schlecht, obwohl wir ohne sie keine Zukunft haben.

    Das Thema Erziehungsratgeber (ich nenne sie eigentlich viel lieber „Bücher über Kinder“) spaltet die deutsche Elternschaft in drei Lager. Da sind diejenigen, die sie völlig überflüssig finden und sagen: Ich erziehe rein nach Bauchgefühl, Dann gibt es diejenigen, die sagen, dass sie eigentlich keine Ratgeber brauchen, aber bei speziellen Problemen durchaus mal gezielt dazu nachlesen, und schließlich diejenigen, die sehr gerne welche lesen.

    Es wird keine Überraschung sein, dass ich der dritten Gruppe angehöre. Geplant war das eigentlich anders – ich war anfänglich davon ausgegangen, dass ich das mit dem Kinderhaben ganz locker hinbekomme und ich war fest entschlossen, einfach auf mein Bauchgefühl zu hören. Aber das ging kolossal schief und ich begann recht schnell, verschiedene Bücher zu lesen.

    Mir hat es großen Spaß gemacht, mich durch diverse Literatur zum Thema Babys und Kinder zu lesen – meine „Bibliothek“ umfasst mittlerweile mehr als 50 Bücher. Dabei waren ganz großartige Bücher und ganz schreckliche. Ein Überblick über die Bücher, die mich beeindruckt, bereichert und nachhaltig positiv beeinflusst haben.

    DEIN KOMPETENTES KIND

    Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der gerade seinen 70. Geburtstag feierte, schreibt keine Erziehungsratgeber – er schreibt Bücher über Kinder und unsere Beziehung zu ihnen. Denn darum geht es ihm: Be- statt Erziehung. Juul geht davon aus, dass Kinder grundsätzlich mit ihren Eltern kooperieren. Tun sie das nicht, liegt der Fehler nicht beim Kind, sondern bei uns.

    Dieses Buch hat viel in mir bewegt, weil es aufräumt mit gängigen Erziehungsidealen und schonungslos aufzeigt, dass das, was wir wie selbstverständlich tun, nicht immer sinnvoll ist. Das Buch ist kompakt und voller Aha-Effekte. Daher gibt es von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Es gibt sehr viele Bücher von Juul – aber dieses ist für mich am besten als Einstieg geeignet, zudem sich die einzelnen Bücher thematisch überschneiden. Hier hat man ganz kompakt einen Einblick in eine für viele ganz neue Gedankenwelt, in die man meiner Meinung nach unbedingt einen Blick werfen sollte. Juul hat schon viele maßgeblich auf ihrem Weg beeinflusst.

    „Dein kompetentes Kind“ von Jesper Juul, 208 Seiten, rororo, 9,99 Euro

    DAS GLÜCKLICHSTE BABY DER WELT

    Dieses Buch hat aus meinem Schreibaby ein einigermaßen zufriedenes, weil endlich ausgeschlafenes Kind gemacht. Ich hatte immer gedacht, dass Kinder einfach schlafen, wenn sie müde sind – dass das abendliche Schreien häufig auf Müdigkeit und der Unfähigkeit, sich selbst zu regulieren, beruht, darauf wäre ich gar nicht gekommen. In diesem Buch beschreibt Karp verschiedene Maßnahmen, mit denen man schreiende Kinder beruhigen kann. Durch die Methode löst man einen Beruhigungsreflex aus, der dazu führt, dass ein bitterlich schreiendes Baby innerhalb von Sekunden einschläft.

    Das klingt nach Zauberei – aber es funktioniert zu nahezu hundert Prozent, wenn das Schreien durch Müdigkeit ausgelöst wurde. Schmerzen kann man natürlich nicht „wegkarpen“, aber die sind in den seltensten Fällen Ursache für das Schreien (ebenso wie Blähungen). Für Eltern von Schreibabys uneingeschränkt empfehlenswert, aber auch interessant, wenn das Baby nur gelegentlich unzufrieden ist.

    „Das glücklichste Baby der Welt: So beruhigt sich Ihr schreiendes Kind – so schläft es besser“ von Harvey Karp, 384 Seiten, Goldmann, 9,99 Euro

    DAS GLÜCKLICHSTE KLEINKIND

    Nachdem mir „Das glücklichste Baby der Welt“ so weiter geholfen hatte, kaufte ich sofort auch „Das glücklichste Kleinkind der Welt“, ohne eigentlich genau zu wissen, worum es gehen würden. Dass mir das noch viel mehr helfen würde, ahnte ich damals nicht. Im Buch sind verschiedene Methoden beschrieben, wie man die Kommunikation mit seinem (trotzenden) Kleinkind verbessern kann. Sie helfen dabei, Kindern in einem Trotzanfall liebevoll begleitend zur Seite zu stehen. Dieses Buch bietet viele hilfreiche und vor allem praktische, ohne Weiteres anwendbare Mittel, die bei uns die Eltern-Kind-Interaktion so weit verbessert haben, dass „Trotzanfälle“ kaum noch vorkamen und wenn, dann dauerten sie fast nie länger als eine Minute (und meine Kinder sind durchaus sehr willensstark). Es gibt auch ein paar Dinge, die ich kritisch sehe, unter anderem die Empfehlung von Auszeiten. Aber ich denke, dass jeder das Buch mit gesundem Menschenverstand liest und das für sich Richtige herauszieht, daher ist es wirklich unbedingt empfehlenswert!

    „Das glücklichste Kleinkind der Welt“ von Harvey Karp, 384 Seiten, Goldmann, 9,95 Euro

    BEDINGUNGSLOSE ELTERNSCHAFT

    Dieses Buch hat meine Erziehung gründlich revolutioniert. Meine Erziehung entsprach – bis ich „Liebe und Eigenständigkeit“ las – im Grunde der allgemein praktizierten (liebevolle Konsequenz, autoritative Erziehung) – aber richtig wohl habe ich mich damit nicht gefühlt. Warum das so war, habe ich erst nach diesem Buch verstanden. Alfie Kohn – selbst Vater von zwei Kindern – fragt Eltern häufig nach den langfristigen Zielen für ihre Kinder. Es werden immer dieselben genannt: Fast alle wünschen sich, dass ihre Kinder „glückliche, ausgeglichene, selbstständige, ausgefüllte, produktive, selbstbewusste, seelisch gesunde, freundliche, rücksichtsvolle, verantwortungsbewusste, liebevolle, wissbegierige und zuversichtliche Menschen“ werden. Nur warum verhalten wir uns häufig vielmehr so, dass unsere Kinder lernen, zu gehorchen und fügsam zu sein?

    Mit diesem Buch soll eine alternative Sichtweise angeregt werden. Anstatt die üblichen Erziehungsstrategien zu nutzen, die Kinder quasi wie Objekte behandeln, sollen Wege gefunden werden, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Und das soll durch die Art geschehen, wie wir uns unseren Kindern gegenüber verhalten. Alfie Kohn führt uns vor Augen, warum Erziehung häufig so konfliktbeladen ist und wie man anders erziehen kann – ohne das Kind zu erpressen, ohne zu drohen und zu strafen, aber auch ohne zu loben. Das Buch hat mich aufgewühlt, weil es mir gezeigt hat, wie unfair wir teilweise mit unseren Kindern umgehen, wie wir sie erpressen und ihre Liebe ausnutzen, um sie zur Kooperation zu zwingen. Dieses ist das beste Buch zum Thema, das ich gelesen habe. Dank Kohn bin ich mittlerweile angekommen und mit mir und der Welt zufrieden.

    „Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung“ von Alfie Kohn, 304 Seiten, arbor, 19,90 Euro

    KINDER VERSTEHEN. BORN TO BE WILD

    Dieses gehört definitiv zu den allerbesten Büchern zum Thema Kinder – wenn man ein Buch sucht, das so ziemlich alle Themen abdeckt, sollte man dieses exzellente Standardwerk für die ersten zwei bis drei Lebensjahre kaufen. Herbert Renz-Polster betrachtet die Entwicklung unserer Kinder aus biologischer/evolutionärer Sicht und bietet Erklärungen für ihre Verhaltensweisen, die uns wirklich helfen, unsere Kinder besser zu verstehen.

    Vor allem seine Ausführungen zum Babyschlaf haben mir mit meinen zwei Schlechtschläferkindern wirklich weitergeholfen. Und wenn es nur insoweit war, dass ich begriffen habe, dass es völlig normal und sinnvoll ist, dass Babys nicht alleine einschlafen wollen oder ständig aufwachen. Das gab mir viel Gelassenheit.

    Renz-Polster geht auch auf Themen wie Stillen, Beikost, Schreien, Sauberwerden, Bindung, Fremdeln und Förderung ein. Das Thema Erziehung wird kaum behandelt – es geht vornehmlich um die Entwicklung.

    „Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt“ von Herbert Renz-Polster, 512 Seiten, Kösel, 19,95 Euro

    IN LIEBE WACHSEN

    „In Liebe wachsen“ ist ein wundervolles Buch. Ich ärgere mich sehr darüber, dass es nicht in jedem Buchladen wie selbstverständlich bei den Büchern über Kinder liegt. Gonzáles erklärt, warum Kinder sich so verhalten, wie sie es tun. Warum sie schlecht schlafen, warum sie nicht alleine sein wollen, warum sie ständig auf den Arm wollen.

    Darüber hinaus nimmt er gängige Vorurteile wie die Angst vor Tyrannen wegen Verwöhnens und weitere weitverbreitete Erziehungsansichten auseinander. Das Thema Erziehung wird vergleichsweise ausführlich behandelt – unbedingt lesenswert, weil es viele Dinge in ganz anderem Licht beleuchtet.

    „In Liebe wachsen – Liebevolle Erziehung für glückliche Familien“ von Carlos Gonzáles, 256 Seiten, 18,90 Euro bei La Leche Liga Deutschland e. V.

    Die Autorin, Danielle Graf, hat zusammen mit Katja Seide selbst zwei sehr empfehlenswerte Elternratgeber geschrieben:

    Mehr zum Thema

    Erziehung „Wir müssen verletzlicher werden“

    „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ (14,95 Euro) und „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10“ (16,95 Euro). Beide Bücher sind bei Beltz erschienen. Die beiden Autorinnen schreiben auch auf ihrem Blog gewuenschtestes-wunschkind.de über Erziehungs- und andere Eltern-Kind-Themen.

    Richtig erziehen: Wie Sie den passenden Führungsstil für sich finden

    Kaum ist das Baby auf der Welt, schreit es nach Aufmerksamkeit. Aber müssen sich Eltern schon in diesem frühen Stadium Gedanken über Erziehung machen? Ab welchem Alter fängt Erziehung an und wie verändert sie sich im Laufe der Jahre? Wir stellen Erziehungsstile vor und verraten, wo Sie Unterstützung bekommen.

    In der Trotzphase ist Erziehung besonders herausfordernd, weil Kinder ihre Grenzen austesten. Foto: Dejdzura, iStock, Thinkstock

    Erziehung ist ständig im Wandel. Egal, für welchen Weg sich Eltern entscheiden, die Erziehung muss dem Alter, dem Entwicklungsstand und der Persönlichkeit eines Kindes gerecht werden. Denn eines ist sicher: Ein Kleinkind kann nicht auf die gleiche Art und Weise erzogen werden wie ein Teenager. Bestenfalls entscheiden sich Eltern für einen Erziehungsstil und ziehen diesen durch. Dabei wird zwischen dem autoritären, antiautoritären und autoritativen Führungsstil unterschieden.

    Erziehung: Ab wann ist sie möglich und nötig?

    Wann beginnt Erziehung und ab welchem Alter ist sie wichtig? Diese Frage ist schnell zu beantworten. Erziehung startet dann, wenn ein Baby das Licht der Welt erblickt. Susanna Fischer, Leiterin der Familienpraxis Stadelhofen erklärt, was in diesen ersten Momenten wichtig ist: „Erziehung beginnt damit, dem Kind Halt, Sicherheit und Orientierung zu geben.“

    In Ihrer Praxis bietet Susanna Fischer Beratung und Unterstützung zum Thema Erziehung für Familien an. Es sei wichtig, dem Kind nach der Geburt eine gewisse Orientierung zu schenken. „Man muss seine Signale wahrnehmen, diese richtig interpretieren und danach seine Bedürfnisse prompt und adäquat beantworten.“

    In dieser Anfangsphase der Erziehung geht es in erster Linie darum, die physischen und psychischen Grundbedürfnisse zu decken. Sodass zwischen Kind und Eltern eine Bindung entsteht. Dazu gehört auch, für das Kind zu entscheiden, wenn es überfordert ist. Dies gilt insbesondere beim Schlaf und bei der Nahrung.

    Kinder brauchen in ihrer Erziehung klare und unmissverständlich formulierte Informationen der Eltern, um zu erfahren, welches Verhalten in der Familie in Ordnung ist oder eben nicht. Sie brauchen diese Informationen, um später im Leben und in der Schule sozial kompetente Wesen zu sein.

    Unterstützung oder Erziehungs-beratung gesucht?

    In verschiedenen Kantonen bieten sich für Familien Beratungsstellen für Erziehungsberatung an. Im ganzen Kanton Zürich agiert die „kjz“, welche in ihren Zentren für Beratung kostenlose Erziehungsberatung für Familien anbietet. Auch im Kanton Bern leitet die Bildungs- und Kulturdirektion eine Stelle für Erziehungsberatung. Fragen Sie bestenfalls bei Ihrer Gemeinde nach.

    Die kindliche Entwicklung vorantreiben

    Die Informationen, die das Kind von seinen Eltern bekommt, werden im Hirn des Kindes auf einer Art „Festplatte“, dem Frontalkortex, gespeichert. Das kann eine Weile dauern. „Bis die Kinder die Informationen auf ihrer Festplatte dann auch abholen können, kann es bis zu zwei Jahre dauern“, erklärt Susanna Fischer. Eltern brauchen also ein bisschen Geduld.

    Das heisst also, wenn ein Kleinkind ein anderes Kind schlägt, dann macht es dies nicht bewusst, aber es braucht seitens der Eltern eine klare Information: „Halt, ich will nicht, dass du andere Kinder schlägst.“ Diese Information muss das Kind ganz klar und deutlich ohne Schild und Moral erhalten.

    Die Eltern dürfen also auch nicht davon ausgehen, dass sich das Kind bereits kontrolliert, organisiert und strukturiert und den Impuls unterdrückt. Kindererziehung beinhaltet also dem Kind immer und immer wieder die gleichen Informationen zu geben, bis es diese dann abholen und umsetzen kann.

    Erziehungsstil: Autoritäre oder antiautoritäre Erziehung?

    Bereits vor der Geburt steht eine wichtige Entscheidung an: Welchen Erziehungsstil wählen wir? Autoritär oder doch demokratisch? Grob wird unter folgenden Methoden mit Vor- und Nachteilen unterschieden:

    1 Der autoritäre Erziehungsstil: Verbote, strenge Regeln und Strafen: Die autoritäre Erziehung ist umstritten. Jedoch war ein autoritärer Führungsstil bis in den 60er Jahren das vorherrschende Modell in vielen Familien. Die Eltern haben in diesem Modell das Sagen, dulden keine Wiederworte und übernehmen die Führung. Als Nachteil dieses autoritären Führungsstils nennen verschiedene Experten, dass den Kindern so die Nähe zu ihren Eltern verloren geht und die autoritäre Erziehung das Verhalten des Kindes langfristig negativ beeinflussen kann. Als Vorteil sieht man bei diesem Führungsstil, dass Kinder Regeln besser befolgen können.

    2 Die antiautoritäre Erziehung: Dieser Erziehungsstil wird oft kritisiert, weil den Kindern zu viel Freiheiten gelassen wird. Dieser Stil wurde in den 1960er Jahren als Gegenstück zum autoritären Erziehungsstil ins Leben gerufen. Antiautoritär erzogene Kinder bekommen mehr Freiraum, können ihren Wünschen und Vorlieben freier nachgehen und selber bestimmen, welchen Aktivitäten Sie nachgehen möchten.

    Diese Kinder erhalten weniger klare Anweisungen von Mami und Papi, wobei das Modell an den Führungsstil „Laissez-faire “ erinnert. Bei diesem Führungsstil verhalten sich die Eltern sehr passiv und es werden nur minimale Vorgaben gemacht, was dem Kind zu mehr Selbstmanagement verleiten soll. Als Nachteil sehen Erziehungsberater, dass solche Kinder später im Leben egoistischer sind und in der Schule schnell die Motivation verlieren können, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entspricht.

    3 Autoritativ zum Erfolg: Neben dem autoritären Führungsstil und der antiautoritären Erziehung gibt es auch ein Zwischenmodell: Die autoritative Erziehung. Bei dieser Führung setzen die Eltern klare Regeln und Grenzen, geben jedoch gleichzeitig ihrem Nachwuchs viel Zuneigung und Nähe. Im Gegensatz zum autoritären Führungsstil haben Eltern hier mehr Verständnis für ihr Baby und sehen von Strafen ab. Autoritativ erzogene Kinder zeichnen sich gemäss Experten durch hohe Umgangsformen aus und verhalten sich in Zukunft wertschätzender. Auch ihre schulischen Leistungen sollen nachweislich besser sein.

    Die Erziehungsexpertin Susanna Fischer erklärt, wieso Eltern beim Ihrem Kind in Sachen Kindererziehung ein „Zwischending“ wählen sollten: „Das Erfüllen der psychischen und physischen Grundbedürfnisse ist die Grundlage der Entwicklung der sicheren Bindung des Kindes zu seinen Eltern. Danach geht es darum, dass Eltern Kinder begleiten und anleiten, dass es auch wichtig ist zu lernen, dass Bedürfnisse aufgeschoben werden müssen und dass Wünsche nicht ständig sogleich erfüllt werden oder dass Kinder manchmal erst eine Aufgabe erfüllen müssen, bis sie das tun können, worauf sie gleich Lust haben.“

    Wichtig sei deshalb vor allem, dass die Signale, welche Eltern von ihrem Kind erhalten, richtig gedeutet werden. „Dabei sollten Eltern jedoch beachten, dass sie ihr Kind so gesellschaftsnah wie möglich erziehen.“ Und dazu gehört auch eine gewisse Führungskraft der Eltern mit Regeln und Grenzen.

    Neben den oben genannten Führungsstilen befolgen einige Väter und Mütter auch den demokratischen Führungsstil, bei dieser demokratischen Erziehung hat ein Kind die Möglichkeit, viele Dinge selbst zu bestimmen und diese auch zu erproben. Alle wichtigen Entscheidungen werden dabei von den Eltern mit ihrem Kind besprochen.

    Kleinkind erziehen: anstrengend, aber wirkungsvoll

    Die Erziehung eines Kleinkindes empfinden Eltern meist als besonders grosse Herausforderung. Zwischen dem vollendeten ersten Lebensjahr und dem vierten Geburtstag durchlaufen Kinder in der Regel die sogenannte Trotzphase, die auch „Autonomiephase“ genannt wird. In dieser Phase beginnen Kinder sich mehr und mehr von ihren Eltern zu lösen, denn sie werden mobiler und können sich immer besser verständlich machen.

    „Diese Zeit überfordert die meisten Familien, weil sie mit Kindergefühlen konfrontiert werden, die ihnen Mühe bereiten, sie emotional zu ertragen“, erklärt Susanna Fischer. Die Kinder wissen in dieser Phase, was sie wollen, können Gefahren aber noch nicht einschätzen und stossen zudem immer wieder an die eigenen Grenzen. Das frustriert Kinder und es kann zu den allgemein bekannten Wutausbrüchen kommen, die Eltern gerade in der Öffentlichkeit besonders fürchten.

    Eltern sollten in dieser Phase auf keinen Fall trotzig reagieren, sondern versuchen ihrem Kind zu helfen und es so zu begleiten, dass es so lange als möglich kooperiert. Gleichzeitig ist es auch nicht zu verhindern, dass es Situationen gibt, in denen das Nein der Eltern für die Kinder nicht nachvollziehbar ist und dies dann Anlass für die starken Gefühle von Kleinkindern gibt.

    Vor einigen Tagen saß ich mit einer berühmten Schriftstellerin beim Abendessen in einem Lokal in Mitte. Ich hatte eine Liste von Themen, die ich mit ihr besprechen wollte. Bevor der erste Gang kam, redeten wir über Kinder und Sauberkeitserziehung. Sauberkeitserziehung hatte nicht auf der Liste gestanden, die ich mit der berühmten Schriftstellerin besprechen wollte. Ihr Sohn hatte im Alter von vier Jahren noch eine Windel gebraucht. Nicht zum Pinkeln, aber für das andere. Jedes Mal verlangte er, dass man ihm eine Windel anlegte. Die Schriftstellerin war verzweifelt gewesen. Ich hörte aufmerksam zu. Ich hatte auch einen Vierjährigen und kannte das Problem. Die Schriftstellerin beugte sich über den Tisch, ihr Gesicht war gerötet: „Dann bekam ich vom Kinderarzt einen Tipp, der alles änderte“, flüsterte sie. Ich war gespannt.

    Solch einen Geheimtipp könnte ich auch gebrauchen. Ich hatte Angst, dass es sich nie ändern würde. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich meinem Sohn mit fünfzehn die Windel reichte, zusammen mit dem W-Lan-Passwort. Vielleicht hätte ich auf meine englische Schwiegermutter hören sollen. Ich solle nicht so lange warten, meinte sie. Sie hatte erzählt, dass sie mit dem Töpfchentraining angefangen hatte, als ihr Sohn eineinhalb Jahre alt waren. „Ich habe ihm die Windel abgenommen und hab ihn an einem Wochenende alle fünfzehn Minuten aufs Töpfchen gesetzt. Danach war er sauber“, sagte sie. In der Theorie klang das gut, in der Praxis funktionierte es bei uns nicht so.

    Neulich las ich in der FAZ, das Problem sei, dass den Babys sofort im Krankenhaus eine Windel angelegt und die natürlichen Reflexe abtrainiert werden. Das sagte eine Frau, die sich als Windelfrei-Coach vorstellte. Ich kannte bisher nur Fußball- oder Karrierecoaches.

    Sie war offenbar eine Art Jogi Löw für Babys, die die These vertrat, dass Windeln nicht nötig seien. Windelfrei ist ein neuer Trend unter umweltbewussten Müttern, ähnlich wie das freie Menstruieren. Die Anhänger der Methode sind überzeugt, dass Babys von Anfang an in der Lage sind, ihren Eltern zu zeigen, wann sie aufs Töpfchen müssen.

    Ich lasse mich jetzt von Lars Eidinger coachen

    Man muss die Zeichen nur lesen können. Wenn man doch mal das Haus verlässt, sind höchstens Stoffwindeln erlaubt. Kinder, die mit der Windelfrei-Methode erzogen werden, würden früher sauber, oft schon mit anderthalb oder zwei, sagen Windelfrei-Fans. Der berühmte Kinderarzt Remo Largo sagt, wann die Kinder sauber werden, sei eine Frage der individuellen Reifung. „Ein früher Beginn und eine hohe Intensität beschleunigen die Entwicklung der Blasen- und Darmkontrolle nicht“, schreibt er in seinem Ratgeber „Babyjahre“.

    Dies käme bei den meisten im Alter von drei oder vier Jahren. Er sagt aber auch, dass man den Zeitpunkt verpassen könne und dann gewöhnten sich die Kinder dran, in die Windel zu machen. So war es offenbar mir ergangen, und jetzt hatte ich ein Kind, das von der Windel abhängig war wie von Crack. Ich sah die Schriftstellerin an, sie war meine Rettung. Was hatte ihr Arzt empfohlen?

    „Wenn mein Sohn das nächste Mal nach einer Windel verlangt, sollte ich ihm sagen, dass wir auf die Toilette gehen, und ihn dann auch draufsetzen, aber nicht einfach so, sondern mit voller Überzeugung, wie eine Schauspielerin“, sagte sie. Ich schaute sie stumm an. Es hat offenbar funktioniert. Ich lasse mich jetzt coachen, von Lars Eidinger.

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