Aggression gegen kind

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Aggression bei Kindern: Ursachen und Umgang

Aggression bei Kindern kann verstörend wirken, und der richtige Umgang damit fällt Eltern nicht immer leicht. Gelegentliche Konflikte und Streits gehören zwar zur normalen Entwicklung – ob mit den Eltern oder mit Gleichaltrigen. Wenn sich Ihr Kind jedoch oft oder dauerhaft aggressiv verhält, sollten Sie eine Beratungsstelle aufsuchen und die Ursachen klären lassen.

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Wie viel Aggression bei Kindern ist normal?

Dass auch Kinder einmal aus der Haut fahren und wütend werden, ist ganz normal. Der Ratgeber „Baby und Familie“ der „Apotheken Umschau“ empfiehlt Eltern, erst einmal abzuwarten, wenn sich ihr Kind aggressiv zeigt. Oft handelt es sich nur um vorübergehende Phasen, die zur Entwicklung gehören. Der Ratgeber gibt auch zu bedenken, dass Kinder erst mit einem Alter von etwa vier Jahren Mitgefühl für andere entwickeln.

Dass Ihr Kind sich anderen Kindern gegenüber – etwa beim Streit um ein Spielzeug – gelegentlich etwas ruppiger verhält, muss daher kein Anlass zur Besorgnis sein. Wird Ihr Kind allerdings auch bei kleinen Anlässen ständig wütend, provoziert es sogar Streit, versteht Dinge absichtlich falsch, schlägt häufig zu oder verwendet viele Schimpfwörter, sollten bei Ihnen als Eltern die Alarmglocken klingeln.

Ursachen für Aggression bei Kindern

Ein überdurchschnittlich hohes Maß an Aggression bei Kindern kann viele verschiedene Ursachen haben. Das Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen nennt sowohl eine unzureichende Erziehung, mangelnde soziale Fertigkeiten des Kindes, Einflüsse von Gleichaltrigen und auch mögliche Kontextfaktoren – zum Beispiel Armut oder Eheprobleme der Eltern – als mögliche Ursachen für Aggression bei Kindern.

Auch die Aufmerksamkeitsstörung ADHS kann mit Aggressionen in Verbindung stehen. Versuchen Sie zunächst, mögliche Ursachen aufzudecken. Möglicherweise klappt das auch in Zusammenarbeit mit Erziehern oder Lehrern, die insbesondere den Umgang ihres Kindes mit Gleichaltrigen einschätzen können.

Richtiger Umgang mit Aggression: Beratung kann helfen

Aggression bei Kindern, die nicht mit der Zeit von alleine verschwindet, erfordert Initiative seitens der Eltern. Scheuen Sie sich nicht, sich bei Beratungsstellen Hilfe zu suchen: Hier kennt man sich mit dem Thema gut aus. Mögliche Adressen in Ihrer Nähe können Ihnen sicher der Kindergarten oder die Schule Ihres Kindes vermitteln.

  • Schulkind: Tipps zu aggressivem Verhalten von Kindern
  • Freunde finden – Wie kann ich mein Kind dabei unterstützen?
  • Probleme lösen: Ihr Kind bekommt nachts Wutanfälle? So reagieren Sie richtig
  • Fehlende Aufmerksamkeit und Hyperaktivität: Informationen zu Ursachen, Diagnose und Behandlung

Sie sollten jedoch auch Ihr Erziehungsverhalten kritisch hinterfragen. Oft werden Kinder aggressiv, weil sie es nicht gewohnt sind, Grenzen gesetzt zu bekommen und Wünsche hintenanstellen zu müssen. Klare soziale Regeln sind unerlässlich im Umgang mit anderen – das sollte jedes Kind lernen.

Aggressive Kinder und Jugendliche: Mangel an evidenzbasierten Interventionen

Externalisierende Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter, wie Aggressivität, Gewalt und Delinquenz, sind ein folgenreiches Problem. Der Beitrag geht den Ursachen und Interventionsmöglichkeiten nach.

Kinder, die Gleichaltrige mobben, bis diese nicht mehr in die Schule gehen oder sich das Leben nehmen, Jugendliche, die Passanten in S-Bahnen oder an Bushaltestellen zusammenschlagen, und Halbwüchsige, die sich weder von Eltern noch von der Justiz bändigen lassen – derartige Bilder und Meldungen über junge, hochaggressive Menschen in den Medien sind fast schon alltäglich geworden. Zugleich schrecken sie immer wieder von Neuem auf und verunsichern viele Erwachsene im Umgang mit jungen Leuten. Besonders alarmierend scheint die Tatsache, dass Gewalttaten von Jugendlichen immer brutaler werden und dass körperliche Übergriffe zunehmend auch von Mädchen und jungen Frauen ausgehen.

Dass externalisierende Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressivität, Gewalt und Delinquenz im Kindes- und Jugendalter in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt zugenommen haben, lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres behaupten, weil dazu unterschiedliche Auffassungen und Indikatoren existieren. Es gibt beispielsweise Studien, die von einer relativen Konstanz, ja sogar von einem leichten Rückgang der Jugendgewalt ausgehen, während andere von einer Zunahme psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter, zu denen auch die externalisierenden zählen, berichten. Erschwert wird die Schätzung der Verbreitung von behandlungsbedürftiger Aggressivität im Kindes- und Jugendalter auch durch unterschiedliche Definitionen und Begrifflichkeiten. Im deutschsprachigen Raum sind beispielsweise Begriffe wie oppositionelles Trotzverhalten, Störung des Sozialverhaltens sowie aggressives, oppositionelles und dissoziales Verhalten und andere gebräuchlich (siehe Kasten unten). Sie überschneiden sich inhaltlich teilweise und werden in unterschiedlichen Kontexten verwendet.

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Pathologisches Verhalten versus normale Aggressivität

Den Begriffen ist gemeinsam, dass sie sich auf pathologisches Verhalten beziehen und daher abzugrenzen sind von Phasen erhöhter Aggressivität, die als normaler Bestandteil der kindlichen Entwicklung gelten. Zum Beispiel sind Trotzanfälle im Kleinkind- und Kindergartenalter nichts Ungewöhnliches, ebenso wie körperliche Übergriffe (zum Beispiel Bisse, Schläge) oder verbale Aggression (zum Beispiel jemanden beschimpfen, beleidigen). Solche Ausprägungen aggressiven Verhaltens lassen jedoch mit der Zunahme der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten in der Regel nach, und die Kinder lernen, ihre Wünsche und Gefühle adäquater auszudrücken. Auch später kommt es gelegentlich vor, dass sich Kinder und Jugendliche aggressiv verhalten, Anweisungen nicht befolgen und Regeln nicht einhalten. Aber auch das ist unverdächtig, denn es dient beispielsweise der Erkundung des eigenen Einflusses, der Abgrenzung und der Identitätsentwicklung. Bedenklich wird es erst, wenn sich aggressives Verhalten negativ in familiären, sozialen, schulischen und beruflichen Bereichen auswirkt. Interventionen werden vor allem dann nötig, wenn es sich über mehrere Monate regelmäßig, häufig und stark ausgeprägt zeigt, wenn es nicht nur gegenüber einer Person und zudem in mehreren Lebensbereichen zu beobachten ist.

„Aggressives Verhalten tritt selten isoliert auf, sondern geht mit vielen anderen Problemen einher, unter anderem mit hyperkinetischem Verhalten“, berichten deutsche Psychologen um Prof. Dr. Franz Petermann von der Universität Bremen. Die betroffenen Kinder sind unruhig, impulsiv und können sich schlecht beherrschen und konzentrieren. Auch Entwicklungsrückstände sind nicht selten eine Begleiterscheinung aggressiven Verhaltens; sie fördern oppositionelles Trotzverhalten und tragen dazu bei, dass die Kinder viele Konflikte und problematische Beziehungen haben, dass sie den Unterricht erheblich stören, schlechte Leistungen erbringen und von Lehrern, Klassenkameraden und Gleichaltrigen abgelehnt werden. Auch wenn es kaum auffällt, leiden manche aggressiven Kinder unter der Ablehnung, ebenso unter Selbstwertproblemen, Ängsten und Depressivität, aber da ihr Umgang damit und ihre Lösungsversuche höchst dysfunktional sind, gelingt es ihnen selten aus eigener Kraft, die Zusammenhänge zu erkennen und sich aus dem Kreislauf aus Aggression und negativen Reaktionen zu befreien.

Vielfältige Ursachen für aggressives Verhalten

Die Ursachen für aggressives Verhalten im Kindes- und Jugendalter sind sehr vielfältig, eng miteinander verbunden und werden unterschiedlich gewichtet. „Erziehungsverhalten, Umweltfaktoren und bestimmte Eigenschaften des Kindes gelten als Hauptursachen für aggressives Verhalten im Kindes- und Jugendalter“, meint zum Beispiel die Psychologin Kelli Foulkrod, die am Brackenridge Hospital in Austin (USA) tätig ist.

  • Elterliches Erziehungsverhalten, das mit aggressivem und oppositionellem Verhalten bei Kindern und Jugendlichen einhergeht, ist gekennzeichnet durch fehlende oder zu wenige positive Faktoren (zum Beispiel Wärme, Sensibilität, Einfühlung, Akzeptanz, Bindungssicherheit, Unterstützung prosozialen Verhaltens, strukturierte Umgebung) und durch viele negative Faktoren (zum Beispiel widersprüchliches und inkonsistentes Verhalten, fehlende Routine und Sicherheit, Zurückweisung und Bestrafung, Härte und körperliche Gewalt, negative Rückmeldungen und Anschuldigungen, schlechtes Vorbild, ungünstige Interaktionsmuster, familiäre Zerrüttung und häusliche Gewalt).
  • Als Umweltfaktoren, die einen negativen, aggressivitätsfördernden Einfluss auf Kinder und Jugendliche ausüben können, gehören unter anderem Gewaltdarstellungen in den Medien (zum Beispiel Videospiele, Fernsehen, Spielfilme), Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, gewaltbereite Gleichaltrige und ein ungünstiges Umfeld (zum Beispiel kriminelle Nachbarschaft, unsichere Wohngegend). Ihr Einfluss vergrößert sich, wenn Eltern nicht genug auf ihre Kinder aufpassen und den unerwünschten Umgang nicht verhindern oder einschränken.
  • Zu den Eigenschaften, die Kinder und Jugendliche zu aggressivem Verhalten prädisponieren, zählt ein schwieriges Temperament, für das ein hoher Aktivitätsgrad, starke Beeinflussbarkeit durch Umweltreize, geringe Anpassungsfähigkeit und ein Vorherrschen negativer Stimmungen charakteristisch sind. Daneben sollen auch eine geringe autonome Erregung und ein niedriger Ruhepuls im Zusammenhang mit überhöhter Aggressivität stehen. Des Weiteren haben aggressive Kinder und Jugendliche Probleme mit der Einordnung und Verarbeitung sozialer Informationen. Sie haben grundsätzlich Schwierigkeiten damit, soziale Signale richtig zu deuten und sind besonders sensitiv für feindselige Signale. Aus diesem Grund empfinden sie selbst neutrale Reize als Bedrohung und Angriff und neigen zum Überreagieren. Außerdem mangelt es ihnen oft an sozialen Fertigkeiten, so dass es ihnen schwerfällt, sich ohne Aggression gegenüber anderen zu behaupten oder kompromissbereit und kooperativ zu sein. Weitere Defizite liegen in einem unzureichenden Einfühlungsvermögen und in einer geringen Frustrationstoleranz, die dazu führt, dass sie Misserfolge nicht verkraften können. Hinzu kommt eine mangelnde Fähigkeit zur Selbstkontrolle, so dass sie nicht in der Lage sind, aggressive Impulse zu steuern oder frühzeitig umzulenken. Als weitere Faktoren sind neben vielen anderen das Geschlecht und ein traditionelles Rollenverständnis sowie prä- und perinatale Schädigungen, neurologische Funktionsstörungen und genetische Veranlagung zu nennen.

Aggressives Verhalten gilt als stabile Verhaltensstörung, die nur schwer zu verändern ist. Das Auftreten vergleichsweise hoher Aggressivität bereits im Kindesalter wird als erhöhtes Risiko für eine weitere Zunahme im Verlauf des Lebens gewertet. Wie verschiedene Langzeitstudien belegen, geraten viele aggressiv-oppositionelle Kinder mit der Zeit in immer größere Schwierigkeiten, und das Abgleiten in die Kriminalität ist nicht unwahrscheinlich. Für eine problematische Entwicklung lassen sich typische Anzeichen in verschiedenen Lebensphasen ausmachen. Beispielsweise sind aggressive Kinder im Säuglingsalter oft Schreibabys und weisen Ein- und Durchschlaf- sowie Verdauungsprobleme auf. Im Kindergartenalter fallen sie durch extreme Wutanfälle auf und beachten vereinbarte Regeln und Anweisungen nicht.

Zusätzliches dissoziales Verhalten bei Jugendlichen

Bei manchen Kindern vermindern sich die aggressiven Verhaltensprobleme in dieser Altersphase, bei anderen nehmen sie weiter zu, unter anderem durch die Einschulung und die damit verbundenen Belastungen. Wenn aggressives Verhalten verstärkt wird, zeigt es sich in immer mehr Bereichen und gegenüber immer mehr Personen, denn die Kinder fühlen sich durch ihr Verhalten kurzfristig bestätigt und genießen es ohne Gewissensbisse, Macht über andere auszuüben. Schulische Leistungsprobleme verstärken die Verhaltensproblematik. Eine weitere Verstärkung aggressiven und dissozialen Verhaltens wird im Jugendalter beobachtet (zum Beispiel Schuleschwänzen, Lügen, Stehlen). Im jungen Erwachsenenalter bilden sich bei 80 Prozent aller Betroffenen die Verhaltensauffälligkeiten weitgehend zurück, die restlichen 20 Prozent zeigen hingegen ein besonders stabiles, schwer änderbares, aggressiv-dissoziales Verhalten, das aufgrund wachsender körperlicher Kraft und Waffeneinsatz zu schweren Verletzungen und Delikten führen kann.

Trotz oder gerade wegen der relativ ungünstigen Prognose gibt es zahlreiche Bemühungen, aggressives Verhalten im Kindes- und Jugendalter zu verhindern oder zu reduzieren. Die große gesellschaftliche und gesundheitspolitische Relevanz der Problematik sowie die hohe Aufmerksamkeit, die sie erfährt, haben dazu geführt, dass das Angebot an Ratgebern, Präventions- und Interventionsprogrammen fast unübersichtlich geworden ist; zurzeit sind schätzungsweise 800 Programme weltweit auf dem Markt. Das Spektrum reicht von multimodalen, lernpsychologisch orientierten Einzel- und Gruppentherapien über Eltern-, Lehrer- und Schulprogramme, Ärger- und Emotionsmanagementtrainings sowie Biblio- und Spieltherapie bis hin zu Kombinationen mit Jugendhilfemaßnahmen. Allerdings wurden Wirksamkeit und Effizienzbasierung bisher nur bei wenigen überprüft. Deutsche und britische Kinder, Jugendpsychiater und -psychotherapeuten um Dr. med. Christian Bachmann von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Charité in Berlin stellen in der Fachzeitschrift „Kindheit und Entwicklung“ (4/2010) mehrere Interventionen vor, die nach aktuellem Erkenntnisstand und gemäß strenger Bewertungskriterien als langjährig erprobt, kontinuierlich weiterentwickelt und evidenzbasiert anzusehen sind. Sie unterscheiden dabei Interventionen im Kindesalter (vier bis zwölf Jahre) und im Jugendalter (zwölf bis 18 Jahre).

Die Interventionen haben allgemein zum Ziel, aggressives Verhalten abzubauen, alternative Verhaltensweisen einzuüben, soziale Kompetenzen zu stärken und eine problematische Entwicklung zu verhindern. Bei Programmen für Kinder steht häufig ein Elterntraining im Vordergrund, mit dem die elterlichen Fähigkeiten zur Anleitung der Kinder und die Eltern-Kind-Beziehung verbessert werden sollen. Dies geschieht unter anderem durch gemeinsame Spielzeiten und den Einsatz von Lob und anderen Verstärkern, durch klare, direkte Anweisungen und Regeln, Konsequenzen und eine allgemeine Tagesstrukturierung. Auch bei Jugendlichen ist die Mitwirkung der Familie wichtig, es wird aber auch das weitere soziale Umfeld einbezogen. Mit den eingesetzten Strategien soll die Verbesserung der elterlichen Erziehungskompetenzen, des Familienklimas und der -kommunikation erreicht werden; außerdem kommen individuelle therapeutische Maßnahmen zum Einsatz.

Zu evidenzbasierten Interventionen im Kindesalter zählen zum Beispiel:

  • The Incredible Years (IY): Das in den 80er Jahren in den USA entwickelte Programm basiert auf der sozialen Lerntheorie. Es zielt auf Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und oppositionellen Störungen des Sozialverhaltens und/oder ADHS ab und umfasst ein Eltern-, Lehrer- und Kindertraining. Seine Wirksamkeit beim Abbau aggressiven Verhaltens und allgemeiner Verhaltensprobleme und beim Aufbau von Sozialverhalten und Problemlösekompetenz wurde mehrfach nachgewiesen. Es ist vorwiegend in englischsprachigen Ländern verbreitet. Von Vorteil ist, dass Trainer nur kurz ausgebildet werden müssen und dass zur Durchführung keine therapeutisch qualifizierten Fachkräfte erforderlich sind (www.incredibleyears.com).
  • Promoting Alternative THinking Strategies (PATHS): Das schulbasierte, behaviorale Programm soll Aggressionen und Verhaltensprobleme bei Kindern an Grund- und Sonderschulen verringern sowie emotionale und soziale Kompetenzen verbessern. Es wird von angeleiteten Lehrern oder Schulsozialarbeitern durchgeführt und enthält unter anderem Einheiten zur Selbstbeherrschung, zu Gefühlen (Wahrnehmen und Benennen bei sich selbst und anderen) und zu Problemlösestrategien (Alternativen entwickeln, Verhandeln, Entscheidungen treffen). Mit dem Programm konnten positive Effekte hinsichtlich Aggression, Hyperaktivität, Frustrationstoleranz und internalisierender Symptome erzielt werden (www.prevention.psu.edu/projects/PATHS.html).
  • Families and Schools Together (FAST): Auch dieses Programm ist schulbasiert und will elterliche Kompetenzen in der Erziehung verhaltensauffälliger Schüler stärken. Betroffene Eltern kommen dazu acht Wochen lang einmal wöchentlich in der Schule zusammen, tauschen sich während der professionell geleiteten Treffen aus, werden in Erziehungskompetenzen geschult und erhalten Hausaufgaben; anschließend finden die Treffen in Eigenregie statt. Zu den positiven Wirkungen dieser Intervention zählen die Abnahme externalisierender Verhaltensauffälligkeiten und die Verbesserung von Sozialkompetenzen und Schulleistungen (www.familiesandschools.org).

Von den evidenzbasierten Interventionen im Jugendalter sind exemplarisch zu nennen:

  • Multisystemic Therapy (MST): Das Programm verfolgt einen sozioökologischen Ansatz und richtet sich an Jugendliche (und deren Familien) mit schweren Störungen des Sozialverhaltens, Delinquenz und einem hohen Risiko für eine außerhäusliche Unterbringung. Im Rahmen der MST werden vier bis sechs Familien im Sinne eines Casemanagements von einem professionellen Team betreut. Die Therapieziele werden mit den Familien erarbeitet und in Familie, Schule, Nachbarschaft und Freundeskreis umgesetzt. Das Programm führte zu hohen Erfolgsquoten bei der Senkung von Delinquenz und erneutem Arrest sowie der Vermeidung außerhäuslicher Unterbringung (www.mstservices.com).
  • Multidimensional Treatment Foster Care for Adolescents (MTFC-A): Das Programm basiert auf der sozialen Lerntheorie und ist in vielen Bereichen vergleichbar mit der MST. Allerdings verbleibt der Jugendliche beim MTFC-A während der Behandlung nicht in der Herkunftsfamilie, sondern lebt für einige Monate in einer speziell geschulten Pflegefamilie, wo klare Verhaltensregeln eingeübt und Konsequenzen vermittelt werden. Gleichzeitig wird in der Herkunftsfamilie eine familientherapeutische Intervention durchgeführt. Zusätzlich erhalten die Jugendlichen ein soziales Kompetenz- und Problemlösetraining, individuelle Psychotherapie, psychiatrische Hilfen und schulische Unterstützung. Als positive Effekte sind eine deutliche Verringerung der Hafttage sowie Verbesserungen beim Schulbesuch und von Schulleistungen zu nennen (www.mtfc.com).
  • Functional Family Therapy (FFT): Bei diesem Programm führen Familientherapeuten Interventionen zu Hause bei den Jugendlichen und ihren Familien durch. Zunächst steht der Aufbau einer guten therapeutischen Beziehung im Vordergrund, anschließend werden ungünstige Kommunikationsmuster bearbeitet und Problemlöse- und Konfliktmanagementstrategien eingeübt. Durch das Programm konnten erneute Delinquenz oder Inhaftierung wirksam vermieden werden, nicht nur bei den betroffenen Kindern, sondern auch bei deren Geschwistern (www.fftinc.com).

Als Kritikpunkt ist zu nennen, dass Antiaggressions-Programme zunehmend zu teilweise hohen Kosten vermarktet werden und häufig mit aufwendigen, teuren Schulungen durch die Programmentwickler, Wiederholungs- und Auffrischungskursen, Supervisionen sowie Zahlungen jährlicher Lizenzgebühren verbunden sind. Zudem gibt es kaum Erkenntnisse über die kultur- oder ethnienübergreifende Anwendbarkeit und Generalisierbarkeit, und es mangelt in vielen Fällen an systematischen Untersuchungen der Evidenzbasierung und Langzeitwirkungen.

Für die Verbreitung evidenzbasierter Programme ist es unerlässlich, dass sich öffentliche Institutionen und politische Entscheidungsträger dafür einsetzen. In einigen europäischen Ländern ist dies bereits geschehen. Beispielsweise hat Norwegen die MST landesweit etabliert und Voraussetzungen geschaffen, dass evidenzbasierte Präventions- und Interventionsprogramme beforscht und verbreitet werden; ähnliche Einrichtungen gibt es auch in Schweden und Dänemark. Besonders hoch ist das staatliche Engagement in Großbritannien. Dort wurden im Jahr 2007 circa 20 Millionen Euro in eine MST-Multicenterstudie investiert, und die National Academy of Parenting Research wurde mit einer Startfinanzierung von 30 Millionen Euro ausgestattet, um die kostenfreie, landesweite Verbreitung und Evaluation evidenzbasierter Interventionen für Kinder und Jugendliche in schwierigen sozialen Lagen zu fördern.

Im deutschsprachigen Raum sind hingegen bisher nur wenige der genannten Interventionen zu finden. Unter anderem wird im Kanton Thurgau (Schweiz) MST im Rahmen des kinder- und jugendpsychiatrischen Dienstes angeboten, und an verschiedenen deutschen Schulen ist FAST vertreten, allerdings steht eine wissenschaftliche Evaluation noch aus. Darüber hinaus ist das „Training mit aggressiven Kindern“ (siehe Kasten) weit verbreitet. Ansonsten sind kaum entsprechende nationale Einrichtungen oder Konzepte vorhanden, was eventuell auf die dezentrale Struktur der Sozial- und Jugendhilfesysteme und divergierende Vorstellungen von Evidenzbasierungen zurückzuführen ist. „Evidenzbasierte Interventionen bei Kindern und Jugendlichen mit aggressivem Verhalten weisen unter klinischer und gesundheitsökonomischer Perspektive ein großes Potenzial auf, das zumindest in Deutschland noch nicht annähernd erschlossen ist“, so Bachmann und Kollegen. Sie fordern eine Initiative, beispielsweise analog zum Nationalen Zentrum Frühe Hilfen (www.fruehehilfen.de), um die Evidenzbasierung als zentrales Auswahlkriterium für Interventionen einzuführen und eine flächendeckende Etablierung von Programmen zu gewährleisten.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Ansprechpartner:
Dr. med. Christian Bachmann, Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Virchow-Klinikum, Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin, [email protected]

Verschiedene Begriffe

V

  • Oppositionelles Trotzverhalten: Charakteristisch für betroffene Kinder ist unter anderem, dass sie sich häufig streiten und widersetzen, schnell wütend, ärgerlich und beleidigt reagieren, anderen die Schuld geben und boshaft und nachtragend sind.
  • Störung des Sozialverhaltens:
    Es zeigt sich anhand von aggressivem Verhalten gegenüber Menschen und Tieren, Zerstörung von Eigentum, Betrug oder Diebstahl sowie schweren Regelverstößen. Unterschieden werden sechs Typen der Störung.
  • Aggressives Verhalten: Durch dieses Verhalten werden die Rechte anderer grundlegend verletzt, Regeln und Normen werden nicht eingehalten. Betroffene Kinder und Jugendliche bedrohen andere, schüchtern sie ein, schlagen, setzen Gegenstände als Waffen ein und quälen Menschen oder Tiere.
  • Oppositionelles Verhalten: Darunter wird eine generelle Verweigerungshaltung verstanden, die sich vor allem gegenüber Erwachsenen zeigt. Oppositionelles Verhalten wird als provokant, aufsässig, frech und feindselig empfunden. Betroffene Kinder und Jugendliche reagieren boshaft, aber auch empfindlich, sind schnell ärgerlich und wütend, beleidigt und nachtragend. Sie streiten sich häufig mit Erwachsenen und anderen Kindern, halten sich nicht an Regeln, Anweisungen und Absprachen, ärgern andere absichtlich und sind nicht in der Lage, eigenes Fehlverhalten zu erkennen.
  • Dissoziales Verhalten: Es tritt meist erst im Jugendalter auf und umfasst das Zerstören von Eigentum anderer (Brandstiftung, Beschmutzen, kaputt machen), Betrug und Diebstahl (Einbruch, Aufbrechen von Autos, Ladendiebstahl, Lügen) sowie Streunen (nachts nicht nach Hause kommen, die Schule schwänzen).

Training mit aggressiven Kindern

Das „Training mit aggressiven Kindern“ von Prof. Dr. Ulrike Petermann und Prof. Dr. Franz Petermann, tätig am Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen, wurde 1978 zum ersten Mal vom Beltz-Verlag aufgelegt, erschien 2008 in der zwölften Auflage und gilt mittlerweile als Klassiker in diesem Bereich. Es handelt sich um ein gut evaluiertes, sozial-kognitiv-verhaltenstherapeutisches Problemlösetraining für aggressive Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, das als Einzel- oder Gruppentraining, kombiniert mit begleitender Elternarbeit, durchgeführt werden kann. Wesentliche Therapieziele bestehen im Abbau aggressiven Verhaltens, in der Einübung von Ruhe und Entspannung, in einer differenzierten Wahrnehmung, in angemessener Selbstbehauptung als Alternative zu aggressivem Verhalten, in Kooperation, helfendem Verhalten und Selbstkontrolle zur Aggressionshemmung und in Empathiefähigkeit. Das Training folgt evidenzbasierten Leitlinien, kann unter anderem im schulischen und stationären Bereich, in der Kinder- und Jugendarbeit, in der präventiven Elternberatung und kombiniert mit anderen Trainingsansätzen eingesetzt werden und unterstützt unter anderem die Wirksamkeit von Jugendhilfemaßnahmen.

1. Amlund Hagen K, Ogden T, Bjørnebekk G: Treatment outcomes and mediators of parent management training. Journal of Clinical Child and Adolescent Psychology 2011; 40(2): 165–78. MEDLINE 2. Bachmann C et al.: Evidenzbasierte psychotherapeutische Interventionen für Kinder und Jugendliche mit aggressivem Verhalten. Kindheit und Entwicklung 2010; 19(4): 245–54. 3. Foulkrod K: An examination of empirically informed practice within case reports of play therapy with aggressive and oppositional children. International Journal of Play Therapy 2010; 19(3): 144–58. 4. Petermann F, Döpfner M, Schmidt M: Ratgeber aggressives Verhalten. Göttingen: Hogrefe 2001. 5. Petermann F, Petermann U: Training mit aggressiven Kindern. 12. Aufl. Weinheim: BeltzPVU 2008. 6. Rehberg W, Fürstenau U, Rhiner B: Multisystemische Therapie (MST) für Jugendliche mit schweren Störungen des Sozialverhaltens. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2011; 39(1): 41–5. MEDLINE

Aggression bei Kindern

Ein Kind das beißt, schlägt und schimpft ist leider kein seltener Anblick. Welche Aggressions-Typen es gibt, was für Ursachen ihnen zugrunde liegen, und wie man als Eltern oder Erzieher damit umgehen sollte, verrät Mag. Valerie Reich-Rohrwig, klinische- und Gesundheitspsychologin, Zentrum für Beratung und Begleitung des NÖ Hilfswerks, Beratungsstelle Korneuburg.

Man unterscheidet im Wesentlichen drei Arten von aggressivem Verhalten:

Kleinkinder

Diese Verhaltensweisen sind oft die einzige Möglichkeit für Kinder dieses Alters sich gegen unerwünschtes Verhalten ihrer Umwelt zu wehren. Sie können meist noch nicht ausreichend verbalisieren was sie stört. Normalerweise reichen klare Regeln der Eltern, dass hauen, schlagen etc. eben nicht erlaubt ist. Ein „Stopp, so nicht“ bzw. aus der Situation herausgehen – Time Out – helfen.

Aggressives Verhalten, das durch Ereignisse ausgelöst wird.

Krisensituationen verändern das Verhalten von Kindern. Manche reagieren etwa mit Rückzug, andere aber mit Aggression gegen ihre Umwelt. Geschwisterliche Eifersucht, Schulbeginn, Umzug, Trennung der Eltern, Tod sind Lebensereignisse, die für Kinder belastend sind und die Verhaltensänderung ist ein Hilferuf, den man nicht ignorieren bzw. als „schlimmes Benehmen“ abtun sollte. Die Situation muss sich ändern, damit das aggressive Verhalten in den Hintergrund rückt.

Aggressives Verhalten durch Nachahmung

Der Mensch lernt von Vorbildern. Kinder, die in ihrem nahen Umfeld vornehmlich beobachten, dass Konflikte durch Gewalt und Aggression gelöst werden, kopieren es und setzten ihre Sprache anders ein.

Auch Verhaltensweisen, die aus den Medien (TV, PC Spiele) unlimitiert konsumiert werden dürfen, regen die aggressive Phantasie an.

Es ist demnach wichtig das eigene Konfliktlösungsverhalten und das der Peer Group zu überdenken, sowie den Medienkonsum altersgerecht zu gestalten.

Kommen Kinder mit aggressivem Verhalten in die Familienberatungsstellen, wird zuerst ein Elterngespräch zur genauen Analyse der Ist-Situation geführt. Die Beraterin konzipiert anschließend (auch meist nach genauer klinischer Diagnostik) ein Beratungskonzept und bietet:

  • Einzelbetreuung
  • soziales Kompetenztraining in der Gruppe
  • manchmal auch Kinderpsychotherapie an

Immer aber wird parallel auch mit den Eltern gearbeitet, da auch zu Hause neue Regeln und Rituale geschaffen werden müssen, damit dem Kind Lösungsvorschläge angeboten werden können, die über körperliche und verbale Gewalt hinausgehen.

Wann sind Aggressionen bei Kindern normal – und wann nicht?

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Berlin. Der Tag hat mal wieder zu wenige Stunden, schnell müssen noch die Einkäufe erledigt werden. Das Kind hat keine Lust, ist quengelig. Und als ihm im Supermarkt dann auch noch die Kekse verwehrt werden, schreit es wie am Spieß.

Für die Eltern ist eine solche Situation unangenehm, vor allem, wenn das Geschrei noch mit einem Sitz- oder Liegestreik verbunden wird, aber sie wissen ja: Es hört wieder auf. Doch was, wenn ein Kind seinen Frust nicht nur auf diese Weise äußert? Was, wenn es um sich schlägt oder tritt? Was, wenn es im Kindergarten immer öfter mit Gewaltausbrüchen reagiert, sobald ihm etwas nicht passt?

Kinder wollen Grenzen austesten

Dass Kinder sich ärgern, streiten und dabei laut werden, ist zunächst einmal vollkommen normal. „Jeder Mensch, der in einem sozialen Kontext steht, testet dessen Grenzen aus – auch Kinder tun das“, sagt Prof. Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und Leiter der Abteilung für Psychosomatik des Altonaer Kinderkrankenhauses (AKK). Dabei geht es darum, die Regeln kennenzulernen und seine Einflussmöglichkeiten auszuprobieren – mit Bösartigkeit hat das nichts zu tun.

Auch ein Kleinkind, das im Affekt jemanden schlägt oder tritt, muss nicht zwangsläufig ein Gewaltproblem entwickeln. „Wichtig ist, dass es sich um Einzelaktionen handelt“, so Schulte-Markwort. Denn erst regelmäßige Aggressionen verbaler und körperlicher Natur, ständiges Schlagen, Schreien oder große Zerstörungswut sind bedenkliche Verhaltensweisen.

Jungen häufiger betroffen als Mädchen

In der Psychiatrie werden sie meist als „Störung des Sozialverhaltens“ eingeordnet. Etwa sieben bis acht Prozent der Kinder sind davon betroffen, Jungen wesentlich häufiger als Mädchen. Nach seiner Einschätzung sei diese Zahl in den vergangenen Jahren nicht gestiegen, sagt Schulte-Markwort, im Gegenteil: Heutzutage könne schneller und besser gegengesteuert werden, weil Jugendämter und andere öffentliche Stellen gut informiert seien.

Primär seien aggressive Verhaltensweisen „ein Produkt der Umwelt, weniger des Charakters“, sagt der Kinderpsychiater. So sind vor allem Kinder gefährdet, die in „schwierigen Verhältnissen“ aufwachsen, zu Hause selbst Gewalterfahrungen machen, harte Zurückweisungen erleben oder unter fehlender Akzeptanz und Zuneigung leiden. „Unter verwahrlosenden Bedingungen kann fast jedes Kind aggressiv werden“, sagt Schulte-Markwort.

Betroffene neigen zu heftigen Gefühlsausbrüchen

Gewaltverherrlichende Videospiele oder grausame Internetfilmchen könnten daran ihren Anteil haben, seien aber nie die einzige Erklärung für aggressives Verhalten.

In einem liebevollen Elternhaus würden Kinder in der Regel keine Aggressivität entwickeln, so der Experte. Tun sie es doch, steckt meist eine sogenannte „affektive Dysregulation“ dahinter: Betroffene neigen zu heftigen, auch aggressiven Gefühlsausbrüchen.

Betroffene Kinder leiden unter eigenem Kontrollverlust

Während Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens ihre Gewalt meist als legitime Reaktion auf das Verhalten anderer betrachten, erleben Kinder mit affektiver Dysregulation ihre Aggressionen als Kontrollverlust, unter dem sie leiden.

Erst 2013 wurde die affektive Dysregulation als eigenständiges Krankheitsbild in die internationale Klassifikation psychischer Störungen (DSM) aufgenommen; zwar gibt es Überschneidungen mit anderen psychischen Störungen, die Symptomatik im Ganzen ließ sich jedoch keinem definierten Krankheitsbild zuordnen.

Wenn Aggressionen chronisch werden

Schon Kinder im Kleinkindalter können durch übergriffiges Verhalten, etwa Kneifen oder Beißen, auffallen. Lässt sich das Ganze nicht als Affekthandlung einstufen, kommt es womöglich sogar immer wieder vor, dürfe man das nicht als „Phase“ abtun, so Schulte-Markwort: „Aggressive Verhaltensweisen haben die unangenehme Eigenschaft, schnell zu chronifizieren.“

Er appelliert an das „Expertentum der Eltern“: Wenn ihnen etwas merkwürdig erscheine oder sie entsprechende Rückmeldungen aus dem Kindergarten erhielten, sollten sie das ernst nehmen und reagieren. Denn nur wenige Kinder zeigen die Störung des Sozialverhaltens ausschließlich im familiären Rahmen, die meisten lassen ihren Aggressionen eher außerhalb der Familie freien Lauf.

Therapie mit zunehmendem Alter immer schwieriger

Während derartige Probleme bei Kleinkindern eher selten sind, können sie im Vorschulalter, bei Vier- oder Fünfjährigen, schon deutlicher in Erscheinung treten und manifestieren sich mit etwa acht bis zehn Jahren. „Etwas später sind sie oft bereits chronifiziert“, sagt Schulte-Markwort.

Da es sich um eine „stabile Verhaltensstörung“ handele, werde die Therapie mit zunehmendem Alter des Kindes immer schwieriger. „Im Jugendalter kommt bei vielen dann das Problem Delinquenz hinzu“ – die Tendenz zur Straffälligkeit.

Sanktionen sind der falsche Weg

Eltern sollten den Verhaltensauffälligkeiten allerdings nicht mit Sanktionen begegnen, sondern gemeinsam mit dem Kind nach Ursachen suchen. Umgekehrt sollten sie dem Kind bei alternativem Verhalten viel positiven Zuspruch geben. Bekommen sie allerdings die aggressiven Tendenzen nicht in den Griff, sollten sie schnell Hilfe suchen, etwa bei Erziehungsberatern, Kinder- und Jugendpsychiatern oder -psychotherapeuten.

Im Alter von ungefähr zwei Jahren lernen Kinder, wie Sozialverhalten funktioniert. Die ersten Grenzen werden ausgetestet und das Bedürfnis, sich durchzusetzen, wächst. Je nach Temperament und Lebenssituation ist in dieser Phase ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes aggressives Verhalten zu beobachten. Entwickelt sich die verstärkte frühkindliche Aggression jedoch zu blinder Zerstörungswut und werden Menschen und Gegenstände zur Projektionsfläche, wird die Situation zur Belastung für die gesamte Familie. Auffälliges Handeln kommt bei Jungen im Allgemeinen drei- bis viermal häufiger vor als bei Mädchen. Jungen und Mädchen bringen ihre Aggressivität unterschiedlich zum Ausdruck: Während Jungen um sich schlagen, äußert sich aggressives Verhalten bei Mädchen häufig in Beschimpfungen, Beleidigungen und im fortschreitenden Alter in gezielten Kränkungen. Wissenschaftler sind dem Ursprung des Phänomens gesteigerter Aggressivität bei Kindern auf die Spur gekommen. Die Verhaltensmuster aggressiver Kinder werden bereits durch genetische Anlagen beeinflusst. So kann man bei Familien auffälliges Gebaren über viele Generationen hinweg beobachten. Zu einem weitaus größeren Teil wird das Verhalten aggressiver Kinder jedoch durch das Umfeld beeinflusst. Das Gebaren wird aufrechterhalten, wenn es sich lohnt:

  • Das Kind erreicht mit dem Tun sein Ziel. Beispiel: Durch einen Wutanfall vor dem Süßigkeitenregal wird die Mutter zum Kauf eines Schokoriegels gedrängt. Sie möchte kein Aufsehen erregen und gibt schnell nach. Dadurch verstärkt sie das negative Verhalten ihres Sohnes, denn er hat gelernt, dass sich ein Wutanfall für ihn lohnt. Seine Toleranzschwelle wird zukünftig immer geringer.
  • Das Kind bemerkt, dass es durch sein Agieren unangenehmen Situationen entgeht. Beispiel: Die Mutter sagt ihrer Tochter, sie solle ihr Zimmer aufräumen. Als Reaktion weint das Mädchen so lange, bis die Mutter einlenkt und selbst die Arbeit übernimmt. Die Konsequenz: Das aggressive Kind lernt, dass es sich durch einen Wutanfall oder Weinen vor einer unangenehmen Aufgabe drücken kann. Obendrein erhält es keine Strafe. Auch dieses Handeln hat sich gelohnt und wird in Zukunft wiederholt auftreten.
  • Nicht zu unterschätzen sind Probleme im Elternhaus. Vater und Mutter sind in vielerlei Hinsicht Vorbild für ihre Kinder. Verhaltensmuster, die von einem oder beiden Elternteilen vorgelebt werden, werden oft von aggressiven Kindern übernommen. Gerade Jungen unterliegen oft einem verzerrten Bild der Männerrolle, bei dem zum Beispiel der schlagende Vater Macht besitzt. Dieses Benehmen wird kopiert.

Auch Uneinigkeit in der Erziehung verwirrt Kinder. Ihnen fehlt eine Leitlinie, an der sie sich orientieren können. Fehlen klare Strukturen im Elternhaus, kann das Kind aggressiv werden. Auf der emotionalen Ebene entstehen Stresssituationen, wenn das Kind von Gleichgültigkeit umgeben ist oder mit Liebesentzug bestraft wird. Diese Verhaltensweisen Erwachsener verstehen Kinder nicht. Sie wollen geliebt werden. Ähnlich verhält es sich bei häufig wechselnden Beziehungen der Eltern oder mangelndem Kontakt zu einem Elternteil. Hier fehlen die Bezugspersonen und damit die Sicherheit im Leben. Tobsuchtsanfälle aggressiver Kinder sind oft ein Zeichen von Hilflosigkeit. Erziehungsfehler, wie grenzenlos eingeräumte Handlungsfreiheit oder übermäßiger Fernsehkonsum führen nicht selten zu Auffälligkeiten. Auch hier fehlen die Sicherheit gebenden Grenzen, an denen sich das Kind orientieren kann.

Hilfe für aggressive Kinder

Unabhängig von der Ursache können Eltern negatives Handeln ihrer Kinder durch Verhaltenstraining erfolgreich abbauen.

  • Entspannung Die physische und psychische Anspannung, in der aggressive Kinder leben, ist enorm. Um die Rastlosigkeit abzubauen, erfordert es sehr viel Training. Hilfreich sind Entspannungsübungen. Autogenes Training, meditative oder progressive Muskelentspannung lösen Blockaden. Für einen erfolgreichen Aggressionsabbau sollte der Nachwuchs täglich gezielte Übungen machen. Beispiel: Als allabendliches Ritual vor dem Schlafengehen hören Eltern gemeinsam mit ihren Kindern eine Entspannungs-CD.
  • Alternatives Handeln Aggressive Kinder leiden an einer undifferenzierten Wahrnehmung ihrer Umwelt. Sie verstehen die Signale, die andere ihnen senden, nicht. Die Verhaltensmuster anderer erkennen und deuten zu lernen, ist die Voraussetzung für das Verständnis anderer. Zusätzlich müssen Alternativen zum streitsüchtigen und gewalttätigen Verhalten trainiert werden. Dadurch lernt das Kind neben der Einschätzung der Situation, wie es richtig reagiert. In leichten Rollenspielen lernen bereits kleine Kinder ein der Situation angemessenes Verhalten. Autoritäres Schlichten dagegen erzielt keinen Lerneffekt.
  • Selbstwertgefühl stärken Das Selbstbewusstsein aggressiver Kinder ist meist wenig ausgeprägt. Sie versuchen, sich durch auffälliges Verhalten gegenüber anderen zu behaupten und meinen, ihre Interessen auf diese Art und Weise durchsetzen zu können. Aggressive Kinder sind auf Stärkung und Lob durch ihre Eltern und ihr Umfeld angewiesen. Sie müssen erfahren, dass sie wertvoll sind und positives Agieren belohnt wird.
  • Selbstkontrolle erlernen Aggressiven Kindern, die in ihrem bisherigen Leben vieles durch Gewalt gelöst haben, fällt es schwer, an die Macht des gesprochenen Wortes zu glauben. Sie lösen ihre Probleme durch körperliche Überlegenheit. Die Erziehung zur Selbstkontrolle durch Nutzung der geistigen Fähigkeiten wird für aggressive Kinder eine neue Erfahrung sein. Konsequenz ist dabei äußert wichtig. Nur, wenn kein Fehlverhalten toleriert wird und Kinder immer wieder zur Selbstkontrolle angehalten werden, lassen sich Kinder auf die neue Erfahrung ein. Rollenspiele helfen beim Erreichen des Ziels.
  • Einfühlungsvermögen schulen Eine Situation objektiv zu beurteilen, ist nicht leicht. Um dies zu tun, muss man in der Lage sein, sich in andere hineinzuversetzen. Aggressive Kinder besitzen diese Fähigkeit nicht. Um das Einfühlungsvermögen zu schulen, sollten Eltern sich zusammen mit ihren Kindern mit Gefühlen auseinandersetzen. Was bedeutet Angst und Fröhlichkeit? Wie reagiere ich, wenn ich traurig oder ängstlich bin? Regen Sie Ihr Kind an, sich mit der Mimik anderer auseinanderzusetzen. Welche Gefühle kann ich in einem Gesichtsausdruck lesen?

Aggressive Kinder brauchen Grenzen

Nachdem die Kinder einen gewaltfreien Umgang mit Problemen erlernt haben, sollte im Elternhaus der Grundstein für eine glückliche Kindheit gelegt werden – durch einen klaren Erziehungsstil mit festen Regeln und Grenzen, die den Kindern die Sicherheit geben, die sie in ihrem jungen Leben benötigen. Das verlangt von den Eltern einen bewussten Umgang mit ihren Kindern und die Disziplin, nicht in alte Verhaltensmuster zurückzufallen.

Umgang mit aggressiven Konflikten bei Kindern von null bis drei Jahren in der Krippe

Katrin Correll

Max schlägt, Lea schubst, Tim beißt, Anna boxt oder Jakob tritt.

Jede Krippenmitarbeiterin kann dies täglich beobachten. Diese Situationen sind keine Seltenheit. Einzelne Kinder können durch ihr unkontrolliertes Verhalten jegliche pädagogische Arbeit unmöglich machen, da die ganze Kraft für ihre „Bändigung“ vonnöten ist. Auch wenn dies oft nur kurze Phasen sind, so leiden doch alle.

Ich möchte mich mit der Frage beschäftigen: Wie reagiere ich als Betreuerin auf aggressives Verhalten von Krippenkindern? Wie greife ich im konkreten Konfliktfall ein? Sind Bestrafungen sinnvoll? Und soll sich der „Täter“ entschuldigen?

Um den Umgang mit Aggressionen im Kleinkindalter näher zu beleuchten, möchte ich auf die Konfliktmotive von Kleinkindern eingehen, da diese sich deutlich von denen älterer Kinder unterscheiden und ein geeignetes Eingreifen das Verstehen der kindlichen Sichtweise voraussetzt. Im Anschluss folgt die richtige Intervention bei aggressivem Verhalten. Hier erläutere ich zum einen klare Regeln, wie man sich verhalten sollte, zum anderen aber auch, dass nicht alle Situationen gleichermaßen gelöst werden können. Wie wichtig Prävention ist, füge ich als Abschluss hinzu.

Weshalb kommt es bei Kleinkindern zu Konflikten?

Eine Studie von Schweizer Entwicklungsforschern (Simoni u.a. 2008 in Haug-Schnabel 2009, S. 53) hat sich mit dem Konfliktverhalten bei Kindern im Alter von 8 bis 22 Monaten beschäftigt. In den Untersuchungen hat sich deutlich gezeigt, dass sich Konflikte aus ganz anderen Motiven ergeben als dies bei älteren Kindern der Fall ist. In dem Buch „Aggressionen bei Kindern“ werden die zentralen Ergebnisse der Schweizer Studie zusammengefasst.

  • Bei acht Monate alten Kindern waren zwei Hauptmotive festzustellen, zum einen die unterbrochene Handlung: Hier war es für die Kinder nicht möglich, die gewollte Aktivität weiter auszuführen. Kinder wollen das Objekt, mit dem sie gespielt haben, zurückbekommen. Hierbei kommt es aber nicht zu aggressivem Verhalten dem Spielpartner gegenüber, es ging den Kindern ausnahmslos darum „nur ihr Objekt wiederzuerlangen, um ihre unterbrochene Aktivität fortzusetzen“ (Haug-Schnabel 2009, S. 54). Auch wurde das Spielzeug im Anschluss immer selbst benutzt. Hatte das Kind das Interesse am Objekt verloren, war somit auch der Konflikt beendet. Besitzverständnis spielt in diesem Alter noch keine Rolle, da hierzu eine „bewusste Ich-Andere-Unterscheidung (Selbstrepräsentation) vorausgesetzt wird, mit der erst im Alter ab 18 Monaten zu rechnen ist“ (Haug-Schnabel 2009, S. 54). Das Objekt ist zentrales Interesse. Das Kind hat gelernt, bestimmte Dinge zu sehen und gezielt danach zu greifen. Hier geht es darum, die „visuelle Welt mit der taktilen Welt zu koordinieren“ (Hédervári-Heller 2011, S. 38).
  • Zum anderen die Neugierde und das Explorationsverhalten: Kinder entdecken Dinge bei Anderen – Dinge, die ihr Interesse wecken. Sie versuchen, es den anderen wegzunehmen. Hier geht es wiederum aber nicht um Besitzbedürfnis oder Eifersucht, diese „würden höhere kognitive und sozialemotionale Fähigkeiten voraussetzen, während Exploration nachweislich eine Basismotivation bedeutet, die von Geburt an vorhanden ist“ (Haug-Schnabel 2009, S. 55). Ein Objekt, das ein anderes Kind in der Hand hat, ist besonders attraktiv, weil es bewegt wird. Dabei ist die Aufmerksamkeit auf sich Bewegendes entwicklungspsychologisch gesehen zweifellos eine Anpassungsleistung, die notwendig für das Überleben war (vgl. Bensel/ Haug-Schnabel 2008, S. 17). Dies heißt nicht, dass nicht bereits im Säuglingsalter ein „soziales Interesse an anderen Kinder besteht“ (Haug-Schnabel/ Bensel 2007, S. 24), sondern hier geht es vielmehr um gegenseitige Nachahmung, die nicht selten ein Objekt betrifft, das beide Kinder explorieren möchten.
  • Ab einem Alter von 14 Monaten kommen weitere Konfliktmotive hinzu, allen voran die erweckten Bedürfnisse: Eine typische Situation wäre in diesem Fall, dass ein Kind, das ein Anderes beobachtet, wie es aus seiner Trinkflasche trinkt, und dann versucht, die Flasche selbst zu bekommen. Es geht hier in erster Linie darum, „das Nächstliegende zu tun, um sein Bedürfnis möglichst schnell zu befriedigen“ (Haug-Schnabel 2009, S. 55). Sobald das Bedürfnis befriedigt ist, wird das Objekt uninteressant.
  • Jetzt kommt auch der Wunsch auf, etwas zu bewirken: Die ersten Ansätze der Selbstrepräsentation lassen sich erkennen. Kinder sehen sich selbst als Verursacher. „Das Kind entwickelt ein neues Empfinden davon, wer es selbst und wer sein Gegenüber ist und welche Interaktionen nun stattfinden können“ (Steudel 2008, S. 62). Langsam beginnt das Kind, Interesse am Konfliktpartner zu bekommen. Die Reaktion des Anderen wird beobachtet und erforscht und die mögliche Einflussnahme geprüft.
  • Im Alter von etwa 22 Monaten kommen weitere Konfliktthemen hinzu: In diesem Alter fangen Kinder an, ihren Besitz einzufordern und zu verteidigen. Viele Kinder verwenden zunehmend das Pronomen „mein“ (vgl. Haug-Schnabel/ Bensel 2007, S. 18). Sie umarmen Objekte oder horten Spielsachen, auch ohne mit ihnen zu spielen. Jetzt ist es den Kindern wichtig, bestimmte Dinge zu haben.
  • Etwa zum gleichen Zeitpunkt haben die Schweizer Forscher das Thema Hierarchie bei Kindern festgestellt; Kinder kämpfen teils erbittert um Gegenstände. Sie wollen die alleinige Entscheidung über ihre Spielsachen. „Hier beginnt aggressive soziale Exploration, denn das eigentliche soziale Ziel solcher Konflikte ist es, sich einen besseren Platz in der Rangordnung zu sichern, der dadurch gekennzeichnet ist, möglichst viel zu sagen zu haben“ (Haug-Schnabel 2009, S. 37).
  • Ein weiteres Konfliktmotiv ist die Kontakt- und Erregungssuche: Die aggressiven Verhaltensweisen dienen dazu, auf sich aufmerksam zu machen und somit mit anderen Kindern und Erzieher/innen in Kontakt zu kommen. Einsamkeit oder auch Langeweile können der einfache Grund dafür sein. So erhalten Kinder zumindest irgendeine Art der Zuwendung, die ihnen in manchen Fällen besser erscheint als gar keine Reaktion (vgl. Schmidt-Lack 2000, S. 88).

Das interessante Ergebnis dieser Studie ist, dass das Eingreifen von Seiten der Betreuer nicht berücksichtigt wird, dass das Bedürfnis nach Exploration oft Motiv für Konflikte ist. Um adäquat mit dem Verhalten von Kleinkindern umzugehen und die richtigen Maßnahmen zu treffen, sollte man sich über die Motive bewusst werden und nicht – schlimmstenfalls – Kinder für ihre Neugierde bestrafen.

Entwicklungspsychologischer Hintergrund: die Theory of Mind

Hierbei handelt es sich um die Theorie, ab wann Kinder verstehen, dass andere Menschen Unterschiedliches fühlen, denken oder wissen. Es geht um grundlegende kognitive Fähigkeiten bei Kindern, die ein Verständnis für Konflikte und deren Bewältigung voraussetzen. „Unter der Theory of Mind wird die Fähigkeit verstanden, die eigenen geistigen Zustände und die anderer zu verstehen“ (Kain u.a. 2006, S. 21). In welchem Maße sind nun aber Kinder unter drei überhaupt in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen, geschweige denn zu verstehen, dass das, was sie denken, fühlen und wollen, sich von ihrer Umwelt unterscheidet?

Die Entwicklungspsychogen Bartsch und Wellmann gehen davon aus, dass Kinder erst im Alter von vier bis fünf Jahren über die Fähigkeit verfügen zu erkennen, dass andere Menschen einen eigenen Kopf und eigene Gedanken besitzen (zitiert nach Smith u.a. 2007, S. 109). Allerdings gibt es hierzu widersprüchliche Aussagen. Der Hessische Bildungsplan verweist auf andere Untersuchungen, die davon ausgehen, ein Kind wäre schon viel früher in der Lage, seinem Gegenüber eigene Gefühle zuzuordnen (vgl. Bildungs- und Erziehungsplan, 2010, S. 61). Hartmut Kasten (2008, S. 83) schreibt in seinem Buch „Soziale Kompetenzen“, dass verstandesmäßige Perspektivenübernahmen erst in der zweiten Hälfte des vierten Lebensjahres möglich sind, da erst zu diesem Zeitpunkt entsprechende Großhirnbereiche ausgebildet sind. Empathie, also Gefühlansteckung, ist allerdings bereits wesentlich früher möglich.

Deshalb ist es wichtig, sich bei der Lösung von Konflikten in der Krippe immer wieder zu vergegenwärtigen, dass Kinder im Kleinkindalter über viele Fähigkeiten noch nicht verfügen: etwa, die Wirkung des eigenen Verhaltens auf andere vorauszusehen, Missverständnisse zu verstehen oder Handlungen Anderer auf zugrunde liegende Absichten zurückzuführen. Dieses Wissen ist die entscheidende Grundlage des pädagogischen Verhaltens im Konfliktfall.

Wie intervenieren im Konfliktfall?

Die meisten Kinder kommen im Alter zwischen neun Monaten und dem ersten Geburtstag in die Krabbelstube. Diese Zeit ist vor allem durch die rasant wachsende Bewegungsentwicklung gekennzeichnet. Ein Kind, das anfangs nur robbend und drehend wenige Meter weiter kommt, kann wenige Monate später aufrecht gehen und, wenn auch oft noch unsicher, schnell laufen. Jetzt ist es dem Kind möglich, seine Umwelt selbst zu erkunden. Dies führt dazu, dass „aufgrund der gestiegenen Beweglichkeit, der stärkeren Kraftentfaltung, der größeren Fingerfertigkeit sowie des immer gewitzteren Einsatzes von Hilfsmitteln zum Ende des ersten Lebensjahres Verbotsübertritte und Aggressionen immer häufiger werden“ (von Salisch 2000, S. 64).

Schnelles Eingreifen im Konfliktfall

Aber wie gehe ich damit um, wenn die Kinder aufeinander einschlagen, sich die Sachen gegenseitig aus der Hand reißen und zeitweise zur Gefahr für ihr gesamtes Umfeld werden? Wie kann man ihnen helfen, schnell und bestenfalls ohne Schaden für sich und die Anderen wieder in den Krippenalltag zurückzufinden?

Die wichtigste Regel hierfür ist: Fehlverhalten hat Konsequenzen. Kinder erwarten, dass der Erwachsene stärker ist und die Situation im Griff hat. „Bei Unsicherheit benutzen Kinder das emotionale Signal ihrer Bezugspersonen als Orientierung für ihr eigenes Verhalten. Dies dient dazu, am Wissen der Erwachsenen teilzuhaben und dies für die Steuerung des eigenen Verhaltens zu nutzen“ (von Salisch 2000, S. 62). Das heißt also, schnell und eindeutig von Erwachsenenseite einzugreifen: die Kampfhandlung zu beenden, indem man sich zwischen die beiden Kinder stellt. Und am besten auf Augenhöhe mit ihnen deutlich und bestimmt, aber doch ruhig zu sprechen. Am besten ist es, sie dabei zu halten oder zumindest zu berühren. Auch ist es sinnvoll, die Kinder mit Namen anzusprechen. Dies signalisiert, dass man genau dieses Kind meint. Es ist wichtig, den Kindern zu zeigen, dass man als Erwachsener die Sache überblickt und einen Ausweg kennt (vgl. Haug-Schnabel 2009, S. 118).

Aber auch bei dieser akuten Notfallversorgung darf man das individuelle Bedürfnis der einzelnen Kinder nicht außer Acht lassen. Nicht alle Kinder ertragen in dieser Situation Berührung, und es würde bei ihnen weitere Aggressionen hervorrufen, wenn man versuchen würde, sie unbedingt festzuhalten. Andere brauchen genau jetzt viel Nähe und suchen den Schoß oder zumindest die Hand der Bezugsperson.

Klares Nein und deutliche Grenzen

Kinder brauchen ein klares, deutliches „Nein“, das ihnen Grenzen zeigt – ihre eigenen und die ihrer Spiel- und Interaktionspartner. Ein „Nein“ ohne Liebesentzug und ohne geschmälerte Wertschätzung. Kinder im Krabbelstubenalter erweitern durch Neugier und Explorationsfreude ihre Aktionsgrenzen. Sie versuchen, ihren Handlungsspielraum stetig zu vergrößern. Exploration ist Lernen. Gerade im Hinblick darauf ist das „Nein als hochprozentiges ‚Medikament‘ zu verstehen und auch so einzusetzen“ (Haug-Schnabel 2009, S. 134). Bekommen die Kinder in jeder Situation – ohne auch nur die Grenze zu kennen, die sie erreicht haben – schon das „Nein“ zu hören, gewöhnen sie sich daran, überhören es und reagieren kaum mehr darauf. „Nein“ sollte den Situationen vorbehalten sein, die Gefahr bedeuten, oder als Reaktion auf aggressives, nicht zu duldendes Verhalten erfolgen. Kinder sehen dabei ihre Betreuungspersonen in der Regel zunächst an und dann wieder weg. Dabei prüfen sie die Ernsthaftigkeit und Klarheit eines Verbotes, etwa indem sie beispielsweise nochmals zuhauen (vgl. von Salisch 2000, S. 64). Eine deutliche Reaktion von Seiten der Bezugsperson, die namentliche Ansprache und ein reduziert eingesetztes unmissverständliches Nein, erhöht die Wirksamkeit und führt eher zur Einhaltung.

Gabriele Haug-Schnabel (2009, S. 135) verweist in ihrem Buch „Aggressionen bei Kinder“ auf Untersuchungsergebnisse, die belegen, dass Bezugspersonen, die weniger verbieten, folgsamere Kinder haben. Grund dafür scheint zu sein, dass Erwachsene, die das eigenständige Erkunden der Kinder nicht als lästig, sondern als altersgemäßes Bedürfnis verstehen, Kindern den nötigen Raum geben, dies auszuleben. Das führt zur positiven Bestärkung – die beste Möglichkeit, Verhalten gezielt zu verändern. Ein kindgerechtes, altersgemäßes Umfeld lässt die Bedürfnisse kleiner Kinder zu, ohne von vornherein überall Grenzen zu setzen. Wenige, dafür aber einfache, eindeutige Regeln geben Orientierung. So können bereits zehn Monate alte Kinder auf Ge- und Verbote reagieren. „Sie willigen ein, sie müssen nicht folgen – ein interessanter Unterschied“ (Haug-Schnabel 2009, S. 135).

Individuell eingreifen

Kinder sind unterschiedlich. Der Altersunterschied der Kinder in der Krippe beträgt zwar höchstens 2,5 Jahre, trotzdem können die Differenzen kaum größer sein. Zwischen einem neun Monate alten Säugling und einem Kind, das kurz vor dem Kindergartenstart steht, liegen Welten. Der Säugling kann sich kaum allein vom Fleck bewegen und braucht jemanden, der ihn füttert, trägt und in den Schlaf wiegt – das baldige Kindergartenkind erzählt mittlerweile ganze Geschichten, geht selbständig zur Toilette und spielt erste Brettspiele (vgl. Haug-Schnabel/ Bensel 2008, S. 18 f.). Eines lässt sich aber auf jeden Fall sagen: „Je jünger ein Kind, umso kurzfristiger kalkuliert es und lässt negative Konsequenzen außer Acht“ (Schmidt-Lack 2000, S. 113).

Aber nicht nur bezüglich des Alters unterscheiden sich die Kinder gewaltig voneinander. Eine individuelle Besonderheit, die schon früh in der Entwicklung zu beobachten ist und relativ stabil bleibt, ist das Temperament. Die verschiedenen Temperamente gehen unterschiedlich mit Konflikten um, bewältigen sie anders:

  • Schüchterne, gehemmte Kinder. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie Konflikten – wann immer möglich – aus dem Weg gehen. Sie werden selten aggressiv und wehren sich seltener. Diese Kinder benötigen Bezugspersonen, die ihnen Mut machen.
  • Kinder, die negative Emotionalität an den Tag legen. Die Tendenz zu Konflikten ist hier eher häufig. Kinder reagieren manchmal übermäßig in unbedeutenden Situationen. Diese Kinder brauchen wachsame Bezugspersonen, die notfalls schnell eingreifen (vgl. Kain 2006, S. 18).
  • Kinder mit positiver Emotionalität (Soziabilität) sind sehr beziehungsorientiert. Sie sind eher kompromissbereit und einsichtig. Konflikte treten selten auf. Sie benutzen früh verbale Lösungsstrategien. Als Bezugsperson braucht man nicht immer sofort eingreifen (vgl. Weymann 2011, o.S.).
  • Kinder mit niedriger Anpassungsfähigkeit sind schnell gereizt und weinen rasch. Konflikte sind hier oft schwer zu lösen. Sie brauchen viel Unterstützung.
  • Ein weiteres Temperamentsmerkmal ist die hohe motorische Aktivität bei Kindern. Hier kommt es häufiger zu Konflikten, gerade durch schnelle und unbeabsichtigte Handlungen. Hier ist es Erziehungsaufgabe, die unruhigen, impulsiven Kinder sanft zu bremsen (vgl. Kain u.a. 2006, S. 16).

Die Individualität der Kinder in einer Krippe zu erkennen, erfordert eine intensive Beobachtung, ist aber von entscheidender Bedeutung im Umgang mit kindlichen Konflikten.

Emotionalen Zustand der Kinder erkennen

Eine gute Betreuer-Kind-Beziehung trägt zur Lösung von Konflikten bei. Kinder benutzen die Informationen, die ihnen vermittelt werden, um Ereignisse zu verstehen, die für sie mehrdeutig sind oder ihre eigenen Fähigkeiten der Bewertung übersteigen. Diese soziale Bezugnahme wird „Affektabstimmung“ genannt. Voraussetzung für das Funktionieren dieser Art von Abstimmung ist die Fähigkeit der Bezugsperson, den emotionalen Zustand des Kleinkindes am Verhalten abzulesen. Außerdem muss sich sein Verhalten direkt und für das Kind erkennbar auf es beziehen (vgl. von Salisch 2000, S. 63).

Damit diese soziale Bezugnahme funktioniert, ist eine gute und sichere Bindung zu einer Betreuungsperson von Nöten. Feinfühliges Reagieren auf kindliche Bedürfnisse ist hierfür eine gute Voraussetzung. Dazu gehört es, die Signale des Kindes wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren und prompt und angemessen auf sie zu reagieren (vgl. Hessischer Bildungs- und Erziehungsplan, 2010, S. 22). Kinder brauchen die Gewissheit eines kompetenten, ihnen zugewandten Erwachsenen, der sie im Konfliktfall nicht allein lässt. Gerade in der frühen Kindheit bedarf es für die gesunde Entwicklung Nähe, Regelmäßigkeit, Stabilität, Kontinuität und Gegenseitigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen (vgl. Schmidt-Lack 2000, S. 119).

Konsequenz ohne Bestrafung

Disziplinierungsmaßnahmen und negative Sanktionen haben gerade in der Krabbelstube bei Kleinkindern eher den Sinn, den Rest der Gruppe vor einem Kind zu schützen, falls es nicht anders möglich ist. Ansonsten sollte Abstand genommen werden von subtilen Maßnahmen wie Vorenthaltung von Zuwendungen, Liebesentzug, aber auch Kritik oder gar Bloßstellung. Diese Interventionen erweisen sich in der Praxis als kontraproduktiv. „Man muss hier darauf hinweisen, dass eine Bestrafung des Übeltäters zu einer Verfestigung des Fehlverhaltens führen kann“ (Weymann 2011, o.S.). Hier wird nicht das kindliche Verständnis für die Notsituation oder Hilfsbedürftigkeit der anderen gefördert, sondern erzeugt beim Kind negative Reaktionen wie Schuldgefühl, Trotz, Angst und Verunsicherung (vgl. Kasten 2008, S. 87). Dadurch kann erneut aggressives Verhalten entstehen.

Kleinkinder brauchen in solchen Situationen ihre Bezugspersonen als sichere Basis. Es braucht die Erfahrung, sich in emotionaler Not auf einen Erwachsenen verlassen zu können. Auf eine „Strafbank“ gesetzt zu werden, verstärkt in diesem Alter nur das Gefühl des Verlassenseins (vgl. Hédervári-Heller 2011, S. 114). Bestrafungen als solche beschneiden nur das natürliche Bedürfnis nach Exploration. Das heißt aber keinesfalls, dass Fehlverhalten keine Konsequenzen haben soll. „Nur das Setzen konsequenter, aber auch einsichtiger Grenzen schafft die so wichtigen klärenden Verhältnisse, in denen ein Kind handlungs- und dadurch entscheidungsfähig wird“ (Haug-Schnabel 2009, S. 134).

Wie Konflikte verhindern?

Prävention bezeichnet den Versuch, Probleme zu verhindern, und zwar bevor sie entstehen. „Prävention beschäftigt sich vorauseilend mit etwas, was noch gar nicht existiert“ (Haug-Schnabel 2009, S. 64). Wenn dem Kleinkind vermittelt werden kann, dass es vorteilhaftere und wesentlich geeignetere Wege gibt als zuzuschlagen, wird sich auch sein Konfliktverhalten verändern.

Angemessene Maßnahmen zur Vermeidung von Ausschreitungen zu kennen und einzusetzen, ist wichtiges Werkzeug im Krabbelstubenalltag. Es spielt eine entscheidende Rolle, wie Konflikte gelöst werden: „Löst man einvernehmlich, sachlich oder gewinnt der Stärkere?“ (Weymann 2011, o.S.). Eines scheint beim Umgang mit Aggressionen auf jeden Fall klar zu sein: Wenn Prävention vor aggressiven Ausschreitungen schützen soll, muss sie im Säuglingsalter beginnen. Möglichst frühes präventives Eingreifen ist wichtig, da von Jahr zu Jahr die Beeinflussbarkeit des Entwicklungsverlaufs abnimmt (vgl. Haug-Schnabel 2009, S. 64).

Wichtig ist Prävention aber besonders, weil sich einmal gezeigte Aggressionen als relativ stabil erwiesen haben. Frühe aggressive Tendenzen bei Kleinkindern haben auch Auswirkungen auf das Verhalten in Kindergarten und Grundschule. Großuntersuchungen bestätigen sogar, dass es über einen Zeitraum von 20 Jahren möglich ist, die Gewaltbereitschaft Erwachsener vorauszusagen (vgl. Haug-Schnabel 2009, S. 64). Dies bestätigt auch der Bielefelder Gewaltforscher Hurrelmann. Seine Untersuchungen zu Interventionsmöglichkeiten, um den Kreislauf von Gewalt unter Kindern zu durchbrechen, sprechen eine ähnliche Sprache: „Je häufiger ein Individuum bereits aggressiv reagiert hat, desto wahrscheinlicher trifft es die gleiche Wahl. Der Mensch geht von seinen Erfahrungen in der Vergangenheit aus. Überwog der Nutzen von Aggression die negative Konsequenz, führte sie häufig ans Ziel, ergibt sich ein inneres Okay“ (zitiert nach Schmidt-Lack 2000, S. 113).

Um aggressive Konflikte zu verringern, sollte die Einrichtung sich einige zentrale Fragen stellen (vgl. Kain 2006):

  • Ist der Betreuungsschlüssel angemessen?
  • Wie ist es mit dem Platzangebot?
  • Sind ausreichend Tobe- und Bewegungsräume vorhanden?
  • Werden genügend Aktivitäten für alle Altersklassen durchgeführt?
  • Können Rollenspiele gefördert werden?
  • Gibt es Rückzugsmöglichkeiten?
  • Ist die Gruppengröße angemessen?

Am allerwichtigsten ist es aber, Bedürfnisäußerungen der Kinder wahrzunehmen. Prävention ist, den Kindern – auch wenn im Moment keine Zeit ist – zu signalisieren, dass sie verstanden werden. Greifen Erwachsene nicht ein, ist die Passivität eine zusätzliche Bestätigung für den Aggressor (vgl. Haug-Schnabel 2009, S. 71). Sie sollten also auf die Kinder eingehen und somit den Grundstock für Empathie schaffen, denn Empathie ist nicht angeboren und muss erst, bestenfalls an guten Beispielen, erlernt werden (vgl. Hédervári-Heller 2009, S. 75).

Fazit

Gerade kleine Kinder sind oft wütend und zornig und geraten in Konflikt miteinander. Dazu kommt auch noch das Trotzalter, das schon mit einem einzelnen Kind zur echten Nervenprobe werden kann. Es geht nicht darum, alle Konflikte und Aggressionen zu unterbinden. Konflikte sind etwas Alltägliches und Normales. Konfliktfähigkeit lernt man nur durch überstandene Konflikte. Das heißt aber nicht, dass Aggressionen den Alltag überlagern dürfen und Kinder unansprechbar für anderes machen. Hier muss das richtige Maß gefunden werden, indem vorteilhaftere Wege aufgezeigt werden und diese beachtet sowie belohnt werden. Schnelle, angemessene Intervention ist die beste Prävention. Bestrafung scheint nicht eine angemessene Maßnahme für Kinder in diesem Alter zu sein.

Allerdings weiß ich sehr gut aus meiner Arbeitspraxis, dass aggressive Kinder den ganzen Spielbetrieb lahm legen können. Sie verbreiten Angst und Schrecken unter den anderen Kindern und verhindern das entspannte Miteinander. Dies macht dann auch vor den Eltern untereinander nicht halt. Deshalb sind geeignete Maßnahmen nötig, damit diesen Kindern nicht zu viel Raum gegeben wird. Dies sollte aber nicht im Hinblick auf eine Bestrafung dieser Kinder, sondern eher zum Schutz der anderen erfolgen.

Untersuchungen der Frage, ob eine Entschuldigung für Aggression anderen Kinder gegenüber in so frühen Jahren schon sinnvoll ist, gibt es – soweit ersichtlich – nicht. Mir persönlich scheint nach Beachtung aller eingangs genannten Konfliktmotive „das sich entschuldigen“ für Neugier, Exploration sowie Kontakt- und Erregungssuche im Kleinkindalter nicht sinnvoll. Dabei sehe ich das Erlernen des (Entschuldigungs-) Rituals durchaus als ein tragfähiges Argument, wobei sicherlich zu bedenken ist, dass eine Entschuldigung vom „Opfer“ auch als weitere Bedrohung verstanden werden kann.

Literatur

Bensel, Joachim/Haug-Schnabel, Gabriele: Vom Säugling zum Schulkind – Entwicklungspsychologische Grundlagen. Kindergarten heute Spezial. Freiburg: Herder 2008

Haug-Schnabel, Gabriele: Aggressionen bei Kindern. Praxiskompetenz für Erzieherinnen. Freiburg: Herder 2009

Haug-Schnabel, Gabriele/Bensel, Joachim: Kinder unter 3 – Bildung, Erziehung und Betreuung von Kleinstkindern. Kindergarten heute Spezial. Freiburg: Herder 2007

Hédervári-Heller, Éva: Emotionen und Bindung bei Kleinkindern. Weinheim, Basel: Beltz 2011

Hessischer Bildungs- und Erziehungsplan. Kinder in den ersten drei Lebensjahren: Was können sie, was brauchen sie? Wiesbaden: Hessisches Sozialministerium 2010

Kasten, Hartmut: Soziale Kompetenzen – Entwicklungspsychologische Grundlagen und frühpädagogische Konsequenzen. Berlin: Cornelsen 2008

Schmidt-Lack, Charlotte: Aggressives und gewaltbereites Verhalten kleiner Kinder. Gießen: Köhler 2000

Sommerfeld, Verena: Umgang mit Aggressionen – Ein Arbeitsbuch für Erzieherinnen, Lehrer und Eltern. Kriftel, Berlin: Luchterhand 1996

Steudel, Antje: Beobachtung in Kindertageseinrichtungen. Weinheim, München: Juventa 2008

Von Salisch, Maria: Wenn Kinder sich ärgern. Göttingen: Hogrefe 2000

Autorin

Katrin Correll
Kindheitspädagogen Frankfurt e.V.
Eschersheimer Landstr. 156
60322 Frankfurt am Main
Email: [email protected]

Hilfe, mein Kind beißt! Aggressives Verhalten bei Kindern

Wenn das eigene Kind andere schlägt, beißt oder alles umwirft, sind Eltern oft ratlos. Warum Aggressionen bei Kleinkindern normal sind – und wie Sie am besten damit umgehen.

Warum Kinder ausflippen

Ab dem Alter von knapp zwei Jahren beginnt sich das Sozialverhalten bei Kindern zu entwickeln. Ihr Kind lernt zum Beispiel im Spiel mit anderen Kindern, seine Bedürfnisse zu zeigen und sie mit den Bedürfnissen der anderen Menschen abzustimmen. Konflikte werden dabei häufig über aggressives Verhalten gelöst, wie hauen, kratzen, beißen oder etwas umwerfen. Was Eltern ungewohnt grob erscheint, vor allem bei einem so zarten, kleinen Wesen, ist ganz natürlich. Kleinkinder beißen und hauen, weil sie noch nicht mit Worten ausdrücken können, was sie wollen. Es fehlt schlichtweg die Alternative für Ihr Kind, seinem Ärger Luft zu machen und für seine Bedürfnisse zu kämpfen. Deshalb lässt die Aggressivität mit zunehmender Sprachkompetenz nach: Je besser Kinder sprechen lernen, desto weniger aggressiv lösen sie Konflikte im Normalfall durch Gewalt.
Insofern ist Beißen, Hauen, Kratzen, Dinge herunter werfen u.ä. im Alter von zwei bis circa vier Jahren ganz normal. Trotzdem ist es wichtig, dass Sie Ihrem Kind klar signalisieren, dass so ein Verhalten nicht in Ordnung ist. Greifen Sie sofort ein, wenn Ihr Kind anderen wehtut. Erklären Sie ihm ruhig (!) aber bestimmt, dass es anderen Kindern nicht wehtun darf. Gehen Sie auf den Auslöser der Aggression ein und zeigen Sie ihm, dass Sie es ernst nehmen. Aggression ist für Ihr Kleinkind ein Mittel, sich zu äußern, wenn ihm etwas nicht passt oder es etwas will. Ihr Kind darf nun lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt, sich zu artikulieren.

Ab wann ist Aggressivität bei Kindern problematisch?

Die Grenze zwischen dem normalen Maß an Aggressivität im Zuge der Selbstständigkeitsentwicklung und problematischem Verhalten lässt sich schwer feststellen. In der Regel nimmt die Hau- und Beißphase ab dem vierten Lebensjahr deutlich ab. Wenn Eltern den Eindruck haben, ihr Kind ist ungewöhnlich aggressiv, ist es aber ratsam, sich schon zuvor professionellen Rat zu holen. Wenn die Wutanfälle das Familienleben beherrschen oder sich Ihr Kind auch außerhalb seines vertrauten Umfelds wie dem Kindergarten oder der Spielgruppe wiederholt aggressiv verhält und andere Kinder deswegen Abstand von Ihrem Kind nehmen, kann es zu einem Teufelskreis kommen: Aggressive Kinder rufen Ablehnung bei anderen Kindern hervor, was dazu führt, dass ein Kind weniger mit anderen Kindern in Kontakt kommt – und statt sich weiterzuentwickeln noch aggressiver wird. Das führt zu mehr Ausgrenzung usw. Hier sollten Sie unbedingt eingreifen und mit der Erzieherin sprechen.

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Ist mein Kind normal?

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Wenn Ihr Kind über das übliche Trotzalter hinaus auffällig aggressiv und zusätzlich impulsiv, unruhig sowie leicht ablenkbar ist, kann das auf eine Verhaltensauffälligkeit hindeuten.So stehen beispielsweise ADHS und aggressives Verhalten häufig in Zusammenhang. Deswegen überschneiden sich die Therapieansätze, die bei Aggression bzw. ADHS eingesetzt werden, in vielen Bereichen. Wenn Sie vermuten, dass das aggressive Verhalten Ihres Kindes mit ADHS oder anderen Verhaltensstörungen zusammenhängen könnte, zögern Sie nicht, professionellen Rat einzuholen.

Aggressives Verhalten bei Kindern kann das Kind selbst und den gesamten Familienalltag erheblich belasten. Aggressivität ist häufig negativ besetzt und viele Eltern schämen sich, wenn sie von anderen Eltern oder der Lehrerin darauf angesprochen werden. Aggressivität, die über das normale Kleinkindverhalten hinausgeht, kann viele Ursachen haben. Ein Gespräch mit einem Kinderpsychologen oder einer Beratungsstelle kann helfen, die Ursache zu finden und Ihnen und Ihrem Kind zu helfen.

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Kind mobbt: Was kann ich tun?

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Mögliche Ursachen von aggressiven Verhalten

• „Aggressive Gene“
Ein impulsives Gemüt wird zum größten Teil vererbt. Forschungen haben ergeben, dass sich eineiige Zwillinge in Sachen Aggressivität ähnlicher sind, als normale Geschwister. Trotz gleicher Erziehung unterscheiden sich adoptierte Kinder, also nicht blutsverwandte Geschwister, deutlich in ihrem Verhalten – und das bereits im Kleinkindalter. Das lässt den Rückschluss zu, dass die Erziehung einen kleineren Einfluss als die Gene auf die Aggressivitätbereitschaft hat.

• Das Geschlecht
Es mag ein Klischee sein, doch eines mit einem wahren Kern: Jungen neigen eher dazu, Konflikte mit den Fäusten zu regeln als Mädchen. Das hat biologische Gründe, denn Frauen schützen ihren Körper besser als Männer, da die körperliche Unversehrtheit einer Mutter für ihr Kind wichtiger ist als die des Vaters. Bereits als Kinder haben Mädchen daher weniger den Impuls, einen Konflikt mit Gewalt zu lösen als Männer.

Dazu kommt der Aspekt der Sozialisierung: Jungs werden eher dazu erzogen, ihre Aggressionen zu äußern als Mädchen.

• Familiäre Krisen
Die Gene spielen zwar eine sehr große Rolle für das Temperament eines Menschen, doch Aggressivität ist auch eine Reaktion auf Frustration. Gibt es in der Familie Probleme, ist zum Beispiel eine Trennung im Gange, leidet ein Elternteil unter Depressionen oder ist schlichtweg überfordert, kann sich die Spannung auf das Kind übertragen und sich letztendlich in Form von Aggressivität entladen. Dass Kinder Probleme nicht mitkriegen ist ein weitverbreiteter Irrtum. Wenn sie sehr klein sind, können sie die ganze Bandbreite eines Problems nicht verstehen, doch die Stimmungen, die Atmosphäre oder Ihre Traurigkeit kommen bei Ihrem Kind an. Aggressivität kann ein Zeichen sein, dass Ihr Kind unter der Situation leidet.
Aus diesem Grund setzen Therapien für verhaltensauffällige Kinder meist im familiären Bereich an. Eine Therapie, bei der das gesamte Umfeld miteinbezogen wird, ist bei aggressivem Verhalten sehr erfolgsversprechend.

• Inkonsequente Erziehung
Für Ihr Kind ist es sehr wichtig, dass es sich auf Sie verlassen kann. Das bedeutet, dass Regeln und Grenzen, die Sie aufstellen, auch eingehalten werden müssen. Es verunsichert ein Kind ungemein, wenn es im ständigen Wechsel von fehlender Erziehung und übermäßiger Kontrolle aufwächst. Die Beziehung zu den Eltern ist die erste soziale Bindung eines Kindes und damit die Basis für alle folgenden Beziehungen. Bindungsunsichere Kinder können leicht gehemmt, leicht reizbar und unberechenbar sein. Ein konsequenter Erziehungsstil kann das Temperament und Verhalten Ihres Kindes also maßgeblich beeinflussen.

Das können Sie tun, wenn sich Ihr Kind aggressiv verhält

1. Wenn Ihr Kind haut, schlägt, beißt o.ä., greifen Sie ein. Auch in der Trotzphase – und vor allem jetzt – muss Ihr Kind verstehen, dass das nicht in Ordnung ist.

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Fünf Sätze, um ein wütendes Kind zu beruhigen

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2. Seien Sie ein gutes Vorbild: Reagieren Sie auf die Aggressivität Ihres Kindes ruhig und einfühlsam. Es mag häufig schwierig sein, sein Kind in so einer Situation nicht anzuschreien, doch nur so lernt Ihr Kind, wie es sich anders verhalten soll. Überlegen Sie kritisch, wie Sie und Ihr Partner miteinander umgehen. Herrscht manchmal ein sehr wütender, lauter Umgangston? Ihr Kind lernt, und zwar jede Sekunde, jede Minute, jeden Tag. Was es sieht, übernimmt es, auch den Umgangston. Versuchen Sie, Ihrem Kind das Verhalten vorzuleben, das Sie sich von ihm wünschen.

3. Etablieren Sie eine Einschlafroutine. Achten Sie darauf, dass Ihr Kind jeden Tag zur gleichen Zeit und mit den gleichen Ritualen ins Bett geht. Das kann eine kleine Vorlesegeschichte o.ä. sein, wichtig ist, dass Sie sich möglichst jeden Tag daran halten. Routine schafft Sicherheit und Struktur und beruhigt. Ihr Kind wird ruhiger schlafen und tagsüber ausgeglichener sein.
4. Vermeiden Sie vorabendliche Überstimulation, wie actionreiche Fernsehsendungen oder laute und schnelle Kindermusik. Ermöglichen Sie Ihrem Kind, von den Abenteuern des Tages abzuschalten. Zu viele Eindrücke wie schnelle Fernsehbilder lassen Ihr Kind schlechter einschlafen, denn diese muss erst erstmal verarbeiten. Wenn Ihr Kind leicht reizbar ist, versuchen Sie die Fernsehzeit insgesamt auf ein Minimum zu beschränken. Aggressivität kann auch Ausdruck von Reizüberflutung und innerer Unruhe sein – mehr Ruhe und Ordnung, vor allem kurz vor dem zu Bett gehen, kann bei aggressiven Verhalten sehr viel bewirken.

5. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seinen Wutanfall. Warten Sie, bis sich Ihr etwas abgeregt hat, aber der Streit noch präsent ist. Das sind maximal 30 bis 60 Minuten danach. Fragen Sie Ihr Kind, warum es so wütend war und seinen Freund geschlagen hat. Erklären Sie ihm, dass es ganz normal ist, sich zu ärgern, aber Hauen, Beißen und Schlagen nicht in Ordnung sind. Überlegen Sie gemeinsam Alternativen, wie Ihr Kind sein Ziel ohne Gewalt erreichen kann. Sie zeigen ihm so, dass Sie es in seinen Gefühlen ernst nehmen, aber signalisieren deutlich, dass Gewalt nicht okay ist.

6. Loben Sie Ihr Kind! Positives Feedback bewirkt noch mehr als Kritik, denn es motiviert Ihr Kind, sich zu verbessern. Wenn Ihr Kind also das nächste Mal statt das andere Kind zu hauen, um sein Spielzeug wiederzubekommen, danach fragt, sagen Sie ihm, wie gut es das gemacht hat!

Kleinkind

Kleine „Vielfühler“: Hochsensibilität bei Kindern

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Das Kinder aggressive Züge zeigen ist im Prinzip nichts ungewöhnliches.

Schwierig wird es erst, wen eine erhöhte Aggressivität über einen längeren Zeitraum besteht. Wir sprechen dan von einer Verhaltensauffälligkeit.

Es zeigt sich, das bei Kindern die aggressive Verhaltensweisen immer mehr zunehmen. Das geht von Wutausbrüchen, Beschimpfungen bis hin zu körperlichen Angriffen.

Alls einer der wichtigsten Faktoren, wodurch das aggressive Verhalten von Kindern gefördert wird, gillt das soziale Umfeld

Wen in einer Familie, ein aggressiver Umgangston und eine aggressive Stimmung herrsche, wachsen in der Regel auch aggressive Kinder heran.

Nicht nur ungünstige Umwelteinflüsse, auch genetische und psychische Faktoren können ein verstärktes Aggressionspotenzial zur Folge haben. Jedes Kind testet seine Grenzen aus und setzt dazu lautes Schreien und heftige Wutanfälle ein.

Während Babys mit Weinen auf ihre natürlichen Bedürfnisse und auf Schmerzen hinweisen, erkennt ein 2-jähriges Kind mit Beginn der Trotzphase seine eigenständige Person. Die ersten Schritte zur Unabhängigkeit werden gewagt. Das Kind möchte immer häufiger auf fremde Hilfe verzichten.

Der aufkeimende eigene Wille sollte weder zu ausufernden Machtkämpfen führen, noch darf der Trotz komplett ignoriert werden. In diesem Alter kann ein Kind seine Wut noch nicht kontrolliert steuern, deshalb reagiert es auf ein „Nein“ mit aggressivem Verhalten. Meist hilft es, das zornige Kind in den Arm zu nehmen und zu trösten. Das „Nein“ sollte aber trotzdem bestehen bleiben, weil Inkonsequenz die Aggressivität fördert.

Was Aggressivität bei Kindern bestärkt

Eltern von Kindern mit auffallendem Benehmen sind sich höchstwahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie selbst zum aggressiven Verhalten ihres Nachwuchses beitragen. Jeden Tag lernt ein Kind hinzu. Verhaltensmuster, die erfolgreich verlaufen, stellen einen Lerneffekt dar, der bei der nächsten ähnlichen Gelegenheit einfach übernommen wird.

Nachstehend drei Beispiele:

  1. Wer kennt nicht die Situation im Supermarkt, wenn der Sprössling gerne Kaugummis oder einen Schokoriegel hätte? Auf das „Nein“ kontert das Kind in der Regel zunächst mit Weinen oder Geschrei. Wenn das nicht hilft, folgt das Hinwerfen auf den Boden. Um die peinliche Situation so rasch wie möglich zu beenden, landet schließlich doch das Gewünschte auf dem Förderband an der Kasse. Der Junior freut sich und benimmt sich sofort wieder normal. Hat doch prima geklappt, weshalb also beim nächsten Einkauf auf die erfolgreiche Durchsetzung des Wunsches verzichten?
  2. Die Mutter nimmt einen Anruf entgegen. Lara möchte aber nicht, dass Mama telefoniert. Ihr wäre es viel lieber, wenn sie von Mama die volle Aufmerksamkeit bekommt. Lisa fängt deshalb an zu schreien. Das Gespräch wird zunächst nur kurz unterbrochen, um das Kind zurechtzuweisen. Lisa gibt sich damit aber nicht zufrieden und wirft nun Spielsachen im Wohnzimmer umher, um den Effekt zu verstärken. Weil etwas zu Bruch gehen könnte, beendet die Mutter rasch das Telefonat und widmet sich ihrer Tochter. Lisa hat ihren Willen erreicht und wird sich während eines erneuten Telefongesprächs ihrer Mutter in ähnlicher Weise verhalten.
  3. Aggressives Verhalten kann auch vor lästigen Pflichten bewahren. Lässt sich mit einem Tobsuchtsanfall das von Mutter angeordnete Aufräumen umgehen? Es funktioniert, wenn Mama nachgibt und wie gewünscht reagiert: Sie stapelt alle Spielsachen ins Regal während sich Tim erfolgreich drückt. Einmal ausprobiert und für gut empfunden, weshalb sollte Tim beim nächsten Mal selbst aufräumen?

Im Grunde geht es um ein Benehmen, das der Durchsetzung, der Beachtung oder des Begehrens dient. Bereits ausgetestetes aggressives Verhalten, das zum gewünschten Ziel geführt hat, wird garantiert wiederholt.

Die Abwärtsspirale unkontrollierter Aggression

Durch ständiges aggressives Verhalten stoßen betroffene Kinder immer öfter auf Ablehnung und Ausgrenzung. Die Außenseiterrolle vollzieht sich im Kindergarten, in der Schule, bei Freunden, schlimmstenfalls auch in der eigenen Familie. Natürlich spüren die Kinder die Isolation, die Frust hervorruft, was das Aggressionspotenzial noch weiter erhöht.

Der Kreis schließt sich, ein Ausstieg rückt in weite Ferne. Aggression entwickelt nicht selten eine Eigendynamik, indem die negativen Emotionen immer mehr den Alltag bestimmen. Ohnmacht und Hilflosigkeit sind letztendlich die hauptsächlichen Motive für aggressive Handlungen bei Kindern.

Mit dem Kind über seine Aggressionen sprechen

Experten raten nach aggressivem Verhalten von Kindern und insbesondere von Jugendlichen zu einer vernünftigen Aussprache. Sobald sich das Kind beruhigt hat, sollte es gefragt werden, was der Auslöser für den Ausraster war.

Konnte es den Grund für seine Aggression in Worte fassen, besteht eine günstige Gelegenheit für die Erklärung, dass Wut zu den menschlichen Gefühlen zählt und jeder zwischendurch einmal zornig wird, aber niemals eine Rechtfertigung für Schläge, Tritte, Bisse, Schubse oder eine andere Angriffslust besteht.

Wird trotz allem in gewisser Weise auch Verständnis für das unangebrachte Verhalten gezeigt, fühlt sich das Kind nicht total überrumpelt und herabgewürdigt.

Die Aussprache nach aggressivem Verhalten von Kindern ist eine wichtige Maßnahme, um Einsicht und Verständnis anzukurbeln.

Jeder kann nur das ernten, was er sät

Kinder sollten lernen, dass sie für ihr Tun selbst verantwortlich sind, denn auch für Erwachsene existiert für jede Handlung eine logische Konsequenz.

In der modernen Verhaltenstherapie ist manchmal vom Resonanzgesetz die Rede. Das Sprichwort: „Wie es in den Wald hineinruft, schallt es zurück.“, bringt die Sache exakt auf den Punkt. Auf aggressives Verhalten bei Kindern bezogen, empfiehlt es sich, nicht mit Strafe zu drohen, sondern eher von der Auswirkung zu sprechen, die eine bestimmte Handlungsweise auslöst.

Wer lügt, muss sich nicht wundern, wenn ihm zukünftig Misstrauen entgegengebracht wird, und wer sich gegenüber seinen Mitmenschen aggressiv verhält, stößt zukünftig höchstwahrscheinlich auf Zurückweisung.

Strafen haben den Nachteil, dass sie in den meisten Fällen nicht zu einer Veränderung des Verhaltens beitragen. Unter Umständen entwickeln sich sogar Vergeltungsfantasien, indem das Kind darüber nachdenkt, wie es sich rächen kann.

Hier ein paar Beispiele, wie dem Kind logische Konsequenzen nähergebracht werden können:

  • Trödelt das Kind beim Aufräumen, ist die Lieblingssendung im TV nach vollzogener Ordnung schon vorbei.
  • Wer eine dünne Jacke anzieht, friert bei winterlicher Kälte.
  • Wird die Puppe absichtlich beschädigt, steht sie zukünftig nicht mehr zum Spielen zur Verfügung.
  • Gibt es unter Freunden einen Streit, der sich nicht schlichten lässt, hilft nur die räumliche Trennung. Der Spielgefährte wird diesmal früher nach Hause geschickt und darf natürlich beim nächsten Besuch wieder länger bleiben, vorausgesetzt, es wird nicht gestritten.
  • Tritt aggressives Verhalten bei Kindern in einem Geschäft auf, findet der darauffolgende Einkauf ohne den Nachwuchs statt.
  • Wird am Tisch statt gegessen nur über das Essen genörgelt, muss das Kind mal hungrig bleiben.

Familienregeln werden idealerweise in ruhigen Worten besprochen. Verstößt das Kind gegen ein getroffenes Abkommen, tritt automatisch die Folge in Kraft. Demnach kann das Kind selbst entscheiden, ob es sich an eine Abmachung hält oder lieber die Konsequenz in Kauf nimmt.

Sätze wie „Selbst dran schuld“ oder „Das hast du nun davon“ verfügen über ironische Züge und nagen am Selbstwertgefühl des Kindes. Besser darauf verzichten und nur das Nötigste ohne vorwurfsvollem Unterton sagen.

Die Konsequenz aushalten

Werden Strafen in Aussicht gestellt, sollten sie eingehalten werden. Das Gleiche gilt für Folgen, die als logische Konsequenzen durchgesprochen wurden. Bleiben unangenehme Nachwirkungen aufgrund von Fehlverhalten aus, machen sich Eltern unglaubwürdig.

Meist sind es die Tränen des Kindes, die Mutter oder Vater weich werden lassen. Andererseits besteht eventuell die unterschwellige Angst vor Liebesverlust in der Art von: „Wenn ich mein Kind bestrafe, wird es mich hassen.“ Dieser Gedanke kann vor allem für Mütter unerträglich sein.

Lieber wird die Ausführung der Strafe oder der offenkundigen Folgeerscheinung ausgesetzt. In der Erziehung wirkt sich Inkonsequenz als überaus kontraproduktiv aus. Statt Strafandrohung sollte die logische Konsequenz zur Sprache kommen. Bei aggressivem Verhalten von Kindern hat sich ohnehin gezeigt, dass Lob für angemessenes Benehmen mehr nützt als Strafe.

Das Selbstwertgefühl des Kindes stärken

Aggressives Benehmen deutet, anders als vielleicht angenommen, auf ein geringes Selbstwertgefühl hin. Weil es an Selbstsicherheit mangelt, wird auf aggressive Muster zurückgegriffen. Unter Umständen geht es um das Auffallen um jeden Preis. Lieber negativ in Erscheinung treten als gar nicht.

Selbstvertrauen bildet die Basis für ein zufriedenes Leben. Bei Kindern hängt das Selbstbewusstsein noch größtenteils von der Meinung anderer ab. Fehlverhalten muss erklärt werden, sollte aber niemals über längere Zeit im Mittelpunkt stehen. Ein Gefühl der an die Person gebundenen Ablehnung darf nicht entstehen.

Dieses Emotionschaos führt in der Regel zu weiterem aggressiven Verhalten bei manchen Kindern. Jedes Lob stärkt das Selbstvertrauen. Eltern nehmen eine Schlüsselrolle ein, deshalb können sie, indem sie ihrem Kind Anerkennung und Zuspruch schenken, ganz entscheidend zu einer gesunden Entwicklung des Selbstwertgefühls ihres Kindes beitragen.

Aggressionen in der FamilieWenn Kinder ihren Eltern Gewalt antun

Von Claudia Schiely

Beitrag hören Podcast abonnieren Verhält sich ein Kind aggressiv, werden die Gründe oft bei den Eltern gesucht. (picture alliance/Photoshot/PYMCA)

Sie beschimpfen, sie drohen, sie schlagen. Gewalt in der Familie geht nicht nur von Erwachsenen, sondern nicht selten auch von Kindern aus. Oft wird es gar nicht bekannt – aus Scham und Ohnmacht. Wie kommt es dazu? Und was können Eltern dagegen tun?

Sabine: „Unser Sohn war von Anbeginn an sehr willensstark und sehr energetisch und wild. Und man muss sagen, dass er von Anfang an Probleme hatte, Grenzen zu akzeptieren, die wir gesetzt haben und setzen. Das äußerte sich in ganz starken Wutanfällen. Die konnte man, als er kleiner war, auch eher weglächeln, weil man das ganze Kind durchaus nehmen konnte, irgendwo hinsetzen und sich quasi unter den Arm klemmen. Umso größer und eigenständiger er wurde, umso mehr er sich auch verbalisieren konnte, umso mehr wurde eigentlich die Dimension dieser Wut und dieser Unverbrüchlichkeit klar.“
Anna: „Mein Sohn Paul ist fünfzehn Jahre alt. Er ist vor einem Jahr ausgezogen, nachdem ein Streit zwischen uns derart eskaliert ist, dass er mich mit einem Messer bedroht hat. Bevor er ging, hat er gedroht, alles bei mir zu zerstören. Geschlagen hat er mich und seinen kleinen Bruder auch. Als er vierzehn wurde, fing er an, regelmäßig auszugehen und jegliche Regel zuhause zu missachten. Er ist mittlerweile ein großer junger Mann. Er wirkt älter als er ist und ist ansonsten sehr charmant, klug und lebhaft. Ich hatte zwischendurch regelrecht Angst vor ihm und war extrem traurig über die ganze Situation – und fand keinen Ausweg.“
Barbara: „Wir sind in einer Hinsicht nicht mit ihm klar gekommen, seine Stimmungswechsel… Also er hatte gute Laune und hat dann – zwei Minuten später – plötzlich schlechte Laune gekriegt und wurde richtig ausfallend und…“
Frank: „…teilweise aggressiv.“
Barbara: „Teilweise aggressiv, genau, und hat dann auch gehauen. Und wir wussten überhaupt nicht, warum, wieso und weshalb in dem Moment.“
Frank: „Es ging teilweise so weit, dass er gesagt hat: Okay, ihr seid nicht meine Eltern, ich ziehe aus, ich suche mir einen andere Familie. Ich gehe da und dahin, da habe ich mehr Ruhe und so was. Das war der letzte I-Punkt, wie man sagt, dass er gesagt hat, das geht gar nicht mehr.“

Wie umgehen mit der Gewalt der Kinder?

Hilflose Eltern berichten von ihrem Alltag mit ihren heranwachsenden Kindern im Jahre 2018 in Deutschland. Anna, die uns gebeten hat, ihr Interview nachsprechen zu lassen, Sabine, Barbara und Frank. Alle Anfang Mitte 40, berufstätig, mit beiden Beinen voll im Leben, verantwortungsvolle Eltern, die ihre Rolle als Mutter und Vater ernst nehmen und die jedoch im Umgang mit ihren Kindern an ihre Grenzen stoßen und sich fragen: Wie können wir mit der Wut und der Gewalt unserer Kinder umgehen?
Therapeuten empfehlen in solchen Situationen als erstes, dass die Eltern sich eingestehen, dass sie dringend Hilfe brauchen und auch nach entsprechenden Angeboten suchen.

Hören Sie auch unsere Interviews zum umstrittenen Dokumentarfilm „Elternschule“, der Eltern und verhaltensauffällige Kinder bei einem Erziehungscoaching in einer Kinderklinik begleitet. Wir haben mit dem Regisseur Jörg Adolph, mit dem Münchner Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch und mit dem Pädagogen Heinz Elmar Tenorth über den Kinofilm gesprochen.

Sabine: „Es gab auch mehrmals Situationen, da war er im öffentlichen Raum, da war er ganz wütend auf uns und ist dann einfach mit dem Fahrrad gefahren, voller Wut. Und das ist in einer Stadt mit dem Verkehr von Berlin nicht witzig. Und als wir uns das vorgestellt haben in größeren Dimensionen, mit einem Kind, das nicht sieben, sondern zehn, elf, zwölf, fünfzehn ist… war uns klar, dass wir Hilfe brauchen, und die haben wir uns dann gesucht und sind so bei einem Therapeuten gelandet. Unsere Hauptfrage war: Ist das therapiewürdig oder ist das normal?“
Der siebenjährige Sohn von Sabine und ihrem Mann ist mittlerweile in Behandlung, er macht einmal pro Woche eine Verhaltenstherapie, bei der die Eltern in regelmäßigen Abständen zu Gesprächen und zur aktiven Mitarbeit eingeladen werden. Seit Beginn der Therapie vor sechs Monaten ist eine deutliche Entspannung in der Familie eingetreten.
In Großstädten stehen Eltern auf der Suche nach Hilfsangeboten in Krisensituationen viele Möglichkeiten zur Verfügung. In akuten Fällen sollten sie sich an die Krisennotdienste wenden, die rund um die Uhr zu erreichen sind und die gegebenenfalls eine Notunterkunft für Jugendliche anbieten. Neben den Erziehungs- und Beratungsstellen der Jugendämter in den jeweiligen Bezirken können Eltern bei anderen Trägern wie der Caritas oder bei privaten Praxen Unterstützung bekommen. Allerdings: Nicht immer ist eine Therapie von Erfolg gekrönt.

Die Eltern gelten meist als die Schuldigen

Anna: „Schon als er sehr klein war, fiel die Aggressivität von Paul auf, und ich habe schon sehr früh mit unserem Kinderarzt darüber gesprochen. Wir waren auch bei verschiedenen Therapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen. Als es später Situationen gab, wo er sein Leben in Gefahr brachte, wurde ich mit ihm in der Kinderpsychiatrie vorstellig. Dort wurde Paul ambulant behandelt. Später wurde ihm eine Verhaltenstherapie angeboten, die er auch zwei Jahre lang machte, die aber nur bedingt half. Es herrschte leider eine langanhaltende Konfliktsituation mit meinem Ex-Partner, und ich vermute, dass diese sich negativ auf alle Therapie-Versuche – und dementsprechend auch auf Pauls Verhalten – ausgewirkt hat.“
Wenn ein Kind sich sehr aggressiv verhält, sucht man oft die Gründe bei den Eltern. Die Eltern gelten meist als die Schuldigen und Verantwortliche für dieses Fehlverhalten. In hochstrittigen Familiensituationen mag es auf der Hand liegen, dass dieses Klima das Verhalten vom Kind negativ beeinflusst. Auf der anderen Seite ist ein aggressives Kind sicherlich für viele Eltern eine solche Herausforderung, dass ihre Beziehung dadurch auf den Prüfstand gestellt wird.
Berlin, im Mai 2018. Circa 30 Therapeuten und Sozialarbeiter haben an einem heißen Morgen Platz genommen in einem geräumigen Seminarraum vom Pfefferwerk, einem freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe in Berlin-Mitte. Drei Tage lang werden sie von dem israelischen Kinder- und Jugendpsychologen Idan Amiel und seinem Team vom New Authority Center in Tel Aviv in eine Therapie-Methode eingeführt, die gerade im Umgang mit sehr aggressiven Kindern eine spürbare Unterstützung für die Eltern bietet. Bekannt ist dieser Ansatz unter dem Namen „Neue Autorität“. Geladen haben Christoph Klein von der Abteilung „Kooperation Jugendhilfe und Schule“ vom Pfefferwerk und Melanie Hubermann vom privaten Berliner Therapiezentrum Balagan. Beide Einrichtungen kooperieren seit 2017 mit dem Center.

Idan Amiel (l.) mit seinem Team (Nitsan Lipshitz, Dana Bloomberg Sadé, Galit Siegmann) vom New Authority Center in Tel Aviv (Claudia Schiely)
Christoph Klein: „Was eine wichtige Botschaft ist im Rahmen der Neuen Autorität für die Arbeit mit Eltern, liegt vor allem darin, dass man mit ihnen den Rücken stärkt und deutlich macht, dass sie wichtig sind für ihre Kinder und dass es niemanden gibt, der wichtiger ist und dass selbst, wenn sie der Meinung sind, vieles noch nicht so gelungen ist, wie sie sich das gewünscht haben oder dass sie sich Vorwürfe machen, Dinge, nicht so umsetzen zu können, wie sie sich das wünschen, dass sie ab sofort damit beginnen können dazu beizutragen und Neues zu versuchen.“
Melanie Hubermann: „Wir finden beide die Methode toll, wir finden das Team dahinter fantastisch und haben uns zusammengetan und haben die Israelis überredet und haben gesagt, wir müssen was zusammen machen, mit unserem Hintergrund, mit unserer Manpower, mit unseren Ideen und unserem Netzwerk, das wir hier in Berlin haben.“
Es ist heiß an diesem Morgen und Idan Amiel beginnt seinen Vortrag mit einem Witz über fehlende Klima-Anlagen in Berlin. Drei Tage lang wird der kahlköpfige, energische und freundliche Mann die Teilnehmer mit der Therapie-Methode der Neuen Autorität vertraut machen, damit die von ihnen betreuten Familien davon profitieren können.
„Ich heiße Idan Amiel, ich bin der Vater von zwei Jungs, Hitam und Michael, und ich arbeite am Schneider’s Children Hospital in Tel Aviv und ich werde jetzt einen Vortrag halten…“

Idan Amiel erklärt, welches die Grundüberlegungen für das Konzept der Neuen Autorität waren:

  • die Feststellung, dass sich die Gewalt bei Jugendlichen im Laufe der 1990er-Jahre verdoppelt hat und dass die Kinder, die zu Gewalt griffen, immer jünger waren,
  • der Verlust einer natürlichen Autorität der Eltern,
  • die Veränderungen in der Kommunikation, da viele Eltern in der digitalen Welt weniger in der Lage sind, die Kontrolle über ihre Kinder zu behalten,
  • die Tatsache, dass viele Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder alleingelassen werden
  • die Tendenz, die Eltern generell zu beschuldigen, statt ihnen zu helfen
  • und letztlich: Die Schwierigkeiten vieler Eltern durch die Digitalisierung, ihre Berufstätigkeit von ihrem privaten Umfeld strikt zu trennen. Auch dies trägt auch zu einer geschwächten elterlichen Präsenz bei.

Gewaltloser Widerstand als Therapie-Methode

Idan Amiel: „Es fing damit an, dass wir auf der Suche nach Eltern waren, die Angst vor den eigenen Kindern haben. Als wir mit dem Programm begannen, waren die Kinder nicht bereit, mitzumachen. Die Kinder waren zu Hause die Chefs, richtige Könige und Königinnen. Und für sie kam es überhaupt nicht in Frage zur Therapie-Sitzung zu gehen. Und so waren wir alleine mit den Eltern: Und wir hatten Fälle, wo die Kinder sehr brutal waren und das Familienleben kontrollierten.

Im Laufe der Jahre kamen dann auch andere Eltern zu uns, aus Familien, wo die Beziehungen komplexer waren, Familien, in denen die Eltern die Kinder schlugen oder umgekehrt. Und da haben wir angefangen, darüber nachzudenken, wie wir eine Art Widerstand gegen die Gewalt aufbauen könnten. Das ist der Grund, weshalb wir uns dem gewaltlosen Widerstand widmen und darüber nachdenken, was es bedeutet.“
Der Gründer der Neuen Autorität ist der israelische Kinder- und Jugendpsychologe Haim Omer. In Deutschland wurde er bekannt gemacht durch den systemischen Therapeuten und Professor an der Universität Witten/Herdecke Arist von Schlippe.
Arist von Schlippe: „Wenn wir versuchen als Familientherapeuten ein Familienproblem erst einmal als Familienproblem zu definieren, ist ja immer das Problem, dass die Eltern sich tendenziell ein bisschen angegriffen fühlen können. Haim Omer ging ganz anders an die Eltern heran, indem er eben sich symbolisch hinter die Eltern stellte und sagte, ich verstehe Eure Sorgen, die sind berechtigt und das ist richtig, dass ihr Euch Sorgen macht, und ich helfe Euch, Eure elterliche Handlungsfähigkeit wiederzugewinnen, die elterliche Hilflosigkeit zu überwinden.“
Um diese elterliche Hilflosigkeit zu überwinden, bekommen die betreuten Eltern im Rahmen der Therapie Werkzeuge an die Hand.

Mütter werden an den Haaren gezogen, bespuckt, gekratzt

Arist von Schlippe: „Es kommen Eltern in die Beratung und sagen: ‚Wir wissen nicht mehr weiter, wir haben vielleicht sogar Angst vor unserem Kind, weil es uns – in Anführungszeichen – tyrannisiert‘, bis hin dazu, dass Eltern erleben, dass Kinder körperlich gewalttätig werden, Mütter, die an den Haaren gezogen werden, die von den Kindern bespuckt und gekratzt werden.

Die Eltern tendieren dann natürlich dazu, ihr Kind ein Stück anzuklagen. Und dann suchen wir als erstes danach, wie können wir eine Beschreibung geben, die es ermöglicht, weder dem Kind den schwarzen Peter zuzuschieben noch den Eltern. Das ist ein ganz interessanter Begriff, den der Haim Omer eingeführt hat und das ist der der Dominanzorientierung? Wir sagen dann zu den Eltern: ‚Oh, Sie haben offensichtlich ein sehr dominanzorientiertes Kind. Dominanzorientierung ist erstmal nichts Schlechtes. Wahrscheinlich ist jede Führungskraft auf der Welt – man muss ja nicht gerade an Donald Trump denken – ein dominanzorientiertes Kind gewesen. Aber ein dominanzorientiertes Kind stellt besondere Herausforderungen an die Eltern, überfordert die Eltern auch.“
Dieser Prozess ist sehr wichtig, damit die Eltern wissen, das Kind mag sie zwar malträtieren, es ist jedoch nicht krank. Nur die Situation ist krank. Nicht das Kind soll behandelt werden, sondern die Familiendynamik soll neu geregelt werden, und dafür ist die Mitarbeit der Eltern unabdingbar.
Arist von Schlippe: „Die nächste Übung wäre dann die mit den drei Körben. Man lässt sie Klagen auf Kärtchen schreiben und sagt dann: ‚Jetzt haben wir drei Körbe. Hier sind der große grüne Korb, der mittlere gelbe und der kleine rote. Und all die Klagen, wo man sagen muss, das gehört letztlich zum Kindsein dazu, darüber regen wir uns erstmal nicht mehr auf, die kommen in den grünen Korb. Ein wichtiger Moment: Wir sagen nicht, welche das sind, sondern die Eltern müssen sich darüber unterhalten.“
Eine gewisse Coolness, ein Laissez-Faire ist für viele Eltern scheinbar schwer zu erlangen. Zu sehr befinden sie sich im Widerspruch mit der Erziehung, die sie selbst genossen haben und fühlen sich – wenn sie mit einem dominanzorientierten Kind zusammenleben – selber orientierungslos. Aber es ist möglich, daran zu arbeiten.

Das Konzept der Neuen Autorität

Sabine: „Also ich glaube, wir sind dabei wesentlich entspannter geworden, und dabei hilft uns die Therapie. Ich glaube, sofern wir zum Beispiel nicht das Gefühl haben, er will nicht zum Zahnarzt und es ist dringend… im Prinzip hält er die Schmerzen ja aus… Wenn er nicht bereit ist zu gehen, dann leben wir alle damit, und dann müssen wir im Zweifelsfall in die Notaufnahme, wenn es ganz schlimm wird mit den Schmerzen.“
Arist von Schlippe: „Im nächsten Schritt würde man erarbeiten, dass sie – wenn sie jetzt den roten Korb haben –, dass sie als nächstes eine Ankündigung verfassen… Das, was da drin stehen sollte ist, dass die Eltern sagen: ‚Wir erleben immer wieder, dass Du sehr gehässig und sehr verächtlich mit Deiner kleinen Schwester sprichst, dass du sie schlägst, dass sie sich sehr unglücklich fühlt. Und wir selber sind sehr unglücklich über die Spannungen in unserer Familie. Wir sind an einer guten Beziehung zu Dir interessiert, und wir sind entschieden, alles zu tun, dass wir die Beziehung in unserer Familie verbessern. Und dazu gehört, dass wir solche Gehässigkeiten, wie wir sie in der letzten Zeit erlebt haben, nicht mehr hinnehmen.'“

Auch Geschwister leiden unter dem aggressiven, teils gehässigen Verhalten ihnen gegenüber. (picture alliance/chromorange/Iris Kaczmarczyk)
Das Prinzip, auf dem das Konzept der Neuen Autorität beruht, ist der gewaltlose Widerstand, wie ihn Gandhi und später Martin Luther King geprägt haben. Konfrontiert mit Verhältnissen, die sie erniedrigen, ihrer Freiheit berauben oder in denen sie gar körperlich angegriffen werden, reagieren die meisten Menschen mit Gewalt. Das ist der Beginn einer Eskalation.
Arist von Schlippe: „Ich bin mit dem Begriff der Neuen Autorität nicht besonders glücklich: Die holländischen Kollegen haben einen schönen Vorschlag gemacht, sie nennen das ‚Connective authority‘, also eine Autorität, die auf Bindung setzt und die eben nicht auf Unterdrückung setzt.“
Diese Idee des gewaltlosen Widerstandes übersetzte Haim Omer im Tel Aviver Kinderkrankenhaus Schneider’s Hospital für die Elternberatung, um Eltern von gewalttätigen Kindern praktische Hinweise für den Alltag zu geben.

Das Mantra ist: Deeskaliere! Deeskaliere! Deeskaliere!

Der israelische Kinder- und Jugendpsychologe Idan Amiel schildert, wie ein häuslicher Streit eskaliert. Die Mutter kocht in der Küche, der eine Junge macht seine Hausaufgaben, die Tochter schaut fern, der jüngste Sohn spielt Computer. Und plötzlich kommt im Fernsehen ein Song, den die Tochter sehr mag. Sie dreht den Pegel hoch. Die Mutter schreit, sie möge den Ton leiser machen. Währenddessen geht der ältere Junge zu seinem Bruder und fängt an, sich mit ihm anzulegen und ihn zu hauen, weil er jetzt Computer spielen möchte.
Idan Amiel: „Was macht die Mutter, wenn sie richtig genervt ist? Sie schreit: ‚Ich habe dir gesagt, dass Du deinen Bruder nicht hauen darfst.‘ Das ist eine Kampfreaktion, die die Eskalation befördert. Gewaltloser Widerstand kommt aus Indien, und in Indien gibt es Mantras. Das Mantra ist: Deeskaliere! Deeskaliere! Deeskaliere!
Was sollte die Mutter sagen? Die Mutter könnte dem Kind so was sagen wie: ‚Wir haben Dir gesagt, dass wir nicht akzeptieren, dass Du Deinen Bruder haust. Wir reden nachher noch mal darüber.‘ Nicht das Kind wird sein Verhalten ändern, der Elternteil muss es zuerst tun.“
Im Berliner Pfefferwerk üben die Therapeuten und Sozialarbeiter in einem Rollenspiel die Methode der „Ankündigung“. Ein Fall wird geschildert:
Jenny ist 15 Jahre alt und Einzelkind. Seit zwei Jahren hat sich ihr Verhalten deutlich verändert, sie verbringt immer mehr Zeit vor dem Computer oder mit dem Smartphone und akzeptiert es nicht, wenn ihre Eltern dies einschränken wollen. Sie schreit sie an, ist schon mal ihrer Mutter gegenüber gewalttätig geworden und hat sie mehrfach auf den Boden geschmissen. Danach sperrt sich Jenny in ihrem Zimmer ein und redet tagelang nicht mehr mit ihren Eltern. Die Eltern lernen, wie sie ihrer Tochter eine Ankündigung machen können.

Das Kind soll die Präsenz der Eltern spüren

Zuerst sprechen sie mit einem Therapeuten und spielen alle möglichen Reaktionen ihres Kindes durch. Das Wichtigste dabei: Die Eltern wollen ihrem Kind in Ruhe mitteilen, dass sie mit einigen seiner Verhaltensweisen Probleme haben und nicht mehr bereit sind, diese zu akzeptieren. Aber auch, dass sie ihr Kind damit nicht alleine lassen. Es kommt nicht darauf an, ein schnelles Ergebnis zu erzielen. Wichtig ist, dass das Kind die Präsenz seiner Eltern spürt.

Dana Bloomberg-Sadé vom Tel Aviver Center for New Authority: „Wie macht man das? Man sucht sich eine Verhaltensweise aus, die man als inakzeptabel in den ‚Roten Korb‘ reingetan hatte. Man wartet auf einen ruhigen Moment, geht in das Zimmer des Kindes, setzt sich auf den Boden und sagt: ‚Wir akzeptieren die Gewalt, mit der Du gestern Deine Mutter angeschrien hast, nicht mehr. Wir wollen, dass Du eine Lösung vorschlägst und werden hier ganz ruhig für eine Stunde bleiben und danach dein Zimmer verlassen‘.

Es ist keine Strafe, sondern Widerstand. Es ist nicht gewalttätig, denn, wenn man auf dem Boden sitzt, ist man nicht gewalttätig. Lasst uns probieren…“
Jenny: Was macht ihr hier? Ich mache meine Hausaufgaben, haut ab!
Mutter: Jenny, wir wollen Dir eine Ankündigung machen: Wir akzeptieren dein gewalttätiges Verhalten nicht mehr.
Jenny: Oh, Gott, hat euch der Lehrer geschickt oder was? Es interessiert mich nicht…
Mutter: Wir werden hier bleiben und darauf warten, dass Du Vorschläge machst.
Jenny: Haut ab, ich mache meine Hausaufgaben. Fickt euch, haut ab!!

In der Konfliktsituation selbst ist es schwierig, die Wogen zu glätten. (imago/photothek)

Die Teilnehmerin, die Jenny spielt, lässt sich alles Mögliche einfallen, versucht mit den Eltern zu verhandeln, sie zu erpressen, beschimpft sie immer wieder. Denjenigen, die die Eltern spielen, fällt es sichtlich schwer, beharrlich und ruhig zu bleiben, sich nicht in eine Diskussion reinziehen zu lassen.
Nach zehn Minuten ist der Ton schon viel leiser geworden. Jenny hat ihren Eltern keinen Vorschlag machen können, wie sie ihr Verhalten ihnen gegenüber ändern könnte, aber sie hat die massive Präsenz – und das Interesse – ihrer Eltern deutlich gespürt.
Arist von Schlippe: „Wir nennen das die Kraft des Schweigens, die Kraft des positiven Schweigens. Eine Form des Schweigens, die sagt, ich bin hiermit nicht einverstanden, ich komme später darauf zurück, aber jetzt rede ich darüber nicht weiter. Eine ganz andere Art von Schweigen, eine, die kraftvoll und positiv ist. Und das erarbeiten wir mit den Eltern auch in dem Sit-in. Sie setzen sich in dem Zimmer, sagen, womit sie nicht zufrieden sind, sagen, dass sie auf Vorschläge warten und schweigen.“
Für die Eltern, die tagtäglich mit dem nervenaufreibendem Verhalten ihres Kindes leben müssen, besteht wahrscheinlich darin die größte Aufgabe. Die Neue Autorität spricht davon, Eltern mögen ‚das Eisen schmieden, wenn es kalt ist‘, sprich: Die erziehende Maßnahme nach der Krise angehen.
Sabine: „Das klingt so leicht, klar ist das Kind eher bereit Erziehung anzunehmen und Korrektur zu erfahren im Sinne von Kritik, wenn es selber nicht mehr wütend ist. Das muss man nur auch selbst erstmal schaffen, aus dieser Wut und aus dieser Überforderung herauszukommen, die aufbrodelnde Situation tatsächlich runterkochen zu lassen, klaren Kopf zu bewahren und sich vorzunehmen, wenn alles ruhig ist, drüber zu sprechen. Das klingt so einfach, das klingt so banal aber wenn man das selbst in seiner Erziehung anders erlebt hat, kann man da gar nicht so einfach drauf zurückgreifen. Im Prinzip korrigiert unser Kind uns mit.“

„Man ist hilflos“

Barbara: „Man ist hilflos, weil man möchte ja gar nicht, dass er so austickt, dass er sich so reinsteigert, weil er ja dadurch für sich auch, sag ich mal, schlechte Energie aufbaut und die nicht so schnell los wird. Wenn man merkt, er blockt gleich wieder ab, sollte man das lassen. Also wir haben gelernt, das zu lassen. Und vielleicht nächsten Tag dann in Ruhe darüber sprechen, weil er es dann noch weiß. Und das ist einfach so, dass man meinetwegen bis 10 zählt oder bis 100, um sich selber runterzubringen, damit man ruhig bleibt.“

Arist von Schlippe: „Bei der Ankündigung, da kann es auch sein, dass die Eltern auch Bedauern über eigenes Fehlverhalten ausdrücken. Bedauernde Eltern über eigenes Fehlverhalten ist auch ein ganz wichtiger Aspekt, der für das Kind ganz hilfreich sein kann, weil dann vielleicht das Kind das Gefühl hat, ihr seid doch genauso doof zu mir, und ihr behandelt mich auch schlecht. Das ist eine Geste, eine Geste der Wertschätzung, eigenes Fehlverhalten zuzugeben und zu sagen, da bin ich auch nicht mit einverstanden.“

Wenn Sie mehr zum Thema wissen wollen – hier eine Auswahl an Büchern:
Bücher von Haim Omer
Neue Autorität: Das Geheimnis starker Eltern. Mit Philip Streit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016
Stärke statt Macht. Mit Arist von Schlippe. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012
Bücher von Arist von Schlippe
Frühkindliche Lebenswelten und Erziehungsberatung. (Hrsg. gemeinsam mit Gisela Lösche und Christian Hawellek) Münster 2001
Werkstattbuch Elterncoaching. Gemeinsam mit Michael Grabbe herausgegeben. 3. Auflage, Göttingen 2012
Buch von Barbara Ollefs
Die Angst der Eltern vor ihrem Kind. Gewaltloser Widerstand und Elterncoaching. Göttingen 2017

Bei der Methode der Neuen Autorität geht es für die Eltern aber auch darum, sich Unterstützung durch ein eigenes Netzwerk zu holen. Das können Familienmitglieder sein oder Lehrer, Freunde oder Nachbarn. Diese werden in die Familiensituation eingeweiht, sollen sich einmischen und ebenfalls Präsenz beim Kind zeigen.

Die kann ganz unterschiedliche Formen haben: Personen können gebeten werden, physisch zu intervenieren. Das wird zum Beispiel empfohlen, wenn die Situation schon vor einer Ankündigung droht zu eskalieren. Auch kann die reine Präsenz eines Dritten im Hause schon dazu beitragen, dass das familiäre Klima ruhig bleibt. Oder aber ein Verwandter meldet sich ab und an beim Kind und unternimmt etwas mit ihm.
Wichtig dabei ist, dass alles transparent verläuft. Die Eltern sollten dem Kind mitteilen, dass sie sich Hilfe von anderen holen werden.

Große Hürde: Die Eltern müssen sich öffnen

Arist von Schlippe: „Alles ganz offen, dem Kind sagen: ‚Ich habe gar keine Lust, es ist eher anstrengend, wenn ich mit den Eltern von deinen Freunden rede. Das ist nur, weil ich nicht weiß, wo du bist.‘ Klar sagen: ‚Ich bin als Elternteil entschieden, wieder eine Rolle in Deinem Leben zu spielen, und das werde ich auch tun. Aber ich habe kein Interesse, Dich zu besiegen. Ich habe kein Interesse, dich irgendwie zu demütigen, auch nicht vor Deinen Freunden Dich bloßzustellen‘.“
Um sich ein Netzwerk aufzubauen, muss allerdings eine große Hürde genommen werden: Die Eltern müssen sich öffnen, müssen bereit sein, über ihre schwierige Familiensituation zu sprechen und um Hilfe zu bitten. Melanie Hubermann vom Balagan, dem Berliner Privatzentrum für Therapie, hat im Frühling 2018 eine Elternambulanz gegründet, die Familien in solchen Situationen berät:

Melanie Hubermann: „Ich glaube, das ist das Thema, dass Eltern der Meinung sind, also das Gefühl bekommen haben, wenn sie es nicht alleine schaffen, dann kriegen sie es nicht hin. Und deswegen ist es so schambesetzt dieses Thema. Und es ist ein großes Thema in unseren Sitzungen zu sagen: ‚Sie sind großartig, das zeigt Stärke, dass Sie sich Hilfe suchen, bei uns aber auch in Ihrem Umfeld.‘ Das ist – gebe ich auch ehrlich zu –, das ist auch immer wieder ein Grund, warum Familien auch abbrechen und lieber in die Elternberatung gehen bei uns und sagen: ‚Ich gehe den leichteren Weg und arbeite an mir.‘ Ich sage mal an der Stelle ist das der leichtere Weg, denn es bleibt trotzdem bei uns, in der Privatsphäre.“
Sabine: „Unsere Familien sind mit dem Verhalten unseres Sohnes, sofern sie das sehen, relativ überfordert. Die versuchen verständnisvoll zu sein, aber die können nicht helfen. Wir kommen aus konservativen Familien, wo auch mit Strafen erzogen wurde. Die können sich nicht vorstellen, dass Strafen nicht funktionieren bei einem Kind. Aber wir waren so mit dem Kind konfrontiert…, wir wohnen im 3. Stock…, dass er im Streit gesagt hat, ‚wenn ihr das nicht macht, springe ich aus dem Fenster‘. Die Situation war dramatisch, er hat auch das Fenster geöffnet, und uns war klar, jetzt müssen wir was machen. Verständnis haben wir dafür im Freundeskreis gefunden. Aber das äußert sich im Gespräch. Da ist niemand, der uns wirklich mit Taten zur Seite stehen könnte.“

„Einige Verwandte sind auch eine große Stütze“

Anna: „Ich habe die Gewaltexplosionen von meinem Sohn immer wieder als eine absolute Niederlage von mir erlebt. Ich war nicht nur körperlich angegriffen worden, sondern auch seelisch. Weil das Gefühl in mir aufkam, komplett versagt zu haben. Erschwerend hinzu kam für mich, dass mein Ex-Partner sich über mich lustig machte und mich mit dieser Problematik völlig alleine ließ.

Ich habe zum Glück einen sehr guten Therapeuten gefunden, der mich in dieser schwierigen Situation sehr gestärkt hat. Ich habe viel gelernt. Einige Verwandte sind auch eine große Stütze – auch wenn ich ihnen nicht immer alles erzählt habe, was bei uns passierte. Ich habe – auch in den dunkelsten Zeiten – nie den Kontakt zu meinem Kind abgebrochen. Wir haben uns nach der Krise mehrere Monate nicht gesehen, aber ich habe ihm regelmäßig Nachrichten geschickt. Mittlerweile sehen wir uns ab und zu, und ich habe den Eindruck, das Schlimmste ist hinter uns.“
Melanie Hubermann: „Schule und Kindergarten sind eigentlich die größten Verbündeten. Aber auch das ist schambesetzt. Stellen Sie sich vor, wenn die Eltern selbst einen akademischen Beruf haben, lassen sie sie ein Arzt, ein Anwalt, ein Lehrer sein, und der soll in die Schule gehen und sagen, ich kriege mein Kind nicht in Griff… Dann ist das tatsächlich die Hürde, die wir auch als Therapeuten nehmen müssen, ihnen Sicherheit zu geben: ‚Das ist gar nicht schlimm, das zu sagen.‘ Und ich glaube, das ist wieder was Gesellschaftliches: Wir erwarten von uns und vom Gegenüber 180 Prozent. Wir müssen perfekt sein, uns muss alles gelingen, wir müssen super sein. Die Idee, dass man das als Gruppe vielleicht besser schaffen kann, die ist nicht da oder nicht präsent.“
Dieser Gedanke prägt die Methode der Neuen Autorität, die gerne das afrikanische Sprichwort zitiert: ‚Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen‘, und die Großstadt-Eltern ermutigt, selbst aktiv zu werden und im Freundes- und Familienkreis nach Alternativen für das Dorf zu suchen.

Psychiatrie, Psychosomatik & Psychotherapie

Multimodale kinderpsychiatrische Behandlung kann bei anhaltendem aufsässigem und aggressivem Verhalten von Kindern weiterhelfen

Zeigen Kinder über mehrere Monate wiederholt aggressives Verhalten und/oder ausgeprägtes oppositionelles Trotzverhalten, können Störungen des Sozialverhaltens dahinter stecken. Für eine erfolgreiche Behandlung von Störungen des Sozialverhaltens sind die richtige Diagnose und eine frühzeitig einsetzende multimodale Behandlung wichtig.

Bei Störungen des Sozialverhaltens sind die richtige Diagnose und eine frühzeitige Behandlung wichtig

Zeigen Kinder über mehrere Monate wiederholt aggressives Verhalten und/oder ausgeprägtes oppositionelles Trotzverhalten (außerhalb der entwicklungstypischen „Trotzphase“), können Störungen des Sozialverhaltens dahinter stecken. Typische Symptome, die auf eine solche Störung hindeuten, sind häufiges Streiten oder Tyrannisieren, Grausamkeiten gegenüber Mitmenschen oder Tieren, erhebliche Destruktivität gegenüber Eigentum sowie Stehlen oder Lügen. Auch schwere Wutausbrüche sowie das Hinwegsetzen über soziale Regeln sind grundlegende Symptome. „Kinder müssen im Verlauf ihrer Entwicklung lernen, soziale Regeln einzuhalten, mit aggressiven Impulsen umzugehen und Wünsche angemessen durchzusetzen oder auf deren Befriedigung zu verzichten. Kinder, die von Störungen des Sozialverhaltens betroffen sind, tun sich dabei schwer“, berichtet Prof. Dr. Jörg Fegert, vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) mit Sitz in Berlin. „Sie handeln oft nach ihrem ersten Impuls und verspüren dabei überschießende, schwer kontrollierbare Reaktionen. Auch werden soziale Interaktionen fehlerhaft wahrgenommen oder diese nach eigenen Kriterien interpretiert, was unangemessene Reaktionen zufolge haben kann.“ Für eine erfolgreiche Behandlung von Störungen des Sozialverhaltens sind die richtige Diagnose und eine frühzeitig einsetzende multimodale Behandlung wichtig, die sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzt.

Die Therapie gestaltet sich abhängig von den Ursachen für die Störung und setzt in verschiedenen Bereichen an. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie können betroffene Kinder lernen, impulsives oder aggressives Verhalten zu kontrollieren. „Oft müssen grundlegende soziale Fertigkeiten erworben und soziale Kompetenz entwickelt werden. Hilfreich dabei sind Rollenspiele, wobei die Kinder lernen, prosoziales Verhalten zu zeigen“, erklärt Prof. Fegert, der Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm ist. „Mit therapeutischer Begleitung können sie darüber hinaus dazu angeregt werden, die eigene Beurteilung sozialer Situationen zu überprüfen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Dies ist wichtig, um Missverständnisse und unangemessene Reaktionen bei Kind zu verhindern, die durch Fehleinschätzungen zustande kommen. Auch eine verbesserte Wahrnehmung eigener Gefühle kann erlernt werden, um Impulsivität besser kontrollieren zu können.“ Tritt zusätzliche eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung auf, kann unter Umständen eine medikamentöse Begleittherapie die Behandlung unterstützen.

Neben der am Patienten ausgerichteten Behandlung ist es essentiell, auch die Familie – insbesondere die Eltern – in therapeutische Maßnahmen miteinzubeziehen. So genannte Elterntrainings sind hilfreich, um die Alltagsbelastung in der Familie zu reduzieren und, um das betroffene Kind bei der Umsetzung positiver Verhaltensweisen zu bestärken. „In Trainings können die Eltern dahingehend geschult werden, dem Kind Regeln und Grenzen zu setzen. Auch werden ihnen Möglichkeiten einer sinnvollen elterlichen Kontrolle und Aufsicht aufgezeigt“, ergänzt der Experte. „Denn eine wenig strukturierte, strenge sowie auch eine zu unklare oder widersprüchliche Erziehung kann Störungen des Sozialverhaltens begünstigen.“ Auch eine Aufklärung der Eltern ist wichtig, dass sie erwünschtes Verhalten beim Kind belohnen sollten, um sein positives Verhalten dadurch zu verstärken. Im Training können Eltern lernen, hierfür eigenständig Verstärkerpläne zu entwickeln. Auch werden im Elterntraining die Eltern-Kind-Aktivitäten angeregt und gefördert. Für eine wirksame Therapie ist eine kontinuierliche Behandlung mit konsequenten pädagogischen Maßnahmen wichtig.

Die Ursachen für Störungen des Sozialverhaltens im Kindes- und auch Jugendalter sind vielfältig. Es können das Erziehungsverhalten sowie Umweltfaktoren aber auch bestimmte Eigenschaften des Kindes eine Rolle spielen. Bei unbehandelten, stabileren Störungen bestehen erhöhte Risiken, dass die schulische Laufbahn beeinträchtigt wird und Probleme in der beruflichen Ausbildung auftreten. Darüber hinaus können sich Folgeerkrankungen, wie Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen ausbilden.

Das im Mai 2013 erschienene amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 hat diesen Erkenntnissen durch die Einführung einer neuen Diagnose Rechnung getragen. Kinder mit häufigen, schweren Wutausbrüchen und dauerhaft gereizter Stimmungslage, die Schwierigkeiten haben ihre Emotionen zu regulieren, werden dort unter dem Begriff „Disruptive Mood Dysregulation Disorder“ diagnostiziert, da sich in Studien zu Langzeitverläufen gezeigt hatte, dass diese Kinder ein erhöhtes Risiko haben im Erwachsenenalter an einer depressiven Störung zu erkranken.

(äin-red) Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.kinderpsychiater-im-netz.de. Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des Patientenportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.

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